V.

V.

Es liegt ein tiefer Zauber im frischen, dahinrieselnden Wasser. Wer weiß und fühlt das nicht stets von neuem! Eisenbahndämme baut man furchtlos durch weite Sümpfe und Teiche, ja selbst durch Seen, aber die schmalste Rinne laufenden Wassers behandelt man mit größter Achtung und Vorsicht, macht ihre Richtung, Wege und Wünsche ausfindig und gibt ihr freien Lauf. Der durstgequälte Wanderer in der giftdunstenden Salzwüste hält sich fern von schilfbewachsenen Sümpfen, bis er endlich eine Stelle findet, wo sich eine silberklare, dünne Linie durch die Öde schlängelt – lebendiges Wasser – und erlöst beugt er sich nieder, um sich zu erquicken.

Es liegt eine geheimnisvolle Macht im frischen, laufenden Wasser, es bildet ein unüberwindliches, gleichsam bannendes Hindernis für jeden bösen Zauber, in Zeiten der Not gewährt es Hilfe und Rettung, und das freie Geschöpf des Waldes mitdem nicht ermüdenden Todfeind auf seiner Fährte sucht, von seiner Zaubermacht unbewußt angezogen, seinen nie versagenden Schutz. Wenn das gehetzte Tier mit seiner Kraft am Ende ist, wenn jeder erdenkliche Kunstgriff und Ausweg versagt, führt es ein guter Engel zum Wasser, zum lustig dahinspringenden lebendigen Wasser, und es stürzt sich hinein und folgt dem kühlenden Strome, um dann erfrischt und gekräftigt den Weg zum Forste wieder aufzunehmen.

Es liegt ein geheimer Zauber im lebendigen Wasser. Wenn die Hunde auf hitziger Jagd an dieses Hindernis kommen, müssen sie ihren Lauf hemmen und suchen umher, aber sie suchen vergeblich. Die Spur ist verschwunden in dem frischdahineilenden Strom, und das arme, gehetzte Wesen ist frei.

Das war eins der großen Geheimnisse, die Zottelohr von seiner Mutter lernte – »nach dem wilden Rosenstrauch ist das Wasser dein bester Freund«.

Es war in einer gewitterschwülen Nacht im August, als die Mutter ihren Sohn durch die Waldungen führte. Vor ihm blinkte das schneeweiße Kissen, das sie trug, als wegweisende Laterne, die nur erlosch, sobald die Häsin anhielt und sich gemütlich darauf niederließ. In kurzen Unterbrechungen, einmal laufend, dann anhaltend, um zu horchen, kamen sie ungehindert an das Ufer des Teiches. Die Vögel hoch oben in den Zweigen sangen ihr Schlummerlied, und draußen auf einem versunkenenStamme, im tiefen, dunkeln Wasser, bis zum Knie im kühlenden Bad, quakte ein fetter Frosch einen Lobgesang.

»Mein Sohn, folge mir!« sagte die Mutter in der Hasensprache, und schwapp, sprang sie in den Teich hinein und strich gewaltig aus, um den versunkenen Baumstumpf zu erreichen. Zottel zauderte erst, doch sprang er dann mit einem kleinen »Autsch« in die Flut, luftschnappend und eifrig mit der Nase wackelnd, aber immer die Bewegungen seiner Mutter genau nachahmend. Wie er sich auf dem Land fortbewegte, tat er es auch im Wasser – er schwamm. Vorwärts ging es, bis der Stamm erreicht war, und dort kletterte er hinauf neben seine triefende Mutter auf das erhöhte, trockene Ende, umgeben von einer rauschenden Laubwand und dem Wasser, das nichts ausplaudert. Später in dunklen, warmen Nächten, wenn der alte Fuchs von Springfield plündernd durch das Moor streifte, erinnerte sich Zottel stets der Stelle, wo die Frösche singen; denn im Falle größter Gefahr konnte sie ihm die letzte Rettung bringen, und von diesem Tage an verstand er die Worte, die der Frosch sang: »Komm, komm, wenn in Gefahr, dann komm!«

Dieses war die letzte Belehrung, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam. Sie zeugt von außergewöhnlicher Hasenweisheit, und manches kleine Häschen hat und wird sie nie erhalten.

Gar selten verläßt ein Bewohner des Waldes das Leben aus Altersschwäche; er nimmt wohl immer einmal früher oder später ein tragisches Ende, und es ist nur eine Frage der Zeit und der Klugheit, wie lange er sich den Verfolgungen seiner Feinde entziehen kann. Zottels Leben bewies jedoch, daß ein Hase, der einmal glücklich ins Mannesalter eingetreten ist, meistens erst im letzten Drittel seines Daseins, wenn es bergab geht, seinen Verfolgern zum Opfer fällt.

