Moscheekuppel in Bagdad.Zehntes Kapitel.Bagdad einst und jetzt.
Moscheekuppel in Bagdad.
Moscheekuppel in Bagdad.
Der eigentliche Begründer der Abbassiden-Herrschaft war Abu Dschafar Abdallah al-Mansur. Er bestieg im Jahre 754 den Thron der Kalifen, der Nachfolger Mohammeds, und erwarb sich einen der berühmtesten Namen in der mohammedanischen Welt. Sein Reich war größer als das römische in seiner Glanzperiode; es erstreckte sich von Chorassan, Kandahar und dem Indus bis Aden, Algier und Kleinasien. Während die Omaijaden, die erste mohammedanische Kalifendynastie, ihre Residenz in Damaskus hatten, verlegten die Abbassiden sie nach Babylonien. Während seiner ersten Regierungsjahre wohnte Mansur in Haschimija bei Kufa; zur Verherrlichung seines Namens aber beschloß er eine neue Hauptstadt zu gründen und wählte einen günstig gelegenen Punkt am rechten Ufer des Tigris. Dort lag ein kleiner, schon seit der babylonischen Zeit bekannter Ort, genannt Bagdad.
Im Frühjahr 762 begann die neue Kalifenstadt aus der Wüste emporzuwachsen. Prachtvolle Paläste und Moscheen, Regierungsgebäudeund Festungswerke wurden errichtet, die Kanäle, die den Tigris mit dem Euphrat verbanden, wurden verbessert und Brücken über sie angelegt. Kaufleute, Handwerker und Kolonisten strömten herzu, zahllose Ziegelhäuser wurden gebaut, und bereits vier Jahre später war Bagdad eine Weltstadt, die größte in diesem Teil Asiens, und noch heute ist sie eine der bedeutendsten Städte im größten Sultanat des Islam. Im Jahre 768 war die Stadtmauer fertig. Die Hauptmasse der neuen Schöpfung lag auf dem rechten Ufer. Aber der Kalif ließ auch das linke Ufer bebauen, wohin sich heute der Schwerpunkt des heiligen Bagdad verlegt hat. Dort residierte sein Sohn und Nachfolger Mahdi.
Von der neuen Hauptstadt aus, die er Dar-es-Salaam, Stadt des Heils, oder Mansurije, Mansurs Stadt, nannte, leitete der Kalif mit eiserner Hand sein unermeßliches Reich. Er brachte Ordnung in die innere Verwaltung und erstickte grausam alle Aufruhrversuche. Für sich war er sparsam, aber für Bagdad opferte er unerhörte Reichtümer.
Dachterrasse beim Suk el-Gasl.
Dachterrasse beim Suk el-Gasl.
Den Beinamen al-Mansur (Almansor), der Siegreiche, trug er mit Recht. Er regierte mit rücksichtsloser Kraft und regierte selbst, nicht durch andere. Keiner seiner Nachfolger hat ihn an Herrschergaben übertroffen. Seinem Sohn gab er einmal den Rat: „Schlafe nicht; dein Vater hat auch nicht geschlafen, seit er das Kalifat errang. So oft auch der Schlaf seine Augen beschwerte, ist sein Geist doch wach geblieben.“ Er war von größter Mäßigkeit, nicht zum wenigsten inseinem Verhältnis zu Frauen; Wein trank er nie, und er duldete am Hof weder Gesang noch Musik, da beides zur Liederlichkeit verführe. Er konnte wie ein wildes Tier gegen Aufrührer und verdächtige Personen rasen, war aber mild und freundlich zu Kindern und Sklaven. Er wird als ein großer, magerer Mann geschildert von hellbronzebrauner Gesichtsfarbe mit dünnem Bart und gilt als der größte arabische Redner. Die jährlichen Wallfahrten nach Mekka leitete er gern selbst, und auf solch einer Fahrt starb er, mehr als sechzig Jahre alt, am 7. Oktober 775 etwa eine Wegstunde von der heiligen Stadt entfernt, der Heimat seines Geschlechts; in ihrer Nähe liegt er auch begraben. Aber Bagdad ist das vornehmste Denkmal, das er sich errichtet hat.
Junge Türkin in Bagdad.
Junge Türkin in Bagdad.
Mansurs Enkel Harun er-Raschid (der Gerechte) regierte dreiundzwanzig Jahre (786–809) und führte die Dynastie der Abbassiden auf die Höhe ihrer Macht. Das Reich blühte, doch mehr dank der weisen Regierung des Großvaters, als dem eigenen Verdienst des Enkels. Als er 803 die persische Familie der Barmekiden, deren Macht er fürchtete, hatte ermorden lassen, fühlte er sich in Bagdad nicht mehr sicher und verlegte seine Residenz nach Rakka am Euphrat. Gemeinsame Interessen in Spanien und dem babylonischen Reich brachtenihn mit Karl dem Großen in Verbindung. So drang sein Ruhm auch nach Europa. Noch heute strahlt sein Name in seltenem Glanz, denn er war ein Beschützer der Kunst und der Wissenschaft, und Sagen und Legenden, vor allem die Märchen aus Tausendundeiner Nacht sichern ihm die Unsterblichkeit.
