Chapter 4

Geehrter HerrWelsch!Ich tue Ihnen zu wissen, daß wir die Sache einstweilen wegen des schlechten Wetters ausgesetzt haben, und daß ich mir mit derBertadie Sache anders überlegt habe. Sie ist übrigens noch jung und kann noch ganz gut ein Jahr warten.Grüßt bestensJohann Baptist Berels.

Geehrter HerrWelsch!

Ich tue Ihnen zu wissen, daß wir die Sache einstweilen wegen des schlechten Wetters ausgesetzt haben, und daß ich mir mit derBertadie Sache anders überlegt habe. Sie ist übrigens noch jung und kann noch ganz gut ein Jahr warten.

Grüßt bestensJohann Baptist Berels.

Stürmisch peitschte der Wind nassen Schnee gegen die Fenster.

Im Zimmer war es einen Augenblick still.

Schwermütig tickte die alte Wanduhr.

„Wèrd woûl ên eppes gént eis geschriewen hun!“ sagte der Vater mit ziemlicher Ruhe. Er verstand es sich zu beherrschen.

Die Mutter sah mich groß, fragend an.

„Wât mengst du, Jämpé?“

Was sollte ich meinen?... Mir war es elend und erbärmlich... Die ganze Welt hätte ich in Stücke schlagen können...

Ich ging hinaus in den Stall zu den Knechten. Die waren mit Ausmisten beschäftigt. Ich musterte die Arbeit und schimpfte. Ich fand den Dünger schlecht ausgebreitet. Und die Türe der Ställe stand zu groß auf. Das gäbe Zugluft, schimpfte ich. Darüber wetterte ich aus voller Lunge.

Die Knechte sagten nichts, stießen die Türe zu und arbeiteten weiter wie Tiere.

Nachmittags gingen wir in den Wald. Dort fällten wir Bäume, bis der Abend kam.

Wald, Einsamkeit, Kälte, harte Arbeit, das alles brauchte ich.

So starb der unselige Tag dahin.

So kam der Abend.

Ich haßte diesen Abend. Weil wieder von dem Briefe gesprochen wurde. Weil ichnichts für das Herzeleid meiner Eltern hatte, keinen Trost, keine Aussicht.

Eltern denken mehr an unsere Zukunft als wir.

Dieser verfluchte Brief!

Warum hat der Berelsvater den geschrieben? Warum?

Die Mutter saß am Tisch über dem Nähzeug gebückt. Schweigend reihte sie einen Stich an den andern. Und mit jedem Stich reihte sie einen schmerzlichen Gedanken zum andern.

Der Vater sog mißgestimmt an der Pfeife.

Schwermütig schleppte sich das Gespräch durch die Abendstunden.

Schwermütig tickte die Uhr.

Schwermütig rasselte der Wind.

Ich trug in die Buchführung ein, um eine Beschäftigung zu haben. Und ich blätterte rückwärts, vorwärts, stellte Konten auf, erdrosselte den Abend.

Ich ging bald schlafen, früher als sonst.

Lange stand ich noch am Fenster und schaute hinunter in das winterliche Alzettetal.

Warum schrieben sie diesen Brief? Warum?

Es kam eine stürmische Nacht, ohne Sterne, ohne Mond.

Dunkel war es draußen und dunkel in meinem Herzen.

Ich schlief schlecht.

Wirre Träume jagten mir durch den Kopf. Träume von Liebe und Glück. Ich wachte auf. Die Bilder zerbrachen. Andere folgten. Zerbrochene....

„Berta! Berta!“ Wir haben uns doch so lieb!

Warum dieser Brief? Warum?....

Sonst freute ich mich immer auf den Sonntag.

Heute haßte ich ihn. Weil er mir zu viel Zeit zum Nachgrübeln brachte. Lange Stunden, die ich nicht in Arbeit ersticken konnte.

Ich war aufgeregt, streitsüchtig. Das machte die schlechte Laune. Die mußten die Knechte austrinken. Bei der Morgenfütterung blieb ich in den Ställen, bis sie mit der Arbeit fertig waren.

Als ich zur Kirche ging, hatte es schon abgeläutet. Ich kam später als sonst. Keinen Kameraden wollte ich treffen. Keinen Menschen wollte ich lachen sehen.

Neben mir, in der zweiten Reihe, saßenMäsch SisiundWônesch Henriette.

Als ich nach ihnen umschaute, gingen meine Gedanken weit fort, über den Grünewald, hinüber ins Syrtal.

Nein, wieBerta, gab es kein zweites Mädchen. Wie ein blankes Goldstück unter altem Kupfergeld, so stachBertaunter allen hervor....

Der Pfarrer stieg auf die Kanzel.

Der Gesang verstummte.

Die Männer murmelten mit tiefer Stimme:

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“

„Unser tägliches Brot....“

Ich stand da, murmelte mit und grämte mich....

Nicht vom Brote allein lebt der Mensch....

„Vergib uns unsere Schuld!“

War es meine Schuld?....

War ich schuldig?....

Ich sann, sann....

Der Pfarrer verlas das Evangelium.

Ich schenkte ihm wenig Beachtung, ichgrübelte weiter, sann, suchte...., bis auf einmal das Geräusch mich aufrüttelte....

Wir setzten uns....