Die Hasenfamilie hatte überall Feinde, und ihr tägliches Leben war eine Kette von Ängstigungen, Nachstellungen und Verfolgungen, denen sie nur um Haaresbreite entrannen; denn Hunde, Füchse, Katzen, Skunks, Waschbären, Wiesel, Schlangen, Raubvögel und Menschen, ja selbst giftige Insekten schmiedeten fortwährend Anschläge gegen ihr Leben. Sie waren in Hunderte von Abenteuern verwickelt, und wenigstens einmal am Tage waren sie gezwungen, ums liebe Leben zu rennen und es durch die Schnelligkeit ihrer Läufe und ihre Schlauheit zu retten.

Wenn das weiße Kissen dahinfliegt durch die Waldung …

Wenn das weiße Kissen dahinfliegt durch die Waldung …

Mehr als zweimal zwang sie der böse Fuchs von Springfield, Zuflucht unter den Ruinen eines verfallenen, mit Stacheldraht überspannten Schweinekofens nahe an der Quelle zu nehmen; doch wenn sie einmal dort geborgen waren, durften sie ihmruhig zusehen, wie er sich die Beine in vergeblichen Versuchen, die Hasen zu erreichen, blutig riß.

Einige Male lenkte Zottel auch die Aufmerksamkeit eines ihn verfolgenden Hundes von sich ab und auf einen Skunk, der fast ebenso gefährlich war, wie der Rüde.

Einmal wurde Zottel sogar von einem Jäger, dem ein guter Hund und ein Frettchen helfend zur Seite standen, eingefangen, aber er hatte das Glück, am nächsten Tage zu entwischen, und von da war er vom tiefsten Mißtrauen gegen die Sicherheit der Erdlöcher erfüllt. Verschiedene Male wurde er von einer Katze ins Wasser gejagt, und oft stellten ihm Bussarde und Eulen nach, jedoch für jede noch so große Gefahr gab es einen rettenden Ausweg. Die Mutter lehrte ihn all die Winkelzüge und Kniffe, die ihr bekannt waren, und Zottelohr verbesserte sie und erfand sogar neue, als er älter wurde. Je gesetzter und weiser er wurde, desto weniger verließ er sich auf seine Läufe, aber mehr und mehr auf seinen Witz und seine Erfahrung.

»Ranger« hieß ein junger Hund aus der Nachbarschaft, den sein Meister zu seiner Ausbildung und Erziehung des öfteren auf die Fährte eines Hasen brachte. Fast in jedem Falle war es Zottelohr, dem die Jagd galt, und er ergötzte sich bei diesen Hetzen mindestens ebenso sehr wie seine Verfolger; denn der Beigeschmack von Gefahr gab derSache den nötigen Reiz. Gewöhnlich pflegte er zu sagen:

»O Mutter, da ist dieser Hund schon wieder, jetzt muß ich mich einmal ordentlich auslaufen!«

»Du bist zu frech, Zottel, mein Sohn,« erwiderte die Mutter, »und mir ahnt, daß du noch einmal in dein Verderben rennen wirst.«

»Aber, Mutter, das ist doch solch ein herrlicher Spaß, diesen dummen Hund zu necken, und dabei ist’s eine gesunde Übung. Wenn er mir zu hart zusetzen sollte, werde ich schon klopfen, und dann kannst du kommen und ihn etwas auf Seitenwege führen, während ich für ein neues Rennen Luft schnappe.«

Dann hopste er hervor und mitten inRangersWeg, der sofort die Verfolgung aufnahm und Zottelohr nachsetzte, bis dieser müde wurde und der Mutter ein Klopftelegramm um Hilfe sandte, das sie veranlaßte, sofort zum Entsatz herbeizueilen. Oft wußte er sich den Hund auch durch irgendeinen anderen schlauen Winkelzug vom Halse zu halten. Die Beschreibung eines solchen wird den Beweis liefern, wie gründlich Zottel mit den Lehren der Waldeskunde und der Geographie vertraut war.

Er wußte genau, daß der Hund seiner Fährte am leichtesten folgen konnte, wenn sie direkt auf dem Waldesboden hinführte und wenn er sich warm gelaufen hatte. Konnte Zottel es nun ermöglichen, einen erhöhten Punkt zu erreichen, wo er sicheine halbe Stunde ungestört abkühlen durfte, und hatte die Fährte Zeit, den Geruch zu verlieren, so wußte er, daß er dann in Sicherheit war.

