Heiberg, Johann Ludwig.

Geb. den 14. Decbr. 1791 in Kopenhagen, wurde 1849 Direktor des dortigen K. Theaters. Obwohl seine vorzügliche, anerkannt produktive Thätigkeit sich im Lustspiel und dramatischen Märchen bewegt, hat er doch auch verschiedene Erzählungen geliefert, die in deutscher Uebertragung verbreitet sind. Er ist in seinem Vaterlande sehr beliebt, und verdient es gewiß. Aus denjenigen seiner Arbeiten, die hier zu Lande bekannt wurden, ließ sich aber schwerlich errathen, daß er einer der eifrigsten Anhänger Hegel’scher Philosophie sei, was er jedoch wirklich ist, oder wenigstens war.

Geb. den 14. Decbr. 1791 in Kopenhagen, wurde 1849 Direktor des dortigen K. Theaters. Obwohl seine vorzügliche, anerkannt produktive Thätigkeit sich im Lustspiel und dramatischen Märchen bewegt, hat er doch auch verschiedene Erzählungen geliefert, die in deutscher Uebertragung verbreitet sind. Er ist in seinem Vaterlande sehr beliebt, und verdient es gewiß. Aus denjenigen seiner Arbeiten, die hier zu Lande bekannt wurden, ließ sich aber schwerlich errathen, daß er einer der eifrigsten Anhänger Hegel’scher Philosophie sei, was er jedoch wirklich ist, oder wenigstens war.

An Herrn Ludwig Tieck in Dresden.

Kopenhagen, den 5ten May 1827.

Zwar darf ich nicht hoffen, von Ihnen, auch nur dem Namen nach, gekannt zu seyn. Leider ist unser Land so klein, und unsre Literatur eben deswegen so wenig nach dem Auslande verbreitet, daß selbst derjenige, der zehnmal so viel für dieselbe gethan hätte, als ich mich gethan zu haben rühmen darf, dennoch eines besonderen literarischen Paßes bedarf, um seinen Namen über die Grenze unbehindert paßiren zu lassen. Auch bin ich nie in Dresden gewesen. Ich habe mich während drey Jahren in Paris aufgehalten, ging aber auf der Hinreise über London, und hatte auf der Rückreise durch Deutschland so große Eile, daß ich den kürzesten Weg nehmen mußte. Später bin ich während einiger Monate in Berlin gewesen, wo ich besonders mit den Herren Professoren Hegel und Gans in genauerer Verbindung stand; allein auch damals wurde mein Plan, von dortaus Dresden zu besuchen, vereitelt.

Die Veranlassung aber zu diesem Briefe ist ein Packet Bücher, das ich vor einigen Tagen so frei gewesen bin, Ihnen zu schicken. Ich habe es an unsereChargé d’ affaires, den Herrn von Irgens-Berg in Dresden adressirt, von dem Sie es binnen kurzer Zeit erhalten werden; und auch dieses hatwiederum eine Veranlassung, zu deren kurzen Erörterung ich mir Ihre Erlaubniß ausbitte.