Brücke über den Tigris.⇒GRÖSSERES BILD
Brücke über den Tigris.⇒GRÖSSERES BILD
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Harun er-Raschids Sohn Mamun mußte Babylonien zurückerobern, da es durch Bürgerkriege verloren gegangen war, und residierte seitdem wieder in Bagdad. Sein Nachfolger und Bruder Mutasim (833–842) aber scheute die Nähe der aufrührerischen Perser und gründete als neue Residenz Samarra, das wir später besuchen werden. Er war es, der zur Niederwerfung von Aufständen türkische Söldnerscharen warb, die von da an zu immer mächtigerem Einfluß gelangten. Erst der Kalif Mutadid kehrte 891 wieder nach Bagdad zurück, das dann bis zum Untergang des Kalifats die Hauptstadt blieb.
Der Verfall des mächtigen Kalifenreichs begann schon in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Am 17. Januar 1258 wurde Bagdad von den Mongolen unter Dschingis-Chans Enkel Hulagu erobert, geplündert und niedergebrannt, dann aber wieder aufgebaut und zum Sitz eines Statthalters erhoben. Die Gräber der Abbassiden hatte Hulagu zerstören lassen, und auch ein anderes kostbares Kleinod, der Mantel des Propheten Mohammed, ging in diesen Kämpfen verloren.
Nach mehr als halbtausendjährigem Bestand war so die Macht des Kalifats vernichtet, und Bagdad war und blieb seitdem eine Provinzstadt. Später wurde es Residenz der Il-chaner, die das Mongolenreich für den Großchan verwalteten. Im Jahre 1401 stand der furchtbare Timur-Lenk, Tamerlan, vor seinen Toren; er nahm die Stadt im Sturm, plünderte und vernichtete alles außer den Moscheen, ließ die Bevölkerung niedermetzeln und baute Siegespyramiden aus 90000 Menschenschädeln.
Dann folgte eine Zeit wechselnder Kämpfe zwischen Tataren und Türken. Im Jahre 1534 nahm Sultan Suleiman die Stadt ohne Schwertstreich. 1623 wurde sie vom Schah von Persien, Abbas dem Großen, zurückerobert. Erst nach mehreren erfolglosen Vorstößen setzten sich die Türken in Bagdad wieder fest; 1638 belagerte Sultan Murad IV. an der Spitze eines gewaltigen Heeres die Stadt und erstürmte sie trotzungeheurer Verluste. Er ließ alle Perser töten und das Tor zumauern, durch das er als Sieger seinen Einzug gehalten hatte.
Straße im Christenviertel von Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD
Straße im Christenviertel von Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD
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Im Jahre 1732 lag Nadir Schah, der Eroberer Indiens, acht Monate lang vergebens vor Bagdad, das der tapfere Ahmed Pascha hartnäckig verteidigte. Dann wurde es mehrmals von Wahhabiten und Muntefik-Arabern bedroht und genoß erst seit 1800 eine Zeit ziemlicher Ruhe, die jedoch öfters durch Pest, Überschwemmungen, Beduinenangriffe, Hungersnöte und Mißwirtschaft aller Art gestört wurde. Im Jahre 1837 berechnete man die Einwohnerzahl auf nur 40000. Midhat Pascha, der in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Generalgouverneur war, brachte Ordnung in die Verwaltung und führte Bagdad zu neuer Blüte.
Dunkler Basartunnel.
Dunkler Basartunnel.
Da trat im Jahre 1917 zum erstenmal ein Volk des Okzidents auf den Schauplatz. Bagdad wurde von den Engländern erobert. Es gibt zwar naive Leute, die versichern, nunmehr werde die Furie des Krieges nie mehr über Mansurs Stadt dahinbrausen und Bagdad erst jetzt und für alle Zeiten mit Recht seinen Ehrennamen Dar-es-Salaam, Stadt des Heils, des Friedens, führen. Aber ihre Stimmen sind wie Spreu vor dem Wind. Wenn der nächste Weltkrieg über die Erde stürmt, sind die Gräber dieser Propheten von heute vielleicht längst vergessen, und niemand fragt mehr nach ihrem Glauben. Englands Absicht, über Südpersien hinweg seine Verbindung mit Indien zu befestigen,kann nicht verwirklicht werden ohne einen neuen Kampf auf Leben und Tod mit Deutschland und der Türkei, deren Ziele durch die Bagdadbahn festgelegt sind. —
Was ich im vorigen Kapitel erzählte, war mein zweiter Einzug in die Stadt der Kalifen, die ehemals als Haupt eines mächtigen Reiches, als Wiege der Märchen aus Tausendundeiner Nacht so weltberühmt war und heute als Ziel deutschen Unternehmungsgeistes, als Knotenpunkt der Bagdadbahn nicht weniger in aller Munde ist. Dreißig lange Jahre vorher hatte ich ihr meinen ersten flüchtigen Besuch abgestattet. Wer hätte damals ahnen können, daß ich drei Jahrzehnte später zurückkehren würde zu einer Zeit, in der die Welt vom Steppenbrand des größten aller Kriege heimgesucht wurde! Damals war ich durch Persien von Buschehr aus mit dem großen englischen Fahrzeug „Assyria“ nach Basra und von dort mit dem Flußdampfer „Medschidije“ über Korna, Esras Grab, Amara, Kut-el-Amara, Ktesiphon und Seleucia nach Bagdad gekommen.
