Phot.: Koldewey.Assarhaddon-Ziegel von Esagila.Sechsundzwanzigstes Kapitel.Assyrien und Babylonien.
Phot.: Koldewey.Assarhaddon-Ziegel von Esagila.
Phot.: Koldewey.Assarhaddon-Ziegel von Esagila.
Phot.: Koldewey.
Die Schilderung meiner Fahrt durch Mesopotamien wäre unvollständig ohne eine kurze Übersicht über die Geschichte dieses Landes.
Die ältesten Urkunden und Kulturreste Babyloniens stammen aus dem Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. Verglichen mit den alten Denkmälern Ägyptens sind sie ärmlich. Das erklärt sich, wie Eduard Meyer gezeigt hat, aus der Natur des Landes. Das einzige vorhandene Baumaterial waren Lehm und die daraus gefertigten Ziegel. Steine dagegen fehlten. Anders in Assyrien, das den Nordteil Mesopotamiensumfaßte und zum Teil Gebirgsland war. Obgleich seine Kultur auf babylonischer Grundlage ruht, sind seine erhaltenen Altertümer mannigfaltig, da Gestein zur Hand war. Die Paläste wurden mit Alabasterplatten und Reliefbildern geschmückt, und die Könige ließen ihre Annalen auf Steinzylinder und -prismen aufzeichnen. Außerdem haben, wie Meyer[2]hervorhebt, die Ruinen der assyrischen Städte Assur, Kalach, Ninive, Dur Sargon, nachdem sie 606 v. Chr. systematisch zerstört worden waren, zum größten Teil unberührt bis in unsre Zeit unter der Erde gelegen, während die babylonischen Städte im Lauf der Jahrhunderte mehrfach von Elamiten und Assyriern geplündert wurden. Das historische Material über Assyrien ist daher viel reichhaltiger. Besonders gut kennen wir das Zeitalter der großen Eroberer Assurnasirpal (884–860), Salmanassar II. (860–824), Tiglat-Pileser IV. (745–727) und Assurbanipal oder Sardanapal (668–626). Diese Glanzperiode zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert liegt viel klarer vor uns, als die Geschichte irgendeines andern orientalischen Reiches vor den Persern. Aus der Geschichte Babyloniens sind lange nicht so viele Dokumente erhalten, besonders zwischen 1926 und 745 klafft eine große Lücke. Auch die Königsannalen des neubabylonischen oder chaldäischen Reiches können sich in keiner Weise mit denen der großen Assyrier messen, wenn auch manche Urkunden von Nebukadnezar (604–561) und Naboned (556–539) vorhanden sind, die sich jedoch, wie wir bereits sahen, sehr wenig mit der äußeren Geschichte des Landes beschäftigen. Aber die Städte Babyloniens hatten länger Bestand und traten nach der Perserzeit in engere Verbindung mit den Griechen. Deshalb waren die griechischen Geschichtschreiber, vor allem Herodot, über Babylonien viel besser unterrichtet als über Assyrien. Das babylonische Tiefland war auch in geographischer wie in historischer Beziehung der Schwerpunkt der ganzen Welt, die vom Taurus und vom Zagros begrenzt wird. Von hierstrahlte die Kultur nach allen Richtungen aus. Ich erwähnte schon, daß Xenophon über die Ruinen Ninives zog, ohne zu wissen, was sie bedeuteten; man erzählte ihm, es seien Überreste medischer Städte, die der Himmelsgott durch ein Wunder in die Hand der Perserkönige gegeben habe. Tatsächlich war das assyrische Reich mitsamt seinem Volk in einer großen Katastrophe verschwunden und lebte nur noch in der Sage weiter.
[2]Ich benutzte für diese Darstellung ausschließlich folgende Arbeiten: Eduard Meyer, „Geschichte des Altertums“, 1913; C. Bezold, „Ninive und Babylon“, 1909; C. Bezold in Pflugk-Harttungs Weltgeschichte (schwedische Ausgabe von Hildebrand und Hjärne); Oscar Montelius, „Die älteren Kulturperioden im Orient“ (noch nicht erschienen, aber vom Verfasser mir in der Korrektur freundlichst zur Verfügung gestellt); K. V. Zettersten, „De semitiska språken“, 1914; Harald Hjärne in Wallis’ „Weltgeschichte“, 1875; Johannes Kolmodin in „Antikvarisk Tidskrift för Sverige“, 1916.
[2]Ich benutzte für diese Darstellung ausschließlich folgende Arbeiten: Eduard Meyer, „Geschichte des Altertums“, 1913; C. Bezold, „Ninive und Babylon“, 1909; C. Bezold in Pflugk-Harttungs Weltgeschichte (schwedische Ausgabe von Hildebrand und Hjärne); Oscar Montelius, „Die älteren Kulturperioden im Orient“ (noch nicht erschienen, aber vom Verfasser mir in der Korrektur freundlichst zur Verfügung gestellt); K. V. Zettersten, „De semitiska språken“, 1914; Harald Hjärne in Wallis’ „Weltgeschichte“, 1875; Johannes Kolmodin in „Antikvarisk Tidskrift för Sverige“, 1916.
[2]Ich benutzte für diese Darstellung ausschließlich folgende Arbeiten: Eduard Meyer, „Geschichte des Altertums“, 1913; C. Bezold, „Ninive und Babylon“, 1909; C. Bezold in Pflugk-Harttungs Weltgeschichte (schwedische Ausgabe von Hildebrand und Hjärne); Oscar Montelius, „Die älteren Kulturperioden im Orient“ (noch nicht erschienen, aber vom Verfasser mir in der Korrektur freundlichst zur Verfügung gestellt); K. V. Zettersten, „De semitiska språken“, 1914; Harald Hjärne in Wallis’ „Weltgeschichte“, 1875; Johannes Kolmodin in „Antikvarisk Tidskrift för Sverige“, 1916.
Das assyrische Reich wuchs aus der Stadt Assur hervor. Seine älteste Bevölkerung stammte aus Kleinasien. Das beweisen die Namen der Könige, die die ersten Tempel und Stadtmauern bauten. Der Name der Stadt, des Volkes und seines Gottes war derselbe. Im 1. Buch Moses, Kapitel 10, Vers 22, führt ihn auch derjenige von Sems Söhnen, der der Stammvater der Assyrier war: „Sems Söhne waren Elam, Assur, Arpaksad, Lud und Aram.“ Die ältesten Herrscher Assurs waren jedenfalls Vasallen der Könige von Sumer und Akkad. In Akkad gründete im Jahre 2225 v. Chr. der Amoriterhäuptling Sumuabu das Reich Babel, das sich unter Sumulailu (2211–2176) zum bedeutendsten unter allen Reichen Akkads entwickelte. Sumulailu baute Kanäle, Mauern, Tempel und einen goldenen Thron für Marduk, den Stadtgott von Babylon, und galt bei seinen Nachfolgern als der eigentliche Gründer Babyloniens und als Stammvater der Dynastie. Der sechste König dieser Dynastie, Hammurabi (2123–2081), führte Krieg mit Elam und Ur, unterwarf nach und nach ganz Sinear, nahm den Titel eines Königs von Sumer und Akkad an und trug das Gewand der sumerischen Könige, den Mantel und die Turbanmütze. Sein Steinbild ist erhalten: die Züge sind sumerisch — große Nase, langer Bart —, und nach Art der Beduinen trägt er kurzes Haupthaar und rasierte Lippen. Er heißt auch „König der vier Weltteile“. Assur und Ninive waren ihm untertan. Assur hatte er dem Schutzgott seiner Dynastie, Marduk, dem Merodach der Bibel, wiedergegeben, und Ninives Tempel weihte er der Göttin Ischtar. Er errichtete in verschiedenen Städten Tempel, förderte Ackerbau und Viehzucht, erweiterte das Bewässerungssystem durch Kanäle und schützte das Land durch Dämme gegen Überschwemmungen, legte Straßen an, baute Transportschiffe, zog Steuern ein in Gestalt von Geld oder Getreide, Sesam und Datteln, unterdrückte das Räuberwesen,baute zahlreiche Festungen, sorgte für Sicherheit und Ruhe und hielt ein stehendes Heer. In alle Zweige der Verwaltung griff er ein und achtete auf pünktliche Ausführung seiner Befehle.
