Achtes Kapitel.Im Reich der Palmen.

Unter Palmen am Euphratufer.Achtes Kapitel.Im Reich der Palmen.

Unter Palmen am Euphratufer.

Unter Palmen am Euphratufer.

Noch zwei Tage hielt ich mit dem deutschen Geschwader gleichen Schritt, dann aber gab ich das Rennen auf und ließ die so angenehme Reisegesellschaft im Stich. Ihr lag daran, so schnell wie möglich flußabwärts zu kommen, und sie konnte die geselligen Abendstunden durch Schlafen am Tage einbringen. Meine Arbeit aber erforderte angestrengte Aufmerksamkeit über Tag und Ruhe bei Nacht. Bei dem Dorf Do-er verabschiedeten wir uns, und am Morgen des 25. Aprils lag meine Fähre wieder einsam am Ufer. Als die Sonne über dem Horizont heraufstieg, stand ich auf dem Gipfel des nächsten Kalksteinfelsens. Vor mir breitete sich die Wüste aus, flach, öde und unfruchtbar. Kleine Stücke hübsch geschliffenen Feuersteins lagen überall umher. Kein lebendes Wesen war zu sehen. Bald trieb mich die zunehmende Hitze wieder hinab zu dem kühlen Strom unter den Schatten meines Zeltdaches. Der Frühling hatte endlich gesiegt; gestern Mittag zeigte das Thermometer über 25 Grad im Schatten, und bei der kleinen Stadt Mejadin hattenuns die ersten Palmen daran erinnert, daß wir uns wärmeren Gegenden näherten. Noch standen sie vereinzelt, aber am folgenden Tage zeigten sich bei dem Dorfe Rawa die ersten Palmenhaine, und abwärts von Ana, das ich am 27. April erreichte, bilden diese köstlichen Oasen den herrlichen, das Auge immer wieder entzückenden Schmuck des Euphratufers. Mit ihrem Auftreten wird zugleich die Schiffahrt gefährlicher, denn die Bewässerung der Palmengärten erfordert umfangreiche, oft weit in den Strom vorstoßende, die Fahrstraße einengende Wasserschöpfwerke.

Das erste Wasserschöpfwerk.

Das erste Wasserschöpfwerk.

Schon am fünften Tag meiner Euphratfahrt, dann am 18. April kurz vor dem Dorfe Säbcha, war ich an den ersten, noch primitiven Schöpfwerken, Denkmälern einer tausendjährigen Tradition, vorübergekommen. Damit sich das Berieselungswasser über das Ufer verbreiten kann, muß es ziemlich hoch hinaufbefördert werden; dazu eignet sich nur ein Ufer, das sich etwa drei Meter über den Wasserspiegel erhebt und senkrecht ausgewaschen ist. Wo es fehlt, muß es künstlich geschaffen werden. Die Schöpfeinrichtung besteht aus einem kunstlosen Holzgerüst, in dessen Oberteil ein Seil über eine Rolle läuft. Nach dem Wasser zu hängt daran ein großer Ledersack; das innere Seilende wird von einem Zugtier — Ochse oder Pferd — oder durch Menschenkraft landeinwärtsgezogen und so der Wassersack emporgewunden. Seine Öffnung ist durch ein Holzkreuz aufgespannt, damit er sich ordentlich füllen kann, und wenn er oben ankommt, ergießt er durch einen rüsselartigen, durch eine zweite Rolle und ein dünneres Seil regulierten Fortsatz seinen Inhalt in den Anfang des Bewässerungskanals, ein kleines, aus Weidenruten geflochtenes, mit Lehm gedichtetes Becken. Nach fünfzehn oder zwanzig Schritt kehrt das Zugtier um, der Sack sinkt durch seine Schwere wieder hinab und füllt sich aufs neue. So geht das den ganzen Tag. Häufig zwingt die Laune des Flusses dazu, die Schöpfmaschine zu verlegen. Steigt der Strom und überschwemmt er die Ufer, so können Tiere und Menschen ruhen; die befruchtende Flut findet von selbst ihren Weg zu den Äckern, und die eigentlichen Bewässerungskanäle stehen dann wie schmale Hafendämme über der weiten Wasserfläche.

Das Wasser wird mit Hilfe von Ochsen oder Pferden gehoben.

Das Wasser wird mit Hilfe von Ochsen oder Pferden gehoben.

