Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. Sie hatte Axel gebeten, sie nicht zu begleiten; es wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich vor dieser Fahrt durch den Wald – zu zweien. Sie mußte Ruhe haben, um zu sich selbst zu kommen, um überlegen und nachdenken zu können.
Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet hätte. Schon bei seinem ersten Besuche im Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen, als hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war der dritte! Erst Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte – ach, einer nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! Konnte sie Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine Stellung geschaffen haben würde; mit diesem Versprechen war er von ihr geschieden. Darüber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er verspiele seinen Erlös aus dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren? Hatte nicht vielleicht wirklich schon drüben in Amerika der „Fron“ für ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen sollte?
Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hörte schon den Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich werden an der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von seltener Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne des Worts. Und ganz zweifellos – auch sein Reichtum sprach mit ...
Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde sie in Döbbernitz nicht täglich und stündlich an Klaus erinnert werden? Würde es nicht eine ewige Qual sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht ausreißen – warum mußte sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!?
Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage stand: „An Baronesse Hedda Hellstern. Persönlich zu erbrechen“, so glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.
Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose Schrift. Hastig stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert auseinander.
„Ich muß dich sprechen,“ schrieb Klaus, „es handelt sich um meine Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten Stelle am See. K.“
Um fünf Uhr – da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen Augenblick. Sie überlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt sei; sein Leben stand auf dem Spiel – was gab es da noch zu überlegen!
In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei wunderschön geworden auf Döbbernitz, erzählte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle daher noch auf ein halbes Stündchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort kommen konnte, war sie schon fort.
Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie ihre Uhr in die Hand. Es fehlten nur noch zehn Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts – gedankenlos, in fieberischer Aufregung. Wieder war der Wind erwacht und rauschte im Gezweige. GroßeMassen falber Blätter rieselten auf sie herab. Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über den Weg.
Gottlob – da war der See! Blaugrau, mit Gischt übergossen und stark bewegt, tauchte er zwischen den Stämmen auf. Und da war auch Klaus!
Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon aus der Entfernung fiel es Hedda auf, daß sich sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, verwüstet; tiefe Schattenringe umgaben die Augen.
Er stürzte ihr entgegen.
„O Hedda – Gott sei gelobt!“
Er haschte nach ihren Händen und wollte sie küssen, doch sie entzog sie ihm. Es stürmte gewaltig in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe heucheln.
„Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?“
„Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es war eine Verrücktheit. Ich hätte unten bleiben oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte dich noch einmal sehen –, noch einmal – das letzte Mal – ich verging fast vor Sehnsucht!“
„Klaus – warum lügst du?“
Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte. Alle Nerven in ihm schienen bis zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln blitzten in seinem Gesicht, seine Hände flogen.
„Lügen – nein, ich lüge nicht,“ stieß er hervor. „Ich – ich muß auch wahr sein! Also ich kehrte zurück –, die Torheit ist einmal geschehen. Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß – daß ich verfolgt werde – daß man mich sucht –“
Hedda starrte ihn mit großen Augen an.
„Verfolgt – aber von wem?“
„Von den Behörden ...“ Nun hatte er doch ihre Hände ergriffen und hielt sie mit seinen heißen Fingern fest, während seine Augen sich mit unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ...„Hedda, ich habe mich zu einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe mich – aber rette mich – hilf mir!“ ... Und stöhnend brachte er die furchtbare Selbstanklage heraus: „Ich habe die hinterlassenen Papiere meines Vaters nach dem Auslande verkauft.“
Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das Verständnis für die Schändlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, daß sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie nichts von politischer Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte die wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine ausländische Regierung verkauft ... Und plötzlich glaubte Hedda auch den Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden zu haben. Die beiden wußten um die verschwundenen Papiere und mochten ahnen, wohin sie gebracht worden waren ...
O Schmach – Schmach!
Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, vor dem verkommenen Mann. Es war ihr, als hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrücken und zu vernichten. Eisig durchströmte es sie. Ihre Finger krampften sich zusammen, und in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und dröhnte in ihrem Kopf, und dabei hatte sie doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und sich bei mechanischer Spielerei allmählich zu beruhigen, riß sie ein paar Gräser aus und zerpflückte sie.
Und dann brachte sie mühselig hervor: „Ich will nicht rechten mit dir. Wie kann ich dir helfen?“
Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer Atemzug seine Brust.
„Ich muß morgen über die Grenze sein,“ sagte er schnell und halblaut, als fürchte er, auch hier belauscht zu werden. „Aber ich habe kein Geld. Ich habe verdammtes Pech gehabt – da unten. Geh zu Schellheim und laß dir ein paar tausend Mark für mich geben – fünf, sechs genügen –, er wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem alten Jagdhause in der Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis Mitternacht.“
Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, wie auch in ihrem Herzen alles erloschen war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.
„Gut,“ sagte sie tonlos, „du erhältst das Geld.“ Und ohne Lebewohl wandte sie sich um und ging.
Er sprang ihr nach. „Hedda,“ keuchte er, „kein Abschiedswort, kein –“
Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja – jetzt kam wieder Leben in das tote Auge; es sprühte und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch und groß stand sie vor ihm.
„Nein,“ antwortete sie hart. „Kein Abschiedswort! Daß du den großen Namen deines Vaters entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du deine Liebe niedertratst – alles hätte ich dir verzeihen können. Denn meine Liebe ist stärker als deine. Aber für den Schuft, der um feiles Geld sein Vaterland verrät –“
Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den die Peitsche trifft. Und da sprach sie nicht weiter. Sie ging.
Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete, daß sein Blick ihr noch folgte. Aber dann, als Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen. Geknickt, keuchend und nur mit Mühe schleppte sie sich vorwärts. Und der Herbststurm brauste stärker durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel.
Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda bei sich eintreten sah. Aber ihm entging nicht ihr erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der bittere Zug in ihrem Gesicht.
„Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Pastor,“ begann Hedda, dankend den Stuhl ablehnend, den er ihr zugeschoben hatte.
„Sie ist schon gewährt, liebes Kind – wenn nämlich ihre Erfüllung in meiner Macht steht.“
„Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere Kapitalien liegen, Sie bedürfen ihrer für Ihren Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen? Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die Summe bei Ihnen nicht erhalte, würde ich auf das Auschloß gehen.“
Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war das einzige, was er nicht erwartet hatte.
„Allerdings,“ erwiderte er, „ich habe das Geld liegen. Und ich gebe es Ihnen auch, aber ich muß Ihnen gestehen –“
Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm entgegen und erfaßte seine Arme. Sie lag fast an seiner Brust.
„Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!“ rief sie, während ihr ganzer Körper bebte und ihr Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem Antlitz hing. „Fragen Sie auch nicht, wozu ich die Summe brauche! Ich gebe Ihnen mein Wort – ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in drei, vier Monaten zurückerstatte – vielleicht schon früher –“
Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirn.
„Mein liebes Herz – was gilt mir das Geld, und was sind mir diese paar tausend Mark!“ sagte er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren Scheitel. „Was mich beunruhigt, ist lediglich die Tatsache, daß Sie es erbitten – und sicher doch nicht für sich selbst –“
Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein Gesicht wurde sehr ernst; er schaute Hedda forschend in die Augen.
„Hedda – ist Klaus wieder zurück?“
Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und trat zurück.
„Dann keinen Pfennig,“ sagte er rauh. „Ihm nichts mehr – nichts!“ Und plötzlich strömte wieder seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in warmen Wellen durch sein Herz. „Hedda,“ rief er, „wie konnten Sie vergessen, was Sie mir versprochen hatten – schon vor zwei Jahren –, dieser Ihrer unwürdigen Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig, denn Klaus ist schlimmer gewesen als leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere seines verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war der beste Freund des Alten und habe gewußt, welch reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber als nach seinem Tode die Regierung kam, um diese Papiere einzufordern, da fand sich nur Unwichtiges und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war gerade so erstaunt darüber als ich, – und als dann Klaus auf einmal, mitten im Zusammenkrachen, auf Wochen verschwand, um mit den Taschen voller Geld wieder heimzukehren, da dämmerte ein furchtbarer Verdacht in uns beiden auf ... Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in Auge stehen sollten, dann fragen Sie ihn einmal, ob er nicht mit den Papieren seines Vaters einen ehrlosen Schacher getrieben habe!“
Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; sie nickte mit abgewandtem Kopfe.
„Er hat es,“ erwiderte sie dumpf. „Er hat es mir selbst anvertraut – und ich soll ihm über die Grenze helfen.“
Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche und reichte es Eycken.
Der Pastor überflog es. „Er fürchtet, daß man seine Schande entdeckt habe?“
„Er sagt, man verfolge ihn bereits.“
Eycken pfiff durch die Zähne. „Und wer soll ihm das Geld bringen und wohin?“
„Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen Jägerhaus – unten, in der Döbbernitzer Schlucht. Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem Vater früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte ich mich selbst hinausschleichen zum Jägerhaus – wen sollte ich denn schicken, ohne daß es aufgefallen wäre?!“
Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. „Gehen Sie nach Hause, Hedda,“ sagte er. „Sie sollen ihn nicht mehr zu sehen bekommen – nie wieder! Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in Ihnen lebt –, er ist fürderhin tot für Sie!“
Hedda sank an des Greises Brust. „Für ewig,“ schluchzte sie, „ich weiß es –, aber beweinen kann man doch seine Toten!“
„Ja, Hedda – weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden – Sie werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser Gott der Liebe, und Ihnen überwinden helfen!“
Er drängte sie sanft zur Tür.
„Ich will mich beeilen. Ich geh’ selbst zum Jägerhause und werde Klaus das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes Wort von mir hören“ – er hob dräuend die Rechte und reckte sich – „als Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will ich ihm sagen, wie ich über ihn denke!“
Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. Draußen umbrauste der Sturm das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von der Werbung Gunthers erzählt hatte, und als sie im Auschlosse nach länger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffenwar. Und wie damals wälzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und eine wilde Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn verschloß ihm für immer die Rückkehr in die Heimat. Eycken hatte recht, wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda die Frage auf: Wär’ es nicht besser gewesen, sie hätte ihn bei seinem Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten? Freilich – vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur eine Lüge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge – selbst seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. Denn sonst hätte er sich aufraffen und zu besserem Leben durchringen müssen, hätte nicht so erbärmlich tief sinken können. Wo spürte man an ihm etwas von der reinigenden Kraft einer großen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt, sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige Wellen ihn höher und höher umschlugen?
Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben, als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, nach Sühne und Entsündigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefühl der Erniedrigung, das in ihr aufquoll? – Die stille Vornehmheit seines Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit Zernins. Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Sühnen der Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann glücklich zu machen.
Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit Ungestüm brauste der Wind durch den Park und fauchte und heulte – fauchte und heulte auch um das verfallene, kleine Jagdhaus in der DöbbernitzerSchlucht, in dem sich zu dieser Stunde zwei Männer mit blitzenden Augen und zorngeröteten Gesichtern gegenüberstanden.
Am andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber dafür hatte sich der Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden Augenblick drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische Stimmung lag über der Natur.
Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte schon das Feuer. Der Baron saß in seinem großen, dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht seiner Tochter gefiel ihm nicht.
„Hast schlecht geschlafen, Hedda – he?“ fragte er.
„Ja, Papa – der Sturm war arg –“
„War arg, hast recht – ich konnte auch keine Ruhe finden. Und heute früh um sechs Uhr ging schon wieder das Hämmern und Pumpen und Schnauben in der Brauerei los. Auf das Wetter scheint der Halunke, der Möller, keine Rücksichten zu nehmen.“
„Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach sein. Die Arbeiter haben einen schweren Stand. Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser unterspült worden.“
Der Baron lachte höhnisch auf.
„Gute Vorbedeutung – haha! Aber ich habe mir vorgenommen, ich will mich nicht mehr ärgern. Mögen sie bauen, was sie wollen! – Erzähle von gestern, Hedda!“
Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann wandte sie sich, wie unter der Eingebung eines raschen Entschlusses, an ihren Vater.
„Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen wollen, Papa,“ sagte sie, mit ihren Fingern in nervösem Spiel ein Stück Brot zerkrümelnd, „weil ich mir noch einige Stunden ruhiger Überlegung gönnen wollte. Aber es muß doch einmal gesagt sein. Axel hat mir bei Gelegenheit meines Besuches in Döbbernitz einen Antrag gemacht.“
Dem Alten fiel der Teelöffel aus der Hand. Aber er ärgerte sich über sein Erstaunen und tat kaltblütig.
„Also doch,“ antwortete er. „Ich sah es eigentlich kommen.“ Dann schaute er Hedda abwartend an, und als sie schwieg, hämmerte er ungeduldig mit der Faust auf den Tisch, daß Tassen und Teller klirrten. „Na und?! Herr des Himmels, so sprich doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du – hast du ja gesagt?“
„Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin über Nacht zu dem Entschluß gekommen, ihm keinen Korb zu geben.“
Ein unterdrückter Jubellaut antwortete ihr. Hellstern hatte sich erheben wollen, doch fiel er wieder schwer in seinen Sessel zurück.
„Komm her,“ rief er, „ich alter Elefant kann mich kaum noch rühren! Aber ich muß dich umarmen! Meine Hedda – mein Liebling!“
Sie kniete ihm zur Seite und er küßte sie auf Stirn und Haar und streichelte ihre Wangen. Die Tränen rannen ihm in den struppigen Bart. Auch sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm seine Hand und führte sie an ihre Lippen.
„O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt hätte!“ stammelte er. Und dann wurde er ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen, wie sich die Liebeserklärung abgespielt habe. Er fragte Hedda nach allen Einzelheiten. Sie erzählte in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob sie einen Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er war an ihre „ruhige Vernunft“ gewöhnt. Er warglückselig. Über sein altes Gesicht blitzte und leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam noch einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage! Konnte er sich für seine Einzige ein besseres Los wünschen? Axel war reich, unabhängig, ein Ehrenmann und ein Prachtmensch – im übrigen schien er ja auch wieder gesund geworden zu sein. Und dazu Döbbernitz, der alte Hellsternsche Sitz, die unmittelbare Nähe! Er schob seine Tasse mitten auf den Tisch.
„Wir müssen Axel Nachricht geben,“ sagte er. „Ich selbst werde ihm schreiben – das scheint mir das richtigste zu sein. Ich schreibe in deinem Namen und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn zum Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?“
„Karbonade und Rotkraut,“ antwortete Hedda. Unwillkürlich mußte sie lächeln. „Das wird Axel ziemlich gleichgültig sein.“
„Glaub’ ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem – zur Feier des Tages müssen wir das Menü ändern. Sieh zu, daß du etwas Besseres auf den Tisch bringst. August soll anspannen und meinen Brief nach Döbbernitz bringen.“ Er rührte gewaltig die Klingel.
August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen der Lampen und wischte sich die öligen Finger an der Schürze ab.
Der Baron schmunzelte.
„August,“ sagte er, „ich wünsche, daß du heute nicht dein gewöhnliches dummes Gesicht machst. Und weißt du, warum ich dies wünsche?“
„Nein, Herr Baron,“ antwortete August und schüttelte heftig den Kopf.
„Dann hör zu, ich will es dir sagen. Weil heute ein Fest- und Ehrentag für den Baronshof ist. Wisch dir das Maul ab und küsse dem gnädigen Fräulein die Hand, denn das gnädige Fräulein hat sich mit dem Herrn Baron Axel von Hellstjern auf Döbbernitz verlobt.“
„Mit unserm Vetter aus Schweden!?“ jubelte August auf. Und dann rubbelte er sich wirklich mit dem Handrücken den Mund ab und näherte sich Hedda mit feierlichen Schritten, räusperte sich und wollte ihr in wohlgefügten Worten gratulieren, denn es schien ihm passend, sich bei dieser Gelegenheit als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda kam ihm zuvor, erhob sich und schüttelte ihm die Hand.
