Zweites Kapitel.Aleppo.

Die Grabmoschee Salhein in Aleppo.Zweites Kapitel.Aleppo.

Die Grabmoschee Salhein in Aleppo.

Die Grabmoschee Salhein in Aleppo.

Am 15. März 1916 war ich mit Graf Wichard von Wilamowitz-Möllendorff, dem neuernannten Militärattaché der deutschen Gesandtschaft in Persien, von Konstantinopel abgereist. Ein Dampfer hatte uns vom Goldenen Horn nach Haidar-Pascha an der asiatischen Küste gebracht, und in sieben Tagen erreichten wir mit der Bahn Aleppo.

Zweimal hatten wir den Zug verlassen müssen, denn die Strecke der Bagdadbahn bis Aleppo war noch nicht ganz ausgebaut. Zwischen Bosanti und Gülek im Taurus war zwar schon ein gewaltiger Tunnel durchs Gebirge gebohrt, er sollte aber erst im Herbst dem Verkehr übergeben werden. In Bosanti hatten uns zwei deutsche Offiziere in türkischen Diensten, Oberstleutnant Vonberg und Major Welsch, die aufdem Wege nach Bitlis waren, ein Kriegsautomobil zur Verfügung gestellt, das uns auf steilen und weiten, ohne Brustwehr über schwindelnden Abgründen hängenden Zickzackwegen über die 1300 Meter ansteigenden Höhen des Taurus nach Gülek beförderte. Auf der Talfahrt durcheilten wir die Pylae Ciliciae, den hohlwegartigen Engpaß des Tales Tarsus-tschai, durch den Xerxes und Darius, Cyrus der Jüngere und Alexander der Große vorrückten, und in späteren Zeiten Harun-er-Raschid und Gottfried von Bouillon. Das Wetter war nicht eben einladend gewesen, es wechselte anmutig zwischen Land- und Platzregen. Dabei wimmelte die aufgeweichte und schlüpfrige Straße von Kamelkarawanen, die Baumwolle von Adana brachten, von Lastautos, requirierten Bauernwagen, Ochsenfuhrwerk mit Kriegsmaterial, marschierenden Soldaten und Reitern. Am meisten bemitleideten wir die Züge gefangener Sikhs, die von Bagdad her zu Fuß nach ihrem Bestimmungsort in Kleinasien wandern mußten, einen Stock in der Hand, den Brotbeutel auf dem Rücken, die Uniformen zerrissen und die Turbane zerlumpt. Welche Qual für die Söhne des Sonnenlandes Indien, dem kalten Regen auf den Höhen des Taurus schutzlos preisgegeben zu sein! Kleine Gesellschaften reisender Türken mit Eseln, Kühen und — aufgespannten Regenschirmen boten dagegen einen lustigen Anblick.

In der Mitte zwischen Bosanti und Gülek, in dem offenen Gebiet des Taurus, das Schamallan-han genannt wird und ringsum von spärlich bewaldeten Bergen umgeben ist, lag eine deutsche Automobilstation, wo man uns mit liebenswürdiger Gastfreundschaft aufnahm und eine Nacht trefflich beherbergte. In dem welligen Kesseltal war eine ganze Stadt emporgewachsen von gelben, grauen und schwarzen Zelten oft riesiger Ausdehnung, Schuppen und Reparaturwerkstätten. Mannschaftsbaracken und Offizierszelten. Deutsche und türkische Flaggen wehten darüber. Von Gülek aus hatten wir Tarsus besucht, den Geburtsort des Apostels Paulus, ein sehr langweiliges Städtchen.

Zwischen Mamure und Islahije waren die Tunnel ebenfalls schon fertig, aber nur eine Feldbahn führte hindurch. Diese Strecke über den Amanus und durch das 300 Meter breite, zwischen Basaltklippen sich öffnende Amanische Tor, durch das einst König Darius zog, um seinem Gegner Alexander in den Rücken zu fallen, mußten wir auf der Landstraßein einem „Jaile“ zurücklegen, einem hohen, überdeckten, kremserähnlichen Fuhrwerk, das Wilamowitz „Leichenwagen“ taufte, als ob er geahnt hätte, daß er von seiner Reise nach Persien nicht mehr zurückkehren werde. Man sitzt nicht, sondern liegt in dieser merkwürdigen Fahrgelegenheit, polstert sich den Boden so gut wie möglich mit Stroh und nachgiebigem Gepäck aus und freut sich, wenn das „gerüttelt Maß“ nicht allzureichlich ausfällt. Für mich war diese Fahrt noch dadurch besonders denkwürdig, daß auf ihr meine wohlversorgte große Proviantkiste aus Konstantinopel spurlos verschwand. Das immer trostloser werdende Regenwetter hatte uns schließlich gezwungen, in einem elenden Krug zu Islahije bei einem griechischen Wirt Georgios Vassili ein etwas romantisches Nachtlager zu bestehen, und schließlich hatte uns ein Pferdetransportzug in einem Viehwagen um 1 Uhr nachts glücklich nach Aleppo gebracht.