Die knarrende Musik dieser Wasserhebewerke hatte mich von Tag zu Tag begleitet, und ihre derben Holzgerüste glichen besonders bei Nacht den Skeletten vorweltlicher Tiere. Bald sah ich auch zwei, drei Säcke an jedem Holzgestell auf- und abwärts steigen; jeder Sack hatte sein Zugtier und seine menschliche Bedienung, und jede Rolle knirschte ihre eigene Melodie.

Im Bezirk Chreta sah ich das erste Paternosterwerk. Pferde mit verbundenen Augen drehen ein wagerechtes Rad; dessen Zähne greifen in ein senkrechtes Rad, über das die Kette mit den Wassereimern läuft. Solch eine Einrichtung heißt Näura oder Dolab, während die einfachere mit den Ledersäcken Dschird genannt wird. Nicht weit hinter Do-er stand mitten in der Strömung ein einsamer Pfeiler aus gebrannten Ziegeln. Sale behauptete, das sei der Rest eines alten Turmes; wahrscheinlicher aber war es das Überbleibsel eines der großen Wasserschöpfwerke, wie ich sie bald in vollem Betrieb zu sehen bekam.

Wasserschöpfwerk.

Wasserschöpfwerk.

Am Morgen des 26. Aprils war der Fluß wieder um 20 Zentimeter gestiegen, und von den überschwemmten Weizenfeldern waren am Abend feuchte Nebel und Myriaden von Mücken aufgestiegen, so daß ich zum erstenmal mein Moskitonetz hatte gebrauchen müssen. Wir glitten in ruhiger Fahrt an der schroffen Bergwand Baghus vorüber und kamen dann an eine große, mit Gras und Gebüsch bewachsene Insel, die den Euphrat in zwei Arme teilte. Wir bogen links ein und sahen hier zum erstenmal die Wasserkraft selbst zum Heben des Wassers ausgenutzt. Eine Steinmauer war in den Fluß hineingebaut; ihre Spitze bildete ein großes Rad von etwa acht Meter Durchmesser. In der Peripherie des Rades hingen längliche Tontöpfe, die bei der Umdrehung das Wasser schöpften und in eine Rinne entleerten, die rechtwinklig von dem überden Kamm der Mauer laufenden Kanal ausging. Jetzt stand das Rad still, weil das Wasser über seine Achse gestiegen war; fließt es unter der Achse, dann dreht der Strom das Rad Tag und Nacht, und unermüdlich ergießen die Schöpfeimer ihren kostbaren Inhalt in die Kanalrinne, wenn auch immer etwas daneben fließt, sobald sich der Schöpfeimer bei der Umdrehung zu neigen beginnt. Das Rad ist aus rohem Treibholz zusammengezimmert, die Speichen sind krumm und schief, aber wenn es nur halbwegs rund ist, erfüllt es seine Aufgabe.

Ein Paternosterwerk unter einem Maulbeerbaum am Euphratufer.

Ein Paternosterwerk unter einem Maulbeerbaum am Euphratufer.

Solcher Wasserschöpfwerke oder Dolabs sah ich auf meiner Weiterfahrt im Reich der Palmen eine Unzahl. Je nach ihrer Länge sind die Mauern durch Bogenwölbungen unterbrochen, damit sie dem ungeheuren Druck besonders bei Hochwasser standhalten und der Strom ungehindert hindurch kann. Ich zählte bis zu siebzehn solcher Mauerbogen und bis zu vier an kleineren Mauerarmen untergebrachten Rädern an einem Dolab. Mauern und Räder sind im Laufe der Zeit grünschwarz geworden von Flechten und Moosen. Oft sind sie auch nur noch Ruinen; der Strom hat die Räder, manchmal auch nur die Töpfe zerbrochen oder mit sich geführt, die Mauern zerstört, und nur einzelne Pfeiler halten sich noch inmitten der brausenden Strudel. Auf einem solcheneinsamen, vor Raubtieren sichern Pfeiler nistete ein Storchenpaar. Am Anfang der Mauer am Ufer steht meist eine Palme oder mehrere wie eine Schildwache.

Wasserrad eines Dolabs im Gang.

Wasserrad eines Dolabs im Gang.

Ein Dolab mit vier Rädern.

Ein Dolab mit vier Rädern.

Sind mehrere Räder am selben Mauerrahmen im Gang, so entsteht ein fürchterliches Konzert wie von Ferkeln, Katzen und Hyänen. Aber den Fellachen ist dieser ohrenbetäubende Lärm die liebste Musik; da strömt Leben auf die Äcker, da gibt es üppige Weizenernten undBrot für die Familie, und sie legen ihr Worte unter und singen mit. Die Eingeborenen könnten mit verbundenen Augen eine Strecke den Fluß hinabfahren, die ihnen vertraute Musik der einzelnen Dolabs verriete ihnen, wo sie sich befänden. Wo die Schöpfwerke zerfallen sind, kann der Ackerbau am Ufer nicht gedeihen.