Religion und Kultus standen unter ihm in hohen Ehren, und die Opfer wurden genau innegehalten. Am meisten lagen ihm die Städte Sippar, Babel und Borsippa am Herzen. Viele andre Städte, z. B. Uruk, Larsa, Ur, Eridu und Nippur blieben heilig. Andre Orte aber, wie das ehedem glänzende Sirpurla, waren bereits zu Hammurabis Zeit verfallen, um nie mehr genannt zu werden. Man rechnete sie also bereits vor viertausend Jahren zum Altertum. Mit Recht sagt Montelius, wenn die Blütezeit der altbabylonischen Kultur in die erste Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. verlegt werde, so müsse ihr Anfang noch viel weiter zurückliegen, und er zeigt, daß die erstaunliche Kultur Babyloniens unter dem im 24. Kapitel erwähnten König Sargon I. die eines Kupferzeitalters gewesen ist.
Das merkwürdigste Denkmal aus Hammurabis Zeit ist der 2½ Meter hohe Dioritblock, der im Jahre 1901–1902 in Susa entdeckt wurde, wohin ihn elamitische Eroberer im 12. Jahrhundert verschleppten; sonst wäre er wohl kaum der Zerstörung entgangen. In babylonischer Keilschrift und in akkadischer Sprache bewahrt er in 282 Gesetzesparagraphen das ältestecorpus jurisder Welt. Zu oberst trägt er ein Bild des Königs, wie er die Gesetze aus den Händen Schamasch’s, des Sonnengottes von Sippar, in Empfang nimmt. Dieser Block stand im Marduktempel Esagila in Babel. Meyer nimmt an, daß bereits Sumulailu diese Gesetze erlassen, Hammurabi sie nur gesammelt habe. Erst nachdem er ganz Sumer, Akkad und Assyrien unterworfen hatte, konnte die Arbeit vollendet werden. Nach Zettersten setzt dieser im typischen Gesetzesstil abgefaßte Codex eine sehr lange Entwicklung voraus und enthält wahrscheinlich uralte Rechtsgebräuche, die zu einem systematischen Ganzen vereinigt sind.
Die einzelnen Gesetze sind kurz und bestimmt; man hat entweder Recht oder Unrecht. Sie berücksichtigen alle Beziehungen der Gesellschaft und des täglichen Lebens, sie regeln das Verhältnis zwischen Mann und Frau, zwischen Herren und Sklaven, zwischen Menschen und ihrem Eigentum an Äckern, Kanälen und Vieh. Rind, Esel, Schafund Schwein werden als Haustiere erwähnt, dagegen fehlt das Pferd. Erst ums Jahr 2000 kommen, wie Meyer zeigt, die ersten Pferde nach Sinear. Ihre ideographische Schreibung „Esel des Berglandes“ beweist, daß sie aus Persien stammen. Man verwandte sie niemals zum Reiten, sondern nur zum Fahren, besonders der Kriegswagen, die sich in den folgenden Jahrhunderten über ganz Vorderasien, Ägypten und Griechenland ausbreiten und nach dem 16. Jahrhundert dem Kampfbild sein besonderes Gepräge geben. Es dauerte noch Jahrhunderte, ehe das Pferd zum Reittier wurde.
Der letzte König aus Hammurabis Dynastie war Samsuditana (1956–1926). Unter ihm ging das Reich Babel nach dreihundertjährigem Bestehen zugrunde. Aus den westlichen Gegenden Kleinasiens drangen die Hettiter ein und eroberten und plünderten Babel. Das war die erste Völkerwanderung in dieser Zeit. Eine andre ging von Osten aus und war arisch.
Anderthalb Jahrhundert herrscht Schweigen über die Hettiter in Sinear. Von ungefähr 1500 an aber läßt sich die Geschichte Babyloniens und Assyriens im Zusammenhang behandeln. Eine Reihe von Kriegen zwischen beiden Ländern schloß ums Jahr 1260 damit, daß das babylonische Reich in das assyrische aufging. Dessen König war Tukultininib I. Durch innere Streitigkeiten verlor zwar Assyrien sowohl Babylonien wie Mesopotamien wieder, erhob sich aber dann unter dem mächtigen und kraftvollen Tiglat-Pileser I. Er baute den Reichstempel für die Götter Anu und Adad wieder auf und unternahm Feldzüge gegen Phönizien und Armenien. Er schildert selbst, wie er im Norden gleich einem Sturm des Adad, des Wettergottes, dreiundzwanzig Könige vernichtete, die ihre Heeresmassen und Streitwagen gegen ihn aufgeboten hatten. Mit seiner Lanzenspitze verfolgte er sechzig Könige bis an das „obere Meer“, eroberte ihre Festungen, brannte ihre Städte nieder und verwandelte sie in Schutthaufen und Ruinen.
