Wully.

Wully.

Ein Schäferhund.

Wully war ein kleiner, gelber Köter. Unter der verächtlichen Bezeichnung Köter versteht man gewöhnlich einen rasselosen Mischling und vergißt dabei, daß dieses verachtete Wesen meistens mehr Rasse in sich zeigt, als irgendeiner seiner aristokratischen Verwandten. Er ist schlau, beweglich und ausdauernd und weit besser für den harten Kampf ums Dasein ausgerüstet, als seine rasseechten Vettern.

Setzen wir den Fall, wir würden einen ganz gewöhnlichen Dorfköter, einen kostbaren Windhund und einen Bullenbeißer auf einer öden, verlassenen Insel aussetzen, welcher von diesen dreien würde wohl nach sechs Monden noch gesund am Leben sein? Zweifellos der verachtete Dorfköter. – Er besitzt weder die Schnelligkeit des Windhundes, noch die Kraft und die Kühnheit eines Bullenbeißers,aber etwas tausendmal Wertvolleres, einengesunden Verstand.

Auf den Bergen, hoch droben in Schottland, auf den Cheviots, war Wully geboren. Ihn und einen seiner Brüder hatte man am Leben gelassen; den Bruder, weil er eine große Ähnlichkeit mit dem besten Hund der Nachbarschaft aufwies, und ihn selbst, weil er ein niedlicher, kleiner, gelber Kerl war.

Seine Jugend verbrachte er wie ein richtiger Schäferhund in Gemeinschaft eines erfahrenen Collies, der ihn ausbildete, und eines alten Schafhirten, der fast ebensoviel Erfahrung besaß, wie sein gelehriger Hund. Mit zwei Jahren war Wully vollkommen ausgewachsen und er wußte mit den Schafen ebensogut umzugehen, wie Alt-Robin, sein Meister, der ein solches Vertrauen in seine Zuverlässigkeit besaß, daß er meistens die ganze Nacht im Wirtshaus saß, während Wully die wolligen Dummköpfe in den Hügeln bewachte. Der alte, einfältige Schafhirt, mit allen seinen Fehlern und dem fortwährenden Sehnen nach seinem Idealzustand – der Benebelung – behandelte Wully selten roh, und dieser vergalt ihm das durch abgöttische Verehrung, um die mancherGroße und Weise im Lande den Alten beneidet hätte.

Wully konnte sich kein höheres Wesen vorstellen als Robin, und doch standen dieses Abgottes körperliche und geistige Kräfte für nur fünf Schilling die Woche im Dienst eines kleinen Viehhändlers, des eigentlichen Besitzers von Wullys Schutzbefohlenen. Als dieser Mann nun Robin befahl, seine Herde in Tagereisen nach den Yorkshire-Märkten zu treiben, war Wully von all den dreihundertsechsundsiebzig Wesen, die dabei in Frage kamen, der am meisten Betroffene.

Die Reise nach Northumberland war für ihn bedeutungsvoll. Am Tynefluß wurden die Schafe auf ein Fährboot getrieben und am andern Ufer im rußigen Southshields gelandet. Die hohen Fabrikschornsteine kündeten den Beginn der Tagesarbeit an und hüllten die Stadt in schwere Nebel und bleigraue Rauchwolken ein, die die Sonne verdunkelten und wie Sturmwolken über den Straßen hingen. Die Schafe vermuteten das Heranziehen eines außergewöhnlich schweren Sturms, wurden aufgeregt und rasten ihren Hütern zum Trotz in 374 verschiedenen Richtungen durch die Stadt.

Das war für Robins schwachen Geist zu viel. Er starrte den Schafen einige Augenblicke lang stumpfsinnig nach und gab dann den Befehl: »Wully,bring’ sie!« Nach dieser Anstrengung setzte er sich nieder, zündete seine Pfeife an und begann an einem halbvollendeten Strumpfe zu stricken.

Robins Stimme war für Wully die Stimme Gottes. Davon lief er in 374 verschiedene Richtungen und brachte nach langen Mühen die 374 Ausreißer nach dem Fährhause zu Robin, der des Hundes Arbeit interesselos zusah.