Die Dolabs werden möglichst bis in die stärkste Strömung hineingeführt und treten gern paarweise auf, gleichzeitig auf beiden Ufern. Das verschmälert die Fahrstraße oft bedeutend, steigert die Stromschnelle, die Geschwindigkeit der Räder und damit die Masse des hinaufbeförderten Wassers; man merkt deutlich, wie zwischen zwei solchen Mauerspitzen der Strudel zunimmt und der Euphrat in stärkeren Schlagwellen geht, und ich konnte noch von Glück sagen, daß wir bei der häufigen Unaufmerksamkeit Sales ohne ernstlichen Schiffbruch das Dorf Ana erreichten, das sich am Fuß der rechten Uferfelsen, von Palmen beschattet, unendlich lang ausdehnte. Es waren spannende Augenblicke, bis es Sale und den Ruderern endlich gelang, zwischen zwei Dolabs, die hier dicht hintereinander die Fahrstraße einengten, aus der reißenden Strömung herauszukommen und, ohne gegen die nächste Mauer getrieben zu werden, am Ufer zu landen.

Sale mit einem Ruder auf der „Kommandobrücke“. Links die Hütte mit dem Arbeitstisch.

Sale mit einem Ruder auf der „Kommandobrücke“. Links die Hütte mit dem Arbeitstisch.

Straße in Ana.

Straße in Ana.

Solange wir mit den Deutschen zusammengefahren waren, hatteSale seinen Stolz darein gesetzt, durch Geschicklichkeit und Dienstfertigkeit seine Kameraden aus Der-es-Sor zu überstrahlen. Jetzt, als niemand mehr da war, vor dem er paradieren konnte, hatte sein Eifer merklich nachgelassen. Nur seine allzeit frohe Laune und seine Sangeslust waren auf gleicher Höhe geblieben. Den ganzen Tag schallten die gutturalen Laute und klingenden Vokale seiner Muttersprache nur so über den Euphrat. Wenn er aber gerade nicht sang, sein helles Lachen nicht von den Felsen widerhallte oder er seine Gefährten nicht durch Märchen und Geschichten erheiterte, mußte ich Obacht geben, denn dann schlief mein Kapitän gewiß in aller Gemütsruhe am Steuerruder und ließ die Fähre treiben, wohin der Strom sie führte. Saßen wir dann auf einer Schlammbank oder in dem dichten Tamariskengebüsch eines schmalen Seitenarmes fest, oder drehte sich die Fähre über einem saugenden Strudel, so tobte und fluchte er im schönsten Arabisch auf die armen Kameraden, die seinen Schlaf mit doppelter Arbeit bezahlen mußten. Kamen wir aber glücklich los, sofort war er wieder eitel Sonnenschein und sang unverdrossen seine Lieder. Machte ich ihm dann Vorwürfe,er sei ein schlechter Kapitän und so etwas wäre seinem Vorgänger, dem Türken Mohammed, nie widerfahren, so lachte er voll glücklichen Übermuts und bewies mir mit sprudelnder Beredsamkeit, seine Kurven seien Muster von Geschicklichkeit und Eleganz.

Eines Tages begann er die Leute am Ufer anzurufen: „Habt Ihr etwas von Ben Murat gehört?“ oder „Habt Ihr Ben Murat gesehen? Sagt ihm, daß ich in acht Tagen zurückkomme!“ Niemand kannte Ben Murat, und Sales Kameraden wollten sich jedesmal totlachen. Schließlich fragte ich, wer denn der vielberufene Ben Murat sei. Da mußte er selbst so lachen, daß er das Steuer fahren ließ und in einer Ecke zusammensank. Als er endlich wieder zu Atem kam, vertraute er mir an: seines Wissens gebe es in der ganzen Gegend keinen Ben Murat; er treibe nur mit den Uferleuten Spaß. Mehrere Tage spukte Ben Murat an Bord und beruhigte sich erst, als wir Ana erreichten. Denn hier wechselte ich zum letztenmal meine Besatzung für die Strecke bis Feludscha.

Ahmed Apti.

Ahmed Apti.

