V.
Tip, der Gefangene, der einzig Überlebende von Vixens Jungen, war nun der Erbe ihrer ganzen Liebe. Die Hunde waren losgelassen, um die Hühner zu bewachen, die Leute hatten Anweisung, sofort zu schießen, wenn sich die Füchsin zeigte, und auch mir war dieser Befehl zugegangen, aber ich war entschlossen, nichts zu sehen. Die Köpfe geschlachteterHühner, die der Fuchs besonders liebt, und die ein Hund nicht anrührt, hatte man vergiftet und im Walde ausgestreut, und der einzige Weg, zum Hofe zu gelangen, wo Tip in erniedrigender Gefangenschaft lebte, war über den Holzstoß in der Ecke. Trotz aller Maßregeln erschien Vixen in jeder Nacht, um ihr Junges zu säugen und ihm frischgefangene Hühner oder Wild zu bringen.
In der zweiten Nacht von Tips Gefangenschaft vernahm ich das Rasseln der Kette und erblickte die Füchsin, wie sie eifrig ein Loch neben des Kleinen Hütte scharrte. Als es tief genug war, um sich selbst darin zu begraben, packte sie die Kette hinein und füllte das Loch darüber wieder zu. Dann ergriff sie, triumphierend bei dem Gedanken, daß sie die Kette nun los sei, den kleinen Tip beim Genick und sprang in der Richtung nach dem Holzhaufen davon, aber nur mit dem Erfolg, ihr Junges mit einem Ruck von sich gerissen zu sehen.
Armer, kleiner Kerl, er wimmerte jämmerlich, als er in seine Hütte zurückkroch. Eine halbe Stunde später hörte ich die Hunde wütend anschlagen, und als sich das Bellen weiter und weiter entfernte, wußte ich, daß sie auf Vixens Fährte waren. Nördlich, in der Richtung nach der Bahnlinie, ging ihre Jagd, und das Bellen verklang in der Ferne. Am anderen Morgen fehlte Ranger, und bald wußten wir warum. Füchse lernen beizeiten die Vor- undNachteile einer Eisenbahn kennen und wissen sie sich auf verschiedene Weise zunutze zu machen. Erstlich pflegen sie, wenn verfolgt, die Schienen entlang zu laufen, kurz bevor ein Zug darüberfährt. Die Spur, auf Eisen sowieso schwer zu verfolgen, wird von dem Zug ganz und gar verwischt, auch ist immer die Möglichkeit vorhanden, daß der eifrig suchende Hund überfahren wird. Ein anderer sicherer, aber gefährlicher Kniff besteht darin, den Hund quer über die Schienen direkt vor einem Zuge hinwegzuführen, so daß die Lokomotive ihn überholt und tot zur Seite schleudert.
Dieser Kunstgriff war von Vixen meisterlich ausgeführt worden, und am Fuße des Bahndamms fanden wir die zermalmten Überreste unseres alten, treuen Rangers, und irgendwo im Walde saß die Füchsin und lachte sich ins Fäustchen.
Noch in derselben Nacht kam sie zum Hofe zurück, ehe der müde Jagdhund Flick sich eingefunden hatte, mordete eine Henne, brachte sie Tip und streckte sich außer Atem neben ihm nieder. Sie schien zu glauben, der Gefangene bekäme keine andere Nahrung als die, die sie ihm brachte.
Diese Henne verriet meinem Onkel den nächtlichen Besuch.
Meine volle Zuneigung und Teilnahme war mit Vixen, und ich weigerte mich, meine Hand zu neuem Morde zu bieten. In der nächsten Nacht wachte meinOnkel in höchsteigener Person, das Gewehr im Arm, eine ganze Stunde. Als es dann kühler wurde und der Mond sich umwölkte, fiel ihm irgendein anderes wichtiges Geschäft ein, und er rief einen von unseren Leuten an seine Stelle.
Doch dieser machte es sich bald bequem, als die Stille der Nacht und das gespannte Wachen seine Nerven zu sehr anstrengten, und das laute »Bäng! Bäng!« eine Stunde später regte uns wenig auf; denn es war nur Pulver um nichts verschossen worden.
Am Morgen fanden wir, daß Vixen ihr Junges nicht vergessen. – Den nächsten Abend hielt mein Onkel zum zweitenmal Wache, da wieder ein Huhn verschwunden war. Kurz nach Eintreten der Dunkelheit ertönte ein Schuß; Vixen ließ die Beute, die sie trug, fallen und entfloh. Ein zweiter Versuch, den sie in der gleichen Nacht machte, ließ wieder einen Schuß folgen. Jedoch am Morgen bewies das Glänzen der Kette, daß sie zum drittenmal gekommen war und stundenlang vergeblich versucht hatte, die grausamen Bande, die ihr Kleinod hielten, zu durchbeißen.
Eine solche Tapferkeit und standhafte Treue muß Achtung, wenn nicht gar Mitleid gewinnen. In der nächsten Nacht wachte kein Schütze, und alles war still. Was sollte es auch nützen? Dreimal war Vixen durch Schüsse hinweggejagt worden,würde sie nun noch einmal versuchen, ihr gefangenes Kind zu befreien oder zu füttern?
Würde sie es tun? Ihre Liebe war die einer Mutter! Es war in der vierten Nacht, als das klagende Wimmern des Kleinen beim Auftauchen einer schattenhaften Gestalt auf dem Holzstoß verstummte.
Aber sie trug keinen Vogel, kein Beutestück, soviel ich erkennen konnte. Hatte die geschickte Jägerin am Ende ihr Wild gefehlt? Brachte sie nichts für ihren Einzigen, oder vertraute sie auf die Pflege seiner Wächter?
Nein, gewiß nicht! Der wilden Mutter Liebe und Haß waren felsenfest, und ihr einziger Gedanke und Wunsch war, ihren Sohn zu befreien. Alles hatte sie versucht, und jeder Gefahr hatte sie getrotzt, um ihn freizumachen, aber alles war vergeblich gewesen.
Wie ein Schatten war sie gekommen und im Augenblick wieder verschwunden. Tip packte gierig etwas, was sie ihm zugeworfen, und schlang und kaute mit Behagen. Aber noch während er fraß, entfuhr ihm plötzlich ein Schrei voll Schmerz; dann folgte ein kurzer Todeskampf, und Tip war nicht mehr.
Die Mutterliebe in Vixen war stark, aber ihre Überlegung war stärker. Sie kannte des Giftes Gewalt, und als sie am Ende einsah, daß sie für ihr Junges zu wählen hätte, zwischen dem traurigenLeben eines Gefangenen oder dem plötzlichen Tod, unterdrückte sie die Mutter in ihrer Brust und befreite es auf diese einzig mögliche Weise.
Wenn der Schnee den Boden bedeckt, pflegen wir den Waldbestand aufzunehmen, und als der Winter kam, erzählte er mir, daß Vixen nicht mehr in den weiten Forsten jenseits unseres Flusses hauste. Wohin sie gezogen, habe ich nie erfahren, aber so viel war sicher, in unserer Nachbarschaft weilte sie nicht mehr.
Vielleicht war sie nach weit entfernten Jagdgefilden ausgewandert, um der traurigen Erinnerung an ihre gemordeten Lieben zu entfliehen. Oder sie war freiwillig von dem Schauplatz eines traurigen Daseins abgetreten, wie manche wilde Mutter es vor ihr getan, mit Hilfe des gleichen Mittels, mit dem sie ihren Sohn, das letzte ihrer Kinder, befreite.