Assurnasirpal (884–860), von dem viele Urkunden berichten, drang im Norden und Westen bis ans große Meer bei Tyrus und Sidon vor, wusch in dessen Wasser seine Waffen und brachte seinen Göttern an der Küste Opfer dar. Sein Sohn Salmanassar II. (860–824) schildert in stolzen Worten seine Triumphe in Syrien; er nahm Aleppoein, schlug die verbündeten Könige von Damaskus, Hamath und Israel aufs Haupt, unterjochte Babylonien und zwang die Fürsten der Chaldäer, Tribut zu zahlen. Gegen dieselben Feinde kämpfte Tiglat-Pileser IV., der Damaskus zu einer assyrischen Provinz und Israel zum Vasallen machte.
Salmanassar IV. belagerte Samaria, und Sargon II. (722–705) führte Assyrien auf die Höhe seiner Macht. Der König der Chaldäer, Merodach-Baladan, von dem Jesaja in seinem 39. Kapitel spricht, unterwarf 721 Babylonien seiner Herrschaft und schloß mit dem König von Elam einen Bund gegen Assyrien. Aber Sargon vertrieb ihn und herrschte dann von der Küste des Mittelmeeres bis zur Küste des Persischen Golfs. Der Chaldäerkönig eroberte zwar Babylonien wieder, verlor es aber zum zweiten Mal an Sanherib (705–681), einen der größten Herrscher Assyriens. Merodach-Baladan schloß von neuem einen Bund mit Elam und andern Fürsten, doch ohne Erfolg. Seitdem hatte Babylon zwei Jahrhunderte lang keinen eigenen König.
Aufruhr im Westen des Reiches zwang Sanherib gegen Juda aufzubrechen, wo er sechsundvierzig feste Orte eroberte. Von Jerusalem aber mußte er, nach den biblischen Urkunden, unverrichteter Dinge abziehen. Auch gegen Medien kämpfte er nicht glücklich. Von dieser Zeit an beginnt die assyrische Großmacht zu sinken.
Als erste Residenz der assyrischen Könige wird Assur schon im Jahre 2100 v. Chr. genannt. Mehrere Jahrhunderte hindurch behielt es seinen hohen Rang, und es blieb eine große Stadt bis zum Ende des assyrischen Reiches. Salmanassar I. machte Kalach, das jetzige Nimrud, zum Sitz seiner Regierung. Sargon II. residierte in der von ihm gegründeten Stadt Dur Sargon, wo heute das Dorf Chorsabad liegt. Sanheribs, Assarhaddons und Assurbanipals Hauptstadt war Ninive, der Kultort der Göttin Ischtar, das seit 3000 v. Chr. bekannt ist.
Assarhaddon (680–668) hielt das Reich auf der Machthöhe, die es unter seinem Vater besaß. Unter ihm war das Verhältnis zwischen Elam und Chaldäa ruhiger als früher, er baute den Tempel von Babylon wieder auf und führte Krieg gegen König Tirhaka, den dritten Herrscher in der 25. ägyptischen Dynastie; nach einem mühseligen Zugdurch die Sinaiwüste drang er bis Memphis vor und machte Ägypten bis Theben zu einer assyrischen Provinz. Diese fiel jedoch wieder ab, und auf einem neuen Feldzug starb Assarhaddon.
Sardanapal (Assurbanipal), der letzte große König von Assyrien (668–626), zog ebenfalls gegen Ägypten und drang bis Theben vor, mußte aber den Feldzug aufgeben, da seine Heereskraft nicht ausreichte. Von da an ließen die Assyrier das Reich der Pharaonen in Frieden.
