Am Ziel

Am Ziel

»Donnerwetter, haben Sie einen Dusel gehabt, so ungeschoren hier hereinzukommen! Uns haben die Hosen geflattert, als wir Sie so dicht am Engländer vorbeijagen sahen!« meint Kapitän Schaap nach den ersten Worten der Begrüßung. Er hat lange Zeit einen kleinen Dampfer hier an der Küste gefahren und kennt jedes Loch wie seine Westentasche. Er ist der »Marie« in einem kleinen Boote entgegengefahren, um sie durch die gefährliche Einfahrt so weit aufwärts zu bringen, daß sie gegen Sicht von See aus geschützt ist und auch ohne besondere große Vorbereitungen löschen kann. Das blaue Wasser des Ozeans, das bei den geringeren Wassertiefen bereits eine zartgrüne Farbe angenommen hatte, macht jetzt trübem Braun Platz. Die Regenzeit herrscht noch, es gießt täglich mehrere Stunden vom Himmel herunter, alle Flußläufe führen Wasser, das in starkem Strom Schwemmland mit sich nach See zu reißt.

Von beiden Seiten tritt das Land näher heran. Bis weit in das Wasser stehen an einzelnen Stellen üppige Mangrovebüsche, die in ihrer tropischen Fülle kaum einen Durchblick gestatten; dahinter breitet sich die Höhen hinan Urwald. Eine undurchdringliche grüne Mauer, durch die sich Lianen und Schlinggewächse ziehen, und durch deren Dunkel sicherlich noch kein Sonnenstrahl gedrungen ist. Den Boden bildet einwirres Durcheinander gefallener Stämme, aus deren Moder in unerschöpflicher Fülle neues Leben emporsprießt. Die Erde hier trocknet nie aus und wehrt sich erfolgreich gegen jeden Eindringling.

Hart arbeitet die Schraube gegen die Strömung an, die hier mehrere Meilen läuft. Der Dampfer muß unbedingt noch vor Anbruch der Nacht seinen Liegeplatz erreichen, um sich nicht am nächsten Tage durch aufsteigenden Rauch den Engländern, die draußen kreuzen und die Küste scharf beobachten, zu verraten. Eine vorspringende Huck wird gerundet. An Steuerbord öffnet sich der Busch, helle Häuser, Negerhütten, mit Stroh und Schilf gedeckt, treten an das Wasser heran, wo eine Aufschüttung das Anlegen von Leichtern ermöglicht: Ssudi. Querab rasselt zuerst der Steuerbord-, dann der Backbordanker in den Grund. Zweimal noch wird Kette gesteckt, bis genügend von ihr aus ist, dann liegt der Dampfer still.

Mit einem Schlage, fast ohne Uebergang, bricht die Tropennacht herein. Kaum hundert Meter ab liegt das Land. Nichts ist zu sehen, tiefe Dunkelheit lagert gleichmäßig über der Bucht und den Ufern. An Land flackert ein kleines offenes Feuer. Mehrere Gestalten zeigen sich mitunter in seinem Scheine, huschen hin und her und verschwinden im Innern einer Hütte.

Tiefe Stille breitet sich nach den Aufregungen des Tages. Kein Laut unterbricht sie. Das eintönige Rauschen des Flusses nur, der sich am Bug teilt, ist zu hören. Nach mehr als zwei Monaten die erste Nacht, in der das Stampfen der Maschine verstummt, in der nicht von Bord aus unablässig die Dunkelheit durchforscht werden muß. Kein Spähen nach dem Feinde. Wohltuende, völlige Entspannung aller Nerven. Auch heute liegt der Dampfer dicht abgeblendet, kein Lichtschimmer dringt nach außen. Diesmal freilich gilt die Vorsicht weniger demGegner als den Moskitos, die zu Tausenden längs des Flusses schwirren. Zum erstenmal auch seit langem sitzt die Mannschaft, bis auf die paar Leute, die in Heizraum, Maschine und an Oberdeck Wache halten, zusammen auf der Back. Helle Freude herrscht überall über die gelungene Fahrt. Besonders schmeichelhafte Urteile werden über den Engländer gefällt, der so liebenswürdig war, ihr Schiff ungestört seines Weges ziehen zu lassen. Was die nächsten Tage und Monate bringen werden, wie sich das weitere Schicksal der »Marie« gestalten wird, bekümmert sie heute nicht. Ist’s bisher gut gegangen, wird es auch ferner glücken.

