Geb. am 19. April 1796 zu Stockholm, Hofmarschall, längere Zeit hindurch Theater-Intendant. Seine bedeutendsten dramatischen Werke sind: Erich XIV. — Hildegard — Torkel Knutson — Gustav Adolph in Deutschland. — Seine erste Dichtung war (1819) Carl XII.Die von ihm vorgefundenen hier mitgetheilten Briefe werden jedweden unbefangenen Leser für den ausgezeichneten Menschen einnehmen. Der erste, in welchem er das lange, durch Trennung und Zeit verstummte Verhältniß zwischen sich und Tieck wieder belebend auffrischt, erscheint uns wie ein wichtiges Dokument. So feurig, so wahr, so überzeugend hat vielleicht noch kein Deutscher für deutsches Verdienst gesprochen, als dieser schwedische Hofmarschall. Was er bei Gelegenheit britischer Commentatoren des Shakespeare über die unschätzbare Eigenschaft des Deutschen sagt, fremden Werth in seiner ganzen Bedeutung anerkennend zu durchdringen, sollte in Erz gegraben werden. Welch’ ein Geist in diesem Manne, welche Seele, welches Herz! Nun, Tieck muß es tief empfunden haben. Schon nach Verlauf einiger Monate, wie das zweite Schreiben beweiset, begrüßen sie sich mit dem brüderlichenDu!— Damit ist Tieck in reiferen Jahren nicht freigebig gewesen.
Geb. am 19. April 1796 zu Stockholm, Hofmarschall, längere Zeit hindurch Theater-Intendant. Seine bedeutendsten dramatischen Werke sind: Erich XIV. — Hildegard — Torkel Knutson — Gustav Adolph in Deutschland. — Seine erste Dichtung war (1819) Carl XII.
Die von ihm vorgefundenen hier mitgetheilten Briefe werden jedweden unbefangenen Leser für den ausgezeichneten Menschen einnehmen. Der erste, in welchem er das lange, durch Trennung und Zeit verstummte Verhältniß zwischen sich und Tieck wieder belebend auffrischt, erscheint uns wie ein wichtiges Dokument. So feurig, so wahr, so überzeugend hat vielleicht noch kein Deutscher für deutsches Verdienst gesprochen, als dieser schwedische Hofmarschall. Was er bei Gelegenheit britischer Commentatoren des Shakespeare über die unschätzbare Eigenschaft des Deutschen sagt, fremden Werth in seiner ganzen Bedeutung anerkennend zu durchdringen, sollte in Erz gegraben werden. Welch’ ein Geist in diesem Manne, welche Seele, welches Herz! Nun, Tieck muß es tief empfunden haben. Schon nach Verlauf einiger Monate, wie das zweite Schreiben beweiset, begrüßen sie sich mit dem brüderlichenDu!— Damit ist Tieck in reiferen Jahren nicht freigebig gewesen.
Stockholm den 28. Februar 1835.
Sie haben mich ein par mal durch Nordische Reisende so freundlich grüssen lassen, daß ich mir den Genuß nicht länger versagen kann, Ihnen selbst meinen Dank abzustatten, nichtbloß für diese Gütige Erinnerung „aus den Tagen, die nicht mehr sind,“ sondern noch für so manche Wohlthaten, die ich Ihnen, dem herrlichen, vertraulichen Dichter, seit so vielen, einsamen Jahren noch schuldig bin.
Sie müssen nehmlich wissen, mein edler vortreflicher Freund! daß ichnachunsrer Trennung noch viel vertrautermit Ihnen gelebt, gedacht, geschwärmt und das innere schöne Leben genossen habe, als einst bei der persönlichen Gegenwart, in dem geistreichen, von unserm guten Burgsdorf gebildeten Gesellschaftskreise.
Bei unsrer ersten Bekanntschaft warmeinGeist noch etwas zuklassischgestimmt, um sich inIhrenselbständigen freien Dichtungen überall heimisch zu fühlen. Ich hatte mich in früher Jugend so tief verirrt im Dickicht trübseliger Schwärmerei, und mich so mühselig zum Licht emporgearbeitet, daß ich noch lange eine Art von Scheu behielt, selbst vor jederdichterischenDämmerung, wo solche mir etwa mehrAbend-alsMorgenröthezu verkündigen schien. Dagegen hatte mir vom Anfange an Ihr geflügelterGeniusgrosse Ehrfurcht eingeflößt, und noch anziehender fand ich denMenschenin Ihnen. Es freut mich noch, daß ich Ihren Werth so zeitig gefühlt hatte; denn als ich einer sehr geistreichen Freundin aus jener Zeit IhrenAbdallah u. Lowellgeliehen hatte, und sie, etwas kunstrichterisch, anmerkte: „es schiene ihr immer etwas anmassend, wenn ein „junger Mensch“ mit Werken anfinge, welche die ganzeReifeeines Göthe forderten, um eigenthümlichen Werth zu haben,“ so hatte ich schon den Mut, ihr zu antworten: „Wenn ich mich nicht sehr irre, so werdenSienoch einmal die Werkediesesjungen Menschen neben dieGöthischenin Ihrer Büchersamlung aufstellen.“
Seit dieser Zeit nun schmeichle ich mir einer Ihrerbesten Lesergewesen zu sein, was überhaupt meine Stärke ausmacht; denn meineigenesSchreiben, oder Dichten, hat meinem Geist eigentlich nur zurBewegunggedient, wodurch die Gesundheit eines tüchtigenLesersgehörig befördert wird. Auch besitze ich, Gottlob, Sinn und Gemüt genug, um bei reich-begabten Schriftstellern alles mitzuentdecken, was sie nicht selten bloß demWeissenzwischen den Zeilen anvertraut haben. Der sel. Schleiermacher bat mich einmal, seine „Kritik der Sittenlehre“ für eine gelehrte Zeitung zu beurtheilen. Ich entschuldigte mich aber damit, daß ich das Buch wahrscheinlich nicht hinlänglich verstanden hätte; denn an mehrern Stellen folgerte ich aus dem innern Zusammenhang seiner Begriffsentwickelungen etwas viel Bedenklichers, als was er selbst zu lehren schien. Darauf antwortete er mir scherzend: „Eben deswegen, weil ich Dich als einen so guten und gründlichenLeserkenne, wollte ich daßDugewisse Dinge zur Sprache bringen solltest, die ich meine Gründe hatte, hier nicht näher zu erörtern. Die von Dir gerügte Zweideutigkeit ist unverkennbar für den Selbstdenker, aberabsichtlich; und Du kannst überzeugt sein, daß unsre alltäglichen Bücherrichter sich nicht dabei aufhalten werden.“ —