Wurde er der Jagd müde, so wendete er sich einer wilden Rosenhecke am Talabhang zu und beschrieb einen Zickzackweg, bis er eine so verzwickte Spur hinter sich ließ, daß sie dem Hund auf eine gute Weile zu tun gab. Dann lief er in gerader Linie mitten in den Wald aufDzu und passierte mit einem Sprunge südlich den BaumstumpfE. BeiDumwendend, verfolgte er den gleichen Weg bisF, sprang hier seitlich und lief nachG, von dort zurück nachHund wartete hier, bis der Hund beiIvorüberkam. Dann begab er sich gemächlich auf seinem alten Weg zurück nachE, wo er mit einem mächtigen Satze den hohen Baumstumpf erreichte, um dort, zur Bildsäule erstarrt, ruhig das Weitere abzuwarten.

Ranger verlor viel Zeit in dem unwegsamen Dornendickicht, und es wurde ihm unendlich schwer, die unregelmäßige und beinahe schon verwischte Fährte zu finden; jedoch nach vielen Mühen langte er beiDan. Hier begann er Kreise zu beschreiben, um auf diese Weise die Spur zu kreuzen, und nachdem er wieder viel kostbare Zeit beim Suchen vergeudet, kam er auf den richtigen Weg, der aber plötzlich beiGein Ende fand. Zum zweitenmal stand er vor einem Rätsel und war gezwungen, wie vorher geschäftig hin und her zu laufen, um auf den richtigenPfad zu kommen. Größer und größer wurden seine Kreise, bis er schließlich gerade unter dem Baumstumpf vorbeikam, auf dem Zottelohr sich niedergelassen hatte. Aber da war keine Gefahr; denn an einem kalten, windstillen Tage wird die Witterung kaum nach unten getrieben, und da Zottel sich nicht muckste und mit keiner Wimper zuckte, lief der Hund arglos vorüber.

Wieder näherte sich der Verfolger dem Baumstumpf, und zwar diesmal dem tieferen Ende. Er hielt an, beschnüffelte es und dachte bei sich: »Wahrhaftig, das riecht nach Hase!« Die Witterung war schon kalt und halb verweht, aber nichtsdestoweniger bestieg er den Stamm.

Es war eine harte Probe für Zottelohr, den mächtigen Hund schnüffelnd den Baumstamm entlang kommen zu sehen, aber seine starken Nerven ließen ihn nicht im Stich. Der Wind war günstig, und er hatte den festen Vorsatz gefaßt, mit einem kühnen Satze das Weite zu suchen, sobald Ranger den halben Weg nach oben zurückgelegt haben würde. Aber so weit kam es nicht. Ein gewöhnlicher, schmutziger Dorfköter würde den Hasen sofort entdeckt haben, doch nicht der edle Jagdhund; er sprang vom Baumstumpf herab, und Zottel war Sieger.

Zottelohr hatte außer seiner Mutter niemals einen anderen Hasen gesehen, ja er hatte kaum andie Möglichkeit gedacht, daß noch andere Wesen wie er in der Umgegend leben könnten. Seine Geschäfte hielten ihn mehr und mehr von Hause fern, jedoch fühlte er sich niemals einsam; denn Hasen tragen kein großes Verlangen nach Gesellschaft. Eines Tages im Dezember, als er eben im Dickicht damit beschäftigt war, einen neuen Pfad nach dem Tale anzulegen, erblickte er plötzlich oben den Schattenriß der Löffel eines fremden Hasen. Der Eindringling trat wie ein unternehmender Entdecker auf und kam bald in langen Sprüngen herab aufZottelohrsPfad, mitten inZottelohrsRevier. Ein neues, fremdes Gefühl überkam plötzlich unser Häschen, jene kochende Mischung von Ärger und Haß, die als Eifersucht wohlbekannt ist.

Der Fremdling machte halt vor einem von Zottels Bäumen, an dem sich dieser behaglich das Kinn zu reiben pflegte, einfach, weil es ihm Spaß machte, und ohne zu wissen, daß alle männlichen Hasen das gleiche tun. Dies gibt einem solchen Baum einen Hasengeruch, und Neuankömmlinge können daraus sofort erkennen, daß die Umgegend bereits von einer Hasenfamilie bewohnt ist und einem Bevölkerungszuwachs nicht erschlossen ist. Auch kann der Fremde durch seinen Geruchssinn leicht herausfinden, ob der letzte Besucher seiner Bekanntschaft angehörte, und die Höhe der abgeriebenen Stelle an der Baumrinde gibt ihm die genaue Größe seines Vorgängers an.