Hier sollte ich nun abwarten, was das Oberkommando der türkischen Armee über mein weiteres Schicksal beschließen würde. Minister Enver Pascha hatte mir die Erlaubnis zur Reise durch Kleinasien bis nach Bagdad nur unter der Bedingung erteilt, daß Feldmarschall von der Goltz, der von Bagdad aus die 6. Armee befehligte, keine Bedenken dagegen habe; er allein wollte die Verantwortung für meine Sicherheit nicht auf sich nehmen, da wilde Beduinenhorden die Wege unsicher machten. Das endgültige Ergebnis des Depeschenwechsels zwischen Konstantinopel und Bagdad sollte mir in Aleppo gemeldet werden.

Aleppo, das Haleb der Araber, nach Smyrna und Damaskus die größte Stadt Vorderasiens, ist Hauptstadt eines Wilajets, eines Gouvernements, das das ganze nördliche Syrien umfaßt und im Osten vom Euphrat begrenzt wird. Die Einwohnerzahl soll 200 bis 250000 betragen; davon sind zwei Drittel Mohammedaner, 25000 Armenier, 15000 Juden, ebensoviele Griechen, die übrigen Lateiner, Maroniten und unierte Syrer. In der Altstadt herrscht noch der arabische Stil vor, der nach der Straße zu nur öde Mauern zeigt. Doch finden sich auch dort schon solide Steinhäuser mit Erkern, Balkonen und eingebauten Altanen, und die neuen Stadtteile an der Peripherie haben eine fast europäische Bauart. Mit ihrem unaufhörlich hin- und herwogenden orientalischen Verkehr bieten Aleppos Straßen wundervolle Bilder; nochlieber aber verirrt man sich in die dunkeln Labyrinthe der Basare, deren kleine, enge Kaufläden mit Teppichen und Stickereien, Gold und Silberschmuck, Pantoffeln und Lederwaren und all dem Kram angefüllt sind, der von Europa eingeführt wird.

Graf Wichard von Wilamowitz-Möllendorf.

Graf Wichard von Wilamowitz-Möllendorf.

Der Krieg hatte zwar den Handel ziemlich lahm gelegt; der Han Wesir, ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, war fast leer geräumt.Dennoch herrschte in den Basaren noch immer lebhafter Betrieb. Selbst französische Weine, Konserven, Lichte usw. konnte man kaufen, da die Vorräte der Küstenstädte noch nicht erschöpft waren, so daß ich meine verschwundene Proviantkiste leicht ersetzen konnte. Manche Artikel aber stiegen unerhört im Wert. Für Petroleum forderte man das Zwanzigfache des Friedenspreises, und das türkische Papiergeld stand tief im Kurs: in Konstantinopel galt ein türkisches Pfund 108 Piaster, in Aleppo nur 90, in Jerusalem sogar, wie man mir versicherte, nur 73 (ein Piaster hat einen Wert von etwa 18 Pfennig). In manchen Gegenden weigerte sich die Landbevölkerung überhaupt Papiergeld anzunehmen; ich hatte mich glücklicherweise in Konstantinopel mit einer größeren Summe in Gold und Silber versehen.

In der Mitte der Stadt erhebt sich die Zitadelle auf einer uralten, wahrscheinlich künstlich geschaffenen Anhöhe. Vom Rundgang des Minaretts dort oben hat man eine wundervolle Aussicht über das Häusermeer der Stadt mit seinem sparsamen Grün und die Straßen, die wie die Speichen eines Rades von diesem Mittelpunkt ausgehen, auf das weite, hügelige, graugelbe Gelände und das Tal des Kuwekflusses, wo Platanen, Silberpappeln, Walnußbäume, Oliven und vor allem Pistazien in den Gärten grünen.