Eben so fromm und aufmerksam glaube ich nun die meistenIhrerSchriften, gelesen und wieder gelesen zu haben. Nichtalle, denn vieles von den neuern ist mir unbekannt geblieben in diesem Nordischen Winkel, vorzüglich von dem, was hie u. da in Zeitschriften abgedruckt worden. Um so sehnsuchtsvoller erwarte ich nun die Sammlung Ihrersämmtlichen Werke, die ich schon bei meinem Berliner Buchhändler bestellt habe. Eineninnerlichundäusserlichso reichen, durch seineEigenthümlichkeitehrfurchtgebietenden Dichter, wie Tiek, betrachte ich nehmlich gerne wie denStrasburger Münster. Wer möchte hiereinzelnabgebrochene Zierrathen u. Figuren bewundern? — Wer den Eindruck dieser andächtigen Begeisterung nicht in sich aufzunehmenvermag; wer sich dem Genuß desGanzennicht unbedingt hingiebt, — der mag ja lieber freundliche Gartenhäuser beschauen, oder zierliche Nachbildungen alterthümlicher Tempel anstaunen! — Es mag immer bloß ein eigenthümliches Gefühl sein,Schmeicheleiist es wenigstensnicht, wenn ich freimütig bekenne, daß mirIhrDichtergenius so garmehr„of a piece“ scheint, wie Göthes, dem übrigens wohl niemand eine vielseitigere Bewunderung zollt, als ich. Aber daß Ihre Muse, seitdem ich inniger mit ihr vertraut worden, diegemütlichsteLebensgefährtin gewesen, die mein späteres Leben überall begleitet, überallfrisch u. jugendlicherhalten hat, —dasist eben der eigentliche Gegenstand diesesDanksagungs-Schreibens; denn bloß als einsolchesmüssen Sie diese unbedeutenden Blätter betrachten. Ist doch die Samlung Ihrer kleinen Gedichte schon seit Jahren meinGesangbuchgewesen —hiervorzüglich, wo ich von allen meinen ehemaligenGlaubensgenossenso entfernt, und so vereinsamt zurückblicke nach dem gelobten Lande meiner genußreichen Jugend. Mag es sein, daßdeutsches Blut, von väterlicher und mütterlicher Seite, noch immer in meinen Adern siedet, das kein Nordwind zu kühlen vermag, —Deutschlandist u. bleibt auf ewig das wahre Vaterland meinesGeistesu. meinesHerzens, und diese lebendige Anhänglichkeit an das „Land der Eichen“ ist mir nichtangebildetworden durch meine dortige Erziehung, sondern diese hat jene nur früher u. vollständiger in mirentwickelt. Auch ist jenesGefühlnicht etwa durch spätes Entbehren in diesem Augenblick unruhiger geweckt worden. Schon vor einigen und 20 Jahren durchglühte mich diese Vorliebe so kräftig, daß Göthe mich einmal im Scherze: „einenAllemand enragé“ nannte, u. mich rieth nach England zu reisen, wo man mich mit dem Gruß empfangen würde: „No German nonsense swells my British heart.“ (einVers aus einer damals eben erschienen Satire:Pursuits of Literature.)
Wohl habe ich seitdem einen bedeutenden Theil meines zersplitterten Lebens in Frankreich u. England zugebracht; aber mich dort nur um so lebhafter überzeugt, daß der Reichthum desgeistigen Lebenssich in diesen beiden Ländern mit demDeutschenkeinesweges messen kann. Und doch gehör’ichzu denjenigen, die sich auch in der Fremde leicht ansiedeln. Ueberall suchte ich dort mir Sprache, Sitten u. Ansichten der Einwohner so freisinnig, wie möglich anzueignen, weil man nur dadurch Nutzen u. Freude hat von seinen Reisen und seinen vielseitigen Beobachtungen. Aber auchdasist ja ein seltener Vorzug des Deutschen Genius, daß er das Vortreffliche desFremdartigenoft treuer u. reiner in sich aufnimmt, als die Eingebornen selbst. DaßSieden Shakespeare unstreitig richtiger fassen u. erklären, als alle die kunstrichterischen John Bulls, deren ich, während meines Aufenthalts in London, sovielezusammenbrachte, daß solche jetzt 27! dicke Oktavbände füllen. — Abermirwenigstens hat dasEinseitigejener feingeschliffenen Ausbildung derNichtdeutschen, denReichthumder einheimischen nur um so lieber und theurer gemacht. —
„Mit demrost-beefu. dem Porter vertrage ich mich schon ganz einheimisch; denKohlendampf liebeich sogar, — schrieb ich aus London an eine Freundin in Berlin, — dieAussenweltgenügt hier vollkommen, aber meininneres Lebenschnappt überall vergebens nachDeutscher Luft, u. meinGeistvermißt sehnsuchtsvollDeutsche Freiheit!“ — VonFrankreichlassen Sie uns nicht sprechen. Die PariserKinderschuhehattenwirdoch wohl schon ausgetreten, lange eheLudwig Filipps„freisinnige“ Unterthanen anfingen, dramatische Stiefel und lange Beinkleider nach deutschem Schnitt nothdürftig zusammen zu pfuschern; und ihrenVictor Hugo zu einem Shakespeare aufzustutzen. Uebrigens lieb’ ich dieFranzosensehr, so lange sieKunst und Leben leicht und scherzhaftnehmen. Nur der großartige Ernst scheint ihrer Natur nicht angeboren, weswegen auch ihre Staatsumwälzung so jämmerlich mißglückte.
