Wer zum erstenmale den Gesprächen in diesen Kneipen lauscht, wird erstaunt sein über die große Zahl weiblicher, oft sehr absonderlicher Namen, die an sein Ohr dringen. Bald wird er gewahr, daß es sich um Spitznamen handelt, welche die Gäste sich untereinander beilegen. Die Gründe dieser verbreiteten Sitte sind verschiedene; einmal verschweigen die meisten Personen, die sich hier einfinden, begreiflicherweise ihre wahren Namen, so daß die anderen, im Bedürfnis, sich über sie zu unterhalten, zu selbstgewählten Bezeichnungen greifen, außerdem fühlt man instinktiv, daß die Anrede „Herr so und so“ bei vielen,keineswegs bei allen, in so starkem Gegensatz zu ihrem femininen Wesen steht, und endlich bietet sich in der Wahl dieser Necknamen eine gute Gelegenheit, den ja auch gerade im Berliner tief wurzelnden Drang nach Scherz und Humor zu befriedigen. In vielen, namentlich virileren Urningskreisen ist der Gebrauch derartiger weiblicher Spitznamen übrigens verpönt.
Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Umgestaltungen der entsprechenden männlichen Vornamen; so wird aus Paul Paula, aus Fritz Frieda, aus Erich Erika, aus Georg Georgette, aus Theodor Dorchen oder Thea, aus Otto Ottilie oder auch Otéro. In einem Berliner Urningsliede, in welchem geschildert wird, wie eine Mutter auf die Nachricht, ihr Sohn sei „pervers“, in großer Besorgnis zu ihm eilt, und dieser sie beruhigt, indem er ihr als Zeugnis seiner Normalität die an ihn gerichteten Liebesbriefe vorzeigt, welche die Unterschrift „Luise“ tragen, heißt es am Schlusse:
„Beim Abschiedskuß an meiner Tür,Da dachte ich dann still bei mir:Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt,Daß meine Luise — Ludwig heißt.“
„Beim Abschiedskuß an meiner Tür,Da dachte ich dann still bei mir:Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt,Daß meine Luise — Ludwig heißt.“
Oft sind diese weiblichen Namen noch mit Unterscheidungszusätzen verbunden; so gibt es eine Näsenjuste, eine Schmalzjuste, eine Klammerjuste, Klamottenjuste, Handschuhjuste und Blumenjuste, eine Lange-Anna, Ballhausanna und Blaueplüschanna, eine Hundelotte und eine Quietschlotte, eine Spitzenkaroline und eine Umsturzkaroline (weil er durch seine lebhaften Armbewegungen jeden Abend mindestens ein Glas Bier „umstürzen“ soll), eine Butterriecke, eine Käseklara, eine Lausepaula, eine Harfenjule und eine Totenkopfmarie.
Viele Urninge erhalten altdeutsche Beinamen, wie Hildegarde, Kunigunde, Thusnelda, Schwanhilde und Adelheid, oder klangvolle Adelsnamen, wie Wally von Trauten, Berta von Brunneck, Asta von Schönermark oder noch hochtönendere; so findet man in diesen Kneipen neben der Markgräfin, der Landgräfin, der Burggräfin und der Kurfürstin (weil sie in der Markgrafen-, Landgrafen-, Burggrafen- und Kurfürstenstraße wohnen) die Marquise de la place d'Alexandre (wohnt am Alexanderplatz), die Herzogin von Aschaffenburg, die Herzogin d'Angoulème, die Großfürstin Olga, die Königin Natalie, die Carmen Sylva, die Kaffeekönigin, die Polenkönigin, die Oberstallmeisterin, die Excellenzfrau, die Kaiserin Messalina und die Kaiserin Katharina.
Manche führen ihre Namen von ihrem Beruf; so wird ein urnischer Ballettänzer „Jettchen Hebezeh“, ein Damenschneider „Jenny Fischbein“ und ein Damenkomiker „Pokahuntas, die hinterindische Nachtigall“ genannt.
Ich bemerke, daß sämtliche hier angeführten Spitznamen von zwei Gewährsmännern innerhalb kurzer Zeit in einem einzigen Berliner Urningslokal gesammelt wurden. Von Beinamen, die der Zoologie entstammten, fanden sie unter anderen: die „Schweizerkuh“, das „Meerschweinchen“, „die Gipskatze“ (weil er sich stark pudert), „die Krückente“, „die Ententrittsche“ (weil er beim Gehen „watschelt“), „die schwarze Henne“, „die Nebelkrähe“, „die Spitzmaus“, „die Brillenschlange“ und „die Kreuzspinne“; von botanischen Bezeichnungen: „das Blauveilchen“, „das Apfelröschen“, „das Resedaköpfchen“, „Paprika“ (auch „Papp-Rieka“ genannt), „die Rosine“ und „die Weintraube“ (weil er so leicht gerührt ist).
Mit großer Vorliebe wird den Titeln oder hervorstechenden Eigenschaften ein „in“ oder „sche“ oft in sehr origineller Weise angehängt; der Direktor wird zur „Direktorin“, der Geheimrat zur „Geheimrätin“, ein Rechtsanwalt heißt „die Anwaltsche“, ein vornehmer Urning, der mit seinen Freunden häufig im Chambre separée speisen soll, heißt „die Chambreseparéesche“, ein anderer, der viel das Sonnenbad besucht, „die Lichtluftbadsche“, während ein Klavierspieler „die Klaviersche“, einer der sich stark schminkt „die Zinnobersche“ und ein Elektrotechniker kurzweg „die Elektrische“ genannt wird.
Eine Gruppe für sich bilden die „Soldatentanten“, welche vielfach ihre Spitznamen nach denjenigen Truppenteilen bekommen, für die sie sich besonders interessieren; so gibt es eine „Ulanenjuste“, eine „Dragonerbraut“, eine „Kürassieranna“, eine „Kanoniersche“, ja sogar eine „Schießschulsche“, der seinen Namen davon führt, weil er mit Vorliebe die Wirtschaften in der Umgegend der Schießschule aufsucht.
Von anderen Berliner Spitznamen, die weniger leicht zu rubrizieren sind, erwähne ich noch: „Minehaha, das lächelnde Wasser“, „Rebekka, die Mutter der Kompagnie“, „Anita mit dem Giftzahn“, „Cleo die Marode“, „Traudchen Hundgeburt“, „Die heilige Beryllis“, „Die Genossin meiner Schmach“, „die freie Schweizerin“, die „gute Partie“, „die hohe Frau“, „die Rollmopstante“, „Susanne in der Wanne“, „die weiße Wand“ (pudert sich stark), „Rotundelein“, „Locusblume“, (Namen zweier Urninge, denen man nachsagt, daß sie öfter, als notwendig, die Bedürfnisanstalten aufsuchen), „das Waldmensch“, „die Mutter Wolffen“, „Violetta“, „Aurora“, „Melitta“, „Rosaura“, „Kassandra“, „Goulasch“, „die Ahnfrau“, „die Grabesbraut“, „der Abendstern“ und „die Morgenstunde“, weil er Gold im Munde, nämlich mit Goldplomben versehene Zähne hat.
Auch die Uranierinnen führen in ihren Kreisen, besonders auch in ihren Lokalen, deren es ebenfalls eine Reihe gibt, analoge Namen. Nur findet man bei ihnen im Gegensatz zu den Männern meist einfache Vornamen, selten Beinamen, die sich auf irgend eine besondere Eigenschaft ihrer Trägerin beziehen; bevorzugt werden einsilbige Namen, wie Fritz, Heinz, Max, Franz, namentlich Hans; doch findet man auch solche, die Arthur, Edmund, Theo, Oskar, Roderich, Rudolf genannt werden.
Merkwürdig viele Namen von Uranierinnen sind der Geschichte und Litteratur entnommen; ich nenne von Berlinerinnen: Napoleon, Nero, Cäsar, Heliogabal, Caligula, Antinous, Gregor, Carlos, Posa, Mortimer, Götz, Tasso, Egmont, Armin, Teja, Blücher, Ofterdingen, Karl Moor, Franz Lerse, Jörn Uhl, Don Juan, Puck und Hiddigeigei.
Weniger schöne Spitznamen weiblicher Urninge sind Bubi, Rollmops, Kümmelfritze und Schinkenemil.
Besondere Berücksichtigung verdienen unter den Berliner Urningslokalen die „Soldatenkneipen“, welche, meist in der Nähe der Kasernen gelegen, in den Stunden vom Feierabend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten sind. Um diese Zeit sieht man in diesen Wirtschaften meist gegen 50 Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, die hingekommen sind, um sich einen Homosexuellen zu suchen, der sie freihält, und selten kehrt jemand in die Kaserne zurück, ohne das Gewünschte gefunden zu haben. Diese Lokale sind meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem Militär nach kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend ein Unbekannter, gewöhnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen“ hat. Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere ähnliche Lokale in derselben Gegend auf. Erst vor kurzem flog wieder im Südwesten der Stadt eine typische Soldatenkneipe auf, die „zur Katzenmutter“ genannt wurde; ich weiß nicht, ob der sonderbare Name von der alten Wirtin herrührte, in deren schleichendem Gang und rundem, schnurrbartgeziertem Gesicht etwas unverkennbar Katzenartiges lag, oder von den Katern und Katzen, die zwischen Tischen und Stühlen herumsprangen und deren Bildnisse die Wände des seltsamen Lokals schmückten.
