[image]Zum Schönsten und Holdesten, was im Dekameron, ja überhaupt bei irgend einem berühmten Dichter zu finden ist, zählen jene Novellen, in welchen die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des Edelsinns und der Seelengrösse berichtet werden. Schon Petrarca, welcher im übrigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an einer derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten Tages) ein solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann und immer wieder erzählte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer Verbreitung, mit eigener Mühe ins Lateinische übersetzt hat. Nicht minder schön und rührend ist jene schon erwähnte Erzählung vom Basilikumtopfe, handelnd von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger junger Leute, welche nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern auch eine schöne Dichtung, verfasst von dem Engländer Keats, veranlasst hat.Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, [pg 63] das man sich nur ersinnen kann, ist die Geschichte, welche am fünften Tage Fiammetta erzählt, von dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es würde mir eine Sünde scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio eigenen Worten wieder zu erzählen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese Erzählung stellt, ohne ein einziges überflüssiges Wort, eine edle und treue Liebe dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer so feinen, wehmütigen Einfalt erzählt, dass es schwerlich sonst je einem Dichter gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des Zuhörers so mächtig zu ergreifen.[image]Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig erschienenen Druckausgabe des Dekameron.[pg!64][image]BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in CertaldoUngemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden, welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto träumte. Ihm war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwürdigen Bilde, wie er erzählt: „Es kam mir vor, als befände ich mich in einem schönen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schöne, liebliche Hindin gefangen hatte, wie [pg 65] man nur je eine gesehen hat; es schien mir, als wäre sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es mir vor, als wäre sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen schien, das ich an einer goldenen Kette in den Händen hielt.“—In eben derselben Erzählung ist es überaus schön und rührend zu lesen, wie ein Mädchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide legt, ihm einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen Leichnam über und über mit Rosen zudeckt.Neben solchen Schönheiten findet man aber auch eine Menge von merkwürdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der Menschen. Über die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in fremden Seestädten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfährt man auch einiges [pg 66] über das Leben und Gebahren der schlauen und betrügerischen Dirnen von Palermo. Von dem so sehr berühmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in der fünften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und Kenner reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so köstlich munden, hören wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine prächtige Beschreibung köstlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die nötigen Fische unter den Augen der Gäste im Gartenteich von schönen Mädchen mit der Hand gefangen werden, findet man in der sechsten Novelle des zehnten Tages.Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von Schwarzkünstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Künstlern, von Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben durch Hörensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern. Wenn einer über die Beschäftigungen und Lebensweise der verschiedensten Menschen und Stände zu jener Zeit Genaues [pg 67] erfahren will, der wird in den sämtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel finden und lernen wie in diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren der Menschen von damals treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre Augen stellt. Dazu gehört auch seine Schilderung der schrecklichen Pest, welche mit Recht als ein Meisterstück angesehen wird. Der berühmte Herr Machiavelli, da er am Ende des zweiten Buches seiner Istorie Fiorentine dieser Schreckenszeit, gedenkt, enthält sich einer weiteren Beschreibung und redet nur von „der Pest, welche Messer Boccaccio mit so herrlicher Beredsamkeit geschildert hat und durch welche die Stadt mehr als 96000 Einwohner verlor.“ Und sicherlich hat selten ein so entsetzliches Unglück eine so köstliche Frucht getragen wie die grosse Pest von Florenz, zu deren Andenken das Dekameron geschrieben worden ist.[image][pg 68]
[image]Zum Schönsten und Holdesten, was im Dekameron, ja überhaupt bei irgend einem berühmten Dichter zu finden ist, zählen jene Novellen, in welchen die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des Edelsinns und der Seelengrösse berichtet werden. Schon Petrarca, welcher im übrigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an einer derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten Tages) ein solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann und immer wieder erzählte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer Verbreitung, mit eigener Mühe ins Lateinische übersetzt hat. Nicht minder schön und rührend ist jene schon erwähnte Erzählung vom Basilikumtopfe, handelnd von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger junger Leute, welche nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern auch eine schöne Dichtung, verfasst von dem Engländer Keats, veranlasst hat.Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, [pg 63] das man sich nur ersinnen kann, ist die Geschichte, welche am fünften Tage Fiammetta erzählt, von dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es würde mir eine Sünde scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio eigenen Worten wieder zu erzählen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese Erzählung stellt, ohne ein einziges überflüssiges Wort, eine edle und treue Liebe dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer so feinen, wehmütigen Einfalt erzählt, dass es schwerlich sonst je einem Dichter gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des Zuhörers so mächtig zu ergreifen.[image]Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig erschienenen Druckausgabe des Dekameron.[pg!64][image]BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in CertaldoUngemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden, welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto träumte. Ihm war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwürdigen Bilde, wie er erzählt: „Es kam mir vor, als befände ich mich in einem schönen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schöne, liebliche Hindin gefangen hatte, wie [pg 65] man nur je eine gesehen hat; es schien mir, als wäre sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es mir vor, als wäre sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen schien, das ich an einer goldenen Kette in den Händen hielt.“—In eben derselben Erzählung ist es überaus schön und rührend zu lesen, wie ein Mädchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide legt, ihm einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen Leichnam über und über mit Rosen zudeckt.Neben solchen Schönheiten findet man aber auch eine Menge von merkwürdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der Menschen. Über die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in fremden Seestädten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfährt man auch einiges [pg 66] über das Leben und Gebahren der schlauen und betrügerischen Dirnen von Palermo. Von dem so sehr berühmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in der fünften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und Kenner reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so köstlich munden, hören wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine prächtige Beschreibung köstlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die nötigen Fische unter den Augen der Gäste im Gartenteich von schönen Mädchen mit der Hand gefangen werden, findet man in der sechsten Novelle des zehnten Tages.Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von Schwarzkünstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Künstlern, von Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben durch Hörensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern. Wenn einer über die Beschäftigungen und Lebensweise der verschiedensten Menschen und Stände zu jener Zeit Genaues [pg 67] erfahren will, der wird in den sämtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel finden und lernen wie in diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren der Menschen von damals treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre Augen stellt. Dazu gehört auch seine Schilderung der schrecklichen Pest, welche mit Recht als ein Meisterstück angesehen wird. Der berühmte Herr Machiavelli, da er am Ende des zweiten Buches seiner Istorie Fiorentine dieser Schreckenszeit, gedenkt, enthält sich einer weiteren Beschreibung und redet nur von „der Pest, welche Messer Boccaccio mit so herrlicher Beredsamkeit geschildert hat und durch welche die Stadt mehr als 96000 Einwohner verlor.“ Und sicherlich hat selten ein so entsetzliches Unglück eine so köstliche Frucht getragen wie die grosse Pest von Florenz, zu deren Andenken das Dekameron geschrieben worden ist.[image][pg 68]
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Zum Schönsten und Holdesten, was im Dekameron, ja überhaupt bei irgend einem berühmten Dichter zu finden ist, zählen jene Novellen, in welchen die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des Edelsinns und der Seelengrösse berichtet werden. Schon Petrarca, welcher im übrigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an einer derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten Tages) ein solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann und immer wieder erzählte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer Verbreitung, mit eigener Mühe ins Lateinische übersetzt hat. Nicht minder schön und rührend ist jene schon erwähnte Erzählung vom Basilikumtopfe, handelnd von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger junger Leute, welche nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern auch eine schöne Dichtung, verfasst von dem Engländer Keats, veranlasst hat.
Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, [pg 63] das man sich nur ersinnen kann, ist die Geschichte, welche am fünften Tage Fiammetta erzählt, von dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es würde mir eine Sünde scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio eigenen Worten wieder zu erzählen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese Erzählung stellt, ohne ein einziges überflüssiges Wort, eine edle und treue Liebe dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer so feinen, wehmütigen Einfalt erzählt, dass es schwerlich sonst je einem Dichter gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des Zuhörers so mächtig zu ergreifen.
[image]Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig erschienenen Druckausgabe des Dekameron.
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Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig erschienenen Druckausgabe des Dekameron.
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[image]BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in Certaldo
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BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in Certaldo
Ungemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden, welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto träumte. Ihm war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwürdigen Bilde, wie er erzählt: „Es kam mir vor, als befände ich mich in einem schönen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schöne, liebliche Hindin gefangen hatte, wie [pg 65] man nur je eine gesehen hat; es schien mir, als wäre sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es mir vor, als wäre sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen schien, das ich an einer goldenen Kette in den Händen hielt.“—In eben derselben Erzählung ist es überaus schön und rührend zu lesen, wie ein Mädchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide legt, ihm einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen Leichnam über und über mit Rosen zudeckt.
Neben solchen Schönheiten findet man aber auch eine Menge von merkwürdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der Menschen. Über die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in fremden Seestädten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfährt man auch einiges [pg 66] über das Leben und Gebahren der schlauen und betrügerischen Dirnen von Palermo. Von dem so sehr berühmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in der fünften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und Kenner reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so köstlich munden, hören wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine prächtige Beschreibung köstlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die nötigen Fische unter den Augen der Gäste im Gartenteich von schönen Mädchen mit der Hand gefangen werden, findet man in der sechsten Novelle des zehnten Tages.
Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von Schwarzkünstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Künstlern, von Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben durch Hörensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern. Wenn einer über die Beschäftigungen und Lebensweise der verschiedensten Menschen und Stände zu jener Zeit Genaues [pg 67] erfahren will, der wird in den sämtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel finden und lernen wie in diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren der Menschen von damals treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre Augen stellt. Dazu gehört auch seine Schilderung der schrecklichen Pest, welche mit Recht als ein Meisterstück angesehen wird. Der berühmte Herr Machiavelli, da er am Ende des zweiten Buches seiner Istorie Fiorentine dieser Schreckenszeit, gedenkt, enthält sich einer weiteren Beschreibung und redet nur von „der Pest, welche Messer Boccaccio mit so herrlicher Beredsamkeit geschildert hat und durch welche die Stadt mehr als 96000 Einwohner verlor.“ Und sicherlich hat selten ein so entsetzliches Unglück eine so köstliche Frucht getragen wie die grosse Pest von Florenz, zu deren Andenken das Dekameron geschrieben worden ist.
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