Grabbe, Christian Dietrich.

Geboren am 14. December 1801 zu Detmold, gestorben daselbst am 12. September 1836.Herzog von Gothland; Scherz, Satire, Ironie; Tiefere Bedeutung; unter dem Titel: „Dramatische Dichtungen,“ 2 B. (1827.) — Don Juan und Faust (1829.) — Friedrich Barbarossa (1829.) — Heinrich VI.(1830.) — Aschenbrödel (1835.) — Hannibal (1835.) — Die Hermannschlacht (1838.) — und a. mehr.Unter den fünf Briefen an Tieck befinden sich zwei, die seltsamer Weise beide aus Detmold vom 29. Aug. 1823 überschrieben sind.

Geboren am 14. December 1801 zu Detmold, gestorben daselbst am 12. September 1836.

Herzog von Gothland; Scherz, Satire, Ironie; Tiefere Bedeutung; unter dem Titel: „Dramatische Dichtungen,“ 2 B. (1827.) — Don Juan und Faust (1829.) — Friedrich Barbarossa (1829.) — Heinrich VI.(1830.) — Aschenbrödel (1835.) — Hannibal (1835.) — Die Hermannschlacht (1838.) — und a. mehr.

Unter den fünf Briefen an Tieck befinden sich zwei, die seltsamer Weise beide aus Detmold vom 29. Aug. 1823 überschrieben sind.

Leipzig, den 18. März 1823.

Hochverehrter Herr und Meister!

Das wehmüthige Gefühl, welches jeden Gebildeten ergreift, wenn er hört, daß ein Mann wie Sie, der ganz Deutschland mit seinen Werken erfreut, an schmerzlicher Krankheit leiden muß, kann ich Ihnen nicht schildern; könnte ich Ihre Gicht nur auf meine jungen Schultern laden!

Gewiß beurtheilen Sie zwar nicht mein Lustspiel, aber mich selbst zu strenge, wenn Sie glauben, daß ich mich noch jetzt in solchen Gemeinheiten gefalle; das Stück entstand ja mit dem Gothland zugleich in einer Periode, die nun schon wenigstens in soweit vorüber ist, daß ich neulich, als ich im Stillen mein Trauerspiel durchsah, glühend roth wurde. Ich hoffe, daß Sie mich in meinem neuesten Producte, welches ich Ihnen bald zu übersenden gedenke, in mehrfacher Hinsicht nicht wieder erkennen. Jugendlicher Keckheit, die ihre Narrethei einsieht, pflegt man ja von allen Fehlern am leichtesten zu verzeihen, und ich bitte zagend um Nachsicht.

Vielleicht hat selten Jemand seinen gewählten Beruf so ungern verlassen als ich. Ich habe mich deshalb seit einem Jahre an Hohe und Niedere gewendet, und ich weiß, daß ich mich niemals völlig von den Wissenschaften loszureißen vermag, aber Sie haben sicher schon zum Theil aus meinem vorigen Briefe wahrgenommen, wie wenig ich auf diesem Wege eine Beförderung erwarten darf, und sollte ich einst so glücklich seyn, Sie mündlich kennen zu lernen, so bin ich überzeugt, daß Sie selbst mich gleich nach unserer ersten Unterredung zu meinem Vorhaben ermuntern werden.

Ueber mein etwaiges Talent zur Bühne wage ich mich nicht weiter auszulassen, weil ich dabei zu leicht in den Schein der Selbsthudelei verfallen möchte: ich versichere nur ganz einfach, daß ich meine Stimme ohne Anstrengung vom feinsten Mädchendiscant bis zum tiefsten Basse moduliren kann, und daß der höchste Tadel, welchen man in Gesellschaften über meine Darstellung aussprach, darin bestand, daß ich die Charactere beinahe zu scharf und eigenthümlich aufgriffe und im Tragischen den Zuschauer zu sehr erschreckte. Auch lautet es läppisch, aber ich muß es doch sagen, daß ich in dem Augenblick keine Rolle wüßte, die ich mir nicht binnen zwei Wochen zu spielen getraute; mindestens zweifle ich nicht, daß, wenn ich z. B. den Hamlet oder Lear gut sollte darstellen können, ich den Falstaff oder Dupperich nicht weniger gut agiren würde; ja es scheint beinahe, als vermöchte nur diese Allgemeinheit mein Gemüth in steter Frische erhalten. Da ich aus Westphalen bin, wo man das Hochdeutsche im Gegensatz zum Plattdeutschen um so reiner ausspricht, und da ich noch dazu drei Jahre lang in Leipzig und Berlin auf meine Mundart geachtet habe, so brauche ich wegen meines Dialekts wohl nicht bange zu seyn.

