Chapter 4

»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend Lucy, »lassen Sie ihn das gute Werk vollbringen,und – wenn Sie sich uns Allen als ein recht lieber, lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur dießmal, den armen, armen Jungen von so fürchterlicher Strafe zu erretten.«

»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer unschlüssig, »ich will ja gewiß Alles von Herzen gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude gewähren kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie dem armen Teufel geholfen werden soll. Sind ihm die Verfolger so dicht auf den Fährten wie er sagt, dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, und in dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, wäre es für ihn unmöglich zu entfliehen. Hier im Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange zu verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine offene Gemach, was Sie haben, bietet nirgends auch nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.«

»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs. Draper schnell, »das wird ihm durchhelfen; einen mit dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.«

»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben weder Schreibzeug, noch Papier, selbst das Stückchen Bleistift, was in dem alten Haus über dem Kamin stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens nirgends finden.«

Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken von einem der Sprechenden zum andern gestarrt, und seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten schien, barg er zitternd das Antlitz in den Händen, und wenn auch kein Laut, kein Schluchzen die Stille unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, der ihn durchbebte.

»Hier muß Rath geschafft werden!« rief der alte Draper jetzt, und ging mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab, »Ben muß fort, und ein Paß, das seh' ich ein, ist dazu unumgänglich nöthig. So mag er denn hier im Haus verborgen bleiben, bis ich ihm den herbeischaffen kann; ich will noch heute zum Squire Mapel reiten und Tinte und Papier holen.«

»Aber das ganze County ist schon in Aufregung,« flehte in Todesangst Ben, »der, der mich heute verfolgte, wußte ebenfalls von dem, einem weißen Manne gegebenen Schlag; zweimal hätte er mich niederschießen können, aber er schrie fluchend, er wolle mich lebendig haben, um mich schmoren zu sehen; sie sind zum Fürchterlichsten entschlossen.«

»Halloh! da drüben!« schallte plötzlich eine Stimme von der andern Seite der niedergehauenen Bäumeherüber, und gleich darauf übertäubte, wie bei Hennigs Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern Anruf.

»Das ist mein Verfolger!« stöhnte Ben und sank, die Hände gefaltet, in Verzweiflung auf einen Stuhl nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren Blutes, die durch die dünne Jacke gequollen waren, hängen blieben.

Der alte Mann trat indessen in die Thür, beschwichtigte mit einem Wort die Hunde, die, der Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den fremden Tönen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage an den späten Gast hinüber:

»Wer ist da, und was wollt Ihr?«

»Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist eigentlich noch nicht da; denn er steckt hier in einem undurchdringlichen Gewirr von allem Möglichen, und weiß nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller Welt ist nur der Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf dem, wo ich hergekommen bin, liegen wenigstens zwanzig Klafter Holz!«

»Seid Ihr allein?« frug Draper zurück.

»Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine ganze Menge kommen, ich traf sie nicht weit von hier, und sie redeten davon, bei Euch zu übernachten.«

»Ich komme gleich, Pitt,« rief Draper ihm zu, »bleibt nur einen Augenblick da halten, Euer Pferd könnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,« und damit warf er die Thüre wieder in die Klinke und trat in das Innere seiner Hütte zurück.

»Es ist zu spät!« sagte er eintönig, als er mit starrem Blick auf den unglücklichen Knaben niedersah, »sie werden hier sein, ehe wir im Stande sind, auch nur einen vernünftigen Rettungsplan zu ersinnen, viel weniger auszuführen.«

»Wenn er sich nun draußen im Walde versteckte?« frug schüchtern Sally, »ich will ihm ja recht gern Speise und Trank bringen; morgen früh gelingt es dann vielleicht, dem Armen zu helfen.«

»Nein, das ist unmöglich, die Hunde würden ihn dort nicht unbeachtet lassen; überdieß bringen die Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich sind, auch auf jeden Fall ihre Rüden mit, und dann wäre seine Entdeckung unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht, wie ihn meine eigenen Bärenfänger so unbelästigt hereingelassen haben.«

»So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten!« sagte Sally plötzlich, »dort mag er liegen, bis sich irgend ein Ausweg für ihn gefunden hat, und wenn es bis morgen früh wäre.«

»Das ist das Einzige; Höll' und Teufel, Pitt wird ungeduldig da drüben, ich muß ihn holen; so versteckt ihn denn schnell, und möge Gott geben daß er dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name für Missouri dahin, und ich muß selbst der Rache seiner Bürger entfliehen.«

Tief aufseufzend verließ er die Hütte, seinen heute so unwillkommenen Gast herein zu holen, während die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager für den armen Gemißhandelten bereiteten und es, zwischen den Betten und durch einen mit Kleider überhangenen Stuhl, so verdeckten, daß, wenn nicht eine wirkliche und hier keineswegs zu befürchtende Haussuchung Statt fand, sein Lager von den in der Hütte befindlichen Personen sicherlich nicht gesehen werden konnte, da sich auch schon ohnedieß keiner der Amerikaner neugierig einer Stelle zugedrängt hätte, die der »Damen-Schlafplatz« war.

Bald darauf erreichte der späte Besuch den kleinen, vor dem Hause befindlichen, offenen Platz, sprach dort einige Worte, seines Pferdes wegen, mit Draper, und betrat dann, schon von draußen den Frauen einen guten und freundlichen Abend hereinrufend, das Innere des jetzt durch ein selbstgegossenes Licht erhellten Raumes.

Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen, mit so blonden Haaren, daß er sie oft selbst im Scherz »Isabellfarben« nannte, dazu mit großen blaugrauen Augen und gewöhnlich in einen Pfeffer- und Salz-farbenen Oberrock eingeknöpft. So gemüthlich er aber auch sonst in manchen Sachen sein mochte, so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und Rinder hielt, die er sich nie überarbeiten ließ, so sehr haßte er die Neger, und behandelte seine eigenen Sclaven, wenn er sie auch gut »fütterte,« wie er es nannte, stets mit der größten Verachtung. Die Sclaven der ganzen Nachbarschaft fürchteten ihn auch ungemein, haßten ihn aber wohl noch mehr und nannten ihn überall nur den »Niggerfresser.«

Und doch war dieser Mann ein ganz guter Bürger, ehrlich und rechtschaffen in all seinem Thun und Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch eigenen Fleiß, ein gar nicht unbedeutendes Vermögen erworben.

Seinem Ehrgeiz war übrigens dadurch Genüge geschehen, daß ihn sein »Township« zum Friedensrichter, und zwar damals noch ernannt hatte, als die Aufregung für General Harrison selbst bis in den fernen Westen drang; er rühmte sich auch seines eifrigen Whigthums und schwärmte natürlich für HenryClay, und besonders für Frelinghuysen, der, seiner Aussage nach, der frömmste Mann der Welt sei und eher verdiente, Präsident, als nur Vicepräsident zu werden.

Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und hing dabei so eifrig an der Kirche, daß er schon einmal, als er sich bei einer großen Betversammlung befand, wo der andächtig harrenden Gemeinde gemeldet wurde, der plötzlich krank gewordene Prediger könne nicht kommen, selbst, unvorbereitet, den Rednerstuhl bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen Gesticulationen den Leuten erzählte, wie's ihm eigentlich ums Herz sei. Man wollte ihn später allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit sein Leben ausschließlich zu weihen, Mr. Pitt zog es aber vor Friedensrichter zu bleiben, und behauptete, vielleicht nicht ganz ohne Grund, »als Laie die Eingeborenen viel mehr in Erstaunen setzen zu können, als wenn er aus der heiligen Sache eine wirkliche Profession mache«. Dabei war er höchst ritterlich und gefällig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle, von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort ertragen mußte; ja, er hatte sogar selbst, vor noch nicht so langer Zeit, bei einer Entführung in St. Louis thätigen Antheil genommen. Wenn er aberauch gern von dieser Sache sprach, so verfehlte er doch nie dabei die Bemerkung zu machen, daß das vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in Thätigkeit getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil, eine solche ungesetzliche Handlung mit jeder ihm zu Gebote stehenden Macht verhindern würde.

Mr. Pitt trat also in die Thüre der Hütte, und reichte, sich nicht mit dem allgemeinen »guten Abend, Ladies,« begnügend, noch jeder der Damen insbesondere die Hand, führte dabei auch so total allein das Wort und erkundigte sich so angelegentlich nach dem Befinden und Wohlergehen seiner »neuen Nachbarn« (sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), daß er die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese befanden gar nicht bemerkte, sondern geschäftig einen der Stühle zum Kamin schob (und zwar mit dem Rücken gegen die Thür, also den Betten mehr zugewandt), von dem aus er an Draper und Hennigs indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit richtete.