Eine andre Gefahr aber drohte Sardanapal. Sein eigener Bruder, der König von Babylon, trat an die Spitze eines Waffenbundes, der die Vorherrschaft Assyriens brechen wollte; Elamiten, Chaldäer, Aramäer, Araber und andre westasiatische Völker schlossen sich an, und ein Weltkrieg entbrannte. Nur durch Aufgebot seiner ganzen militärischen Macht und durch gewagte, aber rücksichtslos durchgeführte Operationen gelang es Assurbanipal, dem drohenden Verderben zu entgehen. Nach Eroberung von Kutha, Babylon und Sippar war die Macht Babylons gebrochen. Elam wurde für immer als Königreich vernichtet, und Sardanapal nahm 647 den Titel eines Königs von Babylon an.
Nach Bezold gebe ich hier ein Stück aus des Königs eigenem Kriegsbericht wieder: „Die Götter Aschschur (Assur), Sin, Schamasch, Adad, Bel, Nebo, die Göttin Ischtar von Ninive, die Königin von Kidmuru, und die Göttin Ischtar von Arbela, die Göttin Ninib, Nergal und Nusku, die vor mir hergingen und meine Feinde unterjochten, sie warfen Schamaschschumukin, den feindlichen Bruder, der mich befehdete, in einen brennenden Feuerschlund und vernichteten sein Leben. Diejenigen Leute aber, die Schamaschschumukin, den feindlichen Bruder, zu allen diesen Übeltaten verführt hatten, die den Tod gefürchtet und ihr Leben für kostbar gehalten hatten und sich nicht mit Schamaschschumukin, ihrem Herrn, in die Flammen gestürzt hatten, die zerstoben vor dem Gemetzel des eisernen Dolches, vor Mangel, Hungersnot und flammender Lohe und ergriffen einen Zufluchtsort. Das Netz der großen Götter, meiner Herren, aus dem kein Entrinnen möglich ist, warf sie nieder: kein Einziger entkam, keiner der Übeltäter entrann; durch meine Hand wurden sie mein. Wagen, Geräte und Baldachine, seinen Harem und das Hab und Gut seines Palastes brachten sie mir. Diesen Kriegern, die meinen Herren Aschschur gehöhnt und gegen mich, seinen ehrfurchtsvollenMagnaten, Böses geplant hatten, riß ich die Zunge aus und schlug sie nieder ... Ihr zermetzeltes Fleisch ließ ich Hunde, Schweine und Geier, Adler, die Vögel des Himmels und die Seefische fressen. Durch solche Handlungen beruhigte ich das Herz der großen Götter, meiner Herren ... Den übrigen Babyloniern aber und den Kuthäern und Sipparensern, die dem Gemetzel und dem Hungertod entronnen waren, ließ ich Gnade angedeihen; ich befahl, daß sie am Leben bleiben sollten, und wies ihnen Wohnsitz in Babylon an.“
Über Sardanapals Ruhm zu seiner Zeit sagt Hjärne: „So stand Assurbanipal in einem bisher nie gesehenen Glanz, gehärtet und siegreich im Kampf, umgeben von allem erdenklichen Überfluß und von aller Verfeinerung morgenländischer Kunst und Weisheit. Die ganze gebildete Welt war von seinem Ruhm erfüllt. In der Ferne lauschten in den dürftigen kleinen Städten der Hellenen wißbegierige Zuhörer staunend den Berichten, die verständige Kaufleute und Reisende von der märchenhaften Pracht des großen Sardanapal gaben. Sein Name ward bei ihren Nachkommen zum Sprichwort, und die unverständlichen assyrischen Keilinschriften, die hier und da in Kleinasien zu sehen waren, hielt man für Grabschriften auf ihn. Die Dichter übten ihren Scharfsinn an angeblichen Deutungen und ließen Sardanapal eine Lebensweisheit des Genusses preisen, die eher sorglosen Jüngern Epikurs anstand, als dem leidenschaftlich kämpfenden und glaubenseifrigen König von Assur: ‚Vergiß nicht, daß du als Sterblicher geboren bist, und fülle daher dein Herz mit Mut, festlich dich freuend. Für den Toten ist aller Genuß zu Ende; denn selbst ich bin ja zu Asche geworden, der Herr des herrlichen Ninive‘.“
Nun traten die indogermanischen Meder als Feinde Assyriens auf. Im Jahr 606 eroberten sie unter Cyaxares Ninive und löschten seinen Glanz für immer aus. Das neubabylonische oder chaldäische Reich wurde von Nabopolassar (625–604) gegründet und ging nach ihm auf Nebukadnezar II. über. Naboned, der letzte König dieses Geschlechts (556–539), unterlag im Jahre 539 dem Perserkönig Cyrus, der Babylonien eroberte und der babylonischen Weltherrschaft ein Ende machte.