Würde ein Normalsexueller derartige Lokale betreten, er würde sich vielleicht wundern, daß dort so viele fein gekleidete Herren mit Soldaten sitzen, im übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen Freundschaften zwischen Homosexuellen und Soldaten halten oft über die ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land bestellt, „Frischgeschlachtetes“ als Zeichen freundlichen Gedenkens. Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden Brüder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen.
Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa Platz, während der Urning, bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um ein Beträchtliches übersteigt.
Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen Dienstes besprochen; was der „Alte“ (Hauptmann) beim Apell gesagt hat, was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die Feldflasche mit Rotspohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu haben.
Am Parademorgen aber steht der Urning in der Belle-Alliancestraße an der verabredeten Stelle schon ganz früh, um ja noch in der ersten Reihe Platz zu bekommen. Hoffentlich ist sein Soldat Flügelmann, daß man ihn auch ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zurückkommt, und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen“ in den Cirkus, nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage als Extrasold erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbüchse versenkt hat.
Ein noch größerer Feiertag aber ist das „Kaisersgeburtstagskompagnievergnügen“. Da geht der Homosexuelle als „Cousin“ mit seinem Freunde hin. In rührender Glückseligkeit tanzt er mit dem Mädchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er hat keine Ahnung, wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen und während er das Mädchen umfaßt hielt, nur an ihn gedacht. Womöglich spricht auch der Hauptmann mit ihm als Cousin seines Gefreiten oder Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daß der Homosexuelle zu seinem Leidwesen diesem Festtage fern bleiben muß, wenn er nämlich einige Tage zuvor mit einem der anwesenden Offiziere irgendwo an demselben Diner teilgenommen hat.
Die Gründe, welche den Soldaten zum Verkehr mit Homosexuellen veranlassen, liegen nahe; es ist einmal der Wunsch, sich das Leben in der Großstadt etwas komfortabler zu gestalten, besseres Essen, mehr Getränke, Zigarren und Vergnügungen (Tanzboden, Theater &c.) zu haben; dazu kommt, daß er — der oft sehr bildungsbedürftige Landwirt, Handwerker oder Arbeiter — im Verkehr mit dem Homosexuellen geistig zu profitieren hofft, dieser gibt ihm gute Bücher, spricht mit ihm über die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich schickt und was er nicht tun soll; das oft drollige, komische Wesen des Urnings trägt auch zu seiner Erheiterung bei; wenn sein Freund ihm abends Couplets vorsingt oder ihm gar, mit dem Lampenschirm als Kapotte und einer Schürze weiblich zurecht gestutzt, etwas vortanzt, amüsiert er sich in seiner Naivität über alle Maßen. Weitere Momente sind der Mangel an Geld oder an Mädchen, die dem Soldaten nichts kosten, die Furcht vor den beim Militär sehr übel accreditierten Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleibenden Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue geschworen und die in jedem „Schreibebrief“ ängstlich an diesen Schwur gemahnt.
In der Nähe der geschilderten Kneipen befindet sich vielfach auch der „militärische Strich“, auf dem die Soldaten einzeln oder in Paaren gehend Annäherung an Homosexuelle suchen. Ich will hier auf eine wichtige Erscheinung hinweisen, auf die mich ein weit gereister Homosexueller aufmerksam machte, und deren Richtigkeit mir auf Befragen seitdem von zuverlässigen Gewährsmännern übereinstimmend bestätigt wurde. Die „Soldatenprostitution“ ist in einem Lande um so stärker, je mehr die Gesetze die Homosexualität verfolgen. Offenbar hängt diese Tatsache damit zusammen, daß man in Ländern mit Urningsparagraphen von den Soldaten am wenigsten Erpressungen und andere Unannehmlichkeiten zu fürchten hat.
Außer in London, wo sich in den belebtesten Parks und Straßen vom Spätnachmittag bis nach Mitternacht zahlreiche Soldaten in unverkennbarer Weise feilbieten, fand unser Gewährsmann in keiner Weltstadt jeden Abend solche Auswahl an Soldaten verschiedener Waffengattungen, wie in Berlin. Es gibt etwa ein halbes Dutzend Stellen, auf denen die Soldaten nach Einbruch der Dämmerung in bestimmter Absicht auf- und abgehen. Wie die Lokale, wechseln auch die „Striche“ ziemlich häufig, so ist erst neuerdings ein vielbegangener Weg, das Planufer, den Soldaten verboten worden.
Sehr verbreitet ist die Soldatenprostitution namentlich in den skandinavischen Hauptstädten; in Stockholm läßt man seit einigen Jahren sogar eigene Militärpatrouillen auf Soldaten fahnden, die zu dem erwähnten Zwecke „herumstreichen“, doch hat dies, wie unser Gewährsmann, der lange in der schwedischen Hauptstadt lebte, versichert, nichts geholfen.
In Helsingfors, der Hauptstadt Finlands, einem Orte von etwa 80.000 Einwohnern, ist die militärische Prostitution ganz besonders stark hervortretend. Etwas geringer ist sie in Petersburg, wo auf einem vom Centrum der Stadt weit entfernten Platz besonders Matrosen Bekanntschaften mit Homosexuellen suchen.
Unser Gewährsmann vergleicht mit diesen Städten Paris, wo er „in 18 Monaten nur Rudimente eines militärischen Strichs“ nachweisen konnte, sowie die einschlägigen Verhältnisse in Amsterdam, Brüssel, Rom, Mailand, Neapel und Florenz (Städte ohne Urningsparagraphen) und gelangt zu dem Schlusse, „daß in allen europäischen Ländern mit strengen Strafbestimmungen gegen den homosexuellen Verkehr die Hingabe von Soldaten in einer Weise auftritt, die man nicht für möglich halten sollte, wenn man es nicht mit eigenen Augen beobachtet hat, während man in Ländern ohne Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung bemerkt“.
Die gebräuchliche Bezeichnung „Soldatenprostitution“ entspricht übrigens dem sonstigen Begriff der Prostitution nicht, da es sich ja bei den Soldaten keineswegs „um eine berufs- oder gewerbsmäßige Hingabe des Körpers“ handelt. Ich möchte hier der weitverbreiteten Ansicht entgegentreten, als ob dem Verkehr zwischen Soldaten und Homosexuellen gewöhnlich Akte zu Grunde liegen, die an und für sich strafbar sind. Kommt es zu geschlechtlichen Handlungen, was durchaus nicht immer der Fall ist, so bestehen diese fast stets in Erregungen durch Umarmen, Aneinanderpressen und Berühren der Körperteile, wie dies überhaupt bei homosexueller Betätigung die Regel ist. Die Vorstellung, der homosexuelle, namentlich auch der weiblicher geartete, sei Päderast in des Wortes üblichem Sinn, ist eine vollkommen irrtümliche. In meiner Praxis ereignete sich kürzlich eine Episode, die mir zeigte, wie stark auch noch in Berlin diese Meinung vorherrscht. Bald nachdem in den Zeitungen infolge der von mir unternommenen statistischen Umfrage über die Zahl der Urninge viel von Homosexualität die Rede war, suchte mich ein biederer Schlächtermeister aus dem Osten auf, ein völlig normaler Familienvater, welcher sich allen Ernstes mit folgenden Worten einführte: „Ich habe seit einigen Wochen ein so starkes Jucken in der Nähe des Afters und wollte Sie daher bitten, einmal nachzusehen, ob ich homosexuell veranlagt bin.“
Die Seltenheit eigentlich päderastischer Akte ändert aber nichts an der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der betreffenden Strafbestimmung, da das gesellschaftlich Vernichtende bereits die Voruntersuchung ist und das Gericht — wenn bestraft wird, auch ganz mit Recht — sich nicht so streng an die bestimmte Art der Betätigung hält. Im übrigen wiederhole ich, daß das rein sexuelle Moment im Leben und der Liebe des Homosexuellen keine größere Rolle spielt, wie im nichturnischen Leben; ich würde diese Frage ihres intimen und privaten Charakters wegen überhaupt nicht in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen haben, wenn sie nicht von den Verfechtern einer falschen Moral immer wieder als Hauptsache in den Vordergrund gezerrt würde. —
Es gibt noch einen zweiten Stand, der in Berlin seit langer Zeit mit den Urningen vielfache Beziehungen unterhält; das sind die Athleten. Die zahlreichen Athleten-Vereine der Hauptstadt setzen sich zumeist aus unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr zusammen; größtenteils sind es Schlosser, Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter. Bei diesen Leuten gilt Kraft, Gefahr und Kühnheit alles. In ihren Augen ist „der Kampf zwischen Rußland und Japan überhaupt kein Kampf, weil so viel geschossen und so wenig gerungen, gestochen und geboxt wird“.
Wir betreten einen Athletenklub, welcher mit Homosexuellen im Zusammenhange steht. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft wird „gearbeitet“. Der kleine Raum ist von Öl-, Metall- und Schweißgeruch erfüllt, jener eigentümlichen Ausdünstung, wie sie den Körpern der Eisenarbeiter zu entströmen pflegt. Auf dem Boden liegen Eisenstangen, Hanteln, Gewichte von 100 und mehr Pfund, daneben eine Matratze, auf der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende Athleten sind zugegen, teils in schwarzem Tricot, teils mit entblößtem Oberkörper, Brust und Arme tätowiert.