Zu seinem höchsten Mißfallen bemerkte Zottelohr, daß der Eindringling einen Kopf größer war, als er selbst, und ein kräftiger, starker Bursche dazu. Das war etwas ganz Neues für Zottel und erfüllte ihn mit einem bis dahin ungekannten Gefühl. Mordlust nahm Besitz von seinem unschuldigen Herzen, er kaute eifrig mit nichts zwischen den Zähnen, erreichte mit einigen Sätzen vorwärts einen freien Rasenplatz und klopfte feierlich:

»Klopf – klopf – klopf!« was so viel bedeuten sollte wie: »Mach’, daß du aus meinem Revier kommst, oder es setzt Hiebe!«

Der Fremde machte ein großesVmit seinen Ohren, saß einige Sekunden aufrecht wie ein Stock und gab dann, seine Vorderläufe senkend, das weit vernehmliche Signal: »Klopf – klopf – klopf!«

Und der Krieg war erklärt.

In kurzen Sprüngen liefen sie umeinander herum. Jeder versuchte, dem Gegner den Wind abzuschneiden, und lauerte auf eine Gelegenheit zum Angriff. Der Fremde war ein starker, schwerer Hase mit wohlausgebildeten Muskeln, doch durch einige ungeschickte Wendungen bewies er seine Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit und zeigte klar, daß er seine Schlachten nur durch seine Schwere und nicht durch Behendigkeit zu gewinnen pflegte. Schließlich eröffnete er den Kampf, und Zottelohr begegnete ihm wie eine kleine Furie. Beim Zusammenstoß sprangensie in die Höhe, schlugen mit ihren Hinterläufen gewaltig aus, und der arme kleine Zottel fiel zu Boden. Der Gegner saß im Augenblick auf ihm, um ihn mit den Zähnen zu bearbeiten, und der kleine Hase mußte verschiedene Flöckchen Wolle lassen, bevor er wieder auf die Füße kommen konnte. Jedoch er war flink auf den Beinen und gelangte schnell aus greifbarer Nähe. Wieder griff er an, und wieder wurde er zu Boden geschleudert und ganz erbärmlich zugerichtet; denn er war seinem Gegner auch nicht annähernd gewachsen. Bald wurde ihm klar, daß er sein teures Leben nur durch Schnelligkeit seiner Läufe und seinen überlegenen Witz retten könne.

Verwundet, wie er war, entfloh er in voller Hetze mit dem Fremdling hinter sich, der fest entschlossen schien, ihn nicht nur zu morden, sondern auch Alleinherrscher des Moores zu werden, wo Zottel geboren war. Der kleine Hase hatte kräftige, gewandte Läufe und vorzügliche Lungen, und sein Verfolger, der fett und schwer war, mußte bald die vergebliche Jagd aufgeben. Es war aber auch die höchste Zeit für den armen Zottel; denn er fing an, infolge der Verwundung müde und steif zu werden.

Mit diesem Tage begann eine Schreckensherrschaft. Zottelohr wußte genau, was er zu tun hatte, wenn er von Eulen, Hunden, Wieseln oder Menschenund anderen gefährlichen Räubern verfolgt wurde, aber wie er sich verhalten sollte, wenn ein anderer Hase ihm nachstellte, das wußte er nicht; denn seine ganze Kenntnis bestand im »Erstarren«, bis er aufgespürt war, und darin, sich dann auf seine gewandten Läufe zu verlassen.