Der neue Kapitän war ein Greis von siebzig Jahren, sehr wortkarg und ernst, aber er hatte sein Leben lang den Euphrat befahren, kannte, wie die neuen Ruderer Ismail Ben Halil und Dschemi Ben Omar versicherten, jede Biegung, jede Insel, jede Sandbank im Strom, ja jede Palme am Ufer, so daß es in ganz Mesopotamien keinen Schiffer gebe, der mit ihm zu vergleichen sei. Sale hatte mich gebeten, ihm den Traum seines Lebens zu erfüllen und ihn nach der berühmten Stadt Bagdad mitzunehmen; auch könne ich, meinte er, einen Koch gut gebrauchen, hütete sich aber einzugestehen, daß er von Kochkunst keine Ahnung hatte.Ich ließ ihn gewähren, und da meine neue Besatzung kein Wort Türkisch verstand, leistete er mir als Dolmetscher wertvolle Dienste. Außer dem neuen Gendarmen namens Saalman, einem Araber aus Mosul, der seine Mutter in Bagdad besuchen wollte, erhielten wir aber noch einen Passagier, und zwar diesmal einen Soldaten von Major von Schrenks Batterie, die, wie ich jetzt erfuhr, nur zwölf Stunden voraus war. Ahmed Apti, so hieß er, war auf unerklärliche Weise zurückgeblieben und bat mich himmelhoch, ihn doch ja mitzunehmen, damit er noch rechtzeitig seine Kameraden einholen könne.

Kapitän Ali am Steuerruder.

Kapitän Ali am Steuerruder.

Kapitän Alis Ruhm bewährte sich denn auch glänzend schon in dem schwierigen Moment, als wir Ana verließen und um die nächsten Dolabmauern herum die Fähre mit einer kurzen, aber gewaltigen Anstrengung wieder in den Strom hineinbugsieren mußten. Ruhig und seiner Sache sicher stand er am Steuerruder, und seine braunen Falkenaugen bemerkten jede Tücke des Stromes und jede Lässigkeit oder Dummheit der Mannschaft. Der Euphrat stand jetzt 3,23 Meter über dem normalen Niederwasserstand, und unser leichtes Fahrzeug wurde von der brausenden Flut so pfeilschnell entführt, daß die wunderbare Schönheit der Ufer bei Ana mit ihrer Palmenpracht wie ein Traum an mir vorüberflog. Nicht minder malerisch waren kleine Inseln, die zum Schutz gegen das Hochwasser rundherum mit Steinmauern umzäunt waren; bei tiefem Wasserstandmußten sie wie kleine Festungen aussehen. Direkt an Ana schloß sich das Dorf Dschemile, und die ununterbrochenen Palmengärten schienen kein Ende zu nehmen. Erst bei Wadi Gaser hörten sie wieder auf. Der Reichtum an Zelten, der oberhalb Der-es-Sor die Ufer belebte, war jetzt völlig verschwunden, hier gab es nur feste Dörfer mit Palmenhainen und Feldern und Wasserwerken oder wüstenstille Ufer. Nomaden, die zeitweise am Flusse hausten, hatten sich, wie ich in Ana hörte, in die Steppe zurückbegeben. Auf einer jähen Felsenspitze des linken Ufers lag das Heiligengrab Habibi Nedschar. Dort liege der Baumeister der Arche Noah begraben, erklärte mir Ali, der in der Tat jede Einzelheit an den Ufern kannte, und Sale fügte hinzu, die Arche sei ein Schahtur gewesen ganz wie der unsrige, aber wohl ein paar Kilometer lang. „Wann war das?“ fragte ich. „Das ist mindestens schon zweihundert Jahre her“, antwortete Sale in tiefstem Ernst.

Mehrfach bemerkte ich auf der Wasserfläche lange, dunkle Streifen, die sich teilten und wieder vereinten, über Wasserstrudel hinzogen und Inseln bildeten. Erst glaubte ich, es seien verweste Pflanzen. Dann aber zeigte sich, daß es lauter Heuschrecken waren, tote und lebende, die in verschiedenen Stadien der Ermattung hilflos im Wasser zappelten und schwammen. Auf ihren Raub- und Freßfahrten hatten sie sich verflogen und waren ein Opfer des Stromes geworden. Auch meiner Fähre hatte sich das Gesindel bald bemächtigt; in Bataillonen saß es auf den Relingen und dem Zeltdach; es war nicht durch die Luft gekommen, sondern ein Teil der unglücklichen Schwimmer hatte sich an die Fähre angeklammert und war an der Reling emporgeklettert. Hier trockneten sie nun an der Sonne und schöpften neue Kraft nach diesem unbehaglichen Abenteuer.

