Follen, August.

Geboren den 21. Januar 1794 zu Gießen. — Dichter volksthümlicher Lieder in den „Freien Stimmen frischer Jugend;“ — meisterhafter Uebersetzer; — Herausgeber des vortrefflichen Werkes: „Bildersaal deutscher Dichtung.“ — Wenn er wegen damals sogenannter demagogischer Umtriebe Verdrüßlichkeiten gehabt, so ist doch in seiner Seele keine Verbitterung zurückgeblieben, welche freimüthiger und gerechter Einsicht in Staatsverhältnisse hinderlich wäre. Unparteiischer und objektiver, dabei aber auchstrengerkönnte kein Absolutist die Zustände in „Meister Zschokke’s freiem Aarau“ verurtheilen, als dieser einst verfolgte „Demagoge“ in dem ersten dieser beiden höchst merkwürdigen Briefe thut; — deren Schreiber ein Jeder lieben und achten lernt, mag er zu welcher Partei es immer wolle gehören.

Geboren den 21. Januar 1794 zu Gießen. — Dichter volksthümlicher Lieder in den „Freien Stimmen frischer Jugend;“ — meisterhafter Uebersetzer; — Herausgeber des vortrefflichen Werkes: „Bildersaal deutscher Dichtung.“ — Wenn er wegen damals sogenannter demagogischer Umtriebe Verdrüßlichkeiten gehabt, so ist doch in seiner Seele keine Verbitterung zurückgeblieben, welche freimüthiger und gerechter Einsicht in Staatsverhältnisse hinderlich wäre. Unparteiischer und objektiver, dabei aber auchstrengerkönnte kein Absolutist die Zustände in „Meister Zschokke’s freiem Aarau“ verurtheilen, als dieser einst verfolgte „Demagoge“ in dem ersten dieser beiden höchst merkwürdigen Briefe thut; — deren Schreiber ein Jeder lieben und achten lernt, mag er zu welcher Partei es immer wolle gehören.

Schloß Altikon, 23ten Januar 1828.

Verehrter Herr!

Der alte Ulrich Hegner in Winterthur, der zu meiner Freude in der Nähe meiner Einsamkeit wohnt, und von dem ich eben mit der Dresdener Morgenzeitung zurückkehre, ist dienächste Veranlassung dieser Zeilen; ich soll Sie freundlich von ihm grüßen!

Ich schicke Ihnen hier den eben erschienenen ersten Theil meines Bildersaals, mit dem Wunsche, aber keineswegs dem Ansinnen, daß Sie das Buch in Ihrer Bücherschau mustern möchten. — Da mir die Sache, derentwillen ich dasselbe herausgab, sehr wichtig scheint, ja mir heilig ist, so werden Sie es natürlich finden, wenn ich mich um billigendesodermißbilligendes Urtheil von Solchen angelegentlichst erkundige, von denen ich etwas Erkleckliches lernen zu können hoffe.

