Nach dem letzten Urlaub.
L....
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Es ist ein sonderbares Gefühl, plötzlich wieder in dies wie erstarrt stehen gebliebene Stellungskriegsleben zurückzukehren; daheim war ich inBewegung, — an jedem Tage hat man in irgendeiner Richtung Schritte gethan, Gedanken gesandt und gefördert und aufgenommen, — hier steht alles wie im verzauberten Märchen still. Immer wieder dieselben stereotypen Flieger über dem Land, dasselbe langweilige Schießen, das man schon nicht mehr hört; das Leben ist erstarrt. Ich machte einen schönen Spazierritt, — das ist das Einzige was mich freut. Der innere Dienst ist genau so mechanisch erstarrt wie die ganze gegenwärtige Kriegsform im Westen.
In Liebe und neuer Sehnsucht.
L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel Quint, — Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in unserer Vorstellung als er in der That ist. Ich hatte so sehrWortkunstwie in der Versunkenen Glocke und „Literatur“ erwartet, aber niemals diese beispiellose Sachlichkeit und diese Seelenkennerschaft, die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man ihm bisher zutraute, — ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch glaube ich es schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h.ohne Laune und ohne Willkür, sondern gänzlich episch, logisch notwendig und ohne Wanken geschrieben ist. Eine unglaubliche Lektüre für einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines Wesens wird durch sie natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut wohl. Ich hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu bereden, — ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, — alles was wir sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie kann man nur so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der menschliche Sinn verstiegen!
Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich interessiert und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in letzter Zeit in die Händebekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi, Strindberg usw.), fesselte mich nurzeilenweise, — eben nur da, wo sie genial sind, — das andere ist alles langweilig. — — — — —
Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag’s Hanni gehn?
L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint lese. Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung des Christentums, — nämlich ihrer prinzipiellenGegensätzlichkeit gegen pazifistische Organisationen(wie in den Neuen Wegen), sozialistischen Kommunismus, der ein Erlahmen der Seele und des christlichen Opfer- und Überwindergedankens bedeutet. Bestimmend ist immer der Eine Gedanke: die Welt, das „leibliche Wallen“ berührt uns nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare. Die Nächstenliebe ist wie die menschliche Nahrungeine symbolische Handlung. Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens ist gerade das Prächtige, Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen Erniedrigung vor der Welt und damit seiner Befreiung; erwillden Menschen gar nicht körperlich helfen und sie leiblich satt und gesund machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele schrickt schmerzlich vor dieser Bitte zurück, die er in den Augen der Menschen, zu seiner bitteren Enttäuschung immer wieder liest. Das ist das große Mißverständnis der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen fortgeführt wird, spricht er das furchtbare, schneidende Wort: „nach mir aber fraget niemanden fortan“!
In nächster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, — ich freu mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, daß ich als ausbildender Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amüsieren würde; das Leben hier ist trotz mannigfacher Arbeit zu öde so. Ich gebe jetzt jeden Nachmittag meinem Chef theoretischen Artillerie-Unterricht; er möchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber nur ziemlich mangelhafte Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles für ein verrücktes Theater- und Traumleben!
Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan des Hauses, ungefähre Zimmergröße und Höhe (also Kubikinhalt). Ich habe hier Gelegenheit, mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine Installation ungefähr kostet; ich möchte diese unverbindliche Gelegenheit benutzen, um für später eine Handhabe zu besitzen, und spätere Voranschläge zu beurteilen.
Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, — der Krieg dauert nun keine Ewigkeit mehr. — — —
Frz.
L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so warm und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte, weil es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und Folgerungen, die aus einer andern Quelle stammten und die mir die reine Linie Deiner Gedanken verwischten und verzerrten. Aber in diesem Buch liegt die reine Linie, die ich selbst immer suche; wenn ich Dir einen Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen, weil immer sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, daß Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich d. h. in seinerLogik eitel; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein. Und ebenso d. h. in viel größerem Maß unrein sind die „Neuen Wege“. Die liegen voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab. Ich verstehe jetzt natürlich auch K.’s Wesen viel besser, da ich sein greifbares, geistiges Vorbild kenne. Auch er wird sich zu hüten haben, daß er nicht in Dilettantismus und in irgendeine Art von Eitelkeit gerät.
Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige Aufnahmefähigkeit unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden tausendfach verschlungen und ein solches Buch bleibt ungelesen, — wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne Wirkung auf den Geist unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich halte es für möglich; denn wir kannten Kandinsky selbstsehr wenig. Kennt es Kubin, Klee und Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen vonmir auszu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien. Die Erklärung, warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur in der Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch sicher gründlich, nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen Reinheit nicht durchdenken. Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer inneren Güte und einem Mitleids- und Schamgefühl heraus leicht, ihn mißzuverstehen. Grade darin liegt einunglaublich feiner geistiger Takt in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun, als wären es Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir diesen Geist so vertrauenswürdig.
Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief noch wegkommt.
DeinFrz.
L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in Ch. aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef Oberleutnant * * * (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der rückwärts an der Hauswand neben mir steht, ist Leutnant * * * der Schwager des Dürnhauser Barons.
Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger, trockener Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg läßt sich schwer noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so unwahrscheinlich Glückhaftes, die Fehler der Gegner, aus denen wir unser ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, — es liegt für mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, nicht zum wenigsten durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung theaterhaft erhält und durch das Eingreifen des „jungen Bulgariens“ alsDeus ex machina. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch derartiger romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg denke, gerate ich ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung. Ich sag das nicht leichtsinnig, — es gibt im Gegenteilsehrzu denken, nach der Seite der Dichtung und der Kunst hin als nach der Seite des Lebens und des Menschengeistes.
Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig sternenklar; wenn ich an das Leben Quints denke, beglückt und bedrängt mich eine ähnliche Empfindung als beim Anblick des reinen Sternenhimmels, der mir in diesen Kriegsjahren ein solcher Freund geworden ist. Durch Quints Leben geht jene abstrakt reine Linie des Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich auch immer im Geist durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich fast nie, sie mit dem Leben zu verknoten, — wenigstens nie mit dem Menschenleben,(—darum kann ich keine Menschen malen). Quint hat wohl seine reine Idee manchmal mit dem Leben verknotet; daß er dabei doch rein geblieben ist, darin liegt seine göttliche Größe.
In tiefer Liebe
DeinFz.
L., heut kam große Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus München). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Päckchen mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so sehr gefreut; Du schreibst, daß Dir meine Ideen und das kurze Zusammensein mich Dir noch näher gebracht haben und Du diese Stimmung noch halten möchtest. Mir ist es ähnlich gegangen; und die Lektüre von Emanuel Quint befestigte in mir diese neue Sicherheit der Seele. Du schreibst in einem Brief, ich soll Dir noch mehr über mein Lesen im Quintbuch schreiben; ich weiß gar nicht, ob ich das momentan kann. Da gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche; es kennt keinà peu près, kein Ungefähr und keine Konzession; ich fühle nicht den Urtrieb des praktischen Märtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu aufrichtig und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem Gewissen zu treiben. Für mich gibt es nur die eine Erlösung und Erneuerung: wenigstensjedes Ungefähr, jedeKonzession nach gleichviel welcher Seiteaus meinem Werk zu bannen; den Begriff Quints von der Reinheit, Weltunberührtheit, hat auch keiner seiner Jünger, nicht mal ein Dominik begriffen, sonst hätte er sich nicht getötet; denn damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt sich gewissermaßen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; — es wäre dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der Reinheit in mich aufgenommen hätte, den Entschluß faßte, nunmehr kein Bild mehr zu malen (= „nicht mehr zu leben“). Man darf nicht aus Furcht, doch wieder in Unvollkommenheiten zu fallen, die Hände in den Schoß legen; ich verstehe heute zum erstenmal, warum eigentlich auf den Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde; es ist zweifellos der Gedanke, daß man der Verantwortung nicht selbständig — selbstsüchtig vorgreifen darf. Ich schicke Dir das Buch nächstens mit ein paar Büchsen zurück.
Über die Möglichkeit einer Rückberufung oder längeren Urlaub zum Arbeiten hab ich noch nachgedacht; ich bin überzeugt, daß ein solcher nur denkbar wäre, wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekäme, zu dessen Ausführung ich Urlaub bekäme; ein solcher ist aber doch ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromiß, den ich doch nicht eingehe. Warne nur * * *, daß er sich keine Blamage mit mir einbrockt und einen offiziösen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen muß. Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedürfnis.
Ich freu mich so, daß die gute Hanni wieder gesund ist; — — — — —
Liebe Maman, dank vielmals für Deinen guten Brief 117 — — — — —.