Die arme, kleine Mutter war vor Angst und Entsetzen fast gelähmt; denn sie konnte ihrem Sohne nicht helfen und mußte sich darauf beschränken, im sicheren Versteck zu bleiben; doch der fette Eindringling fand auch sie. Sie suchte ihm zu entfliehen, aber sie war jetzt nicht mehr so behend, wie ihr Sprößling. Der Fremde machte keinen Versuch, sie zu morden, er machte ihr vielmehr Liebesanträge, und weil sie ihn haßte und ihm zu entschlüpfen versuchte, behandelte er sie geradezu schamlos. Tag für Tag ängstigte er sie durch seine Nachstellungen, und oft, wütend gemacht durch ihre andauernde Abneigung und ihren Haß, schlug er sie nieder und zauste die Wolle aus ihrem weichen Fell, bis seine Wut gekühlt war und er sie eine Zeitlang in Ruhe ließ. Seine feste Absicht war, Zottelohr aus dem Leben zu schaffen, und ein Entweichen schien beinahe nicht möglich. Es gab ja kein anderes Moor, wo Zottel sich hätte hinwenden können, und wenn er einmal ein Schläfchen machte, mußte er jeden Augenblick bereit sein, fürs liebe Leben zu rennen. Ein dutzendmal am Tage kam der dicke Wüterich zu der Stellegeschlichen, wo Zottel der verdienten Ruhe pflegte, aber jedesmal erwachte das Häschen zur rechten Zeit, um zu entfliehen. Es rettete zwar das Leben, aber was für ein elendes Dasein war das doch jetzt! Seine Hilflosigkeit und die Verfolgungen, denen seine arme, kleine Mutter täglich ausgesetzt war, erbosten ihn aufs höchste, und dabei mußte er ruhig mit ansehen, wie ihre liebsten Futterplätze, die traulichen Eckchen und die Pfade, die sie mit so viel Mühe angelegt, von diesem gehässigen, rohen Patron in Besitz genommen wurden. Der unglückliche Zottel wußte gut genug, daß er eines Tages dem Stärkeren das Feld zu räumen hatte, und er haßte ihn darum mehr als Fuchs oder Wiesel.

Zu welchem Ende sollte das führen? Zottelohr quälte sich ab mit endlosem Rennen, Wachen und schlechtem Futter, und der kleinen Mutter geistige und körperliche Kräfte brachen zusammen bei der fortwährenden Verfolgung und grausamen Behandlung. Der Fremdling hatte sich nun einmal zum Ziel gesetzt, Zottel aus der Welt zu schaffen, und griff zuletzt zu einem Mittel, das unter den Hasen für das schwerste aller Verbrechen gilt. Glieder dieser großen Familie mögen sich noch so sehr hassen, sie vergessen aber stets ihre Feindschaft, sobald ein gemeinsamer Feind auf der Bildfläche erscheint. Eines Tages nun, als ein großer Hühnerhabicht über dem Moor seine Kreise zog, versuchteder Gewissenlose, der sich selbst stets unter Deckung hielt, Zottel mit allen Mitteln ins Freie zu treiben.

Ein- oder zweimal hatte ihn der Habicht beinahe im Genick, aber jedesmal boten ihm die wilden Rosensträucher sichere Deckung, und da der alte Hase beinahe selbst bei diesem frevelhaften Spiel erwischt worden wäre, gab er es auf, und wieder einmal war Zottelohr frei, doch ohne irgendwelche Besserung seiner traurigen Lebenslage. Ganz verzweifelt faßte er schließlich den Entschluß, wenn irgend möglich, mit seiner Mutter in der nächsten Nacht seine Heimat zu verlassen und auf der Suche nach einer neuen Heimstätte in die weite Welt hinauszuwandern. Da kam ein unvorhergesehener Zwischenfall. Zottelohr entdeckte den altenDonner, einen Hund seiner Bekanntschaft, wie er sich schnüffelnd und suchend im Grenzgebiet des Moores herumtrieb, und er beschloß, ein letztes, verzweifeltes Spiel zu wagen. Tollkühn kreuzte er des Hundes Weg, und die Jagd, die nun begann, war wild und aufregend. Dreimal um das Moor herum ging es, bis Zottel sicher war, daß seine Mutter im unauffindbaren Versteck saß, und der gehaßte Feind im bekannten Neste. In gerader Linie auf diesen Platz zu lenkte er seinen Verfolger und sprang in kühnem Satz über den Erzfeind hinweg, ihm dabei mit seinen Hinterläufen einen kräftigen Hieb versetzend.

»Du Lümmel, du,« schrie dieser, »jetzt erwischeich dich aber!« Auf sprang er, um mit Entsetzen zu entdecken, daß er sich zwischen Zottel und dem Hunde befand und nun das Ziel der Verfolgung war.

Geradeswegs auf ihn zu kam der Hund mit wütendem Gebell. Des alten Hasen Gewicht und Größe gereichten ihm zu großem Vorteil im Kampfe mit seinesgleichen, aber diesmal sollten sie ihm verderblich werden. Nur einiger ganz plumper Kunstgriffe, der einfachsten Wendungen und Quersprünge, die jedes Hasenbaby in seiner frühesten Jugend lernt, wußte er sich zu bedienen, aber der Verfolger war in zu gefährlicher Nähe für die Anwendung derartiger Regeln, und die schützenden Höhlen im Moore waren dem Eindringling unbekannt.