In den Stühlen ward es ruhig. Das Husten ließ nach, schwieg. Man fühlte, wie die Leute aufmerksam wurden.

Der Pfarrer sprach mit schöner, voller Stimme, mit heiligem Feuer, mit himmlischer Begeisterung.

Es ging eine Kraft von ihm aus, die alle erfaßte. Und sie saßen da, gespannt, hingerissen.

In mir war Trauer....

Ich war ohne Trost, ohne Hoffnung seit diesem verfluchten Brief.

Was konnten die schönen Verheißungen des Pfarrers nutzen? All die großen Seligkeiten, die er versprach, was konnten die mir helfen?

Verlorene Liebe ist doch immer verlorener Glaube....

Seine Stimme wuchs. Und sie beherrschte die ganze Kirche. „Arbeiten und hoffen und nie verzweifeln!“ In seinen Worten lag Klang, metallischer, alles überwältigender Klang.

In mir blieb Trauer....

„Wirken müssen wir, so lange es Tag ist. Wirken und hoffen und nie verzweifeln.“

Er liebte es, seine Predigt an Naturbilder des Tages anzuknüpfen. In feierlichem Tone sprach er von der winterlichen Erde, die unter Schnee und Eis erstorben ist und von der trauernden, kränkelnden Sonne, die über uns steht, matt und altersschwach, wie eine Sterbende.

„Sollen wir verzweifeln! Sollen wir nicht mehr auf einen neuen Frühling hoffen!“

Dann redete er von Job und seinem Elende und seiner Ergebung. Und er feierte Job’s Vertrauen und Job’s Belohnung.

„Darum glaubet, darum hoffet, darum liebet wie Job!“ Seine Stimme klang prophetisch, versprechend, gnadenspendend.

Wie Weihwasser, wie segnendes Weihwasser flutete sein Schlußsatz:

„Des Glaubens Stärke ist die Hoffnung! Des Glaubens Krone ist die Liebe! Und keine Seele, die liebet, verzweifelt an göttlicher Liebe! Amen....“

Der Chor stimmte ein Adventslied an....

Es liegt eine unendliche Sehnsucht in den Adventsliedern, eine Sehnsucht nach einem fernen Glück....

Dieser Sehnsucht gingen meine Gedanken nach.... Sie suchten nach freudiger Erfüllung. Aber sie fanden keinen Weg.

Die Kerzen brannten, schimmerten. Der Weihrauch stieg empor, erfüllte die Kirche mit weihevollem Duft. Ein Sonnenstrahl drang durch die hohen Fenster und malte rote, grüne und blaue Flecken an die Wand....

Meine Gedanken hingen sich an dieses Durcheinander, flogen hinaus durch die bunten Fenster und suchten nach Licht und Wärme....

Eine quälende Sehnsucht trieb mich immer wieder zu der, auf die ich meine Zukunft aufgebaut hatte.

„Dem Job gab der Herr alles wieder. All seine Kamele und Esel und Rinder gab er ihm wieder. In doppelter Zahl schenkte ihm der Herr alles, weil Job geglaubt und gehofft hatte.“ So hatte der Pfarrer gepredigt.

Warum sollte ich nicht hoffen? Warum?

Meine Gedanken sammelten sich. Ich wurde ruhiger.

Warum sollte ich nicht hoffen? Wer ist gegen mich? — Nur der Berelsvater. Nur der.

Und wer ist für mich? —Berta. Und die Mutter. Und die Schwester. Und der Eidam. Die alle, alle Vier. Nur einer nicht.

Also brauchte ich nicht zu verzagen.

Dieser lumpige Brief kann doch nicht mein Glück zerstören, kann doch nicht die Entscheidung bringen.

So grübelte ich, als ich heimging.

Ich schloß mich keinem an. Ich wollte allein bleiben mit meinen Gedanken.

Henrietteschielte nach mir herüber. Ich sah nicht nach ihr.

Die konnte mich nicht glücklich machen, die nicht.

Nur die eine! Nur die eine!....

Im Schnee pipste ein Distelfink. Zwei Schritte vor mir hüpfte er, streckte das Köpfchen zutraulich zur Seite und suchte nach Nahrung. Dann flog er zu dem alten, kahlen Birnbaum. Dort stand noch sein Nest vom letzten Jahr.

Das war verschneit, zerfallen.

Auch er hofft auf den Frühling, auf Sonne und Glück....

„Hé, Här Welsch!“

Ich wandte mich rasch um. Wer rief?

Unten kam der Briefträger.

„Houd der eppes?“

„Ei, natirlech!“

Er lachte. „E Bréf mat enger feiner Schröft. D’Freiesch werd éch woûl geschriewen hun.“

„Merci!“

VonBerta. Ich erkannte sofort die Schrift. Ein plötzliches Rot überflog mein Gesicht. Als wäre ich auf einer bösen Tat ertappt worden, so wurde mir.

Ich riß den Brief auf.... Mein Herz klopfte....

Ich las:

Mein lieber HerrWelsch!Ich schreibe Ihnen heimlich, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie immer herzlich liebe und ich sehr bedaure, daß mein Vater gegen unsern Willen gestern den Brief an Sie....

Mein lieber HerrWelsch!