Wenn * * * die Musik vonSchönbergim Blauen Reiter meint, so kannst Du ihr sagen, daß sich meine Beurteilung der Schönbergschen Musik auch gewandelt hat. Sie klingt wohl ganz anregend und interessant, bleibt aber doch im Sentimentalen stecken. Mehr würde es mich interessieren, wenn sie Kulbin (einen russischen Musiker) kennen sollte, — von dem müßte sie mir einiges erzählen. Ich kann gar nicht ruhig von diesen Dingen reden, eine solche Sehnsucht habe ich nach meiner Arbeit, die mir immer mehr unter den Fingern brennt; wann wird doch dieses geistige Leben wieder kommen, in dem man früh und spät keinen anderen Gedanken hat als nach den reinen Ideen, die dem Weltbau zugrunde liegen, zu suchen und sie darzustellen. Die Urlaubstage, die mir wieder die engere Fühlung mit dem Lebendigen, mit Frauen und Freunden und Kunst brachten, haben diese Sehnsucht schrecklich vermehrt; heraußen fühl ich mich als Larve; der Krieg hat sich längst selber überdauert und ist sinnlos geworden; auch die Opfer, die er fordert, sind sinnlos geworden. Etwas Gewissenloseres und Traurigeres als das nutzlose Blut, das am Isonzo vergeudet wird, läßt sich in menschlichen Gehirnen nicht mehr ausdenken.
Gestern kam ein Päckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, — sie denkt doch immer treu an die großen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl bald Advent, — diesmal können wir Dir keine Zweigelchen übers Bett stecken, das wir in friedlichen Jahren so — oft vergessen haben! So denkt man jetzt oft zurück, was man früher alles hätte tun können!
L., — — — — — —
Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch richtig definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja auch nicht. Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es sie sicher; sowie es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine neue Bilder gibt. Vielleicht sind schon welche da, — wir sind nur noch nicht zur klaren Entscheidung reif,welchees sind und wo die besten Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut möglich; denn wir übersehen heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem Europa steckt, durchaus noch nicht diewahrenLinien und Formen. Vielleicht sind die Ansätze in der Malerei prominenter als in der Musik, — aber auchdawerden sie sein; man muß nur sehr scharfhorchen, — nicht in Konzerten, sondern nachinnenhorchen, sowie man die neue Malerei nicht in Ausstellungen suchen darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der Nacht. Ichsehesogar deutlich die neue Musik, den ganzen neuen Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch wir können heute unser Geschick und die Wahrheit in den Sternen lesen, — es kommt nur darauf an, wie man sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei oder irgendwelcher mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung und Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in der Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind hören, — es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer, unzerstörter, unverwischter, abstrakter und klarer gesagt. Wenn man einmal drinsehengelernt hat (für Musiker z. B. dasTempo, in dem die Figuren auftreten, gebunden sind und gegeneinander singen) hat man hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft mit Sternbildern im Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und dem schlechten Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben wirklich nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses gerichtetes Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, — das „Unmögliche“ liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so empfinden; man respektiert mich sehr, auch als Offizier, aber alle denken, ich müßte doch auch irgendwie ein bißchen wie sie empfinden; sie wundern sich dann immer, daß ich mich über dies und jenes „nicht ärgere“. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar nicht da bin, — noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich stehe. Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen und sich dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein ganzes Bestreben geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses Verhältnis zwischenuns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und die bewußte Täuschung des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und nicht das: „die Wahrheit sagen“, jene fürchterliche, seelenkränkende Manie mancher Wahrheitsfanatiker.
Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was Du in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete vergleichst, wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe meine.
Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte. Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt bei Artillerie- und Minenkämpfen, — die Infanterie wird nicht eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ, Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und weiterreichende taktische Absichten.
Baron * * * hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte mich recht auf seine Gesellschaft gefreut.
Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden zu sein; bei diesem elenden Wetter, —Haumontschwimmt schier weg — wäre es nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren muß. Für den Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen am Exerzierplatz hätte ich nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs meinen innerlichen Spaß hatte.
Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die Zeiten, die für uns noch blühen werden.
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Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so: von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als meinGewissenfühle: meineArbeit; nicht mein Leben als solches; ich kann gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des Lebens überwinden, als indem ich denSinnmeines Daseins ins Geistige hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen LeibUnabhängige, d. h. Abstrakte hinüberrette. Es istnichteigentlich dasspätereLeben, das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. Ich bin allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, — er erscheint mir sehr natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß ichdoch auch vorher einmal gestorben sein, — denk an die Blumen! Es ist von einer rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwächere. Ich werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, — das Schöne bei diesem Thun ist das, daß das Wesentliche dabei nicht kleiner, enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. Lies sehr aufmerksam im Quint, — da steht alles außerordentlich fein und tief gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das „letzte Wort zu reden“; — Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu suchen, nach einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, — die gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklären kann. Man kann schon reden, aber man muß sich stets der Grenzen bewußt bleiben, über die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie ich das alles meine, — es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz unmöglichen Verhältnisse, in die der Krieg meine Persönlichkeit geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur Entscheidung gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen Rußl und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum Heufressen nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen.