An der Fensterseite des Zimmers steht ein langer, schmaler Tisch, von Bänken umgeben, auf denen eine Anzahl Herren sitzen, deren vornehme Züge und Anzüge mit denen der starken Männer seltsam kontrastieren. Oben am Tisch sitzt die Präsidentin oder Protektorin des Athletenklubs, ein Damenschneider, auf den das Wort Martials zutrifft, „daß er mit einer kleinen Ausnahme alles von seiner Mutter hat“. Kein Uneingeweihter würde in ihm ein Mitglied des Athletenklubs — geschweige denn dessen Präsidentin vermuten.
Auf dem Tisch befindet sich eine Sparbüchse, in welche die Gäste ihr Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von Gewichten und Matratzen tun. Außerdem berichtigen sie die Zechen ihrer Athleten, die vor und während der Arbeit in Selter, Limonade und Zigaretten, nach dem Gewichteheben und Ringen in Bier und Abendbrot bestehen.
Die urnischen Freunde sorgen, daß fleißig geübt wird, die plastische Schönheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln wird von den sachverständigen Gönnern eifrig verfolgt, jeder „Gang“ auf das lebhafteste kritisiert.
Manche Homosexuelle verbinden sich mit den Athleten besonders auch deshalb, um, wenn sie irgendwie belästigt oder infolge des unglücklichen § 175 erpreßt werden, handfeste, unerschrockene Männer zur Verfügung zu haben, auf deren Schutz und „tatkräftige“ Freundschaft sie sicher bauen können.
Von einigen Wirten urnischer Lokale, aber durchaus nicht von diesen allein, werden namentlich im Winterhalbjahr große Urningsbälle veranstaltet, die in ihrer Art und Ausdehnung eine Spezialität von Berlin sind. Hervorragenden Fremden, namentlich Ausländern, die in der jüngsten der europäischen Weltstädte etwas ganz Besonderes zu sehen wünschen, werden sie von höheren Beamten als eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie sind auch bereits wiederholt beschrieben, so neuerdings von Oskar Méténier in „Vertus et Vices allemands, les Berlinois chez eux“.2In der Hochsaison von Oktober bis Ostern finden diese Bälle in der Woche mehrmals, oft sogar mehrere an einem Abend statt. Trotzdem das Eintrittsgeld selten weniger als 1,50 M. beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind.
Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommées, vor allem der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu füllen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- oder Straßen-Anzug, sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt, wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern, manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs. betragen sollte.
Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich, daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse, auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann“ war. Wirkliche Weiber sind auf diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann und wann bringt ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder — seine Ehefrau mit. Man verfährt im allgemeinen bei den Urningen nicht so streng wie auf den analogen Urnindenbällen, auf denen jedem „echten Mann“ strengstens der Zutritt versagt ist. Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes „als Weib“ kommen. Die schönsten Kostüme werden auf ein Zeichen, des Einberufers mit donnerndem Tusch empfangen und von diesem selbst durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr erreicht der Besuch gewöhnlich seinen Höhepunkt. Gegen 2 Uhr findet die Kaffeepause — die Haupteinnahmequelle des Saalinhabers — statt. In wenigen Minuten sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, an denen mehrere hundert Personen Platz nehmen; einige humoristische Gesangsvorträge und Tänze anwesender „Damenimitatoren“ würzen die Unterhaltung, dann setzt sich das fröhliche Treiben bis zum frühen Morgen fort.
In einem der großen Säle, in welchem die Urninge ihre Bälle veranstalten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend für Uranierinnen statt, von denen sich ein großer Teil in Herrenkostüm einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann man alljährlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten Kostümfest sehen. Das Fest ist nicht öffentlich, sondern gewöhnlich nur denjenigen zugänglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. Eine Teilnehmerin entwirft mir folgende anschauliche Schilderung: „An einem schönen Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten Berliner Hotels Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in Kostümen aller Länder und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen flotten Couleurstudenten mit mächtigen Renommierschmissen ankommen, dort hilft ein schlanker Rokokoherr seiner Dame galant aus der Equipage. Immer dichter füllen sich die strahlend erleuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker Kapuziner ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots, Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offiziere, Herren und Damen im Reitanzug, Buren, Japaner und zierliche Geishas neigen. Eine glutäugige Carmen setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener schließt mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in buntesten Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein höchst eigenartiges anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die Festteilnehmerinnen an blumengeschmückten Tafeln. Die Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt in kurzer kerniger Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische fortgeräumt. Die „Donauwellen“ erklingen, und begleitet von fröhlichen Tanzweisen, schwingen sich die Paare die Nacht hindurch im Kreise. Aus den Nebensälen hört man helles Lachen, Klingen der Gläser und munteres Singen, nirgends aber — wohin man sieht — werden die Grenzen eines Kostümfestes vornehmer Art überschritten. Kein Mißton trübt die allgemeine Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten Dämmerlicht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie sich unter Mitempfindenden wenige Stunden als das träumen durften, was sie innerlich sind. Wem es je vergönnt war, schließt Frl. R. ihren Bericht, ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher Überzeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten Uranierinnen eintreten, denn er wird sich darüber klar geworden sein, daß es überall gute und schlechte Menschen gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen zum Guten oder Bösen stempelt.“
Nicht weniger wie die Bälle, sind auch die „Herrenabende“ besucht, theaterartige Veranstaltungen, welche von Zeit zu Zeit von Urningen für Urninge gegeben werden. Gewöhnlich sind sämtliche auftretenden Künstler „Zwischenstufen“; besonders beliebt ist es, berühmte Literaturwerke homosexuell zu parodieren, und es erregt nicht geringe Heiterkeit, wenn die Engeln als Marthe Schwertlein, die Harfenjule als Salome oder gar Schwanhilde, als Maria Stuart, Königin Elisabeth und Amme in einer Person auftritt.
Außer den Restaurants gibt es in Berlin auch Hotels, Pensionate und Badeanstalten, die fast ausschließlich von Homosexuellen besucht werden; dagegen habe ich ein von Pastor Philipps neuerdings, wie bereits früher, erwähntes Berliner Gemeinschaftshaus der Homosexuellen bisher nicht ermitteln können.
Die Homosexualität in Badeanstalten ist in Berlin bei weitem nicht so verbreitet, wie in anderen Großstädten, namentlich in St. Petersburg und Wien. In der österreichischen Hauptstadt befindet sich ein Bad, das durch den ganz außerordentlich starken Zusammenfluß von Homosexuellen an bestimmten Tagen, zu gewissen Stunden einzig dastehen dürfte. In Berlin weiß ich von vier mittelgroßen Badeanstalten, die nur von homosexueller Kundschaft leben. Auch einige Schwimmbassins sind zu bestimmten Tageszeiten Treffpunkte der Homosexuellen.
Vielfach sind in diesen Anstalten, ebenso wie in den Restaurationen und Hotels, der Besitzer oder ein Angestellter homosexuell. Dieselben sind ursprünglich meist nicht in der Absicht gegründet, urnische Bekanntschaften zu vermitteln oder gar der Unzucht Vorschub zu leisten (im Sinne des § 180 R.-St.-G.-B.), vielmehr hat es sich allmählich herumgesprochen, daß der Eigentümer oder der Oberkellner oder ein Masseur „so“ ist, worauf sich dann viele Urninge dorthin ziehen, weil sie sich dort ungenierter fühlen.
Die Besitzer sind sich oft gewiß nicht darüber klar, daß sie dabei Gefahr laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in Konflikt zu geraten. Vor kurzem erregte ein Prozeß wegen homosexueller Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt ein Pensions-Hotel führte, das überwiegend von homosexuellen Damen und Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten — meines Erachtens nicht mit Unrecht — darauf hinwiesen, daß sie keine höheren Preise forderten und erhielten, wie sie in ähnlichen Etablissements üblich sind, ferner, daß sie sich nicht befugt hielten, zu kontrollieren, was ihre Gäste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabgeordneter gehörte, auf ihren Zimmern mit ihren Besuchern täten, wurden beide zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt.
Einer wieviel größeren Gefahr setzen sich die Hotelwirte aus, bei denen sich für wenige Stunden die männlichen Prostituierten mit ihren Herren einfinden, sowie die urnischen Absteigequartiere, deren es in Berlin eine ganze Anzahl geben soll. Diese Quartiere sind eine unmittelbare Folge der durch den § 175 geschaffenen Verhältnisse. Sie werden besonders von Uraniern vornehmer Gesellschaftskreise, auch viel von uranischen Offizieren auswärtiger Garnisonen benutzt, die sich aus wohlbegründeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verrätern in die Hände zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, die ihnen etwas „ganz Sicheres“ besorgen sollen.
In Brüssel wurde in diesem Sommer ein Schuhmacher mit seiner Frau verhaftet, bei dem man zahlreiche Albums mit Photographieen vorfand, die den Nachfragenden zur Auswahl vorgelegt wurden. Ähnliches kommt auch in Berlin vor. Wie mir verbürgt mitgeteilt wurde, gibt es Vermittler, bei denen sich Herren mündlich und schriftlich, ja sogar telegraphisch Personen unter Angabe aller möglichen fetischistischen Liebhabereien bestellen, einen Kürassier mit weißen Hosen und hohen Stiefeln, Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidern, einen Bierkutscher, einen Steinträger in Arbeitsanzug, ja sogar einen Schornsteinfeger. Fast alle finden dann zu der bestimmten Stunde das Erbetene vor. Auch für urnische Damen existieren ähnliche Vermittelungslokale.