Ich schreibe Ihnen heimlich, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie immer herzlich liebe und ich sehr bedaure, daß mein Vater gegen unsern Willen gestern den Brief an Sie....

Warm sandte die Sonne ihre Strahlen auf die kalte Erde. Oben im Baum trillerte der Fink wie im Frühjahr.

Mir war, als hätte ich eine schwere Last abgeworfen.

Ich las den Brief noch einmal....

Und ich faßte ihn fester, aus Furcht, ich könnte ihn verlieren....

Der Pfarrer hatte Recht.

Hoffen! Hoffen! Und nie verzweifeln!

Berta, ich hoffe auf dich!Berta, ich liebe dich. Dich allein, einzig und immer und ewig....

Dieser Tag mußte kommen, mußte kommen .....................

Berta!Könnten wir uns jetzt sehen!

Dann würde ich einen Kuß auf deinen rosigen Mund drücken und wir würden „Du“ zu einander sagen. Denn wir gehören zusammen. Und wir müssen uns finden, müssen, müssen.

Heimlich hast du mir geschrieben, heimlich, aus Sehnsucht, aus Liebe.

Dein Vater weiß nichts von deinem Brief, darf auch nichts davon wissen.

Du hast mir das Herz erleichtert und du hast mir Hoffnung und Zuversicht gegeben.Weil du mir schreibst, daß deine Mutter und deine Schwester von deinem Briefe wissen. Und weil sie auf unserer Seite stehen, gegen den Vater.

Wir siegen, schreibst du; der Vater muß in einigen Monaten einwilligen, muß.

Wie schön ist deine Zuversicht,Berta, wie schön und tröstlich!

Gerade so groß ist meine Liebe.

Einen Besuch soll ich einstweilen nicht machen. Weil ich hierdurch deinen Vater nicht besser stimmen würde. Und weil du meinen letzten Besuch bis jetzt nicht erwidern konntest.

Meine liebeBerta! Ich füge mich deinem Rate, weil ich Vertrauen in dich habe.

Aber, wenn es sein müßte, würde ich tausendmal zu dir kommen. Tausendmal würde ich den Weg zu Fuß machen, wenn ich dich damit erobern könnte.

Berta, ich füge mich, weil dein Vorschlag in mir neue Hoffnung weckt. Denn du schreibst, daß du mich auf dem Neumarkt[A]in Luxemburg wiedersehen willst, um mir noch vieles zu sagen, um mir dein Herz auszuschütten.

Bis dahin sind es noch dreiundzwanzig Tage. Aber ich warte. Weil du es willst...

Etwas hast du mir nicht geschrieben. Warum ist dein Vater gegen mich, gegen uns? Warum?....

[A]„Neumarkt“ ist der erste Jahrmarkt im Monat Januar.

[A]„Neumarkt“ ist der erste Jahrmarkt im Monat Januar.

[A]„Neumarkt“ ist der erste Jahrmarkt im Monat Januar.

Eine Erlösung brachte der Brief in unser Haus. Und eine erlösende Freude legte sich auf die alternden, still leidenden Herzen meiner Eltern, wie heilendes Oel auf eine schmerzende Brandwunde.

Einen Korb hatte ich nicht bekommen. Das war ihnen ein Trost.

Als die Mutter den Brief las, traten ihr Tränen in die Augen. Es war ihr eine große Genugtuung, daß dieser Brief auf den des alten Berelsvaters gefolgt war.

Der Vater verstand es, sich zu beherrschen.

„D’aß e sonderbare Bréf,“ meinte er, „d’Médchen schéngt ganz an dech verschossen ze sin.“

Er schüttelte den Kopf und lachte.

„An d’Mamm schéngt jo och ganz derfir ze sin,“ ergänzte die Mutter. „Ower wofir aß de Papp dergént? Wofir?“

Die Sonne lächelte durchs Fenster undstreute Gold über den Tisch und auf den Brief.

Bisweilen schleppte sich eine Schneewolke über die Sonne und stahl das Gold.

Ja, warum ist der Berelsvater dagegen? Ich wußte es nicht. Ich konnte mir es nicht erklären.

„Alte Leute sind oft eigensinnig,“ meinte der Vater.

„... und kneckig,“ ergänzte die Mutter.

Ja, kneckig ist der Berelsvater. Das hatte ich bei meinen Besuchen überall gemerkt. Das hatte auch der Eidam gesagt.

Die Schatten huschten vorüber. Hell schimmerte die Sonne.

Der Vater erzählte von den alten, kneckigen Bauern.... Die möchten oft gern die Kinder verheiraten, wenn sie ihnen nichts mitzugeben brauchten.

Sie bretzen sich mit demHelligsgut. Und wenn sie damit herausrücken sollen, winden sie sich wie ein Wurm, auf den man tritt.

Zu der Sorte gehörte vielleicht auch der Berelsvater.

Ich schüttelte den Kopf. „Wât aß do ze mâchen?“

„Wât do ze mâchen aß,“ griff meine Mutterschnell ins Gespräch ein, „mä, dât aß einfach. Dei Mononk muß emol mat dène Leiden iwer dé Sâch schwetzen.“

Das war das Richtigste. Ich schrieb gleich dem Oheim und lud ihn zu Weihnachten auf ein Stück „Gesolpertes“ ein. Er müsse bestimmt kommen. Wir hätten Wichtiges zu besprechen.

