Zottelohr.

Zottelohr.

Die Geschichte eines Hasen.

Zottelohr oder Zottel war der Name eines jungen Häschens. Es verdankte diesen Zunamen einem aufgerissenen Löffel, den es aus seinem ersten Abenteuer davontrug. Zottelohr lebte mit seiner Mutter in Olifants Moor, wo auch ich die Ehre ihrer Bekanntschaft gemacht hatte und hundert kleine Abenteuer und interessante Begebenheiten aus ihrem Leben zusammentrug, die ich schließlich in diesen Blättern niederlegte.

Menschen, die mit dem freien, ungebundenen Leben der Tiere nicht eingehend vertraut sind, werden mir vorwerfen, ich hätte ihnen zu viel Menschliches angedichtet; andere jedoch, die mitten in der Tierwelt leben und infolgedessen mit den Gewohnheiten und dem oft verblüffenden Instinkt vertraut sind, werden mir gewiß Glauben schenken.

Die Hasen besitzen natürlich keine Sprache, die wir Menschen verstehen, aber sie haben eine bestimmteWeise, ihre Gedanken durch ein System von Lauten, Zeichen, Bewegungen der Schnurrhaare und Gebärden kundzugeben und damit das Reden vollkommen zu ersetzen. Obwohl ich diese Geschichte frei aus der Hasensprache ins Menschliche übertrage, wiederhole ich nichts, was ich nicht Gliedern der großen Sippe Hase wirklich abgelauscht hätte.

Das rauschende Schilf am Teichesrand neigte sich und verbarg das warme, trauliche Nest, wo Zottelohrs Mutter ihren Einzigen versteckt hielt. Sie deckte ihn mit zarten Grashalmen warm zu, und ihr letzter mütterlicher Rat war wie immer: »Bleib stilliegen und halte den Mund, mag kommen, was da will!« Zottelohr, obwohl im warmen Bettchen, dachte natürlich nicht ans schlafen und musterte mit seinenklugen Äuglein das Stück seiner kleinen, grünen Welt, das sich über ihm auftat. Dort oben schimpften sich eine Elster und ein Eichkätzchen, zwei gar berüchtigte Mausehaken, gegenseitig Diebe, und einmal war Zottelohrs Heimatsbusch sogar der Mittelpunkt eines hitzigen Kampfes. Eine Goldammer erwischte einen blauen Schmetterling kaum sechs Zoll vor seiner Nase, und ein purpurrot und schwarz getüpfelter Marienkäfer, der mit seinen kulpigen Fühlern winkte, machte gravitätisch einen langen Spaziergang einen Grashalm hinauf, einen anderen hinab, quer durch das Nest und gerade über Zottels Nase. Jedoch Zottelohr rührte sich nicht und überwand es sogar, zu blinzeln oder zu niesen.

Nach einer Weile hörte er ein fremdartiges Rascheln im Laub des nahen Dickichts, ein eintöniges, ununterbrochenes Rauschen, und obwohl er es bald hier, bald dort vernahm, kam es näher und näher, aber Tritte waren es nicht. Zottel hatte sein ganzes Leben (er war dazumal drei Wochen alt) im Moore zugebracht, und dennoch hatte er niemals etwas Derartiges gehört. Seine Neugierde war natürlich aufs höchste gespannt. Die Mutter hatte ihm zwar befohlen, stilliegen zu bleiben, aber nur im Falle einer Gefahr, und dieses fremdartige Geräusch ohne vernehmbare Tritte konnte gewiß nichts Gefährliches bedeuten.

Das leise Rascheln ging dicht an ihm vorüber,dann zur Rechten, dann wieder zurück und schien sich schließlich zu entfernen. Zottel wußte sofort, was zu tun sei; denn er war ja kein Baby. Es war seine Pflicht als Hase, zu erfahren, was es da gab. Er erhob langsam seinen weichen, rundlichen Körper auf den flaumbedeckten, kurzen Beinchen, schob den dicken Kopf über die schützende Wand des Nestes und lugte neugierig hinaus in den Wald. Da er nichts Besonderes entdecken konnte, machte er einen Schritt vorwärts und – befand sich Auge in Auge mit einer ungeheueren, schwarzen Schlange.

»Mama,« kreischte Zottelohr in tödlichem Entsetzen, als das Ungeheuer auf ihn zuschoß. Mit aller aufwendbaren Kraft seiner schwachen Beinchen versuchte er zu laufen. Aber wie der Blitz hatte ihn die Schlange am Ohr und wickelte sich voll gieriger Lust um das hilflose kleine Häschen, das sie sich zum Mittagsmahl auserkoren.