Unbewußt leistet auch die Berliner Tagespresse den Urningen umfangreiche Mittlerdienste. In manchen Blättern findet man fast täglich mehrere Inserate, die homosexuellen Zwecken dienen, wie „junge Frau sucht Freundin“, „junger Mann sucht Freund“. Ich gebe hier einige Beispiele derartiger Annoncen wieder, die innerhalb kurzer Zeit Berliner Zeitungen verschiedenster Parteirichtung entnommen wurden.
Wie mir mehrfach versichert wurde, werden diese Inserate von denen, für die sie berechnet sind, sehr wohl verstanden.
Älterer Herr, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt.S.O.2099 an die Exped. d. Bl.ÄltererJunggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“, Morgenpost Bülowstraße.Herr, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an Hauptexpedition Kochstraße erbeten.Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m. led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off.A. B.11 Postamt 76.Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m. energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb. unt. T. L. W. Expedit. d. Blattes.
Älterer Herr, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt.S.O.2099 an die Exped. d. Bl.
ÄltererJunggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“, Morgenpost Bülowstraße.
Herr, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an Hauptexpedition Kochstraße erbeten.
Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m. led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off.A. B.11 Postamt 76.
Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m. energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb. unt. T. L. W. Expedit. d. Blattes.
Wir haben bereits wiederholt die männliche Prostitution erwähnen müssen und dürfen diese gewiß beklagenswerte Erscheinung nicht übergehen, wenn wir eine einigermaßen vollständige Schilderung der vielseitigen Gestaltungsformen geben wollen, in denen uns das urnische Leben Berlins entgegentritt.
Fräulein, anständ., 24 Jahre, sucht hübsches Fräulein als Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Exped. erbeten.Dame, 36, wünscht freundschaftlichen Verkehr. Postamt 16, „Plato“.Herzensfreundin, nette, sucht geistvolle, lebenslustige Dame, 23. Psyche, Postamt 69.Suche gebild. Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine. Off. u. H. R. 1622 Exp. d. Bl.Schneiderin, 22, wünscht „Freundin“, Postamt 33.
Fräulein, anständ., 24 Jahre, sucht hübsches Fräulein als Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Exped. erbeten.
Dame, 36, wünscht freundschaftlichen Verkehr. Postamt 16, „Plato“.
Herzensfreundin, nette, sucht geistvolle, lebenslustige Dame, 23. Psyche, Postamt 69.
Suche gebild. Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine. Off. u. H. R. 1622 Exp. d. Bl.
Schneiderin, 22, wünscht „Freundin“, Postamt 33.
Wie jede Großstadt, hat auch Berlin neben der weiblichen eine männliche Prostitution. Beide sind eng verwandt durch Abstammung, Wesen, Ursachen und Folgen. Hier wie dort kommen stets zwei Gründe zusammen, von denen bald der eine, bald der andere den Ausschlag gibt: innere Anlagen und äußere Verhältnisse. In denjenigen, die der Prostitution anheimfallen, ruhen von Jugend an bestimmte Eigentümlichkeiten, unter welchen ein mit dem Hang zur Bequemlichkeit verbundener Drang zum Wohlleben am deutlichsten hervortritt. Sind bei diesen Eigenschaften die äußeren Verhältnisse günstig, sind namentlich die Eltern vermögend, so verfallen die jungen Leute nicht der Prostitution; tritt aber häusliches Elend hinzu, kümmerlicher Lebensunterhalt, Arbeits- und Stellungslosigkeit, Mangel an Unterkommen und womöglich die größte aller Sorgen, der Hunger, dann halten wohl von Natur aus stabile, in sich gefestigte Charaktere stand, die labilen aber suchen die nie fehlende Versuchung, sie erliegen und verkaufen sich, trotz der Tränen der Mutter.
Es gibt Menschenfreunde, die die Besserung von der Freiheit des Willens und andere, die sie vom Zwang der Verhältnisse erwarten; nach Erziehung und Religion verlangen die einen, nach dem Zukunftsstaat die anderen. Beide sind zu optimistisch. Wer helfen will, muß innen und außen ansetzen, die Verhältnisse zu bessern trachten, daß kein Mädchen und kein Jüngling es nötig hat sich zu verkaufen, und die Personen bessern unter besonderer Rücksicht der Vererbungsgesetze, daß niemand die Neigung verspürt, sich als Ware feilzubieten.
Ihr sagt, das ist nicht zu erreichen, ich aber meine, nur was man aufgibt, ist verloren.
Das Arbeitsfeld der Prostitution ist die Straße; bestimmte Gegenden und Plätze, die sogenannten „Striche“. Ein Homosexueller zeigte mir einmal einen Plan von Berlin, auf dem er diese mit blauen „Strichen“ versehen hatte; die Zahl der so bezeichneten Stellen war keine geringe.
Seit alters spielt auf diesem Gebiete der Tiergarten in einigen seiner Partieen eine besondere Rolle. Es gibt wohl keinen zweiten Wald, der so mit Menschenschicksalen verwoben ist, wie dieser über 1000 Morgen große Park.
Nicht seine landschaftlichen Schönheiten, nicht der künstlerische Schmuck, der Menschen Leben, Lieben und Leiden verleihen ihm seine Bedeutung. Vom frühen Morgen, wenn die Begüterten auf den Reitwegen ihr Herz entfetten, bis zum Mittag, wenn der Kaiser seine Spazierfahrt unternimmt, vom Frühnachmittag, wenn im Parke tausend Kinder spielen, bis zum Spätnachmittag, wenn sich das Bürgertum ergeht, hat jeder Weg zu jeder Jahreszeit und jeder Stunde sein eigenes Gepräge. Hätte Emile Zola in Berlin gelebt, ich zweifle nicht, daß er diesen Forst durchforscht und von dem, was er wahrgenommen, ein Werk von der Wucht Germinals geschaffen hätte.
Wenn es aber Abend wird und sich anderen Welten die Sonne neigt, mischt sich mit dem Hauch der Dämmerung ein Hauch, der suchend und sehnend aufsteigt aus Millionen irdischer Wesen, ein Teil des Weltgeistes, den manche den Geist der Unzucht nennen, und der doch in Wahrheit nur ein Bruchstück der großen gewaltigen Triebkraft ist, die, so hoch wie Nichts und so niedrig wie Nichts, unablässig gestaltet, waltet, bildet und formt.
Überall treffen sich an den Kreuzwegen des Tiergartens verabredete Paare, man sieht, wie sie sich entgegeneilen, sich freudig begrüßen und aneinander geschmiegt im Gespräch der Zukunft entgegenschreiten, man steht sie sich auf noch freien Bänken niederlassen und schweigend sich umarmen und neben der hohen, der unveräußerlichen geht die niedere, käufliche Liebe einher.
Auf drei weit auseinander gelegenen Wegen halten sich Weiber, auf zweien Männer feil. Während in der Stadt die weibliche und männliche Prostitution durcheinander flutet, hat hier jede ihren „Strich“ für sich, von den männlichen ist der eine allabendlich fast nur von Kavalleristen erfüllt, deren Säbel in der Finsterniß seltsam aufblitzen, während der andere, eine ziemlich lange Strecke, größtenteils von den verwegenen Burschen eingenommen wird, die sich im Berliner Volkston mit Vorliebe selbst „keß und jemeene“ nennen. Hier ist eine jener alten halbrunden Tiergartenbänke, auf der in den Stunden vor Mitternacht an dreißig Prostituierte und Obdachlose dicht nebeneinander sitzen, manche sind fest eingeschlafen, andere johlen und kreischen. Sie nennen diese Bank die „Kunstausstellung.“ Dann und wann kommt ein Mann, steckt ein Wachsstreichholz an und leuchtet die Reihe ab.
Nicht selten tönt in das Juchzen der Jungen ein greller Schrei, der Hilferuf eines im Walde Beraubten oder Gemißhandelten, oder ein kurzer Knall schallt in die von den entfernten Zelten in vereinzelten Stößen herüberdringende Musik — er kündet von einem, der sein Leben verneinte.
Und wer Originale sucht, von denen sehr zu Unrecht behauptet wird, sie seien in der Großstadt ausgestorben, im Tiergarten sind sie reichlich zu finden. Seht Ihr die Alte dort mit den vier Hunden am Neuen See? Seit vierzig Jahren macht sie mit kurzer Sommerunterbrechung zu derselben Stunde denselben Spaziergang, nie von Menschen begleitet, von jener Zeit ab, da ihr am Hochzeitstage zwischen der standesamtlichen und kirchlichen Trauung der Mann am Blutsturz verschied; seht Ihr dort die ausgedörrte, gekrümmte Gestalt im struppigen Graubart? Das ist ein russischer Baron, der erspäht sich abends eine einsame Bank, dort läßt er sich nieder und schreit „rab, rab, rab“, ähnlich wie ein Rabe krächzt; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen Lockruf einige „kesse Schieber“ hervor, es sind seine Freunde, unter denen er die „Platten“, gewöhnlich drei bis fünf Mark, verteilt, die ihm von seinem Tageszins geblieben sind.