Zum Schluß gab Wully – nicht Robin – das Zeichen, daß alle beisammen wären. Der alte Schäfer begann zu zählen: 370, 371, 372, 373. »Wully,« sagte er vorwurfsvoll, »da fehlt ja eins,« Wully sprang vor Scham zitternd davon, um die ganze Stadt nach dem Vermißten abzusuchen. Aber er war noch nicht lange fort, als ein kleiner Junge Robin bedeutete, daß alle 374 Schafe bereits zur Stelle seien. Der Alte befand sich in größter Verlegenheit. Sein Herr hatte ihm befohlen, so schnell als möglich Yorkshire zu erreichen, und anderseits wußte er, daß Wully nicht ohne ein Schaf zurückkommen würde, selbst wenn er es zu stehlen hätte. Derartiges war schon früher vorgekommen und hatte zu höchst unangenehmen Auseinandersetzungen geführt. Was sollte er nun tun? Fünf Schilling wöchentlich standen auf dem Spiele. Wully war ein guter, treuer Hund, und es war jammerschade, ihn zu verlieren; aber wenn er nun, um die Zahl vollzumachen, einExtraschaf stahl, was dann? Robin entschied sich endlich, Wully im Stich zu lassen, und zog mit seinen Schafen von dannen. Wie er allein sein Ziel erreichte, das wissen wir nicht, und es kann uns auch gleich sein.

Inzwischen hatte Wully auf der vergeblichen Suche nach dem verlorenen Schafe die Stadt nach allen Richtungen durchkreuzt. Den ganzen Tag und die folgende Nacht suchte er, bis er schließlich ausgehungert und müde mit eingezogenem Schwanze nach dem Fährhause zurückkam, um dort zu entdecken, daß sein Herr mit den Schafen bereits seiner Wege gegangen war. Es war wirklich jammervoll, die Trauer und Verzweiflung des Hundes mit anzusehen. Wimmernd und heulend lief er umher, fuhr dann mit der Fähre nach dem anderen Ufer hinüber und suchte überall nach Robin. Später kehrte er wieder nach Southshields zurück und verbrachte die Nacht auf der Suche nach seinem Abgott. Auch den nächsten Tag setzte er das Suchen fort, beobachtete und beroch jedermann, der den Fluß kreuzte, und suchte mit großer Schlauheit unablässig in den umliegenden Wirtshäusern nach seinem Herrn. Am folgenden Tage begann er systematisch alle Leute zu beschnüffeln, die mit der Fähre herüberkamen.

Das Fährboot machte fünfzig Überfahrten an jedem Tag und beförderte durchschnittlich jedesmalhundert Personen. Wully war am Anlegeplatz stets zur Stelle und beroch jedes Bein, das herüberkam – zehntausend mochte er an diesem Tage auf seine eigene Weise untersucht haben. Den nächsten Tag und den übernächsten, die ganze Woche hielt er auf seinem Posten aus, und bald begannen mangelhafte Ernährung und Sorge ihre Wirkung zu zeigen; er wurde magerer und schlechtgelaunter von Tag zu Tag. Niemand durfte ihn berühren, und jeder Versuch, ihn von seiner täglichen Beschäftigung abzubringen, reizte ihn zur höchsten Wut.

Tag für Tag, Woche für Woche wartete Wully auf seinen Herrn, aber er kam nicht. Die Fährleute achteten des Hundes Anhänglichkeit und Treue, und obwohl dieser im Anfang das dargebotene Futter und eine Unterkunft verschmähte, nahm er schließlich ihre Gaben an. – Wenn er auch verbittert war gegen alle Welt, so hing sein Herz doch wie zuvor an seinem treulosen Herrn und Meister.

Vierzehn Monate nach Wullys Ankunft in Southshields machte ich seine Bekanntschaft, und immer noch war er auf dem Posten. Sein gutes Aussehen hatte er zurückerlangt; sein scharfgeschnittener, kluger Kopf, von einer weißen Halskrause eingerahmt, und seine spitzen, lauschenden Ohren machten einen auffallend hübschen Hund aus ihm, der jedes Auge auf sich zog. Nachdem er meine Beinebeschnüffelt und entdeckt hatte, daß es nicht die waren, die er suchte, beachtete er mich nicht weiter, und trotz meiner Versuche, seine Freundschaft zu gewinnen, schenkte er mir nicht mehr Vertrauen, als irgendeinem anderen.