»Mama, Mama,« keuchte der arme Kleine, als das grausame Ungetüm begann, ihn langsam zu Tode zu würgen. Bald, gar bald würde des Kleinen Schrei verstummt sein, aber da kam Hilfe in der Not; mit langen, atemlosen Sätzen kam durch den Wald – die Mutter. Nicht länger mehr eine scheue, furchtsame Häsin, stets bereit, auch vor einem Schatten davonzulaufen – die Mutterliebe war in ihr erwacht. Der Hilfeschrei ihres Einzigen hattesie mit der Tapferkeit einer Heldin erfüllt, und – hopp, setzte sie über den ekelhaften Wurm. Beim Sprunge schlug sie mit ihren starken, scharfbewaffneten Hinterläufen kräftig aus und versetzte der Schlange einen solchen Schlag, daß sie sich vor Schmerzen krümmte und vor Wut zischte.

»Mama,« wimmerte ganz schwach ihr Kleinod. Und die Mutter wiederholte ihre Sprünge wieder und wieder und schlug heftiger und ungestümer bei jedem Satz, bis das abscheuliche Gewürm Zottels Ohr fahren ließ und nach Atem schnappte, aber alles, was es erwischen konnte, war ein Flöckchen Wolle. Der Häsin sausende Hiebe fingen an, ihre Wirkung zu zeigen; denn lange, blutige Striemen waren in den Schuppenpanzer des schwarzen Ungetüms gerissen.

Die Sache begann der Schlange ungemütlich zu werden, und indem sie sich für den nächsten Angriff vorbereitete, lockerte sich der eiserne Griff, mit dem sie das kleine Häschen umklammerte, das sofort aus der furchtbaren Umschlingung herauskroch und im Niederholz verschwand, außer Atem und zu Tode entsetzt, aber unversehrt bis auf sein linkes Ohr, das vom scharfen Zahn arg zerfetzt war.

Die Mutter hatte damit alles erreicht, was sie wollte. Sie fühlte keine Neigung, um Ruhm oder Rache zu kämpfen; so verschwand auch sie im Wald, und das befreite Häschen folgte ihrer weißenBlume wie einem Leuchtturm, bis sie in einer sicheren Ecke des Moores angelangt war.

Alt-Olifants Moor war ein unwirtlicher Waldzug, voll von Dorngestrüpp und jungem Nachwuchs, mit einem morastigen Teich und von einem Flusse durchquert. Ein paar alte Veteranen des Hochwaldes waren noch stehen geblieben, und einige noch ältere Baumstümpfe lagen im Unterholz umher wie Leichensteine. Die Gegend im Umkreis des Teiches war von der weidenbewachsenen, schilfigen Beschaffenheit, die Katzen und Pferde vermeiden, die jedoch das Rind aufsucht. Die trockeneren Streifen waren überwuchert mit wilden Rosen und jungen Bäumchen, und der äußerste Gürtel des Ganzen, dem sich das freie Feld anschloß, bestand aus schlank gewachsenen, biegsamen, jungen Fichten, deren frische, grüne Nadeln dem einsamen Wanderer einen erfrischenden, balsamischen Duft zusandten. Doch wehe jedem Unkraut, das es wagt, seine Nährkraft aus dem angestammten Boden der Fichte zu ziehen; sicherer Untergang durch das erstickende Leichentuch der absterbenden Nadeln droht ihm gewiß.

Im weiten Umkreis dehnte sich das freie Feld, und die einzigen Wildpfade, die jemals die Waldungen durchkreuzten, waren die eines ganz gewöhnlichen, gewissenlosen Fuchses, dessen festes, unterirdisches Raubschloß nur allzunahe lag.

Die Hauptbewohner des Moores waren Zottelohr mit seiner Mutter, deren nächste Nachbarn weit entfernt lebten und deren Verwandtschaft schon längst zu den Vätern versammelt war. Das waldbewachsene Marschland war ihre Heimat. Hier lebten sie ihr anspruchsloses Hasenleben, und hier war es, wo Zottelohr die Erziehung genoß, die ihn zu einem tüchtigen Hasen machte, der dem Ernst des Lebens mit Charakter entgegentrat.

Mama Hase war eine treue, kleine Mutter, die ihr Söhnchen erzog, so gut sie es eben konnte. Das erste, was sie ihm beibrachte, war »Stilliegen und Schweigen«. Das Abenteuer mit der Schlange lehrte Zottel die tiefe Weisheit dieses Rates ganz begreifen. Er vergaß die Lehren niemals und handelte in späteren Tagen genau so, wie man es ihm angeraten, was sich in den meisten Fällen auch als das einzig Richtige erwies.

Das zweite, was er lernte, war »Erstarren«. Es ergibt sich ganz von selbst aus dem ersten und wurde Zottel, sobald er ordentlich laufen konnte, in der Praxis beigebracht.

»Erstarren« bedeutet einfach, sich nicht rühren und zur leblosen Statue werden. Sobald ein gut erzogener Hase entdeckt, daß ein Feind ihm nachstellt, bleibt er gerade wie und wo er ist, und vermeidet ängstlich jede Bewegung. Dies ist ganz natürlich; denn die Bewohner des Waldes, die von dergleichen Farbe wie Erde, Baum und Strauch sind, ziehen nur dann das Auge des Verfolgers auf sich, wenn sie sich rühren. Begegnen sich nun zwei Feinde auf den einsamen Wald- und Wildpfaden, so ist der, der den Gegner zuerst erblickt, im Vorteil, weil er sich durch »Erstarren« unsichtbar machen und dann den richtigen Zeitpunkt für Angriff oder Flucht selbst wählen kann. Nur wer mit dem Leben und Treiben des Waldes innig vertraut ist, ist imstande, die Bedeutung des Erstarrens ganz zu fassen. Jedes Tier im freien, grünen Forst und jeder Jäger muß es erst lernen, und die meisten Tiere bringen es zu einer erstaunlichen Vervollkommnung, doch keines konnte es Mutter Hase gleichtun. Sie lehrte Zottel dieses Kunststück an Beispielen. Wenn das weiße Kissen, das sie als bequemes Sitzpolster immer mit sich trug, durch die Waldung dahinflog, hopste Zottelohr hinterher, so schnell er konnte, um wenigstens annähernd Schritt zu halten, doch wenn die Mutter plötzlich anhielt und »erstarrte«, tat er, veranlaßt vom natürlichsten Nachahmungstrieb, genau das gleiche.

Die tiefste Weisheit jedoch, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam, war das Geheimnis des wilden Rosenbusches. Es ist eine uralte Geschichte, und um sie ganz zu verstehen, muß man erst erfahren, warum der wilde Rosenstrauch mit den Tieren in Feindschaft geriet.

In alten, alten Zeiten blühten die Rosen auf Sträuchern ohne Dornen. Aber das Eichhörnchen und die Maus kletterten nach ihnen, und die Kuh stieß sie mit ihren Hörnern herab. Das Opossum peitschte sie mit seinem langen Schwanz herunter, und das Reh trat sie mit seinen scharfen Hufen nieder. Deshalb bewaffnete sich der Rosenstrauch mit spitzen Stacheln, um seine Rosen beschützen zu können, und erklärte allen Geschöpfen ewige Fehde. Von dieser Kriegserklärung wurde niemand ausgenommen als der Hase; denn er konnte ja nicht klettern, war huflos und hatte weder Hörner noch einen Schwanz, wenigstens keinen, den man als solchen bezeichnen konnte.

Und in der Tat, niemals hat ein Hase einer wilden Rose ein Leid zugefügt, und da sie so viele Widersacher hatte, machte sie den Hasen zu ihrem Busenfreund. Und wenn Gefahr dem armen Lampe droht, flieht er zum nächsten Rosenbusch; denn er weiß ja, daß dieser bereit ist, ihn mit tausend spitzigen Schwertern zu verteidigen.

Der Tod Silberflecks

Der Tod Silberflecks

Das ist die geheimnisvolle Überlieferung von der innigen Freundschaft des Rosenstrauchs mit Meister Lampe. – Die Hasenmutter war klug genug, ihre kostbare Zeit vor allem zu benutzen, um das gelehrige Söhnchen mit der Geographie des Landes, den tausend Irrpfaden zwischen den Brombeer- und Dornensträuchern, vertraut zu machen, und Zottel kannte sie bald so gut, daß er sich auf zwei verschiedenen Wegen durch das Moor nach Hause finden konnte, ohne sich dabei von den stets hilfsbereiten, wilden Rosen weiter zu entfernen als höchstens fünf Hopse.

Nicht lange ist’s her, da bemerkten die Feinde der Hasen mit gerechtem Unwillen, daß die Menschen eine neue Sorte von Dornenhecken erfunden hatten und diese in langen Reihen durch das ganze Land pflanzten. Diese Hecken waren so stark, daß niemand sie niederbrechen konnte, und so scharf, daß sie das dichteste Fell erbarmungslos zerrissen. Jedes Jahr erschienen mehr und mehr, und jedes Jahr wurde die Sache für die freien Waldbewohner ernsthafter. Nur Mutter Hase hatte von dieser Neuerung nichts zu fürchten, denn nicht umsonst war sie unter den wilden Rosen aufgewachsen; aber Hunde und Füchse, Kühe und Schafe, ja selbst Menschen rissen sich gar jämmerlich an diesen furchtbaren Stacheln, und je weiter sich dieser bisher ungekannte und nun gefürchtete Dornstrauch ausbreitete, desto sicherer wurde das Land für die Hasen und destoruhiger konnten sie leben unter dem Schutze des – Stacheldrahtzauns.


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