Draper war übrigens selbst zu aufgeregt, um sich in eine Beantwortung derselben einzulassen, und frug nur seinerseits, wobei er freilich einen Augenblick benutzen mußte, in dem der würdige Mann gerade Athem schöpfte, wen er noch von Fremden im Waldegetroffen habe, was diese getrieben und wann sie hier eintreffen würden.

»Stop, Sir – stop!« schrie der Kleine und drehte sich in komischer Verzweiflung nach ihm herum, »das sind eine Menge verschiedener Artikel, die erst geordnet und dann einzeln vorgenommen werden müssen. Vor allen Dingen, Ladies, fürchte ich, daß Ihr Raum heute ein wenig beschränkt werden wird; denn acht Mann kann ich sicher anmelden, die noch vor Ablauf einer Stunde hier eintreffen werden. Das heißt, eigentlich nur sieben, da Einer von ihnen hier schon ganz behaglich und warm am Feuer sitzt und sich ungemein freut, daß er aus den bösen Dornen und Ranken da draußen heraus ist. Dieser Eine, meine theuren Ladies, den ich Ihnen die Ehre habe in meiner unbedeutenden Person vorzustellen, wird nun auch wohl morgen noch hoffentlich das Vergnügen genießen, in Ihrer Gesellschaft zu bleiben; denn ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie ebenfalls beabsichtigen der Betversammlung beizuwohnen; die dort aufgehäuften Kleider sind wahrscheinlich schon dazu bestimmt, Ihren holden Gestalten einen womöglich noch höhern Reiz zu verleihen.«

»Wer waren aber die Anderen?« unterbrach ihn ungeduldig der Alte.

»Wer die Anderen waren?« wiederholte lächelnd der kleine Friedensrichter; »die Blüthe des Staats, der Stolz und Schmuck unseres und des benachbarten Countys, lauter wackere Farmer, wie berittene Nimrode, mit ihren Büchsen und Hunden. Apropos, Draper, habt Ihr den Wolfshund noch, den Ihr von Hilbert damals kauftet? das war ein famoses Poppy, muß einmal ein prächtiger Hund werden.«

»Waren die Männer auf der Jagd?« mischte sich Hennigs jetzt in das Gespräch.

»Jagd? ja,« sagte der Kleine; »aber ganz besondere Jagd – Hochwild – Menschenfleisch!«

»Menschenfleisch?« riefen die Frauen entsetzt.

»Erschrecken Sie nicht, meine Damen, es war weiter nichts als ein weggelaufener Nigger,« lächelte der gemüthliche Friedensrichter, »vielleicht haben sie ihn jetzt schon und bringen ihn dann gleich mit her.«

Keiner im Haus antwortete ihm auch nur eine Sylbe darauf, und der Geschwätzige fuhr plaudernd fort:

»Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen, neulich einmal einen seiner Neger exemplarisch abstrafen müssen; der Strick war am lieben Sonntag mit seinen ganz neu gekauften Sachen, wie er selber sagte, in den Fluß gefallen –«

»Großer, allmächtiger Gott! deßhalb hat er ihn gezüchtigt? das ist die Ursache gewesen?« schrie Draper entsetzt.

Pitt sah ihn erstaunt an. »Nun,« sagte er, »das wäre allerdings eine Ursache gewesen, ihn zu strafen, und er hat auch wohl seine Tracht Schläge deßhalb bekommen; von der Strafe aber, von der ich spreche, war es nur ein entfernterer Grund; denn die Canaille hatte sich auch noch dabei erkältet und konnte nun ihre Arbeit nicht ordentlich verrichten. Wallis ist ein wenig hitzig und ich weiß nicht recht, wie alles später gekommen, so viel aber ist gewiß, Ben, der Junge, hatte eine trotzige Antwort gegeben und mußte dafür, wie sich das auch von selbst versteht, büßen. Da denken Sie sich nur, überfällt er neulich seinen eigenen Herrn, schlägt ihn mit einem Axtstiel, an dem glücklicher Weise die Axt fehlte, zu Boden und – entflieht. Aber weit wird er nicht kommen, Hilbert ist ihm heute Nachmittag hier ganz in der Nähe begegnet, hatte aber unglücklicher Weise seine Hunde nicht bei sich und verlor, nicht weit von dem Hurricane[5]seine Fährte. Gleich darauf traf er übrigens die zur Verfolgung des Niggers ausgezogenen Männer, und nun wollen sie, da diese noch mehr Hunde mitbrachten, den Hurricane ordentlich abtreiben und nachher hierher kommen und hier übernachten. Sie bleiben vielleicht im Wald, es sieht aber heute Abend wie Regen aus, und da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«

[5]: Hurricane werden in den westlichen Wäldern auch die, durch einen Hurricane oder Orkan niedergeworfenen Waldstrecken genannt, die oft, wenn sie besonders erst einige Jahre gelegen haben, wirklich undurchdringliche Dickichte bilden.

»Aber Ladies, Sie lassen mich die Unterhaltung ganz allein führen; es spricht ja keine von Ihnen auch nur ein Wort.«

»Wir müssen an's Abendessen denken, Sir,« sagte die Matrone, »wenn wir so viele Gäste bekommen, so werden sie, für die anderen Unbequemlichkeiten denen sie ausgesetzt sind, doch wenigstens etwas Warmes zu essen haben wollen; bis wann können sie wohl hier sein?«

»Wird nicht mehr so lange dauern, gar nicht mehr so lange dauern,« sagte der Kleine, und zog die Augenbraunen bedeutsam in die Höhe, »in höchstens drei Viertelstunden können sie Alles abgesucht haben, der Hurricane ist nicht so übermäßig groß, und die Hunderace, die sie mit sich führen, vortrefflich. Die Mutter von Eurem Wolfshund ist auch dabei, Draper. Uebrigens kann es auch sein sie finden denBurschen gleich, und dann halten sie sich weiter gar nicht auf.«

Draper und Hennigs hatten leise einige Worte gewechselt und der letztere nahm jetzt seinen Stuhl auf und trug ihn an die entgegengesetzte Seite des Kamins, während er zugleich Mr. Pitt bat ihm dahin zu folgen, damit die Damen nicht so viel in dem Ab- und Anrücken ihrer Kochgeräthschaften gehindert würden.

Mr. Pitt folgte sehr eilfertig dem ausgesprochenen Wunsch, ergriff seinen Stuhl an der Lehne und trug ihn weiter herum, faßte sich aber plötzlich erschreckt an die Tasche seines Rockes, fühlte dort etwas, und besah sich dann am hellen Kaminfeuer die gegen dieses ausgestreckte linke Hand.

»Blut!« rief er überrascht und schaute sich nach dem Stuhl um, auf dem er eben gesessen, Mrs. Draper aber sprang schnell hinzu, wischte mit einem alten Tuche die Lehne ab und sagte mit vor Angst und Bestürzung halb erstickter Stimme:

»Ach, sein Sie nicht böse, Mr. Pitt; Lucy – bekam heute so plötzliches Nasenbluten; wir haben die Flecken gar nicht gesehen –«

Hennigs bog sich leise zu Sally hinüber und flüsterte lächelnd:

»Erinnern Sie doch Mutter einmal wieder an das Kapitel von der Nothlüge!«

»O bitte sehr, bitte sehr!« rief der artige Friedensrichter, »hat gar nichts zu sagen, so süßes Blut kann mir nur angenehm sein; bitte, geniren Sie sich nicht, ich habe selbst ein Taschentuch; es ist ja bloß ein unbedeutender kleiner Flecken. Ich erschrak nur so im Anfang, als ich das Nasse an der Hand fühlte, weil ich glaubte, ich hätte heute beim Reiten eine kleine Dintenflasche zerdrückt, die ich in der Rocktasche trage; das wäre mir allerdings fatal gewesen; denn für meine hellen Bein- – meine hellen Kleider würde eine solche Anfeuchtung von bösen Folgen gewesen sein.«

»Sie haben Dinte bei sich?« rief Hennigs schnell, und sprang in der Erregung des Augenblicks von seinem Stuhle, auf den er sich eben wieder niedergelassen empor.