Freilich sagte mirCheniereinmal mit großer Selbstgefälligkeit: „Ich habe wirklich Schillers Don Carlosdurchgeblättert; man muß auch dasMißlungenenicht verachten. Das Unglück Deutscher Dichter ist, daß sie nun einmalohne Geschmack geborensind, und von eigentlicherKunstu.Gemütsschilderungennicht einmal von unserngroßen Meisternetwasgelernt haben. Ichgedenke nunselbst,einen Filipp II.zuschreiben!“ —
Dagegen habe ich wohl manchmal auch von den Bessern derUnsrigenhören müssen: „diedeutscheArt u. Kunst sei allerdings reich, tief u. vielseitig, dafür scheine sie aber auch immer nur einunendliches Bruchstückbleiben zu wollen.“ Dies liesse sich wohl auch in einem gewissen Sinne behaupten; erinnert mich aber an ein sinniges Wort der sel. Varnhagen, als jemand in ihrer kleinen Gesellschaft sagte, „es ist doch Schade, daß derFaustnur einBruchstückwäre.“ — „Schade?! rief sie aus. Als wäre das nicht gerade das größte Verdienst dieses unendlichen Gedichts! Gerade dadurch ist es ja eine so treue Darstellung der ganzen Menschheit; denn was istsie, das Leben u. die Weltfür unsanders, als ein ewig anziehendes, ewig unvollendetes Bruchstück? Göthedarfdas Gedicht nicht fortsetzen, oder gar vollenden, wenn sein Gemählde noch demUrbildegleich bleiben soll; denn all unser Denken, Träumen u. Ahnen; alle unsre geistige u. sinnliche Liebe, alles was wir von Gott, oder dem Teufel uns einbilden; — Genuß, Sehnsucht, Verzweiflung, Tugend und Verbrechen —allesenthält schon dieses überreiche Bruchstück einesunendlichen Kunstwerks.“
Und nach dieser Ansicht zweifle ich sehr, ob meine Freundin den2ten Theildes Faust für eine Vollendung des ursprünglichen Gedichts hätte gelten lassen. —
Ichwürde also auch mit denen nicht streiten, die etwa alleIhreDichtungen zusammengenommen, als ein solchesunendliches Bruchstückdes großen Weltgedichtes betrachten möchten. Bleibt dasVollendetedes Lebens nicht in jeder Rücksicht bloß ein Gegenstand der Ahnung und der Sehnsucht?
„Warum Schmachten?Warum Sehnen?Alle Thränenach! sie trachtenweit nach Ferne,wo sie wähnenschönre Sterne!“ —
„Warum Schmachten?Warum Sehnen?Alle Thränenach! sie trachtenweit nach Ferne,wo sie wähnenschönre Sterne!“ —
„Warum Schmachten?Warum Sehnen?Alle Thränenach! sie trachtenweit nach Ferne,wo sie wähnenschönre Sterne!“ —
„Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
Alle Thränen
ach! sie trachten
weit nach Ferne,
wo sie wähnen
schönre Sterne!“ —
Was gäbe ich nicht darum, mein edler Freund, wenn ich jetzt nur einige Stündchen mit Ihnen verplaudern könnte, vorzüglich auch überGöthe, den sosinnlich-klaren, u. doch in mancher Rücksicht so unerforschlichenProteus. Wie vieleFragezeichenhabe ich nicht überall an den Rand gezeichnet, worauf Sie mir vielleicht antworten könnten, auch wo diese Antworten Ihnen nicht erleichtert würden durch übereinstimmende Gesinnung, sondern bloß durch scharfsinnigeres Ahnungsvermögen eines so nahverwandten Genius. Wie tief bedauere ich, daß ich die Zeit unsers Beisammenseins nicht mehr benuzte; denn verloren war bei mir nie etwas, noch so früh empfangenes, sondern wucherte gewöhnlich das ganze Leben hindurch, wenn es auch spät erst zur Frucht reifte.O! mihi praeteritos referat siJupiterannos!“
Und doch war jene Zeit ein herrlicher, unvergeßlicher Frühling! Einer mit dem ich damals das geistige Leben am vertraulichsten durcharbeitete, warFriedrich Schlegel, den ich immer denDichternannte, während sein Bruder mir bloßder Dichtendehieß. Als Tiefdenker mir unendlich überlegen, fand er doch bald so viel Empfänglichkeit in mir, daß er behauptete noch niemand gefunden zu haben, mit dem er sich so allseitig hätte mittheilen können, ohne in Streit zu gerathen, auch wo wir noch so entgegengesetzte Grundsätze verriethen.
Nach seinem Uebertritt zur römischen Kirche, schrieb mir Schleiermacher: „Kanst Du mir diesen Schritt unsers Freundes wohl näher erklären? Ich frageDich, weil er mir selbst gesagt, er hätte mit Keinem so ernst u. so offenmütig, wie mit Dir, dasChristenthum, nach allen dessen Richtungen durchgeforscht. Ich kann mirseineinnernGründe unmöglich denken; u.weltlichemag ich bei einemsolchen Mannedurchaus nicht annehmen.“
Allein ich hatte damalsSchl.in mehreren Jahren nicht gesprochen; wohl aber haben seine spätern Schriften mich mitseinemKatholizismusversöhnt. Es scheint nehmlich, daß, wenigstens gleichzeitig mit diesem Uebergang, auch eine wirklicheSinnesänderungbei ihm vorgegangen; denn wiemild,billigund wahrhaftchristlichfinden wir ihn, selbst in seinen späternStreitschriften, wenn wir solche mit den frühern vergleichen.Jacobimachte dieselbe Bemerkung, u. schrieb mir einmal: „Hätten Sie wohl je geglaubt, daß Fr. Schlegel u. ich einander bei Gegenständen der Vernunftforschung so freundlich undchristbrüderlichbegegnen würden?“ — Eine große Hinneigung zurNeuplatonischenAuffassung des Christenthums hatte ich früh in ihm entdeckt, welche mir nun durchaus nicht zusagte. Dagegen versicherte ich ihm, man könne dem Christenthum nicht inniger zugethan sein, wie ich, wenn man nur nicht forderte, daß ich einstrengerer Christsein solte, als —Christusselbst. Ich hättenehmlich überall gefunden, selbst bei meinenHernhutern, wiewohl da seltener, daß die eifrigsten Christen sich in 2 ganz bestimmte Klassen abtheilen ließen. Die einen wären dieGelehrten, oderHistorischen, denen das sich nach u. nach entwickelteLehrgebäudedes Glaubens wichtig u. heilig sei — die Rechtgläubigen jeder Kirche, — die andern hingegen empfänden bloß ein tiefes Bedürfniß, sich dieGesinnungen, die ganzeDenk- u. Empfindungsweisedes Erlösers kindlich anzueignen. Ihnen ist das wichtigere, „den Willen desjenigen zu thun, derIhngesandt hat, u.dadurch innezuwerden, ob seine Lehre von Gott sei.“ — Alle Spizfindigkeiten der Kirchengelehrten scheinen ihnen unwesentlich. DieDreieinigkeitmacht ihnen keinen Kummer, u. selbst vonChristusmögen Sie wohl sagen wie Haller von seiner Geliebten:
„Ich strebe nicht Dich zuvergöttern,die MenschheitziertDich allzusehr.“ —
„Ich strebe nicht Dich zuvergöttern,die MenschheitziertDich allzusehr.“ —
„Ich strebe nicht Dich zuvergöttern,die MenschheitziertDich allzusehr.“ —
„Ich strebe nicht Dich zuvergöttern,
die MenschheitziertDich allzusehr.“ —
Zu dieser 2ten Klasse nun bekenne ich mich mit aller Innbrunst des Herzens, u. aller Freiheit der Seele. — Dabei leugne ich keinesweges, daß nicht beide Eigenschaften sehr glücklich vereinigt werden können; nurallgemeinkann dies nicht angenommen werden; u. ohne diesechristliche Gesinnung, scheint mir die gelehrteRechtgläubigkeitvon sehr geringem Werth. — Daher hat auch A. W. Schlegel mich u. die Frau von Staël schrecklich ermüdet durch seine streitsüchtigen Anempfehlungen eines solchen gelehrtenKatholizismus. —
Hier aber müssen Sie mir erlauben, eine ähnliche Bemerkung zu machen über die verschiedenartigen Schüler u. Anbeter derMuse, zumahl dies Sie selbst etwas näher angeht. Ich theile nehmlich diese ebenfalls in 2 sehr bestimmte Klassen. DiewirklichenDichter, die Selbstschöpfer im Reiche des Genius, die Beherrscher der Einbildungskraft undder Seelenvermögen; — dann aber die „poetischen Menschen“, die zwar für allen Reichthum der Dichtung die regsamste Empfänglichkeit besitzen, die aber keineKraftvon der Natur empfingen, selbsthervorzubringenwas sie im Geist so lebhaft anschauen. Sie verwandeln gewissermassen ihr ganzes Leben, die sie umgebende Wirklichkeit, ihr Denken u. ihr Gefühl zu einemGedicht; aberstummgeborenvermögen sie was ihr inneres bewegt, nicht auszuhauchen in Gesang u. Rede.
Daß selbst dieHalbgötterder ersten Klasse nicht immer dieseinnerliche Poesieder zweiten in einem gleich hohen Grade besitzen, glaube ich nur zu oft wahrgenommen zu haben, und jeneStummgeborenen, zu denen ich, Leider selbst gehöre, müssen sich nur damit trösten, daß gerade diese nie zur Flamme auflodernde Glut ihr inneres Leben gewöhnlich länger warm und jugendlich erhält.
Freilich ist es eine herrliche Erscheinung der Menschheit, wenn ein hoher Genius diese oft gesonderten Eigenschaften in sich vereinigt, und dies, liebster Tieck! ist nach meiner Ueberzeugung,Ihr glücklichesLoos. Sie sind doch unstreitig eingroßer Dichter, aber welcher Kenner entdeckt nicht zugleich in dem kleinsten Ihrer Lieder den echt-poetischen Menschen, der so freundlich anzieht, u. Zutrauen einflößt, während man den ersten bewundert? Sie sehen, ich spreche so offen mit Ihnen, wie mit einem Dritten, ich erkläre nurmeindankbares Gefühl für Sie — denn ein plattesLobwäre von meiner Seite schon anmaßend. In dieser Rücksicht stehenSieuns offenbar näher alsGöthe— dessen Seele, ich möchte sagen nichtjungfräulichgenug ist, um ein sokindliches Gemützu besitzen. —
Begreifen Sie also nun, woher ich den Mut genommen habe, mich so ausführlich mit Ihnen zu unterhalten, als hätten wir uns vor wenig Tagen gesprochen. — Ich setze nehmlichvoraus, daß derpoetische Menschin Ihnen noch eben so jugendlich u. umgänglich ist, wie zu der Zeit, die ich noch so lebhaft in mein Gedächtniß zurückrufe. Von mir kann ich wenigstens ehrlich versichern, daß ich denJahrenkeine Macht über mein inneres Leben gönne. Schon auf der Schule kamen Schleiermacher u. ich überein, daß ein früheres, oder späteresAltwerdendes geistigen Menschen, doch eine wahreNiederträchtigkeitsei, welches immer eine schlechte Erziehung, oder eine leichtsinnig verschwendete Jugend verriethe. Auch hat er bis zu seinem Tod diese Wahrheit bestätigt; und als er mich kurz vorher besuchte, konnten wir an einander nicht die mindeste Veränderung gewahr werden. Freilich war er ein par Jahr jünger, als ich, dafür aber dochälteralsSie, für den also gar keine Entschuldigung gilt, wenn Sie schon aufhören wollten, einJünglingzu sein.
Ohne allen Scherz: ich wüste nicht, daß ich seit meinem 20. Jahre irgend eine Verwandlung erlitten hätte.Ernstwar schon das Gemüt des Jünglings, u. eben deswegen, hat bei mir die Heiterkeit u. der Frohsinn immer auf einem so sichern Grunde geruht. Meine Freude am Leben, u. selbst an allen Liebhabereien des Geistes, u. der Empfindungen ist noch ganz die nehmliche. Vorzüglich sind aber Wissenschaften und Künste noch immer eine unerschöpfliche Quelle eines fortdauernden Lebensgenusses. Und wie dankbar gedenke ich auch in dieser Hinsicht meiner gründlichen Erziehung auf einerDeutschenSchule. Alles dort eingesammelte habe ich das ganze Leben hindurch so treu aufbewahrt, daß ich es immer mit Sicherheit wieder hervorsuchen kann, wenn es auch Jahrzehende hindurch völlig geschlummert. Schleiermacher war ganz verwundert, als er mich jezt viel tiefer eingeweiht fand in allen Geheimnissen griechischer Schriftsteller, als auf der Universität, wo wir uns Tag u. Nacht mit ihnen beschäftigten. Dies gab uns Gelegenheit vor hiesigen Gelehrten mit unsernHerrnhutischen Schulen zu prahlen, die wir beide nirgends übertroffen gefunden. Zufällig wurde behauptet: daß die KunstLateinische Versezu machen, heute zu Tage völlig ausgestorben sei, auch diejenigen, welche in der Jugendsich damit beschäftigt hätten, würden keinen Versuch mehr darin wagen. — „Was meinstDu? sagte Schleiermacher, Du galtest ja sonst für einen geübten Lateinischen Dichter.“ — „Ich meine, antwortete ich, daß mannichts vergißt,was mangründlich gelernthat, und ich nehme noch eine Wette an, ob ich gleich in beinah 40 Jahren keinen Lateinischen Vers geschrieben habe.“ — u. so schickte ich unsern Upsaliensern bald darauf ein ziemlich langes Gedicht, für welches sie mich auf meine alten Tage noch zum Magister machen wollten. Auch hatte ich wirkl. kaum 10 Zeilen geschrieben, als es mir vorkam, als hätte ich eine seit Jahren verschlossene Schublade geöfnet, in der ich noch alles in der vollkommensten Ordnung wieder fand. Wervergißtdenn jemals, was er wirklich treu u. redlichgeliebthat. Eingutes, vielseitiges Gedächtnißsteht immer in Verhältniß zu der Menge von Gegenständen, die uns einst eine lebendige Theilnahme eingeflößt haben, u. selten nimmt das Gedächtniß früher ab, als dasHerzvertrocknet. —
Uebrigens muß ich mich wohl aufGelehrsamkeitbeschränken, da ich als „Stummgeboren“ nichts besseres thun kan, u. da mir die hiesige Alltagswelt zublaßist, um mich ihr oft hinzugeben. Genußreicher finde ich freilich mein kleines Museum, wo mir immer noch dieTagezu kurz scheinen, um solche nicht wie sonst durch halbe Nächte zu verlängern.
Wiewollte ich aber noch mit Ihnen die herrlichen Gegenden um Dresden durchwandern, wo der Jüngling bisweilen aneinemTage 6 bis 7 Meilen zu Fuße machte; u. ich hoffeSiesollten mich da noch soungealtertfinden, wie eine hiesige Freundin, die mich neulich fragte: „Waren Sie denninIhrer Jugendwirklich auchso jugendlichwiejezt?“ — — Ach! meinDeutschland! und mein KnabenfrohesSachsen!
„Ach! wie sehnt sich für und fürschönes Land! mein Herz nach Dir!Werd’ ich nie Dir näher kommen,Da mein Sinn so zu dir steht?Kömmt kein Schifchen angeschwommen,Das dann unter Segel geht? —Doch mich halten harte Bande!“
„Ach! wie sehnt sich für und fürschönes Land! mein Herz nach Dir!Werd’ ich nie Dir näher kommen,Da mein Sinn so zu dir steht?Kömmt kein Schifchen angeschwommen,Das dann unter Segel geht? —Doch mich halten harte Bande!“
„Ach! wie sehnt sich für und fürschönes Land! mein Herz nach Dir!Werd’ ich nie Dir näher kommen,Da mein Sinn so zu dir steht?Kömmt kein Schifchen angeschwommen,Das dann unter Segel geht? —Doch mich halten harte Bande!“
„Ach! wie sehnt sich für und für
schönes Land! mein Herz nach Dir!
Werd’ ich nie Dir näher kommen,
Da mein Sinn so zu dir steht?
Kömmt kein Schifchen angeschwommen,
Das dann unter Segel geht? —
Doch mich halten harte Bande!“
Und nun, mein edler Freund! mit der innigsten brüderlichen Umarmung
Ganz der Ihrigev. Beskow.
Ganz der Ihrige
v. Beskow.
Stockholmam 8. Juny 1835.
Theuerster Freund!
Ueberbringer Dieses ist der Hr. Hagberg, der Weltweisheit Doctor, und Sohn eines unserer vorzüglichsten Kanzelredner und Kirchenväter. Dieser junge Reisende besitzt ein hübsches poetisches Talent und hat zweymahl den Preis der Schwedischen Akademie erhalten, nämlich für ein Gedicht überGustav Adolph den Großenund für eine Uebersetzung von TassosGerusalemme liberata. Auch ist er bey der Universität in Upsala Docens der Griechischen Sprache. Da er auf seiner Reise nach Italien im vorbeygehen Dresden zu besuchen gedenkt, habe ich mir das Vergnügen nicht versagen können, mich durch ihn bey Dir in Erinnerung zu bringen, und ihm überdies, mittelst dieser Zeilen die Freude zu verschaffen, Deine und der Deinigen Bekanntschaft zu machen,wovon er mich oft, als von einer der theuersten Rückerinnerungen an meine Wanderungen in fremden Ländern, hat sprechen hören.
Die letzten Nachrichten die ich aus Dresden gehabt, sind von Baron v. Lüttichau. Er meldet daß Du, zu unserer großen Freude, frisch und gesund bist, daß aber, leider, in dem Befinden Deiner Frau keine verbesserung vorgegangen ist. Dieser letztere Umstand geht uns herzlich nahe, und wir hoffen und wünschen innig, daß dieses bald einen Uebergang habe. Was uns betrifft sind wir Gottlob! jetzt beyde gesund und meine Frau hat sich bey der Diät, die der vortreffliche Carus ihr vorgeschrieben hat, besonders wohl befunden. Grüß ihn tausendfach und herzlich!
Diesen Sommer bringen wir auf einem Landgut zwey Meilen von der Hauptstadt zu; aber nächstes Jahr hoffen wir, geliebt es Gott! wieder eine Reise südwärts machen zu können, und werden dann gewiß Dresden besuchen. — Was hast Du jetzt vor? — Was geschieht in der Deutschen Litteratur? — Wie steht es mit Eurem Theater? — Wie befinden sich unsere Freunde? — Dies sind Fragen, die wir so gern beantwortet hätten, die aber in die leere Luft verhallen.
Der Doctor Hagberg wird nähere Nachrichten von uns ertheilen können. Leb’ indessen wohl, theuerster Freund! Empfange die herzlichen Grüße meiner Frau an Dich, und unsere gemeinschaftliche an Deine ganze liebenswürdige Umgebung, und an alle unsere Freunde in Dresden — das liebe Dresden! — Noch einmahl, lebe wohl! und vergiß nicht gänzlich
Deinenbeständigen FreundBernh. v. Beskow.
Deinen
beständigen Freund
Bernh. v. Beskow.
Stockholmden 16. Juli 1835.
Theuerster Freund!
Ob ich gleich neulich einem auf Reisen gehenden Landsmanne, dem Hr. Doct. Hagberg aus Upsala, einige Zeilen an Dich mitgab, so kann ich doch nicht umhin die Gelegenheit zu benutzen, die sich jetzt mir wieder darbietet, Deine Schwedischen Freunde, die sich so oft mit Dankbarkeit und Sehnsucht Dresdens, Deiner und der Deinigen erinnern, Deinem uns so theuren Andenken zu empfehlen. Gern wäre ich statt des Briefes selbst gekommen; doch der Erfüllung dieses Wunsches darf ich erst in einem Jahre vielleicht entgegensehen. Dann hoff ich mich aber auch los und ledig machen zu können.
Ueberbringer dieses Schreibens ist ein junger, liebenswürdiger Dichter, Herr Böttiger, der Zweymahl von der Schwedischen Akademie belohnt worden ist; nähmlich für ein Gedicht überGustav Vasaund für ein anderesGustav Adolph bey Lützengenannt. Außerdem hat er mehrere lyrische Gedichte herausgegeben wovon eine Samlung in kurzer Zeit drey Ausgaben erlebt hat — eine bey uns sehr seltene Erscheinung, zumahl in einer so antipoetischen Zeit, wie die unsrige, und bey dem wenig zahlreichen Publicum, worauf ein Schwedischer Schriftsteller zu rechnen hat. Hr. Böttiger ist Doctor der Weltweisheit und Docens wie auch Unterbibliothekar bey der Universität in Upsala. Sein anspruchloser, liebenswürdiger und rechtschaffener Charakter hat ihm in der Heimath allgemeiner Liebe und Achtung erworben, und ich vermuthe daß er auch jenseit des Meeres Freunde und gleichsinnige Herzen finden wird.
Die Gesundheit meiner Frau fährt fort sich zusehends zu verbeßern. Sie läßt Dich und Deine liebe Umgebung tausendfach grüßen. Bestelle auch meinen herzlichen Gruß an Deinesämtliche Hausgenoßen und alle unsere Dresdener Freunde. Als ein wohlgemeintes Andenken von Schweden und Deinen hiesigen Freunden habe ich demDr.Böttiger ein paar Schaumünzen mitgegeben, um sie Dir zu überbringen. Dieselben stellen Tegnér und Berzelius vor, und gehören zu einer Samlung deren Herausgabe ich hieselbst besorge.
Lebe wohl und vergiß nicht
Deinenunveränderlichen FreundBernh. v. Beskow.
Deinen
unveränderlichen Freund
Bernh. v. Beskow.
Stockholm, den 19. July 1836.
Theuerster Freund!
So lange habe ich die Beantwortung Deines herzlich willkommenen, freundschaftlichen Briefes verzögert, daß ich fast gewärtig seyn muß, die Dinte in der Feder vor Scham darüber erröthen zu sehen. Daß jedoch dieser Verzug nicht von Undankbarkeit oder Vergeßlichkeit herrührte, davon kanst Du doch völlig überzeugt seyn. Es war aber mein Wunsch meiner Antwort einen grösern und dauerhaftern Beweis meiner Erkentlichkeit beyzufügen, und zwar durch das Werk, welches Du mir erlaubt hast mit Deinem Nahmen zu schmücken. Die Bemühung diesem Werke eine Abfaßung zu geben, wodurch es nicht gar zu unwürdig werden möchte Dir zugeignet zu werden, erforderte natürlicher Weise einige Zeit; und doch wäre das Buch bereits in Deinen Händen wenn mir nicht unglücklicherweise eine der Amtsverrichtungen, deren ich mehr habe als ich brauche, ein anderes Geschäft, das keinen Aufschub duldete, auferlegt hätte. Die Schwedische Akademie sollte nehmlich ihr Jubeljahr feyern, und als beständiger Sekretär derselben muste ich über alles was wir in diesen 50 Jahren — nicht gethan einen ausführlichen Bericht verfaßen. Dies war in der That ein sauberes Stück Arbeit; doch zog ich mich zwischen „Dichtung und Wahrheit“ so ziemlich aus der Sache, und die Akademie sagte bey der Auflesung des Aufsatzes wie unser (weiland) gutmüthiger König Adolph Friederich, als der Hofkanzler den Ständen den Bericht über die von Seiten der Regierung genommenen Maßregeln vorlaß: „Haben Wir das alles gethan?“
Sobald das Jubelfest vorüber war, und die darüber abgefasten Verhandlungen gedruckt worden, unternahm ich wiedercon amoredie Bearbeitung der Dramatischen Versuche, die ich Dir zu widmen wünschte. Allein jetzt ist ein neues Hindernis eingetreten, welches mich auf längere Zeit jeder litterarischen Beschäftigung zu entreißen droht. Seine Majestät, mein Allergnädigster König, haben Seine Absicht zu äusern geruht — mich zum Ober-Intendenten der öffentlichen Gebäude und überdieß zum beständigen Präses der Akademie der freyen Künste zu ernennen. Zwar habe ich mir, mit ehrfurchtvoller Dankbarkeit, jenes hohe Vertrauen unterthänigst verbeten; aber Seine Majestät haben keinen andern bisher ernennen wollen und wenn Sr. Majestät Wunsch zum Befehl übergeht, werde ich demselben natürlich um so mehr Folge leisten müßen, da ich noch kürzlich ebenso viele als unverdiente Beweise Seiner königlichen Gnade erhalten habe, — der große Polar-stern, das Comthur-Band der Ober-Beamten des Seraphiner-Orden, &c. — so daß ich mich jetzt ausstaffiren kann wie jener alte Mann, von dem Du einst erzähltest, daß er einen ganzen Büschel von Bändern an der Brust trüge. Sollte ich indeßen nebst der neuen, wovon jetzt die Rede ist, auch meine bisherigen Amtsgeschäfte versehen, so würde mir schwerlich Zeit zu litterarischen Beschäftigungen übrig bleiben, welches mir sehr leid wäre und schwerlich könnte ich Dich auch dann, wie es meine Absicht gewesen, nächstes Jahr in Dresden besuchen, und vielleicht gar einen Abstecher nach Italienmachen[3]. Doch das Alles steht in Gottes Hand, und Der lenkt alles zum Besten.
Mit der innigsten Freude haben wir vernommen daß Dein und der Deinigen Gesundheits Zustand fortwährend Gut gewesen und daß Deine Feder uns jedes Jahr neue Meisterwerke schenkt. Ein ausschließend litterarisches Leben, wie das Deinige wäre auch bey dem hundertsten Theil Deines schöpferischen Geistes beneidenswerth, aber nur als Schriftsteller zu leben ist bey uns in Norden fast Beyspiellos. Unsere Litteratoren sind entweder Bischöfe Beamte und Lehrer bey den Universitäten, oder Reichstagsrepräsentanten und Publicisten. Außerdem nehmen unsere Akademien viele Zeit weg. Meine Wenigkeit, z. B. befindet sich Mitglied von 5 solchen hier in Stockholm, die zum Theil wöchentlich Zusammenkünfte haben. Bisweilen gewähren sie doch einige Freude, diejenige zum Beispiel die ich jetzt erfahre indem ich Dir, im Namen der Akademie der Geschichte, der Alterthümer und der schönen Wißenschaften, beygebendes Diplom übergebe, deßen Einladung die Akademie Dich ersucht, als einen Beweis ihrer ausgezeichneten und erfurchtvollen Hochachtung für Deine unsterblichen litterarischen Verdienste gütigst annehmen zu wollen. Haller, Goethe und Schiller sind, unter Deinen Landsleuten, früher Mitglieder dieser Akademie gewesen, und unter den jetzt lebenden auswärtigen Mitgliedern zählen wir Heeren und Sismondi. Dein vortrefflicher Fürst, Prinz Johann, geruhte im vorigen Jahr die Einladung zum Ehren-Mitgliede anzunehmen.
Herzlichen Dank für alle Freundschaft und Güte, die Du so vielen meiner Landsleute erzeigt hast! Du errichtest Dir dadurch auch ein Pantheon von dankbaren Herzen hier im Norden. Auch ist kein litterarischer Name hier so geliebtund verehrt als der Deinige. Möchtest Du nur nicht ermüden die Lappländischen Pilger aufzunehmen! Aber es ist nicht möglich ihr Verlangen Dich zu sehen und zu hören im Zaum zu halten, und es giebt keinen Schweden deßen Weg durch Deutschland geht, der sich nicht ein Wort der Empfehlung an Dich ausbittet. Jetzt sind ihrer drey im Anzuge, welche Du mir gütigst erlauben wirst bey dieser Gelegenheit anzumelden, nämlich ein junger Bildhauer Herr Zuarnström (eine ganz Nordische Natur) der sich nach Rom begiebt, und ein Hr. Arwidson, sein Reisgefährte, ein sehr litterarisch gebildeter Mann, mit gründlichen Kenntnißen und einen scharfen, selbständigen Verstande. Sie werden sich etwa ein Monath in Dresden aufhalten und es wäßert ihnen schon den Mund nach einer Vorlesung aus den Shakespeare. Mein dritter Landsman, welcher Dir auf seiner Rückreise aus dem Carlsbade im August seine Aufwartung zu machen gedenkt, ist mein bester Schul- und Jugendfreund, der Baron v. Sprengporten, jetzt Oberstadthalter in Stockholm, ein vortrefflicher und sehr unterrichteter Mann, der ohne Anspruch Dichter zu seyn recht hübsche Verse schreibt und ein besonderer Freund der Deutschen und Englischen Litteratur ist.
Die Gesundheit meiner Frau ist Gottlob, ziemlich gut gewesen; aber Sie sehnt sich, ebenso wie ich, nach Dresden wo wir uns noch beßer befanden. Melde ihren und meinen herzlichen Gruß an Deine ganze liebenswürdige Umgebung. Auch viele Empfehlungen an unsere theuren und achtungswerthen Freunde v. Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. — Lebe wohl, geliebter und vortrefflicher Freund, und vergiß nicht Deinen bis in den Tod unveränderlich
ergebenenBernh. v. Beskow.
ergebenen
Bernh. v. Beskow.
Stockholm, den 18. August 1836.
Theuerster Freund,
der Ueberbringer dieser Zeilen[4]ist der Königl. Bibliothekar Rydquist, der zugleich in der Schwedischen Akademie meinAmanuensisist, ein in der Geschichte der Litteratur sehr bewanderter Mann, deßen Schrifte von den hiesigen Akademien mehrmals gekrönt worden, und der besonders durch zwey Werke, nähmlich eine „vergleichende Characteristik der älteren und neueren Litteratur“ und eine „Untersuchung über die ältesten Schauspiele des Nordens“ Aufsehen erregt hat. Er hat überdieß mehrere Jahre hindurch eine Zeitung für die Litteratur und schöne Kunst herausgegeben, welche sich vor allen andern in diesem Fach hieselbst erschienenen rühmlich ausgezeichnet hat. Zu der Reise die er jetzt nach Italien unternimmt, hat er sowohl vom Könige als von der Schwedischen Akademie Unterstützung erhalten, und da ich ihm keinen größeren Gefallen thun kann, als wenn ich ihm eine Gelegenheit verschaffe Deine Bekanntschaft zu machen, so verlaße ich mich auch diesmal auf die Güte die Du so vielen meiner Landsleute erzeigt hast, diesem, auf welchen ich einen besonderen Werth setze, zu Deinen Abendgesellschaften den Zutritt zu verstatten. Er wird sich wahrscheinlich eine oder ein paar Wochen in Dresden aufhalten.
Bis jetzt bin ich, Gott sey Dank, von der neuen Amtsgeschäften frey geblieben, womit ich, laut meines letzten Briefes (vom 19. July) bedroht war, und ich drücke daher fleißig an dem Werke, welches ich Dir zu widmen wünsche. (Hr. Rydquist kennt es schon und kan davon einigen Bescheid geben.) Darf ich meine jetzige Freiheit ungestört genießen, so hoff’ ich zuverläßig künftigen Sommer eine Reise nach Dresden machen zu können, wohin wir, meine Frau so wohl als ich, uns so innig sehnen.
Meine Frau empfiehlt sich freundschaftlichst Dir und den Deinigen, womit ich meinen herzlichen Gruß an Deine ganze Umgebung und alle unsere Freunde in Dresden verbinde. Lebe wohl, theuerster Freund, und behalte, wie bisher, in wohlwollendem Andenken
Deinenunveränderlichen FreundBernh. v. Beskow.
Deinen
unveränderlichen Freund
Bernh. v. Beskow.
Stockholm22. December 1838.
Theuerster Freund!
Für die frohe Ueberraschung die Du mir durch Deinen letzten freundschaftsvollen Brief geschenckt hast, kann ich Dir nicht warm genug danken. Ich erhielt ihn so eben durch den jungen Schauspieler, der von Deutschland zurückgekommen ist. — Es ist, wie Du sagst, zu traurig, daß die Menschen die sich etwas zu sagen haben, getrennt sind und wie in eine Verbannung leben. Um so viel schätzbarer ist jede schriftliche Mittheilung von einem in der Ferne lebenden Freunde. Dein schöner Brief hat mich in Deinen Kreis zurückgeführt und alle frohe, nur zu bald verfloßene Stunden, die ich in dem gemüthlichen Dresden verlebte, in mein Gedächtniß zurückgerufen.
Besonders danke ich Dir für alle Güte, die Du meinen Landsleuten erweißest. Du bist einer der vorzüglichsten Schutzgeister der Schweden auf Deutscher Erde. Auch bewahren sie als das schönste Andenken ihrer Wanderung, die Erinnerung Dich gesehen, mit Dir gesprochen, und Dich lesen gehört zu haben. Deine hiesigen, Dir persöhnlich ergebenen Bewunderer bilden eine Colonie die mit jedem Jahre zuwächst.Welchen Einfluß Du seit 30 Jahren auf die Schwedische Litteratur ausübst, ist Dir bereits bekannt, wie auch daß verschiedene Deiner Werke in unsere Sprache herübergetragen sind. Wahrscheinlich weist Du auch schon aus erster Hand, daß Oehlenschläger angefangen hat Deine Novellen zu übersetzen. Dieser guter Freund hat auch mir die unverdiente Ehre erzeigt meine (Dir zugeeigneten) Dramatischen Studien ins Dänische hinüberzutragen. In Deutschland und Dänemark wird die eigentliche schöne Litteratur noch mit Wärme von dem Publikum umgefast. Hier hingegen kann sich nunmehr fast gar keine Schriftstellerey ohne Zusatz von Politik auf allgemeine Theilnahme Rechnung machen. Kannengießerey, schmähende und gaukelnde Tageblätter, haben beynahe alle andere Lectüre verdrängt, und es wird Dich wundern zu erfahren, daß ein hiesiger Publicist, wie man sagt, eine jährliche Einnahme von 40,000 Rtlr. (Reichstahler) Schwedisch Banco hat, das heist mehr für einen Jahrgang Tageblätter als alle beßere Schriftsteller Schwedens zusammengenommen mit allen ihren Werken verdient haben. So lange sich die Kannengießerey und der Tadel innerhalb der gesetzlichen Schranken halten, ist davon nichts zu sagen; wenn aber solches zu hemmenden Maßregeln herausfordert, wenn die hemmenden Maßregeln Mord und Todtschlag nach sich ziehen und der Streit über das Aeußerungsrecht sich endlich in einen Kampf um Leben und Eigenthum auflösen kann, dann wird die Preßfreyheit, anstatt ein Mittel zu Aufklärung und Veredlung zu seyn, eine Losung zur Anarchie und Pöbelherrschaft. In solchem Fall habet Ihr in Deutschland nicht viel Ursache über eine beschränktere Preßfreyheit zu klagen.
Wundere Dich daher nicht, wenn ich Dir unter dergleichen Verhältnißen nicht Vieles über die Schwedische Litteratur sagen kann. Die Dichter haben ihre Leyern an die Weidenbäume gehängt, um sie nicht von Steinen zerschmettert zusehen. Geyer allein hat mit diesem Jahre eine litterarische Monatschrift angefangen, die aber gleich zur Politik übergegangen ist und wahrscheinlich in ihrem Fortgange nur dieses Fach umfaßen wird. — —
Meine Frau ist unbeschreiblich dankbar für Dein gütiges Andenken und bittet mich Dich und Deine liebenswürdige Umgebung herzlichst zu grüßen. Auch ich bitte um meine ehrerbietige Empfehlung an die Damen, bey denen ich mich auch durch beygehende kleine Romanze von meiner Fabrik in Erinnerung zu bringen wünsche. Sie hatte das Glück bey ihnen und besonders bey der Gräfin Beyfall zu finden, als ich dieselbe zuletzt in ihrem Salon sang. — Grüße auch herzlich S. Ex. v. Lüttichau, Carus, Sternberg und andere Freunde! Mein inniger Wunsch ist Dich künftiges Jahr in dem lieben Dresden wiederzusehen. Gott schenke Dir und den Deinigen fortdauernde Gesundheit, Freude und Wohlseyn, dies wünscht Dein unveränderlich und