Schicksale einer Nacht.

Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett werfen, da fiel ihr das kleine Paket in die Augen, das ihr der Vater heute beim Abschied gegeben. Sie zündete ihr Lämpchen an und bei dem matten Schein desselbenöffnete sie den Faden, der es umschlossen hielt – Ha – ein kleines Bild blitzte ihr entgegen und ein dicht zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor ihre Füße nieder. Das Bild? – das, das mußte ihre Mutter sein – ihreMutterdie sie mit den treuen blauen Augen so freundlich anlächelte – und diese Augen – mußten die sich nicht mit Thränen, mit heißen, schmerzlichen Thränen füllen, wenn der Vater,ohnedas Kind zurückkehrte, und der Mutter sagte – daß die Tochter – Nichts von ihr wissen wolle – daß sie sich geweigert habe, ihm zu folgen?

Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete lange und sinnend die theueren Züge, zu denen sie als Kind liebend emporgeschaut und den Namen »Mutter« hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen füllten sich mit Thränen – da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete Blatt, sie hob es auf und entfaltete es.

»Mein liebes Kind,« lauteten die Zeilen – »ich kann zwar nicht selber schreiben, denn erstens hab' ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch recht krank und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper hat mir aber den Gefallen gethan, und die paar Zeilen aufgesetzt. Hätte ich schreiben gekonnt, ach wie oft hätt' ich an Dich, Du liebes Kind, geschrieben. Doch nun schadet es Nichts mehr – nun kommstDu bald zu uns, und dann soll uns Nichts auf der weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst gar nicht, wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich stürbe, wenn ich Dich nicht bald in meine Arme schließen könnte. Ich habe Dich wohl recht lange ohne Nachricht von mir gelassen, aber nicht wahr – Du bist DeinerMutternicht böse darüber, ach ich will Dich ja jetzt so lieb dafür haben. Das dabei ist mein Bild – es istrechtähnlich – ich habe ihm tausend Küsse für Dich gegeben – es mag sie Dir wieder geben, bis ich Dich selbst an's Herz drücken kann. Aber jetzt lebe recht wohl – recht wohl meine liebe Tochter und möge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine Arme führen. Es grüßt und küßt Dich viel hundert tausendmal

Deine Mutter.«

Louise saß lange, lange auf ihrem Bett und starrte auf den Brief nieder; – wieder und wieder überflog sie die Zeilen, preßte sich die fieberheiße Stirn zwischen die kleinen kalten Hände und blieb dann auf's Neue in dem Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr Herz dringenden Worte verloren. Endlich brach sich der nicht länger dammbare Schmerz Bahn – sie ergriff das Bild, preßte es unter einem heißen Thränenstrom an die Lippen und sank dann, mit dem leise und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut »zu spät –zu spät, – nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter für ewig verloren!« auf ihr Lager zurück.

Wir wollen einen Zeitraum von fünf Monaten überspringen, und wiederum bitte ich den Leser, mit mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen, der von der äußersten Grenze Bayou Sarahs aus, bis zu den ersten Häusern des kleinen Städtchens Francisville hinaufführt.

Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen, da, wo das breite starke Reck die hereinkommenden Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und indessen einen kühlen Trunk zu thun, steht noch das freundliche, weiße Haus mit den Jalousien und der breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der gastlichen Bank vor der Thür, aber das Schild – wo ist das Schild hin, das mit den großen goldenen Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die Leckerbissen und Delikatessen in güldenen Worten aufzählte? Ach lieber Leser, in dem Hause sieht's jetzt gar bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen Haken losgerissen, die Wände und Stuben leer und verlassen. Wo sonst das gemüthlich stille Stübchen war, da lag jetzt Stroh, einzelne StückchenPackleinewand und kurze Bindfaden, während in der unteren Stube und in dem Schenklokale gescheuert und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine Familie aus, eine andere eingezogen sei. Und das war auch so, denn traurige Veränderungen hatten in der selbstgegründeten Heimath unseres wackern Deutschen stattgefunden.

Als Schwabe damals ohne sein Kind zurückkehrte, und die arme Mutter nach und nach die ganze schreckliche Wahrheit erfuhr, ja erfahren mußte, da warf sie der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das Krankenlager und ein schweres Nervenfieber bedrohte ihr Leben. Freilich siegte die sonst kräftige Natur der Frau endlich über den rüttelnden Tod, der frohe Muth war aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie, einer Leiche ähnlicher als einem lebenden, fühlenden Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde immer trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachläßigte seine Kunden und sein Geschäft, denn es machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und dieselbe Ecke stieren.

Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner Frau Krankheit beschäftigte ihn auch in der ersten Zeit viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich abersah er doch wohl ein, daß er so nicht länger fortbestehen könne.

Hier – ja hier hatte er ein hübsches Besitzthum, das ihn nährte, es ging ihm gut, und nichts fehlte ihm, was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte, was aber half ihm dies Alles, wenn trotzdem ein ewiger unvertilgbarer Wurm an seinem Herzen nagen sollte – wenn er die Frau in Sehnsucht nach ihrem Kinde hinsterben sah, und sich selbst am Ende noch Vorwürfe, und gegründete Vorwürfe machen mußte. Denn wie lange, wie viele Jahre hatten sie sich Beide nicht um die Tochter gekümmert, und konnte ihnen das jetzt in ihrem eigenen Gewissen zur Entschuldigung dienen, daß sie das Kind bei den wohlhabenden Leuten besser aufgehoben geglaubt, als es bei ihnen selbst der Fall gewesen? Nein, denn die Ueberzeugung, die Schwabe jetzt und besonders durch des Brauers Worte erhalten, sagte ihm, daß sich sein Mädchen dort vielleicht körperlich, aber keineswegs geistig wohlbefunden haben könne, wo sie blos als Mittel verwandt wurde, eine Haushälterin zu sparen und ihren Erziehern von so großem Nutzen zu sein wie möglich. Und darnach hatte er, der Vater, Jahre lang nicht gesehen, darauf mußten ihn jetzt erstfremdeMenschen aufmerksam machen.

Doch, noch war nicht Alles verloren, noch gab es Gott sei Dank!einMittel, seinen Fehler zu verbessern und das Mittel, es war der erste freudige Gedanke, der ihn wieder durchzuckte, das Mittel hatte er sich selbst durch seinen eigenen Fleiß erworben und verschafft. Als er hier in Amerika zu arbeiten anfing, besaß er wenig oder gar nichts; selbst die Erfahrung fehlte ihm, die man in den Vereinigten Staaten gewöhnlich so theuer, so ungeheuer theuer erkaufen muß. Jetzt hatte er dagegen lange Jahre hindurch Erfahrung gesammelt, und kannte die Sitten und Gebräuche des Landes – mußte ihm nun nicht, und wenn er auch wirklich noch einmal von vornherein begann, der Anfang um so bedeutend leichter werden? – Gewiß! und sein Entschluß war gefaßt – es handelte sich hier nur um Geld, das er besaß, von dem er sich trennen konnte, und seine, seiner Frau Ruhe, seines Kindes Rückkehr war damit zu erkaufen. Was war es auch weiter, er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil, einer nach und nach zum Bedürfniß gewordenen Bequemlichkeit und jetzt, da er sich überwunden, ja dem festen Willen sogar die That augenblicklich folgen ließ und all die hierzu nöthigen und erforderlichen Schritte that, da begriff er kaum noch, wie es möglich gewesen, daß er früher auch nur einen Augenblickgezaudert, und nicht schon lange, ja gleich damals als ihn der erste schmerzliche Schlag traf, Alles geopfert habe, was ja in diesem Falle nicht einmal ein Opfer genannt werden konnte, wo es das Glück seiner ganzen Familie, all der Seinigen betraf.

Er sollte sich auch nicht getäuscht haben, seine Frau schien mit diesem Entschluß des Vaters neue Lebenskraft zu gewinnen, – hier öffnete sich ihr auf einmal die Aussicht, ihr Kind – das schon als todt beweinte – wieder zu gewinnen und fast gewaltsam schüttelte sie von diesem Augenblick Alles ab, was ihren Geist noch niederdrücken, ihre Seele befangen und ängstigen konnte. Die Hoffnung war eingezogen in das treue Mutterherz, und mit ihr wuchs und gedieh auch wieder die Liebe zum Leben, das Vertrauen auf ihres Gottes Schutz und Güte, der sie in der letzten schweren Zeit ach! fast verlassen.

Hätte es übrigens noch eines Antriebes bedurft, den einmal gefaßten und beschlossenen Plan auch auszuführen, so kam der nach etwa vier Monaten in der Gestalt eines Briefes, von unserem alten Freund, dem Brauer, der Schwaben noch einmal ernsthaft aufforderte, einen zweiten Versuch zu machen, sein Kind wieder zu bekommen, wenn es nicht in seinen dortigen Verhältnissen an Seel und Leib verderbensollte. Die Spielhölle in Wagners Hause, hatte, seiner Aussage nach, einen so gefährlichen Charakter angenommen, daß er aus guter Hand wisse, der Magistrat warte jetzt nur noch auf eine Gelegenheit, ernsthaft einzuschreiten, und Louise müsse dabei über ihre Kräfte angestrengt werden, denn sie sähe bleich und elend aus und habe, so oft er nun auch hingekommen sei, immer trübe und verweinte Augen.