Die männlichen Prostituierten zerfallen in zwei Gruppen, in solche, die normalgeschlechtlich und in solche, die „echt“, d. h. selbst homosexuell sind. Letztere sind zum Teil stark feminin, und einige gehen auch gelegentlich in Weiberkleidern aus, was jedoch in den Kreisen der weiblichen Prostituierten übel vermerkt wird. Es ist dies zwischen beiden fast der einzigecasus belli, denn die Erfahrung hat sie gelehrt, daß sie ohne diese Vorspiegelung falscher Tatsachen einander nicht die Kundschaft fortnehmen. Eine ziemlich gebildete Prostituierte, die ich einmal nach einer Erklärung des guten Einvernehmens zwischen den weiblichen und männlichen Prostituierten fragte, antwortete mir: „Wir wissen doch, daß jeder „Freier“ nach seiner Façon selig werden will.“
Unter den Berliner Prostituierten kommen vielfach eigentümliche Paarungen vor. So tun sich normale männliche Prostituierte, die sogenannten Pupenluden, nicht selten mit normalen weiblichen Prostituierten zu gemeinsamer „Arbeit“ zusammen, auch von zwei Geschwisterpaaren ist mir berichtet, von denen sowohl die Schwester wie der Bruder diesem erniedrigenden Gewerbe obliegen; sehr häufig leben zwei weibliche und nicht selten auch zwei männliche Prostituierte zusammen, und endlich kommt es auch vor, daß sich homosexuelle weibliche Prostituierte mit homosexuellen männlichen Prostituierten als Zuhältern verbinden, die sie für weniger brutal halten, als ihre heterosexuellen Kollegen.
Bekannt ist es, daß es unter den weiblichen Prostituierten eine große Anzahl homosexueller gibt, man schätzt sie auf 20%. Mancher wundert sich über diesen scheinbaren Widerspruch in sich, da doch das käufliche Dirnentum vor allem der sexuellen Befriedigung des Mannes dient. Vielfach meint man, es liege hier eine Übersättigung vor, das ist aber in Wirklichkeit nicht der Fall, denn es läßt sich nachweisen, daß diese Mädchen gewöhnlich schon homosexuell empfanden, ehe sie sich der Prostitution ergaben, und es beweist die Tatsache ihrer Homosexualität eigentlich nur, daß sie den Verkauf ihres Körpers lediglich als ein Geschäft betrachten, dem sie mit kühler Berechnung gegenüberstehen.
Merkwürdig ist das Verhältnis der sich liebenden Prostituierten untereinander. Bis in diese Kreise ist das System der doppelten Moral gedrungen. Denn während der männliche, aktive Teil, der „Vater“ sich frei fühlt und sich auch außerhalb seines gemeinschaftlichen Schlafgemachs weiblichen Verkehr gestattet, verlangt er von der weiblich passiven Partnerin in Bezug auf homosexuellen Umgang die vollkommenste Treue. Bei entdecktem Treubruch setzt sich sein Verhältnis den schwersten Mißhandlungen aus, es kommt sogar vor, daß der männliche Teil dem weiblichen während der Zeit ihres Liebesbündnisses verbietet, ihrem Gewerbe nachzugehen.
Die weibliche Straßenprostitution Berlins unterhält auch vielfach Beziehungen mit urnischen Frauen besserer Gesellschaftskreise, ja sie scheut sich nicht, Frauen, die ihr homosexuell erscheinen, auf der Straße Anerbietungen zu machen. Dabei ist zu bemerken, daß die Preise für Frauen durchgängig geringere sind, ja, daß in vielen Fällen jede Bezahlung abgewiesen wird. Mir berichtete eine junge Dame, die allerdings einen sehr homosexuellen Eindruck macht, daß ihr auf der Straße Prostituierte Angebote von 20 Mark und mehr gemacht hätten.
Sowohl die weibliche, wie die männliche Prostitution bedrohen durch ihr böses Beispiel nicht nur die öffentliche Sittlichkeit, nicht nur die öffentliche Gesundheit — denn es ist durchaus nicht selten, daß auch durch männliche Prostituierte ansteckende Krankheiten von der Skabies (Krätze) bis zur Syphilis übertragen werden — sondern auch in hohem Maße die öffentliche Sicherheit.
Prostitution und Verbrechertum gehen Hand in Hand; Diebstähle und Einbrüche, Erpressungen und Nötigungen, Fälschungen und Unterschlagungen, Gewalttätigkeiten jeder Art, kurz alle möglichen Verbrechen wider die Person und das Eigentum sind bei dem größten Teile der männlichen Prostituierten an der Tagesordnung, und besonders gefährlich ist es, daß diese Delikte von den verängstigten Homosexuellen in den meisten Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden.
Verfallen in Berlin unter einer uranischen Bevölkerung von 50000 Seelen — diese Zahl ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen — im Jahr durchschnittlich 20 „dem Arm der Gerechtigkeit“, so fällt mindestens die hundertfache Zahl, nämlich 2000 im Jahr, den Erpressern in die Arme, welche, wie die Berliner Kriminalpolizei gewiß gern bestätigen wird, aus der Ausbeutung der homosexuellen Natur einen weitverbreiteten und recht einträglichen Spezialberuf gebildet haben.
Die engen Beziehungen zwischen den Prostituierten und Verbrechern gehen auch daraus hervor, daß beide sich desselben Jargons — der Verbrechersprache bedienen. Suchen sich „die Strichjungen“ ihre Opfer, so nennen sie das „sie gehen auf die Krampftour“, das Erpressen selbst in seinen verschiedenen Abstufungen nennen sie: „abkochen“, „brennen“, „hochnehmen“, „prellen“, „neppen“, „abbürsten“, „rupfen“ und „klemmen“; es sei hier übrigens bemerkt, daß es in Berlin auch Verbrecher gibt, die das Rupfen der männlichen Prostituierten als Spezialität betreiben, indem sie diese mit Anzeige wegen Päderastie oder Erpressung bedrohen. Die „schwule Bande“ teilen sie nach ihrer Zahlungsfähigkeit in „Tölen“, „Stubben“ und „Kavaliere“, das erbeutete Geld nennen sie „Asche“, „Draht“, „Dittchen“, „Kies“, „Klamotten“, „Mesumme“, „Meschinne“, „Monnaie“, „Moos“, „Pfund“, „Platten“, „Pulver“, „Zaster“, „Zimmt“, das Goldgeld: „stumme Monarchen“, Geld haben heißt „in Form sein“, keins haben „tot sein“, kommt ihnen etwas in die Quere, so sagen sie „die Tour sei ihnen vermasselt“, fortlaufen heißt „türmen“, sterben „kapores gehen“, werden sie von den „Greifern“, d. h. den Kriminalbeamten oder den Blauen — das sind die Schutzleute, abgefaßt, so nennen sie das „hochgehen“, „auffliegen“, „alle werden“, „krachen gehen“ oder „verschütt gehen“. Dann kommen sie erst auf die „Polente“, das Polizeibureau, darauf ins „Kittchen“, das Untersuchungsgefängnis, um dann, wie sie sich euphemistisch ausdrücken, in einen „Berliner Vorort“ zu ziehen, darunter verstehen sie Tegel, Plötzensee und Rummelsburg, die Sitze der Strafgefängnisse und des Arbeitshauses. Nur sehr selten verlassen sie diese gebessert: Wohlhabende Urninge geben sich oft große Mühe, Prostituierte von der Straße zu retten, doch gelingt auch dieses nur in sehr vereinzelten Fällen. Viele „zehren“, wenn sie älter werden, „von Erinnerungen“, indem sie ihnen als homosexuell bekannte Personen, die ihren Standort kreuzen, um kleine Geldbeträge „anbohren“, was sie als „Zinseneinholen“ oder „tirachen“ bezeichnen.