Wie gerne ich übrigens klein anfangen und mich in alle Schranken fügen werde, kann ich Ihnen nicht genug versichern, und wenn Sie nun gar sich herablassen wollten, mich während dieser Zeit der Niedrigkeit bisweilen Ihrer Belehrung zu würdigen, so hätte ich Ursache, der gesegnetsten und einflußreichsten Periode meines Lebens entgegen zu blicken. Und bekäme ich auch nur eine Gage von 200 rthlr., so würde ich in diesem Falle selbst den reichsten Banquier in Deutschland nicht beneiden. Aber leider! leider! — ich zittere, indem ich es niederschreibe, und ich würde es nimmer thun, wenn es sich nicht umAlleshandelte — muß ich Sie ersuchen, mir, wenn es möglich ist, wenigstens miteinem einzigenWorte undzwar — — mit der nächsten Post zu antworten. Sie können ja von Ihrem Bedienten bloß das Wörtchen „Hoffnung“ oder „wahrscheinliche Anstellung“ in den Brief schreiben lassen, — es soll mir genug seyn, und ich weiß dann doch, wie ich mich hier zu verhalten habe. Auch verlange ich ja gar nicht Gewißheit, sondern nur die Aussicht, ob ich in Dresden, wenn ich mich als solchen bewähre, wie ich mich in diesem Briefe darstelle, vielleicht ein Unterkommen, bei dem ich nicht zu Grunde gehe, finden kann. — Nebenbei liegt ein Brief von dem Herrn Professor Wendt, welcher mich auf Ihre gütige Empfehlung sehr freundlich empfing; den HerrDr. Wagner habe ich bis jetzt noch nicht treffen können. — Ich stürze für Sie in’s Feuer.

IhrgehorsamsterCh. D. Grabbe.(Addresse: Fleischergasse,nro. 241.)

Ihr

gehorsamsterCh. D. Grabbe.

(Addresse: Fleischergasse,nro. 241.)

Detmoldden 29sten Aug. 1823.

Hochwohlgeborner Herr!Verehrtester Herr Geheimrath!

Ihrer ausgezeichneten Güte bin ich die drei schönsten Monate meines Lebens schuldig, und selbst auf die Gefahr Sie zu langweilen, bin ich verpflichtet Ihnen Rechenschaft aus der Ferne zu geben. Ich reis’te natürlich ein wenig trübe von Dresden ab, und kam so nach Leipzig, wo ich mit mehreren Jugendfreunden die letzten Blüthen der Erinnerung abpflückte. Ermuthigt durch den Gedanken an Ewr. Hochwohlgeboren trat ich nachher in Braunschweig vor Klingemann, und die Schonung und Humanität, mit welcher Sie mich behandelt hatten, war einer der Trostgründe, welche mich aufrechterhielten, als mir die Anstellung abgeschlagen wurde. Gewiß bin ich es zum größten Theil Ihrem Beispiele schuldig, daß mir die dasige Theaterdirection eins meiner Stücke mit 30 rthlr. abkaufte, welche mich in den Stand setzten, nach Hannover zu eilen und mich dort zu erbieten, von der Pike auf an der Bühne zu dienen. Aber leider war der Freiherr Grothe eben nach Süddeutschland gereis’t, und ich konnte auf der Stelle keine sichere Antwort erhalten. Ich hielt für meine Pflicht, nicht länger das Geld auf’s Ungewisse hin im Gasthause zu verzehren, sondern zu Fuße einige Thaler zu meinen Eltern zu tragen. Mich ergriff’s wie ein Krampf, als ich über die schwärzlichen Berge meiner Heimath, dem traurigen Wiedersehen entgegen klettern mußte. Doch genug von allem, — ich habe kein Recht, Sie an meiner Lage Theil nehmen zu lassen — sie ist zu abscheulich. — Bisweilen habe ich die Idee, mich nach Bremen zu dem neu entstehenden Theater zu wenden, aber wie darf ich solche Reise auf Wagniß unternehmen? — Könnten Ewr. Hochwohlgeboren mich zu irgend einem Geschäfte gebrauchen, welches anderthalb hundert Thaler einbrächte, so wäre ich erlös’t und glücklich. Vielleicht hätte ich dann bald Gelegenheit mich weiter empor zu bringen, oder zum wenigsten könnte ich sie doch abwarten.