Die Hitze hatte in den letzten Tagen mächtig zugenommen; am 28. April zeigte das Thermometer fast 53 Grad, und was auf meinem Schreibtisch der Sonnenglut ausgesetzt war, begann zu brennen. An diesem Tage erfuhr ich durch einen türkischen Offizier, der vor fünf Tagen Bagdad verlassen und bei Ismanije am Ufer sein Zelt aufgeschlagen hatte, daß die Engländer bei Kut-el-Amara rettungslos eingeschlossen seien und das Begräbnis des Feldmarschalls unter großem militärischen Pomp stattgefunden habe. So drang das Echo der großen Weltereignisse auch in diese meine Stromeinsamkeit.

Am 29. April landeten wir bei dem herrlichen Garten Misban, dessen Besitzer, ein weitberühmter Mann, seinen Sohn sandte, um mich zum Gastmahl einzuladen. Da es aber schon zu spät am Abend war, machte ich diesem kleinen Märchenschloß erst am anderen Morgen einen Besuch.

Durch einen langgestreckten Vorhof kamen wir zunächst in einen Stall, wo einige braune Vollblutstuten an den Krippen standen, und dann in den eigentlichen Hof, wo Misbans Sohn und Diener mich empfingen und ins Haus geleiteten. In einem großen prächtigen Zimmer saß ein würdiger Alter, der Bruder des Hausherrn, mit gekreuzten Beinen auf einem Teppich und las laut, mit knarrender, eintöniger Stimme, in einem Buche, wobei er den Körper auf und ab wiegte. Jetzt stand er auf, hieß mich willkommen und führte mich an den erhöhten Ehrenplatz, von wo man durch vergitterte Fenster eine herrliche weite Aussicht auf den majestätischen Strom hatte.

Schaker, 14jähriger Araber aus Ana.

Schaker, 14jähriger Araber aus Ana.

Das ganze Zimmer war mit Teppichen belegt. In seiner Mitte erhob sich ein viereckiger Herd, auf dem Palmenholz glühte und die Kaffeekanne brodelte. Nach einer Minute trat auch Misban selber herein, vornehm und würdig wie ein Herrscher, in weißem, goldgesäumtem Mantel, ein weißseidenes Tuch mit Silberringen um den Kopf. Mit der verbindlichen Höflichkeit eines reichen Arabers erkundigte er sich nach meiner Fahrt und erzählte dann bei Kaffee und Zigaretten von sich und seiner Besitzung.

Sein Vater hat die Oase vor siebzig Jahren angelegt; seit zwanzig Jahren bewirtschaftet er sie selbst. Sein vollständiger Name ist Misban Ibn Schoka. Er hat vier Söhne und sechs Diener, die mit ihren Familien, insgesamt dreißig Personen, hier wohnen. Er besitzt tausend Palmen und ist dabei, seine Plantagen noch zu erweitern. Ich sah gerade eine Fähre mit Palmenschößlingen landen, die angepflanzt werden sollten.

Misban und sein Bruder.

Misban und sein Bruder.

Der Spaziergang durch den Garten war köstlich. Treibhauswarm, schwer und still hing die Luft zwischen Mandel-, Orange- und Maulbeerbäumen, und die schönen zackigen Blätter der Palmen und ihre zarten, noch weißen Datteltrauben hoben sich scharf von dem blauen Himmel ab. Das Korn stand hoch und sollte in einigen Wochen geschnitten werden, einen Monat später der Weizen. Erst im September glänzen die Datteln braungelb wie Bernstein und sind dann reif zur Ernte. In Misban gediehen auch Zucker- und Wassermelonen, mehrere Arten Trauben, Zwiebeln und Bohnen und viele andere Küchengartengewächse.

Die Einkünfte der Oase sind schwankend, aber im allgemeinen gut. Die Dattelernte allein beträgt im Durchschnitt vierzig Kamellasten, jede zwei türkische Pfund in Gold oder etwa vierzig Mark wert. Die gesamte Ernte berechnete der Besitzer, alles eingerechnet, auf vierhundert Pfund. Aber nur die Hälfte davon wurde alljährlich verkauft, die andere an Ort und Stelle verbraucht.

Misban Ibn Schoka.

Misban Ibn Schoka.