Bedeutend ernster ist die Stimmung unter den Offizieren, die im Salon versammelt sind. Der gefährlichste Teil des Auftrages ist allerdings ausgeführt, und was der geglückte Durchbruch bedeutet, welchen Einfluß die Ladung auf den Fortgang der Operationen haben wird, das erzählt ihnen jetzt Kapitän Schaap, der die Nacht über an Bord bleibt. Seit Stunden schon ist die Meldung über das unbemerkte Einlaufen abgegangen. Welche Freude mag sie auslösen! Freilich noch lange nicht ist die Gefahr geschwunden, immer noch ist es möglich, daß die Engländer den Dampfer nachträglich aufspüren. Wie leicht kann es ihm dann gehen wie dem Dampfer, der ein Jahr vorher schon mit ähnlicher Ladung unter Kapitän Christiansen die Blockade brach. Auch er war glücklich in die weiter nördlich gelegene Mansa-Bucht hereingekommen. Dabei aber spürte ihn der englische Kreuzer »Hyacinth« auf und eröffnete das Feuer auf ihn. Stundenlang wurde er beschossen, bis er brennend sank. Ein glückliches Geschick ließ ihn allerdings so wegsacken, daß keine Explosion erfolgte und die Ladung geborgen werden konnte. Unendlich mühselig war die Arbeit, monatelang dauerte es, bis die letzte Kiste an Land geschafft war.Vor allem gelten die Besprechungen dem Löschen der Ladung. So leicht und selbstverständlich die Befrachtung mit Hilfe der zahlreichen Einrichtungen in der Heimat durchzuführen war, so schwer gestaltet sich hier das Löschen, wo jede Hafeneinrichtung fehlt und wo menschlicher Geist für die Maschinen Ersatz suchen muß. Glücklicherweise ist ein Teil der Besatzung der »Königsberg« dazu bestimmt, mit Hand anzulegen und hat auch bereits Vorbereitungen getroffen.

Frühzeitig begibt sich alles zur Ruhe. Der morgige Tag erfordert alle Kräfte. Draußen kreuzt der Feind, jede Stunde kann die Entdeckung bringen. Was dem Schiff selbst geschieht, ist zunächst gleichgültig, die Ladung aber muß in Sicherheit gebracht und so schnell wie möglich aus der gefährlichen Nähe des Gegners weg an die Front geschafft werden. Vorn und achtern in den Logis ist längst alles zur Ruhe gegangen. Auch im Salon verstummt allmählich das Gespräch. Einer nach dem andern sucht seine Kammer auf. Das Licht erlischt. Kein Laut mehr. Nur das gleichmäßige Auf und Ab der Wache klingt durch die Nacht.

Die ersten Sonnenstrahlen schießen im Osten hoch. Der nachtdunkle Himmel erhellt sich, wird grau, heller und heller, geht für Sekunden in flammendes Rot über, bis die Sonne über den dichtbewaldeten Höhen erscheint. Die bläulichen Morgennebel, die über Fluß und Wald lagern, scheinen in sich zu zerfließen. Eine Weile noch haften sie am Grün, dann verschwinden sie und geben den Blick frei. Das Leben erwacht. Längst sind die Ladeluken geöffnet, der Dampf für die Winden wird zur Probe angelassen. Ratternd beginnen sie sich zu drehen, die Ladebäume neigen sich zum Hieven. Gleichzeitig fast mit den Vorbereitungen an Bord stoßen von Land mehrere Leichter ab. Von Weitem schon klingen fröhliche Zurufe herüber. Leute der »Königsberg« kommen mitzahlreichen Eingeborenen, um mit Hand anzulegen beim Löschen der Ladung.