Am Abend des 4. Junis 1886 war die „Medschidije“ vor dem Zollgebäude vor Anker gegangen. Vom schmucken Haus des französischen Konsulats hatte die Trikolore geweht. Bei Sonnenaufgang war ich ans Land gerudert, und der alte englische Kaufmann Hilpern mit seiner ehrwürdigen Gattin — oder war ich damals nur so jung? — hatte mich mit ausgesuchter Gastfreundschaft aufgenommen. Drei nach indischer Art möblierte Zimmer standen mir zur Verfügung, und sein türkischer Sekretär Vabib Schika führte mich umher, so daß ich trotz der mörderischen Hitze und der verödeten und staubigen Straßen während des Ramasan alle Sehenswürdigkeiten Bagdads gründlich betrachten konnte. Wo mögen die Freunde von damals jetzt sein? Wahrscheinlich tot. Aber auf den Kreuzen des christlichen Friedhofs suchte ich ihre Namen vergeblich.
Jetzt wanderte in Bagdads Straßen ein neues Geschlecht, eine neue Generation. Die Kinder, die ich damals an den Ufern des Tigris spielen sah, standen jetzt in der Blüte ihrer Jahre, und wer damals die Mittagshöhe des Lebens erreicht hatte, beugte sich jetzt unter der Bürde des Alters.
Am Ufer des Tigris.Ein Meheile fährt am Ufer entlang. In der Ferne das englische Konsulat.⇒GRÖSSERES BILD
Am Ufer des Tigris.Ein Meheile fährt am Ufer entlang. In der Ferne das englische Konsulat.⇒GRÖSSERES BILD
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Auch die Stadt hatte manche Veränderungen erfahren. Eigentlich war alles neu; denn auch die besseren Häuser hier halten sich selten mehr als fünfzig Jahre, da das Ziegelbrennen primitiv und schlecht geschieht.Im Winter setzen Regen, im Frühsommer Überschwemmungen des Tigris den Gebäuden arg zu. An Bauwerken, die mir vor dreißig Jahren bemerkenswert erschienen waren, standen noch das Minarett Suk-el-Gasl, Sobeïds Grab, eine alte Karawanserei im Basar und das Missionshaus der französischen Väter. Unter den neuen am Ufer des Flusses fielen jetzt vor allen die Gebäude auf, die zur Bagdadbahn gehörten; dann das neue englische Konsulat, das schönste Bauwerk der Stadt, das offenbar dazu ausersehen ist, einen mächtigen Eindruck auf die umwohnenden Araber und die nach Kerbela und Nedschef wallfahrenden Perser zu machen. Die alte Schiffbrücke war noch ganz wie früher. Aber die Wasserräder waren aus der Nähe der Stadt verschwunden und durch Motore ersetzt, die in ihre asiatische Umgebung gar nicht hineinpaßten.
Am linken Tigrisufer.
Am linken Tigrisufer.
Der Hauptteil Bagdads liegt auf dem linken Tigrisufer. Die vornehmsten Häuser, darunter alle Konsulate, stehen unmittelbar am Wasser; unter ihren langen, offenen Veranden flutet der lautlos dahingleitende Strom. Nur das englische Konsulat ist durch einen schmalen Hof von seinem Kai und seiner Landungstreppe getrennt. Seit der Bau der Bagdadbahn begann, wuchsen auch am rechten Ufer Neubauten empor, und wahrscheinlich wird sich der Schwerpunkt Bagdads in Zukunft dorthin verschieben. Der Strom durchflutet die Stadt von Nordwesten nach Südosten, das rechte Ufer hat daher während der heißesten Stunden des TagesSchatten, während die Veranden des linken Ufers fast immer in praller Sonne liegen.