Ich denke fast stündlich Ihrer wie eines guten Genius, und würde dieß wahrlich nicht niedergeschrieben haben, wenn es mir nicht unwillkührlich aus der Feder geflossen wäre. Wenn Ewr. Hochwohlgeboren mich auf irgend eine Art einer kurzen Antwort würdigten, so würde ich innigst erfreut seyn, selbst wenn sie meine Bitte nicht gewährte. Auf alle Fälle würde ich daraus frischen Lebensstoff ziehen, dessen ich oft recht sehr bedarf. — Mit der tiefsten Hochachtung bin ich

Ewr. HochwohlgeborengehorsamsterCh. Grabbe.

Ewr. Hochwohlgeboren

gehorsamster

Ch. Grabbe.

Detmoldden 29sten Aug. 1823.

Verehrtester Herr!

Jetzt erst, nachdem ich alles versucht und abgemacht habe, kann und darf ich Ihnen schreiben. — Mich übermannt die Erinnerung an den vergangenen Frühling, wo ich so ruhig und beglückt in Ihrer Nähe lebte. Wenn ich nur nicht fürchten müßte, daß Sie meiner Persönlichkeit nicht eben mit angenehmen Gefühlen gedächten! Gleich zu Anfang machte mich das Bewußtseyn, Ihnen mit meinem Vorlesen mißfallen zu haben, scheu und verlegen, und als Sie dennoch fortfuhren sich so sichtbar für mich zu interessiren, artete meine Verlegenheit und Dankbarkeit fast in Tölpelhaftigkeit aus. Verzeihen Sie, daß ich nochmals über dieß Thema zu sprechen wagte; es liegt mir wie ein Stein auf dem Herzen! — Als ich von Dresden abreis’te, war es mir, als sollte ich durch eine Tonne mit zwei Papierböden (Braunschweig und Leipzig) auf das harte Steinpflaster fallen. Wie ein Ertrinkender sich an jedem Grashälmchen festhält, hielt ich mich an jedem Augenblicke fest. Die Einladung mehrerer Universitätsfreunde, einige Wochen bei ihnen zu logiren, war mir hoch willkommen, weil sie die Zeit meines Sturzes zu verschieben schien. Mit Mühe riß ich mich endlich los und eilte weiter, indem ich mich unterwegs mit der Erinnerung begnügte. So kam ich nach Braunschweig und fand in dem Doctor Köchy einen treuen Helfer; aber noch besser und sicherer nützte mir Ihr Brief, geliebtester Meister. Eine Anstellung wurde mir zwar schon beim ersten Besuche, den ich Klingemann machte, unbedingt versagt, und ich saß grade zerstört und hoffnungslos auf meinem Zimmer im Gasthofe, als mir die tröstende Nachricht gebracht wurde, daß mir die Theaterdirection auf Veranlassung Ihrer Empfehlung, für eins meiner Schauspiele 30 rthlr. geben wolle. Ich reichte Nannette und Maria, welches ich gut abgeschrieben bei mir hatte, dafür hin, und unter der ausdrücklichen Erlaubniß, es dennoch drucken zu lassen, wenn es mir gefiele, ward es angenommen. Nun konnte ich nach Hannover reisen und dort mein Glück versuchen; ich habe jedoch immer ein bischen Unglück, und so war denn der Freiherr von Grothe, welcher dort alles gilt, am Morgen meiner Ankunft abgereis’t. Jetzt gingen meine Hoffnungen auf das Theater zu Bremen, und ich wäre dahin gereis’t, wenn nicht meine Baarschaft bis auf siebzehn Thaler zusammengeschmolzen wäre; ich hielt es also für besser, mich aufzumachen, allen Hohn zu ertragen und meinen Eltern zwölf Thaler Geld zu bringen. Wenn