Längst bevor der Tag graut, ist der alte Eilers an Deck gekommen. Schon am Abend hat ihm Kapitän Sörensen mitgeteilt, daß Mannschaften der »Königsberg« hier an Land seien und morgen an Bord kämen. Seither hat er auch nicht einen Augenblick Ruhe gefunden. Während die andern im tiefen Schlummer der Erschöpfung noch gleichmäßig atmen, hat er sich erhoben und ist an Deck gehuscht. Ob sein Junge dabei sein wird? Sicher ist, daß er von den Kameraden Näheres über sein Schicksal erfährt. Seit dem Anbruch des Tages spähen seine Blicke ununterbrochen hinüber nach Land. Er sieht die vielen Gestalten der deutschen Seeleute, die dort an den Prähmen herumhantieren, aber die Entfernung ist zu groß, um die Gesichter erkennen zu können. Sie gleichen einander vorläufig alle. Dann endlich, viel zu langsam für seine Ungeduld, setzen sie ab und kommen bei der Strömung heran. Näher und näher. Jetzt sind Gesichter auszumachen. Tiefbraun, sonnenverbrannt. Die Stimmung unter ihnen scheint überaus vergnügt; leicht begreiflich. Gibt’s hier doch wieder seemännische Arbeit nach dem langen Einerlei der letzten Monate. Nicht eine Sekunde läßt sie der Alte aus den Augen, auf jedem einzelnen Gesicht haftet sein suchender Blick. Vorn der Junge, der könnte es wohl sein, wenn er nicht so breit und kräftig wäre, aber das Gesicht? ... Zitternd, als wenn ihm der Laut nicht aus der Kehle wollte, klingt es von der Reeling zum Boote hinunter: »Willem!« ... Und ein zweitesmal, lauter, kräftiger, als hätte er nun die Befangenheit überwunden. Mit einem Ruck fährt der Junge hoch, erstaunt sucht sein Blick nach dem, der ihn gerufen. Ein kurzes Stutzen, ein jauchzender Laut: »Vadder! Wo kumst du her? Büst dudat würklich?« Und ebenso die Antwort: »Jo, Junge, jo, ick bünt! Oh, wat’n Glück, dat ick di wedder seg!« ...

Leinen fliegen hinunter auf die Leichter, sofort werden sie belegt, und nach Minuten sind die plumpen Fahrzeuge längsseit festgemacht. Der erste, der sich über die Reeling schwingt, ist der junge Eilers. Mit einem Satz ist er bei seinem Vater. Keine Umarmung. Nur fest umschließen sich die Hände, als wollten sie sich niemals loslassen. Lange blickt der Alte dem Sohn in die Augen, dann gibt er ihn frei. Kein Wort weiter wird gewechselt. Der Junge ist noch derselbe, wie er von ihm ging, nur gehärtet noch durch die fast zwanzig Monate Krieg. Kein Kind mehr; der da vor ihm steht, ist ein Mann geworden, mit dem er wohl zufrieden sein kann. Die Arbeit ruft. Was die beiden einander sich zu sagen haben, soll bis zum Abend aufgeschoben werden.

Die Winden rattern, eine Kiste nach der andern wird geheißt, schwebt Sekunden über dem Deck und gleitet in die Leichter, die bald gefüllt nach Land zu streben, um anderen, leeren, Platz zu machen. Glühendheiß brennt die Tropensonne herunter. Längst arbeiten die Leute nur mit Troiern und Hosen bekleidet, während der Tropenhelm mit dem Nackenschleier sie gegen die sengenden Strahlen schützt. Unaufhörlich rinnt der Schweiß vom Körper. Ein flüchtiges Wischen mit dem braungebrannten Unterarm, und angespannt geht die Arbeit weiter. Sie wissen alle, worum es sich handelt. Nicht eine Sekunde darf verloren gehen, bis zum Aeußersten muß das Tageslicht ausgenutzt werden. Kaum daß die Leute sich Zeit zum Mittagessen gönnen. Lange schon haben sie handfeste deutsche Kost entbehrt und mit dem vorlieb nehmen müssen, was das Land ihnen bot. Noch aber ist der letzte Bissen nicht hinunter, als alle Hände schon wieder zugreifen. Hoch oben im Ausguck sitzt ein Matrose. Er lugt nach der Ausfahrt, um das Nahen einesFeindes zu melden. Zum Glück aber zeigt sich nichts, und ungehindert nimmt die Arbeit ihren Fortgang.

Der Abend naht, und mit einem Schlage macht die Dunkelheit dem Treiben ein Ende. Ein Teil der »Königsberg«-Mannschaft bleibt die Nacht über an Bord, um beim Morgengrauen gleich zur Stelle zu sein ... Sie sitzen an Deck, hauen in die langentbehrten Speckerbsen ein und suchen dann den Moskitos durch mächtiges Qualmen entgegenzuwirken.

Auf der Back hat sich um Eilers und seinen Jungen eine kleine Gruppe gebildet. Während des Tages haben die beiden kaum Gelegenheit gehabt, ein Wort zu wechseln. Jetzt tauschen sie, leise flüsternd, die Gedanken aus, die sie bewegen. Wie es mit dem Krieg geht, fragt der Junge, wie es in dem kleinen Häuschen zu Hause in Krautsand an der unteren Elbe aussieht, wer von den Freunden hinauszog und wer geblieben ist. Dann muß der Sohn dem Vater erzählen. Von seinen Erlebnissen, seit er Anfang Mai 1914 auf der »Königsberg« die Heimat verließ. Große Reden kann er nicht führen. Schlicht, wie sich eben alles in ihm abgespielt hat, berichtet er. Merkt nicht, wie das Gespräch um ihn mehr und mehr verstummt, wie sie alle an seinen Lippen hängen, gerührt von der Erzählung, die gerade so, wie der Junge sie wiedergibt, ein Bild des Heldentums der auf sich selbst angewiesenen und dem sicheren Tode geweihten Auslandskreuzer ist:

»Daß wir Anfang Mai von Wilhelmshaven abfuhren, weißt du ja, Vadder, und meinen Brief aus Port Said werdet ihr wohl noch bekommen haben. Dann ging die Geschichte los. Wir waren eben auf unserer Station in Tanga angekommen. Es war Ende Juli, als die Depeschen von zu Hause kamen, daß es wohl bald Krieg geben würde. Zuerst wollten wir das gar nicht glauben, dann aber nahmen wir soviel Kohlen und hatten auch einen ganzen Haufen von an Deckstehen, daß wir uns selbst sagen mußten, es würde doch ernst werden. Dann gingen wir in See, um feindliche Handelsschiffe zu jagen. Na, es hat auch gar nicht lange gedauert. Am 6. August hatten wir schon den ersten gekitscht. Ein großer Kerl war es, ein Engländer, hieß »City of Winchester«. Paar Tage behielten wir ihn bei uns, dann haben wir ihn doch versäuft, wir konnten uns nicht länger mit ihm besacken. Vater, das machte wohl Spaß. Das Schönste kam aber, als wir den englischen Kreuzer »Pegasus« zu fassen kriegten. Dieser Kerl hatte die offenen Städte an der Küste beschossen, wo sie sich doch gar nicht verteidigen konnten. Ein paar Tage haben wir den Burschen umsonst gesucht. An der Küste war er nicht mehr, er konnte nur in Sansibar sein. Wir also möglichst vorsichtig heran. Es war Sonntag morgen und noch pickeduster. Weit draußen trafen wir ein englisches Wachschiff. Drei Schüsse, und es sackte weg. Eben ging die Sonne hoch, da meldet auch schon der Ausguck, daß im Hafen, von dem wir ungefähr sechs Seemeilen ab waren, unser Kreuzer liegt. Bis auf achtzig Hektometer, weißt du, Vater, das sind acht Kilometer, gingen wir heran, und dann haben wir herausgejagt aus unseren Kanonen, was nur heraus wollte. Und ich kann dir sagen: das war fein! In einer Viertelstunde brannte der Pott lichterloh und sackte weg. Wir sahen bloß noch, wie die Boote haste was kannste nach Land pullten. Den haben wir ja fein hingekriegt!

Dann kamen aber bald böse Zeiten. Wir konnten schlecht Kohlen bekommen und waren schließlich in den Rufidji-Fluß hineingelaufen, wo einer von unseren Kohlendampfern lag. Ein halbes Dutzend Engländer ungefähr war uns auf dem Hals, und dort fanden sie uns. Herankommen an uns konnten sie nicht, weil sie zu tief gingen, aber sie wollten uns auchnicht wieder herauslassen; so haben sie einen von unseren Dampfern und einen Engländer in der Mündung versenkt. Da lagen wir nun fest. Es gab wohl noch ein paar andere Auswege nach See zu, aber da konnten wir nicht hinkommen, da es zu seicht war. Lange blieb uns auch gar nicht Zeit dazu. Sie hatten bald ein paar Kanonenboote mit Haubitzen von England geholt, die uns nun auf den Pelz rücken wollten. Das kannst du mir aber glauben, ganz leicht haben wir sie nicht an uns herangelassen.

Wir waren so weit heraufgegangen, wie nur möglich, und lagen ganz schön versteckt hinter den Palmen, als die Schießerei losging. Die großen Schiffe hatten ja öfters schon von See aus auf uns gefeuert, aber die Granaten waren alle über uns weggeflogen. Hättest mal sehen sollen, wie der Schlick hochging, wenn ein dicker Brummer mitten hineinflog.

Mit unseren Kanonen konnten wir auch nicht viel machen. Da haben wir sie an einer Seite abmontiert und an Land geschleppt. Das war eine Arbeit! Soweit wie möglich haben wir sie ja auseinandergenommen, dann ging es tagelang durch den Schlick und den Urwald nach der Mündung, ohne daß die Engländer etwas merkten. Bis zum Bauch sackten wir oft ein, aber es mußte geschafft werden, und unsere Offiziere haben uns fix herangekriegt. Immer wieder rissen wir uns hoch und keuchten weiter. Das schlimmste waren die Nächte in dem Gestrüpp. Kaum daß wir ein Plätzchen hatten, wo wir uns hinlegen konnten. Und dann die verfluchten Moskitos! Unser Doktor hatte uns aber ordentlich Chinin mitgegeben, und das aßen wir. Nach ein paar Tagen hatten wir aber auch unsere Kanonen schon aufgebaut, und als die Engländer wieder herankamen, ging’s los. Die haben ja Augen gemacht, als wir in ihrem Rücken zu ballern anfingen. Damit haben sie nicht gerechnet.Dann nahmen sie uns auch von See wieder unter Feuer. Das war ja wohl nicht ganz so schön. Die Granaten von den großen und kleinen Schiffen heulten nur so um uns herum. Äste, Zweige, ganze Baumkronen kamen von oben herunter. Trotzdem haben wir uns lange gehalten. Bis wir nicht mehr konnten. Darfst aber nicht glauben, daß vielleicht einer von uns schlapp gemacht hätte! Das gab es nicht! Die Tage wird wohl keiner von uns vergessen. Mitunter hatten wir achtundvierzig Stunden nichts zu essen. Nachts fand keiner durch den Urwald, nur die Neger, die die Wege genau kannten, brachten uns das Nötigste. Freilich, fett konnten wir dabei nicht werden. Aber wir freuten uns trotzdem, daß wir den Engländern doch ihre Geschichte mächtig versalzen haben. Als sie dann landeten und wir auch nicht recht mehr Granaten hatten, haben wir unsere Kanonen abgebaut und in Sicherheit gebracht. Nachgekommen sind sie uns nicht, dazu hatten sie viel zu viel Manschetten vor uns.

Böse wurde der Kram, als die englischen Flieger kamen. Einen haben wir heruntergeknallt, zwei andere aber konnten nachher das Feuer doch so leiten, daß die arme »Königsberg« einen Treffer nach dem andern kriegte. Im Juli haben sie uns an zwei Tagen vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein beschossen. Viel ist nicht übrig geblieben. Die Geschützmannschaften des Vorschiffes waren alle tot, der Kommandant auf der Brücke schwer verwundet, das ganze Oberdeck brannte. Im Achterschiff ging die Gebrauchsmunition an den Geschützen hoch, und schließlich fing alles Feuer. Dann ließ unser schwer verwundeter Kapitän die Munitionskammern fluten. Zweimal haben sie an Bord noch geschossen und mit dem letzten Schuß den einen von den beiden Fliegern heruntergeholt. Dann war es aus. Alles an Oberdeck war tot oder verwundet, auch der Klaus Mewes von Nachbars ist geblieben. Die nochlebten, nahmen die Verwundeten mit an Land, und dann hat unser Erster Offizier mit einem Torpedokopf unser schönes Schiff gesprengt, daß es in zwei Stücken auseinanderbrach. Die Flaggen wehten noch an den Masten, und eben vor dem Dusterwerden haben wir sie ganz zerschossen heruntergeholt und geborgen.

Über acht Monate haben sich die Engländer an uns gequält, und glaub’s mir, Vater, wenn es nicht so viele gewesen wären, hätten sie uns überhaupt nicht gekriegt. Nur die Flieger und die Haubitzen haben’s gemacht. Wir haben aber auch ein paar Gefangene mitgebracht von dem Flugzeug, das wir vor Weihnachten abgeschossen hatten. Die Kerls mußten heruntergehen und trieben an Land. Da sind wir fix losgelaufen. Sie wollten wieder ausrücken, aber wir ihnen nach, in den Modder hinein. Schön sahen wir ja nicht aus, dafür aber hatte uns unser Oberleutnant belobt und auch dem Kapitän von uns erzählt.

Dann wurden wir überall hin verteilt: ein paar kamen auf die großen Seen, andere sind bei der Schutztruppe, und auch wir an Land haben hier schon allerlei erlebt.«

»Na, Gott sei Dank, daß nur dir nichts passiert ist, mein Jung! Das ist ja die Hauptsache!«

»Ja, Vadder, jetzt geht’s uns ja tadellos. Wir haben ordentlich Schakulla gemacht. Weißt du, so sagen die Schwarzen hier, die sich am liebsten den ganzen Tag den Bauch vollschlagen möchten. Aber es ist man gut, daß du uns nicht gesehen hast, als wir vom Busch zurückkamen. Das schlimmste war die Regenzeit. Wochenlang hat es Tag und Nacht gegossen, daß wir mitunter kaum hundert Meter weit gucken konnten. Wir hatten uns wohl ein paar Hütten aus Schilf und Stroh gebaut, aber da ging das Wetter glatt durch. Unser Zeug wurdeüberhaupt nicht mehr trocken. Wir hatten es im Gestrüpp und an den Dornen kaputt gerissen und sahen aus, wie die Vagabunden. Dann hinterher die verfluchten Moskitos! Hungern haben wir auch manchmal dürfen. Alle paar Tage mußten wir den Hosenbund enger nähen, sonst wär’ uns die Bux weggesackt. Dann ist’s man schlecht mit dem Laufen, und das haben wir doch manchmal gemußt!«

»Da kann ich auch einen Ton mitreden«, fällt einer der älteren Obermatrosen ein, der bisher ruhig neben dem alten Eilers saß und seine Freude daran hatte, wie der junge Kamerad die Mühseligkeiten im Busch und das Ende ihres Schiffes beschreibt. »Nu verklar deinem Vater man auch die Geschichte von unserer Prise!« »Donnerwetter ja, das hätte ich beinah vergessen! Das war ’n feinen Kram, Vadder, da haben wir die Engländer belurt! Mit ihren Kanonen konnten sie uns von See aus nichts tun, dichter heran ließ sie die Sandbank nicht. Und da hatten sie nun auf einen kleinen Schlepper ein paar Kanonen gestellt und versuchten, uns mit dem auf den Pelz zu kommen. Wir hatten unser Geschütz an einer andern Stelle aufgebaut, wovon die Kerls natürlich keine Ahnung hatten. Als sie nun an uns vorbei waren, haben wir ihnen einige Granaten hineingepfeffert. Versaufen wollten sie nicht, und in ihrer Angst jagten sie auf Land zu. Kaum hat unser Bootsmaat das gesehen, als er auch schon ruft: »Jungs, das ist ja unser alter Dampfer »Adjutant«, den kitschen wir uns!«Wir rausaus dem Busch, ins Wasser hinein, und in dem Augenblick, wo er aufläuft, haben wir ihn auch schon geentert. Die Engländer kamen überhaupt nicht zur Besinnung. Unser Kommandant machte ja nicht schlechte Augen, als wir mit unserem Schlepper längsseit kamen. Das schönste war ja, daß das Boot früher einmal uns gehört hatte. Es hatte auszubrechen versucht und war dabei abgefaßt worden. Sechs Kanonen mitder ganzen Munition haben wir erbeutet und einen Offizier und einundzwanzig Mann gefangengenommen.«

Einige Male schon will der ältere dem jungen Eilers in die Rede fallen. Jetzt, als er geendet hat, wendet er sich an den Vater. »Stimmen tut ja nun woll die Geschichte, aber der Junge hat ganz zu erzählen vergessen, daß er der erste oben war und gleich den Führer an der Gurgel zu fassen kriegte. Und dabei brüllte er, daß die ganze andere Bande vor Schreck gar nicht mehr an Widerstand dachte. Mit Ihrem Jungen dürfen Sie woll zufrieden sein, das is ’n fixen Kerl.«

Der Alte strahlt. Er spricht nicht, aber seine Augen leuchten, als er die Geschichte hört. Ist ja sein Junge, sein Einziger ....


Back to IndexNext