„Schon gut, mein alter August,“ sagte sie, „ich weiß, wie du es meinst, und danke dir von Herzen. Und nun hilf dem Herrn Baron und führe ihn in das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig, einen Brief nach Döbbernitz zu bringen.“
Aber August war das Herz viel zu voll, um sich schweigend verhalten zu können. Während er Hellstern unter dem Arm packte und nach der Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern.
„Das hab’ ich gewußt, Herr Baron,“ sagte er, „so gewiß vier mal vier sechzehn ist – das hab’ ich gewußt. Ich habe doch meinen Blick! Gleich damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier war, da hat er das gnäd’ge Fräulein immer so angesehen, und da hab’ ich schon mit Gusten drüber gesprochen. Sie können Gusten fragen, Herr Baron.“
„Auch noch,“ brummte Hellstern; „ich werd’ in die Küche gehen.... Knuff mich nicht so in den Arm! Daß du dir nachher ein reines Vorhemdchen umbindest, wenn du nach Döbbernitz fährst!“
„Fährst? Soll ich denn fahren?“
„Ja natürlich. Und du nimmst das gute Geschirr. Und in Döbbernitz wartest du auf Antwort. Es braucht aber noch nicht überall herumerzählt zu werden, das mit der Verlobung.“
„Gott bewahre! Ich weiß schon – erst wenn das Offiziellum da ist.“
Aber noch vor dem „Offiziellum“ wußte man im Souterrain bereits von der Verlobung. Zuerstgratulierte die Guste und dann Dörthe, die dabei in einen Tränenstrom ausbrach. Das blasse Gesicht Dörthes und ihr verändertes Wesen waren Hedda bereits aufgefallen.
„Aber Kind,“ rief sie, „was hast du denn eigentlich?! Ich kenne dich gar nicht wieder. Wo sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen Augen?!“
Dörthe hielt die Schürze vor das Gesicht und weinte noch immer; sie war in eine Ecke der Küche getreten und machte sich am Wasserzuber zu schaffen. An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise:
„Ach Gott, gnäd’ges Fräulein, das arme Ding! Ihr Fritze hat sie sitzen lassen. Die Verlobung ist zurückgegangen. Da sind aber bloß die alten Möllers dran schuld – und der Albert, das ist ein Kerl!“
Über Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme. Das arme Mädchen tat ihr von Herzen leid. Sie rief Dörthe heran und sagte ihr ein paar tröstende Worte, aber die Kleine war nicht zu beruhigen.
„Ich überleb’s nicht, gnädiges Fräulein,“ jammerte sie; „er will eine andre heiraten – eine Reiche aus Frankfurt –, und das überleb’ ich nicht.“
Mißgestimmt und mit schwerem Herzen wartete Hedda auf ihren Verlobten.
Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er war auf seinem Bau gewesen und hatte August vorüberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte August den Mund nicht halten können. Dem Pastor konnte man es doch immerhin sagen – so einem alten Freunde des Hauses.
Eycken glaubte die Plötzlichkeit des Entschlusses Heddas zu verstehen. Seelische Gründe sprachen dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder Erinnerung an die Vergangenheit brechen.
Es war Eycken lieb, daß er Hedda zunächstallein traf. In ruhigem und liebevollem Tone sagte er ihr seine Glückwünsche, und als er nach ihrem Dankwort ihren unruhig fragenden Blick bemerkte, zog er sie neben sich auf das Sofa.
„Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfüllt, Hedda,“ begann er von neuem, „und da mir daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich noch einmal den Namen dessen nennen, der auch für mich tot sein sollte. Es kam zu einer schlimmen Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht mit starken Worten gespart, und – nun, er gab sie mir zurück. Aber er nahm das Geld; heut ist er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat ihm Pferde gestellt und ihm über die russische Grenze geholfen. Er will nach Amerika.“
Hedda atmete auf.
„Gottlob, er ist in Sicherheit,“ sagte sie leise und lehnte ihr Haupt an die Brust des alten Freundes.
Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zärtlich über ihr Haar.
„Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda,“ antwortete er. „Sie haben sich frei gemacht und alles abgeschüttelt, was Sie noch an die alte Liebe band. Aber – Sie haben eine neue Verantwortung übernommen. Werden Sie ihr gerecht!“
„Herr Pastor,“ entgegnete Hedda fest, „was ich tat, geschah nach reiflicher Überlegung. Ich habe lange genug mit mir gekämpft. Ich wollte nicht an der Erinnerung zu Grunde gehen – und ich wollte auch etwas Gutes tun. Ich lechzte nach einer Guttat, denn ich fühlte mich erniedrigt und von Scham erdrückt. Fragen Sie mich nicht, wie das möglich gewesen – es war so! Ich empfand jenes Schande wie eine eigne. Und so kam ich zu meiner Entschließung. Sie macht zwei Menschen glücklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen Axel noch nicht. Er ist vornehm und edel. Sie selbst mögen ihm in jüngeren Tagen geglichenhaben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich ihm geben.“
Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas Haupt.
„Gott sei mit Ihnen, liebes Kind,“ sagte er.
Axel kam mit seinem neuen Viererzug von Döbbernitz, Kutscher und Diener in großer Livree, er selbst in Frack und weißer Halsbinde, als gehe es auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem Wesen, der Feierlichkeit des Tages auch nach außen hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an der Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort seine schöne Korrektheit, und er wurde bewegt und gerührt. Das Wasser schoß ihm in die Augen, als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte kaum zu sprechen, drückte sie an sein Herz und fühlte wohl, wie sie zitterte. Und dann fiel der Alte Axel um den Hals, auch sehr gerührt, mit der ganzen Wucht seiner kolossalen Persönlichkeit, so daß es dem schmächtigen Axel Mühe kostete, unter diesen bärenhaften Liebkosungen nicht zusammenzubrechen.
Die leichte Verlegenheit der ersten Begrüßung war bald überwunden. Man ging zu Tisch, und ein fröhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich der Geburtstag Axels. Hedda meinte, da müsse sie sich mit der Herstellung der Ausstattung beeilen; es war dies noch ein schwieriger Punkt, da Hellstern erklärte, er sei nicht imstande, Hedda nach Berlin zu begleiten. Schließlich wurde verabredet, Tante Jutta zu benachrichtigen. Dort sollte sich Hedda für ein paar Tage einquartieren und die Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen. Wenigstens das Nötigste; das übrige sollte während der Hochzeitsreise in Paris besorgt werden, denn Axel behauptete, es gäbe gewisse Dinge in der weiblichen Ausstattung, die man nur in Pariskaufen könne. Er war sehr aufgeräumt und trank sogar gegen seine Gewohnheit einige Gläser von dem vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er wurde nicht müde, Pläne zu schmieden. Die Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem deutschen Winter zu entgehen; man wollte über Paris nach der Riviera und Süditalien, vielleicht bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht, und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf, ihr die tausend Schönheiten Italiens zeigen zu können. Und dann, im nächsten Sommer, mache man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem Norden – nach Jarlsberg, dem alten Stammschloß der Familie, das auch seine Reize habe – die Schärenwelt, das gischtsprühende Meer, die ganze wildromantische Umgebung. Aber vor allen Dingen: wie behaglich wollte man es sich auf Döbbernitz einzurichten suchen und mit welcher Lust an die Arbeit gehen, diesen hübschen Besitz wieder in die Höhe zu bringen! Bei diesem Gedanken wurde auch Hedda lebhaft. Ach ja – nach Arbeit, die ihres Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade eine große Wirtschaft lockte sie doppelt ...
Während des Kaffees hörte man einen Wagen vor die Rampe rollen. Landrat von Wessels ließ sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern auf ein paar Minuten sprechen zu dürfen.
Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte denn der Landrat bei ihm, der längst alle Beziehungen zu der Umgebung abgebrochen hatte? Wessels wurde in den sogenannten Salon geführt, indes Hedda und Axel noch im Eßzimmer verblieben.
Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut, seinen Stuhl dicht neben den ihren zu rücken, liebkosend ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen zu führen.
„Meine Hedda,“ sagte er weich, „wie glücklich machst du mich. Ich habe einen bösen Tag und eine böse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu raschund zu stürmisch gewesen zu sein. Ich habe auch keine so schnelle Antwort erwartet. Und als nun heute vormittag euer August mit dem Briefe des Onkels kam – Hedda, da ist für fünf Minuten meine ganze Wohlerzogenheit in die Brüche gegangen, denn da bin ich meinem Kammerdiener – auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter Mensch, der mich von Kindesbeinen an kennt –, denke dir, dem bin ich vor unbändiger Freude um den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht vorgekommen und deshalb wußte er auch gleich Bescheid. Wer sich so närrisch gebärdet, der muß unglaublich verliebt sein. Na – und – das bin ich allerdings – und paß auf, Hedda, du wirst mich auch noch liebgewinnen! O, das weiß ich gewiß!“ Und abermals küßte er ihre Hand.
Seine Worte waren ein Trost für sie. Daß er keine stürmische Leidenschaft von ihr forderte, sondern in heiterem Ton und trotz aller Verliebtheit mit dem Ausdruck eines gewissen Geklärtseins der Empfindungen von einem allmählichen Liebenlernen zu ihr sprach, beruhigte sie sichtlich.
Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in ihrer Hand.
„Lieber Axel,“ entgegnete sie, „wüßte ich nicht, daß ich dir von Herzen gut bin, dann würde sich jede Fiber in mir dagegen gesträubt haben, die Deine zu werden. Die meisten von uns Mädchen treten ahnungslos in die Ehe, sie kennen den, dem sie für Lebenszeit angehören sollen, gewöhnlich nur aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in ihnen beruht auf Vertrauen und seliger Hoffnung, und wie oft werden sie getäuscht! Sie glauben zu lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament: an treuer und inniger Freundschaft. Und sieh – gerade weil ich so viel Freundschaft für dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine gute Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden und Sorgen – ein Stück deiner selbst.“
Mit glänzenden Augen hatte er ihr zugehört.
„Was will ich mehr!“ sagte er in leisem Jubel. „Ich danke dir, Hedda, ich danke dir! Was bot mir das Leben bisher, und für wen lebte ich? Nur für mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist. Das ist kein Lob für mich, weil ich im Egoismus nichts als die schalste Langweiligkeit gefunden habe. Ist es nicht ertötend, immer nur an sich selbst denken und für sich selbst sorgen zu müssen? Geht man nicht tausendmal freudiger an sein Tagewerk, wenn man weiß, für wen man schafft und tätig ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?! Tagewerk – das klingt mir wie übertrieben. Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit. Man hat mich immer auf recht bequeme Posten gestellt, – ein bißchen Repräsentieren war alles. Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die Arbeit. Denn fürderhin ist es nicht mehr gleichgültig, ob ich jährlich ein paar tausend Taler mehr oder weniger ausgebe, ich habe ja auch für dich zu sorgen und deine Zukunft. Und das alles erfüllt mich mit unaussprechlichem Glück, Hedda, es gibt mir recht eigentlich erst Lebenskraft – ich möchte sagen, es macht mich erst zum Manne.“
Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein fröhliches Sprechen. Der Alte sah erregt aus und hatte einen roten Kopf.
„Ärger gehabt, Papa?“ fragte Hedda.
„Ja – allerdings,“ und der Baron nickte und winkte zugleich August, an dessen Arm er eingetreten war, das Zimmer zu verlassen. Schwer ließ er sich in seinen großen Stuhl fallen. „Es wird euch auch interessieren – es ist sozusagen eine Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin würde nicht mehr zurückkehren. Aber es ist doch geschehen. Und nun das Schlimmste dazu: die Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und nach Berlin schaffen zu lassen.“
„Aber mein Gott – weshalb?“ warf Axel ein.
Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte ihm nicht von der Zunge.
„Eines – eines infamen Bubenstreichs wegen,“ sagte er endlich. „O – auch in unsern Reihen gibt es räudige Schafe, gibt es –“
Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz blaß geworden, und ihr brennendes Auge hing an den Lippen des Vaters.
„Du hast ihn immer noch verteidigen wollen, Hedda!“ schrie Hellstern, die Verfärbung des Mädchens falsch deutend. „Immer noch leiteten dich verwandtschaftliche Gefühle – aber man zerreißt die Bande des Bluts, wenn man es mit einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, daß er uns nun für immer fern bleiben möge.“
Eine kurze Pause entstand, und dann fragte Hedda tonlos: „Also er ist – wieder – fort?“
„Ja – mit einem letzten Schandstreich entlaufen. Er trieb sich schon immer in Seelen herum, und man munkelte längst allerlei. Nun ist er mit der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte es mir. Vergangene Nacht haben sich die beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska hat nichts mitgenommen als ihre Juwelen; aber zu guter Letzt noch eine hübsche Hypothek auf Seelen –“
Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem leisen Wehlaut vom Stuhl geglitten. Erschreckt sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre Schwäche ankämpfend. Aber noch immer zitterte sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne aufeinander, um nicht aufschreien zu müssen.
An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit schwerer Anstrengung auch Hellstern aufgerichtet. Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.
„Hedda,“ rief er, „du hast diesen Menschen –diesen Menschen geliebt?!“ Er achtete nicht auf die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm durchtobte seine Brust und schüttelte ihn. Eine Flut von Anklagen traf Hedda. „Ich sehe jetzt klar – ganz klar,“ fuhr er mit heiserem Auflachen fort; „ich weiß jetzt auch, warum du Klaus immer so warm verteidigtest, – war ich denn blind, daß ich nicht in der Seele meines eignen Kindes lesen konnte?! Axel – tritt neben mich – laß sie los! Es geht nicht an, daß du dich noch weiter ihr Verlobter nennst, ehe sie uns Erklärungen gegeben hat.“
Hedda selbst machte sich frei aus den Armen Axels. Sie hatte ihre Ruhe und die Klarheit des Denkens wiedergefunden. In der heißen Not dieser Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck ihres Gesichts auch war – es lag zugleich etwas wie das frohe Glück endlicher Erlösung auf ihren Zügen.
„Ich leugne nicht, Vater,“ sagte sie. „Ja, ich habe Klaus geliebt, und aus Furcht vor deiner Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich gelitten habe unter dieser Liebe, und wie ich zu kämpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung durchzuringen vermochte – das erlaß mir, zu schildern – du würdest mich doch nicht verstehen. Daß ich mich nie an einen Ehrlosen hängen würde, wußtest auch du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als ich ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du sowohl wie der Pastor, ihr ahntet schon längst, was ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit zu sagen. Und vielleicht hätte ich euch auch dann noch nicht geglaubt; erst sein eigner Mund mußte mir beichten.“
Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und gleichmäßiger sprechend, an Axel.
„Das ist gestern geschehen,“ fuhr sie fort. „Als ich von Döbbernitz heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei schon inweiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu dieser letzten Besprechung, die ein Abschied für ewig war. Ich weiß auch jetzt noch nicht, ob es unrecht war, daß ich dir nicht vor unsrer Verlobung von dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe, Axel. Aber das weiß ich, daß es mich mit unwiderstehlicher Kraft dazu trieb, dir mein Jawort zu geben. Es drängte mich, mir in deinem Glücke ein eignes zu schaffen und vergessen zu lernen. Ich sehnte mich nach einem treuen und guten Herzen und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen und voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen und fühle mich wie – beschmutzt. Habe ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir – und laß mich frei.“
Kopfschüttelnd und mit mildem Lächeln trat er wieder an ihre Seite und nahm ihre Hände.
„Nein, Hedda,“ sagte er, „du bist mein, und ich gebe dich nicht mehr frei. Weniger jetzt denn je, da ich dein armes Herz zu heilen habe und du eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht nur dein Bräutigam, Hedda – ich gebe dir auch deine Freundschaft vieltausendfach zurück. Glaube an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!“
Er nahm sie in seine Arme und schloß sie an sich. Da ertönte ein dumpfer Fall, und entsetzt schrie Hedda auf.
Ein plötzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater zu Boden geschmettert. Er stürzte um wie ein Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und blieb regungslos liegen.
In dem kleinen Häuschen Klempts war es sehr still geworden, seitdem in den Abendstunden nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen derDörthe zu hören war. Sie kam nur noch selten zum Vater, denn sie wollte nicht ausgefragt sein, und sie hatte auch für den mystischen Trost und die Ratschläge der Tante Pauline weder Sinn noch Verständnis. Es war gut, daß es auf dem Baronshofe so viel Arbeit gab. Das ließ sie wenigstens tagsüber nicht allzuviel zum Grübeln und Nachdenken kommen. Aber wenn sie zu Bett gegangen war, dann kamen Erinnerung und Schmerz mit arger Gewalt über sie, und in ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Mangel an Beherrschung weinte sie sich allabendlich in den Schlaf. Sie härmte sich so, daß sie mager wurde; mit ihren eingefallenen Wangen und den tiefliegenden Augen war die frische Dirne von früher gar nicht wiederzuerkennen.
Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu spenden. Es führte zu nichts; Dörthe brach dann immer von neuem in Tränen aus und wiederholte unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch noch das Leben nehmen. In dieser Zeit hatte Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten überreichlich zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater getroffen hatte, bewies, daß er kränker war, als man bisher geglaubt hatte. Glücklicherweise hatte der Schlag nur die linke Körperseite gelähmt, Arm und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten. Aber der Koloß war nunmehr völlig bewegungslos geworden. Ein Krankenwärter wurde beschafft, der August unterstützen sollte; aus dem Bette wurde der Alte in den Fahrstuhl gepackt; er war nur noch eine Maschine, die von fremder Hand geleitet werden mußte. Seine Laune war schrecklich geworden; Hedda hatte viel unter seinen Wutausbrüchen zu leiden. Das Knurren, Wettern und Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch; August war der einzige, der ihm mit seinem unversiegbaren Phlegma und seinem derben Humor standzuhalten vermochte. Seit man mit der Anlageder elektrischen Leitungen in Oberlemmingen begonnen hatte, trug sich Hellstern mit dem festen Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war eine neue fixe Idee. Die Möllers wollten ihn langsam morden – das ließ er sich nicht gefallen. Aber die Möllers sollten auch den Baronshof nicht in ihre Hände bekommen; eher mochte das Haus einstürzen, und Eulen und Fledermäuse mochten in den Zimmern ihre Nester bauen. Die Möllers nie – und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch eine Million auf den Tisch legen wollten, er würde sie mitsamt der Million aus der Tür werfen.
Hedda hatte mit Axel darüber gesprochen, was mit dem Vater zu machen sei. Der Arzt war der Ansicht, der Baron könne noch eine ganze Reihe von Jahren leben, wenn man durch geeignete Mittel der Wiederholung des Anfalls vorbeuge. Neben strenger Befolgung der ärztlichen Anordnungen gehöre dazu vor allen Dingen absolute Ruhe, Fernhaltung jedweder Aufregung, jedes Ärgers, jeder Gemütsbewegung. Das war nicht leicht bei dem alten Brummbär. Axel schlug vor, ihn mit dem Wärter und August und dem gesamten Material zu der geliebten Familiengeschichte nach Döbbernitz zu nehmen. Da hatte er die nötige Ruhe, hatte nicht beständig Oberlemmingen vor Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhülle fallen ließ und sich aus einer Raupe in einen schillernden Schmetterling verwandelte. Während der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin dann auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Döbbernitz kommen, und wie sich im übrigen der geplante Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das werde man ja sehen, das könne man abwarten.
Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen Vorschlägen sehr einverstanden. Besonders auf die Tante Jutta freute er sich und war neugierig, ob sie sich immer noch wie früher die Ohrlöckchen braun und das übrige Haar schwarz färbe und die kleine,rote Stupsnase weiß pudere. So siedelte er denn nach Döbbernitz über. Axel hatte einen großen geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt durch das Dorf zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen zu, damit er gar nichts von Oberlemmingen zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen. Dieses Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem Vater, Großvater und Urahn sich glücklich gefühlt hatten, existierte nicht mehr für ihn. Es war ja das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz moderner Badeort.
Hedda blieb vorläufig auf dem Baronshof, aber täglich holte ein Döbbernitzer Wagen sie ab. Das gemeinsame Mittagsmahl nahm man gewöhnlich bei Axel ein, und das waren glückliche Stunden für Hedda. Sie gewann ihren Bräutigam täglich lieber, und auch auf den grimmigen Alten übte die stille, vornehme und liebenswürdige Art Axels einen sichtlich beruhigenden Einfluß aus.
Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden der Verlobung Heddas ihren Besuch auf dem Baronshofe gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch dem erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete sich Gunther. Er hatte plötzlich einen neuen Plan gefaßt. Er wollte den Winter in Spanien verbringen, um dort Studien über die ältesten deutschen Drucker auf der iberischen Halbinsel zu machen; schon lange beschäftigte er sich mit Forschungen zur Druckergeschichte, für die er sich lebhaft interessierte.
Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits wieder in den Wagen gestiegen war, stand Gunther mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte ihm die Hand gereicht.
„Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hören, verehrtester Herr Doktor,“ sagte Hedda mit freundlichem Lächeln; „es braucht ja nicht gerade eine Ansichtspostkarte zu sein. Und wie würde ich mich freuen, wenn eines Tages die frohe Nachricht bei uns eintreffen wollte, daß Doktor Gunther Schellheim– ich brauche nicht auszusprechen – in Spanien sollen die Frauen leicht die Männerherzen entzünden. Lieber Doktor, wirklich, von Herzen würd’ ich mich freuen!“
Er preßte warm und fest ihre Hand.
„Ach, gnädiges Fräulein –“ antwortete er, aber er kam nicht weiter. Er würgte an den Worten; sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den Wagen.
Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen, zunächst nach Berlin. Es herrschte eine ziemlich trübe Stimmung bei der letzten Mittagstafel. Die Rätin hatte tränengerötete Augen, Gunther war still und in sich gekehrt, und auch der Kommerzienrat vermochte eine leichte sentimentale Regung nicht zu unterdrücken.
„Hol’s der Geier,“ sagte er plötzlich, als der servierende Diener das Zimmer verlassen hatte, und warf Messer und Gabel neben den Teller, „ich habe mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte Frieden und Ruhe für das letzte Dutzend Jahre meines Lebens haben, – deshalb zog ich mich vom Geschäft zurück. Wollte ganz philosophisch meinen Kohl bauen und mich an der Natur erfreuen, keinen Ärger mehr haben und nur das Nötigste vom Geschäfte hören – ja wahrhaftig, das war eigentlich meine Absicht! Und nun? Prostmahlzeit – nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf wärmer, als es die bösesten Manchesterjahre zuwege bringen konnten!“
„Verzeihung, Papa, aber schließlich bist du doch selbst daran schuld,“ warf Gunther mit leichtem Lächeln ein. „Warum hast du nicht schlankweg jede Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?“
„Das habe ich ja anfänglich getan, aber – siehst du, mein Junge, das verstehst du nicht! Das verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist. Als ich sah, daß die ganze Geschichte in den Händen derMöllers hätte verhunzt werden können, da kribbelte es mir in den Fingerspitzen, da schäumten die kaufmännischen Blutpartikelchen in meinen Adern – da konnt’ ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein glänzendes Geschäft – das ist es noch heute –, trotzdem reut’s mich, daß ich mich auf die Sache eingelassen habe! Nun ja – kurz heraus: es reut mich.“
„Und weshalb, wenn ich fragen darf?“
„Weil – ja, das ist ganz eigentümlich! Anfänglich hielt ich die Möllers für dickköpfige, beschränkte Bauersleute. Dann merkte ich, daß der Albert Möller es faustdick hinter den Ohren hat, daß er ein gerissener Patron ist. Und heuteweißich, daß die ganze Sippe nichts taugt, von A bis Z nichts taugt, daß sie allesamt Gauner sind! Sehr interessant, wie sich so ein schlichter Bauersmann im Laufe der Zeiten verändern kann, wenn ihn der Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles bei den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben sie keine Ahnung, von irgendwelchen idealeren Motiven ist keine Spur bei ihnen – keine Spur!“
Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte und schüttelte dabei den Kopf. Er schien sehr mißgestimmt zu sein. Albert Möller hatte mit offenen Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu kleinen Reibereien. Er sperrte Wege ab, die über sein Land führten, und erlaubte sich im Hinblick auf verschiedene Lücken in seinem Vertrag mit Schellheim alle möglichen Eigenmächtigkeiten. Das erbitterte den Rat um so mehr, als er empfand, daß er sich in Albert getäuscht hatte. Dieser brave Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte geglaubt, leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu haben, und war in seinen Verträgen daher minder vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu sein pflegte; das rächte sich nun. Er ärgerte sich auch über die erstaunliche Tatkraft Alberts. Überall mußte der Mann mit dabei sein. Wo nahm er nur alle die nötigen Gelder her?!
„Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden,“ schloß Schellheim, seine Serviette zusammenfaltend. „Ich sehe, daß sich das Unternehmen nicht auf der von mir gewünschten soliden und gediegenen Basis weiter entwickeln kann, wenn diese Pöbelgesellschaft immer dazwischenzureden hat. Paßt mir’s nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und gucke mir von hier oben aus den Rummel in aller Beschaulichkeit an. Mag’s gehen, wie es will! Unerhört – ich –ichsoll mich mit Bauernpack herumschlagen! Soll mich von solchem Gesindel betrügen lassen!“
Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat, der Großindustrielle, stand im Begriffe, die Waffen vor einem raffinierten Bauernjungen zu strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er es am allerwenigsten geahnt hätte.
Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden und beschönigenden Worten, aber er regte den Vater nur noch mehr auf.
„Lassen wir die Sache ruhn,“ sagte Schellheim. „Der Teufel soll nicht schlechter Laune sein, bei all dem Mißgeschick, das einem widerfährt! Was hab’ ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet ein Fabrikmädel, – riesengroß wird die Kluft zwischen ihm und uns, und wenn man sich auch hundertmal Mühe gibt, Brücken und Übergänge zu schaffen, die Entfremdung ist doch nicht wieder gut zu machen! Du gehst nach Spanien, Gunther, reißest uns von neuem aus – und auf Döbbernitz, das ich bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir ein hübsches und trauliches Nest schaffen wollte, hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn’s wenigstens einWildfremder gewesen wäre – aber nein, ausgesucht geradederMann, der dir die Braut vor der Nase fortgeschnappt hat!“
Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh, daß die Rätin die Tafel aufhob. Es war kein allzu herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte stillin sich hinein, der Vater sah mürrisch aus. Wirklich – was hatte man von seinen Kindern!
Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die Reise. Er hatte seine letzten Hoffnungen über Bord werfen müssen; ihm war recht traurig zumute. Und er nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf seine Studien zu werfen. Die Arbeit war das einzige Heilmittel.