Es war hier – das sah Schwabe aus dem ganzen Brief – gar keine Zeit mehr zu verlieren, den Verkauf seines Grundstücks betrieb er also so viel als möglich, und sandte zu gleicher Zeit den, indessen zu einem wackeren, braven jungen Mann herangeschossenen Sohn nach dem Westen von Arkansas, wo er sich, als ehrlicher Farmer am Fuße der Ozark-Gebirge anzusiedeln gedachte. Carl sollte dort einen Platz aussuchen und vorher irgend eine kleine Hütte zu ihrem ersten Aufenthalt einrichten, daß sie, so lang die nöthigsten Arbeiten dauerten, doch wenigstens ein Obdach hatten. Das Andere fand sich später von selber, und dort, in einem Lande, wo man keine Ansprüche macht, unnütze Bequemlichkeiten nicht kennt, und sich deshalb gerade mit dem wenigen, was die Natur bietet, glücklich fühlt, wurde es ihnen auch leichter zu vergessen was sie einst besaßen, wenn sienur das Wenige,wasihnen bliebmitsammengenießen konnten, und sich nicht immer sagen mußten, Eines fehle noch – eines von den Ihren, dessen Glück Gott dereinst von ihnen fordern könne und werde.

Manchmal zwar tauchte auch, selbst in diesen Vorbereitungen, noch das alte Gespenst der Angst und Ungewißheit auf – das Kind mag Nichts von den Eltern wissen – es liebt Die nicht, die es so lange vergessen und unter fremden Menschen gelassen haben – es hat ja nicht einmal mit dem Vater zu Hause gewollt, obgleich der Mutter fast das Herz darüber gebrochen; aber die Mutter selber beschwichtigte alle diese Zweifel.

»Daß sie zu Dir nicht gleich Vertrauen fassen konnte, ist natürlich,« sagte sie unter Thränen lächelnd, »komme ich aber selbst zu ihr hinauf, hat sie nur einmal am Herzen derMuttergelegen, dann geht sie von Der auch nicht wieder fort, und wenn Du sie gleich dazu zwingen wolltest. Bring Du nur die Geldangelegenheit mit Wagner in Ordnung, befriedige dessen Forderungen, und ich stehe Dir dafür, wir verlassen Cincinnati so froh und glücklich, als ob wir dem Reichthum und Ueberfluß entgegen gingen.«

Man glaubt ja so gerne was man wünscht undSchwabe betrieb die Zurüstung mit allem nur möglichen Eifer; sein Haus hatte er auch bald verkauft, es lag vorzüglich, war noch neu und in gutem Zustand, da fehlte es nicht an Liebhabern. Ein Brief von seinem Sohne meldete ihm ebenfalls, daß in Arkansas, in einer reizenden Gegend und auf gutem trefflichen Lande Alles vorbereitet und des Pflugs gewärtig sei. Das was er an Gepäck mitzunehmen wünschte, stand bereit, und von dem, erst kürzlich eingetroffenen Mail- oder Postboot hatte er ebenfalls gehört, daß noch an diesem Tage der, nach Cincinnati bestimmte »Eagle of the West«, ein rasches wackeres Dampfboot, eintreffen würde. Dieses wollten sie benutzen, ihr Aufenthalt in Ohio sollte nicht lange dauern, und in gar kurzer Zeit konnten sie friedlich – glücklich mitsammen, in den freundlichen Thälern der herrlichen Ozarkgebirge ihre Heimath gegründet haben.

Schwabes Frau schien aber mit der neuen freudigen Hoffnung, ihr Kind nun bald, recht bald wieder zu sehen, auch ein neues und freudiges Leben eingesogen zu haben; ordentlich verjüngt arbeitete sie nach Herzenslust, die noch etwa nöthigen kleinen Geschäfte zu besorgen und solche Vorbereitungen zu treffen, die ihnen den Aufenthalt im Zwischendeck eines Dampfbootes erleichtern konnten. Da hörten sie plötzlichunten vom Mississippi aus, eine Glocke und erschraken nicht wenig. Wenn dieß schon derEagle of the Westwar, wie kämen sie dann noch, mit allem dem was sie mitzunehmen wünschten, zeitig genug herunter und an seinen Bord, denn die Capitäne solcher Boote warten selten lange, selbst auf Cajütenpassagiere, vielweniger denn auf »People«, das im unteren Deck für wenige Dollar mitfahren will.

Schwabe faßte seinen Hut auf, gab rasch einem jungen Deutschen, einem Karrenführer, der mit seinerDraygerade in der Nähe hielt, die nöthigen Anweisungen, Frau und Koffer, so schnell ihm das irgend möglich sei, nachzuschaffen und eilte dann selber mit flüchtigen Schritten voran, um, wenn er das irgend vermöge, das Boot aufzuhalten und noch mit fortzukommen. Kaum erreichte er aber den äußersten Stand des steilen Hügels, auf welchem St. Francisville steht, und von dem aus er das dicht am Mississippi liegende Bayou Sarah wie den ganzen Strom überschauen konnte, als er den weiß aufsteigenden Dampf des unten gelandeten Bootes bemerkte, der eben wieder durch die'scape pipeauspuffte – gleich darauf wandte sich der Bug vom Lande ab, schwenkte nieder, und ging – den Strom hinunter.

»Gott sei Dank« murmelte Schwabe leise vor sichhin und wandte sich langsam gegen sein Haus zurück, »ich glaubte schon, wir hätten das rechte versäumt, und müßten noch ein paar Tage länger warten.«

Die Sachen schickte er übrigens ohne weiteres an die Landung, denn um keinen Tag mehr zu versäumen, wollte er gar nicht wieder nach Louisiana zurückkehren, sondern gleich von Cincinnati aus, ein für den Arkansas bestimmtes Boot benutzen.

Die Dray war um die Biegung der Straße und den Berg hinunter, verschwunden, Schwabes aber gingen noch einmal in's Haus zurück; theils um zu sehn, ob sie in dem ersten eiligen Aufbruch Nichts vergessen hätten, und dann auch, um ruhigeren Abschied von dem Ort zu nehmen, der bis jetzt ihre Heimath gewesen und den sie nun für immer, auf nimmer Wiederkehren, verlassen sollten. Den armen Leuten zuckte es dabei recht durchs Herz – erst beim Scheiden findet man ja nur zu oft, wie lieb man, bis dahin vielleicht nur gleichgültig betrachtete Räume und Gegenstände gehabt hat – der Gedanke aber an ihr Kind, das sie sich mit diesem Opfer zurückerkauften, nahm aber solchem Gefühl alles Bittere – sie sprachen kein Wort, sie standen nur lange und schweigend neben einander und drückten sich endlich, als Schwabe leise zum Aufbruch mahnte, still und herzlich die Hände.

»So komm denn, mein liebes Weib,« bat der Deutsche und zog sie sanft der Thüre zu, »komm und mache Dir nicht gar zum Abschied noch trüben Sinn; denke, daß wir das Alles ja nur zurücklassen, um mit unserem Kind wieder vereint zu leben.«

»Trüben Sinn,« lächelte die Frau unter Thränen, »glaube das ja nicht, Schwabe, kein trüber Sinn ist's, der mir das Wasser in die Augen treibt, nein, in der Seele wohl thut's mir,daßich gerade so ruhig und freudig von dem Ort fortgehn kann, den ich schon bis an mein einstiges Ende zu behalten geglaubt, stolz bin ich darauf, wenn ich –« sie horchte einem Geräusch das unten im Hause laut wurde –

»Es ist Nichts – wahrscheinlich die Packer, die ihr Geräthe mitnehmen,« sagte Schwabe.

»Sie müssen oben sein« berichtete die Stimme eines Nachbars, die Schwabe kannte, irgend jemand Fremden, »ich habe sie erst vor kaum einer Viertelstunde hinaufgehn sehn, und sie sind noch nicht wieder herunter gekommen.«

Ein leiser Dank wurde erwiedert, und gleich darauf knarrte die hölzerne Stiege; Schwabe wandte sich der Thür zu, die sich in demselben Augenblick öffnete. Ein junges Mädchen trat herein. –

»Heiliger Gott!« schrie der Deutsche und fuhr erschreckt empor – »Louise!« –

»Louise?« stöhnte kaum hörbar die Frau – »unser Kind?«

»Mutter – Mutter« rief aber in diesem Augenblick die Tochter und flog in die ihr noch halb zweifelnd entgegengestreckten Arme – »Mutter – o mein Gott!«

Schmerz wie Freude wirken gleich stark, das Uebermaß der Gefühle macht das Blut stocken und lähmt die Thätigkeit der Nerven. Aber die Freude tödtet nicht so leicht, in ihr selbst liegt schon wieder die Heilung des ersten vielleicht zu mächtigen Schlages und der Augenblick des Erwachens ist auch der Augenblick der Rettung. Louisens Mutter war, von dem Uebermaß des Glückes ohnmächtig zu Boden gesunken, jetzt aber, unter den vereinten Bemühungen des Gatten und Kindes, die lachend und weinend die Schläfe der Bewußtlosen rieben und alle möglichen anderen Belebungsversuche anwandten, kam sie bald wieder zu sich und hielt nun, kaum im Stande ihr Glück zu begreifen, ja nur zu glauben, das lang entbehrte und ach, so geliebte Kind fest, fest umschlossen, als ob sie es nie im Leben wieder von sich thun und lassen wolle.

Doch welche Feder vermöchte die Gefühle der Mutter – die Empfindungen dieser drei Glücklichen zu beschreiben; lange Zeit fanden sie gar keine Worte und hielten sich nur still und selig umfaßt. Endlich aber, nach dem ersten Sturm der Grüße und Küsse frug Schwabe, was sie denn eigentlich hier herunter nach Louisiana gebracht, und wie es gekommen sei, daß sie Wagner überhaupt frei gegeben habe? Der Eltern Erstaunen läßt sich denken, als sie erfuhren, daß ihr Kindalleinden ganzen weiten Weg die beiden mächtigen Ströme hinunter,alleinauf dem großen Dampfboot, zwischen lauter fremden Leuten, zwischen dem rohen Volk des Zwischendecks hierher gekommen sei. Aber wir wollen sie selber reden und ihre Flucht erzählen lassen.

