Bay View, 18. August 1900.
Als ich heute früh erwachte, schien die Sonne strahlend in mein Zimmer; blinzelnd mußte ich mich erst an den Glanz gewöhnen. Noch halb im Schlaf, hatte ich die Empfindung, daß etwas Wunderbares, Wunderschönes meiner warte – zuletzt ist mir als Kind so zu Mut gewesen, wenn ich am Weihnachtsmorgen erwachte und mich noch halb träumend erinnerte, daß nebenan im Wohnzimmer der Baum stände mit allen Geschenken. Nicht nur draußen schien aber heute früh die Sonne; nein, in mir selbst strahlte es von Glück und Seligkeit und auch an diesen Glanz mußte ich mich erst blinzelnd gewöhnen – nach der langen Sorgennacht.
Die Welt ist schön, die Welt ist gut – weil Sie leben, liebster Freund! Was spricht man denn von irdischem Jammertal – ein blühender Garten ist's – Sie leben ja! Schmerz und Leid soll alles sein? Oh, es gibt so wonniges, tief inneres Glück – Sie leben ja! – Mir ist, als erwache ich erst der Welt, wie sie wirklich ist – meiner Welt – wie ich sie sehe – wie ich sie fühle. Die anderen Leute gehen herum, als sei nichts Besonderes vorgefallen – und es ist doch alles neu und andersals bisher, und alles hat einen tiefen Sinn bekommen, ist verständlich geworden – denn Sie sind gerettet. Sie leben, Sie müssen leben.
Um das auszudrücken, was ich empfinde, fände ich keine eigenen Worte, kann nur wiederholen, was jener Größte in Wort und Ton gedichtet: Winterstürme wichen dem Wonnemond! – Immer wieder klingt es in mir: Winterstürme wichen dem Wonnemond! – Ich weiß wohl, positivere Geister als ich würden darüber lächeln: Sie in Peking, ich hier am Atlantischen Ozean und – Wonnemond? Und es ist doch so, dieses Gefühl grenzenlosen Glücks, unendlicher Dankbarkeit.
Hat ein Gott die Menschen erschaffen, wie seit viel hundert Jahren den Kindern gelehrt wird, so sei Ihm Dank, daß er Sie geschaffen. Haben seit Äonen unbewußt wollende Zellen in dunklem Triebe sich so gefügt, daß schließlich der Mensch erstand, so sei Dank jenen unendlich Kleinen, aus denen Sie wurden! Mein Gottesgeschenk, mein Weltenwunder! Was liegt an Namen und Glauben! Empfindung ist alles, was wir wissen – Winterstürme wichen dem Wonnemond!
Bay View, 19. August 1900.
Gleich nachdem die erste sichere Nachricht kam, habe ich Ihnen telegraphiert und Sie gebeten, mir sofort Nachricht zu geben, denn ich muß es von Ihnen selbst hören, daß Sie gerettet sind, muß mein eigenes Telegramm von Ihnen in der Hand halten können, ein Wort des Glücks, für mich allein bestimmt, in dem großen Jubelklang, der durch die Welt tönt.
Nun warte ich – o, wie ich warte! – auf die erste Kunde, die von Ihnen wieder zu mir dringen wird, nach der langen, langen Zeit.
Dieser Brief soll erst abgesandt werden, wenn ich Ihr Telegramm habe – denn ich werde ihn ja gar nicht mehr nach Peking zu schicken brauchen. Sicher reisen Sie doch gleich von dort ab. Was soll Sie denn auch hindern, wenn ich Sie rufe – und ich rufe Sie, liebster Freund, rufe Sie mit solcher Sehnsucht, daß Sie es fühlen und hören müssen, wo Sie auch sind und durch die dicksten chinesischen Mauern hindurch!
20. August 1900.
Ich bin so ungeduldig. Kann das Warten auf Ihr Telegramm kaum mehr ertragen. Dann beruhigt mich mein Bruder und erklärt mir immer wieder, daß jetzt Telegramme viel langsamer als sonst nach Peking gehen. Ich sehe es ja auch ein, daß es gar nicht anders sein kann, und sicher warten viele Menschen jetzt gerade so wie ich auf ein paar liebe Worte und müssen sich auch gedulden, wie ich – und dann denk ich doch immer wieder, dies eine einzige kleine Telegramm könnte doch recht schnell durchgelassen werden, denn es trägt so viel Glück in sich, daß es den Vorrang vor allem andern auf der Welt verdient!
21. August 1900.
Heute, liebster Freund, fühle ich, daß ich ganz sicher von Ihnen Nachricht bekommen muß, und dann soll der Brief gleich abgehen. Er soll Ihnen sagen ...
