[1]Frankfurter Irrenanstalt.
[1]Frankfurter Irrenanstalt.
Benno und Katharine, zwei vom Schicksal vernachlässigte, an Enttäuschungen gewöhnte Menschenkinder, freuten sich ihrer wunschlosen Sympathie.
So standen die Dinge, als plötzlich Martha in Bennos Gesichtskreis trat.
Neben dem Sonnenglanze dieses neuen Erlebnisses mußte der freundliche Schimmer jener harmlosen, allmählich zu einer angenehmen Gewohnheit herabsinkenden Freundschaft verblassen.
Als erste bemerkte die gute Frau Petterich die Veränderung, die mit ihrem Mieter vorging. Aberda ihr Marthas Existenz unbekannt war, führte sie sein seltsames Verhalten auf die Beziehungen zu Katharine Käsberger zurück, die sie schon lange auf die ziemlich umfangreiche Liste jener Mitmenschen gesetzt hatte, die sie »net rieche« konnte.
»Haww ich’s net gesacht?!« jammerte sie. »Jetz is es bald werklich so weid! Awwer des sag’ ich Ihne:Ichgeh’ net zu Ihrer Trauung, ich net! Wann’ s dem Esel zu wohl is, geht er uff’s Standesamt! En Ring sollt’ merr Ihne dorch de Nas’ ziehe unn Sie im Zoologische Garte ausschdelle! Ich sag’s ja: Seit mei Schorsch-selig dod is, gibbt’s kaa vernümfdige Mannsbilder mehr. Mei Schorsch-selig – ach, so aan find ich meiner Lebdag net mehr! Der war noch von der gude ahle Rass’! Danze hat er könne, Schottisch, Galobb, Walzer rechts erum, Walzer links erum, uff eigne Zehespitze unn uff fremde Zehespitze – der geborene Balletöserich! Dorch’s Danze hawwe merr uns ja aach seinerzeit kenne unn liewe gelernt. An eme Sonntag war’s, in Nidderrad, beim Bamberger. Finf Glas Bier haww ich’m bezählt, unn nach’m sechste hat er merr ewige Treu’ geschworn.Unn er hat se aach gehalte, wenigstens haww ich nix bemerkt! Des war e Mann, mei Schorsch-selig, e Herz wie Gold hat er gehabbt, unn so schee war er: wie e Feldwewel in Zifil hat er ausgesehe. Se misse awwer net glaawe, daß ich net vielleicht aach noch annerne Partiee hätt’ mache könne. Minnestens Sticker zehe Verehrer haww ich gehabbt, ich war aach emal jung unn schee – so schee werd’ Ihne Ihr hochgeborenes Fräulein Käsberger ihrer Lebdag net, unn wann se hunnert Jahrn alt werd! Da is zum Beischbiel der zwette Gehilf vom Metzger Westheimer gewese, der wär beinah wege mir in de Mää gehippt, glicklicherweis’ war er damals grad zugefrorn! Unn der Ausläufer Philipp vom Schepeler, der hat sogar Gedichtcher uff mich gemacht, so unzurechnungsfähig war er. Godd, wann ich draa denk, wie ich emal mit’m Philipp beim Bamberger gedanzt habb unn der Schorsch is dazukomme, unn eh’ ich die Herrn habb mitenanner bekannt mache könne, hat der Philipp schonn verbunde wer’n misse. Dann mei Schorsch-selig, der hat Kraft gehabt wie e Eisbär, Muskele, sag’ ich Ihne, so dick wie IhrBuckel! Unn hat doch schderwe misse. Es is e Kreuz!« – –
Wir haben Benno auf seinem abendlichen Heimweg ganz allein den Sachsenhäuser Berg hinaufkraxeln lassen, ihn diskret seinen Träumen nachhängen lassen, nun aber wollen wir uns ihm wieder anschließen und ihm in sein Zimmerchen folgen, um einmal nachzuschauen, wie es dort aussieht.
»Guten Abend, Herr Stehkragen!« begrüßte ihn Mariechens frohlockende Stimme im Hof.
Das Mariechen hatte in dem Schuppen, der dem seligen Herrn Petterich als Sommerwerkstätte gedient hatte, gespielt und war, sobald sie Benno erblickt hatte, ihm freudig entgegengesprungen.
»Guten Abend, Mariechen,« erwiderte Benno den Gruß und zupfte ihr das Haarband, das sich beim Spielen verschoben hatte, zurecht. »Die Schulaufgaben schon gemacht?«
»Natürlich, Herr Stehkragen!« beteuerte das Kind. »Soll ich sie Ihnen zeigen?«
»Später, später!« sagte Benno freundlich. Sein Kopf war noch mit Gedanken an Martha gefüllt,und er überhörte beim Betreten des Hausflurs ganz den Gruß der Frau Petterich.
Kopfschüttelnd sah ihm seine Wirtin nach.
»Jetzt glaaw ich’s bald selwer,« seufzte die brave Frau, »daß es Zeit werd, daß er unner’n Bandoffel kimmt! Dem Riese Goliath sei’ Bandoffel, des wär’ so die richtige Größ’ for en. Er werd schonn ganz daub vor Zerstreutheit, die Lieb’ hat sich bei em uffs Ohr gelegt, nächstens schnappt er iwwer!«
Beim Betreten seines Zimmers fand Benno auf dem Tisch einen Strauß frischer Wiesenblumen.
Den hatte ihm Mariechen gepflückt, die mit kindlich-überschwenglicher Verehrung an ihrem Hauslehrer Benno hing.
Wie gut konnte er ihr alles erklären! Viel besser als die Lehrerin in der Schule. Und nie schimpfte er. Immer war er gleichmäßig freundlich, verlor nie die Geduld, so viel man ihn auch fragte. Und merkwürdig: Bei der Lehrerin in der Schule verspürte man immer, sobald sie sich umdrehte, den unwiderstehlichen Drang, ihr die Zunge herauszustrecken,eine Nase zu schneiden oder wenigstens ein Gesicht zu ziehen – bei Benno kam ihr nie dieser Gedanke.
Benno war ihr guter Freund, ihr Vertrauter. Nur wo die Kinder herkommen, sagte er ihr nicht. Wahrscheinlich wußte er’s selber nicht.