»Ach Vater« sagte sie, »wie weh mir um's Herz war, alsSiemich an jenem Morgen verließen –«

»Laß den Morgen Kind,« unterbrach sie hier lächelnd der Vater, »laß das Vergangene sein, wir haben Dich ja jetzt und alle Noth ist vorüber – aber noch eines – nicht mit dem kalten höflichenSiemußt Du uns anreden, wie bei vornehmen Leuten Sitte sein mag, ich bin Dein Vater, das ist Deine Mutter und Du bist unser Kind; da gehört sich weiter Nichts als Du und Du, so haben wir's von je gehalten,und so soll's bleiben.« Die Tochter drückte den Eltern mit einem thränengefüllten Blick die Hand und fuhr leise fort:

»Ich muß doch wohl den Morgen noch einmal erwähnen, lieber Vater, denn in dem Augenblick, wo ich Dich so erschüttert davoneilen sah und Zeuge sein mußte, wie häßlich und unfreundlich Dich Herr Wagner behandelte, da war es, als ob ich zum ersten Male fühle, wie unrecht ich gethan hatte, nicht mit Dir, zu Euch, zurMutterzu gehen. Und als ich nun endlich gar Dein Bild, liebe Mutter, und Deinen herzlichen Brief fand, und als ich mir sagen mußte, wie Du Dich grämen würdest, wenn ich nicht mit dem Vater heim käme, da habe ich die Nacht, und die folgende und alle Nächte geweint und geweint und wußte mir keines Rathes und hatte Niemand, mit dem ich mich aussprechen, gegen den ich mein ganzes Herz ausschütten konnte. Dabei mag ich wohl manchmal meine Pflicht versäumt haben, denn es war mir zu weh um's Herz und ich dachte an Nichts weiter als an Euch – und Missis Wagner schalt mich und Herr Wagner wurde auch unfreundlich, denn er meinte, die Gäste in der Hinterstube würden sich kein Glas mehr von mir einschenken lassen, wenn ich immer feuerrothe, verweinte Augen hätte. Unterjenen Gästen waren aber auch recht böse Menschen, die ein paar Mal sogar mit Messern nach einander stachen, ja einmal trugen sie sogar Einen todt fort, und Herr Wagner stieß fürchterliche Drohungen gegen mich aus, wenn ich auch nur eine Sylbe darüber redete.«

»Ich glaubte ich wäre verzweifelt, wenn ich länger hätte dort oben bleiben müssen, und dennoch wußte ich nicht was ich thun, was ich lassen sollte. Da kam zufällig, vor etwa acht Tagen eine Dame von Columbus zu uns, die am nächsten Morgen nach New-Orleans wollte und bei uns übernachtete. Das Dampfboot ging um 10 Uhr ab, und ich mußte ihr eine Hutschachtel und einen Reisesack hinunter tragen: sie hatte sich aber mit dem Anziehn ein wenig verspätet, wir kamen kaum noch zur rechten Zeit – die Planken sollten schon eingezogen werden – ich trug ihr die Sachen in die Cajüte hinauf, lief wieder zurück und wollte an's Land. Da, Mutter, da war es mir plötzlich, als ob eine Stimme, als obDeineStimme mich bittend anrief zu bleiben, der Gedanke an Dich, daß mich dieß Boot in wenigen Tagen in Deine Arme führen könne, zuckte mir durchs Herz und zaudernd, unschlüssig stand ich noch und wußte nicht, ob ich vor oder rückwärts sollte, als die Glockedes Bootes zum letzten Mal tönte. In dem nämlichen Moment rissen aber auch die Matrosen die Planken ein, die Maschine fing an zu arbeiten und wenige Secunden später befand ich mich, jetzt mit keinem freien Entschluß mehr von brausenden Wassern umgeben, von meiner bisherigen Heimath fortgerissen, auf dem breiten, gewaltigen Strom.«

»Erlaßt mir die Beschreibung dessen, was ich die ersten Tage unter den fremden Menschen litt und ausstand. Auf dem Boot waren sie unfreundlich mit mir, weil ich die Passage nicht gleich bezahlen konnte, glücklicherweise trug ich aber ein kleines goldenes Kreuz, das ich damals von Missis Wagner bekommen, als ich sie nach dem Nervenfieber so lange gepflegt. Dies verkaufte der Schiffsschreiber in Louisville für mich, bestritt davon meine Passage und gab mir auch noch einen Dollar heraus, wofür ich mir Brod kaufen konnte, unterwegs davon zu leben. – Ich mußte eine recht traurige Zeit verleben, und bin fast in Angst und Sorge vergangen, jetzt aber – jetzt ist Alles gut, ich habe Euch – Dich meine liebe Mutter, meinen Vater wieder und nun – nicht wahr, nun seid Ihr auch nicht mehr böse auf Euer Kind, daß es diefremdenMenschen so lange lieber hatte als Euch, und nicht fort wollte von ihnen.«

Was braucht es weiterer Schilderung der glücklichen Familie, eine Stunde entfloh ihnen im Austausch ihrer Mittheilungen und Gefühle mit Zauberschnelle und erst die Meldung, daß derEagle of the Westbei Waterlow sichtbar wurde, mahnte Schwabe an die beabsichtigte Reise. Aber nicht in Cincinnati lag jetzt ihr Ziel, nein in Arkansas, in den fruchtbaren Thälern des noch wilden Staates; nicht bis zur Mündung des Licking, nur bis zu der des Arkansas hinauf wollten sie mit dem Boote gehn. Ohne weiteres Zögern trieb denn auch der Vater zum Aufbruch; ihr Gepäck lag schon am Ufer; nur noch die nöthigen Kleidungsstücke für Louise kauften sie rasch bei einem der deutschen Juden an der Landung ein, bestiegen das gleich darauf heranbrausende Boot, auf dem jetzt Schwabe in aller Freude seines Herzens keineswegs Zwischendeck-, sondern Cajütenpassage für sich und die Seinigen nahm, und erreichten eilf Tage später das kleine Städtchen Ozark, von dem aus sie in kaum vier und zwanzig Stunden ihre neue Heimath betreten konnten.

Nun wußte Schwabe, nach all dem Vorhergegangenen wohl gut genug, daß Wagner rechtlicherWeisekeineAnsprüche mehr auf irgend eine Vergütung für seiner Tochter dortigen Aufenthalt machen konnte; er wollte es sich aber auch nicht einmal nachsagen lassen, undankbar für etwas gewesen zu sein, das ihm doch wenigstens im Anfang als Wohlthat erschienen. Er schrieb deshalb, und zwar so bald sie auf ihrer neuen Farm eingetroffen waren, einen Brief an Wagner, worin er ihn von seiner Tochter Ankunft in Kenntniß setzte und zugleich aufforderte, offen und ehrlich zu sagen, was er glaubte für die Erhaltung des Mädchens in den ersten Jahren beanspruchen zu können, (denn für die letzten dürfe er schon deßhalb nichts rechnen, weil er sie ja nicht einmal gutwillig habe wieder fortlassen wollen). Er versprach dabei den Forderungen zu genügen, soweit das in seinen Kräften stände und bat ihn auch dem Kinde nicht zu zürnen, das ihn ja nur deshalb verlassen habe, um in die Arme seiner Mutter zu eilen.

Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort; ebenfalls nicht auf einen zweiten und dritten und erst im nächsten Jahre erfuhr er von einem neuen Ansiedler, der bis dahin in Cincinnati gelebt und Wagner recht gut gekannt hatte, die Ursache dieses räthselhaften Schweigens.

Die Geschichte der in seinem Hause verübtenMordthat, die auch Louise schon erwähnt, war ruchbar geworden, andere Klagen trafen noch mit dieser zusammen, das Halten einer heimlichen Spielhölle an und für sich unterwarf ihn schon der peinlichsten Strafe der Amerikanischen Gesetze und Wagner entging nur durch die freundliche Warnung eines Deputy Sheriffs, der ebenfalls mit zu dem Spielklubb gehörte, der Verhaftung und vielleicht – dem Zuchthaus. Er verschwand in derselben Nacht aus der Stadt und man hat nie wieder weder von ihm noch seiner Frau etwas gehört – sie blieben Beide spurlos verschwunden.

Am Fuß der Ozarkgebirge blüthe und gedieh aber indessen eine kleine wackere deutsche Colonie. Schwabe hatte sich in jenem herrlichen und noch so wenig gekannten Landstrich des fernen Westen niedergelassen, und üppige Maisfelder schmiegten sich an den Fuß, saftige Weingärten an die Hänge der Berge, zahlreiche Heerden weideten in den nicht fernen Prairien.

Aber ein ganz neuer Geist war auch über den jetzt glücklichen Vater gekommen, der mit unermüdlichem Eifer daran ging nicht mehr für sich allein, nein jetzt auch für sein Kind, für sein liebes, so lange verlorenes Kind eine neue und wohnliche Heimath zu gründen.Hier fand er dazu den vollen Spielraum für seine unermüdete Thätigkeit, für sein Schaffen und Wirken, und deutscher Fleiß, deutsche Mäßigkeit verwandelte bald das in ein Paradies, was noch vor wenigen Jahren öde trostlose Wildniß gewesen.