Zwei volle Jahre hielt dieses treue Tier an der Fähre aus. Es war nicht die große Entfernung oder die Furcht, sich zu verlaufen, die ihn davon zurückhielt, nach Hause in die Hügel zurückzukehren, es war die Überzeugung, daß Robin, sein Abgott, sein Bleiben beim Fährboot wünschte, und er blieb.

So oft Wully es für nötig hielt, kreuzte er den Fluß. Der Überfahrtspreis für einen Hund betrug einen Penny, und man hat ausgerechnet, daß er der Gesellschaft Hunderte von Pfunden schuldete, bis er seinen Platz aufgab.

Von Robin hatte man niemals mehr auch nur das geringste vernommen, aber eines Tages betrat ein rüstiger Viehtreiber die Fähre, und Wully, der ihn seiner Gewohnheit gemäß beschnüffelte, wurde plötzlich aufgeregt, seine Mähne sträubte sich, er zitterte, und ein leises Knurren entfuhr ihm.

Einer von den Fährleuten, der nicht verstand, was vorging, rief dem Fremden zu: »Paß auf, Mann, daß du unserem Hunde nichts zuleide tust!«

Rotkrause rettet das Jüngste

Rotkrause rettet das Jüngste

»Was soll ich ihm zuleide tun, ehe könnte der Köter mir etwas anhaben.« Irgendwelche weitereAufklärung war unnötig. Wully war wie ausgewechselt, er schmiegte sich dicht an den Fremden, und sein Schwanz wedelte leidenschaftlich, zum erstenmal seit Jahren.

Einige Worte machten alles klar. Dorley, der Viehtreiber, hatte Robin gut gekannt. Seine Handschuhe und sein Halstuch waren von Robins eigener Hand gestrickt und früher in dessen Besitz gewesen. Wully zweifelte, daß er je seinen verlorenen Abgott wiederfinden würde, verließ seinen Posten an der Fähre und gab deutlich die Absicht kund, dem Eigentümer von Robins Halstuch zu folgen. Dorley hatte nichts dagegen, nahm ihn mit heim in die Berge von Derbyshire, und Wully wurde zum zweiten Male ein Schäferhund.

Monsaldale ist eines der bekanntesten Täler in Derbyshire. Es hat nur ein einziges, aber um so berühmteres Wirtshaus, und der Besitzer, Jo Greatorex, ist ein schlauer und handfester Yorkshireman. Die Natur hatte ihn zum Krieger bestimmt, aber die Umstände machten ihn zum Gastwirt, und seine Neigung zur – doch das sollten wir lieber verschweigen – Wilddieberei war in dieser Gegend an der Tagesordnung.

Wullys neue Heimat lag auf dem Hochland,östlich von dem Tal, und über Jos Wirtshaus. Dorley besaß ein kleines Bauerngut und in den Triften auch eine große Herde Schafe. Diese hütete Wully mit seinem angeborenen Scharfsinn, bewachte sie, während sie weideten, und brachte sie am Abend in den Stall. Er war für einen Hund zurückhaltend und argwöhnisch und leicht geneigt, Fremden die Zähne zu zeigen, aber er war so aufmerksam beim Bewachen seiner Herde, daß Dorley in diesem Jahr nicht ein einziges Schaf verlor, obwohl die Nachbarn Geiern und Füchsen den gewöhnlichen Tribut zahlen mußten.

Die Täler dort sind eine ungeeignete Gegend für Fuchsjagden; die zerklüfteten Züge, die hohen Steinwälle und Anhöhen sind zu zahlreich, der Schlupfwinkel zwischen den Felsen sind zu viele, und es war zu verwundern, daß die Füchse in Monsaldale nicht überhand nahmen. Man hatte wenig Grund gehabt, über sie zu klagen, bis sich im Jahre 1881 ein schlauer, alter Fuchs, wie eine Maus in einem fetten Käse, in dem reichen Kirchspiel niederließ und aller Nachstellungen von edlen Jagdrüden und gemeinen Dorfkötern spottete.

Verschiedene Male wurde er mit Hund und Pferd verfolgt, und immer verschwand er im Teufelsloch, einer Höhle von unerforschter Ausdehnung – dort war er sicher. Die Landbevölkerung fing an,etwas mehr als Zufall in der Tatsache zu suchen, daß er stets ins Teufelsloch entwischte, und als einer von den Hunden, der diesen Teufelsfuchs beinahe erwischte, bald darauf verrückt wurde, stand die Teufelsabstammung besagten Fuchses außer Zweifel.

