Viertes Kapitel.Mein neuer Feldzugsplan.

„Kapitän“ Mohammed am Steuerruder.Viertes Kapitel.Mein neuer Feldzugsplan.

„Kapitän“ Mohammed am Steuerruder.

„Kapitän“ Mohammed am Steuerruder.

Ein Feldzugsplan im wörtlichen Sinne war es nun eigentlich nicht, denn daran war mir auf den grundlosen Feldwegen nach Bir-dava und zurück die Lust vergangen. Aus den zwei Tagen, in denen ich Mosul hatte erreichen sollen, waren zwei Wochen Ungemach geworden. Wenn doch einmal alles zu Wasser werden sollte — warum sich dann nicht lieber diesem Element ganz anvertrauen und noch einmal solch eine fröhliche Stromfahrt versuchen, wie ich sie schon zweimal vor Jahr und Tag im Innern Asiens auf den Fluten des Tarim und des Brahmaputra unternommen hatte?

Der Euphrat war mir noch so gut wie fremd. Im Mai 1886 hatte ich ihn zum erstenmal gesehen. Damals war ich auf dem englischen Dampfer „Assyria“ vom Persischen Meerbusen in den Schatt-el-Arab hineingefahren und einige Tage später nach Korna gekommen, woam Zusammenfluß des Euphrat und Tigris das Paradies gelegen haben soll. Dann war ich im November 1905 bei einem kurzen Aufenthalt in Erserum bis in die Nähe der Quelle des Frat-su oder Euphrat geritten. Jetzt hatte mich mein Schicksal zum drittenmale an diesen gewaltigen Strom geführt, der in der Geschichte der Menschheit älter ist als Nil und Brahmaputra. Ließ ich diese Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen, ungenutzt vorübergehen — wer weiß, ob sie jemals wiederkehrte!

Am 9. April saß ich wieder in der Bahn, die mich von Aleppo nach Ras-el-Ain gebracht hatte, und ich fühlte mich wie befreit aus langer Gefangenschaft, als ich endlich wieder die mächtig wogende Wasserstraße vor mir sah, die mich jetzt — dazu war ich fest entschlossen — meinem Ziel, der Stadt der Kalifen, entgegenführen sollte. In Dscherablus verabschiedete ich mich von Major Reith und war bald wieder in der deutschen Marinestation am Euphrat. Kapitänleutnant von Mücke war vor einigen Tagen nach Konstantinopel gefahren, statt seiner empfingen mich nun sein Vertreter, Schiffsbaumeister Schneider, und acht deutsche Flieger und Artillerie-Offiziere, die sich in den nächsten Tagen zur 6. Armee nach Bagdad begeben sollten.

Sofort machte ich mich an die Vorbereitung meiner Euphratfahrt. Etappeninspektor Oberst Nuri Bei überließ mir einen einheimischen Doppelschahtur, und bald fanden sich zwei Schahturtschis, Ruderer, bei mir ein, um die Löhnung für die Reise zu vereinbaren. Dem Ustad oder Kapitän bewilligte ich zwei türkische Pfund, die anderen Schiffer erhielten je ein Pfund und zwar für die Strecke bis Der-es-Sor, wo die türkische Besatzung von Arabern abgelöst werden sollte. Als Sicherheitswache sollte mich ein Gendarm begleiten; gegen einen Überfall durch Beduinen hätte der aber wohl schwerlich viel ausgerichtet.

Auf der Werft war alles in lebhafter Tätigkeit. Kräftige deutsche Matrosenfäuste schwangen die Äxte, Türken und Araber sägten und hämmerten. Ein Boot nach dem andern wurde fertiggestellt, auf einen Wagen geladen, zum Ufer hinabgerollt und dem Strom übergeben. Jedes erhielt einen Namen nach irgendeinem berühmten Ereignis des Weltkriegs. Auf einer Flottille solcher Boote oder Fähren verstaute gerade eine Fliegerabteilung ihre Tauben und Doppeldecker; bald sah ich sie denStrom hinab schwimmen und bei der ersten Biegung verschwinden. Man hatte mich freundlichst eingeladen mitzufahren; aber mir lag jetzt vor allem daran, meine völlige Unabhängigkeit zu bewahren.

Auf andere Fähren schob eine bayerische Batterie unter Major von Schrenk, deren Train wir am Dschirdschib begegnet waren, ihre 15-cm-Haubitzen und Munitionswagen. Jedes dieser plumpen, aber praktischen Fahrzeuge trug 25 Tonnen, wurde aber nur bis zu 18 beladen und faßte vier volle Munitionswagen und eine bedeutende Menge loser Munition. Mehrere Tage noch sollte die Verladung dauern, und der Batterieführer wollte warten, bis auch sein letzter Schahtur reisefertig war.