Es war eine Hetzjagd in schnurgerader Linie. Der Rosenbusch, der Freund aller Hasen, tat sein Bestes, aber es war zwecklos. Das heisere Bellen des Hundes kam schnell näher und näher, und wenn auch die Dornen bei jedem seiner Sprünge durch die knackenden Zweige seine zarten Ohren zerrissen, so kam er doch bald zu der Stelle, wo der Alte sich angstzitternd und vollkommen außer Atem zusammengekauert hatte. Plötzlich war es totenstill, dann ein kurzes Handgemenge, ein durchdringendes, markerschütterndes Geschrei, und alles war vorüber.

Zottelohr wußte, was das bedeutete, und ein kalter Schauer kroch ihm den Rücken herab; doch bald war alles vergessen, und er war von neuemalleiniger und unumschränkter Herr in der alten, lieben Heimat.

Alt-Olifant hatte zweifellos ein gutes Recht, die Haufen dürrer Reiser, die im Osten und Süden des Moores herumlagen, wegzubrennen und damit den alten Stachelzaundraht unterhalb der Quelle freizulegen. Aber es war nichtsdestoweniger ein harter Schlag für Zottelohr und seine Mutter. Die Reisighaufen waren lange Zeit ihre sicheren Wohnstätten und Festungen gewesen und der Stachelzaun ihre Ringmauer.

Sie waren eben schon so lange Bewohner des Moores und fühlten sich so sehr als dessen Besitzer bis in jede Ecke und das entfernteste Winkelchen – Olifants Haus und Anwesen eingeschlossen, daß sie gegen das Auftauchen eines fremden Hasen selbst im anschließenden Wirtschaftshof entrüstet ihr Veto eingelegt haben würden. Ihr Rechtsanspruch auf das Moor war die natürliche Folge langen und glücklichen Besitzes und hatte genau die gleiche Begründung wie bei den meisten Völkern unserer Erde.

Als der Schnee im Januar schon etwas zu schmelzen begann, hatte sich Olifant daran gemacht, die letzten Veteranen des Hochwaldes, die um den Teich herumstanden, zu fällen, und hatte damit das Besitztum der Hasen auf allen Seiten beschnitten undeingeschränkt. Aber immer noch hielten sie fest an dem langsam schwindenden Revier; denn es war ja ihre Heimat, und sie waren nicht geneigt, aufs ungewisse in die Fremde auszuwandern. Ihr Leben mit seinen täglichen Aufregungen und Gefahren floß in altgewohnter Weise dahin; aber immer noch waren sie flinkfüßig, starklungig und gewitzt, wie zuvor. Seit einiger Zeit wurden sie etwas in Unruhe versetzt durch einen Otter, der stromaufwärts gekommen war und es sich in dem stillen Tal wohl sein ließ; aber ein kleiner, ganz gerechtfertigter Kniff hatte den unwillkommenen Besuch bald auf Olifants Hühnerhaus aufmerksam gemacht. Sie waren allerdings nicht ganz darüber beruhigt, ob der Otter einen bleibenden Wohnsitz dort aufgeschlagen habe. So gaben sie lieber eine Zeitlang die Benützung der Erdhöhlen auf, denn sie waren zu gefährliche Fallen, und hielten sich zu den Rosensträuchern und Reisighaufen, die übrig geblieben waren.

Der Winterschnee war ganz geschmolzen und das Wetter sonnig und warm. Mutter Hase fühlte einen leichten Anflug von Rheumatismus und war irgendwo im Unterholz beschäftigt, ein Heilkraut zu suchen, während Zottelohr sich auf einer Böschung an der Ostseite sonnte. Der Rauch des allbekannten Schornsteins von Olifants Haus kam in phantastischen Formen durch das Holz gezogen und hob sich als ein düsteres Braun gegen den klarenHimmel ab. Am sonnengoldenen Giebel hinauf schlangen sich Ranken von wilden Rosen, die im purpurtiefen Schatten feurigrot und gleich Gold im Lichte schimmerten. Der Stall hinterm Haus mit goldübergossenem Giebel und Dach hob sich vom heiteren Himmel ab wie Noahs Arche.

Das geschäftige Geräusch, das der Wind herübertrug, und mehr noch der liebliche Duft, der mit dem Rauch herüberzog, gab Zottelohr kund, daß Olifants Vieh gerade mit Kohlblättern gefüttert wurde. Der Mund wässerte ihm beim Gedanken an dieses Göttermahl, und er blinzelte neidisch hinüber, als diese vielverheißenden Gerüche ihm in die Nase zogen; denn Kohl war sein Leibgericht. Aber er war gerade in der vorhergehenden Nacht im Hofe gewesen, um einige Mundvoll Klee zu holen, und kein kluger Hase kehrt zwei Nächte hintereinander nach dem gleichen Futterplatz zurück.