Und noch eines war dem Mariechen aufgefallen: daß er ihren Namen nicht behalten konnte. Er redete sie oft mit »Martha« an.
Sie hatte es einmal lachend ihrer Mutter erzählt, und diese hatte die rätselhafte Antwort gegeben: »Wann er dich widder mit Martha aaredt, dann reddstduen mit ›Herr Käsberger‹ an!«
Benno nahm den Blumenstrauß in die Hand, seine aufgestülpte, bebrillte Nase verschwand in den Blüten.
Er zog eine Marguerite aus dem Strauß und zupfte die Blätter ab und flüsterte dabei: »Sie liebt den Wittmann – se liebt ihn nicht – se liebt ihn – se liebt ihn nicht – se liebt ... der Schlag soll ihn treffen!«
Er seufzte tief auf, hängte Hut und Mantel an den Türhaken und legte sich auf das Sofa.
»Wolle Se gleich die Fieß vom Sofa erunner dhun!« erklang auch schon Frau Petterichs vorwurfsvolle Stimme.
Frau Petterich war ins Zimmer getreten, um seinen Mantel zum Ausbürsten zu holen.
Oder, ehrlicher gesprochen, sie kam unter diesem Vorwand, um sich zu überzeugen, ob ihr Mieter wieder seufzend auf dem Sofa lag und »seine Zuständ’« hatte.
Den Hauptschmuck des Zimmerchens bildete der große Bücherschrank. Da standen unsere Klassiker in Reih und Glied, arg zerlesen, fleckig und vergilbt, so daß man sie beim ersten flüchtigen Anblick für wertvolle alte Ausgaben hätte halten können. Aber dem war nicht so. Stuart Webbs hätte mit Leichtigkeit festgestellt, daß diese Flecken Bennosche Fingerabdrücke und Butterbrotspuren waren.
Über dem Sofa hing ein Brautbild von Bennos verstorbener Mutter.
Zweifelsohne hatte diese Photographie einst in dem Brautbild des Vaters ein Gegenstück besessen. Aber dieses Bild fehlte.
Hatte der kurzsichtige Benno es einmal fallen lassen, oder war es beim Umzug verlorengegangen?
Nein, die Geschichte verhielt sich ganz anders, und sie war wieder einmal eine echt Bennosche Geschichte.
Der alte Stehkragen und sein Sohn hatten sich zeitlebens schlecht verstanden. Der Vater, ein Kleinkaufmann, hatte den kleinen Benno unter schweren Opfern das Gymnasium besuchen lassen und hoffte, in ihm dereinst eine Leuchte der medizinischen Wissenschaft zu sehen.
Benno sträubte sich hartnäckig gegen diesen Plan. Gewiß, es mußte Befriedigung verleihen, körperliche Leiden zu heilen, Wunden zu schließen – aber sein ganzes Leben mit dem Anblick von Krankheiten, von häßlichen Zerstörungen zubringen, all das Elend unserer Hinfälligkeit tagein, tagaus von neuem zu studieren, dazu fühlte sich Benno nicht stark genug. Ein prophetisches Gefühl ängstigte ihn, er werde als Arzt keine frohe Stunde mehr genießen können, er werde die Welt durch eine blutige Brille ansehen.
Der Literatur- und Kunstgeschichte wollte er sicheinstens widmen – ein Studium, zu dem der Vater schon aus materiellen Gründen nie seine Zustimmung geben konnte.
So oft die Berufsfrage besprochen wurde, kam es zu hitzigen Auseinandersetzungen, bei denen die Mutter bittere Tränen vergoß.
»Wein’ nicht, Mutter,« tröstete Benno die alte Frau, wenn der Vater den Hut aufgesetzt hatte, die Tür wütend zugeworfen und das Haus verlassen hatte, um durch erregtes Spazierenlaufen in den Promenaden seinen Kummer zu ersticken. »Flenn’ nicht, Mama! Wenn ich erst emal e berühmter Mann bin, wird sich der Vater schon beruhigen! Ichkannnun emal kein Bauchaufschneider werden, es interessiert mich nicht, wie die Leut’ inwendig aussehen! Mir is e gutes Gedicht lieber wie der schönste Blinddarm – hab’ Vertrauen in mich und putz’ derr die Tränen ab!«
Und die alte Frau trocknete ihre Tränen, sie hatte ja so gern Vertrauen zu ihrem einzigen Kind.
Man konnte es unter diesen Umständen beinahe ein Glück nennen, daß Stehkragenseniorstarb, ehe die Berufsfrage zur Entscheidung drängte.
Benno ging damals in die Untersekunda und machte statt der Schulaufgaben Gedichte an den Mond, an die Lotosblume und andere aus Heinrich Heine entlehnte Requisiten der Verliebtheit.
Die Mutter, die schon früher dem Vater bei der Arbeit geholfen hatte, führte opfermutig das kleine Geschäft weiter, aber trotz verzweifelter Anstrengungen ließ sich kaum so viel herauswirtschaften, daß Benno das Gymnasium weiter besuchen konnte.
Nur wenige Jahre überlebte seine Mutter den Vater.
Benno fand sich kurz vor dem Abiturientenexamen allein auf der Welt, als Erbe eines Geschäftes, von dem er nichts verstand und zu dem er keine Neigung hatte.
Wo sollte das Geld zum Studieren herkommen? Alle seine Hoffnungen brachen zusammen. Es blieb keine Wahl: Ein Brotberuf mußte ergriffen werden.
Freunde der Familie nahmen sich des jungen Menschen an, der eine fatalistische Gleichgültigkeit zur Schau trug, liquidierten das heruntergekommeneGeschäft, retteten dem Erben eine unbedeutende Summe und verschafften ihm mit Mühe durch die Protektion von Leuten, die Benno kaum dem Namen nach kannte, eine Stelle als Lehrling in der Industriebank.
So sehr dieser Beruf Benno bald zuwider ward, er fand zeit seines Lebens nicht mehr die Energie, sich loszureißen und einen anderen Lebensweg einzuschlagen.