ich meine Mutter nicht zu sehr liebte, so würde ich Ihr die elenden Zweigroschenstücke auf der Post geschickt und für mich einen edleren Weg eingeschlagen haben; ich hätte nämlich blind und dreist mein Geschick versucht; aber wenn sie nicht wüßte, wo ich wäre und was ich triebe, so würde es ihr seyn, als wenn ihr ein Arm fehlte. So schlich ich mich Nachts um 11 Uhr in das verwünschte Detmold ein, weckte meine Eltern aus dem Schlafe, und ward von ihnen, denen ich ihr ganzes kleines Vermögen weggesogen, die ich so oft mit leeren Hoffnungen getäuscht, die meinetwegen von der halben Stadt verspottet werden, mit Freudenthränen empfangen. Ja, ich mußte mich noch obendrein mit der plumpsten Grobheit waffnen, weil ich sonst in das heftigste Weinen ausgebrochen wäre und eine Ifflandische Scene aufgeführt hätte. — Nun sitze ich hier in einer engen Kammer, ziehe die Gardinen vor, damit mich die Nachbarn nicht sehn, und weiß keine Menschen in den gesammten lippischen Landen, denen ich mich deutlich machen könnte, selbstdem Herrn Pastor Pustkuchen nicht. Mein Malheur besteht einzig darin, daß ich in keiner größern Stadt, sondern in einer Gegend geboren bin, wo man einen gebildeten Menschen für einen verschlechterten Mastochsen hält. — Ich fürchte, ich fürchte, daß Sie, theuerster Herr, es bereuen, jemals einige Theilnahme für mich geäußert zu haben, weil ich Sie mit diesen Erzählungen meiner Leiden beschwere. Ich bitte Sie aber, sich wenigstens um mich keineMühezu geben; höchstens ersuche ich Sie, wenn Sie irgend eine theatralische, schriftstellerische oder abschreiberische Carriere kennten, die mit meiner Person zu besetzen wäre und ohngefähr 150 rthlr. einbrächte, an mich zu denken. Ich habe oft gehofft, daß ich in Berlin zum Beispiel, bei einem Haltpuncte von einigen Groschen täglich, am ersten vorwärts kommen würde. — Was meine Autorschaft betrifft, so konnte ich bei meinen Umständen nur wenig leisten; die letzten Acte des Sulla, welche ich umarbeite und etwas ernstlicher nehme als die drei ersten, sind noch nicht vollendet: die Idee zu einem anderen Faust, der mit dem Don Juan zusammentrifft, entwickelt sich in meinem Gehirnkasten mehr und mehr; ich habe in Bezug auf dieses Stück dem heiteren Humor, der das Tragische im Hamlet so mildernd durchweht, fleißig nachgespürt. An einer erträglichen, für unsre Zeit passenden Erzählung, soll es mir auch nicht fehlen, wenn ich erst nur ein wenig von dem edlen Ton Ihrer Novellen in der Gewalt hätte. — — Als ich nach Braunschweig kam, eilte ich zuerst zu Vieweg, um Ihren Auftrag zu vollziehen; Ihr Name verschaffte mir einen außerordentlich höflichen Empfang, und man versicherte, die Bücher an den leipziger Commissionär von Hilscher abgeschickt zu haben, aber sie müßten unterwegs verloren gegangen seyn. Ich wollte, ich hätte sie gefunden! — Ich bin sehr verzagt und suche dieHoffnung einer baldigen Antwort in mir zu vertilgen; alles Heil und Glück Ihnen, Ihrer Gemahlinn, Ihren Töchtern und Ihrem ganzen Hause! — Immer verbleibe ich