Gewöhnlich hat diese gefährliche Menschenklasse einen guten Blick dafür, wer homosexuell veranlagt ist, doch kommt es auch sehr häufig vor, daß sie völlig normalsexuelle Personen bedrohen und beschuldigen. Ich gebe als Beispiel einen Fall, wie ich ihn vor einiger Zeit in folgendem Schreiben geschildert erhielt:
„Im vorigen Herbst traf ich auf der Durchreise nach dem Süden mit dem Abendzuge in Berlin ein und nahm für eine Nacht Quartier in der Nähe des Zentralbahnhofes, um am andern Morgen weiter zu reisen. Den milden freundlichen Abend wollte ich zu einem Spaziergange benutzen.Beim Verlassen der Passage sah ich eine Anzahl junger Burschen zusammenstehen, von denen der eine, etwa 20 Jahre alt, ein Schnupftuch laut wimmernd an die Backe preßte. Unwillkührlich faßte ich ihn deshalb schärfer ins Auge, als man es sonst tut, drehte mich auch noch einmal in meinem Mitleid nach ihm um, als ich in die Mittelallee der Linden einbog, um auf das Brandenburger Tor zuzugehen, in der Absicht, das mir bis dahin unbekannte Bismarckdenkmal noch flüchtig zu besichtigen. Nach kurzer Zeit sah ich denselben jungen Mann, nunmehr allein, das Tuch noch immer an die Backe gepreßt, mir vorausgehen und dann an einer Litfaßsäule in der Nahe des Tores stehen bleiben. Ich dachte mir nichts besonderes dabei und ging weiter. Da trat er an mich heran und bat um ein Almosen, indem er mir mit verschleierter, winselnder Stimme und flehentlich bittend, ich solle ihn nicht der Polizei verraten, einen langen Roman vortrug: er sei aus dem Osten, der Bromberger Gegend, hergekommen, habe keine Arbeit gefunden, sei jetzt ganz mittellos und habe seine Effekten für 16 Mark versetzt; sobald er soviel zusammenhabe, um diese einlösen zu können, wolle er in die Heimat zurück. Wir waren inzwischen an die Bedürfnisanstalt, rechts vor dem Tore, gekommen; ich gab ihm 50 Pfennige mit dem Bemerken, er solle sich durch Arbeit so viel verdienen, um seine Effekten auslösen zu können, ich sei hier selber fremd und nur auf der Durchreise; jetzt solle er seiner Wege gehen. Ich trat dann in die Anstalt ein und hörte wohl, daß hinter mir noch jemand eintrat, achtete aber nicht weiter darauf. Als ich mich nun auf der anderen Seite entfernen wollte, um den Weg nach dem Bismarckdenkmal einzuschlagen, sah ich meinen Burschen grinsend und ohne Tuch mir den Weg verlegen mit den Worten: „Wenn Sie mir jetzt nicht 16 Mark geben, zeige ich Sie an, dann kommen Sie ins Loch.“ Zugleich sagte er zu meinem namenlosen Erstaunen: „Ick zeige Ihnen an, Sie Hallunke, wat Sie in Ihrer Wollüstigkeit mit mir gemacht haben. Zahlen Sie 16 Mark, oder ick schrei, det janz Berlin zusammenläuft.“ — Ich bemerke, daß ich 58 Jahre alt, längst mehrfacher Großvater bin und einer höheren Beamtenklasse angehöre. Wenn nicht mein Ruf, so stand doch die Fortsetzung meiner Reise auf dem Spiel, wenn ich in eine, noch dazu so ekelhafte, Untersuchung verwickelt wurde. Ich trat daher schnell an den Rand der Charlottenburger Chaussee und winkte eine leere Droschke heran, bis dahin immerfort von den unflätigen Reden des Burschen verfolgt. Ehe noch die Droschke hielt, schrie der Chanteur — jetzt mit völlig veränderter Stimme —: „Solch' alter Hund, warte nur, Du sollst brummen.“ Zugleich machte er Miene, vor mir in die Droschke einzusteigen. Es blieben bereits einige Passanten stehen, einen Schutzmann aber konnte ich nicht entdecken. Da griff ich in die Tasche, hielt ihm ein Zehnmarkstück hin und warf es aufs Pflaster, so daß er ziemlich weit laufen mußte, um es aufzuheben. Diesen Moment benutzte ich, sprang in die Droschke und trieb den Kutscher zur Eile an, indem ich ihm den Zentralbahnhof als Ziel angab. Auf die Frage des Kutschers nach dem Zusammenhange der Dinge sagte ich ihm, der Mensch sei offenbar betrunken gewesen und habe von mir Geld verlangt, worauf dieser mir gutmütig entgegnete: „Ja, ja, det is hier eene Jaljenbande. Sie hatten det Aas man den Nickel nich jeben sollen.“ Er ahnte nicht, daß es zehn Mark gewesen waren. Ich verzichtete nun auf das Bismarckdenkmal und andere Sehenswürdigkeiten Berlins, legte mich ins Bett, schlief garnicht, und fuhr in aller Frühe dem Süden zu. Seitdem bin ich mehrfach in Berlin gewesen, habe mich aber wohl gehütet, Jünglinge mit oder ohne Schnupftuch an der Backe aus Mitleid ins Auge zu fassen. Mir ist es nicht zweifelhaft, daß dieses ostentative Drücken des Schnupftuches an die Backe ein Chanteurkniff war, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und unter diesen sich alsdann eine geeignete Persönlichkeit für seine Chantage auszusuchen, so einen Gutmütigen aus der Provinz, wie ich einer war. —Sicher ist es hohe Zeit — so schließt der Berichterstatter — diesem Verbrechertum durch Aufhebung des § 175 ein Ende zu bereiten.“
„Im vorigen Herbst traf ich auf der Durchreise nach dem Süden mit dem Abendzuge in Berlin ein und nahm für eine Nacht Quartier in der Nähe des Zentralbahnhofes, um am andern Morgen weiter zu reisen. Den milden freundlichen Abend wollte ich zu einem Spaziergange benutzen.
Beim Verlassen der Passage sah ich eine Anzahl junger Burschen zusammenstehen, von denen der eine, etwa 20 Jahre alt, ein Schnupftuch laut wimmernd an die Backe preßte. Unwillkührlich faßte ich ihn deshalb schärfer ins Auge, als man es sonst tut, drehte mich auch noch einmal in meinem Mitleid nach ihm um, als ich in die Mittelallee der Linden einbog, um auf das Brandenburger Tor zuzugehen, in der Absicht, das mir bis dahin unbekannte Bismarckdenkmal noch flüchtig zu besichtigen. Nach kurzer Zeit sah ich denselben jungen Mann, nunmehr allein, das Tuch noch immer an die Backe gepreßt, mir vorausgehen und dann an einer Litfaßsäule in der Nahe des Tores stehen bleiben. Ich dachte mir nichts besonderes dabei und ging weiter. Da trat er an mich heran und bat um ein Almosen, indem er mir mit verschleierter, winselnder Stimme und flehentlich bittend, ich solle ihn nicht der Polizei verraten, einen langen Roman vortrug: er sei aus dem Osten, der Bromberger Gegend, hergekommen, habe keine Arbeit gefunden, sei jetzt ganz mittellos und habe seine Effekten für 16 Mark versetzt; sobald er soviel zusammenhabe, um diese einlösen zu können, wolle er in die Heimat zurück. Wir waren inzwischen an die Bedürfnisanstalt, rechts vor dem Tore, gekommen; ich gab ihm 50 Pfennige mit dem Bemerken, er solle sich durch Arbeit so viel verdienen, um seine Effekten auslösen zu können, ich sei hier selber fremd und nur auf der Durchreise; jetzt solle er seiner Wege gehen. Ich trat dann in die Anstalt ein und hörte wohl, daß hinter mir noch jemand eintrat, achtete aber nicht weiter darauf. Als ich mich nun auf der anderen Seite entfernen wollte, um den Weg nach dem Bismarckdenkmal einzuschlagen, sah ich meinen Burschen grinsend und ohne Tuch mir den Weg verlegen mit den Worten: „Wenn Sie mir jetzt nicht 16 Mark geben, zeige ich Sie an, dann kommen Sie ins Loch.“ Zugleich sagte er zu meinem namenlosen Erstaunen: „Ick zeige Ihnen an, Sie Hallunke, wat Sie in Ihrer Wollüstigkeit mit mir gemacht haben. Zahlen Sie 16 Mark, oder ick schrei, det janz Berlin zusammenläuft.“ — Ich bemerke, daß ich 58 Jahre alt, längst mehrfacher Großvater bin und einer höheren Beamtenklasse angehöre. Wenn nicht mein Ruf, so stand doch die Fortsetzung meiner Reise auf dem Spiel, wenn ich in eine, noch dazu so ekelhafte, Untersuchung verwickelt wurde. Ich trat daher schnell an den Rand der Charlottenburger Chaussee und winkte eine leere Droschke heran, bis dahin immerfort von den unflätigen Reden des Burschen verfolgt. Ehe noch die Droschke hielt, schrie der Chanteur — jetzt mit völlig veränderter Stimme —: „Solch' alter Hund, warte nur, Du sollst brummen.“ Zugleich machte er Miene, vor mir in die Droschke einzusteigen. Es blieben bereits einige Passanten stehen, einen Schutzmann aber konnte ich nicht entdecken. Da griff ich in die Tasche, hielt ihm ein Zehnmarkstück hin und warf es aufs Pflaster, so daß er ziemlich weit laufen mußte, um es aufzuheben. Diesen Moment benutzte ich, sprang in die Droschke und trieb den Kutscher zur Eile an, indem ich ihm den Zentralbahnhof als Ziel angab. Auf die Frage des Kutschers nach dem Zusammenhange der Dinge sagte ich ihm, der Mensch sei offenbar betrunken gewesen und habe von mir Geld verlangt, worauf dieser mir gutmütig entgegnete: „Ja, ja, det is hier eene Jaljenbande. Sie hatten det Aas man den Nickel nich jeben sollen.“ Er ahnte nicht, daß es zehn Mark gewesen waren. Ich verzichtete nun auf das Bismarckdenkmal und andere Sehenswürdigkeiten Berlins, legte mich ins Bett, schlief garnicht, und fuhr in aller Frühe dem Süden zu. Seitdem bin ich mehrfach in Berlin gewesen, habe mich aber wohl gehütet, Jünglinge mit oder ohne Schnupftuch an der Backe aus Mitleid ins Auge zu fassen. Mir ist es nicht zweifelhaft, daß dieses ostentative Drücken des Schnupftuches an die Backe ein Chanteurkniff war, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und unter diesen sich alsdann eine geeignete Persönlichkeit für seine Chantage auszusuchen, so einen Gutmütigen aus der Provinz, wie ich einer war. —
Sicher ist es hohe Zeit — so schließt der Berichterstatter — diesem Verbrechertum durch Aufhebung des § 175 ein Ende zu bereiten.“
Ich greife noch einen zweiten typischen Fall heraus, über den die Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Nov. 1904 berichtet:
th. Der 10. Strafkammer des Landgerichts I lag gestern wieder ein Fall vor, in dem ein verkommener Mensch den § 175 St. G. B. zuErpressungsversuchenbenutzt hat. Der übel beleumundete Arbeiter Karl R. hat einen Herrn, der im Leben nichts mit ihm zu tun gehabt hat, fort und fort mit Briefen bombardiert, in denen unter Hinweisen auf § 175 allerlei aus der Luft gegriffene Behauptungen aufgestellt wurden und als Refrain der Versuch, Geld zu erlangen, deutlich durchblickte. Der Adressat hat diese Erpresserbriefe zunächst unberücksichtigt gelassen, da er mit einer so schmutzigen Sache in gar keine Berührung kommen wollte. Als aber durch diese Briefe fortgesetzt Beunruhigung in seine Familie getragen wurde, erstattete er Anzeige. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3 Jahren Gefängnis.