Misbans Garten war kein Kavekhane, kein Wirtshaus, wo man einkehrte, um sich ein Abendbrot zu bestellen. Aber wer vorüberfuhr, war Misbans willkommener Gast, und es verging kaum ein Tag, an dem nicht jemand eine Weile auf den bequemen Sofas vorne am Kai rastete, bis die Sonne unterging und Abendkühle eintrat. Zuweilen kamen sogar die Karawanenleute von der einige Stunden entfernten großen Landstraße zwischen Bagdad und Aleppo herüber, um hier auszuruhenund ihre Tiere zu tränken. An glühenden Sommertagen, wenn die Hitze über der trockenen Wüste zittert und der feine Staub von den Tritten der Kamele aufwirbelt, muß es allerdings ein Hochgenuß sein, von der Uferhöhe aus Misbans Palmen ihre Kronen über reifenden Äckern wiegen zu sehen. Da winkt Ruhe, da kann man sich satt trinken und im kühlen Schatten die Mühsal der Wüste vergessen! —

Ein Schahtur landet am Ufer der Oase Misban.

Ein Schahtur landet am Ufer der Oase Misban.

Eins der schönsten Landschaftsbilder, das der Euphrat zu bieten hat, ist die kleine Stadt Hit, ein uralter Ort, dessen Asphaltquellen vor Jahrtausenden das Erdpech lieferten, das die Baumeister der babylonischen Königspaläste brauchten. Über einem wogenden Palmenmeer thront sie auf einem Hügel, an dessen Fuß ein Minarett trotzig seine weiße Spitze erhebt. Sie ist die erste arabische Stadt, die Seehandel treibt und an deren Kai sich ein regelrechtes Schiffsleben entwickelt. Am Kopf der Schiffbrücke, die beide Ufer verbindet, liegen zahlreiche arabische „Meheile“, große Kähne mit spitzen Vorder- und Hintersteven, schräg stehenden Masten und langen zusammengerollten Rahesegeln vor Anker, die in voller Fahrt mit vom Wind geblähten weißen Segeln, Schaum am Vordersteven, von überaus malerischer Wirkung sind. Matrosen waten im Uferwasser geschäftig hin und her. Mächtige Schollen zähflüssiges Erdpech liegen wie Teppiche auf dem Ufer ausgebreitet, werden zusammengerolltund auf Prahme geworfen. Pechgestank erfüllt die Luft. Frauen in dunkeln Mänteln balancieren mit Pech gedichtete Töpfe auf dem Kopf, füllen sie am Kai mit Wasser und plaudern mit ihren Nachbarinnen, die eifrig ihre Wäsche in den Fluten des Euphrat spülen.

Gleich unterhalb des Minaretts landete ich an einem offenen Uferplatz. Eine Schar spielender Buben stürmte bald herbei, und ein kleiner Türke in buntem Hemd rief mir zu: „Gestern ist Kut-el-Amara gefallen. Heute ist das Telegramm gekommen!“

„Bist du dessen auch sicher?“ fragte ich.

„Ja“, antwortete er, „der Herr kann ja auf dem Telegraphenamt nachfragen.“

Schön, dachte ich, dann ist Bagdad außer Gefahr, auch der Weg nach Babylon noch offen, und begab mich mit meiner gewöhnlichen Begleitung, dem Gendarm und Sale, in die Stadt hinauf. Eng die teilweise mit Asphalt belegten Gassen, grau die Mauern, ärmlich die Lehm- und Steinhäuser. Dunkle Gänge führten durch offene Tore zu Hütten und auf schmutzige Höfe. Wasserträger mit tropfenden Ledersäcken auf dem Rücken, Esel mit Fruchtlasten, kleine Läden mit Sonnendächern oder offener Auslage von Brot, Erbsen, Granaten und andern Eßwaren; auf den Holzschwellen an den Gassen Kinder mit Schmutznasen, das Gesicht mit Fliegenschwärmen bedeckt; an einer Mauer Aussätzige von abschreckendem Äußeren — welcher Gegensatz zu dem lieblichen Bild, das Hit dem Ankömmling zu Wasser vortäuscht! Auf die braunen Fluten des Stroms öffnete sich in den winkligen Gassen nur selten ein flüchtiger Ausblick.

Gendarm Saalman.

Gendarm Saalman.

