Ihr treuer FreundLoebell.
Ihr treuer Freund
Loebell.
Geb. den 18. Aug. 1786 zu Dresden, gestorben daselbst am 3. April 1825. Als Dichter nannte er sich Isidorus Orientalis.Guido, ein Roman (1808) — Gedichte (1810) — Arkadion, 2 Bde. (1811–12) — Erzählungen, 2 Bde. (1822.) —Die „Überschwänglichkeit“ die an seinen dichterischen Produktionen getadelt wurde, und ihnen wie ihm selbst höhnische Angriffe zugezogen, tritt freilich auch in den Briefen hervor. Doch aus diesen wie aus jenen spricht ein volles, reines, frommes — krankes Herz.
Geb. den 18. Aug. 1786 zu Dresden, gestorben daselbst am 3. April 1825. Als Dichter nannte er sich Isidorus Orientalis.
Guido, ein Roman (1808) — Gedichte (1810) — Arkadion, 2 Bde. (1811–12) — Erzählungen, 2 Bde. (1822.) —
Die „Überschwänglichkeit“ die an seinen dichterischen Produktionen getadelt wurde, und ihnen wie ihm selbst höhnische Angriffe zugezogen, tritt freilich auch in den Briefen hervor. Doch aus diesen wie aus jenen spricht ein volles, reines, frommes — krankes Herz.
Nieder Rudelsdorfbei Görliz in der Ob.-Lausitz,22. November 1808.
Sekendorff schreibt mir heute aus Wien, daß Sie letzteres kürzlich verlaßen, und von da nach München abgegangen sind. Wie theilnehmend ich allen Ihren Schritten folge, wie oft nach Ihnen mich erkundige, was es für eine Freude ist, wenn ich einmal irgend etwas aus Ihrem Leben höre — das wißen Sie noch nicht, dem bisher zu schreiben und meine Liebe undVerehrung zu äußern, ein Gefühl der Bescheidenheit mich abgehalten hat. Zwar sind die Geister der Edlen und Guten schon an und durch sich selbst vereint; aber wie das Wort, die himmlische Liebe auch Fleisch ward und unter uns wohnte, so sehnt sich auch die treueste Ergebenheit nach Zeichen und Näherung, nach Genuß der Gegenliebe, und es ward jenem Weibe so wohl, als sie die Füße des Meisters salben, als sie ihm sagen durfte: Herr, ich liebe dich. —
Von Sekendorff erfuhr ich, daß Sie einen Almanach herauszugeben gesonnen sind. Nehmen Sie, was inliegt, freundlich für denselben an. Da ich von dem Näheren nicht unterrichtet bin, so trug ich Bedenken, Ihnen etwas aus meinen mehr pindarisch. Poes., &c. zu senden, nicht wissend, ob es in den Character des Ganzen eingreifen würde. Das war es auch, und bescheidener Rückhalt, was mich abhält, Ihnen mehr aus meiner Poesie zu überreichen. Im Fall Sie von ihnen keinen Gebrauch machen, — oder in jedem Fall bitte ich um baldige Antwort, und wollen Sie mir Freude machen, so schreiben Sie mir auch, wo Sie künft. Sommer seyn werden. Zwar klagen Ihre Freunde über Ihre Saumseligkeit im Antworten, um desto inniger will ich bitten.
Durch wen Sie diesen Brief erhalten, weiß ich noch nicht. Ich schicke ihn an den Sächs. Gesandt. in München, da er aber doch vielleicht Ihre Addreße nicht recht erfahren kann oder auch Sie abgereißt seyn können, so habe ich zugleich einige Zeilen an Ast beigelegt, dem ich fest vertraue, daß er Ihnen den Brief zukommen laßen wird. — Auch nehmen Sie eins meiner früheren Werke darum von mir an, weil ich darin zu Ihnen sprach. Die Form ist noch total vernachläßigt. Ihre Urtheile, wie Ihr Rath werden mich sehr freuen.
Wenn Sie für den Alm., falls er wirklich erscheint, andere Beitr. von mir &c. wünschen, so werde ich gern alles thun, wie Sie es gern sehen. Ich hatte nicht Zeit, einem meinerFreunde, den Sie als Florens aus dem Ast’schen Journal kennen, zu schreiben; vielleicht eignet sich manche Nelke von ihm für Ihren Garten.
Gott sei mit Ihnen und die heilige Muse! Oft drängt es mich, niederzuknien im Schein, den Albrecht Dürers und Novalis Glorie wirft, im alten frommen Dom, dann denk’ ich Ihrer und ich lieg’ an Ihrer Seele, ich fühle Sie in mir, wie man eine Gottheit fühlt in geweihter Stunde. „Liebe denkt in sel’gen Tönen, denn Gedanken stehn zu fern.“ —
Ihr FreundO. Heinrich Graf v. Loeben.
Ihr Freund
O. Heinrich Graf v. Loeben.
Stift Joachimstein, 15. Mai 1820.