Mit ein paar Möbelstücken aus dem Nachlaß der Mutter, mit ein paar Bildern richtete sich Benno ein bescheidenes Heim ein. Dem Bild der Mutter gab er den Ehrenplatz über dem Sofa, das Bild des Vaters aber, das er nicht ohne Groll betrachten konnte, verkaufte er mit allerlei Gerümpel. Seine Schulbücher warf er an einer unbeobachteten Stelle in den Main.
Den voreiligen Verkauf des väterlichen Bildes bereute er freilich später.
Denn als er älter und reifer geworden war, erschien ihm sein Vater mitunter doch in einem ganz anderen Lichte, als ihn seine jungenhafte Unduldsamkeit gesehen hatte.
Der alte, abgearbeitete Mann hatte es in seiner Einfalt sicherlich sehr gut mit ihm gemeint, vielleicht am besten von allen Menschen.
Jetzt hätte Benno gern ein Bild seines Vaters besessen. Aber nun war es zu spät. Aus der Verwandtschaft lebte nur noch eine sagenhaft alte Tante, der Benno niemals geschrieben hatte, und von der er lediglich die Erinnerung besaß, daß seine Mutter gelegentlich von ihr als von der »geizigen Amalie« gesprochen hatte.
Nach langem Zögern frug er brieflich bei ihr an, ob sie ein Bild seines Vaters hätte. Der Brief kam zurück mit dem Vermerk:
»Adressatin seit Jahren verstorben.«
Wenn nun Benno auch keine Photographie seines Vaters besaß, so war das Brautbild über dem Sofa doch nicht ohne Gegenstück. Dieses Pendant freilich war abermals ein echt Bennosches Kuriosum.
Da hing nämlich in breitem Goldrahmen, säuberlich unter Glas, eine Landkarte von Deutschland.
Ursprünglich hatte ein Plan der Stadt Frankfurt diesen Platz eingenommen. Aber als der einmal von der Wand gefallen war, hatte Benno diesen Zufall für einen Wink von oben erklärt, sagte: »Dein Vaterland muß größer sein« und ersetzte den Stadtplan durch die Karte von Deutschland.
Statt des väterlichen Bildes prangte also ein Bild des Vaterlandesüber dem Sofa, neben dem Bilde seiner leiblichen Mutter das Bild der geistigen Mutter.
Oft stand Benno vor dieser Landkarte, fuhr mit dem Zeigefinger die Grenzlinien entlang, gleichsam die Karte liebkosend, und flüsterte: »Dies ist das Herz der Welt!«
Ja, dieser kleine bucklige Mensch war ein glühender Patriot, und seine Überzeugung lautete: »Es ist eine Streitfrage, ob es ein Glück ist, überhaupt geboren zu sein.Wennman aber schon einmal geboren wird, dann ist es das größte Glück, in Deutschland geboren zu werden.«
Deutschland, das war ihm nicht ein Land, in dem man zufällig zur Welt kommt, Deutschlandwar ihm das Land der Länder, der Tempel der Menschheit.
In deutscher Sprache hatte er reden, denken und fühlen gelernt, in deutschen Schulen war er erzogen; alles, was er an Bildung und Kultur genoß, war für ihn unmittelbar und unlösbar mit dem Deutschtum verknüpft.
Er ging so weit, zu behaupten, Shakespeare sei in deutscher Sprache tausendmal schöner als in englischer.
Und alle seine liebende Freude an Naturschönheit wurzelte in der Anschauung deutscher Natur. Oder war es nicht ein deutscher Wald gewesen, der ihn zuerst seine Geheimnisse hatte ahnen lassen, war es nicht ein deutscher Strom, dessen Rauschen ihm zum erstenmal Unendlichkeit gesungen hatte? Waren es nicht deutsche Wiesen, in denen er sich als Kind getummelt, in denen er als Jüngling den Wolken nachgeschaut und den Gesang der Vögel enträtselt hatte?
Mochte Italien immerhin das Land sein, wo die Zitronen blühen, in Deutschland wuchs der Blüten edelste: die blaue Blume der Romantik.
Mochten immerhin kalte Wissenschaftler die Internationalität der Gestirne nachweisen, seinem liebenden Überschwang waren es deutsche Sterne, die ihm des Nachts zu Häupten leuchteten.
Ja, er zweifelte in seinem tiefsten Innern nicht daran: Der alte Jehova hatte sicherlich längst das Hebräische als himmlische Hofsprache abgeschafft, und wenn er jemals wieder den Menschen Gesetzestafeln aufschreiben würde, so würde er’s im reinsten Hochdeutsch tun, in der neuesten Orthographie.
Wohl eine Stunde mochte Benno in Gedanken auf dem Sofa gelegen haben, als es plötzlich klopfte.
Er hatte während dieser Stunde nur ein einziges Mal seine Siesta für einen Augenblick unterbrochen gehabt, als es durch das offene Fenster herübergetönt hatte:
»Du meine Seele, du mein Herz,Du meine Wonne, du mein Schmerz ...«
»Du meine Seele, du mein Herz,Du meine Wonne, du mein Schmerz ...«
Da hatte er schnell das Fenster geschlossen.
Nein, er konnte jetzt die Käsbergerin nicht singen hören.
Und hatte sich wieder auf das Sofa gelegt und weitergeträumt.
Frau Petterich brachte den ausgebürsteten Mantel.
»Lieche Se schonn im Bett?« fragte sie an der Türe. »Warum mache Se dann kaa Licht an? Sie sin wohl lang net mehr vom Sofa erunnergeplumpst? Odder wolle Se sich gern de Kopp am Bicherschrank ei’renne? Herr Stehkrage, Se gefalle merr net mehr! Was hocke Se jetz schonn widder e Ewigkeit im Dunkle unn fange Grille? Ich kann Ihne nor sage: Sein Se froh, daß Se net mei Mann sin, mit Ihne dhät’ ich emal deutsch redde! Awwer mit Musikbegleidung von mei’m Deppichklopfer!«
»Sie brauchen kein Licht anzuzünden,« rief ihr Benno zu, indem er sich melancholisch vom Sofa erhob. »Halten Sie mir bitte den Mantel! Ich geh’ noch aus.«
»Wie kann ich Ihne de Mantel halte, wann ich nix guck?!« beklagte sich Frau Petterich. »Komme Se wenigstens eraus uff de Gang, da brennt e Petroleumfunsel!«
Und während sie ihm den Mantel hielt, ließ sie ihre Blicke mütterlich bekümmert über Benno gleiten, und ein tiefer Seufzer entstieg ihrem molligen Busen.