So sind die Völker gleich gewaltigen Meereswogen über Mesopotamiens blutgetränkte Erde hereingebrochen. Schon in den ältesten Urkundensprechen die Sumerer von einer „grauen Vorzeit“, einem Sagendunkel, das noch weit hinter dem Vorhang liegt, bis zu dem unsre Blicke reichen. Dann überschwemmen die Semiten das Land, und die babylonisch-assyrische Weltmacht streckt ihre Arme über endlose Flächen Vorderasiens und Nordostafrikas aus. Die Geschichte dieses Reiches ist, wie Kolmodin sich ausdrückt, „ein durch Jahrtausende fortgesetzter Kampf gegen den beständig wiederkehrenden Druck der Barbarei“; aus diesem Kampf entsteht „die mächtige babylonische Reichs- und Kulturtradition,“ die bis zur assyrischen Zeit sich allmählich zur „Idee des Weltreichs in der Bedeutung der gemeinsamen Organisation einer ganzen Kulturwelt zur Abwehr der Barbarengefahr“ erweitert.
Auch ihre Stunde schlägt. Die Dämme werden gebrochen, und die persische Völkerwoge rollt heran, um das chaldäische Erbe in Besitz zu nehmen. Aus dem Abendland führt Alexander seine Mazedonier herbei, und auf den Gefilden von Gaugamela stürzen sie das Reich des Darius. In nachgriechischer Zeit stoßen hier parthische und römische Heereswogen aufeinander. Die Sassaniden, Omaijaden und Abbasiden lösen sich ab. Dann leuchtet der ganze Horizont blutrot: Hulagu und die Mongolen ziehen wie ein verheerender Wüstensturm über die Provinzen des erstarrenden Kalifats, und eine neue Völkerwoge aus dem Osten führt Tamerlan und die Tataren herbei. Das Land vermag kaum aufzuatmen zwischen den Schlachten.
So folgt ein Geschlecht auf das andre — Jahrtausende hindurch dieselbe Erscheinung. Die Erde, die ehedem den Opfergesängen für Marduk und den Sonnengott lauschte, sieht plötzlich die Osmanen unter der grünen Fahne des Propheten heransprengen. Kaum vier Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Jetzt ist die Reihe an den Osmanen,ihrErbe zu verteidigen.
***
„Es ist alles ganz eitel!“ sagt der Prediger Salomo. „Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller. An den Ort, da sie herfließen, fließen sie wieder hin. Was ist, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist, das man getan hat? Ebendas man hernach wieder tun wird. Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.“
Niemals ist mir die tiefe, salomonische Weisheit dieser Worte eindringlicher aufgegangen, als auf dieser meiner Reise durch das Zwischenstromland Mesopotamien, die biblische Urheimat der Menschheit. Von den mächtigen Reichen des Altertums, die von hier aus die Welt beherrschten, sah ich nicht viel mehr als Schutthalden und Haufen von Ziegelsteinen. Gleich regelmäßigen Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen hat der Paroxysmus der Zerstörung von Zeit zu Zeit die Menschheit heimgesucht. Das lehrt die Vergangenheit. Die Zukunft ist uns verschlossen, aber auch sie wird, allen Sängern des Friedens zum Trotz, sich diesem Naturgesetz der Geschichte nicht entziehen können. „Lo, all our pomp of yesterday is one with Ninive and Tyre!“ sagt ein Dichter von einem der größten Reiche der Gegenwart.
Auf den Wegen Mesopotamiens liegt der Staub zahlloser Volksstämme. Reiche sind erwachsen, emporgeblüht und wieder zerfallen; neue traten an die Stelle der alten, und heute ist das Antlitz der Weltgeschichte abermals dem Lande zugewendet, wo ihre Wiege stand.
Schlussdekoration
Druck von F. A. Brockhaus, Leipzig.
Hedins Reise nach Bagdad, Babylon und Ninive⇒GRÖSSERES BILD
Hedins Reise nach Bagdad, Babylon und Ninive
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