»Nummero 15 – Schloßgasse!« rief ich dem am Schlage harrenden Kutscher zu, warf meinen Reisesack in die eine, mich selbst in die andere Ecke des kaum gepolsterten Wagens und fort ging's über das schauderhafte Pflaster der Residenz vom Bahnhofe aus in die innere Stadt, wo ich jetzt eigentlich im vollen Ballcostüme – o,derGedanke allein schon machte mich rasend – beim rauschenden Chor jubelnder Melodien – sie – sie im Arme, in wirbelnder Seligkeit mich, Salon, Erde, Himmel und Weltall hätte vergessen sollen.

Aber nein, da rasselte ich noch in diesem Marterkasten zwischen düstern fremdglotzenden Häusermassen hin, denn gerade heute, als ob mir selbst die Locomotiven nicht einmal den Gefallen thun könnten schnellerals Lohnkutscher zu fahren, waren wir erstlich wie die Schnecken über die glattbeeisten Schienen hingekrochen, an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in einer Schneewehe eine volle Glockenstunde lang stecken geblieben. Deshalb trafen wir denn aber auch anstatt um sieben, um halb neun Uhr an Ort und Stelle ein, und es ließ sich wohl entschuldigen, daß ich in peinlicher Ungeduld zehn Mal unterwegs an die Fenster klopfte und dem Kutscher bald Flüche in die Ohren donnerte, bald Trinkgelder bot, bis dieser endlich in voller Verzweiflung auf sein darüber zum Höchsten erstauntes Pferd loshieb und wir nun, wie ein böhmisches Ungewitter durch die Straßen rollend, »daß Kies und Funken stoben,« bald darauf vor dem bezeichneten Hause anhielten.

»Ich habe gar nicht mehr geglaubt, daß Du kämst!« rief mein Freund, der erst heute Morgen meinen Brief erhalten hatte und mich jetzt, als er die Droschke herantoben hörte, in der Thüre erwartete, »wo hast Du nur so lange gesteckt?«

Zu Erklärungen war es aber keine Zeit mehr, rasch faßte ich meinen Reisesack, drückte dem Kutscher das schon in Bereitschaft gehaltene Geld in die Hand und flog mehr als ich ging die Treppe hinauf und indas von Meier bezeichnete Zimmer. Hier warf ich meinen Hut ab und erzählte und klagte dem Freunde – während dem ich den kleinen Reisesackschlüssel in allen Taschen mit immer größerer Hast zwei Mal suchte und zuletzt in der, in welcher ich angefangen hatte, fand – wie mich das Unglück verfolgt, ja wie ich überhaupt ein solcher Unglücksvogel sei, daß ich die Welt förmlich als Pechreisender durchziehen und die glänzendsten Geschäfte machen könne.

Es stand ja aber auch heute gerade mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele – heute sollte ich, nach zweijähriger Trennungdiewieder sehen, ohne die ich mir die Welt nur als eine öde trostlose Wildniß denken konnte – heute Abend durfte ich ja hoffen von ihren Lippen das süße Geständniß ihrer Liebe zu hören oder wenigstens doch in ihren Augen Leben oder Tod für mich zu lesen.Mitihr, Leben in seiner sonnigsten Lust, im Freudenrausche wonnetaumelnder Sphären,ohnesie –

»Was zum Teufel hast Du denn da eigentlich in Deinem Reisesacke?« rief Meier und ich, der ich, während Himmel und Hölle in meinem Herzen mit Hoffnung und banger Todesfurcht rangen, das kleine Schloß des messingenen Bügels geöffnet und eben hineingegriffen hatte meine »Unaussprechlichen« herauszuziehen– den Frack trug ich nämlich, um ihn vor dem Zerdrücken zu bewahren, schon unter dem Burnus – ich denke mich rührt der Schlag, als ich gleich obenauf einen Schnürleib, ein Paar Schachteln, ein Schminkbüchschen und in immer wachsender Verzweiflung und Wuth eine ganze Unmasse solchen Plunders herausziehe und um mich her auf Boden und Stühle streue.

Meiers dämonisches Lachen brachte mich erst wieder zur Besinnung.

»Hahahaha!« schrie er und die Thränen liefen ihm in ununterdrückbarem Jubel über das breite, rothgeschwollene Gesicht – ich hätte ihn erwürgen können, »hahaha – hast einen falschen Reisesack erwischt – das ist göttlich – das ist unbezahlbar.«

»Da!« rief ich und schleuderte den geleerten nichtswürdigen Reisebeutel mit wildem Wurfe hinter den Ofen, »da lieg und verdirb. – Was fang ich an? Ich kann doch wahrhaftig nicht in meinen blau- und graucarrirten den Ballsaal betreten? – Heilige Dreifaltigkeit, habe ich denn nicht recht, wenn ich mich für das unglückseligste Geschöpf halte, das zweibeinig zwischen Himmel und Erde herumläuft? Jetzt sitze ich hier; Emilie wartet indessen mit ihrer Engelsgeduld stundenlang auf mich, den Treulosgeglaubten, kannaber endlich den dringenden Bitten nicht länger widerstehen undmußsich zuletzt auf den ganzen Abend engagiren.«

»Aber wie war das nur möglich?« fragte Meier, nachdem er sich von seinem bestialischen Lachkrampf in etwas erholt. »Jedermann behält doch unterwegs seinen Reisesack bei sich und da begreife ich gar nicht –«

»Begreifen – begreifen,« knurrte ich ärgerlich und lief dabei händeringend in der Stube auf und ab, – ich war damals zwanzig Jahr alt und der Ball mir zur Lebensfrage geworden, – »ich begreife es recht gut. Auf der letzten Station, wo man im Wagen schon keine Hand mehr vor den Augen sehen konnte, stieg noch eine Dame in unser Coupée und drückte sich, da in der Ecke gegenüber ein dickbepelzter vermaledeiter polnischer Jude saß und gar nicht daran dachte der Neuhinzukommenden Raum zu machen, dicht neben mich. – Ich bin von diesem Augenblicke an mit Leib und Seelegegendie Emancipation. – Daß sie auch einen Reisesack bei sich hatte, wußte ich natürlich gar nicht und als der Zug hielt, sprang ich, in Eile wie ich war und jetzt auch noch in der Angst vielleicht nicht einmal eine Droschke zu bekommen, rasch und ohne mich weiter um die Dame und ihrGepäck zu bekümmern, aus dem Coupée und dem Droschkenplatze zu. Ich muß dabei wahrscheinlich ihren Reisesack erfaßt haben und sie hat dafür den meinigen. Meier, es wird bei Gott zu spät. – Wo bekomme ich andere Ballhosen her? wenn ich noch länger zögere ist Emilie auf den ganzen Abend versagt und ich kann nachher ihre dicke Tante im Saale herumschleppen.«

»Nun, wenn es weiter nichts ist,« meinte Jener gutmüthig, »da kann vielleicht noch Rath werden –, hier mache nur schnell Toilette und ich will unterdessen hinausgehen und sehen ob ich Dir nicht aus meiner Garderobe ein Paar zur Aushülfe herausfinden kann – wir sind ja ungefähr von einer Größe.«

Guter Mensch, der Meier! ich drückte ihm herzlich die Hand und während er hinausging besorgte ich meinen übrigen Anzug, brachte meine etwas in Verwirrung gerathenen Haare in Ordnung und war wenige Minuten später bereit in jedes Paar Beinkleider hineinzufahren, das sich mir bieten würde. Meier kam aber nicht so schnell wieder und ich unterhielt mich indessen damit, die Thüre jede halbe Minute zwei Mal auf- und zuzumachen, oder die Schachteln und Büchsen zu untersuchen, die mir ein tückisches Schicksal in den Weg geschleudert.

Damenplunder, Schminke, Puder, ein Paar falsche Locken, getragene Handschuhe und Strümpfe.

»Bah!« rief ich und warf den Kram wieder von mir, »ist es denn möglich, daß es Esel auf der Welt giebt, die sich durchsolcheMittel bethören lassen? Ich bin erst zwanzig Jahre, aber so viel weiß ich, würde –«

»Herr Gott, wie riecht das hier verbrannt!« rief Meier, der in diesem Augenblicke die Thüre aufriß und mit dem ersehnten Kleidungsstücke hereintrat. »Hier muß etwas versengt sein.«

Mir war der Geruch auch schon aufgefallen, doch hatte ich in all' meiner Ungeduld nicht darauf geachtet; Meier dagegen zog gleich darauf den verhängnißvollen Reisesack hinter dem Ofen vor. Die eine Seite desselben – weißer Grund mit rothen Rosen – ich kann mich noch so deutlich darauf besinnen als wenn es gestern gewesen wäre – war gelbbraun gesengt und zu meiner Schande muß ich's gestehen, daß ich eine ordentliche Schadenfreude darüber empfand. Was kümmerte mich aber jetzt der Reisesack, ich fuhr nur – während Meier alle die diversen umhergestreuten Gegenstände wieder ohne große Vorsicht und Ordnung in den Beutel zurückwarf, mit dem Knie, danicht alles bequem hinein wollte, ein Bischen nachdrängte und dann das Ganze unter das Bett schob – mit wahrer Todesverachtung in die Unaussprechlichen. – Herr der Welt, wenn sie nicht gepaßt hätten – aber nein.