Wenn abends die wagerechten Strahlen der untergehenden Sonne das Gewirr von Bagdads grauen Häusern purpurn färben, und die Stämme der Palmen unter dem Gewölbe der Blattkronen feuerrot leuchten, scheint das wie ein Abglanz all der Herrlichkeit, die einst Mansurs Stadt umgab; man lebt aufs neue in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht, denkt der wunderbaren Reisen des Seefahrers Sindbad und der Lieder, die die Dichter zu ihrer Ehre sangen, und glaubt das alte Bagdad zu seinen Füßen zu sehen, das Herz des weiten Kalifenreiches, dem Karawanen von Osten und Westen zuströmten und dessen Gassen Harun er-Raschid verkleidet mit seinem Wesir Dschafar durchwanderte, um den Reden des Volks zu lauschen und seine Wünsche zu erforschen. Aber dann geht die Sonne unter, der Glanz verlischt, Hausdächer, Kuppeln und Minarette erhalten wieder ihren gleichmäßigen schmutzigen Farbenton, und die Kronen der Palmen ballen sich zu dunklen Wolken über der Stadt zusammen. Das ist die Gegenwart — dies Häuflein Steine ist der dürftige Rest, der noch von der Stadt der Märchen übrigblieb! Man mag im Staub nach Spuren des Alten suchen, nach vergessenen Erinnerungen an die Zeit der Kalifen — vergebens! Nichts als Zerstörung! Eingeborene sammeln und verkaufen Antiquitäten, aber zu erzählen wissen sie nichts mehr. Man wartet geradezu darauf, daß irgendetwas eintrete, was an die Vergangenheit erinnert — vergebens! Bagdad liegt öde da in schläfrigem Traum am Ufer des Tigris. Was man hört sind nur die Mächte der Zerstörung, die niemals müde werden, Menschenwerk zu vernichten.
Auch die Menschen selbst tragen zum Verderben bei. In Bagdad gibt es nur noch wenig zu zerstören, aber selbst dies wenige ist dem Untergang verfallen. Die türkischen Gouverneure scheinen von unersättlichem Bedürfnis nach Stadtregulierungen besessen zu sein. Durch die alten Städte Babyloniens werden breite, gerade Straßen gezogen, die alles, was im Wege steht, dem Boden gleich machen. So auch in Bagdad. Mit welchem Eifer wurden die Häuser niedergerissen, als für die nach Halil Pascha genannte Straße Platz geschafft wurde! Es war lebensgefährlich, in die Nähe zu kommen, und mächtige Wolken Kalkstaubverkündeten schon aus der Ferne die häßliche Zerstörung. Wenn man wenigstens neue Häuser an Stelle der alten gebaut hätte! Aber damit hatte man keine Eile. Wie die neuen Straßen in Aleppo und Mosul sah auch diese aus: als hätte ein Erdbeben ihr Bahn gebrochen. Es war gewiß nicht viel damit verloren, und besonders die Straße Halil Paschas hatte des Ortsverkehrs wegen ihre Berechtigung. Aber die engen Straßen sind einer der charakteristischsten Züge Bagdads; sie sind absichtlich wie schmale Korridore angelegt, nicht aus einem Bedürfnis des engeren Zusammenwohnens, sondern um die Sonne auszuschließen und Gänge zu schaffen, wo der Schatten bleibt und die kühle Luft nicht durch jeden Windzug wieder vertrieben wird. Diese Bauart hat natürlich auch den Nachteil, daß der Regen im Winter und das Überschwemmungswasser im Frühjahr schwer trocknen und einen furchtbaren Morast verursachen.
Die Hauptstraße von Bagdad mit Halil Paschas Haus (links).
Die Hauptstraße von Bagdad mit Halil Paschas Haus (links).
Enge Gasse im Christenviertel.⇒GRÖSSERES BILD
Enge Gasse im Christenviertel.⇒GRÖSSERES BILD
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Der sonst so kluge Midhat Pascha ließ die alte Stadtmauer aus der Zeit der Kalifen, eines der vornehmsten Denkmäler Bagdads, niederreißen, weil eine moderne Stadt in ihrer Entwicklung durch eine Mauer gehindert werde. Als ob neue Stadtteile nicht, wie in Jerusalem, außerhalb angelegt werden könnten! Von altersher war diese alte Mauer der beste Schutz gegen Überschwemmungen; seitdem sie beseitigt ist, liegenmehrere Teile der Stadt offen da. Im Winter 1914 wurde Bagdad von einer ganz unerwarteten Überschwemmung heimgesucht, denn der Strom steigt sonst nur im Frühjahr; der Stadtteil Bab-esch-Scheik stand metertief unter Wasser, ganze Straßen fielen in Trümmer und lagen verlassen da, darunter die Straße, die nach Abd-el-Kaders stattlicher Grabmoschee führt, und man fuhr durch die Stadt auf Kähnen, wie in Venedig. Diesmal hatte die Überschwemmung zwar die Stadt selbst verschont, aber die Felder nordöstlich davon in einen uferlosen See verwandelt und dadurch die Heerstraße über Bakuba nach Chanikin und Persien abgeschnitten, so daß man die Truppennachschübe auf Fähren und Flößen, Booten und Guffas über die weite Strecke seichten und sumpfigen Wassers bringen mußte. Von Bagdads Stadtmauer sind heute nur noch unbedeutende Fragmente übrig, darunter die festen Türme an den alten Toren Bab-esch-Schergi, dem Osttor, Bab-el-Gherbi, dem Westtor, Bab-el-Bastani, dem Mitteltor, und Bab-el-Talesm, dem Talismantor, das von einem der alten Abbassiden-Kalifen zu Anfang des 13. Jahrhunderts stammt.