»Ich? allerdings; befremdet Sie das? ja, hier im Walde ist Dinte allerdings ein seltener Gegenstand, ich bin deßhalb auch genöthigt sie überall mitzuführen; denn komm' ich einmal in ein Haus und muß etwas schreiben, so kann ich mich fest darauf verlassen, daß erstlich keine Dinte in fünf Meilen im Umkreis zu bekommen, und das einzige Papier der Schmutztitelirgend eines verräucherten Buches ist, der vorerst herausgenommen werden muß. Im allergünstigsten Falle steckt dann noch über dem Kamin ein alter, halbverbrauchter Truthahnflügel, dem eine hineingedorrte Feder durch Gemeinkraft sämmtlicher Familienglieder entzogen, und mit dem Jagdmesser des Mannes oder gar der Schere der Frau nothdürftig geschnitten wird, und dann ist das Schreibzeug fertig. Nein, darauf kann ich mich nicht einlassen, ich muß mein »Handwerkszeug« besser in Ordnung haben, und da trage ich denn immer eine kleine steinerne Kruke, wie etwas Papier und einige Federn bei mir.«

Hennigs war indessen einige Mal schnell im Zimmer auf und abgegangen und blieb plötzlich neben dem Stuhle des Redseligen, der in allem Eifer das Fläschchen hervorgeholt hatte, stehen.

»Mein bester Herr!« sagte er, freundlich dabei die Hand auf dessen Schulter legend, »da könnten Sie der Mrs. Draper einen recht großen und vielleicht einen doppelten Gefallen thun!«

»Wer? ich?« rief Mr. Pitt, sich schnell nach der erwähnten Dame umdrehend: »mit dem größten Vergnügen, was ist es? was steht zu Diensten?«

Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herüber, dieser aber ließ ihr gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern,und fuhr zu dem Friedensrichter gewendet, fort:

»Die Damen wünschten gern eine Abschrift des kleinen, von Ihnen gedichteten geistlichen Liedes zu besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht, weil ich ihnen vor einiger Zeit einen Vers desselben aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber hier in derselben Lage befinden, wie die übrigen Ansiedelungen, die Sie uns eben so treffend schilderten, nämlich ohne jegliches Schreibmaterial, so möchte ich Sie jetzt im Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran knüpfen, mir die Verse langsam vorzusagen, daß ich sie gleich auf der Stelle nachschreiben könnte.«

»Meine Damen, Sie beschämen mich wirklich durch die freundliche Nachsicht, mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche beehrt haben!« schmunzelte der kleine Mann, während er in größter Geschäftigkeit seine Taschen auskramte und in wenigen Secunden eine große Brieftafel, ein kleines Pennal und die eben wieder zurückgeschobene Dintenflasche zum Vorschein brachte, was er Alles auf den Tisch stellte und dann seinen Stuhl neben denselben rückte, das Licht mit den Fingern putzte, seine Brille abwischte und jede Vorbereitungtraf, um das gewünschte Gedicht augenblicklich selbst niederzuschreiben. Daran verhinderte ihn aber Hennigs, indem er wie scherzend das Pennal an sich nahm und dem Richter versicherte, »er würde unter keiner Bedingung zugeben, daß er selbst seine überdieß schon so schwache Augen bei dem düstern Scheine des flackernden Talglichtes anstrenge.«

»Nein,« fuhr er in seinen Einwendungen fort, »lassen Sie mich einmal meine, wenn auch von der Führung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich indessen mir gegenüber an den Tisch, dann haben die Damen auch noch den Genuß des Vortrags und brauchen nicht müßig zuzusehen.«

Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten und hielt die zusammengefalteten Hände fest, fest auf das Herz gepreßt, als ob sie die Angst, die ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und zurückdrängen wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefaßt und blickte starr und mit halb geöffneten Lippen, aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach dem Geliebten hinüber, und nur Sally, das sonst so muntere, leichtsinnige Mädchen, hatte die fürchterliche Entscheidung des Augenblicks nicht ertragen können und war hinaus vor die Thür gegangen, wo sie denKopf in der Schürze barg und sich dort recht nach Herzenslust ausweinte.

Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen, plauderte mit dem Friedensrichter – während dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und aus dem Pennal eine geschnittene Feder nahm – lauter tolles Zeug, erzählte ihm, wie sie in Louisiana immer auf Magnoliablätter geschrieben und in Tenessee Dinte aus Pulver und Indigo gemacht hätten, legte dann, als er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten Dichters überwunden hatte, der nur immer noch selber zu schreiben wünschte, das weiße Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder, feuchtete diese einmal im Mund an und sagte, sich behaglich auf dem Stuhle zurechtrückend:

»So? jetzt bin ich fertig, nun schießen Sie los!«

Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann zitterte vor innerer Aufregung so gewaltig, daß die lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb ruhig und gleichmüthig, und lächelte sogar still und heimlich vor sich nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich im Stuhl zurückgelehnt, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Höh', auf die Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andächtig der Decke und einer Anzahl dort aufgehangenergeräucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit monotoner, singender Stimme begann:

»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«

»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«

»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«

»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,

Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«

»Halt! nur nicht so schnell,« bat Hennigs, »ich komme ja sonst nicht mit – verzeih' mir –«

– »o Herr, meine Sünden?«

Draper trat hinter Hennigs Stuhl und las, was dieser schrieb; auf dem Papier stand:

»Der Träger dieses, Scipio –«

»Also weiter – ich hab' es.«

»Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dirErbarmen und Sühnigung finden.«

»Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dirErbarmen und Sühnigung finden.«

»Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dirErbarmen und Sühnigung finden.«

»Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dir

Erbarmen und Sühnigung finden.«

Hennigs schrieb weiter: »geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen Eltern –«

»Haben Sie: Sühnigung finden?« frug der Friedensrichter, schob sich die Brille herunter und blickte nach dem jungen Manne hinüber.

»Gleich, gleich – Sühnigung finden – so, nur weiter.«

»Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

»Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

»Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

»Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,

Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

declamirte Mr. Pitt, warf einen freundlichen Blick nach der über ihn hingebeugten Mrs. Draper hinauf, seufzte einmal tief auf, und wiederholte:

»Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

»Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

»Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

»Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«

– »nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß« – schrieb Hennigs.

»Haben Sie das?« frug wieder der Richter.

»Ja, – Erlaubniß –«

»Wie?« sagte Mr. Pitt, und blickte zu ihm auf.

»O, nichts,« erwiederte schnell gefaßt der junge Mann, »es hatte sich ein Haar in die Feder geklemmt, also – Knecht!«

»Ja, – warten Sie einmal, nun bin ich herausgekommen, – schlechtester, sündigster Knecht,« murmelte er vor sich hin, »ach ja, jetzt hab' ich's:

Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,So weise mich, Herr, denn zurecht –«

Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,So weise mich, Herr, denn zurecht –«

Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,So weise mich, Herr, denn zurecht –«

Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,

So weise mich, Herr, denn zurecht –«

– »weise mich, Herr, denn zurecht,« repetirte Hennigs und beendete indessen den Paß Benjamin's mit dem Wort: »erhalten;« setzte den fingirten Namen Peter Rollins mit dem gestrigen Datum darunter, und faltete das Papier zusammen.

»Halt! ich bin noch nicht fertig,« rief da der würdige Friedensrichter aus, dem diese Bewegung nicht entgangen war, »das sind nur die zwei ersten Strophen, nun kommen fünf in einem andern Rhythmus, und dann wieder drei Schlußverse. Schreiben Sie also weiter:

»Ich will Dir, du treuer HirteEin getreues Schaf auch sein,Führe denn mich heil'ger Vater,den ew'gen Schafstall ein.«Und wenn mir –

»Ich will Dir, du treuer HirteEin getreues Schaf auch sein,Führe denn mich heil'ger Vater,den ew'gen Schafstall ein.«Und wenn mir –

»Ich will Dir, du treuer HirteEin getreues Schaf auch sein,Führe denn mich heil'ger Vater,den ew'gen Schafstall ein.«

»Ich will Dir, du treuer Hirte

Ein getreues Schaf auch sein,

Führe denn mich heil'ger Vater,

den ew'gen Schafstall ein.«

Und wenn mir –

Und wenn mir –

aber Sie schreiben ja gar nicht.«

»Nur die beiden ersten Verse fehlten Ihnen, nicht wahr, Mrs. Draper?« sagte Hennigs, und stand von seinem Stuhle auf.

»Ja, Sir, es waren nur die beiden,« stammelte die Matrone, und sie wußte jetzt, daß Hennigs Auge fest auf ihr haftete; das Blut strömte ihr quellend in Stirn und Schläfe, und der Athem verging ihr fast vor Angst um den Unglücklichen, vor Scham über die ausgesprochene Lüge.

»Also die andern Verse haben Sie? nun, warten Sie, ich sage sie Ihnen noch einmal vor, dann können Sie, wenn etwas daran nicht richtig sein sollte, es ändern. Zeigen Sie mir nur erst einmal was Sie geschrieben haben,« und er streckte seinen Arm nach dem Papier aus, das Hennigs mit auf den Tisch gestützter Hand locker zwischen den Fingern hielt.