Für meine Fahrt den Euphrat abwärts hatte ich einen starken türkischen Doppelschahtur, dessen beide Hälften mit Stricken fest zusammengekoppelt wurden. Seine Länge betrug 6,58 Meter, seine Breite 5. Hinten wurde ein Steuer angebracht, vorn an jeder Seite ein Ruder. Reserveruder durften natürlich auch nicht fehlen. Gewöhnlich rechnet man auf die Fahrt bis Feludscha zwei Wochen. Ich brauchte aber längere Zeit, da ich die Reise dazu benutzen wollte, eine Karte des Stromes aufzunehmen; die Nächte über mußte ich also vor Anker gehen. Deshalb wollte ich an Bord einigermaßen bequem wohnen, und der Zimmermann Murat mußte mir nach einem Papiermodell das Fahrzeug entsprechend einrichten. Die linke Fähre erhielt ein Holzdeck, das vorn und hinten für Kapitän und Ruderer Raum ließ. Auf Deck wurde eine 3 Meter lange und 2 Meter breite Hütte aufgeschlagen, deren schmale Vorderwand in Angeln ging und sich nach oben aufklappen ließ. Tagsüber diente diese als Sonnendach für meinen Arbeitstisch; nachts wurde sie herabgelassen. Das übrige Mobiliar bestand aus Feldbett und zwei Kisten. Proviant, den ich in Dscherablus gekauft hatte, wurde unter Deck verstaut. Ein Fenster in der Steuerbordseite ermöglichte mir im Stehen den freien Ausblick auf den Strom, ein zweites kleineres Fenster wurde gegenüber so angebracht, daß ich auch im Liegen hinaussehen konnte. Beide wurden mit Gardinen versehen. Ein niedriges Regal unter dem Fenster des Steuerbords enthielt Waschgeschirr, Seife und alles das, was zur Pflege des äußeren Menschen unentbehrlich ist. Ein Querbrett an der schmalen Wand trug Fernrohr, Thermometer, elektrische Lampe, Metermaß, Stearinkerzen, Zigaretten, Zündhölzer undmeine kleine Bibliothek. Letztere bestand nur aus drei Büchern, die aber zur Not für ein ganzes Menschenleben ausreichten: der „Assyrischen und Babylonischen Geschichte“ von Bezold, einer „Praktischen Grammatik der osmanisch-türkischen Sprache“ von Wahrmund und dem Buch der Bücher, der Bibel, die ich noch nie mit solchem Interesse gelesen habe als auf dieser Fahrt in das Land der babylonischen Gefangenschaft. Meine greisen Eltern hatten sie mir bei meinem letzten Abschied von Stockholm mit auf die Reise gegeben.

Hussein am Steuerbordruder.

Hussein am Steuerbordruder.

Ich hatte den 12. April als Tag der Abreise bestimmt, nicht etwa um dem 13. auszuweichen, denn diese Zahl hat mir auf meinen Reisen in Asien immer Glück gebracht, nur weil ich vor Ungeduld brannte, endlich fortzukommen. Schon früh am Morgen erklangen die Hammerschläge und rasselte die Säge; die Wände der Hütte wuchsen an ihren Pfosten hinauf; etliche kurze Bretter fügten sich zu einem Tisch zusammen,und ein bodenfester Stuhl baute sich daneben. Als alles fertig war, schien vom hellen, wolkenfreien Himmel die untergehende Sonne auf den Euphrat herab. Der Strom war nach den heftigen Regenfällen der letzten Wochen und infolge der Schneeschmelze, die jetzt Tag für Tag zunahm, noch immer im Steigen. Die Wassermasse, die sich unter der Brücke hindurchwälzte, berechnete man auf 1200 Kubikmeter in der Sekunde; das konnte noch ganz anders kommen, denn einmal in den letzten Jahren hatte man 2000 Sekundenkubikmeter gemessen. Die Reise war also nicht ohne Gefahr, auch wenn mein tapferer Gendarm alle Beduinen und sonstigen Wegelagerer in die Flucht trieb, und von den mancherlei Abenteuern auf den Wellen und an den Ufern des Euphrat darf ich dem Leser in den folgenden Kapiteln einiges berichten.

Nur noch ein paar Worte über die Besatzung meiner Fähre. Mein „Kapitän“ Mohammed war ein Türke aus Biredschik im stattlichen Alter von achtzehn Jahren. Seit acht Jahren hatte er, erst als Gehilfe seines Vaters, dann als eigener Herr, gegen hundert Reisen nach Der-es-Sor gemacht, und Arabisch sprach er so geläufig wie Türkisch. Hussein am Steuerbordruder war noch drei Jahre jünger, aber trotz seiner Jugend schon zwanzigmal zu Schiff in Der-es-Sor gewesen; der sechzehnjährige Kerif am Backbordruder nur siebenmal. Diese Stadt bezeichnete die Grenze der Ortskenntnis der türkischen Schiffer. Beide Jungen waren ebenfalls Osmanen aus Biredschik und radebrechten wenigstens etwas Arabisch. Der vierte im Bunde war der Gendarm Mahmud, ein Türke aus Urfa von zweiundvierzig Jahren, der zwanzig Jahre im Heer des Großsultans gedient hatte, seit Beginn des Weltkrieges in Biredschik stand und mit seinem grau gesprenkelten Bart wie ein Greis aussah. In seinem grauen, groben Soldatenmantel, das Gewehr über der Schulter, präsidierte er in martialischer Haltung auf der Steuerbordfähre, wo sich die kleine Mannschaft einzurichten hatte. Was mir fehlte, war nur ein Dolmetscher, um mich mit meinen eignen Leuten leicht zu verständigen — ein heilsamer Zwang, mein mangelhaftes Türkisch durch eifrigstes Studium zu vervollkommnen.


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