Bagdad hat sechs christliche Kirchen: die chaldäische — die vornehmste und zugleich Kathedrale —, die syrische, die lateinische, die jakobitische, die armenisch-katholische und die armenisch-orthodoxe.
Phot.: Schölvinck.Bab-el-Talesm, eines der alten Stadttore von Bagdad.
Phot.: Schölvinck.Bab-el-Talesm, eines der alten Stadttore von Bagdad.
Phot.: Schölvinck.
Die Kathedrale führt den Namen „Die sieben Schmerzen“ oder „Mater dolorosa“. Der Gottesdienst wird in chaldäischer, nicht in lateinischer Sprache abgehalten. Die Gemeinde muß ziemlich vermögend sein, denn der Priester, der mich herumführte, berichtete, der Bau der Kirche, der 1898 vollendet wurde, habe 16000 türkische Pfund gekostet; für eine Kathedrale ist das nicht viel, wohl aber für eine kleine Gemeinde in dem abgelegenen Bagdad. Ein Prachtbau konnte dafür nicht geschaffen werden; sowohl innen wie außen ist die Kathedrale einfach und anspruchslos. Die alte chaldäische Kirche aus dem Jahr 1843, die ich 1886 besuchte, ist jetzt eine Schule. Beide sind durch einen kleinen, mit Ziegeln gepflasterten Hof getrennt. Von außen fallen sie ebensowenig auf wie die übrigen Kirchen; sie liegen alle in dem am dichtesten bebauten Stadtteil, wo die Straßen so eng wie Korridore sind.
Nadjiba und Mina, 10jährige chaldäische Mädchen.
Nadjiba und Mina, 10jährige chaldäische Mädchen.
Die chaldäische Gemeinde zählt etwa 7000 Personen und zerfällt in zwei Parteien; die eine nennt sich nach Bagdad, die andere nach dem Dorf Tell-keif bei Mosul. Die Tell-keif-Partei hat der Bagdad-Partei Fehde angesagt und will sich der Herrschaft in der Gemeinde bemächtigen. Als der chaldäische Bischof auf seinem Recht bestand, verklagte sie den achtzigjährigen harmlosen Greis beim Patriarchen in Mosul, er wolle Bagdad der Machtsphäre des Patriarchen entziehen und ein unabhängiges Patriarchat gründen. Der Streit ging noch immer weiter, als wennman an dem Weltkrieg noch nicht genug hätte! Wie überall im Orient gewinnt man wenig Achtung vor dem Christentum, das den Kindern dieses Landes geboten wird. Der Bischof wohnte in einem ganz unansehnlichen Hause. Dort sollten, wie man mir sagte, englische Offiziere vom Majorsgrad an aufwärts eine Freistatt während der ersten Tage ihrer Gefangenschaft finden. —
Der syrische Erzbischof von Bagdad.
Der syrische Erzbischof von Bagdad.
Der syrische Erzbischof von Bagdad, Athanase Georges Dallal, ist ein vornehmer, würdiger Prälat. Sein Aussehen erinnert an die syrischen Könige auf den alten Reliefs: gerade, kräftige Nase und dichter, rabenschwarzer Bart. Er trägt einen dunklen Mantel mit Sammetkragen, den eine kleine Kette am Halse zusammenhält. An dieser hängt das Kreuz, das seine hohe Würde bezeichnet. Seine Kopfbedeckung gleicht einem umgekehrten Zylinderhut; die der griechischen Geistlichen ist ebenso, nur fehlt hier die obere Krempe. Er wohnt in einem sauberen Hauseortsüblichen Stils, dessen kleinen gepflasterten Hof offene Galerien umgeben. Die Zimmer sind groß, kühl und gut möbliert mit orientalischen Sofas und Teppichen, schönen Kronleuchtern und zahlreichen Porträts verstorbener Erzbischöfe.
Heskije, 60jähriger Rabbiner in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD
Heskije, 60jähriger Rabbiner in Bagdad.⇒GRÖSSERES BILD
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Mesko, 60jährige Chaldäerin aus Tell-keif.
Mesko, 60jährige Chaldäerin aus Tell-keif.
Hochwürden hatten die Güte, mir selbst die Kirche der „Unbefleckten Empfängnis“ zu zeigen. Sie ist in halb arabischem Stil vor einundfünfzig Jahren erbaut und hat drei niedrige Wölbungen, die auf acht Säulen ruhen. Neben dem Hauptaltar im Chor steht zu beiden Seiten je ein kleinerer. Dazu kommen mehrere Gebetsnischen. Der schönste Besitz ist ein holzgeschnitztes Tor, eine Gabe aus Indien aus dem Jahre 1863. Das ganze Gebäude hat sehr unter Feuchtigkeit gelitten, besonders durch eine ungewöhnlich starke Überschwemmung vor achtzehn Jahren, und man will es jetzt einer gründlichen Ausbesserung unterwerfen, eine Arbeit, die wohl auf 15000 Franken zu stehen kommt. Der Grund ist aufgeweicht, die Säulen haben sich nach auswärts geneigt, und die Seitengewölbe zeigen breite Risse. Die Innenseiten der Mauern waren mit Alabasterplatten belegt, die dem übrigen weniger haltbaren Baumaterial einigermaßen Schutz boten.Aber auch der Alabaster verwittert, trotzdem er mit Ölfarbe gestrichen ist. Die alten Assyrier verstanden die Kunst des Bauens besser.
Auf dem Altar lag das alte Evangelium in arabischer Sprache, aber in syrischer Schrift, damit die ismaelitischen Araber es nicht lesen können — ein höchst merkwürdiger Grund. Als Verkehrssprache ist das Syrische fast verschwunden; nur in einigen Dörfern bei Mosul soll es sich noch erhalten haben.
Früher war der Erzbischof von Mosul auch Bischof von Bagdad. Vor sechzig Jahren aber wurde in Bagdad ein eigenes Erzbistum errichtet, das dem syrischen Patriarchen in Antiochia, dessen Residenz jedoch Beirut ist, untersteht. Dieser gebietet also den Erzbischöfen von Aleppo, Mosul, Damaskus und Bagdad, sowie denen von Homs und Hama, Diarbekr, Tripolis, Ägypten und Urfa. Die syrische katholische Kirche Bagdads zählt 250 Familien mit höchstens 2000, nach anderen Angaben 1250 Personen. In Amara besteht eine kleine syrische Gemeinde von 70 oder 75 Personen, und in Schar und Basra leben etwa 100 syrische Familien. Die unierte syrische Kirche zählt 60000 Anhänger, die nichtunierte 400000; von letzteren wohnt die eine Hälfte in der Türkei, die andere in Malabar in Indien. Vor fünfhundert und mehr Jahren hatte die syrische Kirche mehrere Millionen Anhänger.
Die jetzt ausgewiesenen französischen Karmeliterpatres in Bagdad haben eine Pfarrei mit Schule und Waisenhaus. Zu ihrer Gemeinde gehören auch zwanzig Dominikanerschwestern, von denen vierzehn Französinnen, die übrigen arabischer Abstammung sind. Auch in Amara, Basra und Mohammera haben die Karmeliter kleine Gemeinden und einige Schwestern. Das Irrenhaus in Amara wurde von ihnen errichtet. Die verschiedenen Orden haben den vorderen Orient unter sich verteilt. Den Karmelitern ist das ganze Gebiet zwischen Bagdad und dem Persischen Golf zugewiesen, während die Franziskaner ganz Palästina sowie Charput und Aleppo übernommen haben. In Mosul residieren die Dominikaner, in Urfa und Diarbekr die Kapuziner, in Damaskus die Lazaristen und in Beirut Jesuiten.
Das prächtige Haus der Karmeliterväter mit seinem kühlen Bogengang um einen gepflasterten, länglichen Hof herum haben die Türken in eine Schule umgewandelt. Als ich vor mehr als dreißig Jahren alsfrischgebackner Student dieses Haus besuchte, nahm mich ein alter, weißbärtiger Pater so freundlich auf, daß ich mich noch heute seiner lustigen Versuche erinnere, einige schwedische Sätze zu radebrechen. Diesmal wohnte ich in der Karmeliterkirche einem Hochamt bei, das mein Freund von der Euphratfahrt, der katholische Priester, vor deutschen Soldaten und Offizieren und syrischen Frauen und Mädchen hielt. Die leichten, von der Stirn bis auf die Füße reichenden, meist hellroten oder hellblauen Schleier, die schwarzen Augen, dunkeln Flechten und roten Lippen der Töchter des Orients boten einen prächtigen künstlerischen Gegensatz zu den braungebrannten feldgrauen deutschen Kriegern, die das in Kreuzform gebaute, von Orgeltönen durchbrauste Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllten.
Habuba, Chaldäerin aus Tell-keif.
Habuba, Chaldäerin aus Tell-keif.
Das Kloster der Dominikanerschwestern ist ein ungewöhnlich gediegen gebauter Komplex von Höfen, Säulengängen, Altanen, Terrassen und Veranden. Mitten auf einem der Höfe wächst eine herrliche Dattelpalme, umgeben von Maulbeerbäumen und anderen Gewächsen. Das Kloster wurde 1880 gegründet, während die Mission der Karmeliterväter in Bagdad schon ein paar hundert Jahre alt ist. Von den zwanzig Schwestern waren vier bereits vor dem Krieg „Soeurs de charité“ im bürgerlichen Krankenhaus, elf taten Dienst in Militärlazaretten, und fünf nahmensich der Erziehungsanstalten des Klosters an, der „Ecole arabe“, der „Ecole professionelle“ und des Waisenhauses. Hier werden nur Mädchen unterrichtet; in der Gewerbeschule lernen sie nähen, klöppeln, sticken und weben. Einige der wenigen deutschen Damen in Bagdad lassen ihre Kleider bei ihnen machen; es war rührend, sie bei der Arbeit zu sehen. Vor dem Krieg lernten nicht weniger als fünfunddreißig junge arabische Damen in der Schule der Schwestern Klavierspielen. Vater- und mutterlose Mädchen, alle arm wie Kirchenmäuse, wohnen im Kloster, wo sie alles bekommen, was sie bedürfen. Zur Zeit waren es einundfünfzig, und die Einkünfte waren auf eine unbedeutende Summe herabgesunken. Einigen Verdienst brachte nur etwas Näharbeit für europäische Damen. Aber unter der Hut der Erzieherinnen wachsen und gedeihen sie, und die Schwestern tun, was sie können, um sie an rechtschaffene christliche Jünglinge zu verheiraten, die Gelegenheit gehabt haben, die Mädchen kennen zu lernen. Auch Verlobung und Hochzeit werden im Kloster gefeiert. Zuweilen aber kehrt auch das junge Paar nach einiger Zeit zurück, um Hilfe zu erbitten.
Phot.: Schölvinck.Der Herzog, Rittmeister Schölvinck und der Verfasser im Gespräch mit französischen Dominikanerinnen.
Phot.: Schölvinck.Der Herzog, Rittmeister Schölvinck und der Verfasser im Gespräch mit französischen Dominikanerinnen.
Phot.: Schölvinck.
Die goldenen Kuppeln und Minarette von Kasimen.⇒GRÖSSERES BILD
Die goldenen Kuppeln und Minarette von Kasimen.⇒GRÖSSERES BILD
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Haupteingang zur Grabmoschee in Kasimen.⇒GRÖSSERES BILD
Haupteingang zur Grabmoschee in Kasimen.⇒GRÖSSERES BILD
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Zu den Sehenswürdigkeiten Bagdads gehört auch die kleine Stadt Kasimen auf dem rechten Tigrisufer mit einer von den Schiiten sorgsamgepflegten Grabmoschee für Imam Musa-el-Kasim (gestorben 801 n. Chr.) und seinen Enkel. Der persische Pilgerverkehr dorthin ist so zahlreich, daß Midhat Pascha auf der zwischen üppigen Palmenhainen hinführenden Landstraße eine Pferdebahn anlegen ließ, deren zweistöckige, sehr abgenutzte Wagen gepfropft voll waren. Auch Kasimen hat seine Basare, Karawansereien und Kasernen. Die Grabmoschee selbst konnte ich aber nur von einem Dache aus sehen und durch das Eingangstor einen flüchtigen Blick in den Tempelhof werfen, dessen Innenfassade mit moderner Fayence farbenprächtig ausgelegt war. Auf dem Rückweg besuchte ich Sitte Sobeïd, ein Mausoleum, das Harun-er-Raschid seiner Lieblingsgemahlin Sobeïd errichtete. Das ursprüngliche Grabmal wurde im Jahre 1051 zerstört, und der jetzige Bau mit seinem pyramidenförmigen Turm zeigt zwar den Stil des 11. Jahrhunderts, ist aber kaum hundert Jahre alt. Zahlreiche neue Gräber mit einfachen Steinplatten umgeben ihn, und in seiner Nähe steht unter Palmen die kleine schöne Grabmoschee Scheik Ma’ruf-el-Kaschi.
Grabmoschee der Sobeïd.
Grabmoschee der Sobeïd.
Die Angaben über die Bevölkerungszahl Bagdads schwanken zwischen 120 und 300000. Europäer, die lange in Bagdad gewohnt, und fremde Besucher, die es nach allen Richtungen durchwandert und von hochgelegenen Aussichtspunkten aus sein Häusermeer betrachtet haben, sind der Überzeugung, daß die Zahl 120000 der Wirklichkeit am nächsten kommt. Einen brauchbaren Anhaltspunkt für die Berechnung ergibt der Verkehr in den Basaren der verschiedenen Städte; die von Damaskus z. B., das etwa 300000 Einwohner hat, sind viel weitläufiger und besuchter. Der syrische Erzbischof von Bagdad berechnet die Zahl der Bewohner auf 230000 : 150000 Mohammedaner in zweiunddreißig verschiedenen Sektenmit etwa hundert Moscheen, von denen nur ein Drittel Kuppel und Minarett hat, 60–80000 Juden, die fünfzig Synagogen haben und neun Zehntel des Handels beherrschen (nach europäischen Angaben höchstens 45000), 7000 Chaldäer, 2000 Syrier, je 4–500 armenisch-katholische und armenisch-orthodoxe, etliche römische Katholiken, und dazu die wenigen Kurden, die nur von Zeit zu Zeit die Stadt besuchen. Im Jahre 1900 berechnete Max von Oppenheim die Einwohnerzahl auf 200000, davon 150000 Mohammedaner (einschließlich 90000 Schiiten), 10000 Christen und 40000 Juden.