Zum Marktplatz mußten wir wieder hinabsteigen bis dicht an den Strand. Dort standen zwei stattlichere Häuser; in deren einem wohnteder Mudir von Hit, ein Araber, dessen fortschrittlich europäische Kleidung mit seiner bedenklich zurückgebliebenen Intelligenz auffallend kontrastierte. Das andere war das Telegraphenamt, wo mir der Fall von Kut-el-Amara bestätigt wurde. Der englische Oberbefehlshaber General Townshend war mit 13000 Mann gefangen — ein bedeutender Sieg also, dessen Kunde die ganze mohammedanische Welt durchlaufen und die Macht des Sultans kräftigen mußte. Am 29. April hatte der Feind seine Stellungen räumen müssen — zehn Tage vorher war Feldmarschall von der Goltz gestorben! Ein grausames Schicksal hatte es ihm verwehrt, diesen Siegestag zu erleben, den sein Genie und seine Umsicht an der Spitze der 6. Armee erzwungen hatten.

Landungsplatz in Hit.

Landungsplatz in Hit.

Während ich auf der Post weilte, war ein kleiner Doppelschahtur bei meiner Fähre angekommen mit einem katholischen Priester an Bord und einem zweiten jungen Deutschen namens Kettner. Wir verbrachten den Abend zusammen und verabredeten uns für den folgenden Tag zu gemeinsamer Fahrt.

Hit verließ ich am 1. Mai, und nun näherte sich meine Stromfahrt ihrem Ende. Mein Freipassagier Asis war in Hit zurückgeblieben; daßer sich auf Französisch gedrückt hatte, wunderte mich nicht, wohl aber, daß er verduftet war, ohne ein — Trinkgeld für seine Reisebegleitung zu fordern.

Das linke Euphratufer heißt von hier ab bei den Arabern El-Dschesire (Insel), ein Begriff, der sich ungefähr mit Mesopotamien deckt; das rechte Esch-Scham. Diese beiden Namen traten nun immerfort in Verbindung mit Strömung, Wind und Landungsplatz auf. Am Schamufer fuhren wir an den niedrigen Felsabhängen von Leguba entlang und lenkten dann hinter der tamariskenbewachsenen Insel Abu Tiban nach Dschesire hinüber. Beim Palmenhain Tell-essued zwang uns heftiger Südost wieder längere Zeit still zu liegen, und voll Neid sah ich die stolzen Meheile in dem ihnen günstigen Wind mit vollen Segeln an uns vorüber stromaufwärts fahren. Während ein Araber gewandt am Stamm weiblicher Palmen hinaufkletterte, ihr Samengehäuse mit dem Staub der männlichen Blüten bestreute und dann die Blattbüschel mit Bast zusammenband, vertrieben sich meine Leute die Zeit mit Vogelfang und mit dem Bau kleiner Schiffchen aus Palmblättern. Dann versuchten wir die Fähre am Ufer entlang vorwärtszuziehen; bei offenem Strand ging es; wo aber Gestrüpp den Leinpfad unwegsam machte, kamen wir verzweifelt langsam vorwärts.

Wir landen bei Tell-Essued.

Wir landen bei Tell-Essued.

In dieser Gegend vollzieht sich der Übergang der Hochebene in das vollständig ebene Schwemmland, das zur Zeit der assyrischen und babylonischen Königreiche von gewaltigen Kanälen durchschnitten und mit üppigen Gärten und Äckern bedeckt war. Die weißen Kalksteinwände verschwinden, nur noch vereinzelte Ausläufer ziehen sich bis an den Strom heran. Der Horizont rückt in weite Ferne, und der Euphrat benutzt seine neu gewonnene Freiheit, um sich mächtig auszudehnen.

Unser Lager bei Tell-Essued.

Unser Lager bei Tell-Essued.

Auch am 2. Mai kämpften wir vergebens mit Gegenwind, und die zahlreichen Schöpfwerke — hier wieder von dem primitiven Typ — machten es fast unmöglich, die Fähre vom Lande aus weiter zu bugsieren. So krochen wir mit unendlicher Mühe bis Ramadije. An diesem Tag begegnete uns die erste Guffa, eines der runden asphaltbekleideten Korbboote von großer Leichtigkeit und Tragfähigkeit, die schon aus assyrischer Zeit bekannt sind. Der Ruderer war selbst Mast und Segel, er stand in der Mitte des Bootes, und sein Mantel war als Windfang ausgebreitet.

Meheile auf dem Euphrat.

Meheile auf dem Euphrat.