Dieser aber schien es gar nicht zu bemerken; mit vorgebeugtem Körper, starr und regungslos stand er da, die linke Hand lauschend hinter das Ohr gehalten;er horchte einem entfernten Geräusch, und hatte für den Augenblick seine ganze Umgebung vergessen.

Mr. Pitt nahm indessen das Papier herüber, öffnete es, schob sich die Brille wieder nieder, und schien dann erst das sonderbare Benehmen des jungen Mannes zu bemerken.

Die Bewohner der Hütte standen entsetzt; warf der Friedensrichter nur einen Blick in die Zeilen, die er geöffnet in der Hand hielt, so waren sie entdeckt.

»Hennigs!« rief der alte Mann, und faßte seinen Arm.

»Mr. Hennigs!« sagte Pitt, und hielt das Innere der Linken gegen das Licht, um, von diesem nicht geblendet, ihn besser betrachten zu können. Das rief den Träumenden aber mit Gedankenschnelle in seine Umgebung zurück; er blickte den Fremden an, sah den Paß in dessen Hand, und riß ihn mit keckem Griff aus seinen Fingern.

»Mr. Hennigs!« rief überrascht der Richter.

»Ich muß tausendmal um Verzeihung bitten, Sir,« entschuldigte sich jener, verlegen lächelnd, »doch das, was ich hier geschrieben habe dürfen Sie wahrhaftig nicht lesen, es ist zu schlecht, Sie haben zu schnell gesprochen, und ich mußte mich so eilen; warten Sie noch wenige Minuten, und ich will esin's Reine schreiben, nachher mögen Sie sich überzeugen, daß auch ein Backwoodsman manchmal keine so üble Feder führt, und den Schulmeister nicht braucht, wenn er Jemandem einen Brief schicken will.«

»Was hatten Sie denn aber eben? Sie starrten ja vor sich nieder, als ob Sie einen Geist sähen?« frug, dadurch beruhigt, Mr. Pitt.

»O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung,« erwiederte jener, »mir war es nur, als ob ich irgend ein fremdartiges Geräusch vernahm, und ich konnte nicht recht herausbekommen was es war. Halt – da wieder; hören Sie nichts?«

Draper sprang an die Thür und riß sie auf, und deutlich drang jetzt der Ruf von fernen Stimmen an ihr Ohr, als ob Leute über einen Fluß hinüber die Fähre anriefen.

»Da sind sie,« sagte der Kleine, sprang auf und griff nach dem an der Wand hängenden Blechrohr, das in fast allen amerikanischen Blockhütten dazu benutzt wird, die Arbeiter zum Essen aus dem vielleicht weit entfernten Felde zu rufen. Die Töne dieses langen, geraden Hornes schallen ungemein weit, und man kann sie mit günstigem Winde, und besonders über das Wasser hin, oft Meilen weit hören.

Mr. Pitt schloß nun auch ganz richtig, daß dieJäger, von der Dunkelheit überrascht, die einzeln und mitten im Walde liegende Hütte nicht hatten finden können, und nun durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit der Bewohner zu erwecken gedachten, damit diese durch irgend ein Zeichen, durch einen abgefeuerten Schuß, oder den Ton eben solchen Hornes ihren Aufenthalt verriethen. Er nahm denn auch ohne weitere Umstände das Instrument vom Nagel, trat in die Thüre und ließ nun nach jener Richtung hin so durchdringende, klagende Laute ertönen, daß die Hunde mit kurzem Gebell zuerst eine Art Protest gegen solche Musik einzulegen schienen, dann aber, vielleicht durch das Weiche der Melodie gerührt, ein so fürchterliches, wehmüthiges, markzerschneidendes Geheul ausstießen, daß Mr. Pitt erschreckt mitten in seinem nicht mehr Solo einhielt, den Bestien einen Augenblick zuhörte, und dann kopfschüttelnd sagte:

»Ist nun einem lebendigen Christenmenschen schon so etwas in seinem ganzen Leben vorgekommen?«

Nichtsdestoweniger setzte er seine musikalischen Uebungen fort, und Hunde und Friedensrichter vereinigten sich jetzt zu einem so ohrzerreißenden Concert, daß der Wald ordentlich lebendig zu werden schien, und sämmtliches zahmes Hausvieh, als da war, drei Ferkel und etwa ein halbes Dutzend Hühner, dieersteren ihr Lager mieden und grunzend, die Seiten an einander gedrückt, herbeiliefen, und die anderen mit den Flügeln schlugen und nicht übel Lust zu haben schienen, eine so unruhige Nachbarschaft zu verlassen.

»Hier ist der Paß,« rief Hennigs jetzt schnell, und drückte das Papier dem alten Draper in die Hand.

»Der Träger dieses, Scipio, geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen Eltern nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß erhalten.«

»PeterRollins.«

»Wer ihn anhält und nicht persönlich kennt, wird ihm kein Hinderniß weiter in den Weg legen; doch muß er noch in dieser Nacht fort.«

»Aber wie? der Richter steht in der Thüre und in wenigen Minuten haben wir das Haus so voll Menschen, daß ein Entrinnen für ihn zur Unmöglichkeit wird.«

»Auch dazu wird Rath werden; geben Sie ihm nur einen alten Rock und eine Mütze – schnell – der Richter hat aufgehört zu blasen, ich will ihn zu mir hinausrufen. Wenn ich den Eulenruf nachahme, muß Ben rasch hinausgleiten; er soll dann zu mir hinter das Haus kommen; ruhig jetzt, er dreht sich wieder um.«

Mr. Pitt hatte allerdings seine Lungen pausirenlassen und die Bearbeitung des Instrumentes eingestellt, keineswegs waren aber die Hunde gesonnen, sich so schnell und plötzlich über das Gehörte zufrieden zu geben. Ein junges Thier, und zwar eben der schon früher erwähnte junge Wolfshund, heulte Sopran, und schien den Ton anzugeben, denn nach jedesmaliger kurzer Pause fiel er stets zuerst wieder ein, und ihm folgte augenblicklich ein alter blinder Schweißhund inE moll, wornach denn die übrige Schaar, als ob sie nur auf das Angeben der Tonart gewartet hätte, im wilden, disharmonischen Chor einfiel und nicht eher aufhörte, bis auch der letzte Vorrath von Luft und Lunge und Kehle erschöpft war.

Mr. Pitt versuchte nun zwar sein Bestes sie zur Ruhe zu bringen, schimpfte, drohte, und warf sogar einzelne Späne und Holzstücke, die vor der offenen Thüre lagen; das hatte aber weiter nichts zur Folge, als daß sie jetzt sämmtlich gegen ihn Front machten, und zwar die Köpfe ihm seitwärts zugedreht, um jedem etwaigen, nach ihnen geschleuderten Wurfgeschoß schnell genug ausweichen zu können, sonst aber fuhren sie in ihren entsetzlichen Accorden ruhig fort.

»Laßt's gut sein, Sir,« tröstete ihn jetzt Hennigs, als der kleine Friedensrichter halb lachend, halb ärgerlichwieder in der Thüre erschien, »ich will sie schon zum Schweigen bringen.«

»Ruhig, ihr Bestien!« schrie er dann mit Donnerstimme, als er eben vor das Haus getreten war, »ruhig, oder ich drehe euch die Hälse um!« und eine dort lehnende Stange ergreifend, fuhr er mit so gut gemeinten und links und rechts ausgetheilten Schlägen zwischen sie hinein, daß sie nach allen Seiten auseinander stoben und sich winselnd theils in den Wipfeln der umhergestreuten Bäume, theils unter dem Hause verkrochen. Hennigs aber blieb jetzt einen Augenblick auf die Stange gestützt und wie in tiefen Gedanken stehen; da schreckte ihn der näher und näher kommende Lärm der Jäger, das entfernte Bellen von Hunden aus seinem Sinnen empor. Er warf den Blick schnell umher, ergriff den noch neben dem Hause liegenden Sattel und Zaum, trug beides hinter dasselbe und rief nun mit leisem Pfiff sein gehorsames Poney herbei.