Den Berelsleuten bedauerte ich, daß das schlechte Wetter den Besuch unmöglich gemacht habe, und drückte den Wunsch aus, sie an einem der kommenden Sonntage erwarten zu können.

So gefiel der Brief meinem Vater. Es war nichts zu viel darin. Darunter setzte ich freundliche Grüße von uns allen an die Berelsleute und ganz besonders anBerta— — — — — — — — — — — — — — —

Dann trug ich die beiden Briefe hinunter in den Kasten an der Schule.

A Mäsch, neben der Kirche, standd’Sisiauf der Haustüre, die Hände unter die Schürze vergraben.

Ich grüßte.

„Jämp, héerst du se sangen?“

Ich lauschte.

„Jô, Sisi!“

„D’sin d’Amerikaner. Sie hun haut d’Karte krit, fir ze foûren. Den éschte Februar gêht d’Schöff zu Antwerpen fort,“ sagte sie mit trauriger Stimme.

„Soû! Schon den éschte Februar?“

Wir lauschten.

Traurig, schwermütig klangen die Abschiedslieder in den stillen Abend.

Einen Augenblick verstummte der Gesang. Die Harmonika stimmte eine neue Weise an, ein neues Lied von unglücklicher Liebe, von unerfüllter Sehnsucht, von trauriger Verlassenheit.

Sisistand dicht neben mir. Wir sprachen kein Wort und horchten.Sisiatmete schwer.

Traurig klang die Weise:

„Hab geliebt dich ohne Ende,Hab dir nichts zu Leid getan,Und du drückst mir stumm die HändeUnd du fängst zu weinen an.Ach weine nicht.... Und geh nicht fort....“

„Hab geliebt dich ohne Ende,Hab dir nichts zu Leid getan,Und du drückst mir stumm die HändeUnd du fängst zu weinen an.Ach weine nicht.... Und geh nicht fort....“

„Hab geliebt dich ohne Ende,Hab dir nichts zu Leid getan,Und du drückst mir stumm die HändeUnd du fängst zu weinen an.Ach weine nicht.... Und geh nicht fort....“

„Hab geliebt dich ohne Ende,

Hab dir nichts zu Leid getan,

Und du drückst mir stumm die Hände

Und du fängst zu weinen an.

Ach weine nicht.... Und geh nicht fort....“

Sisihatte meine Hand ergriffen und schluchzte.

„Jämpé, solle mer mat sangen?“ Sie lehnte sich an mich und weinte....

„Sisi! Wât aß dir?“ Ich drückte ihr festdie Hand und ging hinunter zu den Kameraden. Was hat heute eigentlich dieSisi? Was hat sie? — — — — — — — —

Lange saß ich bei den Kameraden.

Bisweilen blickte ich hinüber nach demMäsch-Hause.Sisistand noch immer auf der Türe. Was dieSisiheute hatte....

Am nächsten Tage fuhr ich den Weizen zum Bahnhof.

Ich ließ gleich nach Mittag anspannen, um mit der Nacht wieder zu Hause zu sein.

Fast geräuschlos rollte der Wagen über den verschneiten Weg.

Als ich beiMäschvorbeifuhr, standSisiauf der Haustüre, die Schürze zu einer Schoßtasche zusammengeschlagen. Sie streute Brotkrümchen und Tischreste in den Hof. Spatzen, Goldammern und Finken flogen heran und flatterten herum bis dicht anSisi, ohne Furcht.

Ich blickte hinüber.

„Moûrgen Sisi! Wé gêt et?“

Sie schüttelte den Kopf und kam herüber durch den Hof bis an die Straße.

„Bast de bés, Sisi?“

„Jo—o! Iwer dech!“

„Oho—o!“ Ich schaute ihr forschend in die Augen.

„Du brauchs net esoû ze kuken. Zönter der Kirmes wölls du mech jo net mé gesinn.“

„Zönter der Kirmes!“ Ich war ganz verwundert.

„Jô, zönter der Kirmes!“ Ich hörte ihren tiefen Atem. Sie sprach schnell, aufgeregt, mit hoher Stimme. „De lèschte Sonndég, no der Maß, baß du lanscht mech gedauscht. An e Méndeg den Owend hâst du knapps Zeit mat mir ze schwetzen.“

Ein Zucken ging um ihren Mund.

Ich rieb mir die kalten Hände, in leichter Befangenheit.

„Sisi, sef dach kê Kand!“

Ich ließ die Peitsche knallen. Die Pferde zogen kräftig an. Der Wagen rollte weiter, über die Schneestraße amMäsch-Hause vorbei, hinunter in das weite, tote Tal.

Auf den hohen Pappeln saßen ein paar Krähen. Sie schielten hinauf nach dem grauen Winterhimmel, hinunter auf die schneebedeckten Wiesen, hinüber in den öden, toten Wald.

Als ich näher kam, flogen sie krächzend fort. Und sie riefen einander heisere Worte zu von Elend und Kummer....

Der Abend kam früher als sonst.

Als ich das Dorf erreichte, lag schon mattes, rotes Licht hinter den halbverhüllten Fenstern. Dort sah man die gekochten Kartoffeln dampfen. Es roch angenehm nachGrévefett.