Am nächsten Tag fanden wir die Ufer auf weite Strecken überschwemmt. Der Euphrat macht hier große, oft fast kreisförmige Windungen, und das in diesen Schleifen liegende Land war von dem eigentlichen Strom kaum noch zu unterscheiden, so daß es die ganze Kunst meines Kapitäns erforderte, sich zwischen diesen unter Wasser liegenden Landzungen, Inseln und Schlammbänken, in kleinen und großen Seitenarmen zurechtzufinden. Da standen Palmenhaine mitten im Strom; dann wieder waren Äcker mit reifenden Ernten von der Flut verschont, und Schaf- und Rinderherden, Hütten und Zelte standen wie auf der Wasserfläche. Die Anwohner hier mußten geradezu ein amphibienartiges Dasein führen, jeden Augenblick gewärtig, von den launischen Wellen überrascht zu werden. Oft war auch das, was ich für Zelte hielt, nichts weiter als die Segel der Meheileboote, die rechts oder links über der Wasserfläche emporragten und denen wir dann in großem Bogen, den der Euphrat beschrieb, begegneten. Meine Leute mußten schließlich nackt ins Wasser hinein, umuns nur vorwärts zu bringen. Dabei war die Insektenplage fast unerträglich. Wenn wir abends an einem öden Strand vertäuten, durfte ich mein Licht nur für mein schnelles Abendbrot brennen lassen. Überall schwirrte und surrte es von Insektenschwärmen, die in dieser Sumpfgegend und bei der tropischen Hitze myriadenweise gediehen. Das innere Dach meiner Hütte war mit einer schwarzen, kribbelnden Decke bezogen, plumpe Käfer stießen gegen die Wände, törichte Nachtfalter taumelten in die Flamme und plumpsten mit verbrannten Flügeln in mein Eßgeschirr. Die Grillen zirpten um die Wette, die Frösche quakten im Sumpf und das höhnische Lachen und langgezogene Heulen der Schakale ging in unheimlichen Wellen über die Steppe. Die schlimmsten Quälgeister aber waren Mücken und Moskitos, von denen immer einige durch die Maschen des Moskitonetzes schlüpften. Ein brennendes Jucken lief über den ganzen Körper, und an Schlaf war in diesem Bett von Brennesseln nur wenig zu denken. Am Morgen, wenn sie dickgefressen und zu faul waren, wieder hinauszufliegen, hatte ich wenigstens die Freude, blutige Rache nehmen zu können. Die Morgenkühle pflegte das Jucken zu beseitigen.

Dorf in der Gegend von el-Beschiri.

Dorf in der Gegend von el-Beschiri.

Am 4. Mai erschien endlich über der glatten Steppe das Minarett von Feludscha, erst im Südosten, dann im Nordosten, denn der Euphratmacht hier wieder einen mächtigen Bogen nach Süden. Als wir den Landungsplatz erreichten, war das erste, was ich sah, ein Schahtur von Schrenks Batterie; die Abteilung des Roten Kreuzes war noch hier und sollte am nächsten Tag aufbrechen.

Bei Feludscha ist der Euphrat ungewöhnlich schmal. Diesem Umstand hat der Ort seine Entstehung zu verdanken. Denn hier geht die große Karawanenstraße über den Strom. Die Brücke war aber des Hochwassers wegen eingezogen; die Pontons lagen am Ufer und sollten auch nicht mehr verwendet werden, da die Brücke für die Fähren nach Risvanije ein gefährliches Hindernis war. Die Reisenden müssen sich daher damit abfinden, daß sie und ihr Gepäck auf einzelnen Prahmen über den Euphrat gesetzt werden.

Von Feludscha aus konnte ich nun zu Wagen auf der Karawanenstraße nach der Stadt der Kalifen gelangen oder zu Schiff bis Risvanije weiterfahren, das durch eine kleine Feldbahn mit Bagdad verbunden ist. Bei ruhigem Wetter rechnet man zu Wasser bis Risvanije acht Stunden. Ich entschloß mich daher, auf der Fähre zu bleiben, mußte aber bald diesen Entschluß bereuen. Gegenwind und Gewitterregen, dazu ein tüchtiger Weststurm, zwangen uns immer wieder stillzuliegen und dehnten die acht Stunden zu mehr als einem Tag. Die Araber sind gegen nichts empfindlicher als gegen Regen; vor jedem kleinen Schauer ließ meine Besatzung die Ruder im Stich, flüchtete unter Deck und war erst wieder aufzutreiben, wenn wir zu kentern drohten. Einmal wären die Leute, als sie die Fähre ins Schlepptau nehmen wollten, beinahe alle im Schlamm ertrunken. Ich atmete daher erleichtert auf, als ich endlich am 5. Mai Risvanije erreichte und mein tüchtiger Doppelschahtur seine Reise von 1040 Kilometern ohne schwere Unfälle vollbracht hatte.


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