»Triumph!« rief ich und that mit beiden Füßen zugleich einen Luftsprung, »die Intelligenz siegt!«

Sie saßen wie angegossen – nur ein klein wenig zu eng, doch that das nichts – der Schnitt war vorzüglich und ich freute mich – auf mein Bein habe ich mir von jeher etwas eingebildet – wie ein Kind darüber. Kaum nahm ich mir jedoch nur zu einer flüchtigen Spiegelpromenade Zeit, denn unten knallte schon der von dem Dienstmädchen indeß herbeigeholte Droschkenkutscher, warf rasch den Burnus über, ergriff meine Handschuhe, drückte meinen Hut auf und wollte fort.

»Halt,« sagte da Meier und faßte meinen Arm, »wann wirst Du denn wohl wieder zu Hause sein?«

»Wer? ich? Nun nicht zu spät; wenn meine Dame nach Hause fährt, tanz' ich keinen Schritt mehr; auf jeden Fall bin ich um ein oder zwei Uhr spätestens wieder hier.«

»Gut, dann nimm den Hausschlüssel,« erwiedertemir Meier; »ich komme schwerlich so früh heim, denn wir spielen nachher immer noch ein Paar Rubber Whist. – Schläfst Du fest?«

»Nicht außergewöhnlich.«

»So werde ich gerade unter dem Fenster hier, wo Dein Bett steht, in die Hände klatschen – Du magst dann den Hausschlüssel in Dein Taschentuch binden, oder in den Tabaksbeutel dort stecken und herunterwerfen.«

»Habt Ihr denn keinen Hausmann, der auf die Klingel kommt?«

»Der Draht ist heute gerissen und noch nicht wieder gemacht – Du wirst mich schon hören.«

»Aber der verwünscht schwere Schlüssel –«

»Laß ihn im Burnus, da genirt er Dich nicht – und noch eins – merke Dir die Thüre hier. Wenn Du im Dunkeln die Treppe heraufkommst, so fühle Dich nur links gleich an der Wand hin, Du kannst gar nicht fehlen; die erste Thüre.«

»Genug – genug!« Wir sprangen die Treppe hinunter in den Wagen und fort ging's, dem Hôtel de Russie zu, wo uns schon von weitem die blendend erleuchteten Saalfenster das Fest als begonnen verkündigten.

Wie mir das Herz pochte, als ich die breiteteppichbelegte Treppe hinaufstieg! war mir's nicht, als ob ich plötzlich Blei in den Füßen habe und die Glieder nicht mehr bewegen und heben könne – mit Gewalt mußte ich mich zusammenraffen und wurde erst durch einen der betreßten Lakaien, der mir ein Stück Pappe in die Hand drückte und im nächsten Augenblicke mit meinem Burnus verschwunden war, zu mir selbst gebracht.

Wir traten ein; aus der geöffneten Saalthüre tönten uns aber schon die wilden Töne eines Gallopps entgegen. Ich hatte es mir doch gedacht, drei Tänze waren schon vorüber, die Polonaise und zwei Walzer und Emiliemußtesich ja auf den ganzen Abend versagt haben – oder durfte ich etwa vernünftiger Weise etwas anderes erwarten?

»Siehst Du,« murmelte ich, die Hand krampfhaft auf dem Herzen geballt, in Meiers Ohr, »dasist mein Schicksal, das mich rettungslos verfolgt – vierundzwanzig Meilen habe ich jetzt in grimmigster Kälte zurückgelegt – riesengroße Schwierigkeiten überwunden und besiegt und jetzt? –zu spät– der Fluch, der mir mein ganzes Leben untergraben hat – Emilie ist für mich verloren und ich bin elend – elend auf ewig.«

»Adolph,« flüsterte mir Meier zu und bog sich zumir herüber, »Du weißt was ich Dir schon tausend Mal gesagt habe, schlag Dir, wenn Du gescheidt bist, das Mädchen aus dem Kopfe, Emilie ist älter als Du selbst, über die besten Jahre hinaus.« –

»Geh zum Henker!« rief ich unwillig, »Mensch, willst Du mich denn jetzt auch noch, wo ich überdies dem Verzweifeln nahe bin, wahnsinnig machen? Du weißt, daß ich –«

»Schon gut, die alte Noth, Duwillstnicht hören, so gehe denn ruhig Deinen Weg. Aber da drüben kommt Emiliens jüngerer Bruder gerade auf uns zu, von dem wirst Du augenblicklich erfahren können, wo Du dieGöttlichezu suchen hast.«

Ich wandte mich unwillig von ihm ab, dem Bruder der Geliebten zu; wer aber beschreibt mein Erstaunen, ja mein Entzücken, als ich höre, daß Emilie, ebenfalls durch eigenthümliche Hindernisse aufgehalten, noch gar nicht erschienen ist, aber jeden Augenblick erwartet wird. Ich hätte dem liebenswürdigen jungen Manne, einem etwas hochaufgeschossenen Secundaner, auf offenem Ballsaale um den Hals fallen können. Daß ich mich jetzt dicht an der Saalthüre postirte versteht sich von selbst; allerdings begrüßte ich hier in meinem Eifer wohl zehn Mal fremde Damen, hatte mich mehrere Male zu entschuldigenund fand endlich, daß Emilie zu einer Nebenthüre eingetreten sei, doch was schadete das? durch ihren Bruder geführt, suchte sie selbst mich auf und ich vergaß indemAugenblicke Fahrt, Reisesack, Täuschung und langes Harren – ich vergaß die Welt und lebte, athmete nur in ihr.

Eine Stunde entschwand mir so im Wonnetaumel; was ich getanzt, was ich mit ihr gesprochen, wie sollte ich es wissen, ich sah auch nicht, was uns im wirbelnden jubelnden Festesdrang umgab, nur in ihre Augen schaute ich und in diesen blühte ein Paradies für mich auf, Emilie war nie so freundlich mit mir gewesen und ich hätte in diesem Augenblicke mit keinem Gott getauscht.

Erst in einer der Pausen gewann ich Zeit mich etwas ruhiger mit ihr zu unterhalten; Arm in Arm wanderten wir im Saale auf und ab und ihre kleinen rosigen Lippen flüsterten und plapperten mir die süßesten Schmeichelworte in die Ohren.

Wir hatten indessen eine der kleinen, an den Seiten angebrachten rothgepolsterten Bänke erreicht und ließen uns nieder; Emilie aber entschuldigte sich jetzt, daß sie so bleich und angegriffen aussähe. Guter Gott, das hatte ich ja noch gar nicht bemerkt, sie sah wirklich bedeutend blässer aus als gewöhnlich –auch in der That etwas verändert – was war ihr geschehen?

»Ach bester Freund,« flüsterte sie auf meine theilnehmenden Fragen, »es war gerade nichts von Bedeutung und doch etwas, das mich bald gezwungen hätte, dem Vergnügen des Tanzes heute ganz zu entsagen.«

Das Blut strömte mir kalt zum Herzen, als ich nur an die Möglichkeit dachte. –

»Aber wiewardas möglich? – Doch nicht etwa Krankheit? Ihre Wangen sind heute Abend wirklich auffallend bleich –.«

»Ich war ein Kind,« lächelte sie, »Angst und auch – Aerger, wenn ich denn aufrichtig sein will, sind die eigentlich thörichten Ursachen gewesen.«

»Aerger?«

»Um eine Kleinigkeit – ich habe jetzt einige Tage bei einer kranken Muhme im nächsten Städtchen zugebracht – mehrere Bekannte hatten dort ebenfalls einen kleinen Ball arrangirt; heute Abend kehrte ich erst von dort zurück und – Sie werden mich auslachen, verwechselte im Coupée meinen Reisesack. Nun, was erschrecken Sie denn? das ist doch nichts so Fürchterliches,« lachte sie, als ich an ihrem Arme zusammenfuhr.

»Nein, in der That nicht,« stotterte ich und sahmich dabei im Saale um, ob nicht etwa die Decke niederschlagen wollte, mich zu begraben, »verwechselten – verwechselten Ihren Reisesack – hahaha – das ist wirklich zu komisch, das ist göttlich – hahahaha – das ist kostbar.«

»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, Adolph!« rief Emilie erschreckt, »Sie lenken ja die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf uns, was fehlt Ihnen denn?«

»Bitte tausend Mal um Verzeihung!« stotterte ich ganz verstört, denn ich wußte in diesem Augenblick wahrhaftig nicht, stand ich auf dem Kopfe oder auf den Füßen. Schminke, Puder, Locken – heilige Mutter Gottes! Ich drehte mich schnell nach ihr um, sie trug beim ewigen Himmel ihre gewöhnlichen kastanienbraunen Locken nicht, von denen ich einst mit verrätherischer Scheere ein süßes, theures, tausend und tausend Mal geküßtes Andenken geraubt. Pest und Cholera – ich hatte jetzt die übrigen zu Hause in der Schachtel. Aber was nun thun? sollte ich ihr gestehen, daß gerade ich jener Unglückliche sei, der – nein das ging beim Himmel nicht, jetzt nicht. Und war denn auch der Reisesack nicht versengt, ruinirt, lag er nicht, ich durfte gar nicht daran denken, wo und neben wem; meine Sinne fingen überhauptan sich zu verwirren und Brandflecken, Locken, schwarze Beinkleider, Schminke, Puder, das Alles drehte sich mir wie ein feuriges Räderwerk in tausend tollen bunten, immer neu gestalteten Bildern im Kopfe herum.

»Ich begreife Sie gar nicht,« flüsterte Emilie endlich und warf mir einen vorwurfsvollen aber doch zärtlichen Blick zu, »was haben Sie nur?«

»Ach, mein Fräulein,« erwiederte ich ihr in aller Verlegenheit und muß in dem Augenblicke so roth wie ein gesottener Krebs ausgesehen haben – »Sie glauben gar nicht, wie leid mir Ihr Unfall thut, wenn man nur – wenn man nur herausbekommen könnte wer der unglückselige Vertauscher –«

»Auf jeden Fall ein Herr!« sagte sie rasch, »ich fand gleich oben auf –« sie stockte plötzlich und biß sich auf die Lippen.