L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche über die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die Leute einmal eingesehen haben werden, daß bei dieser ganzen Schießerei doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. — Das Verrückteste an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicherSt. Mihiel. Die Stadt liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg! Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein einziger Schuß, der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische Kanonade unsrerseits aufCommercyu. a. Orte aus, daß die Franzosen es auch vorziehen, uns das Vergnügen anMihielmit seinem Kaffeehaus usw. zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nurbei Nacht zu gewissen Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt, vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mitDamenbedienung ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er eigentlich ruhig arbeiten könne. „O ja“, hieß es, „der wohnt ja in derruesoundso nach ‚hinten‘ naus.“ Hinten ist nämlich bei uns so viel wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt „Perle“ bleibt ja weit hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber inSt. M.ist sonst vollkommen dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber dafür auch gegen Alles gleichgültige Stimmung wie in „Perle“; selbst dieses traumhafte „nicht Fort-Können“ für die dort in Unterkunft befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das Leben ist über seine Phantasie gestiegen.
Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich gute Wäsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen. Das Wasser ist trüb; dann schlagen sie die Wäsche, alsmüßtesie in Fetzen gehen. —
Beiliegend Brief von * * *. — — — Vielleicht freut sie mich wieder mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden oder verstehen wollen; das thut mir um * * * leid, den ich eigentlich sehr gern habe; ich seh merkwürdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch so altklug, menschenkennerhaft und „langweilte“ mich überall. Meine Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie auch steifer waren, — ich machte im Gegensatz zu * * * höchstens eine kleine Zeichnung pro Monat! Aber es ist etwas in * * *’s Gesicht, was mich und meine Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige, philosophische Mensch! Und * * * hat gar keinen Vater!!
L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum ausgeträumt. Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein kurzes kleines Leben eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl nicht los, daß es doch nur ein Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein andermal ein Menschentraum; aber das, was träumt,dasWesen, das ist immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen auch einen so merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigsteund dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger Schimmel, ein richtigesPegasuspferdder Sage, ist plötzlich an einer Blinddarmentzündung (es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam ganz unerwartet; es war kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden hatte es große Schmerzen, stöhnte und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein Mensch, den man aus einem lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, häßlich verfallender Pferdeleib vor mir, — der Pegasus war fort, — man hatte nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, — da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein: „Laß die Toten ihre Toten begraben!“
L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen diesmal „rechtzeitig“ ankommt. Ich glaub’s kaum, nachdem wir wieder „auf Reisen“ gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und unser Wohl trinken. Seit Baron * * * wieder die Kolonne führt, bin ich sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.
Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare, Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), — so lies Fabre, Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders), Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge, geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die zwischen den Zeilen stehen; der Begriff:Naturgesetzist bei mir längst aus dem Kurs; es gibt höchstens „Gesetz-mäßigkeiten“; die Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch nur „Anschauung“. Man kann sein Vorstellungslebengar nicht weit und immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein will und Teil haben will am — Reich Gottes, am heiligen Geist. Der Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder imLebenzeigen,mußes ja. — — — —
L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen. Wenn dieses Spiel nicht vonLiebegetrieben ist, ist es natürlich unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird, eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau.DieMenschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch * * *, — denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen stehen wir auf ungleichem Niveau, — darum können wir zusammen gar nicht überKunstreden; entweder schweigen wir oder spielen auch gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht, bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für * * * chinesisch, — also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene bin) inihrerSprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, — aber für * * * hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal: man darf sich nicht zuviel aufWorteverlassen; es gibt nichts Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen,Gültigeszu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich der Kunst geschehen und da heißt es: „wer es fassen kann, der fasse es“. Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt’s Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen wollen, um die — Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich desWortes bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus demKlang, der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden Dingen, die er dann als „Ideen“ in Kurs setzt. Man sollte viel weniger reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können ihre Stimme erheben und „reden“, — die haben ihre Sprache für sich, die prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne „Tendenz“ gebraucht, ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für unsereins ein ungeeignetes Material umWahrheit um uns zu verbreiten.
Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, — wie war es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich weiß wenig von Mozarts Leben, — vielleicht leiht mir K. einmal eine Biographie von ihm, — ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir keine, — ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir ein: schick mir doch französisch Stendhal:vie de Mozart, Haydn und ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80 Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen.
Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, — er wird die Kälte nicht ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, — so Leute wissen immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, — wenn ich zurückkomme, würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein. Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag’s auch Bauer und dem Bruder Heinritzi, — ich glaube er ist Jäger; und setz ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, — da hätte die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf dasMutterschafsehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B. wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)
Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am Schluß geblieben, — das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern seelig-glücklich gespielt, — so wirkte er und auch manche Stellen im Brahms auf mich, während ich * * *aus der Kreutzersonate in Erinnerung habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zuPugno, von dem ich sie zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt.
— — — — — — — — — —Frz.
L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und träumerisch, — erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine Großstadt versetzt zu werden; (— München wirkt nicht so unmittelbar auf mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch, unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da. All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin’s Perle so gut! Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders melancholisch, — dieKunstwird von diesem Tod nicht getroffen. Aber in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden; aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur kleinsten Kleinigkeit entschließen, — ich konnte Dir doch nichts Totes schicken. So gab ich’s auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken und schenken kann, als meine Liebe,meine lebendige warme Liebe, an die Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —! Tröste wir uns beide! Es wird schon wieder alles gut für uns!
Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich wieder ein Wägelchen erwartet!
In LiebeDeinFz.
Daß das liebeAmulettchen etwas später kam, macht gar nichts, — ich war Weihnachten so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein Weihnachten am 24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein ganz nettes Konzert in Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet, das ein paar Opernsänger und Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und Andante von Händel, eine schmucke geistreiche Musik, mehr blendend und voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach gespielter Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, — vermutlich Cornelianer; es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz.
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Laß Dichnievon der Traurigkeit überwältigen, — traurig sein und sehnsüchtig wie ein Adagio ja, — aber Form muß man im Inneren behalten.
Der Brief muß weg, darum schnell Schluß!
— — — —Fz. M.
Liebste, gutes liebes neues Jahr!
Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist um das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es ist fürchterlich dran zu denken; und das alles umnichts, um eines Mißverständnisses willen, aus Mangel, sich dem Nächsten menschlichverständlichmachen zu können! Und dasin Europa!! Man muß wirklich alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichenPsychologie der Thatfertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, zu beschimpfen und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen und —Gegengedankenzu bilden.
Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der die Neujahrsglocken ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht ungern in dieses Jahr, — mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an Optimismus ist Mangel anWunschkraftund Mangel anWille.
Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, — und eins besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzählungen gespielt wurde! (Zither, Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, muß Wolfskehl ein großes Fest geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer tanzen. Du kannst es Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, daß ich bestimmt darauf rechne.
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L.,
gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner Sternenhimmel; er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war das gleiche öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man gar nicht existieren.
Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen heute. Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und sorgfältig gelesen habe, schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt sich ja vieles, was er sagt, fast wörtlich mit meinen Aussagen, die ich schon früher August gegenüber gemacht habe: daß die technischen Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), die Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im Gegenteil stets aufKosteneiner intuitiven, primären Fähigkeit sich entwickeln. Früherfühlteman, wie es einem Freund geht, — heut telefoniert man ihn an; früher konnte man seine Dichterwerke auswendig, — heute stehen sie gedruckt und billig in jedem Bücherschrank. Die Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk an Intensität ab. Und gar die Maschinen, die dem Menschen die Arbeit „abnehmen“ sollen!! Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat dieses Krieges: Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben!
Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur aus, machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre chemischen Vorgänge nach, — aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie böse Geister gegen uns selbst, — wir fallen von unsern eigenen Waffen, wie ein böses Geschlecht, das sich selbst zerfleischt, weil es in seinem Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine verbotene Geisterwelt (die es gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen inneren Halt verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß unser Kulturleben nicht mehr „leibliche Funktion“ ist, sondern willkürliches Spiel mit organischen Kräften, die man in ihremWesennicht versteht, sondern nur experimentell benützt. Insofern wollte ich auchniedenLeibund das organische Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz anderes. Ich will erst Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er undwieer alles meint, — dann schreib ich Dir mehr. —
Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, — sie kommen schon noch; ich freue michsehrauf dies Büchlein, — dank voraus Liebe; ich hatte gar nicht mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht hatte; ich vergesse so was ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich sehr darauf. Dank für die Blümchen, — jetzt schon Leberblümchen!! — Ich glaube doch, daß Hanni’s Geschwulst mit Wiederkäuen zusammenhängt — ich bin mirfast sicher; — — —
— — — — — —DeinFrz.