Zuerst waren mir die Worte ein leerer Schall. Sie bedeuteten gar nichts. Erst ganz langsam hab ich sie verstanden. Die See draußen rauscht weiter, und die Wellen schlagen gegen den Strand – ganz so wie vorhin in der blaßfernen Zeit, da ich die Worte noch nicht vernommen. Er wird das Rauschen nie mehr hören. Bedeutet es das, wenn sie sagen, daß er tot ist? Und der Brief an ihn liegt begonnen vor mir.... Er wird ihn nie mehr lesen. Ist es das, was sie damit meinen, daß er tot sei? Heißt es, daß nichts von mir ihn je noch erreichen kann? Daß die ganze Welt für ihn nicht mehr ist, daß ich für ihn nicht mehr bin, weil er selbst nicht mehr ist? Heißt es das?
Ich höre immer nur dieselben Worte –er ist nicht mehr. Zuerst verstand ich's nicht – nun ist es alles, was ich noch weiß. Die Worte füllen die Welt – alles andere ist versunken.
Hätte ich ihn doch nur ein einziges Mal noch sehen können! Wär ich doch wenigstens zu allerletzt bei ihm gewesen! Daß er da allein sein, allein sterben mußte! Seine Verlassenheit ermaß ich an der eigenen Vereinsamung, seinen Jammer an meinem Jammer.
Jahrelang hat er mich umgeben mit Zartheit und Fürsorge, hat mich geliebt – wie sehr, weiß ich erst jetzt – ich durfte damals ja gar nicht dran denken – mußte vorbeigehen – wo er mir sein ganzes Leben gab.
Ach, gäb es doch nur eine Stunde, von der ich mir jetzt sagen könnte, die habe ich ihm ganz geschenkt, deren hat er sich mit den allerletzten Gedanken sicherlich noch erinnert!
Hätte ich doch selbst den Trost solch einer einzigen Erinnerung!
Aber nichts durfte ich ihm sein. Nicht einmal in seiner letzten Stunde konnte ich bei ihm sein. Allein mußte er sterben.
Hätte ich ihm doch nur ein einziges Mal noch sagen können: »Nicht wahr, Du hast es doch immer gewußt, wie sehr ich Dich geliebt?«
Ach, daß ich doch bei ihm unter der Erde ruhte! –
Ich sehe immer nur ein endloses Trümmerfeld – wie öde der Weg, der nirgends hinführt – das war mein Leben.
Wie Erinnerungen unzähliger Existenzen steigt es in mir auf. In ihnen allen war er, war ich. Wir wissen es nur nicht mehr. In ihnen allen haben wir uns gesucht, ich fühl es dunkel. Aber fanden wir uns je dauernd? Oder war es immer nur wie staunendes Erkennen und rasches Auseinandermüssen?
Müde bin ich, müde wie von unzähligen Existenzen. Möchte tief schlafen. Aber traumlos, von nichts mehr wissen.
Ach, daß zwischen dem Gehendürfen und Wiederkehrenmüssen doch eine lange Zeit tiefer Ruhe läge!
Wie langsam doch die Stunden schleichen in den langen, qualvollen Nächten. Das fortwährende Grübeln, ob es nicht zu verhindern gewesen wäre, wenn ich dort geblieben wäre.
Jetzt weiß ich, warum wir fort sollten: ich sollte gerettet werden, denn ihm ahnte wohl schon damals vieles.
Aber was sollen Welt und Leben ohne Dich? Und wenn Du es tausendmal nicht willst – Du ziehst mich Dir doch nach. Unsichtbare, unzerreißbare Fäden ketten uns aneinander seit Uranfangszeiten. Und ich folge Dir, weiß schon oft kaum, ob ich noch hier bin. Das ist der einzige Trost.
Seitdem ich von Dir getrennt bin, lebe ich ja nur scheinbar hier, eigentlich ganz wo anders. Bei Dir. In jener Stadt wo wir während Deines Lebens zusammen waren und in noch ferneren weiteren Landen. Überall, wo Du hier auf Erden geweilt, haben Dich meine Gedanken begleitet, auf allen Reisen waren sie mit Dir – ich habe durch die Sehnsucht so ganz bei Dir gelebt, daß ich Orte kenne, in denen ich nie gewesen. Endlose Ebenen habe ich mit Dir durchzogen, wilde Felsenpässe habe ich neben Dir überschritten, steile Berge sind wir zusammen emporgeklommen, im Dunkel sagenhafter Tempel habe ich mit Dir gestanden, mit Dir uraltem Weisheitsspruch gelauscht. – Das war meineigentliches Leben, dort bei Dir war stets mein wahres Ich.