th. Der 10. Strafkammer des Landgerichts I lag gestern wieder ein Fall vor, in dem ein verkommener Mensch den § 175 St. G. B. zuErpressungsversuchenbenutzt hat. Der übel beleumundete Arbeiter Karl R. hat einen Herrn, der im Leben nichts mit ihm zu tun gehabt hat, fort und fort mit Briefen bombardiert, in denen unter Hinweisen auf § 175 allerlei aus der Luft gegriffene Behauptungen aufgestellt wurden und als Refrain der Versuch, Geld zu erlangen, deutlich durchblickte. Der Adressat hat diese Erpresserbriefe zunächst unberücksichtigt gelassen, da er mit einer so schmutzigen Sache in gar keine Berührung kommen wollte. Als aber durch diese Briefe fortgesetzt Beunruhigung in seine Familie getragen wurde, erstattete er Anzeige. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3 Jahren Gefängnis.
Schließlich noch aus vielen einen dritten Fall, der ebenfalls in mehr als einer Richtung bezeichnend ist. Ein Homosexueller war einem Prostituierten in seine Wohnung gefolgt; dort angelangt, sagte der letztere mit eisiger Ruhe: „Ich bin Staudenemil (Staude heißt Hemd), ein bekannter Erpresser, gib Dein Portemonnaie.“ Nachdem er dieses erhalten, zog er seinen Rock aus, streifte die Hemdsärmel hoch, so daß die mit obscönen Tätowierungen bedeckten Unterarme sichtbar wurden, schleppte dann den Homosexuellen am Kragen an das Fenster seiner im vierten Stockwerk gelegenen Wohnung und drohte ihn herunterzustürzen, wenn er nicht alle Wertgegenstände herausgäbe, die er bei sich führe. Als er sich überzeugte, daß er nichts mehr hatte, fragte er ihn, wieviel Geld er zur Rückfahrt brauche, „schenkte“ ihm für dieselbe 50 Pfennig und „nun“ — so fuhr er fort — „kommst Du mit und saufst mit mir Knallblech (Champagner), jetzt bist Du mein Gast.“ Wirklich ließ er nicht locker, bis der Homosexuelle einen großen Teil dessen, was er von ihm „geerbt“, mit ihm „verschmort“ hatte.
Wie kommt es, daß diese gefährlichen Subjekte so selten angezeigt werden? Der Homosexuelle und auch die meisten Normalsexuellen scheuen den Skandal, sie wissen, daß, wenn sie eine Anzeige erstatten, der Beschuldigte sofort teils aus Rache, teils zu seiner Rechtfertigung eine Gegenanzeige auf Grund des § 175 erstattet, und wenn auch die wohlunterrichtete Berliner Kriminalbehörde seit der einsichtsvollen Amtsführung des verstorbenen verdienten Kriminaldirektors von Meerscheidt-Hüllessem, dem die Urninge der Hauptstadt zu größtem Dank verpflichtet sind, auf die Aussagen der Erpresser und Diebe, sowie der Prostituierten im allgemeinen nichts gibt, so zeigen sich die Staatsanwälte und Richter oft weit weniger orientiert. Es ereignet sich oft genug, daß der Erpresser zwar bestraft, sein Opfer aber auch aufs schwerste kompromittiert, benachteiligt, in seiner Stellung vernichtet wird. Ich erinnere nur an den in Berlin abgeurteilten Chantagefall Aßmann und Genossen, dessen Opfer der unglückliche Graf H., Großvetter unseres Kaisers, war. Ja, ich habe Fälle erlebt, in denen die Staatsanwaltschaft auf die Aussage derartiger Individuen die Anklage erhoben hat. Ein Fall ist mir namentlich im Gedächtnis geblieben.
Ein alter, homosexueller Herr hatte einen Mann, dessen Bild sich im Berliner Verbrecheralbum befand, wegen Diebstahl angezeigt. Der wiederholt vorbestrafte Dieb machte eine Gegenanzeige, er sei von seinem Ankläger im Schlaf vergewaltigt worden. Unglaublicherweise schenkte das Gericht dieser Angabe Glauben, vereidigte diesen Zeugen und verurteilte den Homosexuellen, der bereits zweimal aus § 175 vorbestraft war, zu einem Jahr Gefängnis. Ich war als Sachverständiger geladen und werde es nie vergessen, wie der alte Mann — ein Hüne von Gestalt — bei dem ihm völlig unerwarteten Urteilsspruch in sich zusammensank, dann sich aufbäumte und mit entsetzlichem, gellenden Aufschrei seinen Richtern das eine Wort. „Justizmörder“ entgegenschleuderte.
Gewiß sind dies Ausnahmefälle, gewiß haben es die Homosexuellen, wie mir einmal ein hoher Staatsbeamter entgegenhielt und wie es ja auch aus meinen Schilderungen hervorgeht, in Berlin „bereits ganz gut“. Darin liegt ja aber ein Beweis mehr für die Unhaltbarkeit eines Gesetzes, das, wie sich kürzlich ein Urning ausdrückte, „nicht die Tat, sondern das Pech“ bestraft. Ich wies bereits darauf hin, daß, wenn man den überaus diskreten Charakter der in Frage kommenden Handlungen berücksichtigt und in Betracht zieht, daß die beiden Täter, ohne die Rechte Dritter anzutasten, die Tat unter sich und an sich vornehmen, nur ganz ungewöhnliche Nebenumstände in verschwindend seltenen Ausnahmefällen ein Bekanntwerden ermöglichen können.
Und trotzdem — würden die Kriminalbehörden — auf der von Meerscheidt-Hüllessem eingerichteten „Berliner Päderastenliste“ stehen mehrere tausend Namen — gegen die Homosexuellen so vorgehen, wie sie gegen wirkliche Verbrecher vorgehen, es würde sich in sehr kurzer Zeit die völlig Undurchführbarkeit der bestehenden Strafbestimmungen ergeben; dasselbe würde der Fall sein, wenn entsprechend der Kölner Resolution der evangelischen Sittlichkeitsvereine, die „wirklich krankhaft Geborenen“ unter den Homosexuellen in Heilanstalten untergebracht werden würden. Ich betone, um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, hier nochmals, daß es sich bei den Forderungen zu Gunsten der Homosexuellen lediglich um das handelt,was erwachsene Personen in freier Übereinstimmung unter einander vornehmen; daß vor denen, die Rechte Dritter verletzen, die sich an Minderjährigen vergreifen, die Gewalt anwenden, daß vor den Sternbergen und Dippolden die Gesellschaft geschützt werden muß, ist selbstverständlich.
Vor einiger Zeit äußerte sich in einer Berliner Lehrerzeitung3ein Lehrer, daß man in Anbetracht der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse sich wohl oder übel mit der Frage beschäftigen müsse, wie die Homosexuellen „auf eine den Zwecken der Gesellschaft fördersame Art“ in dieselbe einzureihen wären.
Ist denn diese Frage nicht längst gelöst?
Wo ist in Berlin ein Kunstfreund, der sich nicht an der Darstellungskunst einer urnischen Tragödin, wo ein Musikfreund, der sich nicht am Gesange eines urnischen Liedersängers erfreut hätte!
Bist Du denn sicher, ob nicht der Koch, der Deine Speisen bereitet, der Friseur, der Dich bedient, ob nicht der Damenschneider, der Deiner Frau Kleider fertigt, und der Blumenhändler, der Deine Wohnung ziert, urnisch empfinden?
Vertiefe Dich in die Meisterwerke der Weltliteratur, durchmustere die Helden der Geschichte, wandele in den Spuren großer einsamer Denker, immer wirst Du von Zeit zu Zeit auf Homosexuelle stoßen, die Dir teuer sind und die groß waren trotz — manche behaupten sogar durch — ihre Sonderart.
Ja weißt Du gewiß, ob unter denen, die Dir am nächsten stehen, die Du am zärtlichsten liebst, am meisten verehrst, ob nicht unter Deinen besten Freunden, Deinen Schwestern und Brüdern ein Urning ist?
Kein Vater, keine Mutter kann sagen, ob nicht eines ihrer Kinder dem urnischen Geschlechte angehören wird.
Ich könnte auch hier viele Beispiele anführen, will mich jedoch auf die Wiedergabe zweier Briefe beschränken, von denen der eine von einem Vater, der andere von einer Mutter stammt.