»Nun, Madame, werden Sie gleich Einquartirung bekommen,« sagte der Friedensrichter, während er sich schmunzelnd die Hände rieb und zum Feuer trat, an welchem Lucy und Sally jetzt eifrig beschäftigt waren, die verschiedenen, schnell hinzugerückten Lebensmittel zu vertheilen. – »'s wird freilich knapp hergehen hierin dem engen Zimmerchen, man kann sich das aber Alles eintheilen. Lieber Gott, in Arkansas lagen wir einmal Siebenzehn in einem Raume, der, wenn nicht noch kleiner, auf jeden Fall keinen Zoll breit größer war, als dieser hier. Draper macht wohl schon sein Lager da zwischen den Betten zurecht? ja, ja, werden jedes Eckchen und Winkelchen benutzen müssen; die Bursche sind wie das wilde Heer. Ob sie den Neger nur haben? hoffentlich doch, hol der Henker eine solche schwarze Bestie, schlägt ihren eigenen Herrn! Ei, wenn da nicht einmal ein Exempel statuirt wird, dann wäre man ja seines Lebens selbst nicht mehr sicher und müßte sich wahrhaftig fürchten die eigenen Dienstboten zu züchtigen. Wie ich gehört habe, wollen sie zusammenlegen und den Eigenthümer wenigstens in etwas schadlos halten.«

Mr. Pitt hatte sich jetzt wieder halb dem Feuer und halb Mrs. Draper zugekehrt, und diese hielt ihre Augen auch fest auf die seinigen gerichtet, aber kein Wort vernahm sie von alle dem, was er ihr mit so bedeutender Zungengeläufigkeit erzählte, ihr Ohr lauschte dem Rauschen der Kleidungsstücke, dem unterdrückten Flüstern ihres Mannes, und sie sah jetzt plötzlich, wie sich die Gestalt des jungen Sclaven leise und vorsichtig emporhob.

»Weiß nur der liebe Gott wo die Männer so lange bleiben,« unterbrach sich jetzt selbst der kleine Mann, indem er einen Schritt vom Kamine zurücktrat und nach der Thüre sah. »Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder, der ist ihnen wahrscheinlich entgegen; wo ist denn Mr. Draper?«

»Hier, Sir,« antwortete dieser und trat einen Schritt vor, dicht hinter ihm stand der Neger, und die geringste Bewegung hätte ihn dem Friedensrichter verrathen; die nächste Minute mußte überhaupt das Schicksal des Verfolgten entscheiden.

Da schlugen wiederum die Hunde an, es waren die Jäger, die ebenfalls, wie vor ihnen Hennigs und Pitt, durch den ziemlich begangenen Pfad herbeigelockt, an der Grenze der niedergeworfenen Bäume hielten und das Haus anriefen. – Mr. Pitt wollte in die Thüre treten, geschah das, so wurde es zu einer Unmöglichkeit, den Neger hinauszulassen, und er war dann rettungslos verloren.

Draußen ließ sich der klagende Ruf einer Eule hören.

»Bester Mr. Pitt!« rief da Lucy plötzlich, »dürft' ich Sie wohl einmal bitten, mir den schweren eisernen Topf hier auf die Kohlen zu heben, ich kann ihn wahrlich nicht regieren und unsere Gäste kommen schon.«

»O, mit dem größten Vergnügen, mein Fräulein!« rief der bereitwillige Friedensrichter und sprang schnell hinzu, lehnte sich mit dem linken Arme gegen den über den Kamin hinlaufenden Querbalken, und griff mit der Rechten in die von Lucy schnell in den Henkeln des Gefäßes befestigten Topfhaken.

»Sehen Sie, mein Fräulein, das ist gar nicht so schwer, allerdings etwas zu massiv für eine Dame; aber – doch wo wollen Sie ihn denn hin haben? auf die brennenden Scheite? die müßten wohl erst ein wenig zusammengeschoben werden.«

»Ach bitte, bester Mr. Pitt, halten Sie ihn nur zwei Secunden, die Klötze haben sich verschoben, warten Sie, ich richte sie gleich zurecht.«

Lucy rückte mit dem Schüreisen die im Kamine liegenden Brände, und Friedensrichter Pitt hielt indessen, dicht über die Glut gebeugt, den schweren Topf, daß sich ihm das Antlitz immer röther färbte und der Schweiß in großen Tropfen auf seine Stirn trat.

Hinter seinem Rücken glitt eine, in einen braunen Ueberrock gehüllte Gestalt, den schwarzen Filz tief in die Augen gedrückt, zur Thüre hinaus, strich um die nächste,derentgegengesetzten Ecke, wo sich die Hunde befanden, und verschwand in der Finsterniß hinterdem Gebäude. Draper folgte ihr hinaus vor die Thüre.

»So, Sir, jetzt nur dahin; ah, das ist recht, es ist Ihnen wohl sehr sauer geworden?« sagte mit mitleidigem Tone das schöne Mädchen, und es war ihr in diesem Augenblick, als ob sich eine Centnerlast von ihrer Brust wälze.

»O bewahre, bewahre,« erwiederte der galante Richter und benutzte augenblicklich die nun freigewordenen Hände, sein Taschentuch hervorzuholen und sich die tropfende Stirn damit abzutrocknen; »nicht mehr als gern geschehen, das Feuer meint's übrigens gut – blitzmäßig heiß. – Wo bleiben denn aber nur die Jäger? aha, können auch nicht durch die Baumwildniß vor dem Haus, das geschieht ihnen recht, warum reiten sie nicht herum, bis sie einen Eingang finden; habe mir auch meinen Weg suchen müssen.«

Draper stand indessen vor der Thüre seiner Wohnung und starrte in die dunkle Nacht hinein, von drüben her schallten die Stimmen seiner Nachbarn, die fluchend und lachend herüberschrieen, daß er ihnen den geheimen Pfad zum warmen Heerde zeigen möchte, und hinter dem Hause raschelte es in den Zweigen und er vernahm leises Flüstern. Schnell schritt er diesem zu. Hennigs stand vor dem Neger, der seine Handerfaßt hatte und sie trotz dem Sträuben des jungen Mannes inbrünstig an die Lippen drückte. Der arme Knabe konnte vor Schluchzen kaum reden und wollte sich immer wieder zu den Füßen seines Retters niederwerfen.

»Unsinn,« sagte dieser und schob ihn von sich, »mach jetzt schnell, daß Du fortkommst, sonst wird's zu spät; meine Adresse hast Du, das Pferd schickst Du mir nach St. Louis zurück.«

»Euer Pferd?« frug Draper schnell.

»Er kann nicht anders fort!« flüsterte Jener. »Doch nun schnell, sonst wird's beim ewigen Gott zu spät! Kannst Du reiten?«

»Den wildesten Hengst, der je einen Reiter abwarf,« lautete die Antwort.

»Desto besser, Du hast's vielleicht nöthig, aber – schone mir das kleine Thier, wenn's irgend geht; es ist ein so gutes Poney wie eins in den Staaten und – mein einziges; aber alle Teufel, da kommen die Reiter herum; Pest und Gift, wir haben so lange gezögert, bis sie uns auf dem Kragen sitzen. Was nun thun? Willst Du jetzt fort, so müssen sie Dir begegnen; der einzige Ausweg hier ist kaum dreißig Schritte breit.«

Der Neger stand wenige Secunden lauschend still,doch das immer näher kommende Galloppiren der Hufe ließ keinen Zweifel mehr übrig; was geschehen sollte, mußte schnell geschehen, und mit kühnem Sprunge schwang sich der Sohn Afrika's in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand und preßte die Flanken des kleinen, ungeduldig stampfenden Poney's. Im nächsten Augenblick überflog es einen vor ihm liegenden umgestürzten Futtertrog und wollte eben in den schmalen Pfad einlenken, der von hier aus allein durch das Gewirr von Aesten und Zweigen führte, als von dorther ein lauter Jubelruf drang und gleich darauf ein in ein helles Jagdhemd gekleideter Reiter erschien.

»Hurrah! hier ist der Weg!« schrie dieser, »kommt an, Hilbert, im Hause ist Licht und da vorn seh ich auch Gestalten, auf jeden Fall finden wir eine trockene Stube und ein loderndes Feuer; wer zuerst am Kamin ist, bekommt den besten Platz.«

Benjamin erkannte mit Entsetzen die Stimme seines Herrn, das Blut erstarrte ihm in den Adern, doch hier galt es Entschlossenheit, das Leben stand auf dem Spiele; mit Blitzesschnelle glitt er aus dem Sattel, warf sich den Zaum über den Arm und schritt zurück, dem Hause wieder zu.

»Halt da!« schrie der voransprengende Wallis.»Hier, Bursche, hörst Du nicht? nimm mein Pferd auch mit, reib es tüchtig ab und gieb ihm genug Mais, die Thiere sind alle todtmüde; leg' aber auch die Sättel ins Haus!«

Und er schwang sich vom Rücken seines schnaubenden, schäumenden Rappen, überließ den Zügel dem Schwarzen, ohne diesen weiter eines Blickes zu würdigen, und eilte dann mit flüchtigen Sätzen der Thüre zu; denn der bis jetzt drohendbedeckte Himmel fing an in großen Tropfen die Boten eines nahenden Unwetters niederzusenden.

