„Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,Einen einzigen!“
„Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,Einen einzigen!“
„Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,Einen einzigen!“
„Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,
Einen einzigen!“
Briefe an Frau Lisbeth Macke
Liebste Freundin,
gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon schreibt mir Maria ganz traurig und verstört, daß wir ihn alle verloren haben. Ich bin so traurig und beklommen davon, daß Du es August’s und Deinem Freunde schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte nicht mehr schreibe, als daß ich nun das Ärgste weiß; und mit Dir um ihn trauern werde, so lange ich noch lebe und male! Vergiß uns, Maria und mich, nicht über dem Leid. Wir haben ein Häuschen und möchten Kinder sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du nur magst. Was Dir die Deinen sind, können wir Dir gewiß nie sein — aber das andere, was Dir und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und getötet hat, die Malerei von August, das Erbe seiner Ideen — dies Leben sollst Du bei uns weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. Laß Dir die Wangen streicheln von
Deinem treuen Franz
Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut?
Liebe Lisbeth,
ich weiß nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht „nichts-sagende“ Zeilen lieb sind — aber ich möchte so gern mit dir reden, und wäre es nur, um Dir ein bißchen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine traurige Karte mit der ungewissen Nachricht über den armen August, ich wußte inzwischen schon durch Maria und Koehler, daß doch noch eine kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, — möchte es doch sein! An französische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube ich absolut nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang des Krieges herrschte — übrigens auch bei uns, ich war inSaalesselbst Zeuge — ist längst einer strafferen Disziplin und auch reiferen, männlicheren Überlegung gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders sein. Der Postverkehr ist andrerseits so gänzlich abgeschnitten, daß er vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann, vor allem, wenn er in einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer noch ein bißchen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin.Ich denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben, gemeinsamen Erinnerungen, an August’s Atelier und was aus unsrer Freundschaft und gemeinsamen Arbeit noch hätte werden können!
Was mich für Dich tröstet, ist, daß Du wenigstens die beiden, lieben Buben von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir den Abschied von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige Gedanke, daß ich sie ganz allein zurücklasse, wenn ich nicht wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. Im Felde fürchtet man den Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht zwischen all dem fürchterlichen Sterben schließlich ganz kühl umher; aber, der Gedanke, kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergießt, zurückzulassen, ist für mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im allgemeinen wenig exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht zurückzukehren; aber ebenso felsenfest hab ich an August’s Stern geglaubt und doch schimmert er jetzt so trübe, daß man verzweifeln möchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschüttert und deprimiert als diese Nachricht. Sie quält mich oft des Nachts und taucht zwischen ganz anderen Gedanken immer wieder auf, daß ich erst jetzt ganz schwer fühle, was ich und wir alle an ihm verlieren würden. —
Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor allem unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den Vogesenkämpfen kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen; ich hab viel ruhige Stunden für mich und arbeite für mich an meinen Gedanken, die der Krieg in ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich finden, mit dem ich über das alles reden kann, wenn ich August nicht mehr habe? Du kannst es mit noch größerem Recht sagen, aber was Dir Freunde sein können, das sollst und wirst Du an uns finden. Grüße Deinen lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich riesig, daß er sich wenigstens gut erholt, grüße auch herzlich Deine Angehörigen und laß Dir einen Freundeskuß geben von Deinem treuen
Franz.
Liebe Lisbeth,
Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22. XII. hab ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von Koehler, der mir vonseinem melancholischen Besuch bei Euch erzählte und auch die näheren Umstände von August’s Tode schilderte. Nun sind wir wirklich allein, ohne unseren August, Du und Koehler und ich, und mit uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand geben in seinem Gedächtnis und versuchen, so viel wir nur können in unser Leben davon umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei. Vielleicht (ich hoffe es sehr) können wir uns dabei manchmal gegenseitig helfen. Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder bei uns in die Atmosphäre der Malerei rückst, die Dir Deine Familie nicht geben kann. Daß sich in Ried leben läßt, in unserem Häuschen, kannst Du mir schon glauben, vor allem auch für die Kinder. Und von Dir möchte ich noch viel über August hören und erfahren, vor allem über seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon, als wenn schon bald Friede wäre und dabei krachen draußen, 200 mtr. weit unsere Geschütze! Wir sind seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mühlhausen). Statt des erhofften Soldatenweihnachten in Mühlhausen, verbrachten wir die ganze Weihnachtsnacht am Pferd!
Einmal muß dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im Westen. Man vertröstet sich von einer Jahreszeit auf die andere!
Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt ihn ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als Infanterist doppelt und zehnfach.
Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine Photographie von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten unaufgezogen). Koehler schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August. Gib Walterchen und dem Kleinen einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du auch einen von Deinem treuen
Franz Marc.
Liebe Lisbeth,
wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im Ganzen und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar die Hand drücken möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide weiß, das Dein Leben für immer in das Schicksal dieses Krieges verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm Leben und mit dem Schicksalswillen diesesKrieges mitzittern. Es gibt merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles meiden, was ihre Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die „Neutralen“ im Lande!
Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und Verehrung herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem melancholischenHagévillegeschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glücklich. Ein solcher Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen Kunstpolemik vor dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in „Kunst und Künstler“ habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, wo Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K. gerne einverstanden bin, — vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir und unserm Freundeskreis von August’s Wert und unserer gemeinsamen Liebe erzählen soll.
Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas über ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von seinem Besuch bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn, er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich denke auch daran, wie wehmütig mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen machen würde und doch möchte ich so gern einmal, noch einmal August’s Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm durchschüttelt.
Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß melancholisch und ernst drein — so verändern sich die Dinge!!
Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten und wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen kameradschaftlichen Gruß von mir bei. —
Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé’schen Mädchen — auf solche köstlichen Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich!
Von Herzen Dein Franz Marc.
Liebe Lisbeth,
umstehend die von der Redaktion erbetene Autorisation zum Abdruck. Maria schrieb mir, daß sie etwas animos bei Dir angefragt hat; ich hatte die Geschichte mit Herrn Scheffler sokomplett vergessen, daß mir letzthin gar nicht recht klar wurde, worin eigentlich die Spannung zwischen mir und der Redaktion bestehe. Jetzt erinnerte ich mich plötzlich an alles, und wundere mich auch nicht über die Anfrage.Vive la bagatelle!Meine Gedanken sind heute wo ganz anders — es ist alles so lange lange her, als wären’s Jahre.
Auf Deinen lieben letzten Brief antwortete ich Dir kurz, tags darauf kam dann Dein gutes Schokoladepaketchen, schönen Dank! Bleibt alle gesund, Ihr lieben Drei. Mit herzlichem Händedruck
DeinFranz Marc.
Liebe Lisbeth,
Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm Ritt am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte mich in der Gartenwirtschaft am Bahnhof aus — da mußte ich so an Euch denken. Ich blieb dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas schweren Herzens zurück. Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der mir so deutsch und heimisch schien. Es kostete mich wirklich einen Entschluß wieder über den Rhein zurück nach Westen zu reiten! Wann werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren dürfen?! Daß Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich nicht sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge — auch eine Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen und fremden Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches andere, ich glaube, Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn Du mit den Kindern die Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen Besuch allein machst, wirst Du Maria und mir auch eine große Freude machen; und ich hoffe so sehr, daß er für Dich selbst eine kleine seelische Erholung wäre —.
Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff * * * ist lustig; ich wunderte mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei * * *. Ich kann Dir schwerraten in dieser Sache. Außer * * * käme eine Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafür müßte sich von vornherein eine richtige und gewichtige Persönlichkeit einsetzen; vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung könnte trotzdem die Bezeichnung „Von seinen Freunden veranstaltet“ tragen. Ich schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht in Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz glücklich — es würden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August’s Kunst in seiner Galerie einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und dergleichen, Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches Zimmer würde die Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und ein dauerndes Denkmal für August sein. Aber die geplante Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die Räumlichkeiten von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein unverschämtes Geld kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache stehen würde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die freudige und gesammelte Stimmung für ein solches Unternehmen. August’s Bilder bleiben immer jung, — nichts, was Wert hat, hat Eile; im Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser.
Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle herzlich gegrüßt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und W. Gerhardt mit Frau.
Dein Franz Marc.
Liebe Lisbeth,
jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August für immer Abschied genommen hast — rückte er damals gleich ab? Und nun liegt Helmuth verwundet — hast Du nähere Nachrichten? er schrieb mir wenige Tage nach seiner Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div. Westen; ich schrieb ihm sofort wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine Antwort, was mich etwas beunruhigt. Es war ein Granatsplitter im Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation, die glücklich verlaufen sein soll; aber, weiß Gott was hinterher kam; mich beängstigt sein Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig, wennes einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du über Helmuth weißt und besuche ihn ja, wenn das Lazarett für Zivilpersonen erreichbar ist. Es ist ja auch die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch allen; wo ist Dein Bruder? Grüß alle von mir und laß Dir die Hand drücken
von DeinemFranz.
Meine liebe, gute Lisbeth,
wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin sehr schreibeunlustig geworden — die Welt, die Arbeit und die Liebe, alles rückt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter, aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstät, unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer — Soldat! Ich kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und Kinderleben! — Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in gefährlichster Nähe der großen Offensive. Ich selbst kann über nichts klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Bälde Offizier sein; das erleichtert natürlich mein Leben äußerlich sehr, aber die geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch nur noch „dicker“. Dabei „genieße“ ich den unbestrittenen Ruf eines „vorzüglichen“ Soldaten. Ich bin es sogar. — Das ist das Groteske meines jetzigen Lebens.
Sei nicht ungehalten und erschrocken, daß ich Dir nichts lieberes, ruhigeres zu sagen habe; ich möchte Dein liebes Gesicht streicheln und Wolfgängchen auf den Knien haben; hoffentlich kommen für uns Männer auch solche Zeiten wieder, nach diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs, dem wir uns ergeben haben. Wie haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du Ärmste hast das größte Opfer gebracht, — Deine Ruhe kann ich verstehen — aber so viele andere?? Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen wie gut ich sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich bin zu keinem anderen fähig.
Mit herzlichem Händedruck
Dein Franz.
Liebe Lisbeth,
was für einen netten Weihnachtsgruß hast Du mir wieder geschickt! Dank für alle Deine Liebe, die so schön aus Deinen guten Briefen und Sendungen spricht. Ich verstehe gut, daß Dir die Weihnachtstage mehr Qual und Wehmut bringen als Freude, — wenn Dir nicht die strahlenden Gesichter von Walterchen und Wolfgang alles Weh überstrahlen. Ich habe zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen beiden kleinen Buben, ähnlich wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem Urlaub kürzlich so gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in der Hand, das manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine Photographie von Walterchen und Wolfgang — ich war ganz ergriffen von der Schönheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vögelchenhaft klein ist zur Schönheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es werden schon wieder gute Stunden kommen, in denen wir um den runden Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder pinseln — dann muß eben Walterchen auf August’s Stuhl sitzen und mitmachen.
Maria schrieb mir davon, daß sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt gar nicht besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden und ihr wenigstens diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber vielleicht hält sie auch anderes zurück, — die Sorge das Haus zu lang allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir keine aufmunternde und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich besucht, aber ich dränge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich heute schon: daß wir Dich mit Deinen beiden Bübchen nach dem Krieg zuweilen bei uns sehen!
Grüße Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich ziehen sie andere nach sich, wie es doch meist ist.
Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve für circa einen Monat zurückgezogen worden und können unseren Soldaten morgen ein ganz gemütliches Weihnachten richten. Grüße Deine Lieben alle recht herzlich von mir; gib Walter und Wolfgang einen Kuß von ihrem Onkel. In herzlicher Liebe
DeinFranz Marc.
Der Spitzweg ist reizend! dies köstlich törichte Einst und dies sinnlos grauenvolle Jetzt!
August Macke†.
Das Blutopfer, das die erregte Natur den Völkern in großen Kriegen abfordert, bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung.
Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hände und trägt stolz, unter Siegesklängen den Verlust.
Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, würgt in der Stille die Thränen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten hinter den Mauern. Das Licht der Öffentlichkeit kann und soll ihn nicht sehen; denn die Gesundheit des Ganzen will es so.
Aber die große Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in denen der Quell des Leides nur mehr langsam rinnt.
Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder tötlichen Kugel das spätere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einenUnersetzlichen. Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht. Wieviele und schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg unsrer zukünftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in sich trug.
Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! —
August Macke, der „junge Macke“ ist tot.
Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche Kunst gesorgt hat, wer etwas von unsrer künstlerischen Zukunft ahnte, der kannte Macke. Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir wußten, welche heimliche Zukunft dieser geniale Mensch in sich trug. Mit seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unsrer deutschen, künstlerischen Entwicklung jäh ab; keiner von uns ist imstande, sie fortzuführen. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo wir uns begegnen werden, wird er immer fehlen.
Wir Maler wissen gut, daß mit dem Ausscheiden seiner Harmonien dieFarbein der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen muß und einen stumpferen, trockneren Klang bekommen wird. Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war. Gewiß ahnt das Deutschland von heute nicht, was alles es diesem jungen, toten Maler schon verdankt, wieviel er gewirkt und wieviel ihm geglückt ist. Alles, was seinegeschickten Hände anfaßten und wer ihm nahe kam, wurde lebendig, jede Materie und am meisten die Menschen, die er magisch in den Bann seiner Ideen zog. Wieviel verdanken wir Maler in Deutschland ihm! Was er nach außen gesät, wird noch Frucht tragen und wir als seine Freunde wollen sorgen, daß sie nicht heimlich bleibt.
Aber sein Werk ist abgebrochen, trostlos, ohne Wiederkehr. Der gierige Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen Helden ärmer geworden.
Franz Marc.
Das Buch enthält Franz Marcs Briefe aus dem Felde, Tagebuch-Aufzeichnungen und Aphorismen. Der Tafelband stellt die originalgetreue Wiedergabe des letzten Skizzenbuches aus dem Felde in Lichtdruck dar. Der Textband der vorliegenden Ausgabe wurde im Jahre 1920 in der Offizin W. Drugulin in Leipzig gedruckt. Er enthält, gleichfalls in Lichtdruck, eine farbige Beilage nach dem Aquarell „Tierschicksale“ von Franz Marc. Eine Vorzugsausgabe mit weiteren fünf farbigen Lichtdrucken nach Zeichnungen von Franz Marc wurde in 320 in der Presse numerierten Exemplaren, von denen 300 in den Handel kommen, auf Büttenpapier gedruckt und in Halbleder gebunden
Anmerkungen zur TranskriptionDie Schreibweise der französischen Ortsnamen wurde stillschweigend normalisiert. Lediglich Sâles wurde auch in der häufig wiederkehrenden Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, daß Marc gelegentlich den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist.Variationen der Schreibweise von Namen, die für den Autor typische Schreibweise gewisser Worte (z. B. tötlich, blos) sowie das Weglassen des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frühlinghaft, Garnisondienst) wurden unverändert übernommen.Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt,bonc-aigle, Bock-Adler, ...... glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt,bouc-aigle, Bock-Adler, ......Mazola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger ......Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger ...... 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Anmerkungen zur Transkription
Die Schreibweise der französischen Ortsnamen wurde stillschweigend normalisiert. Lediglich Sâles wurde auch in der häufig wiederkehrenden Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, daß Marc gelegentlich den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist.
Variationen der Schreibweise von Namen, die für den Autor typische Schreibweise gewisser Worte (z. B. tötlich, blos) sowie das Weglassen des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frühlinghaft, Garnisondienst) wurden unverändert übernommen.
Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):