Deshalb tat er das Klügste, was er tun konnte: er lief so weit, bis er den verführerischen Duft des Kohls nicht mehr riechen konnte, und wählte sich ein Bündel Heu zum Abendbrot, das der Wind von einem Schober heruntergeblasen hatte. Später, als er sich zur Ruhe begeben wollte, gesellte sich auch die Mutter zu ihm, die erst ihre Arznei und dann ein kleines Mahl von süßen Birkenreisern an der Sonnenbank eingenommen hatte.

Mittlerweile hatte sich die Sonne davongemacht,um anderswo ihren Geschäften nachzugehen, und all ihr strahlendes Gold hatte sie mit sich genommen. Drüben im Osten schob sich ein dicker, schwarzer Vorhang empor und verdunkelte, langsam höher und höher steigend, den ganzen Himmel, verbarg sorgfältig alles Licht und ließ die Welt in trauriger Dunkelheit und Öde zurück. Dann erschien, die Abwesenheit der Sonne schlau benützend, ein Unheilstifter auf der Szene und begann Unruhe und Aufruhr zu brauen – der Wind. Die Luft wurde kälter und kälter, und es war unbehaglicher, als wenn die Erde noch mit Schnee bedeckt gewesen wäre.

»Es ist aber ungemütlich kalt heute abend,« sagte Zottel, »wenn wir doch unseren alten Reisighaufen noch hätten.« »Ja, ja,« erwiderte die Mutter, »das wäre eine Nacht für unsere Höhle unter der Fichtenwurzel, aber da wir nicht wissen, ob der Otter sich noch in der Gegend herumtreibt, ist es nicht sicher dort.«

Der ausgehöhlte Walnußbaum war verschwunden – tatsächlich beherbergte er zur Zeit, von der wir reden, auf einem Holzhaufen in der Ecke des Wirtschaftshofes liegend den Otter, den unsere Hasen deshalb nicht ohne Grund fürchteten. Zottel und seine Mutter begaben sich schließlich nach der Südseite des Teiches, wählten hier einen Reisighaufen zum Nachtquartier, krochen darunter und ließen sich für die Nacht häuslich nieder. Ihre Nasen richteten sichgegen den Wind, jedoch in verschiedenen Richtungen, so daß sie im Falle einer nächtlichen Störung nach entgegengesetzten Seiten entfliehen konnten. Der Sturm blies mit jeder Stunde schärfer und kälter, und um Mitternacht begann ein feiner, eisiger Schnee in den dürren Blättern zu rasseln und sich durch die kahlen Zweige einen Weg zu bahnen. Es schien eine ungünstige Nacht für Jagdabenteuer, aber der alte Fuchs von Springfield war los. Gerade mit dem Winde kam er im Schutze des Dickichts daher, und das Unglück wollte, daß er die Richtung auf den Reisighaufen zu nahm, wo er sofort die schlafenden Hasen witterte. Einen Augenblick blieb er stehen, dann kam er langsam und kriechend auf den Haufen zu, unter dem er Mutter und Sohn nun sicher zu haben glaubte. Das Geräusch des Windes ermöglichte es ihm, ganz dicht heranzukommen, bis die Mutter vom leisen Rascheln eines trockenen Blattes unter seinem tastenden Tritte erwachte. Sofort berührte sie Zottelohrs Schnurrhaare, und beide waren wach und munter, gerade als der Feind sich zum Sprunge anschickte. Der alte Schlaukopf hatte nicht berechnet, daß die Hasen immer auf ihren Läufen zum Sprung bereit schlafen; denn sofort flogen sie hinaus in den wütenden Sturm. Der Fuchs verfehlte die Mutter bei seinem Sprunge, aber er nahm die Hetze hinter ihr her gleich mit dem Eifer eines ehrgeizigen Rennpferdes auf,während Zottel nach der entgegengesetzten Seite entfloh.

Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang

Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang

Es gab nur einen Weg für die Häsin, die gegen den Wind und ums Leben galoppierte. Sie gewann einen kleinen Vorsprung, indem sie den Sumpf kreuzte, der den Fuchs nicht trug, bis sie am Ufer des Teiches stand. Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.

Plitsch, platsch, ging es durch das hohe Schilf und dann mit einem Satze ins tiefe Wasser.