Ich habe seit zwey Jahren einigeVaudevillenfür die hiesige Bühne geschrieben; ich sage:geschrieben, denn ich habe mich wohl gehütet, fremde Arbeiten dieser Art auf dänischen Boden roh zu verpflanzen, oder, wie man es gewöhnlich nennt, zubearbeiten. Meine Absicht war, die Neuerungssucht, die jetzt im Publikum herrscht, indem sie ihm für das Alte den Sinn mehr und mehr benimmt, und so manches Abgeschmackte herbeigeführt hat, einmal, wo möglich, zu einem löblichen Zwecke zu benutzen, d. h. zur Wiedererweckung des unserm Volke tief eingewurzelten Sinnes für das Local-Comische, eines Sinnes, der aber seit Holbergs Zeiten kaum einige Nahrung erhalten hat. Wie ich nun zugleich gesehen hatte, daß eine höchst mittelmäßige Posse,Die Wiener in Berlin, von Demoiselle Pohlmann und deutschredenden Dänen nicht besonders gut ausgeführt, beym hiesigen Publikum Eingang finden konnte, so mußte ich mich überzeugen, daß selbst in den schlechtesten Stücken dieser Art ein gewisser Melodienzauber herrschen könne, und diesen beschloß ich daher zu einer wahrhafteren comischen Wirkung zu benutzen. Es schien mir nämlich, daß auch das Vaudeville zu einer dramatischen Kunstart herausgebildet werden könne, und daß eine solche Ausbildung, beym Stand der hiesigen Bühne, nicht ohne poetisches Verdienst sein würde. Meine sonstigen Ansichten dieses Gegenstandes habe ich in einer besonderen dramaturgischen Abhandlung, die in dem besagten Packete zugleich befindlich ist, weiter aus einander gesetzt. Wie gesagt, schrieb ich dann einige local-comische Vaudevillen, die aufgeführt und mit einem hier unerhörten Beyfall aufgenommen wurden. Jetzt aber entstand unter den Literaten die Frage, ob diese neue Richtung ein Schritt vorwärts oder rückwärts zu nennen sey. Es ist natürlich, daß ich der ersten Meinung bin; es isteben so natürlich, daß Leute, die Ihre gerechten Aeußerungen gegen die jetzige Rohheit der Verfasser, welche, die Dichtarten und die Localitäten verwechselnd, dasjenige, das in einer gewissen Kunstsphäre gut ist, in eine andere ganz mechanisch überführen und verderben, und welche ferner nur auf das Aeußere und Zufällige in der Kunst bedacht sind; — es ist natürlich, sage ich, daß Leute, die Ihren gerechten Eifer gegen diese Pfuschereien kennen, ohne ihn recht verstanden zu haben (denn daß Sie Müllner, Grillparzer und Houwald tadeln, und H. v. Kleist rühmen, das werden diese Leute nie verstehen) — daß sie, sage ich, sich Ihrer, als einer schlecht verstandenen Autorität, bedienen, um die von Ihnen ausgesprochene Misbilligung nachgeäffter französischer Witzspiele auf meine Arbeiten anzuwenden, die doch in einem ganz anderen Sinne entworfen und ausgeführt sind, und wenigstens keine unverdaute Aufnahme fremdartiger Substanzen, sondern, wie ich mir schmeichle, eine nationale Assimilation sind. Ich darf glauben, daß ich Ihre dramaturgischen Schriften mit größerer Einsicht gelesen habe, als die meisten unserer Theater-Kritiker, und bin der Meinung, daß Sie meine Vaudevillen als recht lobenswerthe Bestrebungen nach einem richtigeren Geschmack anerkennen werden. Vielleicht aber, daß ich mich darin geirrt habe. Auf jeden Fall wünsche ich recht sehr, Ihr aufrichtiges Urtheil darüber zu vernehmen. Ich habe daher mir die Freyheit genommen, Ihnen alle diese Kleinigkeiten zu schicken. Sie verstehen die dänische Sprache, Sie sind ein berühmter Kenner von Holberg, und Sie sind beynahe der Einzige, der in jetziger Zeit für die Sache der wahren Kunst gegen Uebertreibungen, Mißverständniße und Thorheiten aller Art kräftig redet. Haben Sie daher die Güte, bey Gelegenheit meine kleine Bühnenstücke so wie die dramaturgische Abhandlung durchzublättern und mir Ihre Meinung darüber, wenn auch nur in aller Kürze, mitzutheilen. Sie werden mich dadurch,sogar im Falle eines ungünstigen Urtheils, ganz besonders verpflichten.

In demselben Packete finden Sie auch ein von mir,auf Verlangen der hiesigen Direction, bearbeitetes fremdes Vaudeville: Die 7 Mädchen in Uniform. Ich habe es nur deswegen beygelegt, damit Sie sehen mögen, daß Ihre kurzen Bemerkungen über diese Kleinigkeit bey meiner Bearbeitung nicht ohne Einfluß gewesen sind. Zugleich werden Sie die bis jetzt erschienenen Nummern eines von mir seit Neujahr redigirten Wochenblattes vorfinden.

Ich weiß nicht, ob meine deutsch geschriebene Nordische Mythologie nach der Edda und Oehlenschläger, die zur letzten Michaelismesse erschien, Ihnen zu Gesicht gekommen ist. Ich würde sie beygelegt haben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, das Packet sey schon zu groß geworden.

Ihr Freund Oehlenschläger hat ein neues Trauerspiel „Vaeringernd i Myklegard“ geschrieben, und beschäftigt sich jetzt mit einer deutschen Uebersetzung davon.

Verzeihen Sie gütigst meine Zudringlichkeit.

Mit besonderer Hochachtung ganz ergebenst

J. L. Heiberg,Dr. phil.

J. L. Heiberg,Dr. phil.


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