»Gerade zu rechter Zeit, wie abgemessen!« rief er, als er das schützende Dach über sich sah. »Guten Abend, Ladies und Gentlemen, müssen tausendmal um Entschuldigung bitten, es kommt aber eine ganze Jagdgesellschaft, die Noth zwingt uns Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.«

Draußen sprengten die Reiter vor das Haus und hingen die Zäume ihrer Thiere an einzelne Aeste und schwankende Zweige der umhergestreuten Bäume, während sie vergebens nach dem Neger schrieen, die Pferde zu versorgen und zu füttern.

»Gentlemen,« sagte Draper, der in diesem Augenblick in die Thüre trat und seine Gäste bewillkommte; »Sie rufen nach einem Neger, ich muß aber sehr bedauern,daß ich keinen habe, deßhalb soll jedoch Ihren Pferden nichts abgehen, ich werde sie selbst besorgen.«

»Ich habe doch mein Thier eben einem Neger übergeben!« rief Wallis.

»Das war ich!« lachte Hennigs, der jetzt ebenfalls ins Trockene trat; »ich merkte wohl, daß Ihr mich für einen Nigger hieltet.«

»O, bitte tausendmal um Vergebung, Sir,« sagte der Farmer, und trat, ihm die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu, »es fing gerade an zu regnen, und ich sah gar nicht ordentlich zu, dachte wahrhaftig, es wäre so ein schwarzer Hallunke gewesen. Seid übrigens froh, Draper, daß Ihr keinen habt, nichts als Sorge und Noth mit den Bestien. Ah, guten Abend, Richter, wie geht's? wohin? zur Betversammlung? das ist recht; es ist ein Glück für das Land, wenn die, so mit der Polizei desselben beauftragt sind, auch ihren Gott darüber nicht vergessen. Ein frommer Richter ist stets ein gerechter Richter. Ich würde auch mitgehen, aber leider hält mich diesmal die Verfolgung eines nichtsnutzigen Buben ab, den ich erst seiner gerechten Strafe übergeben muß.«

Der Eintritt der Uebrigen unterbrach hier den Redner, und es war für den Augenblick ein allgemeinesBegrüßen, Entschuldigen, Einanderausweichen und Stühlerücken, bis endlich, nach mancher Platzveränderung lebendiger, wie lebloser Gegenstände, eine Anzahl von Personen in dem engen Raume nicht allein untergebracht, sondern auch verhältnißmäßig bequem placirt war, von der sich nur der einen richtigen Begriff machen kann, der einmal selbst in einem solchen Haus gelebt hat und Zeuge gewesen ist, wie in einem Raum von »zwanzig bei zwanzig,« das heißt: »zwanzig Fuß lang und zwanzig breit,« zwei bis drei Familien mit einer unbestimmten Anzahl von Kindern im Stande sind zu wohnen, kochen und zu schlafen.

Hennigs und Draper hingen sich nun, als sie das Innere des Hauses ein wenig geordnet hatten, ihre alten wollenen Jagddecken über, und eilten schnell hinaus, die Pferde der Jäger zuerst in einem gemeinsamen Trog zu füttern, und sie dann, da von einem Stall oder Schuppen auch keine Spur in der Nähe war, für die Nacht ihrem Schicksal zu überlassen.

Der Sturm zog indeß herauf, und rauschte und tobte in den alten, weitgespreizten Wipfeln der mächtigen Bäume; von Süd und Westen kam er zusammen, und schleuderte seine gewitterschwangeren Hülfstruppen, die flüchtigen dunkeln Wolkenmassen, mitstarken Fäusten gegen einander, daß sie sich, grollend und tobend, mit den zuckenden Gluthlanzen die weiten, giftgeschwollenen Bäuche durchstießen, und nun in tollen Schauern ihre Ströme auf die Erde hinabflutheten. Die Thiere des Waldes suchten ihre versteckten Lager, die Eule selbst barg sich in der sichern Höhlung, und verschob den Raub auf eine günstigere Zeit. Nur der Wolf, der immer gefräßige, zog mit seiner wilden Schaar lauernd und geräuschlos unter den niederkrachenden Aesten hin, schnuppernd dabei die Nase erhoben, den Schlupfwinkel irgend eines scheuen Wildes zu erspähen. Dann und wann aber, wenn ein lauterer Schlag, als gewöhnlich, den Wald durchdröhnte, und das Echo aus den fernen Bergen klagend und grollend antwortete, dann stellte sich wohl der Führer des Rudels, hob den langen, spitzen Kopf zu den jagenden, über ihn dahinstiebenden Wolken empor, und heulte seine klagende Weise hinein in den Aufruhr der Elemente, daß sich der unter das sichere Farmhaus gedrückte Hund unruhig hob, knurrend einen Augenblick den bekannten gehaßten Tönen lauschte und sich dann, mit halb unterdrücktem Bell wieder fester und wärmer zusammen rundete, als vorher.

Die Männer im Innern der Hütte ließen aber den Sturm Sturm sein; das war ein alter Bekanntervon ihnen, und das Niederprasseln einzelner Aeste, ja oft ganzer Stämme, das Heulen wilder Bestien und das Rasen der Windsbraut, sie hatten es schon wie oft gehört. Ein loderndes Feuer, ein warmes Abendessen und gute Gesellschaft ließ sie bald Alles vergessen, was um und über ihnen vorging.

Hennigs war besonders ausgelassen lustig, und wenn auch Wallis und Pitt im Anfang nicht so recht mit einstimmen wollten in seine Fröhlichkeit, so riß sie der unverwüstliche Humor des jungen Mannes doch zuletzt ebenfalls mit fort. Massen von alten Jagdgeschichten und Anecdoten wurden erzählt, Scenen aus dem Revolutionskrieg wieder aufgefrischt, da Pitt behauptete, die Schlacht von New-Orleans mitgemacht und hinter den Baumwollenballen damals mit vorgeschossen zu haben, und es mochte zehn Uhr sein – eine für den Backwoodsman ungemein späte Stunde – als die Männer erst das Lager suchten, um sich für die Strapatzen des morgenden Tages zu stärken und kräftigen.

Die Nacht ging es mit dem Lagerraum allerdings eng genug her, doch wußten die Jäger bald Rath; seine wollene Decke hatte ein Jeder mit. Einige derselben wurden deßhalb vor dem Feuer hingelegt, auf denen dann sämmtliche Gäste in langer Reihe Platz nahmen, und über diese wieder breitete nun ihr WirthAlles, was er nur an breitbaren Gegenständen irgend vorräthig fand. Ein gutes Feuer ward dabei ebenfalls die Nacht über im Kamin unterhalten, und die Männer lagen – wie es sich nur ein Jäger wünschen kann – warm und trocken.

Der nächste Morgen fand übrigens die Letztgekommenen am frühsten zum Aufbruch fertig; Wallis war schon draußen gewesen, um nach den Pferden zu sehen, als der anbrechende Tag kaum seine ersten bleichen Strahlen von Osten herauf sandte, und die Uebrigen fachten indessen das fast niedergebrannte Feuer wieder an, füllten den großen blechernen Kaffetopf mit Wasser, und bereiteten Alles zu einem äußerst frühen Aufbruch vor.

Nur Hennigs, sonst immer der erste, zögerte an diesem Morgen; an den Kaminsims gelehnt, stand er, und starrte gedankenlos nach Mr. Pitt hinüber, der, noch der einzige Schlafende, in einer Ecke sein besonderes mit einem Unterbett versehenes Lager gefunden hatte.

Hilbert und Wallis, deren Thiere indessen schon wieder gesattelt vor der Thüre standen, kamen jetzt herein, um das von den Frauen schnell bereitete Frühstück einzunehmen.

»Nun, Hennigs,« sagte der Erste, als er seine amFeuer aufgehangenen Leggins[6]anzog und mit dem einen hart gewordenen eben wieder zur Thüre zurückschritt, ihn auszureiben, »Ihr seid ja heut' Morgen verdammt bequem, Euer armes Poney steht da draußen, kaut an den Aesten herum und scheint unmenschlichen Hunger zu haben.«

[6]: Die ledernen gamaschenartigen Ueberzieher der Jäger.

»Mein Poney?« sagte Hennigs halb verwundert, halb ungläubig, und hob den Blick zu ihm auf.