Hinterdrein sprang auch der Fuchs, aber das Wasser war doch etwas zu frisch für Reineke, und er wendete wieder um. Die Häsin, der nur ein Weg frei blieb, arbeitete sich durch das Schilf ins offene Wasser und strich kräftig aus, um das andere Ufer zu erreichen, aber sie hatte einen starken Gegenwind zu bekämpfen, die kurzen Wellen schlugen eisigkalt über ihrem Kopf zusammen, und das Wasser war voll Schnee, der ihr den Weg versperrte, wie Treibeis. Die dunkle Linie des rettenden Ufers schien sich weiter und weiter zu entfernen, und wer konnte es wissen, möglicherweise lag der gierige Fuchs dort drüben auf der Lauer.

Sie legte die Ohren flach an, um dem Winde möglichst wenig Widerstand zu bieten, und schwamm rascher vorwärts, gegen Sturm und Flut. Nach einer langen, mühseligen Reise durch das kalte Wasser hatte sie beinahe das Schilf des anderen Uferserreicht, als eine feste Masse treibenden Schnees ihr den Weg versperrte. Der Wind auf der nahen Uferbank machte ein unheimliches Geräusch, das dem Heulen des hungrigen Fuchses ähnlich klang. Das raubte ihr allen Mut und alle Kraft, und sie wurde weit zurückgetrieben, ehe sie sich von dem dahinflutenden Hindernis freimachen konnte.

Wieder strich sie aus, doch langsamer – immer langsamer, und als sie schließlich den Schutz des hohen Schilfs erreichte, waren ihre Glieder erstarrt, ihre letzte Kraft verbraucht, ihr tapferes kleines Herz begann langsamer zu pochen, und es war ihr ganz gleich, ob der Fuchs ihrer wartete oder nicht. Durch das Schilf kam sie noch glücklich hindurch, aber mitten zwischen den tückischen Ranken der Schlinggewächse fing sie an, unsicher zu werden, ihre schwachen Stöße brachten sie nicht länger landwärts, und das Eis, das sich um sie herum auftürmte, machte ihr ein Vorwärtskommen ganz unmöglich. Die erstarrten Glieder versagten den Dienst, die kleine, flaumbedeckte Nase wackelte nicht mehr nervös hin und her, und die treuen braunen Augen schlossen sich zum ewigen Schlafe. Aber kein Fuchs wartete, um sie mit gierigen Zähnen zu zerreißen. –

Zottelohr war dem ersten Ansprung des Verfolgers entflohen, und als er sich wieder etwas vom Schreck erholt hatte, kam er zurückgelaufen, um den Erzfeind irrezuleiten und damit der armen Mutterzu helfen. Er traf den alten Fuchs auf dem Wege nach der anderen Seite des Teiches, lockte ihn weit hinweg und entließ ihn mit einer blutenden Wunde von einem Stacheldrahtzaun am Kopfe. Dann kam er zum Ufer, suchte und schnüffelte umher und klopfte, aber all sein Suchen war vergeblich, die kleine Mutter war nirgends zu finden. Er sah sie niemals wieder, und niemand konnte ihm Auskunft geben, wohin sie gegangen; denn sie schlief den letzten Schlaf in den eisigen Armen ihres Freundes, des Wassers, das nichts ausplaudert.

Arme kleine Mutter! Eine wahre Heldin war sie gewesen, doch nur eine von den ungezählten Tausenden, die ohne einen Anspruch auf Heldentum dahinleben und ihr Bestes in ihrer kleinen Welt wirken und ohne Ruhm davongehen. Sie war eine tapfere Streiterin im Kampf ums Dasein, und von dem Schlag, der niemals ausstirbt; denn Fleisch von ihrem Fleisch und Geist von ihrem Geist war Zottelohr, sie lebte in ihm, und durch ihn veredelte sie ihre Rasse.

Zottel haust noch im Moor. Olifant starb im gleichen Winter, und seine ungeratenen Nachkommen ließen das Moor mit seinen Stachelzäunen verwildern. In einem einzigen Jahr verwandelte es sich in eine undurchdringliche Wildnis, neue Bäumchen und Dornensträucher wuchsen, und zerrissene Stacheldrähte bildeten zahllose Zwingburgen und Schlupfwinkel, die Hunde und Füchsenicht zu stürmen wagten. Und dort lebt Zottelohr noch heute, er ist ein großer und starker Hase geworden und fürchtet keinen Nebenbuhler. Eine zahlreiche Familie nennt er sein eigen und ein hübsches, braunes Weibchen, das er sich holte, ich weiß nicht woher. Dort werden er und seine Kindeskinder gewiß noch viele Jahre hausen, und dort kann man sie an sonnigen Abenden beobachten, wenn man ihre Signale kennt und sie richtig anzuwenden weiß.


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