Aleppos Hauptsehenswürdigkeit ist die „große Moschee“ Dschami-kebir oder Dschami-Sakarija. Sie hat ihren Namen vom Vater Johannes des Täufers, Zacharias, dessen Grab im Innern hinter vergoldetem Gitter gezeigt wird, und wurde von den Omaijaden an einer Stelle errichtet, wo vordem eine von der Kaiserin Helena gestiftete christliche Kirche stand. Ihr gegenüber erhebt sich die Dschami-el-Halawije, die ebenfalls ein Abkömmling einer von der Kaiserin Helena erbauten Kirche sein soll. Ihr Inneres zieren Pilaster und Chornischen mit Akanthusmotiven und ein „Maschrab“, eine Gebetsnische, von künstlerischem Wert. Vor der Stadt liegt die vornehme Begräbnisstätte Ferdus mit zahlreichen Heiligengräbern und den charakteristischen Grabsteinen: immer zwei aufrecht stehend als Sinnbilder des Lebens, dazwischen ein liegender als Sinnbild des Todes. Die Ecken des liegenden Steins haben schalenförmige Vertiefungen: darin sammelt sich das Regenwasser, und die Vögel kommen, um zu trinken und den Schlaf der Toten mit ihrem Gesang zuversüßen. Als ich den Friedhof besuchte, küßte eine alte Türkin weinend die Steine der Heiligengräber, um, wie sie sagte, Schutz zu erflehen für ihren Sohn, der an der Front gegen die Russen kämpfte.

Eine andere, teilweise verfallene Grabmoschee trägt den Namen Salhein. Über ihren Denkmälern erhebt sich ein sehr hübsches Minarett.

Arabischer Junge in Aleppo.

Arabischer Junge in Aleppo.

Vor der Stadt liegt auch die Moschee Scheik-ul-Hussein; ihre Gebetsnische birgt einen Stein, der nach der Versicherung Rechtgläubiger alljährlich am 10. Oktober, dem Todestage des schiitischen Heiligen Hussein, blutet. Nördlich von Aleppo träumt zwischen Anhöhen das Derwischkloster Scheik Abu Bekr, eine viereckige Halle unter einer Kuppel, im Innern ausgestattet mit prächtigen Skulpturen und Fayencen; zahlreiche große Fenster werfen helles Licht auf die Farbenpracht der Kunstwerke. Im Hof spiegeln Zypressen ihr ewiges Grün in einem klarenWasserbecken; daneben schlummert unter einem von Kletterpflanzen umsponnenen Grabmal eine Prinzessin. Hier hausen die betenden Derwische von der Brüderschaft der Mutevelli-Derwische, deren Hauptsitz Konia ist. Auch die tanzenden Derwische haben in Aleppo ein Haus.

Vor dem Krieg war in Aleppo eine deutsche Kolonie von ungefähr 300 Köpfen. Jetzt war ihre Anzahl bedeutend gesunken. Von den beiden deutschen Schulen war die katholische vor vier Jahren gegründet und in einem vornehmen, hundertundfünfzig Jahre alten arabischen Hause untergebracht; sie beschäftigte sechzehn Lehrer und acht Borromäerinnen (barmherzige Schwestern) und hatte zur Zeit meines Besuches 220 Schüler, die nur deshalb ein geringes Schulgeld zahlen mußten, weil sonst der Unterricht nicht als etwas Erstrebenswertes gegolten hätte. Im ganzen sollen 400 Borromäerinnen an den verschiedenen Fronten stehen. Die protestantische, noch jüngere Schule wird von 110 türkischen, deutschen, jüdischen und armenischen Mädchen besucht; sie gehört den Kaiserswerther Diakonissen, die auch in Smyrna, Beirut und Jerusalem Schulen und in Konstantinopel ein großes Krankenhaus eingerichtet haben. Aus Kairo und Alexandria wurden sie während des Krieges vertrieben. Andere Lehranstalten in Aleppo stehen unter der Leitung der Franziskaner und Jesuiten, der Sacré-Coeur- und St. Josephsschwestern.

Das gesellige Leben der Deutschen hat seinen Mittelpunkt im Hause des Herrn Koch, dessen Gattin als Schwester Martha mir zuerst bei Feldmarschall von der Goltz begegnete, als er noch Generalgouverneur in Brüssel war. Ihr gastliches Heim, das sich seit dreißig Jahren so manchem Reisenden aufgetan hat, wurde auch mir jetzt eine Freistätte, und hier im Kochschen Hause entschied sich mein nächstes Reiseschicksal.

Einige Tage nach meiner Ankunft in Aleppo brachte mir der Adjutant Neschad Paschas, des dortigen Etappeninspektors, den Bescheid Enver Paschas, ich könne nach Bagdad reisen und wohin ich sonst wolle. Ich hatte nur den Weg zu wählen. Aber eben darin lag die Schwierigkeit. Eine gewisse Vorsicht war durch die kriegerischen Ereignisse auf jeden Fall geboten. Schon in Konstantinopel hatte ich gehört, die Russen seien in Persien ziemlich stark. Kirmanschah hatten sie genommen. Bagdad war also nicht mehr weit. Im Norden war Erserum gefallen,und wenn es dem Großfürsten Nikolai gelang, nach Diarbekr vorzustoßen, und die Engländer, die sich allerdings bei den Dardanellen blutige Köpfe geholt hatten, etwa eine Landung im Golf von Alexandrette erzwangen, um sich mit den Russen zu vereinen, schlugen die Wellen des Krieges rettungslos hinter mir zusammen. Andererseits hatte uns schon auf der Fahrt nach Aleppo ein Eisenbahningenieur, ein Kroate, versichert, Bagdad sei von den Engländern besetzt; das war natürlich leeres Gerede, denn dann hätte der Feldmarschall auf dem Rückzug nach Westen sein müssen. Enver Paschas Telegramm strafte all diese Etappengerüchte Lügen. In Islahije schließlich hatte es geheißen, die Russen kämen Mosul immer näher. Ob ich überhaupt Bagdad erreichen würde, erschien also immerhin etwas unsicher, und doppelt unsicher war ich daher über den Weg, den ich einzuschlagen hatte. Mein Reisekamerad Graf Wilamowitz sollte eine Trainkolonne den Euphrat entlang führen; ihm und dem Obersten von Gleich, dem neuen Stabschef bei von der Goltz, konnte ich mich auf ihrem 800 Kilometer langen Ritt anschließen. Aber es gibt nichts Einförmigeres als die ewigen Wüsten an den Ufern des Euphrat. Da war es doch reizvoller, über Nesibin nach Mosul zu fahren, die Ruinen von Ninive zu sehen, von dort auf einem „Kellek“, einem Floß, den Tigris hinabzutreiben und die Altertümer von Nimrud und Assur zu besuchen. Freilich machten die Schammarbeduinen, die wegen ihrer Überfälle berüchtigt sind, den Weg bis Mosul unratsam, wenn ich nur auf den Schutz meines Kutschers angewiesen blieb. Auch waren die Nebenflüsse des Euphrat, die vom Armenischen Gebirge herkommen, zu reißenden Strömen angeschwollen. Aber die eigentliche Regenzeit war ja schon vorüber; in ein paar trocknen Tagen mußten sie wieder fallen. Ich beschloß also, meinem alten Glück zu vertrauen und mich von Aleppo aus gleich ostwärts zu wenden. Frau Koch hatte bereits einen „Arabatschi“, einen Hauderer, gefunden, der mir für 30 türkische Pfund (555 Mark) eine Viktoria und einen Jaile vermieten wollte, und ich beriet gerade mit dem deutschen Etappenkommandanten Rittmeister von Abel, Direktor Hasenfratz und Inspektor Helfiger von der Bagdadbahn und andern deutschen Freunden, wie Wagen und acht Pferde mit der Bahn nach Ras-el-Ain befördert werden könnten, als zwei junge deutsche Offizierein türkischen Diensten ins Zimmer traten. Der eine von ihnen, Major Reith, hatte als Chef einer Automobilkolonne den Auftrag, die Verkehrsmöglichkeiten auf der Straße zwischen Ras-el-Ain und Mosul zu untersuchen, der andere, sein Bruder, sollte ihn als Arzt begleiten. Major Reith hatte kaum von unsern Beratungen gehört, als er rief: „Aber warum so viel Zeit und Geld verschwenden? Kommen Sie mit mir! Ich habe reichlich Platz für Sie und auch für Ihr Gepäck, und in drei Tagen sind wir in Mosul!“

Diesem verführerischen Vorschlag zu widerstehen, wäre übermenschlich gewesen. Eine günstigere Gelegenheit konnte sich mir ja gar nicht bieten. Also auf nach Mosul!


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