Nun bist Du noch viel weiter fortgezogen zu allerfernsten Stätten. Aber auch dahin folg ich Dir. Ich muß Dir durch alle Zeiten schon so gefolgt sein, seit es Leben und Willen gab. Und geht Dein Weg durch die Weltenräume, zu anderen Erden, Monden und Sonnen, durch tiefe Nacht und weiß glühende Helle – ich folge Dir – ich kann nicht anders!
Mich dünkt, als läg ich hier seit vielen Wochen. Und es sollen doch nur wenige Tage sein. Raum und Zeit verschwimmen für mich. Die Minuten enthalten so endloses Leid, so verzehrende Sehnsucht, daß ich sie mühsam wie Ewigkeiten durchlebe. Vergangenes scheint so nahe, daß ich mit der Hand danach greife ... aber die Hand selbst verschwimmt ... das Fußende des Bettes schiebt sich in unendliche Weiten ... ich sehe den eigenen Leib nicht mehr ... er ist zur ganzen Welt geworden ... und schmerzt ... schmerzt vom ganzen Weltenweh.
Ich kann die Feder kaum halten ... alles verwirrt sich ... und alles schmerzt ... immer ärger. Kälte ... Finsternis. Ich kämpfe gegendas Dunkel ... das Grauen. Ich will, will, will – bei klarem Bewußtsein sterben. Keine Angst – keine Verzerrungen ... der Abgrund ... das Entsetzen!... aber doch ... Freude!... Freude!... zu Dir.
Warum haben sie mich noch einmal geweckt? Warum die Qual noch verlängert? Ist es denn noch nicht genug? Ich schlief schon ... hielt Deine Hand ... es schien ... vollbracht ... und nun?... ich finde Dich nicht mehr ... wo ... wo war es doch?... warten ... immer wieder warten ... und dann?... nichts?...
Meine Schwester, die die vorstehenden Briefe geschrieben, unser Freund, der sie empfangen sollte, ruhen nun beide. Sie hier am Strande des Atlantischen Ozeans, er in der fernen chinesischen Erde.
Als wir im Mai 1900 von Berlin zurückgekehrt waren, wo mein seit Jahren rettungslos geisteskranker Schwager gestorben war, hatte ich gehofft, daß das Leben meiner Schwester nun vielleicht doch noch nach dem schweren, drückenden Tag einen versöhnenden Abend bringen könne. Es schien mir, als lebe sie auf, sich selbst dessen kaum bewußt. Aber während der entsetzlichen Wochen, in denen die ganze Welt über das Schicksal der in Peking Eingeschlossenen in qualvoller Ungewißheit bangte, verzehrte sie sich in Angst um unsern Freund; und als dann die Nachricht seines Todes eintraf, nachdem wir schon alles für gerettet undgewonnen gehalten hatten, erlosch ihr Leben nach wenigen Tagen.
Ich bin dann später nach China gereist. In Peking wurden mir die Briefe meiner Schwester ausgehändigt. Unser Freund hat sie nicht mehr erhalten. Er hatte sich seine ganze Korrespondenz nach Schanghai adressieren lassen; denn seiner ursprünglichen Absicht nach wollte er nach seiner weiten Forschungsreise dorthin kommen, um von diesem Hafen aus dann die Heimreise anzutreten. Unterwegs aber änderte er seine Route und beschloß, nach Peking zurückzukehren, wo er unmittelbar vor Beginn der Gesandtschafts-Belagerung eintraf. Er erwartete dort all seine Briefe zu finden, die er sich unterwegs telegraphisch von Schanghai nach Peking bestellt hatte; aber der Bote, den er mit diesem Telegramm vom Innern Chinas aus nach der nächsten viele Tagereisen entfernten Telegraphenstation gesandt hatte, muß wohl in den schon damals herrschenden Unruhen sein Ziel nicht erreicht haben. Sicher ist, daß sein Telegramm nie in Schanghai angekommen ist und in Peking keine Briefschaften für ihn lagen. Er meldete sich gleich als Freiwilliger und ward in der Verteidigung des Suwangfu verwandt, wo die dreitausend geflüchteten chinesischen Christen ein Unterkommen gefunden hatten. Seine Kenntnis des Chinesischen und der Einfluß, den er immer auf die Eingeborenen zu gewinnen wußte, ließen ihn dort besonders nützlich erscheinen. Viel ist mir von seiner Ruhe und völligen Unerschrockenheit erzählt worden aus jenen Wochen, in denen die Menschen Gelegenheit fanden, ihren Wert zu zeigen.