»Sein Sie nicht böse, liebe Frau!« entschuldigte sich Benno. »Sein Sie nicht böse, wenn ich manchmal etwas sonderlich bin. Ich kann nichts dafür.«
»Kann etwaichebbes dafor?« empörte sich seine Hauswirtin. »Awwer ich waaß schonn, was Ihne fehlt! Ich bin e ahl Fraa, mir mache Se nix vor! Sollt merrsch for meglich halte: So e ahler Esel muß sich noch e Eselin suche! No ja, mir kann’s recht sei’! Maantswege fahrn Se in die Terkei unn heierate Se gleich e ganz Ahljungfernstift! Vielleicht dhun Se dann widder zor Vernumft komme!«
Und sie zog dem kleinen Benno in ihrer Erregung den Mantel so energisch über die Schultern, daß er beinahe vornüber gestolpert wäre.
Benno ging im Dunkeln dem Walde zu. Er biß sich auf die Lippen, das Weinen war ihm nahe.
Sie hatte ja so recht, die gute Frau Petterich, wenn sie auch auf einer falschen Fährte war.
Ja, ich bin ein alter Esel, sagte er sich, aber hat nicht auch Titania einen Esel in den Armen gehalten? Ich bin ein alter Esel, und ich verdiene Prügel. Mit einem weit härteren Instrument als mit einem Teppichklopfer.
Aber während er sich so bittere Vorwürfe machte, schwoll sein Herz von Süßigkeit. Und alle Versuche, Martha aus seinem Gedächtnis zu reißen, gruben ihr Bild nur noch tiefer darein.
Er wandte sich um und blickte auf das nächtliche Frankfurt hinab.
Da lag die Stadt, ein glitzerndes Lichtmeer, beherrscht von der edlen Silhouette des Domes. Dort drüben, das war die Kuppel der Hauptpost, dort spielte der zackige Giebel des Römers, und jene Lichtquelle, von der sich Lichtschlangen weithin ins Land zogen, das war der Hauptbahnhof, von dem aus man nach der Türkei fahren konnte, um einen Harem zu gründen.
Benno kannte alle Kuppeln und Türme seiner Vaterstadt, und sie schienen ihm inmitten der Häuser aufgestellt wie die Figuren eines Schachbretts.
Etwas wie Ahnenstolz regte sich in ihm, als er es so vor sich sah, das unermüdliche Frankfurt, die Hochburg des Bürgerfleißes, in seiner siegreichen Selbstsicherheit.
Er liebte diese Stadt und grollte ihr zugleich.
Er liebte sie um ihrer kaufmännischen Großzügigkeit, ihres imponierenden Zielbewußtseins willen – er grollte ihr ob ihres Materialismus, der auch die Kunst für ein Rechenexempel hält.
Und ihm war, die edle Francofurtia, die freie Patriziertochter, trüge jetzt einen Federhalter hinter dem Ohr und habe Bureaustunden und verzeichne die Taten ihrer Schutzbefohlenen nicht mehr auf goldener Tafel, sondern in einem wohlliniierten Hauptbuch, und wenn man sie früge, wer ihr bedeutendster Sohn sei, so antworte sie: Rothschild.
Er malte sich, während er in den Abend schritt, das Bild einer solchen Francofurtia aus, er sah sie vor sich, hochgewachsen, mit goldenem Haar – und erkannte plötzlich, daß es Marthas Bild war, das ihm vor Augen schwebte.
Er blickte empor und war überrascht von dem reichen Sternenhimmel. Und da er sich erinnerte,daß der Aberglaube die Geschicke der Menschen von den Gestirnen regieren läßt, so begann er spielerisch nach dem Stern zu suchen, unter dem wohl er, Benno Stehkragen, geboren sein mochte.
War es der flackernde Sirius, der so kokett am Himmel tanzte und glitzerte wie ein Brillantring?
War es der stolze Jupiter? Der Mars? Die Venus?
Ach nein, sagte sich Benno wehmütig. Wie käm’ ich zu solch vornehmen Geburtshelfern? Mein Gestirn ist der Mond, und er war, wie ich geboren wurde, sicher im abnehmenden Viertel. Der Mond, der kein eigenes Licht hat, das ist für mich der einzig mögliche Planet. Und einen Buckel hat er auch! Die Gelehrten behaupten zwar, das sei das Mondgebirge – aber was verstehen die Gelehrten von der Wissenschaft?
Durch die Stille brach das Rattern eines nahen Eisenbahnzuges und lenkte Bennos Gedanken wieder vom Himmel auf die Erde.
Er hatte nun den Wald betreten, und Dunkel umfing ihn. Die Baumkronen standen so dicht, als schmiegten sie sich furchtsam aneinander, dieBüsche und Sträucher verschwammen zu einer Nebelmauer.
Benno ging, wohin ihn der Weg führte; er hatte kein bestimmtes Ziel. Die Stille, die Finsternis taten ihm so wohl, es ließ sich dabei so schmerzlich-süß träumen.
Tönte da nicht Musik? Nein, das Rauschen eines Bächleins war es, und er wußte sogleich: Das war das Königsbrünnchen.
Er sah es in Gedanken vor sich, wie er es so oft bei Tage gesehen hatte, er sah die Quelle über die vom Eisengehalt des Wassers geröteten Felsbrocken sprudeln, und er bedachte:
Wennich jetzt an dem Königsbrünnchen säß’ – mit einer großen Angel – und einem Regenwürmchen vorn dran – weil die Fische auf einen leeren Angelhaken nicht anbeißen – (so dumm sind nur die Menschen) – und ich tät’ nix fangen – weil’s in dem Königsbrünnchen überhaupt keine Fische gibt – sondern es ging’ mir wie dem Fischer von Goethe – und die Flut tät’ sich plötzlich teilen, und es käm’ eine von den Wassernixen hervor – die’s in dem Königsbrünnchenauchnicht gibt –und die Wassernix’ tät’ sagen: »Schöner Jüngling,« tät’ se sagen – »legen Se ab und kommen Se herein« – und dabei tät’ se schmeichelnd ihren weichen Nixenarm um meinen Hals legen – und küßt’ mich – und ich wehr’ mich nicht, denn warum auch? – und plötzlich fällt der Mondstrahl gerad auf ihr Gesicht – und es ist die Martha Böhle – und ...