Von den 750 Direktoren und Lehrern höherer Lehranstalten, die im Jahre 1904 neben 2800 deutschen Ärzten die Petition an den Reichstag unterschrieben, welche die Aufhebung des Urningsparagraphen fordert, schrieb ein Berliner Pädagoge, „daß er noch bis vor kurzem, unbekannt mit der in Rede stehenden Materie, an die Notwendigkeit des § 175 geglaubt hätte; erst nach dem Tode eines edlen, für das Schöne, Wahre und Gute begeisterten Jünglings, dem die Entdeckung konträrsexueller Neigungen den Revolver in die Hand drückte, — seines Sohnes — seien ihm die Augen übergegangen und aufgegangen.“ „Ein schwergebeugter Vater“, schließt er, „dankt dem wissenschaftlich-humanitären Komitee4für sein menschenfreundliches Wirken.“
Und eine Mutter schreibt:
Hochgeehrter Herr!In Anbetracht Ihrer Absicht, durch die Geburt und weiter durch den § 175 des St. G. B. unglücklich gewordenen Menschen helfen zu wollen, erlaube ich mir, folgende Fragen an Sie zu richten, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe zweier Menschen abhängt: „Ist Hoffnung vorhanden, daß der genannte Paragraph im Laufe dieses Winters im Reichstag zur Lesung gelangt und glauben Sie an die Möglichkeit der Aufhebung dieses Gesetzes? Ein mir sehr nahe stehender Verwandter5gehört zu diesen Unglücklichen. Er ist ein hochbegabter junger Mann, der sich durch seinen rechtschaffenen, braven Charakter, durch seinen sittenreinen Lebenswandel die Achtung seiner Mitbürger, insbesondere seiner Kollegen und Vorgesetzten in hohem Grade erworben hatte. Durch seine bedeutenden Kenntnisse verschaffte er sich bald eine gesicherte, einträgliche Stellung, bis sich ihm das Verhängnis nahte in Gestalt der abscheulichsten Erpresser. Leider war er schwach genug, einmal der Verführung zu folgen. Nachdem er Tausende geopfert, und seine Gesundheit durch die fortwährende Angst und Sorge vor Entdeckung untergraben war, mußte er alles aufgeben, seine Heimat, Eltern und Existenz, um der Schande zu entgehen. Nach vielen Versuchen, sich ohne Heimatsschein in der Schweiz eine ähnliche Stellung zu erwerben wie bisher, aber ohne Erfolg, faßte er den Gedanken, nach Amerika auszuwandern. Dort wollte er sich durch eisernen Fleiß und solidestes Leben einen neuen, bis dahin ihm fern stehenden Beruf gründen und hat auch hierin schon Examina bestanden. Aber durch viele Widerwärtigkeiten verliert er den Mut und setzt seine größte Hoffnung auf die Aufhebung des bewußten Paragraphen. Seinen Vater hat inzwischen der Tod ereilt, ohne daß der einzige Sohn an sein Sterbelager eilen konnte, und die Mutter steht allein mit ihrem großen Herzeleid, mit der ewigen Sehnsucht nach ihrem braven unglücklichen Kinde, und ist oft der Verzweiflung nahe. Dieselbe würde Ihnen, hochgeehrter Herr, in unbegrenzter Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie ihr Hoffnung auf die Erfüllung dieses ihres größten Wunsches machen, oder in irgend einer Weise Rat erteilen könnten.“
Hochgeehrter Herr!
Hochgeehrter Herr!
In Anbetracht Ihrer Absicht, durch die Geburt und weiter durch den § 175 des St. G. B. unglücklich gewordenen Menschen helfen zu wollen, erlaube ich mir, folgende Fragen an Sie zu richten, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe zweier Menschen abhängt: „Ist Hoffnung vorhanden, daß der genannte Paragraph im Laufe dieses Winters im Reichstag zur Lesung gelangt und glauben Sie an die Möglichkeit der Aufhebung dieses Gesetzes? Ein mir sehr nahe stehender Verwandter5gehört zu diesen Unglücklichen. Er ist ein hochbegabter junger Mann, der sich durch seinen rechtschaffenen, braven Charakter, durch seinen sittenreinen Lebenswandel die Achtung seiner Mitbürger, insbesondere seiner Kollegen und Vorgesetzten in hohem Grade erworben hatte. Durch seine bedeutenden Kenntnisse verschaffte er sich bald eine gesicherte, einträgliche Stellung, bis sich ihm das Verhängnis nahte in Gestalt der abscheulichsten Erpresser. Leider war er schwach genug, einmal der Verführung zu folgen. Nachdem er Tausende geopfert, und seine Gesundheit durch die fortwährende Angst und Sorge vor Entdeckung untergraben war, mußte er alles aufgeben, seine Heimat, Eltern und Existenz, um der Schande zu entgehen. Nach vielen Versuchen, sich ohne Heimatsschein in der Schweiz eine ähnliche Stellung zu erwerben wie bisher, aber ohne Erfolg, faßte er den Gedanken, nach Amerika auszuwandern. Dort wollte er sich durch eisernen Fleiß und solidestes Leben einen neuen, bis dahin ihm fern stehenden Beruf gründen und hat auch hierin schon Examina bestanden. Aber durch viele Widerwärtigkeiten verliert er den Mut und setzt seine größte Hoffnung auf die Aufhebung des bewußten Paragraphen. Seinen Vater hat inzwischen der Tod ereilt, ohne daß der einzige Sohn an sein Sterbelager eilen konnte, und die Mutter steht allein mit ihrem großen Herzeleid, mit der ewigen Sehnsucht nach ihrem braven unglücklichen Kinde, und ist oft der Verzweiflung nahe. Dieselbe würde Ihnen, hochgeehrter Herr, in unbegrenzter Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie ihr Hoffnung auf die Erfüllung dieses ihres größten Wunsches machen, oder in irgend einer Weise Rat erteilen könnten.“
Dies der Brief einer Mutter. Wem kommen bei diesen und ähnlichen Begebenheiten nicht Goethes Worte in den Sinn. „Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört“.
Wir sind am Ende unserer Wanderung, und ich danke dem Leser, der mir diese weite Strecke gefolgt ist, welche über so viele dunkle Abgründe menschlichen Elends, wenn auch über manche Höhe führte. Ehe wir uns trennen, laß mich Dir noch zwei Geschehnisse aus der Vergangenheit und Gegenwart berichten und eine Frage daran knüpfen.
Es war einmal ein Fürstbischof, Philipp, der residierte in der alten Stadt Würzburg am Main. Es war in der Zeit von 1623–1631. In diesen acht Jahren ließ der Bischof, wie uns die Chroniken rühmend berichten, 900 Hexen verbrennen. Er tat es im Namen des Christentums, im Namen der Sittlichkeit, im Namen des Gesetzes und starb im Wahne, ein gutes Werk vollbracht zu haben.
Wir aber, die wir wissen, daß es niemals Hexen gab, werden noch heute von tiefem Schauder erfaßt, gedenken wir dieser zu unrecht gerichteten Frauen und Mütter.
In unserer guten Stadt Berlin leben zwei geistliche Herren, von denen der eine Philipps, der andere Runze heißt. Sie sagen, sie verkünden die Lehren des verehrungswürdigsten Meisters, der da die Worte zum Volke sprach: „Wer unter Euch frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Wie ihre Vorgänger in den Lahmen Gezeichnete, in Geisteskranken Besessene und in den Seuchen Strafen des Himmels sahen, so sehen sie in den Homosexuellen Verbrecher und bezeichnen unseren Kampf für die Homosexuellen als „ruchlose Schamlosigkeit“ (Kreissynode II Berlin vom 17. Mai 1904.)
Sie wähnen ein ebenso gutes Werk zu tun, wie weiland Fürstbischof Philipp, wenn sie schwere Freiheitsstrafen für die Homosexuellen fordern.
Nun prüfe, was ich Dir von den Berliner Urningen erzählte — daß alles der Wahrheit entspricht, dafür stehe ich ein — erwäge es mit Deinem Verstande und Deinem Herzen und entscheide, wo mehr Wahrheit, mehr Liebe, mehr Recht, ob bei jenen Männern der Kirche, die sich gewiß für sehr frei von Schuld halten, sonst würden sie schwerlich so viel Steine auf die Homosexuellen werfen, oder auf Seiten derer, die nicht wollen, daß sich die Opfer menschlichen Unverstandes noch hoher häufen, die entsprechend den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung und der Selbsterfahrung vieler tausend Personen wünschen, daß endlich Verkennungen und Verfolgungen aufhören, an welche die Menschheit ganz zweifellos einst mit ebenso tiefer Beschämung zurückdenken wird, wie an die Hexenprozesse Philipp's, des streitbaren Bischofs von Franken.
1Näcke, P., Dr. Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin; mit Bemerkungen über Homosexualität. Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik. Band XV. 1904.
2In Paris 1904 bei Albin Michet erschienen.
3Pädagogische Zeitung 33. Jahrgang Nr. 33, Berlin, 18. August 1904, Leitartikel: Die Erziehung und das dritte Geschlecht von Paul Sommer.
4Dieses 1897 begründete Komitee, Sitz Charlottenburg, Berlinerstraße 104, hat sich die Befreiung der Homosexuellen zur Aufgabe gesetzt.
5Anmerk. Wie die Dame in einem zweiten Schreiben mitteilt, ist dieser nahe Verwandte ihr Sohn. Von seinen Erpressern erhielt der Vater als Hauptanstifter 2 Jahre 9 Monate, dessen zwanzigjähriger Sohn, der „Freund“ des Geflüchteten, 1 Jahr 9 Monate Gefängnis.
Band 1–10 der Großstadt-Dokumente behandeln folgende Themata: