Geboren 1802 zu Heilbronn, Sohn eines früher beim Regiment Hohenlohe in Breslau gestandenen, nachmals (1809) als badischer Major auf dem Schlachtfelde gebliebenen Vaters, studirte Jurisprudenz, machte das Staatsexamen, — trat jedoch nicht in die Praxis, sondern widmete sich, in Karlsruhe lebend, den Wissenschaften ganz und gar; wobei er hauptsächlich neben dem Studium verschiedener Litteraturen, dieenglischesich auf’s Innigste vertraut machte. Unter dem AutornamenK. v. Krelinghat er sich und seinen Arbeiten im Inlande wie im Auslande hohe Achtung erworben. („Among the most intelligent of the Germans who had favoured us with their acquaintance at Carlsruhe, was Herr von K....... His mastery of ourlanguage was perfect; his knowledge of its modern literature greatly beyond that of most of my countrymen“ etc. New Monthly-Magazine, April 1855.)Auf diesem mit Fleiß und Glück verfolgten Wege gewann Hr. v. K. auch Tieck’s Zuneigung und Achtung; jede Reise des Letzteren nach Baden-Baden gab Gelegenheit in Karlsruhe zu verweilen, und ihr freundschaftliches Verhältniß durch persönlichen Verkehr auffrischend zu beleben.Englische Bibliothek, 6 Bde. (1834–38.) Diese bringt Bearbeitungen erzählenden, lebensgeschichtlichen, reisebeschreibenden Inhaltes, von ihmalleinverfaßt. — Erin, 6 Bde. (1847–49) Lebensgeschichten irischer Schriftsteller, Erzählungen derselben u. s. w. Mährchen, Legenden und Sagen. (Zu dieser Sammlung, über welche Grimm im 3ten wissenschaftl. Theil der Kinder- und Hausmährchenpag.393–95 redet, gab Herrn v. K.s naher Verwandter und vieljährig vertrauter Freund Ludw. Uhland die Anregung.) —Harris’ Gesandtschaftsreise nach Schoa, 2 Bde. (1845.) mit wissenschaftl. Erläuterungen begleitet. — Ausgewählte Englische Synonymen, (1854.) — als Beigabe dazu: Englische Etymologieen; eigene Forschungen über die Ursprünge und Ableitungen der engl. Sprache. — Auch war Hr. v. K. thätiger Mitarbeiter am großen Hilpert’schen Deutsch-Engl. Wörterbuch und alleiniger Verfasser des „Nachtrags“ (1857) zu demselben; ebenso am Londoner Athenäum, und an andern Zeitschriften.
Geboren 1802 zu Heilbronn, Sohn eines früher beim Regiment Hohenlohe in Breslau gestandenen, nachmals (1809) als badischer Major auf dem Schlachtfelde gebliebenen Vaters, studirte Jurisprudenz, machte das Staatsexamen, — trat jedoch nicht in die Praxis, sondern widmete sich, in Karlsruhe lebend, den Wissenschaften ganz und gar; wobei er hauptsächlich neben dem Studium verschiedener Litteraturen, dieenglischesich auf’s Innigste vertraut machte. Unter dem AutornamenK. v. Krelinghat er sich und seinen Arbeiten im Inlande wie im Auslande hohe Achtung erworben. („Among the most intelligent of the Germans who had favoured us with their acquaintance at Carlsruhe, was Herr von K....... His mastery of ourlanguage was perfect; his knowledge of its modern literature greatly beyond that of most of my countrymen“ etc. New Monthly-Magazine, April 1855.)
Auf diesem mit Fleiß und Glück verfolgten Wege gewann Hr. v. K. auch Tieck’s Zuneigung und Achtung; jede Reise des Letzteren nach Baden-Baden gab Gelegenheit in Karlsruhe zu verweilen, und ihr freundschaftliches Verhältniß durch persönlichen Verkehr auffrischend zu beleben.
Englische Bibliothek, 6 Bde. (1834–38.) Diese bringt Bearbeitungen erzählenden, lebensgeschichtlichen, reisebeschreibenden Inhaltes, von ihmalleinverfaßt. — Erin, 6 Bde. (1847–49) Lebensgeschichten irischer Schriftsteller, Erzählungen derselben u. s. w. Mährchen, Legenden und Sagen. (Zu dieser Sammlung, über welche Grimm im 3ten wissenschaftl. Theil der Kinder- und Hausmährchenpag.393–95 redet, gab Herrn v. K.s naher Verwandter und vieljährig vertrauter Freund Ludw. Uhland die Anregung.) —
Harris’ Gesandtschaftsreise nach Schoa, 2 Bde. (1845.) mit wissenschaftl. Erläuterungen begleitet. — Ausgewählte Englische Synonymen, (1854.) — als Beigabe dazu: Englische Etymologieen; eigene Forschungen über die Ursprünge und Ableitungen der engl. Sprache. — Auch war Hr. v. K. thätiger Mitarbeiter am großen Hilpert’schen Deutsch-Engl. Wörterbuch und alleiniger Verfasser des „Nachtrags“ (1857) zu demselben; ebenso am Londoner Athenäum, und an andern Zeitschriften.
Karlsruhe, 1. September 1837.
Verehrter Herr und Freund,
Ich habe mich den ganzen Frühling und Sommer mit der Hoffnung getragen, Nachricht von Ihrem Kommen nach Baden zu erhalten oder aufs Freudigste durch Ihre Gegenwart in Karlsruhe überrascht zu werden: allein ich sehe und fürchte, ich werde auf Beides für dieses Jahr verzichten müssen. Muß ich glauben, daß Ihre Gesundheit so angegriffen ist, daß sie eine Reise nach Süddeutschland nicht erlaubt, oder darf ich mit dem herzlichsten Vergnügen — ein Vergnügen, dem ich selbst meinen eigensüchtigen Wunsch, Sie wieder bei uns zu sehen, gern opfere — annehmen, daß Ihr Wohlseyn eine solche Auswanderung aus Ihrem freundlichen Dresden gar nicht nöthig machte? Beruhigen Sie mich über jene Besorgniß oder bestätigen Sie mir diese tröstliche Vermuthung, wenn auch nur mit einer Zeile; aber bald!
Ihre kurze und eilige, mir aber darum doch überaus werthvolle Zuschrift vom 27. März ist mir erst mehrere Wochennach diesem Datum zugekommen; mein Unstern wollte, daß mich der Überbringer, Hr. v. Bernburg, den ich literarisch schon kannte und achtete und deshalb um so mehr auch persönlich kennen und lieben zu lernen gewünscht hätte, nicht zu Hause traf und ich ihn bei wiederholtem Vorsprechen in seinem Gasthofe ebenfalls jedesmal verfehlte.
Wenn ich nicht aufs Überzeugendste fühlte, daß ich den Inhalt jener Zuschrift, insoweit er die Verdienstlichkeit der Engl. Bibl. betrifft, vielmehr Ihrem freundschaftlichen Wohlwollen für mich, als der ernsten Übung Ihres allgeachteten und — verdientenfalls — allgefürchteten kunstrichterlichen Vermögens zu verdanken habe, so könnte ich über Ihre beifällige Äußerungen fast stolz werden; ich habe indessen die aufsteigende Hoffahrt niedergedrückt und mich an Ihrem gütevollen Lobe so weit zu erfreuen und zu erstärken mir erlaubt, daß ich neue Lust und neuen Muth zur Fortführung eines — wie ich aufrichtig gestehen will, mirliebgewordenen— Unternehmens gewann, welches mir mancherlei Umstände zu verleiden geeignet sind;dahin gehören vor Allem: der Unfug, der mit dem Übersetzen mehr als je getrieben wird undjedemÜbersetzer ineinerVerdammung gewissermaßen einelevis notae maculaanhängt; ferner: die ganz seltsame Art, mit welcher diejenigen Zeitschriften, welchen altem Herkommen nach ein Exemplar der Engl. Bibl. zur Beurtheilung zugesendet zu werden pflegt, verfahren, indem sie die Zusendung entweder gar nicht einer öffentlichen kritischen Bemerkung werthhalten oder mit einer blosen Inhaltsaufzählung abfertigen, und dessenungeachtet, jedoch mit Verschweigung der benützten Quelle, zu Auszügen in ihre eigenen Spalten verwenden; endlich: die Anzahl jener freibeuterischen Unterhaltungsblätter, welche ein kaum erschienenes Heft der Engl. Bibl. auf eine Weise plündern, die in pekuniärer Beziehung einem solchen Unternehmen nur schaden muß. —
Doch genug und übergenug mit solchen Beschwerden und Klagen, die ein Altmeister in der Literatur einem literarischen Neuling, der eine Lieblingsidee, und wäre sie auch nur auf so Unbedeutendes wie der Plan der Engl. Bibl. gerichtet, ungern verkümmert und aufzugeben sich genöthigt sieht, mit freundlicher Nachsicht zu gute halten wird.
Ich habe dieses Blatt so unverantwortlich in den lieben Egoismus ausschießen lassen, daß ich mir zur Buße, und Ihnen gewiß zur erwünschtesten Erleichterung, das Vergnügen versage, Sie noch länger anzuplaudern, und mit dem herzlichsten Wunsch für Ihr körperliches Wohlergehen und die Fortdauer Ihrer, mir sammt allen Ihren Freunden so hochschätzbaren, geistigen Schaffenslust schließe.
Ihr Sie innigst verehrenderK. A. Frhr. v.Killinger.Stephanistraße Nr. 10.
Ihr Sie innigst verehrender
K. A. Frhr. v.Killinger.
Stephanistraße Nr. 10.
Karlsruhe, 14. Januar 1842.
Verehrter Herr und Freund!
Es drängt mich, was sich in mir seit Ihrem letzten Hiersein an neugesteigerten Gefühlen der Dankbarkeit, Liebe und Verehrung gesammelt hat, Ihnen in geschriebenen Worten, da mir mündliche leider unmöglich sind, auszusprechen; ich nehme dazu das neue Jahr, zu dessen Beginn ja selbst lästige Wünsche geduldig hingenommen zu werden pflegen, der Ausdruck ächter Anhänglichkeit und Hochachtung aber eben durch die Jahreswende und deren Bedeutsamkeit wie am Erlaubtesten so am Angemessensten erscheinen dürfte.
Die stolze Freude, mit der ich Sie im Geiste und mit dem Herzen auf Ihren Feierzügen der Heimreise durch Heidelberg, Darmstadt, u. s. f. begleitete, wird nur durch den Gedankengetrübt und gedemüthigt, daß nicht auch hier in Karlsruhe Ihnen eine huldigende Aufmerksamkeit hatte dargebracht werden können; allein Ihr kurzbemessener Aufenthalt vereitelte die kleine Festlichkeit, mit der es von einer Anzahl „bekannter und unbekannter Freunde und Schätzer Tieck’s“ auf Sie abgesehen war, und so sind Sie denn glücklich und unbewußt mit der blosen Nachricht in der hiesigen Zeitung weggekommen,daßIhnen ein Festmahl bereitet werdensollte, was übrigens in der, in der Mehrzahl der Mitglieder seiner s. g. gebildeten Klassen hinsichtlich des Genusses dichterischer Schöpfungen und der begeisterten Würdigung der Dichter noch ziemlich böotischen oder beamtlichen „fächergebaueten Sandstadt“ ein „Ereigniß“ gewesen sein würde, da man hier wol einen neuen Bürgermeister oder Stadtdirektor oder Landtags-Abgeordneten oder fürstlichen Namenstag befestmahlte, einen Dichter aber noch nicht seit Serenissimus der höchstselige Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach Anno 1715 den Grundstein zu hiesiger Stadt legte. Übrigens ist Ihnen die gedrohte Verherrlichung (kurios, daß man Poeten — diese Ambrosiaesser und Idealreichswohner — so gern durch ein Speisefest feiert und ihnen den Lorbeer, statt um die Schläfe, in einer Wildschweinsauce reicht) nicht geschenkt, sondern nur aufgehoben; lassen Sie sich nur wieder dieses Jahr in Baden finden! ja, hätte ich Ihnen nicht gerade zum Beginn eben dieses Jahres nur gute Wünsche darzubringen, so möchte ich fast, Sie hätten einen recht rheumatischen Winter durchzumachen, um desto gewisser wieder die „balsamischen Lüfte“ und das „weiche warme Wellenspiel“ in der von einem schriftstellernden Engländer so benannten „City of the Fountains“ aufsuchen zu müssen; so aber will ich, aus der Fülle meines Herzens, Ihnen ein geistig und körperlich recht behagliches Verbringen dieser nordischen (aber nicht meiner) Lieblings-Jahreszeit und noch recht vielerLenzeund Badereisensommer und fruchtreicherHerbste (stehen Sie ja doch selbst erst — was auch der 31. Mai 1773 dawider aufbringen möge — im Lebensherbste und müssen, uns Lesern und geistigen Feingenüßlingen zu lieb und zum Frommen, nochmehrFrüchte geben so reif und so schön und so erquicklich wie Ihre letzte, aber hoffentlich nichtletzte, Ihre Südfrucht, Ihre Vittoria) wünschen.
Aus den kümmerlichen und wol auch mitunter unrichtigen Korrespondenznotizen der Zeitungen habe ich mir über Ihr seitheriges Befinden und Thätigseyn doch manches Erfreuliche zusammengelesen, besonders über Ihren Aufenthalt in Potsdam-Berlin; die Feier, die Ihnen dort veranstaltet worden, habe ich nachbegangen, Ihre Mühwaltung um die Aufführung der „Antigone“ getheilt, den Genuß der Anschauung dieses erhabenen und erschütternden Spiels Ihnen beneidet, die Auszeichnung und Freundschaft, die Ihnen ein König bewies, über den manhier, wo man häufig entweder hitzig-liberal oder, infolge gewisser Einflüsse, österreichisch-dirigirt denkt und ist, die seltsamsten und zweifelndsten Urtheile hören muß, denichaber als einen Fürsten voll der reinsten und hellsten An- und Absichten für die allerdings nicht französisch-übereilte Förderung des Volksbesten und als einen Mann von tiefem, aber eben darum dem gewöhnlichen und oberflächlich blickenden Auge nicht breit offen gelegten Gemüthe und von reichem feinem Geiste ansehe und hoch halte, herzlich gegönnt. Verzeihen Sie mir diese, in einem freundschaftlicher Ergießung bestimmten Briefe, vielleicht unangemessene Hereinbringung meiner Ansicht über den Herrscher Preußens; allein wie überflüssig und werthlos sie an sich auch sein mag, so hat sie doch das Verdienst, die eines Mannes zu sein, der sich einerächtenfreien Gesinnung bewußt und unabhängig genug ist, um nicht einen Bierbank-Liberalismus oder den Servilismus der Kriecher und Hungerleider sich andenken oder anheucheln zu müssen, und zudem drängte es mich, gerade Ihnen, demvon mir so Hochverehrten und hier vor so vielen zum zuständigsten Urtheil Befähigten, das meinige darzulegen.
VonmeinemLeben, Thun und — Lassen (denn ich Kleiner leide wie gewisse viel viel Größere auch an der Bequemlichkeitssünde) werden Sie wol keinen Bericht verlangen und ich Ihnen wahrhaftig auch keinen geben; zwischen den Freuden und Genüssen des Familienkreises und meiner Bibliothek — den besten, den ich kenne — einerseits undthe usual routine of newspaper-writing and dictionary-makingund just so vieler Theilnahme an freundschaftlichem Verkehr und öffentlichen Vergnügen, als nöthig ist, um nicht für einen Menschenfeind oder Pedanten sich ansehen lassen zu müssen, andrerseits,runs the smooth course of my life, den selbst der Ärger über die immer materieller werdende, in Fabrikenwuth und Fabrikennoth sich verrennende Welt nicht zu stören vermag. Einen besondern Genuß gewährt mir allsonntäglich Abends das Lesen (versteht sich im Original) und Besprechen Shakespeare’s gemeinschaftlich mit dem Hofbibliothekar Gentz hier, einem tüchtigen Sprachenkenner, und dem Ministerialrath Zell, der Ihnen wol noch von Ihrem letzten Hierseyn in freundlichem Andenken ist, jedenfalls sich Ihnen dazu wieder empfiehlt. Wir gedenken bei diesem Shakespeare-Kränzchen oft Ihrer; allein lieber noch, als im Geiste, möchten wir Sie leiblich bei uns haben zumVorlesen, was Ihnen aber auch, sobald wir Sie wieder in Karlsruhe bekommen und festhalten können, sicherlich nicht soll erlassen werden. — Ein Wunder hat Hr. M. R. Zell hier gewirkt, das Sie ebenso erstaunen als freuen wird: angeregt durch die ebenso eigenthümliche wie schöne Idee jener Wiederauferweckung der altgriechischen Tragödie und die vielbesprochene Aufführung der sophokleischen Antigone in Potsdam hat er über Beides eine Reihe freier Vorträge in dem hiesigen Museum gehalten, welche mit der lebhaftesten Theilnahme und stets, selbst vonSeiten der zahlreichst anwesenden Damenwelt, gespannter Aufmerksamkeit angehört wurden und mich und andere FreundegeistigerAnregungen und Genüsse hoffen lassen, daß letztere wenigstensnebendem Tanzen und Geigen noch ihre Stelle in jenem gesellschaftlichen Vereine erhalten und Wurzel fassend erfreuliche Blüten treiben und wohlthätige Früchte tragen werden; es war etwas Unerhörtes, Niegeschautes, Nimmererlebtes, Hunderte und Hunderte diesen Vorträgen zuziehen zu sehen, und mag schon Manche der Umstand, daß sie (natürlich)umsonstgehalten wurden, gelockt oder die Mode hingeführt haben, so ist doch in Viele der Same eines bessern Geschmacks und einer reineren Genußrichtung gestreut worden und das Verdienst Hrn. Zell’s gewiß auch in Ihren Augen nicht unbedeutend. Doch ich merke mit Schrecken, wie ich mit unsern Herrlichkeiten kleinstädtisch groß thue und breit werde, und nehme Ihre Nachsicht und Augen nur noch für ein paar erklärende Worte über die Inlage in Anspruch. Sie rührt von einem jungen hiesigen Handwerksmeister her, der — ein ächter, kräftiger, schlichter, kluger, allgemein geachteter hiesiger Bürgersmann — neben seinem Gewerbe, das er tüchtig treibt, in arbeitsfreien Stunden sein unverkennbares Talent zur Dichtkunst als Erholung und vom inneren Drang bewegt, walten läßt und pflegt, manches, ja vieles recht Hübsche und Ansprechende in Versen schon geleistet und geliefert hat (ich glaube, es würde den Mann und Naturdichterglücklichmachen, wenn Sie ihm erlaubten oder ihn einladen, Ihnen das 1840 gedruckte Bändchen seiner Dichtungen zu senden?) und gelegentlich mich über seinen literarischen Bedarf oder dieses und jenes von ihm gelesene gute Buch zu Rathe zieht; so kam er letzthin ganz im Feuer zu mir, erzählend, wie er so eben mit inniger Lust Ludwig Tieck’s „jungen Tischlermeister“ gelesen, in dem die herrlichste, einsichtsvollste Anerkenntniß des Bürger- und Handwerker-Standes gefunden und sich an demBuche ordentlich aufgerichtet und aufs Tiefste erquickt habe; wie er bedauere, daß ihm jede Gelegenheit mangele, dem Verfasser selbst sein Entzücken und seine Verehrung auszusprechen u. s. w. Auf meine Bemerkung, daß Sie mich mit Ihrer Bekanntschaft und Freundschaft beehrten und ich überzeugt sei, daß jene seine Äußerungen, brieflich an Sie gerichtet, von Ihnen freundlich würden aufgenommen werden, hat er mir denn das Beiliegende zur Beförderung an Sie, verehrter Herr, zugestellt. Ich bin gewiß, seine — wenn schon manchmal überschwänglich gesetzten — Worte werden Ihnen wohler thun, als Dutzende zierlich gedrehter oder gewöhnlicher Rezensionen.
Indem ich Sie bitte, Ihren Reisebegleiterinnen den Ausdruck meiner Ehrfurcht und meiner Freude, ihrer Bekanntschaft wenn auch leider nur kurz gewürdigt worden zu sein, darzulegen, hoffe ich, daßSiemir — und meiner Frau, die sich Ihnen bestens empfehlen läßt — Ihre freundliche Zuneigung auch ohnebrieflichesZeichen, um das ich Sie bei Ihrer so viel in Anspruch genommenen Zeit anzugehen kaum wagen darf, immergleich bewahren undvor Allemin diesem Jahre mich, auf Ihrer Badefahrt, mit Ihrem Besuche wieder beehren und beglücken werden.
Mit Hochachtung und Anhänglichkeit
Ihrv. Killinger.
Ihr
v. Killinger.
N. S. vom 15ten. Eben da ich meinen Brief für die Post siegeln will, kommt mir die neueste Nummer des londonerAthenaeumvom 8. Januar und damit der Prospektus einer bei Whittaker & Comp. in London erscheinenden,neuenAusgabe von Shakespeare’sPlays and Poemszu, welche der Ihnen sicherlich wohlbekannte unermüdliche und vielfach auch recht scharfsinnige Sammler und Forscher aller, Shakespeare und seine Werke betreffenden Notizen und Bücher, Hr. J. Payne-Collier, auf acht Demioktavo-Bände (zu 12 Schillings der Band) berechnet, vorbereitet, und wovon der erste Band die Lebensbeschreibung, die Geschichte des engl. Drama’s u. s. w. enthalten soll. Wenn die Ausführung nur die Hälfte von dem leistet, was der Prospekt verspricht, so giebt’s wirklichan unique and the most complete and correct edition of all Shakespeare’s. In Bezug auf die von ihm den einzelnen Stücken beizugebenden Anmerkungen sagt der Verfasser u. a.: „What may have been well and justly said by German critics, especially by such men as Tieck and Schlegel, will alsobe brought under the reader’s notice, taking care, however, not to obtrude the rhapsodical outpouring of their extravagant and ignorantimitators, whether abroad or at home.“ Collier hat übrigens ein, auf diese seine Unternehmung bezügliches, um eine Bagatelle bei jeder londoner Buchhandlung zu habendes Druckschriftchen u. d. T. „Reasons for a New Edition of Shakespeare’s Works(London 1841|42 bei Whittaker),“ vorausgehen lassen.
Doch diese meine Notiz ist wol für Sie eine spätkommende und überflüssige, da Sie wol bereits von dieser literarischen Entreprise Kenntniß und denrechtenMaßstab der Würdigung haben.
v. Kr.
v. Kr.
Karlsruhe, 4. Oktober 1845.
Hochverehrter Herr,
Ich wollte, ich könnte Ihnen das Gefühl meines Dankes für den Gruß gütiger Erinnerung, welchen mir Fräulein von Böckh bei ihrer Rückkehr nach Karlsruhe von Ihnen gebracht hat, inniger als durch kalte Briefzeilen, und bedeutender, als durch die beigelegte (materiell allerdings ziemlich „gewichtige“) Weihgabe ausdrücken. Jener Gruß und was mir die Überbringerin von dem wohlwollenden Andenkensagte, das Sie mir, der Ihnen durch so gar kein Verdienst als das der herzlichsten Verehrung für Sie empfohlen sein kann, bewahren, — hat mir den Anlaß und den Muth gegeben, Ihnen einmal wieder mit einer Zuschrift beschwerlich zu fallen und den soeben herausgekommenen ersten Band einer Arbeit anzubieten, für welche ich wenigstens das an der großen Mehrzahl unserer modernen Übersetzer (schmählicherweise) seltene Verdienst großer Sorgfalt ansprechen darf. Es ist — seit meiner „Englischen Bibliothek“ und außer einem von mir mitbearbeiteten unlängst und endlich (in der G. Braunschen Hofbuchhandlung hier erschienenen) „großen Deutsch-Englischen Wörterbuche“ — wieder das erste von mir erschieneneBuch, indem meine literarische Thätigkeit in der Zwischenzeit, und nach der Niederlegung der von mir versuchten, aber vorzüglich dem Verleger gegenüber für unmöglich befundenen, selbstständigen und anständigen Redaktion der „Karlsruher Zeitung,“ auf Beiträge in’s Cotta’sche „Ausland“ und einige englische Artikel in londoner Zeitschriften sich beschränkte oder — zersplitterte.
Kann Ihnen das (leider mit Druckfehlern stark durchsetzte) Harris’sche Reisewerk in seiner Erzählung von mannigfaltigen und eigenthümlichen Erlebnissen in einer, gewissermaßen erst seit einem Jahrfünft wieder — nach jahrhundertelanger Abgeschiedenheit — den Europäern erschlossenen Erdgegend ein kleines Interesse abgewinnen, und erlauben Sie mir daraufhin, Ihnen den (wahrscheinlich um Neujahr herauskommenden) zweiten Band zu übersenden, so würde ich mich ebenso beglückt wie geehrt finden. Die Beschäftigung mit dieser — wie des Übersetzers natürliche Vorliebe meint — ebenso unterhaltenden als belehrungsreichen Arbeit hat mir inmitten des wirren und unerquicklichen politischen und religiösen (!) Treibens im deutschen Vaterlande eine wohlthuende Ableitung und Wehr wider das mit Übermacht sich aufdrängendeund anschwellende lügenreiche (und geistarme) Zeitungengewäsch und kannegießernde dünkelvolle Rednerwesen gewährt; denn ich mag wohl sagen „I am sick of politics“ — und Gottverzeih mir’s, fast hätt’ ich geschrieben „religion too“ — „and all that sort of thing,“ satt und ekelderPolitik, wie sie jetzt unter dem Aushängschild und Deckmantel der Staatsverbesserung und Volkserhebung von verdorbenen Literaten und vorlauten Judenbuben in den meisten s. g. Organen der öffentlichen Meinung getrieben wird, ohne Herz, ohne Wahrheit, um’s Geld im hochfahrenden Übermuthe der Unwissenheit, in Liederlichkeit und im Straßenjungengelüst an Unfug und Durcheinander, jener Politik, die den Parteien zum Tummelplatz und zum Blendwerk des nichtsdenkenden Volkstheils dient, der nicht begreift, daß — wie der politisch so erfahrene, so gediegene, und so besonnen freie Engländer weiß und sagt —party „is the madness of many for the gain of a few.“
Empfinde schonich, ein Mensch, der zwar tief und lebhaft für Poesie fühlt, aber doch ihren Drang und ihre Herrlichkeit aus eigenem Schaffen nie gelernt hat, das Prosaische und Entnüchterte unsrer Tage und Literaturrichtung, wie im Dampf der Eisenbahnen der vom Aktienfieber bethörte Sinn für die Stralen und Genüsse der Dichtung sich trübt und unlustig wird, wie in den von unbedachten Schwärmern oder schlauberechnenden Böswilligen aus dem üppigen aber trüglichen Boden der Theorien und Lehren vom „Musterstaate“ und von der „Glücksgleichheit Aller“ aufgetriebenen Dünsten die Köpfe sich verwirren und wie selbst Viele der s. g. gebildeten Klassen den gesunden, klaren, keuschen Born ächter Poesie zu verkennen und zu verschmähen beginnen, um begierig aus dem nur zu häufig mit französischem politischem und moralischem Schmutz noch mehr verunreinigten, unlauteren Quell politischer Dichtung oder liedermachender Politik zu trinken, — vergegenwärtige ich mir dannSie, hochverehrterMann, der als der letzt- (und hoffentlich nochrecht lange lange) lebende Vertreter einer Poesie-reichen und -freudigen Zeit wie die Abendsonne über die Sturmwolkenmasse eines vom Parteihader verdüsterten und von der maßlosesten und grobstoffigsten Geld- und Genuß-Sucht und -Jagd bewegten Deutschland herleuchtet, so möchte ich fast bedauern, daß Ihre jetzige Stellung so mildgeborgen, so heiterumglänzt ist, daß Sie sich wohl nicht versucht oder gedrungen fühlen werden, den alten mächtigen Blitz der Ironie wieder im Dichterzorn und in einer neuen Dichterschöpfung in all’ das konfuse und prosaische Wesen hineinzuschleudern. Während ich aber, mit dem Reichthum und Reiz der Hervorbringungen, die wir — Ihre Verehrer — von Ihnenhabenundgenießen, noch nicht begnügt — den „Gewaltigen der Ironie“ zu einer frischen, uns Allen hochwillkommenen, Lebensäußerung aufrufen möchte, erbitte ichmirganz stille von Ihnen eine gnädige Verschonung mit eben jenem mächtig wirksamen Element für diese etwas wunderlichen Herzensergießungen.
Meine Frau, welche die Ehre und Freude eines wiederholten Besuchs Tieck’s in unserem Hause unwandelbar lebhaft in dankbarem und beglücktem Herzen trägt, empfiehlt sich durch mich Ihrer wohlwollenden Erinnerung, wie der Fortdauer Ihrer Freundschaft.
Ihr aufrichtigst ergebenerv. Killinger.
Ihr aufrichtigst ergebener
v. Killinger.
Karlsruhe, 30. November 1846.Beghuinenstraße Nr. 14.
Hochverehrter Herr und Freund,
Ich habe ordentlich mit Ungeduld dem (durch überhäufte Arbeiten der Druckerei bedeutend verzögerten) Fertigwerden des zweiten Bandes meiner Übersetzung der Harris’schenReise entgegensehen, weil ich dadurch eine hochwillkommene Gelegenheit, ja gewissermaßen ein Recht erhalten, mich Ihnen, wenn auch leider nur mit einigen kalten Zeilen, anstatt des warmen Wortes, und mit einer an eigenem Geistesverdienst trotz ihrem stofflichen Gewicht gar leichten Gabe nähern zu können; denn da SieAgesagt, d. h. den ersten Band nicht ausdrücklich zurückgewiesen (also der Regelqui tacit consentitsich unterworfen) haben, somüssenSie auchBsagen, d. h. den zweiten ebenfalls, wohl oder übel, annehmen — übrigens ohne Verbindlichkeit ihn zu lesen oder gar gegen bessern Geschmack und Überzeugung ihn zu loben. — Die zahllosen Fallgruben der Druckfehler, die ich noch mit einem geschriebenen und beigelegten Verzeichniß weiter ins Licht gestellt habe, bitte ichmirauf keinen Fall zur Last zu legen. —
Es hat mich schon lange gedrängt, wieder einmal aus wahrem aufrichtigem Herzen Ihnen zu versichern, wie Sie in meiner Erinnerung ohne Wandel und ohne Nachlaß geliebt und verehrt fortleben, und in letzter Zeit mehr als je, anzufragen und — wenn auch nur in kürzesten Worten — Beruhigung von Ihnen selbst zu erhalten, inwiefern an der Zeitungen Nachricht von Ihrer bedenklichen Erkrankung, „infolge einer übelgebrauchten Traubenkur,“etwasGegründetes (oder,hoffentlich, Nichtgegründetes)gewesensei? und ob Sie fortwährend, oder wieder, sich des Wohlseyns erfreuen, welches die innigen Wünsche Ihrer zahlreichen Freude Ihnen „anewigen“ möchten. Und so hätte ich denn, in meinen Zweifeln und Besorgnissen, auch ohne die nun eben noch zu rechter Zeit gekommene, dieses mitgehende Schreiben gewissermaßen deckende, „nothwendige“ Buch-Sendung noch vor dem Schlusse des alten Jahres durch ein leises briefliches Anklopfen bei Ihnen den Versuch gemacht, ob Sie durch eine freundlich bereite Antwort mich über Sie beruhigt und froh in das neue Jahr hätten eintreten lassen wollen. —
Da ich nichts, auch gar nichts, mitzutheilenhabe, was Sie vonhierinteressiren könnte, so muß ich, um nicht ganz neuigkeitenleer vor Ihnen zu erscheinen, ächt-deutsch mit interessantem Fremdem mir helfen: Die Lind ist hier, singt hier, hat schon zweimal gesungen, und wird noch zweimal singen. Da Sie den Lind-Taumel in Berlin und eines Berliner Theaterpublikums in seinen ungeheuerlichen Ausbrüchen ohne Zweifel erlebt und überlebt haben, so brauche ich Ihnen keine Beschreibung vom hiesigen zu machen, den Sie sich gefälligst, nur natürlich im Verhältniß von 24,000 (s. g. Seelen) zu 400,000, in seiner Gewaltigkeit und Überschwänglichkeit selbst vorstellen wollen. Ich habe sie noch nicht gehört, da ich meinen theuer bewahrten 1 Sperrsitz und den ersten und zweiten Kunstgenuß oder die Befriedigung der Neugierde beim ersten und zweiten Auftreten der Sängerin wie billig meiner Frau überließ, und erst in ihrer dritten Rolle der Vestalin sie, wo möglich in Ekstase, zu bewundern vorhabe: denn ich will die „schwedische Nachtigall“ doch lieber im Granaten-, Lorbeeren-, Pinien- und Eichen-Haine dieser Spontinischen Musik schlagen hören, als in den trübseligen und saftlosen Cypressen einer Bellini’schen Nachtwandlerin oder in den ganz marklosen und unsinnig ausgeschnitzten Kinderspiel-Gehölzen und Kirchhofsbäumchen einer Donizetti’schen Lucia di Lammermoor — ihren bisherigen Gesangsproduktionen, die übrigens in der That, wie mir selbst strenge Kenner und Freunde der Tonkunst versichert haben, der Bewunderung würdig gewesen seien.
Vom „Auslande“ komme ich auf etwas, das mir „am Nächsten ist,“ nämlich auf mich „Selbst.“ Meine Carlsruher Mitbürger haben mich nämlich zum Bürgermeister der Residenz wählen wollen, was ich zwar als einen Beweis ihres Vertrauens, daß ein Bücherwurm und „Übersetzer aus dem Englischen“ auch für praktische Zwecke und strenge Geschäftsthätigkeit noch brauchbar sei, recht erfreuend gefunden, aber natürlich abgelehnt habe, da ich aus dem Staatsdienst ausgetreten bin, weil ich nicht der unbedingt gehorsame Diener des Staats d. h. der Regierung sein wollte, also noch viel weniger Lust haben konnte, meine Unabhängigkeit aufzugeben, um der Diener einer Stadt oder der Sündenbock zu werden, auf den ihre Bürger gar zu leicht den Verdruß, den ihnen häusliche oder gewerbliche Bedrängniß vielleicht verursacht, abzuladen geneigt sein dürften. Darauf wollten sie mich zum Deputirten machen. Da ich aber keine Geduld und kein Spezifikum wider die ungeheure Langeweile und den unendlichen Ärger besitze, welche das Anhörenmüssen zwei-drei-vierstündiger Vorträge und Abhandlungen selbstliebiger und ehrsüchtiger radikaler Kammer-Redner jedem wohlorganisirten Menschen bereiten muß da ich ferner, weder unbedingt mit der Regierung hätte stimmen können oder stumm sein mögen, noch den oft unmöglichen und unsinnigen oder hinterlistigen Forderungen der Ultraliberalen resp. Radikalen mich anzuschließen vermocht hätte, zur Behauptung einer Stellungin der Mitteaber, (wo nachmeinemGefühl und nachmeinerDenkart oder Anschauungsweise die Wahrheit, die Möglichkeit einer Ausgleichung und Verwirklichung der widerstreitenden, von oben herunter und von unten hinauf gehenden, s. g. Rechtsforderungen und die schön menschliche, jedetreugemeinteGesinnung achtende, jedes neue Gute fördernde und jedes vielleicht einst Gutgewesene aber mit der Zeit zumUnguten gewordene schonlich entfernende Billigkeit liegt), — weder inmirdie zurtüchtigenWirkung nach Außen erforderlichen Anlagen und Gaben fand, noch in derKammerzur Unterstützung eine hinlänglich große Anzahl Unbefangener und Ungezwungener hätte erwarten dürfen, so lehnte ich auch diese „Auszeichnung“ ab.
Daß ich nun so viel von der Lindundvon mir geredethabe, haben eigentlich Sie selbst verschuldet: denn thätenSieIhre Schuldigkeit und schriebenmehrBücher oder auch nur wieder eine kleine liebenswürdige und geistvolle Erzählung, zur Erbauung und zur Freude ihrervielenFreunde und Verehrer und zur Beschämung und zum Ärger IhrerwenigenFeinde und Neider, so hätte ich einen unendlich weit anziehenderen und bedeutenderen Stoff der Besprechung Ihnen gegenüber gehabt, als selbst schwedische Nachtigallen oder gar projektirte Oberbürgermeister und Volksvertreter!
Indem ich die Bitte meiner Frau, sie Ihrem gütigen Andenken zu empfehlen, hiemit erfülle, bin ich stets mit denherzlichstenWünschen für Ihr Wohlergehen,
Ihr treu ergebenerK. A. Frhr.v. Killinger.
Ihr treu ergebener
K. A. Frhr.v. Killinger.
Karlsruhe, 30. Juli 1847.
Verehrter Herr und Freund!
Sie sehen, daß ich schon wieder versuche, mich in Ihr Andenken zurückzurufen, und zwar durch eine Darbringung wieder aus einer andern Gegend der Welt, als die letzte war. Nachdem ich Sie voriges Jahr mit zwei ziemlich schwerfälligen Erinnerungszeichen ausAbyssinien(d. h. durch 1 Ex. meiner Bearbeitung der Harris’schen Reise dahin) heimgesucht habe, nahe ich mich Ihnen jetzt aufs Neue mit zwei allerdings leichtern Gedächtnißbüchern ausIrland, die Sie übrigens so wenig zu lesen verpflichtet sind wie die vorige Zusendung: denn schon, daß Sie einem (allerdings fleißigen und gewissenhaften) Dilettanten in der Literatur stillschweigend erlauben Ihnen seine Arbeiten vorzulegen, ist mir eine Gunst wie meiner ergebenen Freundschaft einige Befriedigung, daß sie mit solchen wenn auch geringen und aus der Ferne dargebrachten Gaben im Geiste sich an Ihr Herz legenund von ihm vielleicht einer freundlichen Aufnahme sich getrösten darf.
Da ich Ihre Augen und Geduld für mein Geschriebenes noch viel weniger als für mein Gedrucktes unbescheiden in Anspruch nehmen möchte, so erlaube ich mir, wenn Sie letzteres irgendwelcher Beachtung würdigen wollten, in Bezug auf das, was ichmitundindem Erin beabsichtige, Ihnen die Vorrede des ersten Bändchens als hinreichende Auskunft zu empfehlen und außerdem die fertiggedruckten ersten zwölf Bogen desdrittenBändchens (bis ich dieses vollständig, Text und Erläuterungen, Ihnen zu überreichen im Stande bin) beizulegen, welches den 1sten „Theil“ der eigentlichen „Märchen und Sagen“ enthält. Diesen nebst den weitern Theilen der eigentlichen „Märchen und Sagen“ entweder durch eine Einleitung von Ihnen geschmückt und gewerthet zu erhalten oder doch wenigstens mit einer Widmung meiner anhänglichen Verehrung an Sie zu begleiten, ist mir längere Zeit ein lebhafter und lieber Wunsch gewesen; allein vom Erstern hat mich minder mein Zweifel in Ihre Güte als die Äußerung und das Bedenken Cotta’s, der selbst einenhohenWerth auf einige Einleitungsworte vonIhnenfür diese Sammlung gelegt hätte, „daß Sie ähnliche Anliegen abzulehnen pflegten und so auch das meinige schon aus Rücksichten auf Ihre, jede Arbeit verbietende, Gesundheit würden unerfüllt lassen müssen,“ abgeschreckt und vom Letztern die Besorgniß,Ihnenaufdringlich oder gar demPublikumals unverdient nach Ihrer Gunst haschend oder mit Ihrem Wohlwollen prahlend zu erscheinen. Glücklich würde es mich machen, sähenSiedie Sache anders an!
Selbst auf die Gefahr hin, Sie mit weitern Zeilen zu langweilen oder zu plagen, möchte ich die mir so liebe Unterhaltung mit Ihnen verlängern; allein eine heitere Stimmung — und inderbliebe ich doch gern Ihnen gegenüber —kann ich auf die Dauer nicht aufbringen und mit meiner traurigen Sie selbst zu verstimmen, würde ich mir nicht getrauen noch vergeben. Zu recht tiefer Trauer und schwerem Gemüthsleid habe ich aber den schmerzlichsten Grund; denn zu Anfang Juni’s ist mir, nach einer mehrmonatlichen und peinlichen Lungenkrankheit, meine Frau gestorben. Wir hatten uns in gegenseitiger Jugendliebe versprochen, erst nach siebenjährigen Schwierigkeiten und Ausharren heirathen können und auf’s Allerglücklichste mit und für einander gelebt — —. Ich verlor in ihr mein bestes Lebenstheil und meine treueste Lebensstütze, unsere Kinder die sorglichste und aufopferndste Mutter undSie, wie jeder Schöpfer, Pfleger und Vertreter des Schönen, Guten und Rechten, eine warme und eifrige Verehrerin.
Über Ihren jetzigen Lebensgang und Ihr körperliches Befinden muß ich mich leider stets nur aus den zerstreuten Nachrichten in öffentlichen Blättern, die ich freilich mit der lebhaftesten Begierde und dem innigsten Antheil aufsuche und lese, unterrichten, und sah soeben aus einem Berliner Briefe in der Allgemeinen Zeitung vom 27. d. M., daß Ihre Genesung von Ihrer letzten Krankheit nur langsam vorrücke: möge sie um so nachhaltiger und ungestörter seyn — dies ist mein heißes Hoffen und Wünschen — und aus ihr Ihnen erfrischte Lust zu geistiger Schaffensthätigkeit erblühen.
Mit unwandelbar freundschaftlicher Verehrung
Ihr ergebenerK. A. Frhr.v. Killinger.
Ihr ergebener
K. A. Frhr.v. Killinger.