Und plötzlich schlug Benno Stehkragen die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Es war spät in der Nacht, als er heimkehrte, und ein starker Entschluß war in ihm gereift: Er wollte sich Martha offenbaren, er wollte ihr sagen, daß er ihr Sklave sei für alle Zeit, und daß sie ihn erhöhen oder vernichten müsse.
Er hatte den Hausschlüssel vergessen und mußte deshalb seine Wirtin aus dem Schlaf schellen.
In einem flanellenen Unterrock kam Frau Petterich, einen Fünfminutenbrenner in der Hand, gewichtigen Schrittes die Treppe herunter.
»Schonn dahaam?« frug sie bösgelaunt über die Störung. »Sie war’n wohl beim Ebbelwei?«
»Ja, ich war beim Äpfelwein,« log Benno.
»So? Des nächstemal iwwernachte Se noraach gleich im Wertshaus! Odder maane Se, ich habb Lust unn bild’ mich wege Ihne zum Nachtwächter aus?«
Schuldbewußt stieg Benno hinter ihr die Treppe empor.
Auf der fünfzehnten Stufe versagte der Fünfminutenbrenner, und Frau Petterich schrie, indem sie einen neuen in Brand setzte: »Jetz verbrenn’ ich merr aach noch wege Ihne die Pfote!«
Unheilvoll schweigend legte sie den Rest der Treppe zurück, unheilvoll schweigend zündete sie ihm seine Petroleumlampe an. Sie hatte noch einige kräftige Worte auf der Zunge – ach, es war ja so lange her, daß sie keine Gardinenpredigt mehr hatte halten können – aber als sie Bennos klägliche Miene sah, überkam sie wieder das Mitleid.
»Sie wer’n immer reifer zum Heierate: sogar unbünktlich haamkomme dhun Se schonn! No, die Käsbergerin werd Ihne schonn ziehe!« sagte sie und verabschiedete sich mit einem energischen »Gu’n Nacht, Herr Nachtschwärmer!«
Benno hörte sie in ihrem Zimmer noch eine kurze Weile rumoren, vernahm noch ihre Worte:»Schlaf nor, Marieche, es war nor der Herr Käsberger« – dann ward es stille.
Wenige Minuten später lag er selbst im Bett. Aber er konnte nicht einschlafen.
Er wälzte sich auf die rechte Seite, starrte in das Licht der Petroleumlampe und stöhnte: »Ich lieb’ se, ich lieb’ se, ich bin verrückt, es hat noch nie einen so meschuggenen Menschen gegeben wie mich – aber ich lieb’ se!
Und ich muß es ihr sagen.
Aber wie? Ich kann ihr doch nicht im Bureau eine Liebeserklärung machen? Ich kann doch nicht mitten auf der Kaiserstraß’ vor sie hinknien und einen Volksauflauf verursachen?
Soll ich vielleicht einmal mit ihr ins Kino gehen? Und wenn’s dunkel wird, und auf der Leinwand küßt sich gerade ein Liebespaar – es wird nirgends auf der Welt so viel geküßt wie auf einer Kinoleinwand – , dann nehm’ ich sacht ihr Händchen und streichel’s und flüstre – ja, wenn ich nur wüßt’, was man bei solchen Gelegenheiten flüstert!«
Er wälzte sich auf die linke Seite.
»Ist die Menschheit nicht närrisch? Weshalbnimmt man nicht einfach das Mädchen, das man liebt, beim Arm und packt se in eine Droschke und fährt se nach dem Standesamt und zieht dort seinen Füllfederhalter heraus, unterschreibt, fährt heim und is verheiratet? Weshalb muß man vorher erst eine Liebeserklärung loslassen und Sonne, Mond und Sterne beschwören und sich die Zunge aus dem Hals und die Vernunft aus dem Kopf stammeln? Weshalb genügt es nicht, daß manfühlt? Weshalb muß man die Gefühle auch noch in überschwengliches Deutsch bringen?«
Benno wälzte sich auf die rechte Seite.
»Überhaupt, will ich sie dennheiraten? So weit sind wir doch noch gar nicht. Weiß ich denn, ob sie mich wiederliebt? Vielleicht sagt se: ›Herr Stehkragen, Sie sind noch zu jung zum Heiraten! Und Sie essen gern Apfelschalet, den ich nicht ausstehen kann, und ich ess’ gern Grünekernsupp’, vor der’s Ihnen graust – Herr Stehkragen, das wird keine glückliche Ehe!‹
Nein, vom Heiraten will ich ihr noch nicht sprechen. Nur meine Liebe will ich ihr mitteilen. Aber wie, aber wie?«
Benno wälzte sich auf die linke Seite.
»Wenn mir’s nur einer vormachen wollte! Natürlich nicht bei der Martha. Es gibt doch Tanzstunden und Sprachstunden und Unterricht in der doppelten Buchführung, warum gibt es keinen Unterricht in einfacher Liebeserklärung?«
Und plötzlich kam ihm eine Erleuchtung.
Er sprang im Nachthemd aus dem Bett, eilte an seinen Bücherschrank und nahm einen Band Shakespeare heraus.
Er wollte in »Romeo und Julia« nachsehen, wie’s der Romeo gemacht hatte.
Den Band im Arm kroch er ins Bett zurück und blätterte krampfhaft.
Da, am Schluß des ersten Aktes, war eine passende Stelle:
»Entweihet meine Hand verwegen dich,O Heil’genbild, so will ich’s lieblich büßen,Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich,Den herben Druck im Kusse zu versüßen.«
»Entweihet meine Hand verwegen dich,O Heil’genbild, so will ich’s lieblich büßen,Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich,Den herben Druck im Kusse zu versüßen.«
Hm, ob Martha das verstehen würde? Es war ein bißchen hoch für ihre Verhältnisse. »Den herben Druck im Kusse zu versüßen.« Und gleich mitKüssen anfangen, nein, es ging nicht, es ging unmöglich. In Verona war man in solchen Dingen offenbar liberaler als in Frankfurt am Main.
Benno legte sich auf den Rücken und blätterte emsig weiter.
»Ich bin kein Steuermann, doch wärst du fernWie Ufer, die das fernste Meer bespült,Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.«
»Ich bin kein Steuermann, doch wärst du fernWie Ufer, die das fernste Meer bespült,Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.«
Benno ließ aufstöhnend das Buch auf die Bettdecke sinken.
Alles sehr schön, wunderschön sogar, aber für seine Zwecke ganz unbrauchbar.
Vielleicht gab’s im Schiller ein besseres Rezept?
Er wollte abermals aus dem Bett springen, da machte die Lampe knacks.
Der Zylinder war geplatzt, nachdem die Lampe schon die ganze Zeit geblakt hatte.
Benno fuhr entsetzt auf, hob den Kopf nach dem Nachttisch und blies das Licht aus.
»Frau Petterich wird toben, wenn sie die kaputtene Lampe sieht,« ächzte er. Womöglich war der Zylinderauchein Erbstück von ihrem Großvater? Und die ganze Bettdecke voll Ruß!
Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung, er wälzte sich noch eine Weile fiebernd im Finstern, bis ihn die Müdigkeit überwältigte.
Morgens beim Erwachen fiel ihm ein, daß er heute abend ins Theater mußte. Er hatte es Katharine versprochen, die zum erstenmal eine kleine Solorolle singen durfte, die erste Brautjungfer im »Freischütz«.
Seit vierzehn Tagen übte sie nichts anderes mehr als »Wir winden dir den Jungfernkranz«.
Benno stand noch in Unterhosen, da brachte Frau Petterich den Kaffee. Er hatte wieder einmal das Klopfen überhört.
Schweigend stellte sie das Frühstück auf den Tisch, würdigte weder Benno noch die demolierte Petroleumlampe eines Blicks, schweigend entfernte sie sich.
Und als Benno fortging, ließ sie sich nicht sehen, sondern blieb, eine gekränkte Juno, in der Küche.
Mit gesenktem Kopf schlürfte Benno seinen Weg zur Industriebank. Und vergrämt sagte er sich: Du verlierst noch wegen deiner aussichtslosen Liebe die wenigen Freunde, die dich gern haben ...
»Was gucken Sie mich denn so an?« frug Martha gereizt, als sie eines Vormittags an dem gemeinsamen Arbeitspult im Couponbureau Platz nahm.
»Ich guck’ Sie nicht an, ich guck’inSie!« gab Benno in ungewöhnlich scharfem Ton zurück.
Martha Böhle zupfte verärgert an der Perlenhalskette, die sie neuerdings trug, warf ihrem Gegenüber einen bösen Blick zu, den dieser mit mißachtendem Achselzucken aufnahm.
Die Kollegen im Couponbureau stießen sich heimlich an, die Beamtinnen kicherten.
Benno grollte. Er hatte noch keine Gelegenheit gefunden, ihr seine Verliebtheit zu offenbaren, und selbst wenn sich eine Gelegenheit geboten hätte, würde er sie jetzt ungenutzt vorübergehen lassen. Seine Liebe hatte das goldfarbene Gewand der Sehnsucht abgeworfen und sich in den strohgelben Mantel des Hasses gehüllt.
Ja, er haßte Martha in diesem Augenblick.
Der Theaterabend hatte ihm ein bitteres Erlebnis gebracht, einen Argwohn geweckt, der nicht mehr zur Ruhe kommen wollte.
Bis zur großen Pause war der Abend so schön verlaufen.
Schon nach der Ouvertüre hatte sich Benno, befeuert von der herrlichen Musik, gesagt: Du solltest doch öfter ins Theater gehen! Vielleicht ist es doch nicht recht von dir, daß du dich von der Welt abschließest, vielleicht birgt die Welt reichere Schönheiten, als du, ein trotzköpfiger Eigenbrödler, zugeben willst. Du verstaubst, Benno! Du bist ein altmodisch gewordener Überzieher, der in einem Schrankwinkel verkommt und sich beleidigt fühlt, daß freudigere Farben modern geworden sind. Und der in schmollender Eingebildetheit deklamiert: AuchmeineZeit wird wiederkommen, auchichwerd’ wieder modern! Und seine Farbewirdauch wieder modern – aber bis dahin haben ihn längst die Motten gefressen!
Eine stille Seligkeit zog bei den Arien Max’ und Agathes in sein Herz ein.
Waren diese melodischen Liebesergüsse nicht noch werbender, umstrickender, lodernder als die kühnsten Beschwörungen eines Romeo?
Einen Tenor sollt’ ich haben, dachte er, und damit singen können sollt’ ich – dann wüßt’ ich’s, wie ich der Martha meine Liebe erklären müßte! Ich wollt’ mich in ihre Seele hineintrillern und wollt’ se bekantilenen, daß se gar nicht mehr anders könnt’, als mir um den Hals fallen und seufzen: »Mein Benno, mein süßer Benno!«
Und ich tät’ vor ihr hinsinken und tät’ meinen Wuschelkopf in ihrem Schoß bergen, und hauchen tät’ ich: »Ich bin dein! Alles ist dein: mein Herz, und mein Buckel, und mein hohesC– alles, alles dein!«
Beifallsklatschen störte seine Träumerei.
Er sah sich erstaunt von seinem Galerieplatz um: Das Dämmerlicht des Zuschauerraums war von voller Beleuchtung abgelöst worden, ringsum saßen applaudierende Leute, und tief unten hob sich der Vorhang, und winzig aussehende Menschen in bunten Kostümen verbeugten sich an der Rampe.
Benno nahm das geliehene Opernglas zur Hand und ließ seine Blicke umherwandern.
Dort, auf einem Seitenplatz des zweiten Ranges, saß der dicke Rehle vom Wechselbureau und schmauste ein kräftig belegtes Butterbrot, das ihm seine fürsorgliche Alte mitgegeben hatte. Kauend unterhielt er sich mit einem bezwickerten Mädchen, das neben ihm saß und von Zeit zu Zeit vergnügt zu seinen Reden auflachte.
Benno lenkte das Opernglas nach der anderen Seite des Hauses und entdeckte in einer Loge das üppige Fräulein Antonie Hochberg, im Schmucke übergroßer Brillanten.
Ob die auch etwas empfand bei der Musik?
Sie saß steif auf dem Logenvorderplatz, mit einer Miene, als gehöre ihr das ganze Opernhaus, und als dulde sie nur aus Gnade die Anwesenheit minderbemittelter Staatsbürger und Staatsbürgerinnen.
Vor ihr auf der Brüstung lagen ihre Glacéhandschuhe, und Benno phantasierte:
Wennihr jetzt ein Handschuh hinunterfiele – wie im Schiller – mitten zwischen die Salonlöwen und die Parkettigerinnen – und sie tät’ zu mir heraufrufen: »Herr Delorges Stehkragen – ei,so hebt mir den Handschuh auf!« – ich tät’ herunterrufen: »Edles Fräulein Kunigunde Hochberg,« tät’ ich rufen, »wie kommen Se merr vor? – Heut abend bin ich nicht der Stehkragen vom zweiten Pult im Couponbureau der Industriebank, der vor jeder Kundin seinen Knicks machen muß – heut abend bin ich der Kunstgenießer und Kunstmäzen Ritter Benno – und ich sitz’ so stolz auf meinem numerierten Galerieplatz wie der König auf seinem unnumerierten Thron – und von mir aus kann auch noch IhrzweiterHandschuh hinunterfallen – und Ihre Brillantenausstellung – und Sie selbst dazu – ich seh’ gar nicht einmal hin nach Ihnen – denn ich schwärm’ für ein junges Mädchen – das mir gegenüberwohnt am Kontorpult – und goldene Haare hat – und ...«
Das Haus verfinsterte sich wieder, und die Wolfsschluchtszene begann. Wie ein Kind freute sich Benno über die Regiewunder dieses Gespensteraktes. Er war ja so lange nicht mehr im Theater gewesen und hatte keine Ahnung davon, welche Illusionen ein geschickter Regisseur vermittelst Leinwand, Pappdeckel und bengalischer Beleuchtung hervorzaubern kann.
Er amüsierte sich herzlich über die tanzenden Skelette, über die Totenschädel, die mit den leeren Augen so schaurig glitzern konnten, und wahrhaftig, ihn gruselte dabei ein wenig.
Und als gar der Höllenfürst Samiel erschien, da schmunzelte er in dem stolzen Bewußtsein seiner eigenen Bravheit vor sich hin: Wie viel besser es doch sei, als ordentlicher Mensch tagsüber Coupons nachzuzählen und Fakturen zu schreiben und des Nachts in einem soliden Federbett zu schlafen, an den lieben Gott zu glauben und am Samstag in die Synagoge zu gehen, als sich mit dem wilden Jäger in Duzbrüderschaft einzulassen, seine einzige Seele gegen irdischen Profit zu verramschen und um Mitternacht in einer Gegend, in der sogar eine Wildsau ohne Leine herumläuft, zwischen allerhand unangenehmen Knochenfragmenten Freikugeln zu gießen.
Benno fühlte sich erleichtert, als der höllische Spuk vorüber war und die Leute aus dem Zuschauerraum strömten, um sich während der großen Pause zu ergehen.
Als er die Treppe nach dem Foyer hinunterstieg,klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Er wandte sich um und sah in Papa Käsbergers strahlendes Gesicht.
Herr Käsberger hatte sich alle Spuren seines Berufes aus dem Gesicht gewaschen, er steckte in einem schwarzen Gehrock, den er sonst nur bei Stiftungsfesten trug, seine riesigen Hände quälten sich in schwarzen Stoffhandschuhen von unwahrscheinlicher Größe.
»Des is nett von Ihne, Herr Stehkrage, daß Se zu dem Erfolg von meiner Tochter gekomme sin!« sprach er so laut, als ob er sich an seinem Stammtisch befände. »Ich habb Se schonn die ganz’ Zeit mit de Aage gesucht, awwer ich habb’ Ihne net gefunne! Dann wisse Se, ich habb’ kaan Operngucker, als Schornstaafeger braacht mer so was net, unn ich wer’ doch an der Garderob’ kaa fuffzig Fennich for so e Ding zahle!«
Benno war diese Begegnung nicht eben angenehm, aber es gelang ihm nicht, den alten Käsberger abzuschütteln.
So drängten sie sich nebeneinander durch das Foyer.
Papa Käsberger ging ans Büfett, nahm eines der belegten Brötchen in die Hand und fragte: »Was kost’ des?«
Als er hörte, es koste dreißig Pfennig, legte er das Brötchen wieder zurück und begann seinem Unmut über diese »Räuwerei« so erregt Luft zu machen, daß es Benno angst und bange wurde.
Benno Stehkragen wandte den Kopf weg, als gehöre er nicht zu diesem polternden Menschen – da fiel sein Blick auf einen blonden, lächelnden Frauenkopf.
Das war Martha.
Und dicht vor ihr stand im Frack Direktor Hermann und hielt ihr mit verbindlicher Geste eine Schale Eis, aus der sie geziert aß.
Benno war zumut, als hielte ihn der schwarze Jäger beim Kragen. Er stand mit offenem Mund da, er wollte aufschreien – da wandte auch Martha den Kopf, und ihre Blicke begegneten sich.
Er fühlte sofort, daß sie ihn erkannt hatte, ihn aber nicht kennen wollte.
Sie sah ihn ruhig an, während Direktor Hermann lachend in sie hineinplauderte.
Benno überlegte einen Augenblick, ob er sie trotzig ansprechen sollte, aber die Gegenwart des allmächtigen Direktors erstickte diesen Gedanken im Keim. Martha hatte den Kopf ein wenig gehoben und blickte nun abweisend über ihn hinweg.
Tief verstimmt und gekränkt suchte er wieder seinen Galerieplatz. Der Zuschauerraum verdunkelte sich, die Musik setzte ein, aber er hörte nur noch mit halbem Ohr hin. Das Stück interessierte ihn nicht mehr.
Er saß mit geballten Händen, und wäre jetzt der schwarze Jäger neben ihm aufgetaucht, so wäre er gar nicht abgeneigt gewesen, mit ihm einen Vertrag abzuschließen.
Was war das mit Direktor Hermann? Seit wann war er, der Unnahbare, so liebenswürdig? War dies die erste Begegnung gewesen, oder hatten sich die beiden schon öfter im Theater getroffen? Und mit welcher Selbstverständlichkeit hatte Martha seine Galanterie angenommen! Lachend, wie sie sich von Wittmann den Hof machen ließ, hatte sie sich die Huldigungen Hermanns gefallen lassen!
Zu allen Menschen war sie freundlich, alleMenschen wurden fröhlicher in ihrer Nähe, nur ihn, Benno Stehkragen, trat sie mit Füßen.
Im Orchester setzte das Lied vom Jungfernkranz ein, und Benno kam wieder zu sich. Auf der Bühne knickste Katharine und sang ihr Liedchen, aber Benno hielt es nicht einmal der Mühe wert, das Opernglas auf sie zu richten.
Ihre Stimme kam ihm in dem großen Haus erschreckend dünn und metallos vor.
Nein, es war nichts mit ihrer Künstlerschaft. Er empfand es in diesem Augenblick mit einer gewissen Schadenfreude.
Dennoch regte sich, als Katharine geendet hatte, unerwarteter Applaus. Die Mitglieder des Schornsteinfegervereins »Die lustigen Rauchfänger« waren vollzählig im Hause vertreten, und sie ließen es sich nicht nehmen, der Tochter ihres zweiten Vorstandes den Weg in die Unsterblichkeit mit den Rosen des Beifalls zu bestreuen.
Auf der Stehgalerie stand enggeklemmt Papa Käsberger und lachte über das ganze Gesicht. Wildfremde Menschen hatten geklatscht, er hatte es deutlich gesehen – vielleicht hatte der LebrechtBreivogel, der Lump, doch recht gehabt, und in seiner Rita steckte eine Großfürstin im Reiche der Kunst.
Als der wohlwollende Beifall schon längst verstummt war, klatschte Papa Käsberger noch immer, bis ein ärgerliches Pssst!! seine Riesenhände zur Ruhe zwang. Aber das dämpfte sein jubelndes Triumphgefühl nicht.
Er vertiefte sich in den Theaterzettel und las ihn zum hundertstenmal, den köstlichen Zettel, auf dem ganz unten stand: Erste Brautjungfer ... Fräulein Rita Veldern.
Das Adelsprädikat »von« hatte der Zettel rücksichtsvoll unterdrückt.
Der Zwischenaktvorhang fiel, Benno erhob sich und ging nach Hause.
Seine Freude am Theater war zerstoben, die rohe Faust der Wirklichkeit hatte den Traumschleier zerrissen.
Er mied die hellen Hauptstraßen und schlich sich durch Seitengassen heimwärts.
Er übersann das Erlebte, er versuchte, sich die Szene im Foyer nochmals Zug für Zug zuvergegenwärtigen, und gab sich die größte Mühe, objektiv zu sein.
Ich will gerecht sein, ich will nicht nach dem Schein urteilen, mich nicht von einer Gefühlswallung bestechen lassen. Was hat sie eigentlich so Schlimmes verbrochen? Sie hat ihrem Chef zugelächelt, sich seine Höflichkeit gefallen lassen. Hätte das nicht auch jede andere Beamtin getan?Konntesie überhaupt anders handeln? Durfte sie eine Gefälligkeit, auf die jede Dame Anspruch hat, mit einer Ungezogenheit erwidern?
Sein Verstand verteidigte Martha gegen die Anklagen seines Herzens. Aber seinen Verteidigungsreden wohnte keine Beweiskraft inne.
Er hatte das Faunlächeln Hermanns gesehen, dieses Lächeln lüsterner Eroberersicherheit, das ihm an Wittmann so zuwider war.
Sein Mißtrauen blieb wach, mochte er es noch so eifrig mit dem Schlafpulver der Objektivität einzuschläfern versuchen.
Zwar begleitete er noch immer Martha des Mittags von der Bank bis zum Uhrtürmchen, lief neben ihr her wie ein Hündchen, jedoch er war keinfolgsames, willenloses Schoßhündchen mehr, er war ein kleiner lauernder Pinscher, der tückisch nach rechts und links schielte, jeden Augenblick bereit zu geifern und zu beißen.
Die Verstellung tat Benno weh. Das war etwas Unaufrichtiges, Unreines, was ihm bisher fremd gewesen.
Ich fühle, daß ich schlecht werde! sagte er sich. Ich fange an zu hassen. Der Haß des Ohnmächtigen bäumt sich in mir und macht mich rachsüchtig, wie er einst die Seele des alten Shylock vergiftet hat. Aber man will mir mein Liebstes beschmutzen, wie man es einst ihm befleckt hat. Wer weiß, vielleicht hätte der alte Shylock seinen Feinden und Unterdrückern allen Hohn, jeden Speicheltropfen, jeden Fußtritt verziehen, vielleicht hätte er vor dem Gericht des Dogen erklärt: »Ich habe euch nur ängstigen wollen, ich wollte nur einmal euch Stolze, Übermütige in der Rolle der Bittenden sehen, ich verzichte auf das Pfund Fleisch aus dem Busen meines Feindes« – hätten sie ihm nicht seine Tochter, seine Jessika, geraubt. Mochten sie ihn knechten, ihm seine Geschäfte stören, ihn und sein Volkdurch Ausnahmegesetze peinigen – der alte Ghettojude durfte sie innerlich verlachen: Sein Volk war ja dennoch das Lieblingsvolk Gottes, der ihm den Messias verheißen hatte und der sein Wort halten würde, so gewiß er einst die Vorfahren aus der ägyptischen Knechtschaft geführt hatte.
Aber sie haben ihm seine Tochter geraubt – da gab es kein Erbarmen. »Der Fluch ist erst jetzt gefallen auf mein Volk, ich hab’ ihn niemals gefühlt bis jetzt,« sagt er zu seinem Glaubensgenossen Tubal. Seiner Tochter gilt seine erste Frage, als Tubal ihm Neuigkeiten von auswärts bringt, seiner Tochter gelten seine Gedanken, während er im Gerichtssaal das Messer zur Rache wetzt. Und indes er sich anschickt, in unstillbarem Haß den Busen seines Feindes zu zerfleischen, vergibt er gleichzeitig halb und halb dieser undankbarsten aller Töchter und flüstert: