Bothe, Friedrich Heinrich.

Seitdem Tieck’s beredeter Mund im Tode verstummte, bei wem wäre über die Bedeutung vieler einzelner Blätter in diesem Nachlasse bunt durcheinander geworfener Briefschaften Aufschluß zu suchen, als beiRudolf Köpke, dem gewissenhaftesten, hingebendsten, eingehendsten aller Biographen, die da waren und sein werden. Dieser unermüdliche Durchforscher des Tieck’schen Herzens von dessen frühesten Lebensjahren bis zum sanften Ende des verklärten Greises, sagt uns, daß Bothe Ludwig’s stürmische Bewerbungen um erwiedernde Freundschaft nur durch schnöde Kälte vergolten habe. Die beiden Mitschüler standen sich als zwei total verschiedene Naturen so fern wie möglich, und dennoch kämpfte des Einen feurige Liebe immer wieder um Gegenliebe. Ja, man könnte sagen: Tieck hat sich förmlich weggeworfen, um nur ein zärtliches Wort zu erbetteln, — und immer vergeblich. Er machte alle Wasser- und Feuerproben stolzverschmähter Sehnsucht durch, und es brauchte lange, eh’ er zu dem Entschlusse kam, sich loszureißen. Dann entließ er solch’ gefühllosen Pedanten allerdings mit dem unzweideutigen Abschiedsworte: „So geh’ denn, dummer Junge!“Daß ihr Wiedersehn in Halle (1792) keine gesegneteren Früchte trug, ist leicht begreiflich. Dreiunddreißig Jahre später sind sie in Mannheim, von wo aus B. sich als „rühriger Philolog“ bekannt gemacht hatte, abermals zusammengetroffen, und wie Tieck ihn da fand, sah er nun wohl klar, „daß nur schwärmerischer Jugend-Enthusiasmus“ von Freundschaft habe träumen können zwischen Jenem und ihm selbst.Aus dieser Epoche schreibt sich der erste der aufgenommenen Briefe. Der zweite, siebzehn Jahre nacher, ist andenTieck gerichtet, der von einem geistreichen Könige geehrt und persönlich geliebt, hohe Achtung am Hofe genießt und dessen fördernde Protektion erbeten wird.Der zum Jüngling erwachsende Knabe hat auf des glühenden Jünglings feurige Liebe kalten Hohn gegossen. Der alte Mann wendet sich jetzt, kühnen Vertrauens voll, an den einst Verstoßenen, dessen Protektion er nachsucht. Wie liebenswürdig muß der alte T. dem alten B. in Mannheim entgegengetreten sein, daß der Letztere dazu Muth fand!

Seitdem Tieck’s beredeter Mund im Tode verstummte, bei wem wäre über die Bedeutung vieler einzelner Blätter in diesem Nachlasse bunt durcheinander geworfener Briefschaften Aufschluß zu suchen, als beiRudolf Köpke, dem gewissenhaftesten, hingebendsten, eingehendsten aller Biographen, die da waren und sein werden. Dieser unermüdliche Durchforscher des Tieck’schen Herzens von dessen frühesten Lebensjahren bis zum sanften Ende des verklärten Greises, sagt uns, daß Bothe Ludwig’s stürmische Bewerbungen um erwiedernde Freundschaft nur durch schnöde Kälte vergolten habe. Die beiden Mitschüler standen sich als zwei total verschiedene Naturen so fern wie möglich, und dennoch kämpfte des Einen feurige Liebe immer wieder um Gegenliebe. Ja, man könnte sagen: Tieck hat sich förmlich weggeworfen, um nur ein zärtliches Wort zu erbetteln, — und immer vergeblich. Er machte alle Wasser- und Feuerproben stolzverschmähter Sehnsucht durch, und es brauchte lange, eh’ er zu dem Entschlusse kam, sich loszureißen. Dann entließ er solch’ gefühllosen Pedanten allerdings mit dem unzweideutigen Abschiedsworte: „So geh’ denn, dummer Junge!“