»Nun ja, das dort drüben gehört doch Euch, wie? so eine kleine rauhhaarige Bestie giebt's ja weiter gar nicht am ganzen Missouri.«

Hennigs war mit einem Satz neben ihm und blickte hinaus; wer aber beschriebe seine freudige Ueberraschung, als er dort, mitten zwischen Draper's Pferden, die durch das Unwetter heimgetrieben waren, sein eigenes, liebes, kleines Poney erkannte, an das er den ganzen Morgen mit einem recht wehmüthigen Gefühl gedacht, und jetzt schon viele, viele Meilen von da entfernt, todtmüde durch den anstrengenden Ritt eines Verzweifelten, vermuthet hatte.

War denn Benjamin zu Fuße fort? so thöricht konnte er doch nicht gewesen sein.

»Wie ist denn Pitt eigentlich hierher gekommen?«frug Hilbert in diesem Augenblick, und überzählte leise murmelnd die Pferde, die fast sämmtlich in verschiedenen Gruppen vor dem Hause standen.

»Auf seinem Fuchs,« sagte Hennigs schnell, und blickte forschend nach dem eben genannten Thier umher.

»Auf dem Goldfuchs?«

»Ja; aber ich sehe ihn nicht.«

»Der ist auch nicht hier!« meinte Hilbert, »am Haus wenigstens nicht; denn ich bin seit länger als einer Stunde auf, und fast die ganze Zeit draußen gewesen.«

Mrs. Draper rief in diesem Augenblick zum Frühstück, und Mr. Pitt rutschte schnell unter den ihn bis jetzt noch immer verhüllenden Pferdedecken hervor, zog seinen Rock an und trat hinaus vor die Thüre, um dort in einem großen blechernen Waschbecken Gesicht und Hände zu baden. Die Jäger aber ließen sich indessen nicht besonders nöthigen, sie langten wacker zu, beendeten schnell ihr Mahl, und griffen dann, ohne weiteres Zögern, nach ihren Büchsen, die gestern aufgegebene Hetze – eine nun allerdings hoffnungslose Arbeit – wieder zu beginnen. Beim Essen schon hatten sie den Plan verabredet, wie sie jetzt am Besten desflüchtigen Negers habhaft würden, der ihnen, wie sie äußerten, nach solch furchtbarem Wetter und in dem Zustand, in welchem er sich befand, gar nicht mehr entgehen konnte. Wie Draper jetzt vernahm, so waren auch schon am Missouri selbst alle Farmer, die Boote im Fluß hatten, von der Flucht des Sclaven in Kenntniß gesetzt und bereit, ihn aufzufangen. Ihre Absicht, was mit dem Unglücklichen geschehen solle, wenn sie ihn ergriffen, äußerten sie ebenfalls unverholen: er hatte sich an einem Weißen vergriffen, und der Tod war dafür sein Loos. Der Friedensrichter stimmte ihnen auch darin vollkommen bei, und versprach sogar, den nöthigen Bericht darüber an den Gouverneur des Staates zu machen, um von dort her wenigstens einen Theil des Schadens für den Eigenthümer vergütet zu bekommen.

Fünf Minuten später waren die Männer beritten; riefen noch Dank und Abschiedswort, von den Pferden herunter, ihren freundlichen Wirthen zu, und sprengten dann, Wallis und Hilbert ausgenommen, in zwei Abtheilungen rechts und links ab, dem Missouri zu, die beiden Letztgenannten aber bildeten, mit den besten Hunden der Gesellschaft, das Centrum dieser Kette, die also langsam und vorsichtig noch einmal den ganzen Wald durchsuchten, wo sie den Flüchtling vermuthenmußten, und auf diese Art hofften, ihn entweder aus seinem Lager auf-, oder doch den am Fluß hin postirten Helfern in die Hände zu treiben.

Draper sah ihnen lächelnd nach und murmelte, als sie hinter den Büschen der Niederung verschwanden, leise vor sich hin:

»Geht nur, geht, ihr wackeren Männer, hetzt eure Hunde und Pferde ab, um einen Menschen zu jagen; den aber, den ihr sucht, bringt ihr mir nicht mehr zurück. Hat er Glück, so kann er jetzt schon bald in Illinois sein, und Mr. Peter Rollins mag ihm dort durchhelfen.«

Zu seinem keineswegs freudigen Erstaunen entdeckte übrigens Mr. Pitt, nach eingenommenem Frühstück die Abwesenheit seines Pferdes, die er sich gar nicht erklären konnte, da das Thier sonst noch nie in der Nacht den Trog verlassen hatte, an dem es gefüttert worden, und das Fortlaufen eines Pferdes in solchem Wetter doppelt unwahrscheinlich wurde, wo im Gegentheil alles zahme Vieh gern die Nähe menschlicher Wohnungen aufsucht. Hier half aber weiter kein Besinnen, und er mußte, wollte er die Betversammlung heute nicht versäumen, Mr. Draper's Vorschlag annehmen, der ihm eines seiner Pferde zum Gebrauch überließ und den Goldfuchs zu suchen versprach,sobald er selbst zurückkehren würde. Die beiden Männer ritten auch zusammen voraus, und nur Hennigs blieb bei den Damen zurück, um diese, die erst noch Manches zu ordnen wünschten, später zu begleiten.

Kaum schlossen sich nun die Büsche hinter dem Friedensrichter und seinem Gefährten, als sich der junge Farmer, der ihr Fortreiten durch eine Spalte der Hütte beobachtete, mit triumphirendem Blick gegen die Matrone wandte. Die arme Frau hatte aber nur mit fürchterlichster Kraftanstrengung bis dahin, und so lange die Fremden zugegen gewesen, ihre äußere Unbefangenheit und Ruhe behaupten können, jetzt, da der Zwang aufhörte, ließen auch ihre Kräfte nach, und das Antlitz in den Händen bergend, sank sie zitternd auf einen Stuhl nieder und schluchzte laut.

»Mutter!« riefen die beiden Mädchen, und sprangen an ihre Seite: »liebste, beste Mutter!«

»Mrs. Draper!« bat Hennigs, »beruhigen Sie sich doch; schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben gerettet haben?«

Die Matrone bedurfte einige Zeit, ehe sie sich wieder sammeln konnte; endlich blickte sie mit den thränenden Augen zu dem jungen Mann auf, und sagte leise:

»Sie haben mich hart gestraft, Hennigs, ich werde gewiß in recht, recht langer Zeit nicht den gestrigen Abend vergessen, habe ich aber gefehlt, so mag mir Gott die Sünde vergeben, ich konnte nicht anders. – Ach, unser Herz ist ja so schwach, und weiß wohl oft selbst nicht, wo es irrt und wo es recht handelt. – Wie ist der arme Junge entkommen, und ist er überhaupt gerettet?«

»Er hat Pitt's Pferd mitgenommen,« lachte Hennigs, »dem »Niggerfresser« kann das übrigens nichts schaden. Ben muß gestern Abend doch natürlich Alles mit angehört haben, was er über ihn und seine Race sagte, und da verdenk' ich's ihm gar nicht, daß er sich ein Bischen an ihm gerächt hat.«

»O, das thut mir leid, das thut mir sehr leid,« seufzte die Matrone, »hätten Sie das nur verhindern können; ich würde ihm ja so gerne eins unserer besten Pferde überlassen haben.«

Hennigs schwieg und sah vor sich nieder; jetzt nahm aber Lucy das Wort, und rief:

»Erhat'sverhindern wollen, Mutter, er hatte ihm schon sein eigenes, einziges Poney gegeben, ich weiß es, aber die Ankunft der Fremden trieb den Flüchtling wieder zurück. Erst später, als Alle hier im Hause waren, muß der Negerknabe zurückgekommen seinnoch einmal mit Lebensgefahr das Pferd seines Retters gegen das seines Feindes umzutauschen.«

Hennigs reichte ihr die Hand hinüber und flüsterte:

»Ich danke Ihnen für das freundliche Wort, Lucy: jener Neger scheint aber in der That Rücksicht auf mein Eigenthum genommen zu haben; er ließ selbst meinen Sattel zurück, den er durch darüber hingelegte Bretter vor dem nächtlichen Regen schützte, während er sich selbst mit der schlechtesten alten Satteldecke begnügte, die er in der Geschwindigkeit finden konnte.«

»Wird er aber entkommen?« frug Sally ängstlich.

»Den seh'n wir nicht wieder,« lachte der junge Farmer, »seine Verfolger glauben ihn nördlich, weil er auch zu Fuß und ohne Paß gar nicht anders hätte fliehen können, er ist aber jetzt in anderer, als der in der Zeitung beschriebenen, Kleidung, beritten und mit einem guten Paß östlich, gerade dem Mississippi zugeflohen. In St. Louis wird er sich übersetzen lassen, und einmal in Illinois, droht ihm, unter diesen Verhältnissen, keine Gefahr weiter. Der Goldfuchs ist ohnedem ein Prachtpferd, und muß ihn bald seinem Ziel entgegen tragen.«

»Und Canada liefert ihn nicht wieder aus?«

»Nein, wahrlich nicht; einmal dort, bringt ihnganz Amerika nicht wieder in Banden; aber wollen wir nicht aufbrechen?«

»Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so frei ins Auge sehen können?« sagte Mrs. Draper seufzend.