L.,
ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich kenne, verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, daß mich in seinen Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; aber heute ist mir dies alles so klar, —der Krieg hat alles so klar gemacht. (Es ist wirklich traurig, — man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!) Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das schöpferische Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem erkannten Mangel (wiez. B. Strauß’sche Musik und auch * * *’s Arbeiten. Bei * * * denk ich oft: ja, ganz schön, — wohin gehören wohl die Sachen? Welche Lücken können sie heute ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, — Lebensausstrahlung.)
Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir nach wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte überraschend weit ausstrahlen (EigenartslavischerGenies), ohne darum ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; — er ist auch kein Klotz wie Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seineToleranznicht mißverstehen; — ich habe aus den angestrichenen Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich meiner Toleranz und Wichtignahme nichtwesentlicherErscheinungen) das thust. Es kommt wie immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar von ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus inneremReichtum. Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen verleugne. Große fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein ganzes Innere in Bewegung bringen, — ichbeginne daran zu arbeiten. Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky’s „Verstehen“. Die Menschen, die nur am Besten, am „schlechthin Gültigen“ sich entzünden können, sind unproduktive, nicht aus der „eigenen Mitte“ lebende, sondern nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. 13) meint: „Unfähigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der zudringenden Materie.“
Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert (Seite 32 u. f.), wo er über dasVolkschreibt. Ich wurde mir ja nie ordentlich klar über diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es gibt eben den BegriffVolkin Europa nicht mehr; man muß sich nolens volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern einmal mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und restlos in dieser Kriegszeit begriffen.
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Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf.
Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen Peripheriemenschen treffen, — hab nur keine Angst davor. — — — — —
Lies einmal inHildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt anregende Dinge, vor allem über Sokrates und Plato.
Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach denSonettenvon Shakespeare zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, — es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine andere Übersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich bin allerdingssehrskeptisch gegen Übersetzungen. Ich kann ja auch Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat für die Bibel und Schlegel für Shakespeare alles vorweggenommen, — meinetwegen eigenmächtig vergewaltigt, — aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, kann später über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit den Ritterbaumgarten-Bildern von Dürer: die nachdürerische Übermalung war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt als die jetzige Purifizierung.
Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs „Normal“ (Seite 31). Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, überhaupt Gundolfs souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten „Normal und Volk“.
Über den Kern des Artikels: „Leib“ kann ich Dir heute noch nicht schreiben, vor allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht alles gesagt. Askese als „Hygiene des übersättigten Leibes, nicht seine Aufhebung“, — das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig, drückt aber nicht dengeistigen Sinnder christlichen Entsagung aus; es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus undRationalismusin dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: „Das Schöne ist ein Urphänomen und besteht als Überfluß“. Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß (und bis dato weiß nochniemandetwas darüber zu sagen), — wozu leere Worte gebrauchen?
Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, — also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. Ich warnie frühreif, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30.
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Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, oft viele Stunden.
DeinFrz.
L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus meinem Aphorismus; — so entschwunden diese mir heute sind, werde ich bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen Wissenschaften, die sich zur „angewandten Wissenschaft“ mißbrauchen ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der Organe, — der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren, umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.
Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um desαγων, desWettkampfes, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht „erklären“, aber auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an, seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren,Herrzu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der christlichen Religion machten, — das war auch „angewandte Religion“!) Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen Lebens und der eigenen Aufgabereinbleiben oder sagen wir offen: wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, — er widerspricht sich hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein, „wo’s fehlt“, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus, und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei. Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir „verstanden“ werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, — nur so kann man seiner Zeit oder einigen Seelen „vorangehen“.
Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, hartnäckig bei ihr unsre Ruhezu suchen, als wäre dort das letzte Wort gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, — insofern behältst Du betreff * * * wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihrloszulösen. Fast beiallenMenschen, denen ich in diesem Krieg nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es anzuwenden, siewollenes auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.
Ich las letzthin in Luthers Tischreden, — köstlich!! Er ist das schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther berückend stark und klar.
Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich wieder zu schicken, da ich ihn gern * * * zum Lesen geben will; ich hab Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so dringend bald wieder haben wolltest.
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L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die erwachende Lebensfroheit wieder etwas heraus.
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Ich hab heut einen köstlichen Spazierritt gemacht, — ein strahlender Tag. Ich sehe überall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, — Lothringen ist ja reich an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich hab das Gefühl, daß alles Land,Wege, Häuser, Wälder so ganz vorübergehender Besitz sind, — ich verstehe die Wanderer, die „Habenichtse aus Überzeugung“.
Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt, daß die alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als einwandfrei gegoltene Bestimmung einer Sache nach seiner kubischen Dimension als wissenschaftlich unhaltbar anzusehen sei, solange die vierte Dimension derZeit, desZeitpunktes, nicht noch hinzugenommen wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz mit einzustellen, —wieist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte Mathematik über den Haufen. Man steht vor einemnovum. Ich weiß nicht, ob Du da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengänge sehr. Ich habe in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast Algebraunterricht gegeben, bei dem ich mir lauter solche Sachen allein ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau so wenigpraktischesTalent wie zur Musik. — — — — — — Über Deine Stickerei hab ich immer noch nichts gehört.
— — — — — —DeinFrz.
L., recht gefreut hab ich mich über * * *’s Meldung, daß wieder was verkauft ist, das neue Schafbild — — — — und 2 Holzschnitte, also — — — — — Du hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, — von mir kommen auch wieder — — — in den nächsten Tagen; ich sende sie der Einfachheit halberdirekt an Muttchen, damit ja keine Schwierigkeiten mit dem Geldempfang entstehen.
Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm’s nicht zu tragisch, wenn ich Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja klug genug, die Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch zu sehen. Ich dränge aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer tapferen Fröhlichkeit trotz allen Leides; solange das Blut in einem pocht, muß man an’s Leben glauben und sich nicht mißtrauisch separieren; und Dein Wort: „ich kann nicht“ ist schließlich graduell wie alles im Leben; etwas weniger — etwas mehr, — das ist das Geheimnis des Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; derStolzmuß im Menschen siegen über alle Dinge, nicht die indischeTrauer.
Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste) Krankheit ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg nicht als solchen angreifen und vertilgen möchte, sondern seineUrsachen. Der Mensch stirbt nicht an der Krebswucherung, sondern an dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht zu überwinden vermag. Auch darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, sonst hinken sie eben. Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit, den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer Seele. — Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten, sondern gegen sich, undsofortdamit anfangen. Nichts ist selbstverständlicher, strafgerechter als dieser Krieg. Kein Mensch sieht das, — wenigstens keiner will’san sichselbst sehen.
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L., was magst Du bei * * *’s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß natürlich, daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem gequälten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und seinem Geist. Er leidet nicht, um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu büßen sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg dasersteregelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand in’s Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist wie * * * nach dem Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität darstellen wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil, wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen,auf sich selbstzurückzugreifen, — mit denen paktiere ich nicht. Du sagst ganz richtig, daß es so wenig Menschen gibt, dieKonsequenzenzu ziehen imstande sind, — darin liegt’s. —
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Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw. — ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer nicht amgegenwärtigenZustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer überwinden.
L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über den Krieg gesagt habe, (Krieg als natürlicheFolgeund insofern als gerechte, unausbleibliche Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge im Leben sind so verkettet. Man kann ja zweifellos auch fragen, worin sich denn eine Folge von einer Ursache unterscheide, und ob nicht beide identisch sind oder zum mindesten gleich, sodaß man sie auch vertauschen kann. Was sie voneinanderscheidet, ist vielleicht nur der Begriff der Zeit, die zwischen ihnen liegt, — und das nennt man fälschlich „Unterschied“ und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr im Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu „leiden“ als an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das Leiden an den Ursachen. In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß der Krieg für mich, für mein Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit pochendem Herzen am Anfang der Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe, mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen Gedankenkannman warten ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu werden an der Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine Freunde wissen. „Meine Freunde“, — auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf will ich unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu erkundigen, was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir den Verlag der Jahrbücher zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder heimgeschickt und will nun * * * auf sie aufmerksam machen, kann mich aber des Verlags nicht entsinnen; es ist ein mir unbekannter Name.
Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen Nebelperiode wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen Anzeichen steht uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da — d. h. ich darf ordnungshalber nichts darüber schreiben und will diese Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung kann dich beruhigen.
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L., ich las nochmals Deinen Bericht über — — — — — ich kann ihn mir einfach nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so aufrichtig,wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung wurde, das der Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der Krieg ist einer Ernüchterung durch — — — — — zuvorgekommen. Daß Du Dich dort grenzenlos einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch ich wäre nicht in der Stimmung, die Gesellschaftkomischzu nehmen; man kann sich nurfernhalten undohne Ärgerschweigen; denn es geht mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im großen: man soll nicht über einen Zustand, über das „Zustandekommen“ eines Blödsinns schmähen oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis blicken, auf eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch Gestaltete bleibt, das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor sich, und was fröhlich bewußt vor sich sieht, nicht trauernd nach allen Seiten oder wehklagend rückwärts.
Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief, den Du, weil er „zu“ traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du keine Briefe, die Du mir schreibst, zerreißen, — Du kannst an ihnen doch nur das Papier zerreißen, nicht die „einmal gewesene und in alle Ewigkeit seiende Thatsache“ dieses Briefes, und zweitens soll ein solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm einen freudigeren Gegenbrief nachzujagen, — statt beides bleiben zu lassen.
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L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der „Wirklichkeit“ verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem riesigen Heustadel (schönes Atelier!) gestanden und habe auf Militärzeltplanen nach Walterchens Ausdruck „9Kandinsky’s“ gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, — die „Kunst“ war bei dieser Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die Überzeugung der anderen, — ich selbst hatte sonderbare Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck: Geschützstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen überdacht, die nach grobpointillistischem System und den Erfahrungen der bunten Naturschutzfarbe (mimicry) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, —sehrviel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Höhe machen, werden zu Hause stark vergrößert, — dabei entdeckt man meistensdie eckigen Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild so verwirrt und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung „von Monet bis Kandinsky“!
Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja nichts, was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts eigentlich ärgert oder gar nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk.
Jetzt ist schon der 6. Februar, — ein alter Kirchweihjahrestag! Ich erinnere mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock und der blaue, das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, — ich „rieche“ noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und Kaulbachstraße!
Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns.
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L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, daß sie Russlweggibt, an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie soll ihm dann ab und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern für den guten alten Kerl eine kleine Pension. Behalten soll sie ihn aufkeinenFall. Findet sich keine nette Gelegenheit, ihn in Pension zu geben, dann soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, — besser, es geschieht, wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn das letztemal so greisenhaft geworden, daß der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit ist. — — — — — — — — — — — — — —
Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd schlechter Vaterlandsbazillen. Ein dritter Winterfeldzug?Glaub ich nie!
Das zu denken ist einfachunorganisch. Dieser Sommer entscheidet. Daß ich je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gänzlich unwahrscheinlich. Der General wäre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel Jüngere da.
Liebe Lina,
meine Frau schreibt mir von Ihrem Bericht über den Russl und seine ewige Unreinlichkeit und Ansteckungsgefahr und über die gute Hanni. Zunächst lassen Sie sich einmal meinen herzlich gemeinten Dank sagen für die Treue, mit der Sie die Tiere und mein Haus versorgen. Ich weiß sehr gut, daß das gar nicht so leicht ist und viel Umsicht und Liebe dazu gehört. Aber die Hauptsache ist natürlich, daß man dabei gesund bleibt und wird. So gern ich meinen alten weißen Russl habe, so bin ich doch dafür, daß Sie ihn unterallen Umständenfortgeben, und zwar wenn sich eine Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will. Ich will meinem alten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern Leuten bezahlen; sie sollen es einmal einen Monat versuchen und dann berechnen, was er ihnen kostet. Sie können ihm ja ab und zu einen Leckerbissen bringen, daß er Sie nicht ganz vergißt; findet sich aber niemand, der ihn in Kost nehmen kann, bitten Sie Herrn Bauer in meinem Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel den Schritt ins Jenseits zu erleichtern. Also tun Sie den Russl fort und zwarsogleichauf die eine oder andere Weise. Wenn er nicht bei irgend jemand einengutenPlatz findet, ist es besser, Sie lassen ihn erschießen. Aberfortgebenmüssen Sie ihn auf alle Fälle. Und dann kurieren Sie sich selber einmal ordentlich aus. Der Welf wird ja auch viel leichter zu halten sein, wenn der Russl nicht mehr im Garten ist. — Daß jetzt genug Futter für Hanni da ist, freut mich. Sorgen Sie nur immer hübsch imvorausdafür, damit es nie ausgeht; und bringen Sie ihr recht oft Haselnuß- und Eichenzweige, an denen sie kauen kann. Sie enthalten Gerbsäure, die für die Tiere sehr notwendig ist.
Mir geht es recht gut; denn unsere Division ist seit 2 Monaten in Ruhe, — ewig wird sie ja nicht dauern, aber der grauenhafte Krieg hoffentlich auch nicht. Ich bin fest überzeugt, daß er in diesem Sommer zu Ende geht. Dann gibt’s auch wieder vergnügtere Zeiten in Ried.
Gute Besserung und herzlichen Gruß
Frz. Marc
p. s.
Ich schicke Ihnen in diesen Tagen auch das Kistchen mit leeren Büchsen zurück.