Daß ihr Wiedersehn in Halle (1792) keine gesegneteren Früchte trug, ist leicht begreiflich. Dreiunddreißig Jahre später sind sie in Mannheim, von wo aus B. sich als „rühriger Philolog“ bekannt gemacht hatte, abermals zusammengetroffen, und wie Tieck ihn da fand, sah er nun wohl klar, „daß nur schwärmerischer Jugend-Enthusiasmus“ von Freundschaft habe träumen können zwischen Jenem und ihm selbst.

Aus dieser Epoche schreibt sich der erste der aufgenommenen Briefe. Der zweite, siebzehn Jahre nacher, ist andenTieck gerichtet, der von einem geistreichen Könige geehrt und persönlich geliebt, hohe Achtung am Hofe genießt und dessen fördernde Protektion erbeten wird.

Der zum Jüngling erwachsende Knabe hat auf des glühenden Jünglings feurige Liebe kalten Hohn gegossen. Der alte Mann wendet sich jetzt, kühnen Vertrauens voll, an den einst Verstoßenen, dessen Protektion er nachsucht. Wie liebenswürdig muß der alte T. dem alten B. in Mannheim entgegengetreten sein, daß der Letztere dazu Muth fand!

Mannheim, den 12. Juni 1825.

Mein theuerster Freund.

Dein traulicher Besuch neulich war so kurz, daß ich mich hier noch ein wenig ausplaudern muß.

Daß Du, durch Dein Wort gebunden, an jenem schönen Abend nicht bei uns bleiben, von unserem Brodt essen, von unserem Wein trinken konntest, that mir weh: denn wie selten im Leben sind so heitere Augenblicke, wo alle Repräsentation wegfällt, und wir nach langer Zeit endlich einmal wieder bloß wir selber sind! Kommst Du wieder hieher, so mache mir doch ja diese Freude!

Deinen Shakspeare erwarte ich mit Verlangen; so auch Deine Werke. Läse ich nur nicht so ungern Gutes auf Löschpapier, und wären die bessern Ausgaben nicht so theuer! Dochmußich dies Beides haben, wenn auch nicht auf der Stelle, doch mit der Zeit; denn eine ganze Wagenladung Berufsschriften, die ich vor Kurzem anschaffen mußte, hat jetzt meine Kasse erschöpft, über die ohnedis Göttin Abundanzia nicht waltet. —

Der Hofbuchhändler Götz, der mich eben besucht, und hört, daß ich an den berühmten Dichter Tieck schreibe, von dem er so Vieles auswendig weiß, bittet mich, diese Erstlingsgabe seiner Muse Dir mitzusenden. Der junge, schöne Mann, ein Enkel des anakreontischen Götz, dem Ramler die Krallen, vielleicht auch etwas die Flügel stutzte, scheint mir etwas zu versprechen, trotz mancher, meist provinzieller Inkorrektheiten.

Sieh doch zu, was an der Sache ist, und, wenn er Aufmunterung verdient, so laß doch gelegentlich ein gütiges Wort über ihn in der Abendzeitung, oder in der Leipzig. Lit. Ztg., oder wo Du sonst willst, fallen. Wie glücklich würde ihn Das machen, den Bescheidenen!

Lebe recht wohl, mein lieber freundlicher Tieck, und behalt lieb

DeinenBothe.

Deinen

Bothe.

Leipzig, Blumen- und Kreuzgassenecke im Hausedes Hrn. von Kötteritz, den 18. Juli 1842.

Mein alter Freund.

Längst hätte ich Dir geschrieben und Dir zu der glücklichen Gestaltung Deiner Verhältnisse gratuliert, wenn ich nicht von Monat zu Monat im Begriff gewesen wäre, mich nach Leipzig zu übersiedeln wegen des fast gänzlichen Mangels an litterarischem Verkehr in Süddeutschland. Hier ist es zwar in dieser Hinsicht auch eben nicht erfreulich, aber doch weht überhaupt mehr Lebensluft und die Hoffnung verschwindet wenigstens nicht bis auf den letzten Schimmer. Hier hoffte ich also entweder Dich selbst zu sehen, oder doch sonst mich in leichtere Verbindung mit Dir zu setzen, und so erhältst Du jezt diese Zeilen.

Da ich Deine Theilnahme an meinem Schicksal kenne, so versäum’ ich nicht, Dir einen Plan mitzutheilen, auf den der hiesige Ort gleichsam hindeutet, und den auch einige meiner Leipziger Bekannten, z. B. Prof. Westermann, gut finden. Ich habe nämlich vor, ein Pensionat zu errichten für Studierende aus guten Häusern des Auslandes, Deutsche oder Nichtdeutsche, die entweder die hiesigen höhern Gelehrtenschulen, oder (und zwar vornehmlich) die ausgezeichnete Handelsschule besuchen wollen, sei es, um sich hier von Hause aus zu bilden, oder wenigstens um ihre Kenntnisse zu vervollkommnen, wozu kaum ein anderer Ort mehr geeignet ist. Für gehörige Aufsicht, gesunde Wohnung, nahrhafte Kost, Aufwartung &c. werden ich und meine Frau — Du kennst sie — gewissenhafte Sorge tragen, und vor der Hand, bis zu ihrer bevorstehenden Verheirathung mit einem geschickten Rechtsmann im Badischen, wird auch meine Tochter uns dabei behülflich sein. So scheint guter Erfolg zu hoffen, zumal ich das Honorar, über das ich Näheres auf frankirte Briefe melden will, so billig bestimmen werde, als die Lokalität erlaubt.

Habe denn die Güte, dies Vorhaben in Deinem großen und angesehenen Kreise freundlich bekannt zu machen und zu fördern, durch dessen Realisierung der Abend meines sehr umwölkten Lebenstages erheitert werden würde. Du weißt, daß ich Dir von Kindheit an aufrichtig zugethan war, keine Zeile gegen Dich schrieb, (wie mancher schlecht Unterrichtete wohl meinte wegen meiner Verbindung mit F. Nicolai,) und oft Dich gegen Hasser und Neider vertheidigte. Kannst Du auch sonst, vielleicht gar höhern Orts, dazu beitragen, meine Lage zu verbessern (denn ein langwieriger, von mir ganz unverschuldeter, Prozeß hat fast mein ganzes, ohnehin nie beträchtliches, Vermögen aufgezehrt), so sei fest überzeugt, daß Du Dein Wohlwollen an keinen Undankbaren verschwenden wirst. Da ich einigen Ruf in der Litteratur bis auf die neueste Zeit behauptet habe, (s. z. B. Wolfs Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten[5]), so würde Deine Empfehlung des Jugendfreundes zu irgend einer erträglichen Stelle an einer Bibliothek, oder als Archivar, Sekretär &c. Dir gewiß nicht verdacht werden, vielmehr den Edelmuth eines Mannes zeigen, der, aus stürmischer Flut gerettet, auch den noch darin Kämpfenden ans Land ziehen hilft. Auch ein kleines Wartegeld bis zur Anstellung wäre mir erwünscht, dergleichen man ja Solchen zu bewilligen pflegt, denen man überhaupt wohlwill; und warum mich gänzlich hintansetzen wollen, da Magdeburg mein Geburtsort ist, mein Vater (der Steuerkommissarius Ernst Christoph B. in Magdeburg) ein anerkannt tüchtiger Staatsdiener war und ich selbst nichts verschuldete, vielmehr meinen Patriotismus mannichfaltig durch Wort und Schrift bewährte? — —

Lebe wohl, verehrter Freund, und gedenke

DeinesBothe.

Deines

Bothe.


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