»Frei und klar!« rief der junge Mann, »wie Sie Ihr Auge zu dem heute ebenso rein auf uns niederlächelnden Himmel heben können. Wir haben zwar Alle gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es fest überzeugt bin, nicht gegen die Gesetze Gottes gehandelt, und die einzige Bedenklichkeit, die ich jetzt bei der ganzen Geschichte habe ist die, daß wir nicht entdeckt werden. Doch auch das hat keine Gefahr, und so wollen wir uns die schöne Zeit nicht selbst mit unnützer Sorge und Noth verderben. – Ist denn Lucy jetzt mit mir zufrieden?« flüsterte er dann, und bog sich leise zu dem schönen Mädchen nieder.

»Sie sind ein guter, guter Mensch!« sagte die Jungfrau, und reichte ihm erröthend die kleine Rechte.

Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen Vorfällen entschwunden sein, der junge Hennigs hatte um Draper's ältestes Töchterlein angehalten, und dieses auch, da in dem schönen Lande der Freiheit die Herzen, die sich lieben, nicht erst einehohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch einander angehören dürfen, als sein braves Weib in die selbstgegründete Heimath geführt. Um aber nicht so weit entfernt von den Schwiegereltern zu wohnen, so waren die beiden Männer übereingekommen, das einmal von Draper durch seine erste Niederlassung in Beschlag genommene Land gemeinschaftlich anzubauen, und die schweren Aexte der wackeren Hinterwäldler hatten sich denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen Frieden des Waldes hineingearbeitet.

Mit Hülfe des Feuers, das die niedergeworfenen Riesenstämme verzehren mußte, dehnte sich ein recht stattliches Feld zwischen den beiden einander gegenüber stehenden Blockhütten aus, und von den Nachbarn angekauftes Vieh theilte der kleinen Farm jene eigenthümliche, gemüthliche Lebendigkeit mit, ohne die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine Einöde sein würde.

Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als sich die kleine Familie um den reinlich gedeckten Tisch gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch, braun gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne zum leckeren Mahl einluden, ein Reiter vor der Thüre der Hütte, und beide Männer sprangen gleich schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn keinAnderer war es, als Squire Pitt auf – seinem Goldfuchs.

Er wurde augenblicklich hereingenöthigt, und sollte nun schnell erzählen, wo er das Pferd wieder bekommen habe, das seit jenem stürmischen Abend nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der schon mehrere Stunden geritten sein und nicht unbedeutenden Hunger verspüren mochte, wollte sich auf keine Erläuterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch abgeräumt wäre; ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerückt, und unser Friedensrichter ließ dann auch der Kochkunst der jungen Frau alle nur mögliche Gerechtigkeit widerfahren. Dann erst, als das Geschirr beseitigt und der Tisch zurückgeschoben worden, löste sich seine Zunge, und halb in Entrüstung über die Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darüber, sein vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem Zustande wieder erhalten zu haben, theilte er jetzt den ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche wunderliche Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen sei.

»Denken Sie nur, Ladies,« erzählte er, »gestern Abend sitze ich ruhig in meinem Zimmer und bin entsetzlich müde; denn ich hatte mich den ganzen Tag im Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal meinkleiner Feist, der bei mir im Hause schläft, und ehe ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer anders als der Postmeister vom nächsten Städtchen drüben, zu mir herein. Erst glaubte ich, er käme aus der westlichen Ansiedelung und wollte zu Hause reiten; aber Gott bewahre, er sagte, er brächte mir etwas, faßt mich beim Arm, führt mich vor die Thür und zeigt mir – meinen eigenen Fuchs, der leibhaftig vor mir steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um den Hals und wollte eben anfangen zu fragen, wem in aller Welt ich das Wiedererlangen meines Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief übergab und mir sagte, ein Mulatte hätte das Pferd da nach St. Louis gebracht, dort sich nach unserm Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet, der Beides – Pferd und Brief – in unsere Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und für sich merkwürdig, das Merkwürdigste aber ist der Brief.«

»Von wem?« riefen Alle zugleich.

»Ja, das rathen Sie einmal!« sagte der Kleine, indem er beide Arme vor sich auf die Stuhllehne stemmte und ein verzweifelt geheimnißvolles Gesicht machte; »aber geben Sie sich nur keine Mühe, Sierathen es im Leben nicht, denken Sie nur, von Ben, dem von Wallis entflohenen Nigger.«

»Konnte denn der schreiben?« frug Draper ungläubig.

»Nein, das konnte er allerdings nicht,« sagte der Friedensrichter, »er hat auch nur sein Zeichen, eine Art Kreuz, darunter gemacht, das ist aber einerlei, ein anderer Nigger hat's für ihn, von Canada aus, geschrieben.«

»Von Canada aus?«

»Ja, von Canada; die Bestie ist glücklich, Gott nur weiß freilich auf welche Art, nach Canada entkommen; das ist aber ein neuer Beweis, wie wir den Engländern so bald als möglich ein Land abnehmen müssen, das uns erstlich, nach der ganzen Natur der Sache, angehört, und durch das die Bürger der Vereinigten Staaten schon so unendlichen Schaden erlitten haben.«

»Aber was steht in dem Brief?« frug Sally neugierig.

»Der ist »kurz und süß,« wie die Yankees sagen,« brummte der Friedensrichter, »noch dazu von einem verwünschten Nigger selbst geschrieben, der sich einen »freien canadiensischen Bürger« nennt und mich – wenn ich die Canaille nur hier hätte! – herzlich grüßen läßt.«

»Nun, das ist doch freundschaftlich,« lachte Hennigs.

»Freundschaftlich? der schwarze Lump nennt mich sogar sein »liebstes, bestes Pittchen« und bittet mich, ich möchte ihn, wenn ich einmal nach Toronto käme, doch auf jeden Fall besuchen.«

»Aber Ben? was schreibt Ihnen denn Ben, bester Mr. Pitt!« bat Sally.

»Ih nun, daß er an dem Abend meinem Pferd im Walde begegnet und überzeugt gewesen sei, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, es ihm auf wenige Wochen zu überlassen, – der Schuft! – er kenne mein gutes Herz, sagt er, und wünsche mir nur die Verwirklichung des Segens, den die Neger meiner Nachbarschaft schon seit Jahren auf mich herabgefleht hätten; als ob ich nicht wüßte, daß mich die schwarzen Hallunken alle wie die Pest hassen.«

»Und das Pferd?«

»Hat er, Gott weiß durch welche Gelegenheit, nach St. Louis gesandt; es wundert mich übrigens doch, daß ein Nigger ein gestohlenes Pferd zurückschickt.«

»Und sollte es unter den Negern nicht auch brave, ehrliche Leute geben?« frug Mrs. Draper vorwurfsvoll.

»Hm, ja, Madame, mögen da nicht ganz unrecht haben,« sagte der kleine Friedensrichter und machte sich fertig, nach Hause zurückzukehren: »das eine Beispiel spricht wenigstens dafür; doch, ich weiß nicht, es ärgert mich auch wieder, daß uns der schwarze Schuft so zum Narren gehabt hat. Nun, ich will jetzt einmal zu Wallis hinüber und den von der glücklichen Flucht seines Sclaven in Kenntniß setzen. Wird sich auch unmenschlich darüber freuen, ist ein reiner Verlust für ihn von achthundert Dollar.«

Der kleine Friedensrichter bestieg seinen schönen Goldfuchs, den er von diesem Augenblick an Ben nannte, und ritt zum »Squire Wallis« ins nächste County, – den aber sollte er nicht mehr unter den Lebenden antreffen. Ein von ihm mißhandelter Mulatte hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen und diese seinem Master in die Schulter gehauen; eine Stunde später war er todt. Der Mulatte floh nun zwar nach der That dem Missouri zu und wollte diesen durchschwimmen, konnte aber der reißenden Strömung desselben nicht widerstehen, und sank in demselben Augenblick unter, als seine Verfolger das Ufer erreicht hatten und eben noch sahen, wie sich die Fluth über ihm schloß.

Das Alles schien übrigens einen höchst wohlthätigenEinfluß auf den Richter Pitt ausgeübt zu haben, er behandelte von da an seine Neger viel besser und freundlicher, und es soll in neuerer Zeit keinem mehr eingefallen sein, ihn den »Negerfresser« zu nennen.


Back to IndexNext