»Sie haben den fremden Reisesack geöffnet?«

»Ja, allerdings, aus Versehen natürlich, die kleinen Schlösser sind sich ja alle gleich und ich sah nicht eher, daß ich mich geirrt, bis ich – bis ich –«

Ich wußte was jetzt kam, was jetzt kommen mußte, sie hatten ja gleich obenauf gelegen. –

»Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogenheißt das, mit – Gedichten. Ach Adolph, wenn SiedieGedichte gelesen hätten« –

Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten Gedichte hatte ich ganz vergessen, doch sie gefielen ihr, Emilie schwärmte dafür.

»Todt hätten Sie sich gelacht über das Zeug,« fuhr die junge Dame, die sich wieder ganz gesammelt hatte, fort, »manches unsinnige Gedicht habe ich schon gelesen, aber solch übernächtigen Mondenschein und Liebesjammer, solche Selbstmordphantasie und überschwengliche Winselei noch nie im Leben. – Ich – wurde etwas aufgehalten und las einige davon, sie waren zu komisch.«

»Aber mein Fräulein,« stotterte ich und verbarg mein Gesicht für einen Augenblick in mein Taschentuch, mir war es als ob das aus dem Herzen herausschießende Blut die Stirnadern zersprengen müßte, »ich weiß doch nicht – fremde Schriften –«

»Eines Kaufmannslehrlings,« unterbrach sie mich lachend, »das hat keine Gefahr, die geschnörkelte Handschrift verräth den Dichter,« – es hatte mich einen Thaler fünfundzwanzig Neugroschen gekostet, sie sauber abschreiben zu lassen. – »Sie müssen uns morgen besuchen,« fuhr sie fort, »da können Sie den Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack später zueiner Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce zu richten gedenke.«

Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft, meine Stirn brannte, das Wort lag mir auf der Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte; mit solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm, daß sie einen leisen Schrei ausstieß und erschreckt zu mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da dröhnten die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere Kreis lichtete sich und die Paare flogen zum Antritt an ihre Plätze, ich sprang auf und starrte wild umher.

»Kommen Sie, Adolph,« flüsterte da Emilie und drückte leise meine Hand, »der Tanz beginnt wieder, wir fehlen sonst in der Française.«

Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden Schaar zu, mich, den Verzweifelnden, mit der Hölle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in langverhaltenem Grimme; ich riß mich los von der Entsetzlichen, that einen Sprung zurück und rief: Nein, – kein Wort kam über meine Lippen, auch der kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinab. Heiliger Gott, ich hatte die fremden,engenBeinkleider vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreienBewegung geplatzt, soviel fühlte ich, und fürchtete jetzt das Entsetzlichste. Aller Augen richteten sich dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und mir war es, als wenn ich vor Schaam hätte in die Erde sinken sollen.

Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem höhnischen Lachen dieser Elenden den Saal verlassen mußte; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang meines Jammers nicht begriffen haben, noch war es vielleicht möglich, mich unbeachtet zu entfernen. Das einzige Mittel blieb ein urplötzliches Nasenbluten; ich riß das Taschentuch heraus, hielt es mir vor das Gesicht und überflog mit einem schnellen Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz zwischen uns und der Thüre war von Menschen frei – nur einzelne Damen standen hier und da und unzählige Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte ich mich jetzt darüber hin, so setzte ich mich tollkühn selbst einer Entdeckung aus; ich mußte einen günstigem Zeitpunkt abwarten.

Ein zweiter Blick überzeugte mich, daß der Platz, auf dem ich vor wenigen Minuten mit Emilien gesessen, noch frei sei und auch ziemlich von einer neben ihm herunterhängenden Gardine verdeckt und dadurch unbeachtet liege. War ich im Stande mich dorthinunerrathenzurückzuziehen, so konnte ich nachher meine Zeit abpassen und bei günstiger Gelegenheit die Thüre gewinnen.

Daß ich unter diesen Umständen nicht wagen durfte, der Gesellschaft den Rücken zu drehen, läßt sich denken; obgleich mir aber Emilie voll Erstaunen nachsah, da selbst das vorgehaltene Taschentuch eine solche retrograde Bewegung nicht vollkommen entschuldigte, so gelang es doch endlich durch äußerst geschicktes Manöveriren und die Deckung eines hochlehnigen Stuhles, den Sitz wieder zu erreichen, um von hieraus meine völlige Flucht bewerkstelligen zu können.

Zur dringenden Nothwendigkeit war es jetzt geworden dieGrößedes angerichteten Schadens zu ermitteln; wie es schien nahm in diesem Moment Niemand weiter Notiz von mir und ich bog, das Tuch jedoch noch immer vor der Nase, den Kopf ein klein wenig herunter. Herr des Himmels, ein ganzes Stück weißer, verrätherischer Leinwand hing neben mir an der Seite der rothgepolsterten Bank herunter; für so entsetzlich hatte ich mein Unglück gar nicht gehalten; aber es war nur zu gewiß, auch so ein kaltes Gefühl ..... Mein Herz schlug mir wie ein Hammer in der Brust, meine Glieder flogen in Fieberfrost. DochdieNäheder Gefahr giebt ja auch den verzagtesten Menschen den Muth zurück; das Unglück war nicht mehr hinwegzuleugnen, es mußteverbessertwerden. Wäre nur Meier einen Augenblick dagewesen, aber nein, der saß gewiß, kalter gefühlloser Mensch, ein solcher Jurist! hinter seinem Whisttische und zählte Tricks und Points, auf ihn durfte ich nicht rechnen, und eben wollte ich mich, um wenigstens das Schlimmste zu redressiren, langsam emporrichten, fast unwillkürlich hob ich dabei den Blick, knickte aber auch blitzschnell auf meinen Platz zurück, denn zehn Schritte von mir entfernt und gerade auf mich zukommend erkannte ich, wen anders als Emilien am Arme des dürren, bleichsüchtigen Secundaners, ihres liebenswürdigen Bruders.

Hätte sich die Sammetbank aufgethan und mich verschlungen, ich wäre mit dem größtmöglichsten Vergnügen eine unbestimmte Anzahl von Klaftern erdab in völlige Dunkelheit hineingefahren; die blieb aber stockstill und regungslos stehen und mir kaum Zeit meinen dünnen Frackzipfel über das Gräßliche zu breiten als auch schon mein Schicksal in der Gestalt dieser Sirene auf mich zutrat und mit leiser freundlich schmeichelnder Stimme fragte:

»Haben Sie Nasenbluten, Adolph?«

Ich machte nur einfach eine stumme bejahende Bewegung.

»Nun das wird bald vorübergehen,« tröstete sie mich, »aber – dürfte ich Sie wohl einmal auf einen Augenblick incommodiren?«

Ich sah überrascht und erschreckt zu ihr auf.

»Sie sitzen auf meinem Taschentuche,« fuhr sie bittend fort, »ich habe es vorhin hier liegen lassen.«

»Es – es liegt kein Taschentuch hier,« versicherte ich hinter meinem eigenen Tuche hervor auf das Bestimmteste, »ich habe eben erst nachgesehen.«

»Doch, doch, lieber Adolph,« lächelte die Entsetzliche, »Sie sitzen in der That darauf, ich – ich sehe dort sogar den Zipfel,« und ehe ich von dem was mir bevorstand auch nur eine entfernte Ahnung hatte, fuhr sie plötzlich auf den vermeintlichen Tuchzipfel zu, faßte es und suchte es vorzuziehen.

Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewünscht habe, so war es in dem Augenblicke ein Gewicht von circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte ich das sogenannte Tuch so schnell als möglich selbst und hielt es fest, meine erbarmungslose Quälerin aber legte sich mit ganzer Macht dagegen und da ich nur eine Hand gebrauchen konnte und überdies auf der weichgepolstertenBank nichts weniger als fest saß, fühlte ich, wie sie mehr und mehr Raum gewann.

»Aber bester Herr Müller,« winselte da der unglückselige Secundaner und legte mit Hand an, »ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch nicht,« er zog aus Leibeskräften, »nicht her – geben – wollen.«

Ich sah mein Verderben vor Augen; das Fürchterliche konnte nicht länger verborgen bleiben; nur es noch so lange als möglich zu verzögern, da – Heiland der Welt, da gab es nach, ich fühlte wie es unter mir vorrutschte, die Geschwister sprangen zurück und hielten – wachte ich denn oder träumte ich? – Emiliens wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher verzweifelter Griff überzeugte mich sogar, daß meine eigene Furcht ganz ungegründet gewesen, ob es aber jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos über das eroberte Tuch jubelten, ich weiß es nicht, unter dem mir teuflisch klingenden Hohngelächter schoß ich aus dem Saale, fuhr in toller Eile in zwei falsche Burnusse hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem Hute, der mir bis über die Schläfe in's Gesicht sank, warf den in die Ecke, drückte mir das erste beste auf den Kopf was mir passend vorkam und stürmte die Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidendkalte, aber meine brennende Stirn wie Balsam kühlende Nachtluft hinaus.

Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust, und eilenden Laufes floh ich, eine Hölle im Herzen, die dunkele zugige Straße hinunter der Schloßgasse zu.

Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings nicht gleich das rechte Haus erkennen; sie sahen sich alle ähnlich mit ihren grauen Erkern und düstern Fenstern, glücklicher Weise wußte ich aber die Nummer und fand endlich bei dem matten Scheine einer gegenüber düster flackernden Laterne die ersehnte 15.

»Morgen mit dem Frühzuge brech' ich wieder auf!« murmelte ich dabei, während ich den schweren Schlüssel aus der Tasche holte und in das Schlüsselloch zu stecken versuchte. »Ich bin geheilt – Meier hat recht – verrathen war ich, schändlich, niederträchtig, ver – na, nun schließt dieser vermaledeite Schlüssel auch nicht – weiter fehlte mir gar Nichts als jetzt auch noch eine Stunde hier auf der Straße zu stehen.« – Ich probirte, es ging nicht, ich blies den Schlüssel aus, weil ich glaubte es könnten sich Krumen hineingesetzt haben – es ging immer noch nicht.

»Meier!« rief ich, in der trostlosen Hoffnung, daß dieser schon vor mir den Ball verlassen haben könnte,bekam aber natürlich keine Antwort und versuchte den Schlüssel auf's Neue. Umsonst – vergebens drückte ich zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich die Nachtwächter und ein Paar vorbeikommende Chaisenträger auf das Lebhafteste für mich; hinein in das Schlüsselloch brachte ich den Verräther, nachher aber blieb er nicht allein regungslos darin stecken, sondern wollte sogar nicht einmal wieder heraus. Ich weiß selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem unglückseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein Vorbeigehender – denn selbst der Nachtwächter hatte die Sache zuletzt als trost- und hoffnungslos aufgegeben – zu läuten, damit der Hausmann käme und öffne.

Läuten! – ja er hatte gut reden, war denn nicht der Draht gesprungen? doch folgte ich wirklich, eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem Rath und riß, als ob ich die Klingel hätte mit der Wurzel aus dem steinernen Gewände reißen wollen. Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben, an dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der Zug blieb aber keineswegs so erfolglos, als ich es erst geglaubt; drinn im Hause war plötzlich durch meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke in Bewegung gesetzt worden, die jetzt ganz urplötzlichnicht allein den merkwürdigsten und entsetzlichsten Spektakel auf eigene Hand vollführte, sondern allem Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder aufzuhören. Es dauerte denn auch nur kurze Zeit – und die Riesenglocke läutete dabei noch immer fort – bis ein Paar Pantoffeln in größtmöglichster Eile über den steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen; der in den Pantoffeln Steckende hustete auf sehr bedenkliche Weise und durch das Schlüsselloch fiel plötzlich ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl. Inwendig wurde ein Schlüssel eingedrückt und herumgedreht, zu meiner Verwunderung aber auch noch ein Riegel zurückgeschoben und die schwere Thüre knarrte in ihren Angeln.

»Herr du mein Gott!« rief dabei der Alte, der bis über die Ohren in einem weißen Schafpelze stak, »wer reißt denn da so fürchterlich an der Glocke?«

»Guten Abend, Alter,« unterbrach ich ihn aber, trat, während ich ihm ein Viergroschenstück in den Schlafrock drückte – denn die Aermel gingen ihm bis weit über die Hände – in's Haus und wollte ohne Weiteres die Treppe hinauf, da ich nach der früheren Hitze und durch das lange Stehen vor der Thüre bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der Mann hielt mir aber erst seine Laterne unter's Gesichtund sagte, mit einem durch das indessen seitwärts besichtigte Viergroschenstück nur theilweise beruhigten Blicke:

»Wohnen Sie denn hier?«

»Jawohl, oben beim jungen Herrn.«

»Seit wann denn?«

»Seit heute Abend neun Uhr; wir sind zusammen zum Balle gefahren.«

»Ah so!« nickte der Alte, der damit seiner Hauspflicht genügt zu haben glaubte und wandte sich mit einem kurzen »gute Nacht« zum Gehen, mein Blick war aber dadurch und als ich mich nach ihm umdrehete, auf die Hausthüre gefallen und ich sah dort den Riegel, den er eben wieder vorgeschoben hatte.

»Wird denn hier das Haus von innen verriegelt?« fragte ich ihn erstaunt, »das habe ich ja gar nicht gewußt, – da hätte mir ja auch mein Schlüssel nichts geholfen.«

»Ja,« meinte der Alte und bekam wieder den bösen Husten, »seit sie hier – oho oho oho – in der Schloßgasse, die – oho oho oho – die Frau erschlagen haben, oho oho, ist mein Herr ängstlich geworden – oho oho oho.«

»Wie kommt da aber der junge Herr herein?«

»Der klingelt auch!« meinte sehr lakonisch derBrustkranke und zog sich, nicht ohne Grund die nachtheiligen Folgen der Zugluft für sich selbst fürchtend, mit einem wahren Anfalle von Keuchhusten durch die Hofthüre in seine eigenen Apartements zurück.

»Das also ist das Ende meines süßen Traumes!« seufzte ich, als ich die breite steinerne Treppe im Dunkeln hinaufstieg und dabei links das Geländer hielt, um nicht irgendwo anzulaufen; was kümmerte mich in diesem Augenblicke der Riegel? mir gingen andere fürchterlichere Gedanken im Kopfe herum. –

– »Das ist das Resultat meiner Reise –, das der Grundstein meines künftigen Glücks, auf dem ich Riesenbauten aufgeführt hätte. – Fort, fort, selbst mit der Erinnerung an mein Unglück – ich will schlafen und wäre es bis zum letzten Tage. Ach der Tod müßte jetzt eine Wohlthat sein.«

Wie dunkel das aber auf der Treppe war, nicht einmal die Stufen konnte ich erkennen, eine wirklich ägyptische Finsterniß, doch wußte ich ja meinen Weg und fühlte mich, als ich die erste Etage erreichte, links dicht an der Mauer hin. Da stieß meine Hand an irgend etwas und in demselben Moment, in dem ich mir das Knie an einer scharfen Ecke fast zerstieß, klirrte mit fürchterlichem Gepolter irgend ein irdenes Gefäß zu Boden und das plätschernde Geräusch verriethmir, daß ich jedenfalls einen nicht unbeträchtlichen Wasserkrug heruntergestoßen haben müßte.

Das fehlte mir noch – ich watete jetzt förmlich; wie aber kam der Krug hierher und wo hatte er –? wahrhaftig da stand auch ein Tisch; der mußte dorthin gestellt sein seit wir fortgegangen und meine linke Kniescheibe trug jetzt die Folgen. Doch hier half weiter kein Besinnen, im Dunkeln konnte ich überdies nichts wieder gut machen und beschloß nur Meier, wenn ich ihn zu Hause kommen hörte, aus dem Fenster hinaus zu warnen, daß er nicht etwa über das indessen die Treppe hinabgeströmte und gefrorene Wasser stürze.

Ich tappte jetzt an der linken Wand hin. – Nun? – Da sollte doch die Thüre sein. – Ich konnte nichts fühlen als die nackte kalte Mauer; auf jeden Fall mußte ich sie gleich im Anfange übergangen haben und suchte meinen Weg noch einmal zurück bis zur Treppe, aber keine Thüre war zu sehen und ich wußte doch so genau, daß sie sich aufderSeite befand. Wieder begann ich meine Wanderung, und die Zähne klapperten mir vor Frost und wieder mit nicht besserem Erfolge als zuerst, nur kam ich, als ich mich immer weiter hinarbeitete, zu einem Fenster, das in irgend einen dunkeln Hof hinausführte. –Wo war ich jetzt? Was sollte ich thun, was beginnen? Ich konnte doch wahrlich nicht die ganze Nacht auf der Treppe bleiben, wäre ja auch in meinem dünnen Ballanzuge erfroren. Und sollte ich Lärm hier im fremden Hause machen? – mit was für einem Gesichte durfte ich mich dann morgen – ei zum Henker, Noth bricht Eisen, erfrieren konnte ich auch nicht. Uebrigens mußte ja doch auch irgendwo eine Thür sein, und traf ich nicht die rechte, so weckte ich wenigstens Menschen, die mir das richtige Zimmer öffneten.

Rasch entschlossen ging ich an's Werk und kam glücklicher Weise endlich an eine Klinke, die ich zu öffnen versuchte; doch umsonst, sie widerstand allen meinen Bemühungen und auf mein mehrmaliges Anpochen erhielt ich ebenfalls keine Antwort. Ich ging jetzt weiter, stolperte nochmals über einen Stuhl, stieß an einen kleinen Tisch, über dem ich einen Spiegel fühlte, und erreichte zuletzt eine zweite Thüre.