Den Zweck des Buches, hoff’ ich deutlich genug in der Vorrede ausgesprochen zu haben. Meine Theorie gieng nicht von apriorischer Spekulation aus, sondern von der pädagog. Erfahrung. In Aarau wie in der Schweiz überhaupt ist man nicht poetisch, man scheint die Poesie an die Natur abgetreten zu haben, und ihre Rosen haben aus dem Fabrikdunst sich unter den Alpenschnee geflüchtet, wo sie bessere Nahrung finden, als in dem Schmutz der ehrlosen kleinlichen Stadt- und Landintriguen, welche die alte, ausgelaufene Uhr stündlich aufziehen müssen, wenn sie noch länger vierteln und schlagen soll. Um nicht Donquixotisch in meiner Amtsführung dazustehen, mußte ich mich als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur in Aarau, einigermaaßen dem grassirenden Geschmack akkomodiren, und versuchte es anfangs vielfältig mit allerhand rhetorischen Uebungen, mit popular philosophischen Lehrweisenet. c.die Jugend (sie tritt erst mit dem 14t. Jahre in die Kantonsschule) geistig zu bethätigen. Alles vergebens! sie wurden täglich altkluger und einfältiger, fast so geistreich wie die Alten. Dazu fand ich eine unbesiegliche Abneigung oder Unfähigkeit zu rechter geistiger Anstrengung nebst unzureichendem Sprachvermögen, das wenige, was sie zu erdenken wußten, nur erträglich auszudrücken; — anderntheils einenMangel jugendlicher Frische und Frohsinns, wie ich in meiner Jugend nirgends erfahren hatte. — Ohne sonderliche Hoffnung bedeutender Ausbeute, und mehr um durch den Reiz des Wechsels zur Belebung der erschlafften Kapazität hinzuwirken, versuchte ich jetzt in den verschiedenen Klassen den Unterricht durch und zur Poesie, — und ich kann es Ihnen nicht schildern, wie überrascht ich durch die allerersten Leistungen der Schüler ward, wie noch viel mehr durch die totale Aenderung ihres ganzen Wesens und Benehmens, bis zur Absiegelung dieser inneren Verwandlung in Ton, Blick, Zügen und Gebehrden, so daß mir die gute alte Fabel von den Thieren des Orpheus bis an den Katheder vorrückte. Und doch hatte ich nur die Rolle des Vorlesers und Erklärers, oder bei den metrischen Uebungen des Notenschreibers, wo die Schüler aus dem Stegreife den Text erfanden. — Hätt’ ich nicht eine in Unwahrheit des ganzen Daseins und in Boßheit gemeiner Seelen versunkene Stadt gegen mich gehabt, welche es durchaus nicht ertragen mochte, die Jugend mit einem gewissenstillenästhetischen Ekel vor Gemeinheit und Flachheit gewaffnet zu sehen, so würde meine Kränklichkeit mich gleichwohl noch lange nicht aus diesem schönen Wirkungskreise entfernt haben; aber es ist keine Freude beim Rebbau, wenn die Ziegenböcke über Nacht abkauen, was über Tage Hübsches gewachsen ist. Der sehr warme Antheil an meinen Leistungen von Seiten der wackeren beiden Bürgermeister und einiger Regierungsglieder war keineswegs hinreichend, um mir den Boden, den ich bei der Jugend eroberte, vor der Masse zu schützen; denn in Meister Zschoke’s freiem Aarau ist man liberal, republikanisch, also ein Feind von allem, was einer Regierung gut dünkt, und die unermüdlicheschamloseste Lüge und Verläumdung, welcher kein autokratisch über das Parteigetriebe erhabener, durchgreifender Herrscherwille entgegen treten kann, behält überall das Feld, oder doch dasStraßenpflaster. Daß ich unter so ungünstigen Verhältnißen dennoch eine allerdings gewaltige Wirkung sah, wenn schon der beste Theil der Erndte mir durch Maifröste verdorben ward; daß ich, nachdem es mir gelungen, diePhantasieder Knaben zu beleben,alleihre geistigen Kräfte in lebendigem Treiben erblickte; daß ich, wo ich sonst, ich mochte leichte oder schwere, historische, sonst rhetorische Aufgaben mittheilen, nur Trivialitäten in lendenlahmer, fader Alltagssprache erhielt, nun in gebundner undungebundnerRede Arbeiten zu Gesicht bekam, die mich Anfangs oft in Zweifel wegen ihrer Authentizität versetzten, besonders von Individuen, die bei meinen achtbaren Kollegen und bei mir für geistig impotent gegolten: dieß alles lenkte mein Nachdenken auf den psychologischen Grund jener Erscheinungen, und bestätigte hinwieder die gewonnene Theorie, welche Sie in der Vorrede ausgesprochen finden. Leider ist sie etwas aphoristisch gerathen, ich entschloß mich erst zu allerletzt, auf dringendes Ansuchen, eine solche Vorrede dem Buche mitzugeben und mußte, da der Druck sich nimmer verschieben ließ, meine Materialien etwas übereilt zusammenstellen: sonst hatt’ ich im Sinne, ein eignes Buch über die hier besprochnen Gegenstände zu schreiben. Inzwischen hat vielleicht diese Weise der Mittheilung vor einer mehr wissenschaftlich abrundenden den Vorzug der Frische und Unmittelbarkeit für manchen Leser.

Wenn ich Ihnen hiemit eine Art Vorrede, wie Lessing sie will, nämlich daß sie die Geschichte der Entstehung des Buches enthalte, zuschreibe, so wundern Sie sich nicht über meine vielleicht etwas naiv scheinende Zutraulichkeit; — von Jugend auf waren Sie mein liebster Dichter und Schriftsteller, und so werden Sie diese Zutraulichkeit wenigstens sehr natürlich finden. Um so mehr hat es mich geschmerzt, neulich vernehmen zu müssen, daß Ihnen mein Fragment gebliebener Aufsatz über Tiecks Stellung zur deutschen Literatur &c. schondarum mißbeliebig gewesen, weil Sie — darauf ungefähr lief das Räsonnement hinaus — hauptsächlich nur die Ironie in Ihren Poesien anerkennen. Das geht mir nun, offen zu reden, so sehr gegen den Strich, daß es mir gestiefelte, elektrische Funken ausgetrieben hat, und ich aus meinem Innersten knurrte: hat ihn denn der alte Nestor bei seinen Lebzeiten in seinem eigenen Blumengarten heimgesucht? Hat er, wie der gute Tasso sein befreites in das wiedererlangte Jerusalem, seine romantischen Zauberlaternen und seine altdeutschen Nordlichter mitsammt den Elmsfeuern des graziosen, tanzenden Elfenscherzes, in das — Kühlfaß der Ironie beigesteckt? — Ei, Gott bewahre! (und so streichelte ich mich wieder zur Ordnung) seine Apotheose seiner Ironie ist nur selbst eine mystifizirende Ironie, denn diese Dinger sind wie die Zwiebeln, nämlich nur einsackende eingesackte Häute, nur Würze der Speisen, nicht Speise, außer für die Juden.

Seit ich — im Jahr 1821 — das lang gewünschte Vergnügen hatte, Sie in Dresden zu sehen, hab’ ich keine Studien mehr über Shakspeare gemacht und die projektirte Uebersetzung ganz aufgegeben, da ich auf die Ihrige hoffen durfte. Dagegen habe ich eine poet. Behandlung der Heimonskinder angefangen, aber auch aufgeben müssen, weil mir diealtenpros. Heimonskinder sowohl, als die poet. aus der Heidelb. Bibl. fehlen. Der alte Laßberg in Eppishausen, sonst mein literar. Delphi, ist mir auch verstummt wegen des alten Volksbuches; wegen der Heidelb.Mspteverwies er mich an Görres, der davon eine Abschrift habe. Ich wandte mich an ihn, der mir sonst wohlbekannt ist, bin aber noch ohne Antwort. Doch freilich traf ihn mein Brief bei der Abreise von Straßburg. Weit wichtiger aber wäre mir die alte Prosa, denn für eine Abschrift des Heidelb.Mspts.kann ich etwa durch Geld schon sorgen. Wenn Sie mir etwa rücksichtlich des alten Volksbuches behülflich sein könnten und wollten, sogeschähe mir etwas sehnlich Gewünschtes. Proben meiner Behandlungsweise stehen im Morg. Bl. 1826, N. 215 ff.

Jetzt leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen gute Gesundheit und einaquilae senectus. Ihr ergebenster

A. A. L. Follen.

A. A. L. Follen.

Schloß Altikon, am 25ten August 1829.

Mein Verehrtester Herr!

In aller Eile, welche mir die Ausfertigung vieler Pakete nebst Briefen zu diesem zweiten Theile meines Buches, welches morgen versandt werden soll — und auf dessen Beendung der Buchdrucker mich 9 Monate warten ließ —, auferlegt, kann ich doch nicht unterlassen, auch an Sie ein Paar Zeilen zu richten; sonst hatt’ ich mir vorgenommen, einenlangenBrief zu schreiben.

Vor allem wollt’ ich mich erkundigen nach jener Abschrift aus einem alten Gedichte von den Heimonskindern, welches Sie mir bei Ihrem Besuche in der Schweiz versprachen. Ich bitte Sie um dessen baldmöglichste Mittheilung sehr angelegentlich, denn ich habe jetzt etwas Muße und möchte alles Ernstes hinter mein poetisches Projekt, die Heimonskinder, gerathen. Gewissermaßen einen Vorläufer, hab’ ich ins Morgenblatt, mit Anfang laufenden Jahres, geschickt: Malegyes und Vivian; es ist aber in Prosa, dazu gar nicht ganz nach meinem Wunsch ausgefallen, da ich die letzte Hälfte, die Geschichte des Vivian, übers Knie abbrechen mußte, wegen des Raums; Cotta ist daran Schuld, der den Anfang der Erzählung, die ich nur vorläufig ihm mittheilte, frischweg abdrucken ließ und so mußt’ ichnolens volensnachhinken. Ich weiß nicht, ob Sie es gelesen, und wüßte sehr gerne, was Sie zu derAnlagedes Ganzen, besonders zu der Karakteristik sagten?

Vorgestern hab’ ich Ihres Freundes Solger „Vorlesungen über die Aesthetik“ gelesen, oder vielmehr also ungebunden, d. h. roh, verschlungen, daher noch nicht assimilirt. Vieles aber ist mir keineswegs glatt eingegangen. — So fiel mir seine Ansicht von der Lyrik, die er vorzugsweise und an sich — allegorisch nennt, vor der Hand als willkührlich auf. Mir ist jedes lyrische Gedicht ein Bild des Dichters selbst in der Situation oder den Zustande eines schön Empfindenden, welches denn auch allegorisch behandelt seinkann, aber die Nothwendigkeit solcher Behandlung ist mir rein unabsehbar. — Auch mit seiner Theorie des antiken Drama’s konnte ich mich noch nicht befreunden. Wohl für einen christlichen Zuschauer, aber nicht für den heidnischen Helden, welcher tragisch untergeht, kann sein Untergang eine Verherrlichung des offenbarten Göttlichen und ihm ein Opfertod sein; dem griech. Volksglauben ist ja das Leben heiter, und gerade die Existenz, welche vernichtet wird, ist das erfreuliche, nach dem Tode trauriges Schattenleben. Einleuchtend freilich ist, warum das Schicksal die Gräuel rächt, unangesehen die persönliche Schuld oder Unschuld des Thäters, und so ist das Schicksal als gerecht allwaltend erhaben und erhebend; denn in der plastischen Schönheit, im schönen Ebenmaaße, besteht dem Griechen die Idee, das Schicksal stellt das verletzte Ebenmaaß her; für den Griechen ist das bewußte Fest- und Heilighalten dieses Ebenmaaßes Gebot des Sittengesetzes und des Menschen Tugend und Religion. — DieHeiterkeitder Griechen kann ich mir nie anders erklären denninstinktartig, wie die Natur die Auszehrenden heiter und hoffend sein läßt.

Unvermerkt merk’ ich, komm ich ins Briefschreiben. — Wiesehrhätt’ es mich gefreut, Sie, laut halbem Versprechen, diesen Sommer wieder in der Schweiz zu sehen! Ihre Erscheinung war mir überaus wohlthuend und die Erinnerung noch so heiter!

Erfreuen Sie mich, ich bitte sehr, doch bald mit Uebersendung des versprochenenMspts!

HochachtungsvollIhrergebensterA. A. L. Follen.

Hochachtungsvoll

Ihr

ergebenster

A. A. L. Follen.

N.S. Verwichnen Herbst sandt’ ich einige Alpenpflanzen durch einen jungen Menschen von Dresden, Schulze, für Fräulein Dorothe, — sind sie auch angekommen? Meine hochachtungsvollen Grüße an die Frau Gräfin!

N.S. Verwichnen Herbst sandt’ ich einige Alpenpflanzen durch einen jungen Menschen von Dresden, Schulze, für Fräulein Dorothe, — sind sie auch angekommen? Meine hochachtungsvollen Grüße an die Frau Gräfin!


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