Gerle, W. A.

Professor am Prager Konservatorium, von seinen Freunden kurzweg: „Wagerle“ genannt; ein Scherzname, der die Entstehung dem lustigen Lustspieldichter W. von Marsano — vor etlichen und vierzig Jahren Lieutenant in Prag, jetzt (1864) pens. Feldmarschall-Lieutenant in Görz verdankt. Gerle war ein fleißiger, bescheidener Mann, der mit seinen poetischen und litterar. Produktionen niemals entschieden durchdrang, und immer nur so viel Glück und Freude daran erlebte, daß es hinreichte, um zu neuen Versuchen angeregt, ihm Täuschung und Aerger zu bereiten.Alt, einsam und lebensmüde hat er (1846? 47?) den Tod in dem Fluthen jenes Stromes gesucht, in welchen von der berühmten Prager Bruck der heilige Nepomuck hinab gestürzt wurde. —Ihmist keine Bildsäule errichtet worden, obwohl auch er ein Dulder war. Deshalb wollten wir seiner gedenken. Und solche gute Absicht diene der Aufnahme unbedeutender Blätter zur Rechtfertigung. Hat er doch unsern Tieck geliebt!

Professor am Prager Konservatorium, von seinen Freunden kurzweg: „Wagerle“ genannt; ein Scherzname, der die Entstehung dem lustigen Lustspieldichter W. von Marsano — vor etlichen und vierzig Jahren Lieutenant in Prag, jetzt (1864) pens. Feldmarschall-Lieutenant in Görz verdankt. Gerle war ein fleißiger, bescheidener Mann, der mit seinen poetischen und litterar. Produktionen niemals entschieden durchdrang, und immer nur so viel Glück und Freude daran erlebte, daß es hinreichte, um zu neuen Versuchen angeregt, ihm Täuschung und Aerger zu bereiten.Alt, einsam und lebensmüde hat er (1846? 47?) den Tod in dem Fluthen jenes Stromes gesucht, in welchen von der berühmten Prager Bruck der heilige Nepomuck hinab gestürzt wurde. —Ihmist keine Bildsäule errichtet worden, obwohl auch er ein Dulder war. Deshalb wollten wir seiner gedenken. Und solche gute Absicht diene der Aufnahme unbedeutender Blätter zur Rechtfertigung. Hat er doch unsern Tieck geliebt!

Prag19. Juny XIX.

Wohlgeborner,Hochgeehrtester Herr Professor!

Wenige Monate nach Ihrer Abreise von hier, benutzte ich die Erlaubniß, die Sie mir ertheilt, Ihnen Nachricht von meiner Existenz geben zu dürfen — ich erfuhr nie, ob Ihnen jener Brief zugekommen sey, und erhielt keine Antwort; später erfuhr ich durch Liebich, daß Sie sehr krank seyen, und endlich, Sie hätten eine neue Reise unternommen — so verschob sich ein zweiter Versuch bisher immer; aber nun kann ich mir die Freude nicht versagen, Ihnen meine Mährchen (die, wenn etwas aus ihnen geworden, es doch einzig Ihnen zu verdanken haben) zugleich mit der Geschichte ihrer Umstaltung zuzusenden. Sie waren so gütig mir zuzutrauen, daß ich im Stande seyn würde, sie nach den höhern Ansichten dieser Gattung, die ich von Ihnen empfing, zu verändern; aber ich hatte dennoch mehrere Jahre nicht den Muth dazu, bis es mir endlich im Herbst 1817 vorkam, als sey mir plötzlich ein Licht aufgegangen, und ich mit so viel Muth und Freudigkeit arbeitete, daß die Arbeit sehr schnell von statten ging. Empfangen Sie hier, was ich geliefert, und sprechen Sie das Urtheil, ob ich Ihr Vertrauen einigermaßen gerechtfertigt habe, oder ob Sie mit Bedauern einsehen, daß Sie mir mehr Kraft zutrauten, als ich besitze.

Auch das Trauerspiel, dessen Plan sie einst lasen, (doch hoffe ich, Sie würden ihn in dieser Umstaltung kaum wieder erkennen, denn ich habe nur die Grundzüge beibehalten) ist vollendet, und wenn unsre gute Stadt in einer directen Verbindung mit Ihrem Aufenthaltsort, oder wenigstens mit Frankfurt an der Oder stünde, so würde ich so frei gewesen seyn, auch über dieses mir Ihr Urtheil zu erbitten. Graf Herzan — welcher den redlichen Mahner bei mir macht, wenn ich faul bin — war damit zufrieden, und mehrere, zum Theil strenge Kritiker sprachen Bemerkungen über dasselbe aus, mit denen ich zufrieden seyn kann. Wenn ich nicht irre, so äußerten sie einst (was ich selbst befürchtete), der weissagende Knabe werde zu wenig thätig, gleichsam nur als Chorus erscheinen — mit Vergnügen kann ich Ihnen sagen, daß dieß nicht der Fall ist, und Hebenstreit — der strenge Gegner Müllners und der Schicksalstragödien — meinte, ich würde nichts aus dem Jungen bringen, und gestand mir, als er fertig war, das habe er nicht erwartet.

Sie sehen, daß ich ein wenig in das Ding vernarrt bin, wie es gewöhnlich mit den jüngsten Kindern geht — je nun! es ist seiner öffentlichen Prüfung entgegen gegangen und Directionen und Publikum werden mich vielleicht bald eines andern belehren; es ist einstweilen in Wien verboten worden, weil es — eine Schicksalstragödie ist, und nach Dresden und Berlin habe ich es auch gesandt, wir wollen sehen, was daraus wird.

Was halten Sie von Grillparzer? ich wäre sehr begierig, Ihr Urtheil über seine Ahnfrau und Sappho zu hören; auch Graf Herzan — der sich Ihnen herzlich empfiehlt — würden Sie durch diese Mittheilung eine große Freude machen.

Ich empfehle mich Ihrem freundlichen Andenken, und bin mit Verehrung

der IhrigeGerle.

der Ihrige

Gerle.

Prag19. Juny XX.

Verehrtester Herr und Freund!

Empfangen Sie vor allem meinen herzlichen Dank für die große Freude, die Sie mir durch Ihren lieben, gütigen Brief gemacht haben — es ist mir ein großer Stein vom Herzen, seit ich mir schmeicheln darf, Sie seyen nicht ganz unzufrieden mit den Veränderungen, die ich gemacht — Ja selbst Ihr Tadel ist mir doppelt angenehm, weil ich selbst, als ich die Mährchen gedruckt zur Hand bekam, etwas Aehnliches zu bemerken glaubte. — Daß Sie sich nun in Dresden befinden ist mir sehr lieb, da ich doch nun eher wieder hoffen darf mich eines Zusammentreffens zu erfreuen, und, wenn Sie unsre gute alte Stadt nicht besuchen, gewiß trachten werde, einmahl einen Ausflug nach Ihrer freundlichen Elbstadt zu machen. Auch Graf Herźan, welcher sich Ihnen herzlich empfiehlt, hofft gewiß Sie diesen Herbst dort zu besuchen, er war sehr vergnügt, endlich wieder einmahl etwas von Ihnen zu hören, nachdem wir uns so unzählige Mahle von Ihnen unterhalten und das Jahr 1813 zurückgewünscht hatten (doch er wahrscheinlich ohne Verwunderung.) Leitenberger wohnt wieder hier und seine Adresse ist: „Auf dem Roßmarkt im Marmorhaus.“

Auch für die Bekanntschaft des würdigen und kunstsinnigen Herrn Superintendenten Spieker bin ich Ihnen sehr dankbar und bedaure nur, daß die Kürze seines Aufenthaltes mir nicht erlaubte, ihm mehr dienstlich zu seyn, auch ließ das unfreundliche und unsichere Wetter eine Fahrt auf den Karlstein nicht wohl zu.

Ich darf mir wohl kaum schmeicheln, daß Sie mir so bald wieder ein paar Zeilen schenken werden, doch kann ich Sieversichern, wenn Sie eine Viertelstunde daran wenden wollen, einen frohen Menschen zu machen, so thun Sie es gelegentlich einmahl wieder, und sollten Sie in den nächsten Monaten der Abendzeitung ein Mährchen: „St. Stephens Freydthof“ finden, so lassen Sie mich doch wissen, ob ich vor- oder rückwärts gegangen, ob ich das Mährchenschreiben aufgeben oder fortsetzen soll? Hätte ich nicht gefürchtet, Ihre Güte zu sehr zu mißbrauchen, so würde ich Ihnen einen dramatischen Versuch, dessen ich schon in meinem vorigen Briefe erwähnte, mittheilen — doch ich bescheide mich, Ihnen nicht zu viel von Ihrer kostbaren Zeit zu rauben — möchten Sie uns doch recht bald und mit recht viel beschenken. Ihre Genoveva ist noch nicht hier in Prag. Graf Herzan und ich warten mit Schmerzen darauf.

Ich muß schließen, denn ich soll diesen Brief Ihrem Freunde heute noch ins Theater bringen — von dem er Ihnen selbst erzählen mag, es wird nicht viel Tröstliches seyn.

Ich empfehle mich Ihrem gütigen Andenken und bin mit Freundschaft und inniger Verehrung

Der IhrigeGerle.

Der Ihrige

Gerle.

Prag, 27/4 XXXVII.

Hochverehrter Herr und Freund!

Ich habe seit einer Reihe von Jahren Ihre kostbare Zeit nicht in Anspruch zu nehmen gewagt, heute aber verleitet mich die Sorgfalt für ein Kind, dessenhalberVater ich bin, wieder einmahl auf Ihre Güte und Nachsicht loszusündigen. Von Dresden aus dazu ermuntert, habe ich, noch ehe das Preislustspiel: „Die Vormundschaft“ in den Buchhandel gekommen war, desselbe im Manuscript an die königlicheHoftheater-Direction eingesandt, und harre der Entscheidung, obSiees nicht für unwürdig halten, auf das Repertoire der Hofbühne einzuwandern; ob Sie auch das Publikum von Dresden als Richter in dieser theatralischen Streitsache — denn das ist es geworden — aufrufen wollen. Ich schmeichle mir nicht mit der Wahrscheinlichkeit; doch liegt die Sache nicht außer den Grenzen der Möglichkeit, und für diesenmöglichenFall erlaube ich mir noch eine Bemerkung: So lohnend sich, wenigstens in pecuniärer Hinsicht, die „Vormundschaft“ meinem Mitarbeiter und mir zu erweisen scheint, möchte ich doch nie wieder um einen ähnlichen Preis concurriren, überhaupt nie mehr ein Stück in die Welt hinaus senden, bevor ich es mir, und wäre es nur auf einem Haustheater, habe vorspielen lassen. Ich hörte wiederhohlt aus Wien die Klage, daß sich das Ende zu sehr dehne, konnte jedoch nicht darauf kommen, wie da zu helfen, ohne manche im ersten Acte mit Absicht angelegte Fäden gewaltsam abzureißen; aber kaum hatte ich es zum erstenmahle gesehen, als ich das kinderleicht fand, und in einer halben Stunde die nöthigen Veränderungen fertig hatte. Sollte also der erwähntemögliche Falleintreten, so wage ich die Bitte, das Manuscript nach dem mitfolgenden Blättchen einrichten zu lassen, und die beiden Rollen desLegationsrathesvonMorgensternundCandidaten Hasperaus dem Personale zu streichen, was auch die Besetzung sehr erleichtert, da Jeder von Beiden nur ein paar Reden hat, und daher kein Schauspieler selbe gern übernimmt.

Ich habe die Ehre, mich Ihrer Güte und Freundschaft zu empfehlen, und bin mit der innigsten Hochachtung

Ihr bereitwilligsterGerle.

Ihr bereitwilligster

Gerle.


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