Ihrhochachtungsvollster VerehrerCh. Grabbe.(Adresse: Ch. Grabbe,stud. jur.in Detmold.)

Ihr

hochachtungsvollster Verehrer

Ch. Grabbe.

(Adresse: Ch. Grabbe,stud. jur.in Detmold.)

Detmoldden 22sten Sept. 182?

Verehrtester Herr und Meister!

Meine süßeste Lust besteht in dem Bewußtseyn, aus meinem Schlupfwinkel heraus mit Ihnen reden zu dürfen; Sie, seit Shakspeare der größte romantische Genius, dessen Werke, je mehr man sie studirt, um so wunderbarer strahlen und deren Ruhm durch die Zeit, die sonst alles vertilgt, nur immer mehr zunehmen kann, Sie verachten mich nicht gänzlich. Glauben Sie auch nicht, daß ich das eben Gesagte gegen meine Ueberzeugung, als leere Schmeichelei, geredet hätte; es wird Ihnen ganz eins seyn, ob ein miserabler Schlucker wie ich so oder so von Ihnen denkt; nur die Herzlichkeit meines Lobes kann ihm Werth verleihen. Ich mußte es niederschreiben, weil ich neulich durch einen, in meinem Geburtsneste, wo man die Litteratur nur vom Hörensagen kennt, höchst merkwürdigen Zufall, wieder einige Theile von dem Phantasus und mehrere Ihrer Novellen zu lesen bekam; noch nie fiel es mir so auf, daß Sie, so sehr auch das liebe Deutschland Sie anerkennt, dennoch eigentlich wohl noch nicht zum Sechsthel erkannt sind. Doch ich weiß nicht, ob Sie mir dieß Geschwäze übel nehmen. — Fürchten Sie nicht, daß ich Sie jetzt mit der Trödelbude meines Jammers unterhalten werde;betrachten Sie die paar Worte, welche ich darüber sage, wie eine Stelle aus einem schlechten Roman und achten Sie auf meine Bitten nicht, wenn Sie Ihnen mißfallen. — Ich kann es hier nicht aushalten und will bald wieder forteilen; einige Wochen denke ich noch zu verziehen, in der Hoffnung, daß ich vielleicht von Ihnen zwei Zeilen mit Rath oder Trost erhalte; meinen Eltern lüge ich stündlich vor, daß ich in der Ferne angestellt bin und sie freuen sich nicht wenig; wüßten sie das Gegentheil, sowürden sie wie Schnee vergehen; dennoch wünsche ich aus voller Seele, daß sie eines sanften Todes schon längst gestorben wären, dann wäre ihnen besser und ich wäre frei. In Bremen, wohin ich geschrieben habe und wo ein Herr von Staff für mich zu wirken suchte, scheint sich keine Laufbahn aufzuthun. Wegen der Nähe meiner Heimath darf ich mich in Westpfahlen selbst nicht weiter umsehn. Ich meine, nach Berlin reisen zu müssen, dort, in einer größern Stadt, wo Theater, Schriftsteller, weitläuftige juristische Collegien sind, finde ich hoffentlich irgend einen Angelhaken. Sollte ich jemals aus meiner Lage wirklich heraus kommen, so wird sie sicher einen unendlichen Nutzen für mein Gemüth und meinen Geist haben, ja, ich würde wahrscheinlich eine echt christliche Idee von Gottes wunderbaren Wegen erhalten. — Da ich hier wenig mit Menschen umgehe, so schweife ich desto mehr in der Natur umher; sie ist wild und hübsch, und das ganze lippische Land rauscht von Bäumen, Waldbächen und fallenden Blättern; wenn ich aber so auf einem Berge stehe, fällt mir oft der nahende Winter ein und zum erstenmal in meinem Leben fürchte ich ihn, weil ich nicht weiß, ob ich eine warme Stube werde haben können. Meine Gesundheit ist eisenfest, und ich wollte nichts mehr wünschen, als daß ich sie Ihnen schenken könnte. O Herr! jedes Wort von Ihnen gilt viel; wenn Sie mir in Dresden, Berlin oder Leipzig irgendwo ein schmales Unterkommen bei einem Buchhändler oder Theateru. s. w. schaffen könnten, so hätten Sie mich und zwei alte Leute glücklich gemacht. Bis jetzt noch erliegt meine Seele nicht und sie hat die hereinstürmenden Unglücksfälle mit blutigen Köpfen zurückgeworfen; bei Gott, sie verdient es, daß Jemand ihr hilft. Eine kleine, kleine Antwort von Ihnen wäre schon Erlösung; aber wenn Sie mir auch dieß Gesuch abschlagen, so werde und kann ich doch nimmer und nimmer vergessen, was Sie mir schon Gutes und Edles gethan haben. Stets

IhrCh. Grabbe.

Ihr

Ch. Grabbe.

(Besonders feindseelig scheint mir jetzt der hiesige Superintendent zu seyn, weil er, wie ich vermuthe, durch einen Landsmann, der mich in Berlin besuchte, erfahren hat, daß sich in meinem Lustspiel der Teufel für einen Generalsuperintendenten ausgibt.)

Detmoldden 30st. Oct. 1827.

Verehrtester Herr und Meister!

Die schönste und größte Zeit meines Lebens war die, wo ich mich persönlich von Ihnen belehren lassen konnte. Sie flößten mir durch Ihr Urtheil soviel Vertrauen zu meinen Werken ein, daß ich es gewagt habe, sie drucken zu lassen, und zwar um so mehr, als ich jetzt, wie Sie verehrtester Meister! zu wünschen schienen, auch im bürgerlichen Leben als Advocat und Substitut des Auditeursfest und sicherstehe. Einigemal streiten meine Ansichten (insbesondere in der Abhandlung über Shakspeare) zum Theil mit den Ihrigen. Die Ihrigen sind gewiß die geistreicheren und besseren, — aber grade Sie,verehrtester Herr, werden als großer umfassender Dichter auch die freie Aeußerung meiner Ansichten nicht mißkennen.

Ein Exemplar meiner Werke ist angebogen, und innig hoffe ich um eine geneigte Antwort aus Ihrer Feder.

Mit größter Hochachtung und Liebe verharre ich

verehrtester Herr und Meister!IhrgehorsamsterGrabbe.

verehrtester Herr und Meister!

Ihr

gehorsamsterGrabbe.

(Dieser Brief ist während meiner Anwesenheit in Frankfurt a. M. abgeschickt.)

(Dieser Brief ist während meiner Anwesenheit in Frankfurt a. M. abgeschickt.)


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