Er ist ein Opfer der letzten Stunde geworden.
Am 13. August, als die Belagerten schon bestimmte Nachricht von dem Herannahen der Entsatztruppen unter den Generalen Gaselee und Fukushima hatten, machten die Chinesen noch einen besonders starken Angriff, als hofften sie, doch noch Herr der kleinen Schar zu werden, die ihnen während sieben Wochen widerstanden hatte. Von früh bis spät pfiffen die Kugeln und kamen wie Hagel über die Barrikaden geflogen. Am heftigsten soll der Angriff gegen das Suwangfu gewesen sein. Am Nachmittag ward dort einer der Chinesen verwundet, die Oberst Shiba zu einer Wachttruppe ausgebildet hatte. Unser Freund sprang vor, um den Verwundeten aus dem Bereich der Kugeln zu tragen, aber im selben Augenblick stürzte er selbst tödlich getroffen nieder.
Am Abend begrub man ihn.
Am nächsten Tage rückten die Entsatztruppen ein.
Monate verstrichen dann, bis ich nach Pekingkam. Alles dort mahnte mich an ihn und an sie, obschon es doch ein ganz anderes Peking war, das ich wiederfand, und das alte, in dem die Beiden gelebt, für immer verschwunden ist. In der verwüsteten Stadt bin ich lang herumgeirrt und habe in all der Zerstörung nach Erinnerungen und Bildern aus der Vergangenheit gesucht. Aber wo einst die verwitterte Steinschildkröte stand und die Wistaria blühte, lag ein einziger Schutt- und Trümmerhaufen, kaum daß man den Platz unseres Häuschens noch bestimmen konnte. Wie eine ungeheure Last senkte sich die Trauer um unwiderruflich Verlorenes auf mich herab.
Keine Spur von ihm oder ihr.
Als sei es alles nie gewesen.
Abends saß ich dann lange sinnend vor den ausgebreiteten Briefen meiner Schwester. Zuerst dachte ich daran, sie zu verbrennen. Etwas Rauch, der zum Kamin hinaufsteigt und sich im Raum verliert, ein paar wehe Gedanken bei einigen Zurückbleibenden, die selbst auch bald dahin sein werden – und dann ist eines Menschen Spur verwischt. Aber ich vermochte es nicht. Das Letzte, was von jenen Beiden geblieben, sind diese Briefe, und als ich in ihnen blätterte, empfand ich so recht, wie sehr sie das wahre Leben meiner Schwester enthalten und ein Stück von ihr sind, die mir solieb gewesen. Während ich dann weiter las, fühlte ich, wie Zeiten, die entschwunden sind, noch einmal vor mir vorüberzogen; ich fühlte auch, wie sie, die von mir gegangen ist, wieder vor mir erstand und mit ihr die Erinnerung an die Wanderjahre, die wir beide zusammen verlebt haben.
Ich vermochte nicht die Briefe zu vernichten. Es wäre mir gewesen, als würde damit das Leben meiner Schwester noch einmal grausam zerstört.
Ich habe lange gezaudert. Doch schließlich entschloß ich mich, zur Erinnerung an jene Beiden diese Briefe, die ihn nicht erreichten, herauszugeben. Vielleicht bringen sie dem einen oder dem andern, der die Beiden im alten Peking einst gekannt hat, einen Gruß. Vielleicht erreichen sie auch andere, einsame Menschen, die noch auf der großen Lebensfahrt begriffen sind und gern einen Augenblick am Wege rasten, um auf die Stimmen derer, die vor ihnen gegangen sind, zu lauschen, wie sie leise aus der Vergangenheit klingen.
New York1902.
Druck vonG. Bernsteinin Berlin.
Anmerkungen zur Transkription.Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.S.17:Inmittten der wohlgepflegten Gärtchen stehen kleine Landhäuser;Inmittender wohlgepflegten Gärtchen stehen kleine Landhäuser;S.42:mit kunstvoll frisiertem rotgoldenen Haarmit kunstvoll frisiertemrotgoldenemHaarS.156:deren Zweige auf den Boden schleifenderen Zweige aufdemBoden schleifender junge Mann in Radelkostümder junge MannimRadelkostümS.191:Meine jungen Mitarbeiter hier werden mich trefflich sekundierenMeine jungen Mitarbeiter hier werdenmirtrefflich sekundierenS.198:ohne zu wissen wohin, als laste Umheimliches,ohne zu wissen wohin, als lasteUnheimliches,S.203:deren Geist viel mehr nach kleinen Schlichwegenderen Geist viel mehr nach kleinenSchleichwegen
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
S.17:
S.42:
S.156:
S.191:
S.198:
S.203: