[pg 295]Vierter TeilEntscheidungskampf im Westen[pg 296][pg 297]Die Frage der WestoffensiveAbsichten und Aussichten für 1918Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.[pg 298]Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten[pg 299]konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.[pg 300]Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht[pg 301]die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie[pg 302]hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt[pg 303]war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vor[pg 304]schriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern.Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es[pg 305]uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten.Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten:Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben.Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer zu werden[pg 306]als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer[pg 307]Grenzen gegen Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors.Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle.Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte[pg 308]Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen.Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte[pg 309]italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kräften vertreten hätte.Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer[pg 310]deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite.So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns[pg 311]vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu können!Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen[pg 312]Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!Spa und AvesnesIn Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeres[pg 313]front auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten.Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden.Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glückliche Jugend!Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend[pg 314]welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen.Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse.Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
[pg 295]Vierter TeilEntscheidungskampf im Westen[pg 296][pg 297]Die Frage der WestoffensiveAbsichten und Aussichten für 1918Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.[pg 298]Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten[pg 299]konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.[pg 300]Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht[pg 301]die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie[pg 302]hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt[pg 303]war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vor[pg 304]schriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern.Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es[pg 305]uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten.Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten:Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben.Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer zu werden[pg 306]als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer[pg 307]Grenzen gegen Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors.Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle.Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte[pg 308]Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen.Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte[pg 309]italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kräften vertreten hätte.Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer[pg 310]deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite.So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns[pg 311]vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu können!Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen[pg 312]Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!Spa und AvesnesIn Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeres[pg 313]front auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten.Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden.Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glückliche Jugend!Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend[pg 314]welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen.Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse.Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
[pg 295]Vierter TeilEntscheidungskampf im Westen[pg 296][pg 297]Die Frage der WestoffensiveAbsichten und Aussichten für 1918Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.[pg 298]Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten[pg 299]konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.[pg 300]Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht[pg 301]die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie[pg 302]hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt[pg 303]war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vor[pg 304]schriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern.Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es[pg 305]uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten.Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten:Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben.Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer zu werden[pg 306]als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer[pg 307]Grenzen gegen Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors.Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle.Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte[pg 308]Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen.Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte[pg 309]italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kräften vertreten hätte.Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer[pg 310]deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite.So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns[pg 311]vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu können!Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen[pg 312]Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!Spa und AvesnesIn Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeres[pg 313]front auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten.Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden.Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glückliche Jugend!Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend[pg 314]welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen.Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse.Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
[pg 297]Die Frage der WestoffensiveAbsichten und Aussichten für 1918Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.[pg 298]Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten[pg 299]konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.[pg 300]Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht[pg 301]die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie[pg 302]hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt[pg 303]war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vor[pg 304]schriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern.Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es[pg 305]uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten.Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten:Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben.Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer zu werden[pg 306]als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer[pg 307]Grenzen gegen Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors.Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle.Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte[pg 308]Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen.Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte[pg 309]italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kräften vertreten hätte.Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer[pg 310]deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite.So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns[pg 311]vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu können!Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen[pg 312]Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!Spa und AvesnesIn Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeres[pg 313]front auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten.Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden.Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glückliche Jugend!Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend[pg 314]welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen.Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse.Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
Absichten und Aussichten für 1918Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.[pg 298]Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten[pg 299]konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.[pg 300]Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht[pg 301]die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie[pg 302]hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt[pg 303]war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vor[pg 304]schriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern.Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es[pg 305]uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten.Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten:Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben.Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer zu werden[pg 306]als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer[pg 307]Grenzen gegen Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors.Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle.Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte[pg 308]Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen.Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte[pg 309]italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kräften vertreten hätte.Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer[pg 310]deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite.So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns[pg 311]vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu können!Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen[pg 312]Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!
Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.
Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:
Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.
Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.
Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten[pg 299]konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.
Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.
Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.
Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.
Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht[pg 301]die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.
Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.
Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.
Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie[pg 302]hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.
Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.
Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.
Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt[pg 303]war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.
Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vor[pg 304]schriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.
Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.
Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern.
Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es[pg 305]uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten.
Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten:
Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben.
Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer zu werden[pg 306]als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.
Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.
Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer[pg 307]Grenzen gegen Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.
Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors.
Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle.
Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte[pg 308]Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.
Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.
Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen.
Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte[pg 309]italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kräften vertreten hätte.
Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.
Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer[pg 310]deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.
Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.
Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite.
So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns[pg 311]vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.
Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu können!
Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen[pg 312]Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!
Spa und AvesnesIn Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeres[pg 313]front auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten.Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden.Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glückliche Jugend!Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend[pg 314]welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen.Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse.Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeres[pg 313]front auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten.
Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden.
Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glückliche Jugend!
Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend[pg 314]welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen.
Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.
Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse.
Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!