Als ich Bagdad vor dreißig Jahren besuchte, wohnten nur wenige Europäer dort. Vor Ausbruch des Weltkrieges zählte man deren mehrere Hundert. Neue Kaufhäuser und Banken waren seitdem entstanden, besonders hatte die Bagdadbahn viele Deutsche herbeigezogen, und während meines jetzigen Aufenthaltes hatten die Aufgaben des Krieges zahlreiche Europäer, darunter viele Deutsche, Träger berühmter Namen, und mehrere meiner Landsleute in deutschen Diensten nach Bagdad geführt. Einige, die zu meinem nächsten Freundeskreis gehörten, nannte ich bereits. BeiDr.Herle sah ich den hervorragenden Arzt Professor Reich, der auf der Rückreise von Persien am Flecktyphus erkrankt war; er schien dem Tode nahe, überwand jedoch die Krisis und konnte Anfang Juni nach Deutschland heimkehren. Die archäologische Forschung war glänzend vertreten durch die Professoren Andrae und Jordan, die Leiter der Ausgrabungen in Assur, und durch Professor Sarre, der gemeinsam mitDr.Herzfeld das Geheimnis von Samarra bloßlegte. Beiden Ruinenstädten sind spätere Kapitel meines Buches gewidmet. Die ArchäologenDr.Lührs und Bachmann waren dienstlich an der Irakfront beschäftigt.
Wie Deutschland in allen großen Städten Vorderasiens überaus tüchtige Konsuln besitzt, so auch in Bagdad, woDr.Hesses vielseitige Kenntnisse auch für die Kriegführung von größtem Nutzen waren. Früher war der englische Generalkonsul der mächtigste Ausländer hier; er unterstand dem Gesandten in Konstantinopel, war aber auch als politischer Agent und Resident der indischen Regierung tätig. Eine Eskorte von Sepoys und ein eigenes Schiff bezeichneten nachdrücklich seine Machtstellung. Jetzt waren die englischen, französischen und russischen Konsuln verschwunden, nur die von Österreich, Amerika und Persien noch auf demPosten. Dem persischen Konsul machten die Pilger seiner Heimat viel zu schaffen, die lebenden und noch mehr die toten, die in Decken gehüllt auf Mauleseln nach Kerbela überführt werden mußten.
Kasimen.
Kasimen.
Im Stabe des Herzogs traf ich Rittmeister Tschirner wieder, dem ich an der Ostfront bei Suwalki begegnet war. Stabschef war Major von Köppen. In einem Krankenhause lag in bedenklichem Zustande der deutsche Schriftsteller Armin T. Wegner, bekannt durch seine Bücher „Zwischen zwei Städten“, „Gedichte in Prosa“ und andere. Der deutsche ArztDr.Schacht führte Schölvinck und mich an sein Schmerzenslager, wo wir eine unvergeßliche Stunde verbrachten.
Mit einer gewaltigen Karawane von Mauleseln und persischen Dienern kam von Teheran der dortige deutsche GesandteDr.Vassel und mietete für sich und sein Gefolge ein Stück vor der Stadt ein Haus. Hier wohnte auch Wilamowitz als deutscher Militärattaché in Persien. Als ich meinen Reisekameraden das letzte Mal sah, hatte er hohes Fieber, war aber nicht dazu zu bewegen, das Bett aufzusuchen. Er war gerade Major geworden, und nachDr.Vassels Abreise war er deutscherChargé d’affaires. Er hoffte, den siegreichen türkischen Truppen nach Persien folgen und endlich der erstickenden Hitze entfliehen zu können. Seine Krankheit aber verschlimmerte sich plötzlich, und er starb Mitte Juli, eine trauernde Witwe,geborene Freifrau von Fock, und eine kleine Tochter hinterlassend, die jetzt in Stockholm wohnen.
Straße in Bagdad.
Straße in Bagdad.
An Direktor Wurst hatte die Deutsche Bank in Bagdad einen vortrefflichen Vertreter, dessen Arbeitslast sich ungeheuer vermehren wird, wenn die Bagdadbahn einmal fertig ist. Herr Brown, Chef eines großen deutschen Handelshauses, hatte acht Jahre lang an der Piratenküste des Persischen Golfs unter wenig bekannten Araberstämmen gelebt; durch Handelsverbindungen, die er mit ihnen und den Beduinen in Mesopotamien anknüpfte, besaß er einen großen Einfluß auf diese Völker. Er erzählte mir von dem mächtigen Araberhauptmann Ibn Reschid südlich von Hille, der mit einer Streitmacht von 30000 Mann der türkischen Sache treu ergeben ist, und von andern Stämmen weiter unten am Golf, die auf ihren Kriegszügen die vornehmsten Frauen in schimmernder Pracht auf Dromedaren voranreiten lassen, um den Mut der Kämpfer anzufeuern. Bei Brown wohnte der junge Diplomat Herr Dickhoff von der Deutschen Gesandtschaft in Teheran. Herzog Adolf Friedrich mit Gefolge, Graf Wilamowitz und ich waren oft in Browns Haus zu Gaste, besonders an Mondscheinabenden, wenn man ohne Lampe auf der Dachterrasse sitzen und den Anblick des silberblanken Stroms und der seltsam beleuchteten Palmen genießen konnte.