Was dieSisiwohl jetzt machte?

Ich blickte hinüber. Im Hof war kein Mensch. In der Küche war Licht. Und aus den Ställen klang dünn, klagend ein Lied:

„Der Mensch soll nicht lieben, wenn’s Ernst ihm nicht ist,Denn schwer ist zu heilen, was Liebesgram frißt....“

„Der Mensch soll nicht lieben, wenn’s Ernst ihm nicht ist,Denn schwer ist zu heilen, was Liebesgram frißt....“

„Der Mensch soll nicht lieben, wenn’s Ernst ihm nicht ist,Denn schwer ist zu heilen, was Liebesgram frißt....“

„Der Mensch soll nicht lieben, wenn’s Ernst ihm nicht ist,

Denn schwer ist zu heilen, was Liebesgram frißt....“

Wie dieSisidas so traurig sang.

Traurig wirkt ein solches Lied aus einem jungen Munde.

Ich knallte mit der Peitsche; der Wagen rollte geräuschvoll weiter. Aber immer noch klagte das Lied:

„Gar mancher hat gebrochen ein Herz lieb und wert,Das endlich erst Ruhe fand, tief unter der Erd.Das endlich erst Ruhe fand....“

„Gar mancher hat gebrochen ein Herz lieb und wert,Das endlich erst Ruhe fand, tief unter der Erd.Das endlich erst Ruhe fand....“

„Gar mancher hat gebrochen ein Herz lieb und wert,Das endlich erst Ruhe fand, tief unter der Erd.Das endlich erst Ruhe fand....“

„Gar mancher hat gebrochen ein Herz lieb und wert,

Das endlich erst Ruhe fand, tief unter der Erd.

Das endlich erst Ruhe fand....“

Der Wagen rollte weiter. Das Lied verstummte....

Nach dem Essen trug ich in die Buchführungshefte ein. Ich stellte die Konten für die Knechte, Tagelöhner und die Handwerker auf.

Immer wieder klang mir die Melodie vonSisi’sLied im Kopf. Und immer wieder dachte ich an die ernsten Worte der schwermütigen Weise.

Eine Ermüdung kam über mich, wie nach einer langen Anstrengung.

Ja, dieSisihatte ich früher geliebt, in reiner, ernster Absicht, mit treuer Liebe.

Ich hing diesen Gedanken nach. Die flogen rückwärts, acht Jahre, zu meiner ersten Liebe.

An einem schönen Sonntagabend war es, Ende Mai. Wir kamen vom letzten Abendzuge. Die Bäume standen in der Blüte. Die Feldgrillen zirpten. Und die Luft war durchsetzt vom süßen Hauch der Frühlingsblumen....

Sisiund ich kamen zuletzt. Einen Steinwurf vor uns gingen die andern,Sisi’sEltern und mein Vater. Sie diskutierten über landwirtschaftliche Fragen, über den Stand der Saaten und die Geldaussichten des Jahres.

Wir blickten weiter, viel weiter in die Zukunft. Die schien uns schön, wie der Abend, wie unsere Jugend.

Ich nahmSisileise bei der Hand und schritt mit ihr glücklich durch die schöne Frühlingsnacht.

Beim alten Birnbaum vor dem Dorfe zog ich sie fest an mich und gab ihr einen Kuß, einen langen Kuß....

Es war unser erster Kuß.

Die Bäume dufteten. Ein frischer Wind strich leise durch die Kronen und schüttelte Blüten auf uns. Weiße Blüten.

Damals hatte ichSisiein silbernes Herzchen versprochen.

Am folgenden Sonntag war ich nach Mersch gefahren. Irgend einen Grund hatte ich meinen Eltern angegeben. Und ich kaufte ein silbernes Herzchen mit einer silbernen Kette. Fünf Franken und acht Sous hatte es mich gekostet, fast den ganzen Bestand meiner Barschaft.

Um Abend, vor der Andacht, suchte ichSisiauf. Ich traf sie im Stalle, ganz allein. Schüchtern legte ich ihr das dünne Kettchen mit dem silbernen Herzchen um den Hals. Hastig, aufgeregt, fürchtend, es könnte jemand uns sehen.

Und am folgenden Tage, als ich das Vieh zur Weide trieb, schnitt ich ein Herz mit einemSund einemJin die Rinde der Grenzbuche.

So war unser Bündnis besiegelt....

„Drêmst de?“ Meine Mutter blickte von der Handarbeit herüber.

„Nê, Mamm! Ech iwerléen, wé mer eis Buchführung am nächste Johr nach besser mâche können.“

„Esoû!“ Sie ließ mich weiter träumen.

.... So war unser Bündnis besiegelt.

Seit dem Tage traf ich dieSisioft. Fast täglich.

Unsere Eltern sahen es gern und waren ganz damit einverstanden.

Dann kam der Tod im vorletzten Winter. Der rißSisi’seinzigen Bruder hinweg, im Alter von 25 Jahren.

Nun warSisieinzige Tochter.... Sie mußte in ihr Elternhaus einheiraten.

Ich aber konnte nicht fort von Hause, weil meine beiden Schwestern ausverheiratet waren.

So wurden meine Pläne vernichtet. Ich trug meine Hoffnungen zu Grabe. Aber ich fügte mich in das Schicksal. Wir sahen uns trotzdem noch oft; dennSisiwar ein gutes Mädchen.

Ich hatte sie wirklich vernachlässigt, seit unserer letzten Kirmes. Das merkte ich jetzt.

Aber daßSisimeinte, wir könnten uns heiraten, war mir ganz unverständlich.

Das war doch unmöglich, ganz unmöglich, seit dem Tode ihres Bruders.

Wie konnteSisidieser Hoffnung immer noch nachhängen?....

„Wé aß et mat der Schloßrechnong vum Jôr?“ Der Vater blickte über die Zeitung. „Bast de bâl ferdig mat denger Buchführung?“

„Nach net, Papp!“

Jahresabschlußrechnung....

Auch mitSisimuß ich jetzt abschließen....

Sie muß doch wissen, daß wir uns nicht heiraten können.

Ich kann doch nicht von unserm Hof fortgehen....

UndSisiwill ja auch ihr Elternhaus nicht verlassen.

Ich muß mit ihr sprechen, muß ihr die Sache klar machen. Dann ziehen wir einen Strich durch die ganze Rechnung. Und damit Punktum....

DieSisikann mir doch keinen Vorwurf machen....

In meinem Kopfe klang immer wieder das traurige Lied von der unglücklichen Liebe.

Nein, dieSisikann mir keinen Vorwurf machen, kann nicht.

„Man liebt auch Mädchen bei frohen Zeiten“.... das soll sie auch mal singen. So hatten wir ja noch auf der letzten Kirmes gesungen....

An den folgenden Tagen hatten wir in der Scheune zu tun.

Nachmittags schroteten wir auf Vorrat für die Christtage, bis es Zeit zur Abendfütterung wurde.

Das war die Stunde, woSisigestern so traurig gesungen hatte. Ich wurde unruhig.

Es hielt mich nicht mehr länger in unserm Hause....

Ich will mit dem Mädchen sprechen.Sisimuß sich den dummen Gedanken aus dem Kopfe schlagen.

Wenn ich jetzt hinuntergehe, treffe ichSisivielleicht allein. Ihr Vater wird wohl noch nicht von seiner Reise zurück sein.

Ich gehe jetzt, jetzt gleich. Eine gute Ursache habe ich, um in ihr Haus zu kommen. Ich frage nach der Arnikaflasche, die ich dem Mäschvater vor acht Tagen geliehen hatte, um derBleßdie eiternde Wunde am Fuße zu heilen.

Ich ging hinunter....

Aus dem Stalle klagte wieder das schwermütige Lied. Ich trat in die Küche. Kein Mensch. Die Lampe wachte allein bei der Kochmaschine. Dort brodelten die Kartoffeln. Ich schritt leise durch den Gang in den Stall.

„Jesses, baß dû dât!“ Sisi war erschrocken.

„Jô, Sisi! A wé gêt et mat der Koû?“

„Gut, Jêmp!“

„Dât frèt mech. Dann hoût d’Möttel awer geholef?“

„Jô, Jêmp! d’aß e séer gut Möttel!“

Ich trat heran an die schöne, schwarzweiße Kuh, streichelte über den glatten, geraden Rücken und besah den Fuß. „D’aß ganz hêl.“ Dann erzählte ich von unserm altenFox, der sich amKélerwund gerieben hatte, und bei dem ich jetzt die Flasche brauchte.

Sisiwar vom Stuhl aufgestanden und hatte den Milcheimer in die Mitte des Ganges gestellt.

Ich hustete ein paarmal. Einen Augenblick war es ruhig. Man hörte das Reiben der kauenden Kühe.

Dann kam ich auf die eigentliche Ursache meines Besuches.

Sisistand dicht neben mir und schaute mich groß an. Sie ließ mich aussprechen.

Noch nie war sie mir so tüchtig vorgekommen, wie an diesem Abend.

Sie schien gefaßt, sehr ruhig. Nur ihr Atem ging schwerer und stärker als sonst.

„Nê, Jämp, kên âneren! A wann ech och engâl Joffer mîßt gin. An t’brauch kên mir en âneren ze bréngen. Meî Papp net, a kê Mensch!“

Das Weinen war ihr nahe. Müde lehnte sie sich an den eisernen Träger. Ein tiefer Seufzer straffte die flanellene Bluse.

„Sisi, sef dach verstäneg! Dû muß dach âgesinn, dat et net ka sinn!“

Sie schwieg und schaute mich groß, sehnsüchtig an.

Dann griff sie an den Hals und zog unter der Wolljacke ein dünnes Kettchen hervor: „Kennst et nach?“

Am Kettchen hing das silberne Herzchen.

„Zönter dêr Zeit hun ech et nach ömmer gedrô’en.“

In ihren Augen lag ein feuchter Glanz. Eine lange Pause folgte. Eine große, andächtige Stille. Wir atmeten tief in dieser wehen und doch so schönen Erinnerung...

Sisilehnte den Kopf an meine Schulter, schloß halb die Augen und erzählte mit flüsternder, schluchzender Stimme, wie das Herzchen ihr stets ein Unterpfand unserer Liebe gewesen. Und wie treu und aufrichtig und ergeben sie mich liebte. Nur mich, mich allein. Und daß sie alles für mich täte, alles....

Ihre Stimme klang klagend, flehend. Die Aufregung machte ihr das Atmen schwerund hatte ihre jugendlichen Wangen rot gefärbt.

Ich ergriff ihre Hand.Sisiließ es ruhig geschehen. Ich hielt die warme Mädchenhand in der meinen wie etwas Liebes, das man nur gezwungen fortgibt.

„Sisi, mer gin dach net bés ausenâner?“

Eine Träne leuchtete in den blauen Augen, perlte über die roten Wangen und fiel brennend auf meine Hand.

Ganz leise weinte sie vor sich hin — — — — — — — — — — — — — —

Aus der Küche kamen Tritte.

„Meng Mamm!“Sisifuhr erschrocken auf und hielt erregt den Atem an.

„Meng Mamm!“

Hastig fuhr sie mit der Schürze über das Gesicht, trocknete die Tränen, ergriff den Eimer und den Melkstuhl und setzte sich zu einer Kuh, das Gesicht nach der Wand gekehrt.

In schnellem Takte folgte das Zischen der Milchstriche. Bisweilen rasselte eine Kuh an der Kette. Sonst war es ruhig.

Die Tritte kamen näher....

Es war ihre Mutter.

Ich stand bei der kranken Kuh, strich ihr über den Rücken und besah den Fuß.

Die alte Frau trat freundlich zu mir und bedankte sich für das gute Mittel. Sie wolle sich auch mal erkenntlich weisen. „É Gefâlen aß enges ânere wèrt,“ sagte sie in treumütterlichem Tone.

Sisisah nicht um, drückte den Kopf fest an die Flanke der Kuh und melkte weiter....

Wir gingen in die Küche. Die alte Frau gab mir die Arnikaflasche und begleitete mich hinaus bis auf die Haustüre.

Der Himmel stand voll funkelnder Sterne. Drüben im Walde klagte ein Käuzchen.

Schaurig drang sein wimmernder Schrei in die große, kalte Einsamkeit.

„Den Doûdevull,“ sagte kurz die alte Frau. „Erem ên, dé stiérven muß....“

„Stille Nacht, heilige Nacht,Alles schläft....“

Anheimelnd klang die liebe Weise aus der Schule herüber. Dort übten die Kinder ihr Weihnachtslied für das morgige Fest.

Es war schon lange über die Schulzeit hinaus, bereits halb fünf, als die kleinenSänger entlassen wurden. Geräuschvoll ergoß sich der Schwarm ins Freie. Es kam Leben, jugendliches, rasch pulsierendes Leben auf die neubeschneite, stille Straße. Die Knaben tummelten sich herum, machten Schneebälle, johlten, warfen nach den Mädchen. Die standen noch ganz unter dem Einfluß des heiligen Liedes. Sittsam, ruhig, in kleinen Gruppen, gingen sie nach Hause. Nur wenn die Jungen ihnen zu arg mit den Schneeballen zusetzten, liefen sie schreiend fort.

„Ob d’Kreschtköndchen och mûr könnt?“ meinte traurig eine der Kleinen.

Die andern blickten besorgt auf.

„A woûfir soll d’Kreschtköndchen dan net kommen?“ Fast gleichzeitig kam die Frage von allen Seiten.

„Well ze vill Schné fällt. Wan et net dran stéchen bleiwt.“

„Nên, et dârf net dran stéchen bleîwen,“ sagte flehend ein kleines, blondes Ding. „Mîr béden, dat den Hergott deß Nûcht ké Schné mé herofschitt, da könt d’Kreschtköndchen secher.“

„A mîr sin och ömmer brav gewescht, da werd et dach bei eis kommen,“ ergänzte schüchtern ein kleines Schwarzhaariges.

„Hähähä!“ fiel lachend ein Junge, der sich herangeschlichen hatte, ins Gespräch.„Kreschtköndchen! Hähähä!....D’könt gewéß e Kreschtköndchen!....D’Mamm aß d’Kreschtköndchen! An d’Sâche kèft se bei Gudekâfs Nékel oder beim Schoûlklos....“

Die Mädchen blickten den frechen Jungen erstaunt, bös an, stießen ihn von sich und liefen weg, so rasch sie konnten.

Nein, mit dem wollten sie keine Gemeinschaft halten....

Ich ging gerade vorüber, hinunter zur Station.

Das war doch etwas ganz Eigentümliches, dieser kindliche Glaubensstreit.

Kaum zehn Jahre hatten die Mädels. Und der Junge war auch nicht älter.

Wie die Mädchen sich gegen die Lästerung wehrten! Ihren heiligen Glauben wollten sie sich nicht rauben lassen, nicht von diesem dummen, naseweisen Jungen, dem sie in der Schule weit überlegen waren.

So sind die Mädels. Den Puppen geben sie eine Seele. Und das Christkindchen lassen sie in kalter Winternacht durch den Schnee kommen....

So bleiben sie auch später. Und so istMäsch Sisinoch heute....

Vor mir reckte der alte Birnbaum seine dürren Aeste breit in den nebligen Abend.

Damals stand er in weißer Blüte, als ichSisidas kleine Herzchen geschenkt hatte. An diesem Herzchen hängtSisinoch heute mit ganzer Seele.

Kinder waren wir damals. Große Kinder mit kindlichem Glauben an eine gemeinsame, glückliche Zukunft. Die hatte der Tod geraubt, als erSisi’sBruder mit fortriß. Das war hart. Ich fügte mich in das Schicksal. AberSisihängt noch immer an dem erstorbenen Glauben.

So sind die Mädchen. Sie können die rauhe Wirklichkeit nicht leicht fassen. Und sie wollen sich nie von den goldigen Jugendträumen trennen....

Drunten durchs Tal rasselte der Zug. Ich griff erschrocken nach der Uhr.... Nein, es war noch Zeit, noch eine halbe Stunde....

Der Zug eilte vorüber. Ein fahler Lichtstreifen jagte dahin, verlor sich im Nebel....

Diesem Lichtstreifen gingen meine Gedanken nach, von Station zu Station, über die hohen Brücken, nach Luxemburg.

Dort mußte jetzt der Oheim abfahren.... Dort sollte ich in drei Wochen mein Liebchen sehen....

Vielleicht weiß der Oheim etwas Neuesüber die Freierei. Vielleicht hat der alte Berelsvater ihm etwas geschrieben....

Der Zug hatte über eine Viertelstunde Verspätung. „Wè’nt dé ville Leiten, dé elo résen,“ meinte der Oheim. Er war der Einzige, der mit mir ins Dorf ging. So war es ganz recht. Da konnten wir ungestört mit einander plaudern.

„A wé stömmt et dann?“ Er blickte mich fragend, neugierig an.

Ich erzählte meine Erlebnisse.

Der Oheim lauschte, stellte Fragen, lauschte.

„D’aß dach koriés,“ meinte er. Dabei schüttelte er den Kopf.

Eine Weile schritten wir still durch den Schnee. Er zog seine kurze Holzpfeife aus der Tasche, stopfte auf, blieb stehen, zündete an.

„Da wären sî jo all derfir, bis op den âlen Berels?“ Er blinzelte durch die Rauchwolke und schaute mich fragend an.

„Jô, all!“

„A wofir soll dén dergént sin?“ Er faßte mich am Arm.

„Mononk, ech hun keng Ahnong. Aß et fleicht aus Knéckigkét?“....

„Mengst de?....Dan erziél mer emol gené, wé et op dengem leschte Besuch gângen aß.“

Ich erzählte.

„Soû, vun èrem Doûref hut der geschwât....A vun denge Pîrchen....A vun dengem Motor....An denger Schroûtmillen....“

Der Oheim nickte gewichtig bei jedem Wort.

„A wât sot du den âle Berelspapp?“

„Pô! En âle Mann. Hé kennt ze wéneg derfun. An hién aß....“

Der Oheim ließ mich nicht aussprechen. Er faßte mich am Arm.

„Kuck, Jämp, hoûl mer et net iwel. Ech mengen, du häß dech fleicht ze vill gebrätzt.“

Ich machte ein saures Gesicht. „Mä Mononk, ech....“

„Los mech emol ausschwetzen. Dir jong Leit wöllt den ânere Leit èr Sâch ze vill opdrängen.“

Wieder blieben wir einen Augenblick stehen.

„Kuck, Jämp, ech kennen dech jo wé kên zwêten. Du baß e ganz dichtege, fleißege Jong. All Respekt derfir. Awer du baß nach e böschen jonk.“

„Wé meng der dât, Mononk?“

Er räusperte sich und schob die ausgebrannte Pfeife in die Tasche.

„Mä, du baß dach net bei den âle Berelspapp gângen, fir dèn ze beléeren.“

„Nên, Mononk.“

Er legte mir die Hand auf die Schulter.

„Du kenns jo dât âlt Sprechwoûrt: Um Klank erkennt ên d’Klack.“

Ich nickte.

„D’Muß ên fir d’éscht lauschteren, dat ên de Klank erkennt. Awer dir jong Leit, dir lauschtert net genug. Dir zéht ömmer nömmen un èrer Klack. An dir git gleich un dé groûß Klack zéhen.“

Langsam schritten wir zwischen den hohen Pappeln durch die kalte Einsamkeit.

„Verstehst de, wât ech wöll so’n?“

„Jô, Mononk!“

„Jämp! Jidder Mönsch mengt, hié méch et am beschten. Ech wöll dem Berelspapp sei Bauerewiésen net loûwen. D’aß net zeitgeméß. Mä, de Berelspapp mengt, wât et wär. A wann nun e jonge Borscht kömt, an dé sèt him: „Päterchen, èr Sâch aß Brach“, mengst du, dé kréch d’Médchen?“

Ich wurde ärgerlich. „Mononk, esoû hun ech awer net gebroßelt.“

Der Oheim reckte sich vor mir in seiner ganzen Länge. „Dât gléwen ech. Mä du hoûs him net genug an sei Krom geschwât.“

„Dât ka sin.“

Wir waren bei den ersten Häusern angelangt. Da lenkte der Oheim das Gespräch ab.

Ich lauschte hinüber nach demMäsch-Hause, etwas verdrießlich, gedrückt.

Hatte ich mich geirrt? Mir war, als hätte ich ihre Stimme gehört.... Nein, es war nichts....

Wir kamen näher. Leise, feierlich klang es herüber:


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