Viertes Kapitel

Die drei Möllers wendeten sich kurz vor der Chaussee rechts ab; sie schlugen den schmalen Fußweg nach dem Baronshof ein. Anfänglich sprachen sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her. Fritz rauchte noch immer die Zigarre, die ihm der Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm der kurze, glühende Stummel fast die Finger verbrannte. Bertold rückte nervös an seiner Brille und nahm als erster das Wort.

„Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat,“ meinte er.

Nun wurde Albert plötzlich sehr lebhaft. Er begann ohne Ursache auf Schellheim zu schimpfen. Das seien alles Betrüger, die reichen BerlinerHerren. Man müßte gewaltig auf der Hut sein, sonst zögen sie einem das Fell über die Ohren. Alles schwarz auf weiß und notariell, was man mit denen abmache – nicht anders. Schellheim ärgere sich nur, daß man ihm die Graue Lehne nicht verkauft habe; Millionen würde der aus der Quelle herausschlagen. Aber man wolle die Millionen allein verdienen. „Wenn man das Pack nur nicht brauchte!“ schloß er.

„Wir brauchen es aber,“ erwiderte Bertold. „Da hilft alles Schimpfen nicht. Wir haben doch lange genug darüber gesprochen. Was uns ungeheure Mühen machen würde, erreicht so einer im Umsehen. Aber über die Ohren hauen lassen wir uns deshalb schon lange nicht.“

„Wir sind auch helle,“ sagte Albert.

Fritz warf seinen Stummel fort. „Die Zigarre war gut,“ bemerkte er.

Auf dem Baronshofe mußten die drei erst August suchen, um sich anmelden zu lassen. In der Mittagshitze lag das Gehöft wie ausgestorben da. Selbst das Hühnervolk hatte den Schatten aufgesucht und sich unter den Akazien im warmen Sande eingekuschelt. Lord, der Hofhund, kläffte die drei Männer ununterbrochen an und raste an seiner klirrenden Kette bald in die Hütte hinein, bald wieder heraus.

Endlich fand man August, der in einem Winkel der Häckselkammer Siesta zu halten pflegte. Mit verschlafenen Augen begrüßte er die drei als gute Bekannte und machte zunächst seine Witzchen mit ihnen. Er glaube übrigens nicht, daß der Herr Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit halte er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle jedenfalls nachsehen.

Indessen gingen die Möllers in der Prallsonne auf und ab. Unter dem schweren Zylinder Fritzens rannen große Tropfen und perlten dem Burschen über die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien immer schwerer werden zu wollen. Fritz nahm denHut auf ein paar Minuten ab, aber da brannte ihm die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit einem Fluch setzte er das Ungetüm wieder auf.

Albert war mit überlegender Miene vor der Veranda stehen geblieben. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und die Augen halb geschlossen, wie immer, wenn er in Gedanken war.

„Was grübelst du denn, Albert?“ fragte Bertold.

„Ach,“ entgegnete dieser lächelnd, „ich dachte so ’n bißchen nach. Das alte Herrenhaus ist gut gebaut. Mauern wie Festungswälle und Balken von Eisen. Das wäre leicht auszubauen. Die Lage ist wie geschaffen für das Sanatorium.“

„Der Baron wird dir was pusten,“ meinte Fritz, und Albert erwiderte trocken: „Bar Geld lacht!“

August kehrte zurück. Der Herr Baron säße schon wieder am Schreibtisch, aber er hätte nicht viel Zeit; es wäre ihm lieb, wenn es rasch ginge. Und dann führte er das Dreiblatt in das große, kahle, gewölbte Gemach, in dem der Baron zu arbeiten pflegte.

Er saß in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines Tisches, mitten unter Haufen von alten Folianten und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung umgaben. Und rechts von ihm saß Hedda, aber auf keinem gewöhnlichen Stuhl, sondern auf einem halben Dutzend übereinandergestapelter Foliobände von Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoße hatte sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und suchte für den Alten Vokabeln auf. Es war wundervoll kühl im Zimmer, und ein angenehmes Dämmerlicht herrschte, da die Läden vor den Fenstern geschlossen waren. Hellstern rauchte wieder seine Pfeife, doch es war nicht so schlimm wie sonst, und in die Tabaksatmosphäre mischte sich ein zarter Rosenduft, der dem großen Buschen entströmte, den Hedda auf eine Ecke des Schreibtisches gestellt hatte: ein hübsches Symbol blühender Gegenwart mitten unter dem Moderhauch der Vergangenheit, der aus den altenChroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen schien.

Hedda nickte den Männern freundlich zu, und Hellstern rief ihnen gleich entgegen:

„Tag, Möllers! Ich weiß schon! Wegen der Quelle – nicht wahr? Kinder, laßtmichmit der Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!“

Albert war sehr betroffen; Bertold rückte an seiner Brille, und Fritz machte ein dummes Gesicht und glättete mit dem Ärmel seinen Zylinderhut.

„Herr Baron,“ begann Albert endlich, „Sie werden uns doch wohl wenigstens anhören wollen –“

„Anhören – meinetwegen,“ grunzte der Freiherr. „Aber bitte, kurz, Kinder – ich habe den Kopf voll. Ihr hättet’s auch, wenn ihr euch mit dem schindludermäßigen alten Latein ’rumärgern müßtet –“

„Papa,“ fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein.

„Ach so – entschuld’ge – du bist ja auch da! – Nanu vorwärts, ihr Herren!“

Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert begann abermals seinen Vortrag – dasselbe, was er Schellheim erzählt hatte, und Bertold und Fritz nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie oben auf der Terrasse des Auschlößchens.

Hellstern hörte geduldig zu und grunzte nur zuweilen leise auf, wenn ihm irgend etwas nicht gefiel. Schließlich fragte er, seine Pfeife aus dem Munde nehmend:

„Was erzählt ihrmirdas denn eigentlich alles?! Soll ich vielleicht auch ein paar Aktien nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon, wenn ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen mich, meine lieben Herren; ich habe kein Geld – gar keins – und für eure Quellenspekulation erst recht keins!“

„Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr Baron,“ antwortete Albert. „Wir wollen bloß Ihren Namen – nichts weiter.“

„Namen?! Wozu – was heißt das – Namen?!“

„Ich versteh’ schon,“ fiel Hedda ein, und nun wandte sich Albert mit Lebhaftigkeit an die Baronesse.

„Das ist doch ganz einfach, gnädiges Fräulein,“ sagte er, sich zu ihr hinabneigend. „Es ist eine große Sache, die der ganzen Menschheit nützen soll – nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts Schwindelhaftes. Aber der Welt muß man dasklarmachen, sonst glaubt sie’s nicht. Und wenn der Name des Herrn Barons an der Spitze des ersten Konsortiums prangt –“

Er kam aber nicht weiter. Hellstern stieß ihn mit der Spitze des Pfeifenkopfs in die Seite.

„Sie, lieber Möller,“ fiel er ein, „bemühen Sie sich nicht weiter! Ich mache so ’ne Geschichte nicht. Mein Name ist kein Aushängeschild –meinernicht! Aber wenn’s schon ein Adeliger sein soll – ’s gibt ja leider genug adeliges Proletariat im Lande –, vielleicht finden Sie sogar ’nen Grafen –“

„Aber, Herr Baron,“ schnitt ihm Albert das Wort ab und hob die Hände, was der dicke Fritz ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an der Debatte zu beteiligen, „es handelt sich ja doch umIhrenNamen, nicht um einen beliebigen – und auch um IhrePerson! Ihr Geschlecht sitzt hier ja hundert Jahre oder länger, was weiß ich – und Sie sind überall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern, sind mit dem Herrn Landrat befreundet und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag, bei den Synoden, den Kreisverhandlungen – du lieber Gott, das ist alles sehr wichtig für uns! Und wir wollen das ja auch nicht umsonst haben – Sie sollenmitbei der Sache verdienen –, wir kaufen Ihnen Ihr Haus ab und machen ein Sanatorium daraus ...“

Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch, daß es dröhnte.

„Sie sind wohl des Teufels, Möller?!“ schrie er. „Ich bin froh, daß ich meine vier Wände behalten konnte, – hier will ich auch sterben! Bauen Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf den Baronshof kommt mir kein fremdes Volk! Ich lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der Inschrift: ‚Kurgästen ist der Eintritt verboten.‘ Oberlemmingen war immer ein gesunder Ort, – aber mit eurer verdammten Quelle zieht ihr die Krankheiten mit Gewalt her. Es ist kein Vergnügen, lauter leidende Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft wird verpestet werden, und die Bazillen werden nur so umherschwirren. Hübsche Aussichten – ich danke ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch helfen, meinen Namen hergeben als Köder, als Lockvogel – prost Mahlzeit, da seid ihr an den Falschen gekommen!“

Die drei Möllers schauten verdutzt vor sich nieder. Eine so rücksichtslose Abweisung hatte keiner von ihnen erwartet. Ihre unglücklichen Gesichter erweckten ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie klappte ihr Lexikon zu und sagte:

„Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so. Es muß doch überlegt werden. Vielleicht kommen die Herren noch einmal wieder –“

„Nein!“ schrie der Alte erbost. „Ich will nichts mehr hören! Ging’ es nach mir, so würde die Quelle wieder zugestopft. Ich glaub’ nicht an ihren Segen!“

„Das ist jedermanns Sache, Herr Baron,“ erwiderte Albert, „zu glauben, was er selbst will. Wirhoffenetwas von der Quelle –“

„Ein gutes Geschäft hofft ihr – das lockt euch!“

„Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen. Aber wir gewinnen nicht allein. Ganz Oberlemmingen wird aufblühen –“

„Oder zugrunde gehen!“ rief der Baron dazwischen. Sein braunes Gesicht war noch dunkler geworden. „Ich kenn’ euch doch, Kinder, – mir macht ihr nichts weis! Ihr kümmert euch den Geierum die andern, wennihrnur eure Taschen füllen könnt! Und ich sehe kommen, wie’s werden wird – ganz genau! Will’s Glück euch wohl und die Quelle wirft wirklich Geld ab – ’s fließt doch nur zu euch! Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner durchbrechen kann, und die kleinen Leute bleiben draußen stehen und lassen die Zunge aus dem Halse hängen und hungern weiter!“

Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem Kopfe. Sie fand, daß der Vater unnötig hart sei, und dies Wort sprach Albert auch aus.

„Das klingt sehr hart, Herr Baron,“ sagte er, „und ich glaube auch, daß dazu kein Grund vorliegt. Wir habenSieja doch aufgefordert und den Herrn Kommerzienrat drüben auch –“

„Und soundsoviel andre dito – nämlich die, die ihr zuvörderst braucht, ohne die ihr die Sache nicht in Szene setzen könnt. Denn ihr allein seid hilflos. Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid mit einer Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne dankend ab.Dixi. Im übrigen – ich habe keinen von euch kränken wollen – aber ihr kennt ja meine Art. Und nun adje, Kinder!“

Er streckte den Möllers die Rechte entgegen. Hedda nickte ihnen zu und rief Fritz noch nach:

„Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch nichts bestimmt?“

Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt, riß ihn aber schleunigst vom Kopf. Er wurde rot und lächelte breit. „Nein, gnäd’ges Fräulein,“ antwortete er, „noch nichts. Es hat ja noch Zeit.“

Und dann wendete sich auch Albert noch einmal herum und fügte hinzu: „Wir woll’n mal erst abwarten, gnäd’ges Fräulein.“

Sie gingen.

„Grobian,“ sagte Bertold draußen.

„Der Kommerzienrat ist anders,“ bemerkte Fritz. „Mir schmeckt noch seine Zigarre.“

Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben.Er packte die Brüder mit beiden Händen an den Rockklappen.

„Das merk’ ich mir,“ sagte er halblaut, in verbissener Wut. „Und wenn’s mir ein Vermögen kosten sollte, – das Herrenhaus bring’ ich an mich. Hier soll der Alte nicht sterben – oder der Teufel müßt’ ihn gerade schon in den nächsten drei Jahren holen!“ –

Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen.

„Immer gleich bullern, Vater,“ meinte sie. „Man kann doch auch in Ruhe mit den Leuten sprechen.“

Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament quer über den Tisch.

„Kann man nicht!“ schrie er zurück; „sonst tät’ ich’s!“

„Gut. Aber überlegen kann man.“

„Wieso? Was überlegen?“

„Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinnütziges schaffen kann.“

Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich nieder über den Folianten rechter Hand. „Steck die Nase ins Buch,“ befahl er grob. „Was heißtmyrobalanum?“

Hedda schlug nach, antwortete aber nicht.

Der Alte schrieb eine Zeile weiter und schaute auf. „Nun – hast du’s?“

„Ja,“ erwiderte Hedda, „aber ich sag’ es nicht.“

„So behalt’s für dich!“

Und wieder schrieb er weiter und wieder stockte seine Feder. „Hedda, ich will wissen, wasmyrobalanumheißt! Das muß ein blödsinniges Wort sein – ich finde keine Bedeutung heraus.“

„So laß es doch, Vater,“ erwiderte Hedda gleichmütig.

„Gib mir das Lexikon ’rüber, zum Schwerenot!“

„Nein, Vater, – erst mußt du mich ganz sanft um einen Kuß bitten.“

Da flog ein seliges Leuchten über das gerbbraune Gesicht des Brummbärs; er warf die Feder hin und breitete beide Arme aus.

Die Ernte war eingebracht worden, und zugleich mit dem Sedantage wurde das Erntefest gefeiert. Es sollte diesmal ganz besonders großartig zugehen, da es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats war, von dessen freigebiger Hand man sich viel versprach. Auf dem Baronshof hatte man nie viel Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die Ernte gut ausgefallen, so gab es ein paar Achtel Bier und Schnaps, waren die Zeiten schlecht, so gab es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der Tat gar nichts gegeben.

Die halbe Nacht über hatten Frauen und Mädchen an ihrem Putz und am Erntekranz gearbeitet. Das war eigentlich kein Kranz, sondern eine Krone: Ähren, Blumen und bunte Bänder über ein Holzgestell geflochten, das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut hatte.

Daneben hatten die Musikanten viel mit den Proben zu tun. Sie probten unter der Leitung des Kantors in der Schulstube, daß man es durch das ganze Dorf hören konnte. Es waren freilich nur fünf Mann: Fritz Möller, der das Bombardon blies, dann Anton Tengler, der Sohn von „Schlippermilch“, der junge Raupach und zwei Knechte vom Augut. Noten kannte keiner; sie spielten alle zusammen nach dem Gehör, und zwar so lange, bis es einigermaßen klang. Und da der Kantor das feinste Ohr im Dorfe besaß, so mußte er immer die Entscheidung fällen. Die beiden Knechte waren unter seiner Fuchtel aufgewachsen und ließen sich demzufolge auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten der Banda. Sie bliesen des Sonntags die Posaunen in der Kirche, die der hochselige Baron, der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der Gemeinde geschenkt hatte. Das hörte sich ganz hübschan, mitten unter dem Orgelspiel, und wenn sie einmal falsch bliesen, so störte es auch nicht, weil es keiner merkte.

Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt, am leichtesten zu regieren, aber die drei andern wollten sich durchaus nichts sagen lassen. Der Kantor schwur jedesmal Stein und Bein, daß er sich um diese Mordsmusik nie wieder kümmern werde, doch bei der nächsten Gelegenheit war er gutmütig genug, abermals „die Direktion“ zu übernehmen. Am störrigsten war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewöhnlich mit dem rechten Fuße mit und zählte dabei in Gedanken so lange, bis die Reihe an ihn kam. Und rechnete er einmal falsch und blies den andern in die Musik hinein, so behauptete er, Tengler habe nicht aufgepaßt, oder Raupach sei zu spät eingefallen, oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen. Ausreden hatte er immer. Man hatte übrigens nur drei Stücke auf dem Repertoire: „Heil dir im Siegerkranz“, „Nun danket alle Gott“ und einen Marsch. Das genügte auch. Zum Tanze am Abend kam doch der alte Vietz aus Wallwitz mit noch einem Geiger.

Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt hatte. Die freien Bauern beteiligten sich an der Cour vor dem Herrn nicht, sondern wohnten nur dem Tanze bei, währenddessen auch sie zuweilen einen Taler für ein neues Achtel springen ließen. Aber als Bläser hatte Fritz schon seit Jahren mitgewirkt. Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das ungeheure alte Bombardon so zu meistern wie der starke Fritz. Das Bombardon war gleich den Posaunen Gemeindeeigentum; man wußte nicht recht, wo es herkam. Jedenfalls mußte es bereits hoch an Jahren sein und war wahrscheinlich französischen Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein Mensch mit gewöhnlichen Lungen entlockte dem gelben Ungetüm keinen Ton, höchstens einen leisen, kreischendenWimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblähten Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und mauernerschütternd. Und deshalb sollte er auch dieses Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte sich; er war plötzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich nicht mehr für ihn. Aber der Alte redete ihm zu: man mußte gewisse Rücksichten auf den Kommerzienrat nehmen.

Gewiß, die Möllers hatten allen Grund dazu. Schellheim hatte Albert eines Tages die ihm übergebenen Schriftstücke in bezug auf die Quelle zurückgeschickt und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache interessiere ihn doch nicht so, wie er anfänglich gemeint hätte, auch erfordere sie zu große Opfer, und was der ablehnenden Redewendungen mehr waren. Das war schlimm. Albert war ganz verzweifelt. Er nahm zwar immer noch den Mund voll und wiederholte jedem, der es hören wollte, daß er eine „Bank hinter sich“ habe. In Wahrheit aber hatte die Frankfurter Produktenbank, ein kleines Institut unter ängstlicher Oberleitung, ihn bereits abgewiesen, nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert ähnlich ergangen; es war ersichtlich, man traute dem einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert furchtbar; er war wütend. Er sah ein, daß er die Sache unmöglich allein durchführen konnte, daß er eines kreditschaffenden Namens bedurfte. Und so wandte er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber bisher noch keine Entscheidung erhalten.

Dieser zweite September war ein wundervoller Tag. Es lag schon etwas wie ein leiser Herbsthauch in der Luft; in dämmernder Frühe sah man über dem Grün des Dorfangers und an den Brombeerbüschen schneeweißen Altweibersommer hängen, und der Tau war über Nacht so stark gefallen, daß die Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche Odem hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphäre war wonnig rein; man sah die Oderbergein vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar das Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen.

Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger sammeln. Die Musikanten waren die ersten, nur Fritz Möller fehlte noch. Dann kamen die Knechte und Mägde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker waren und in Lohn und Arbeit bei Schellheim standen. Auch einige Bauerntöchter beteiligten sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren; allerseits waltete das Bestreben vor, dem diesjährigen Erntefest einen großartigen Anstrich zu geben.

Die Mädel hatten sich schön gemacht; es flatterte und leuchtete von bunten Bändern. Und dies Bandwerk, das beliebteste Putzmittel, das man für wenige Groschen beim Krämer kaufte, verlieh selbst den ältesten und verwaschensten Kleidern das Aussehen heiterer Neuheit. Hinter der Musik schritt der Älteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er auf langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern. Braumüllers Liese sollte den Vers sprechen; sie war ein dickes Mädchen mit hübschem, dummem Gesicht und hatte schreckliche Angst, daß sie beim Aufsagen der Reime stecken bleiben würde. Hundertmal hatte die Mutter sie überhören müssen, aber über die Stelle: „Wünschen wir einen heiligen Lohn“ stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin Dörthe Klempt gebeten, ihr zu soufflieren, und Dörthe hatte auch von Hedda Erlaubnis erhalten, sich am Zuge beteiligen zu dürfen.

Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch mit seinem Bombardon. Im Glanze der Morgensonne rangierte sich der Zug. Auch die Burschen trugen Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder einen Strauß Ähren im Knopfloch. Überall ruhte heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange Pfeife im Munde, neben ihm seine Frau, an jeder Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor warneugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit den dunkeln, eigentümlich leuchtenden Augen wurde am Fenster sichtbar. Mitten auf dem Platze hatte eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man sah die Thielemann, das Weib des Krämers, die alte Maracken, deren zahnloser Mund noch böse klatschen konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche Witwe aus Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und gern klagte, wie unglücklich sie sich fühle, weil sie einen so ungebildeten Mann geheiratet habe. Auch die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, mit ihrem geisterhaften Gesicht und den schwarzen Traumaugen.

Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz:

„Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze bleibt! Es wird doch nu Zeit!“

Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe ein eifriges Klatschen.

„Dem sitzt die Quelle im Kopf,“ meinte die Thielemann, und die Maracken nickte und fügte hinzu: „Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch über, die ganzen Möllersch ...“ Und dann ließ man kein gutes Haar an den Möllers. Aber die Braumüllern hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre Tochter pantoffelte sie – jedes Wort von der Liese war Befehl für sie. Sie lief, was sie konnte, und ihre fettstrotzende Körperlichkeit schwankte förmlich.

Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. Sie schlug vor, man sollte ruhig anrücken und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen.

So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die Musik schwieg, weil das Bombardon noch fehlte, aber die Burschen jubelten und schwenkten ihre Hüte und machten derbe Witze mit den Mädeln.

Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche und Friedhof, an den Gehöften von Langheinrich, Tengler und Raupach, die alle vor der Tür standen,vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu läuteten die Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte die Luft mit schwingenden Akkorden.

Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke, stockte der Zug. Dörthe hob ihre Kleider auf und sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf Fritz, der eben erst dabei war, sich ein reines Hemd anzuziehen. Er stand mitten in der Schankstube, und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal kam er zu spät.

Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu räsonnieren. „Was stehst du denn da und hältst Maulaffen feil?“ eiferte sie. „Immer faß zu! Hole das Halstuch – ’s liegt obenauf in der Kommode – im zweiten Schubfach!“

Auch Fritz räsonnierte, während er eiligst in die Weste fuhr, zuerst natürlich verkehrt, was ihn noch wütender machte.

„Vater, mein Bombardon!“ schrie er. „Draußen in der Küche – ich hab’ es geputzt! Und bring meinen Hut mit! – Heiliges Donnerwetter, ich habe ja nicht gedacht, daß es schon so spät ist! – Nun hab’ ich die Weste schief zugeknöpft! Gib das Halstuch her, Dörthe!“

Während er das Tuch vor dem Spiegel knüpfte, trat Albert ein. Er lebte jetzt halb in Oberlemmingen, halb in Frankfurt. Seinem blassen, brummigen Gesicht sah man die Fehlschläge seiner Hoffnungen an.

„Du, Fritz,“ sagte er, „wenn der Kommerzienrat von der Quelle anfangen sollte – sei vernünftig! Red keinen Unsinn! Überlege jedes Wort!“

„Werd’ schon,“ erwiderte Fritz, sein Haar bürstend. Liese Braumüller und Anton Tengler kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein paar der alten Weiber folgten. Die halbe Stube war gefüllt. Die Maracken schaute neugierig durch den Türspalt.

Fritz brüllte, das Weibsvolk möge sich hinausscheren. Dann schimpfte er wieder, weil ihm der Scheitel nicht gelingen wollte. Schließlich stürmte er, unter beständigem Fluchen, in die Küche, tauchte den Kopf in eine Schüssel voll Wasser, rieb ihn mit dem ersten besten Tuche ab, das ihm in die Hände fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging.

Dörthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen das riesenhafte Bombardon haltend, über das sie den Zylinderhut mit dem Bronzeton gestülpt hatte.

Fritz war glücklich, daß er endlich fertig war. Er nahm das Bombardon und blies mächtig hinein, um den draußen Wartenden zu verstehen zu geben, nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nähe begannen anzuschlagen; die große Katze, die neben dem Kochherd lag, sprang ob des entsetzlichen Tons mit einigen gewaltigen Sätzen davon, und der ganze Zug schrie „Hurra!“

„Ein langweiliger Peter!“ sagte Albert unter der Haustür zu seiner neben ihm stehenden Mutter. „Aus dem wird nie was!“

„Glaub’s auch nicht,“ antwortete die Alte.

Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, und das große Bombardon klang wie eine Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen. Langsam bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle Kinder aus Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, johlend und singend.

Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. Schellheim und die Rätin hatten bereits auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. Über die Balustrade der ersten Terrasse lugten die neugierigen Gesichter der Dienerschaft.

Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie ein leichtes Schmerzempfinden, als die Musik näher und näher kam; ihrem feingebildeten Ohr dünkte der kriegerische Marsch wie ein ungeheurer Korybantenlärm. Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht.Der Zug nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich; man sah, wie über die den Luftstrom aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen das Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen unfreiwillig-komischen Eindruck. Der schöne Zylinder, über dessen sanften Bronzeton die Sonne glitt, saß ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn vor Hitze und Anstrengung und erschien wie gebadet. Er war so im Eifer, daß er das Schlußzeichen übersah, das Tengler gab, und so stieß er noch ein paar schmetternde Töne aus, während die andern schon schwiegen, und setzte das Instrument erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in den Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes Gesicht; er hatte nicht gedacht, daß es schon zu Ende wäre.

Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die Augen zu Boden gesenkt, voll brennender Verlegenheit, monoton sprechend, wie sie es beim „Aufsagen“ in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten Händen. Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr immer wieder aus. An der Stelle: „Wir wünschen der Herrschaft einen heiligen Lohn“ versprach sie sich mehrfach, sagte erst „leiligen Hohn“ und raspelte dann noch längere Zeit an den Worten herum, ehe sie das rechte fand. Dabei schossen ihr die Tränen in die Augen.

Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der mit im Zuge war, ein stämmiger Mann, der Markuse hieß und deshalb immer „Jüd“ genannt wurde, obschon er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der brachte ein Hoch auf die gnädige Herrschaft aus, worauf die Musikanten einen Tusch bliesen und dann merkwürdigerweise „Heil dir im Siegerkranz“ anstimmten.

Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen war, wie er nach Landesbrauch die Ovation beantworten sollte, auf einen guten Gedanken. Er gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseitsund ließ sodann, an den Sedantag und seine glorreichen Erinnerungen anknüpfend, in einer geschickten Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben. Wieder fielen die Musikanten ein und bliesen hierauf, ihrem Repertoire getreu, „Nun danket alle Gott“.

Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert aus. Eine Predigt konnte er doch nicht halten. Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute möchten sich einen vergnügten Abend machen. Und dann zog er diesen und jenen ins Gespräch, während die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar freundliche Worte an Liese Braumüller richtete.

Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als Schellheim ihn sah, stutzte er und fragte:

„Herr Möller – nicht wahr?“

„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ antwortete dieser.

Schellheim zupfte an seiner Weste.

„Hören Sie mal, mein lieber Herr,“ fuhr er fort, „Ihr Bruder – der ältere ist es, glaub’ ich – hat mir da mehrfach wieder geschrieben – wegen der Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bißchen. Na – um ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich mich der Sache annehmen, aber – aber ich muß freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?“

„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ erwiderte Fritz, vollständig überzeugt, „freie Hand –“

„Sonst kann ich nämlich nichts machen, so gut wie gar nichts. Sagen Sie Ihrem Bruder, er möchte mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat – es eilt ja nicht.“

„O, der hat schon Zeit,“ sagte Fritz unklug, mit strahlendem Gesicht, überglücklich darüber, daß die Angelegenheit nun ins Rollen kommen werde. „Der lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!“

„So!“ entgegnete dieser kurz und ging weiter.

Fritz war in so großer Aufregung, daß er den Heimweg kaum erwarten konnte. Er galt als der „dumme Junge“ in der Familie, wurde von allenvon oben herab behandelt und trotz seiner physischen Kräfte bei jeder Gelegenheit unterdrückt. Und nun wareres, der die frohe Botschaft ins Haus bringen konnte, daß der Kommerzienrat eingewilligt habe, sich der Quellenangelegenheit anzunehmen. Er beschloß, den Angehörigen vorzulügen, daßerden Kommerzienrat überredet und „breitgeschlagen“ habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten, war er denn doch nicht; er wollte sich schon Respekt verschaffen.

Der Rückmarsch in das Dorf währte ewig lange für den Ungeduldigen. Er blies in sein Bombardon, daß man es noch in Kerbitschau hören konnte, eine Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen Jubel blies er in die alte Tuba, die sich geschmeichelt zu fühlen schien und das jauchzende Herz ihres Trägers in eine donnernde Tonfülle übersetzte. Die drei Repertoirestücke kamen hintereinander an die Reihe. Auf dem Dorfanger schwenkte der Zug in Frontstellung ein, und dann ging man auseinander.

Dörthe suchte ihren Vater auf.

„Das gnäd’ge Fräulein hat mir deine Rechnung bezahlt, Vater,“ sagte sie. „Mach die Hand auf! Einundzwanzig Mark achtzig – aber die Deichsel am gelben Wagen mußt du noch mal nachsehen, die klappert noch immer.“

„Ein altes Stück Holz kann ich nicht mehr neu machen,“ entgegnete Klempt und steckte das Geld ein. „Gehst du am Abend zu Tanze?“

„Ja – ich darf, aber ich soll um Mitternacht wieder zu Hause sein.“

„Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen. Sei vernünftig, Dörthe – daß du mir keine Dummheiten machst! Ich weiß, wie’s beim Erntefest zugeht.“

Dörthe lachte. „Habe doch keine Bange, Vater! Nee – ach du lieber Gott! So bin ich nicht wie die Liese! ... Vater, du siehst immer noch blaß aus. Du hätt’st nicht bei der Hitze mitlaufen soll’n!“

„Ich weiß, was richtig ist. Der Kommerzienrat ist mein Brotherr. Nun geh – vielleicht springst du noch mal zu uns ’ran, eh’ du in den Krug machst!“

„Werd’ sehen!“ rief Dörthe und eilte davon, daß ihre Röcke flogen. Es war Mittagszeit, und sie mußte auf dem Baronshof in der Küche helfen. –

Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit großen Schritten nach dem Kruge zurückgekehrt. Hier stand der alte Möller auf einer Leiter und nagelte zur Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bändchen aus rotem und blauem Seidenpapier durchflochten war.

„Nu sind wir so weit, Vater!“ rief Fritz dem Alten entgegen.

„Was hast du gesagt?“ fragte dieser von der Leiter herunter, drei große Nägel zwischen den Zähnen haltend.

„Nu sind wir so weit,“ wiederholte Fritz. „Mit der Quelle. Der Kommerzienrat ist dabei. Ich habe ihn breitgeschlagen. Albert soll zu ihm kommen.“

Der Alte wäre vor freudigem Schreck beinahe von der Leiter gefallen. Er nahm die Nägel aus dem Munde und sagte dreimal hintereinander: „Donnerwetter!“ Dann kletterte er rasch herab und stürzte Fritz in das Haus nach.

Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht glauben. Es schien ihm unfaßlich, daß der dumme Junge, der Fritz, Schellheim „breitgeschlagen“ habe. Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz los. Er erzählte unsinniges Zeug, aber das Endresultat blieb dasselbe: Albert sollte auf das Auschloß kommen – bei Gelegenheit – „es eile nicht“....

Albert überlegte.Ihmeilte es. Er wollte sogleich hinauf. Nein, nicht sogleich, riet der Alte, das sehe zu pressiert aus. So gegen Abend vielleicht – und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege.

Der Erstgeborene nickte lächelnd. Solche gute Ratschläge brauchte er nicht. Er nahm sich vor, amSpätnachmittag auf das Auschloß zu gehen. Fritz brüstete sich. „Ich habe ihn breitgeschlagen,“ war sein drittes Wort.

Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner Frau ein, einer kleinen, mageren, schwarzen Person von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war in nicht minder großer Aufregung als Albert. Er war zu sehr Geschäftsmann, um es nicht schmerzlich zu empfinden, daß das geplante Unternehmen sich nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von der Sache und träumte Tag und Nacht davon. Besonders das eine Traumbild: ein großer Basar in dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein würde, und der schon durch seine ganze Anlage jede Konkurrenz ausschließen sollte – ein Basar mit blitzenden Spiegelscheiben und großstädtischen Auslagen und der weithin leuchtenden Firma:„Maison Mœller“. Jawohl –„Maison Mœller“wollte Bertold künftighin firmieren; das gab der Sache einen internationalen Schliff und lockte auch die Ausländer an, die das Bad besuchen würden.

Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die Schankstube war frisch mit Sand bestreut worden. Rings um die Wände zog sich eine große Girlande aus Eichengrün, gleichfalls mit Rosabändchen aus Seidenpapier verziert. Ebenso hatten die Bilder des Königspaares Kränze erhalten. Freilich stellten diese Bilder – ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken übersäte Lithographieen – noch Friedrich Wilhelm IV. und die Königin Elisabeth dar; aber der alte Möller meinte, das schade nichts. König bleibt König. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich ein Kaiserbild kaufen; vorläufig genügt Friedrich Wilhelm IV. Wenn das Gespräch darauf kam, vergaß Möller nie zu erzählen, daß er Friedrich Wilhelm IV. einmal persönlich gesprochen hatte. Damals war gerade die Chaussee nach Posen eröffnet worden, und der König fuhr mit dem Minister von Selchow einige Dörfer ab, die der neue Verkehrswegberührte. Und so kam er auch nach Oberlemmingen. Möller, derzeit ein stattlicher junger Mann, war Schulze und empfing ihn an der Barbebrücke, den berühmten Zylinderhut, den nun der Fritz geerbt hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den langen, mit schwarz-weißem Band umflochtenen Schulzenstab. Der König ließ halten und sprach einige Worte mit Möller, und schließlich fragte er auch, ob Acker und Feld ihre Schuldigkeit täten, und ob man zufrieden sei. Möller erwiderte furchtlos: „O ja, Majestät, das schon, aber wenn man bloß die Steuern nicht wären!“ Und da hatte der König gelacht und war weitergefahren.

Wenn der Alte davon erzählte, wurde er stolz. „Das hab’ ich dem König gesagt,“ erklärte er, „und wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er sich’s doch. So ’n König weiß ja gar nicht, was wir für Steuern zahlen müssen, wenn man’s ihm nicht mal sagt ...“ Die Steuern waren das Klagelied Jeremiä der Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beiträge für die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und dann die Gemeindelasten: Kirche und Schule und vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten die Wege grundlos werden und Kirche und Schule verfallen können. Die Steuern fraßen einen langsam auf ...

Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglöhner und Bauernjungen, die sich an dem arbeitslosen Tage langweilten und nicht wußten, wie sie die Zeit totschlagen sollten. Die Tische waren in der Schankstube beiseite gerückt worden, dicht an die Stühle und Bänke längs der Wände heran, so daß der Mittelraum für den Tanz frei blieb. Man forderte Bier. Dörthe war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten, etwas früher zu kommen, damit sie mithelfen könne. Und das tat sie gern. Sie fühlte sich dann schon halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den sie einmal einnehmen würde. Heute sollte es übrigens zur Entscheidung kommen. Die Verlobung war nochnicht veröffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot noch nicht erfolgt. Die alten Möllers sprachen noch immer dagegen und, wie es Dörthe schien, auch Albert und Bertold. Nun wollte sie aber aus dem Ungewissen heraus. Alle Mädel im Dorfe neckten und foppten sie bereits, Liese Braumüller vorweg, die es auch auf Fritz abgesehen hatte und sich nun Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so weiter. Und deshalb war Dörthe, ehe sie nach dem Kruge gegangen, noch einmal zu ihrem Vater herangesprungen und hatte ihn gebeten, noch an diesem Abend die Entscheidung herbeizuführen. Klempt wollte anfänglich nicht; er war nicht gern im Kruge; bei seiner Menschenscheu ängstigte er sich auch, der Gesamtfamilie Möller entgegenzutreten. Und sicher waren sie heute alle zusammen. Aber Tante Pauline unterstützte Dörthe. Es müsse zum Klappen kommen, erklärte sie; es liege sowieso genug Unheil in der Luft. Drei Nächte hintereinander hatte sie von einer schwarzen Henne geträumt, die wild mit den Flügeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und so sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen sieben im Kruge sein.