Er setzte seine Räuberlaufbahn fort, bis er schließlich aus Vergnügen am Blutvergießen zu morden begann. Digby verlor zehn Lämmer in einer Nacht, Caroll sieben in der nächsten; später wurde der Ententeich des Pfarrhofes vollkommen verwüstet, und es verging kaum ein Tag, an dem nicht irgend jemand einen Mord von Geflügel, Lämmern oder Schafen und schließlich selbst von Kälbern zu berichten hatte.

All dieses blutgierige Verwüsten wurde diesem einen Fuchs aus dem Teufelsloch zugeschrieben. Es war nur bekannt, daß es ein außerordentlich großer Fuchs sein müsse; wenigstens einer, der eine breite Spur hinterließ; doch niemand, selbst kein Jäger, hatte ihn je in der Nähe gesehen. Auch hatte man bemerkt, daß Donner und Doria, die besten Hunde der Meute, sich geweigert hatten, auf der Hetze seiner Spur zu folgen.

Die Bauern von Monsaldale beschlossen, sich beim ersten Schnee unter Jos Leitung zu versammeln und die ganze Gegend abzuklopfen, um auf irgendeine erlaubte oder unerlaubte Art das »unschuldige«Füchslein loszuwerden. Aber der Schnee kam vorläufig nicht, und der rothaarige Ehrenmann lebte ungekränkt weiter. Niemals kam er zwei aufeinanderfolgende Nächte nach dem gleichen Bauernhof, niemals fraß er, wo er gemordet hatte, und niemals hinterließ er eine Spur, die den Weg, den er genommen, verraten hätte.

Ein einzigesmal lief er mir in den Weg. Ich ging spät in der Nacht den Pfad von Bakewell nach Monsaldale entlang, während eines heftigen Sturmes, und als ich um die Ecke eines Schafstalls bog, fuhr plötzlich ein heller Blitzstrahl hernieder. Bei seinem Lichte erblickte ich ein Bild, das mich zurückschrecken ließ. Neben dem Wege saß in geringer Entfernung ein riesiges Tier, das mich mit glühenden Augen anstarrte und sich bezeichnend die Schnauze leckte. Dies war alles, was ich sah, und ich würde es wohl vergessen oder für einen Irrtum gehalten haben, hätte man nicht am nächsten Morgen in jenem Stalle die Leichen von dreiundzwanzig Schafen gefunden.

Nur eine Herde ließ der Mörder in Frieden, das war die Dorleys, und es schien dies um so wunderbarer, als Dorley doch mitten in der gefährdeten Gegend und nur eine Meile vom Teufelsloch entfernt lebte. Der treue Hund bewies seine Überlegenheit über alle Köter der Nachbarschaft; Abend für Abend brachte er seine Herde heim, und niemals fehlte auchnur einer seiner Schützlinge. Der wilde Fuchs mochte um Dorleys Hof herumstreifen, aber Wully, der schlaue, tapfere und aufgeweckte Wully, war ein unüberwindlicher Gegner für ihn und rettete nicht nur seines Meisters Herde, sondern entwischte auch stets selbst mit heiler Haut. Jedermann bezeugte eine wahrhafte Hochachtung für ihn, und er wäre gewiß ein Liebling aller gewesen, wenn seine Laune sich nicht von Tag zu Tag verschlechtert hätte. Dorley und dessen älteste Tochter Hulda, ein aufgewecktes, hübsches, junges Mädchen, schien Wully gern zu haben; die übrigen Glieder der Familie waren ihm gleichgültig, aber er duldete sie; den Rest der Welt, Menschen und Hunde, schien er zu hassen.

So mürrisch und bösartig Wully sich auch der Welt gegenüber benahm, er zeigte sich stets gut geartet gegen Dorleys Schafe. Viele wunderbare Geschichten über ihn waren im Umlauf; manch armes Lamm, das ins Wasser oder in eine Kluft gefallen war, würde elendiglich ohne Wullys rechtzeitige, tatkräftige Hilfe umgekommen sein. Sein kühnes Auge entdeckte jeden Adler, der über dem Moor seine Kreise zog, und Wullys tollkühne Tapferkeit trieb ihn auf Nimmerwiedersehen davon.


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