Obgleich auch diese mir den Eintritt versagte, so glaubte ich doch ein Geräusch wie das eines Schnarchenden zu vernehmen. Ich klopfte herzhaft an und horchte – da regte sich etwas – eine Bettstelle knarrte, als ob sich Jemand darin umdrehe, dann war alles wieder still. – Ich wiederholte meinPochen, da rief plötzlich eine allem Anscheine nach auf's Aeußerste erstaunte Stimme:

»Was zum Henker giebt's denn da draußen? Wer klopft? Johann, bist Du das?«

»Ich bin's, Herr Meier!« erwiederte ich ihm mit schüchterner, aber nichts desto weniger lauter Stimme, denn ich mußte natürlich in ihm den Vater meines Freundes vermuthen. – »Adolph Müller ist's, der Freund Ihres Sohnes; ich kann meine oder vielmehr seine Stube nicht finden.«

»Donnerwetter, Herr, stören Sie die Menschen nicht im Schlafe!« rief aber der vermeintliche Vater mit keineswegs freundlicher Stimme, »ich habe gar keinen Sohn – gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich in Ruhe –«

»Aber bester Herr,« bat ich ihn, »ich stehe hier draußen in der grimmigsten Kälte und kann den Tod davon haben; wenn ich nur wenigstens ein Licht hätte, daß ich meine Stube finden könnte. In welchem Zimmer wohnt denn nur Herr Meier?«

»Ich kenne gar keinen Meier, Herr!« rief die Stimme mit einer fürchterlichen Bestimmtheit, »hier im ganzen Gebäude existirt kein Meier. – Gute Nacht, schlafen Sie wohl –«

Und ich hörte, wie sich der Unmensch mit allerGewalt auf die andere Seite warf, seine Worte aber waren wie ein Donnerschlag für mich – kein Meier im ganzen Hause! Das konnte ja gar nicht sein – hatte ich denn nicht die Nummer mit eigenen Augen gelesen? – Doch das Innere des Hauses selbst, die ganze Einrichtung war mir in der That fremd – sollte er recht haben? Doch nein, auf jeden Fall wohnte mein Meier hier; der Droschkenkutscher hatte mich ja auch gleich vor die richtige Thüre gefahren, ein Beweis, daß ich doch damals die Nummer gewußt; an mir lag es daher einen zweiten Versuch zu machen um mein Bett zu finden.

Ich schritt, immer weiter rechts, langsam an der Wand hin und erreichte endlich einen von außen durch einen Wollbeschlag verwahrten Eingang, der auf jeden Fall zu einer Wohn- oder Schlafstube führte; hier mußte übrigens die Klinke auf der verkehrten Seite sein, denn ich fühlte erst vergebens ringsherum und fand sie endlich in der Mitte. Kaum hatte ich sie jedoch berührt und darauf gedrückt, als von innen heraus ein so fürchterlicher markdurchschneidender Schrei erscholl, daß ich entsetzt zurückfuhr.

»Herr Meier,« rief ich aber gleich darauf rasch gesammelt und klopfte dabei scharf an die Thüre; »mein guter Herr Meier!«

»Mörder – Diebe – Spitzbuben! Feuer! Feuer!« gellte als Antwort die Stimme und nach dem Hofe zu wurde eine Klingel, die auf jeden Fall mit dieser Stube in Verbindung stand, aus Leibeskräften gerissen.

»Aber bester Herr Meier,« bat ich und suchte dadurch den Sturm zu beschwichtigen.

»Hülfe – Hülfe – Feuer – Diebe!« tobte das Echo und überall im Hause klappten Thüren und wurden ängstliche Stimmen gehört. Wieder, aber dies Mal noch in viel ängstlicherer Hast, schlurrten die Pantoffeln des Hustenden herbei und ich wußte für den Augenblick wirklich nichts Besseres zu thun, als mich diesem auf Gnade und Ungnade zu ergeben.

Ich fühlte meinen Weg, so schnell das gehen wollte, an die Treppe zurück und das Geländer hinunter, wo ich mit Freuden das eben wieder in die Hofthüre hereinblitzende Licht des Hustenden begrüßte. Dieser aber gewahrte kaum meine, wie er nach allem dem Hülfeschreien wahrscheinlich glauben mochte, in höchst böswilliger Absicht auf ihn zueilende Gestalt, als er blitzschnell, wie die Figur in irgend einer künstlichen Uhr, zurückschnellte, die Thüre in's Schloß warf und den Zeter von einer Treppe hoch mit

»Faß ihn, Türk, halt ihn fest, Packan, hu hetz hetz, Nero, hu hetz hetz!« accompagnirte.

Wohl sprang ich jetzt an die Hausthüre und schob den Riegel zurück, denn es wurde mir nun doch klar, daß ich durch das unseligste Mißverständniß in ein falsches Gebäude gerathen sei, die verwünschte Thüre ließ mich gegenwärtig aber ebensowenig hinaus, als sie mich vorhin hereingelassen hatte und zu der Aufregung, in der ich mich überhaupt befand, kam auch noch die Furcht, daß der schwindsüchtige Barbar am Ende gar zu guter Letzt eine Meute Kettenhunde auf mich losließe, wo ich dann in der engen Hausflur eine Scene aus den altheidnischen Thiergefechten hätte aufführen können. Glücklicher Weise mußte aber kein Hund auf dem ganzen Hof sein und die drohenden Laute sollten wohl blos dazu dienen die vermeintlichen frechen Diebe zurückzuschrecken. Ehe ich jedoch im Stande war einen festen Entschluß zu fassen und einmal schon wirklich im Begriffe die jetzt ebenfalls verschlossene Hofthüre zu sprengen, um mir wenigstens Bahn in des Hausmanns warme Stube zu brechen, flog das Thor plötzlich auf und drei entsetzte Gestalten mit Heugabeln, Schaufeln und einem großen Küchenmesser bewehrt, rückten in verzweifelter Tapferkeit heran und forderten mich mit grimmer Stimme zum Niederlegen der Waffen auf.

Es dauerte nun allerdings geraume Zeit, ehe ichim Stande war ihnen meine gänzliche Harmlosigkeit darzuthun, noch dazu da die früher gehörte Stimme von oben herunter ununterbrochene Drohungen von Galgen, Rad, Zuchthaus und Galeeren niederrief, und dadurch das Trifolium natürlich in dem Glauben erhielt, es sei Fürchterliches geschehen. Endlich mochte sie mein Ballcostüm, in dem ich mich producirte, beruhigen; es war wenigstens nicht wahrscheinlich, daß irgend ein vernünftiger Mensch bei solcher Kälte in schwarzem Fracke, weißen Glacéhandschuhen und Schuh und Strümpfen versuchen solle einzubrechen. Mein Freund im Schafspelze erkannte mich auch wieder, wollte sich aber, obgleich ich mich endlich mit den Leuten in soweit verständigte, daß sie mich für keinen Raubmörder hielten, in keinerlei Weise weiter mit mir einlassen, versicherte, daß er keinen Menschen Namens Meier kenne und in seinem Leben gekannt habe, schloß, dabei immer noch mit mißtrauischem Seitenblicke, die Hausthüre so schnell als möglich wieder auf und ich fand mich wenige Secunden später – und noch froh nicht etwa gar als fremder Ruhestörer irgend einem freundlichen Nachtposten überliefert zu sein – gerade vor derselben Pforte, vor der ich kurze Zeit früher Gott weiß was darum gegeben hätte, um nur gleich und schnell hineinzukommen.

Allerdings suchte ich mich jetzt augenblicklich und während innen noch der unausbleibliche Riegel mit größter Sorgfalt wieder vorgeschoben wurde, von der Identität der Hausnummer zu überzeugen; die letzte Laterne war jedoch indeß verlöscht, die Straße menschenleer und der Schnee fiel in großen kältenden Flocken nieder; ich selbst aber zitterte vor Frost an allen Gliedern und fürchtete wohl nicht ohne Grund eine bösartige Erkältung, wenn ich, so leicht bekleidet, auch nur eine Minute länger auf freier Straße blieb, als ich nothgedrungen mußte. Unter diesen Umständen blieb mir denn also nichts weiter übrig als den Versuch, in solcher Dunkelheit und Kälte das rechte Haus zu finden, aufzugeben, und ich lief rasch die Straße hinab, das erste Hôtel oder Gasthaus zu benutzen, was sich mir bieten würde.

Glücklicher Weise brauchte ich nicht lange zu suchen; wenige hundert Schritte weiter unten erkannte ich die goldglänzenden Riesenbuchstaben eines Schildes, die Hausglocke saß an der richtigen Stelle und ich fand – wirklich kaum noch im Stande mich auf den Füßen zu erhalten – ein eiskaltes Zimmer, aber ein warmes Bett, in dem ich mich von dem Elend und Leid dieser Nacht erholen konnte. Zum Tode erschöpft schlief ich natürlich augenblicklich ein und erwachte erstwieder, als mir das helle Tageslicht in die Fenster schien und der Kellner mit dem um acht Uhr bestellten Kaffee in die Thüre trat.

Wie ein düsteres Traumgebilde lag die Erinnerung der vergangenen Nacht auf meinen Nerven, der Kaffee übte jedoch seinen wohlthätigen Einfluß auch auf mich aus; ich schüttelte alle bösen Gedanken ab und mit dem festen Entschlusse Emilien auf immer zu meiden – ich bin bis jetzt noch nicht recht mit mir im Klaren, ob mich damals die falschen Locken oder die bedauernswerthe Ansicht über meine Gedichte am meisten dazu bestimmte – zog ich meinen Burnus wieder über, setzte den Hut, den mir das tückische Spiel des gestrigen Abends bescheert, auf, bezahlte die kleine Rechnung und öffnete meine Thüre, die auf einen schmalen Gang hinausführte.

»Nun, da hätte ich mir allerdings bis heute Morgen die Hände vor meinem Fenster wund klatschen können,« sagte in diesem Augenblicke eine Stimme dicht neben mir und aus der benachbarten Thüre trat ebenfalls mit Hut und Mantel, wer anders als Meier selbst heraus.

»Meier!« rief ich und stand ganz verdutzt über solche wunderbare Begegnung, »jetzt bitte ich Dich um Gotteswillen –«

»Weshalb liefst Du denn auf einmal gestern vom Balle fort?« brummte aber dieser. »Emilie hat tausend Mal nach Dir gefragt.«

»Emilie!« – der Name gab mir meine ganze Kraft und Energie wieder. –

»Meier,« sagte ich, griff ihm unter den Arm und führte ihn mit mir die Treppe hinab. »Meier, glaubst Du an ein böses Geschick?«


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