Dörthes Herz hämmerte stark, während sie in geschäftiger Eile dem alten Möller die Gläser abnahm, in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den Schnapsschank, und Mutter Möller machte sich in der Küche zu schaffen, während Bertold mit dem Förster und einem Eleven Schellheims im Extrazimmer politisierte. Dörthe merkte, daß der Alte guter Laune war. Er hatte sie einmal um die Taille gefaßt und ihr gesagt, das Kleid mit den roten Punkten kleide sie gut, – er werde ihr, wenn er das nächste Mal nach Zielenberg komme, ein dazu passendes Halstuch mitbringen. Das machte das Mädchen ganz glücklich. Ihre Liebe zu dem dicken Fritz war der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen hielt sie sich von den andern fern und vermied es, sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden,wenn die Arbeit vorüber, zwischen den Heuhaufen auf den geschorenen Wiesen und den Buchen an der Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei Mondschein gewöhnlich das Kichern der Dirnen und das helle Lachen der Liese Braumüller hören konnte, die überall dabei sein mußte. Ihr, der Dörthe, konnte kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen Naivität ihrer sittlichen Anschauung war sie doch stolz darauf.

Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz mit seinem Geiger hatte sich verspätet. Man schimpfte auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo betrunken im Graben. Es war dumm, daß die heimische Banda nur ihre drei Stücke konnte und nicht einmal einen Tanz darunter; sonst hätte man es mit Blechmusik versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke und begannen eine Polka zu pfeifen. Liese Braumüller und Anton Tengler tanzten danach; einige andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging nicht recht – man kam immer wieder aus dem Takt. Da erhob sich draußen Kindergebrüll. Vietz kam endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht, in dem nur die große Kartoffelnase rötlich schimmerte, war in der Tat so betrunken, daß er sich kaum aufrecht halten konnte. Sein Partner, der Geiger, hatte ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn vorwärts. Das war keine Kleinigkeit, denn der Geiger, ein schmächtiges Kerlchen, schleppte auch noch den Baß seines Patrons. Alle Kinder waren hinter den beiden her und johlten und jubelten. Vietz schien das zu amüsieren; sein ganzes Gesicht lachte. Aber plötzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte mit beiden Fäusten und griff schließlich in den Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf die Köpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem Geheul auseinander.

Fritz erschien unter der Haustür. Er machtekurzen Prozeß, denn er wußte, wie Vietz zu behandeln war. Er packte ihn einfach an Kragen und Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte ihn hier in eine Ecke. Dann wurde ihm der Baß zwischen die Beine geschoben, und der Geiger nahm neben ihm Platz.

„Nu feste gespielt, Vietz,“ sagte Fritz ernst; „immer nach drei Tänzen kriegt Ihr ein Glas Bier. Aber wenn Ihr’s schlecht macht, gibt’s gar nichts!“

Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es los. Der Geiger fiedelte, und Vietz kratzte auf seinem Baß herum: es war eine höllische Musik. Der Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst schnell zu Ende zu kommen, während sein Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch auf das Vergnügtsein der Tanzenden hatte das verschiedene Tempo keinen Einfluß. Die Paare wirbelten im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte, man drängte sich und chassierte aneinander vorüber, lachte, lärmte und tollte und unterhielt sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die Luft wurde schwül, ein trüber Dunst stieg zu der niedrigen Decke auf. Die Möllern öffnete ein Fenster.

Draußen im Garten spielten Braumüller, der Schulze, Raupach, Langheinrich und noch ein paar eine Partie Kegel. Man hörte durch das offene Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe Rollen der Kugeln und das polternde Geräusch der stürzenden Kegel.

Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte in der Luft herum und zog die Nase kraus.

„Braumüller,“ rief sie zum Fenster hinaus, „das gibt wohl noch was – he?!“

„Alle neune!“ schrie in diesem Augenblick der Angerufene. „Dundersaxen, Langheinrich, du bist ein verflixter Kerl!“ ... Und dann schaute er gleichfalls zum Himmel und nickte der Möllern zu. „Ja,das gibt noch was, Mutter Möllern! Das wird ’n bißchen brummlich da hinten!“ ...

Albert war schon vor zwei Stunden nach dem Auschloß gegangen. Es war merkwürdig, daß er noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte, um mit dem alten Möller und Fritze zu reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur dann und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im Herumschwenken hörte sie zuweilen den Ruf der Möllern aus der Küche oder das kurze, befehlende „Dörth’!“ des Alten, der, in jeder Hand ein paar frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand. Mit heißem Gesicht und wogender Brust stürzte sie dann von ihrem Tänzer fort, um wieder die Gäste bedienen zu helfen.

Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete noch ein zweites Fenster, denn die Luft war zum Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen nur ein verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln und Burschen hatte sich um Vietz geschart, der ihnen mit heiserer Stimme das Lied vorsang:


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