Mein theurer geliebter Freund! ich habe mich selbst um die größte Freude gebracht, indem ich erst jetzt die Feder ansetze, Ihnen meinen herzlichsten Gruß zu bringen. Durch unseren Freund Malsburg werden Sie unterdeßen von meinem Ergehen immer Nachricht gehabt haben, an dem, ich weiß und schätze es, Sie wohlwollend und freundlich Theil nehmen. In diesen Nachrichten aber lagen zugleich die Entschuldigungen wegen meines bisherigen seltenen Schreibens, denn es ist mir meistens nicht gegangen, wie der wärmere Frühlingshauch mich hoffen ließ, und auch jezt bin ich, bei übrigens ganz gutem Befinden, an meinen gewöhnlichen Schmerzen so leidend, daß ich die Absicht, unseren Freund in seine Väterburg zu begleiten, und somit die Hoffnung, Ihrer bei der Durchreise mindestens einige Tage lang wieder froh zu werden, aufgeben mußte. Daß ich es recht oft und schmerzlich vermiße, des mir durch freundliche Sterne gewordenen Freundschaftsumgangs mit Ihnen auf so lange wieder zu entbehren, das fühlen Sie gewiß aus meiner Seele und ganzem Wesen heraus, denn ich bin es überzeugt und halte es freudig fest,daß Sie wißen, wie viel Sie mir sind und wie gern ich Ihnen so unendlich viel verdanke. Ein frühes Ahnen und Verlangen meiner Seele flog Ihnen zu, es hielt sich an Ihre Werke, mußten sie aber nicht den Durst nähren, und zugleich durch ihre Höhe der Sehnsucht des Jünglings eine unzugängliche Ferne zeigen? Nun aber traten Sie selbst in milder Freundlichkeit auf mich zu, und wie ich früher aus Ihren mir liebsten Werken in jener Huld, Sanftmuth und Melodie Sie festhielt, die mir die innersten geheimnißvollen Engel Ihres Dichterwesens scheinen: so lernte ich Sie nun, mehr und mehr in Ihrer schönen Klarheit und Hellsichtigkeit erkennen, und davon strömten Strale auf mich aus, die mir manche Dunkelheiten, manche Unentschiedenheiten und Kämpfe in mir erhellten, und mir gleichsam lichte Panzer anlegten, um zu siegen und Ihrer werth mich zu zeigen in jenem streitenden Gewühl. Gerade recht an einer Gränze meines ganzen Strebens empfingen Sie mich, reichten mir, wie der Ritter einem treuen Knappen, die Hand, und eröffneten mir ein größeres und bestimmteres Feld. Da kehrte mir jenes Bewußtseyn so schön zurück, das Sie mich von jeher — nach dem ersten Anfange des Guido lernte ich das Erste von Ihnen kennen — als meinen eigentlichen Meister betrachten ließ, und mit Dank und Freuden will ich Sie gern immer so nennen, vor Ihnen immer gern ein Lehrling bleiben.
Laßen Sie mich aber nun auch recht bald wißen, wie Ihr eigenes Befinden ist, mein theuerer Freund, an dem ich wahrlich den zärtlichsten Antheil nehme. Sie sind nun gewiß in der neuen Wohnung, möge dieselbe Ihrer Gesundheit und auch unserem Sehnen nach dem Phantasus, dem Werk über den göttlichen Shakespeare, der schönen Tischlergeschichte u. s. w. recht förderlich seyn! Wäre ich nur da, mit Ihnen auf der Gallerie und in der freundlichen Gegend den Geist und die Schönheit beider doppelt zu empfinden! Luft, Blüthe undVogelsang hier um mich her aus der ersten Hand möchte ich Ihnen dagegen manchmal schicken und vor Ihr Quartier rücken laßen, denn sie sind gar zu lieblich. Auf diesen Wellen rudre ich nun jezt meinen Karl den Großen mit seiner Hildegard hin, sie tragen mir auch einen Gruß auf und werden die Fahrt zu Ihnen als eins Ihrer liebsten Ziele betrachten. Jetzt ist noch viel Weg zurückzulegen, aber Freude scheint mir rechts und links zu stehn. Der liebliche Tristan, der hohe Shakespeare (in den Übersetzungen, denn ich kann kein englischnoch) werden nie zur Hand genommen, ohne stillen Frühlingsgruß an Sie. Der Gräfin, allen den lieben Ihren, meine herzlichsten Empfehlungen, der freundlichen Pflegerin meines goldenen Vögleins den schönsten Dank. Unser Gott mit Ihnen Allen!
Ewig IhrLoeben.
Ewig IhrLoeben.
Meine Frau ist vielleicht, während ich dies schreibe, in Ihrer Nähe. Die anderen Werke Solgers muß ich schon als Commentare des gelesenen herrlichen mir zu lesen wünschen. Davon ein andermal.
Nieder-Rudelsdorf, 7. Sept. 1820.
Der inliegende Brief, mein geliebter Freund, war mir schon längst für Sie zugesendet. Meine Frau, Ihrer Güte für mich und sie vertrauend, wendet sich darin mit einer Bitte zu Ihnen, der ich jedoch, einmal zum auf die angenehmste Weise dabei compromittierten Mitwißer gemacht, nicht unbedingt das Siegel meiner Beistimmung aufdrücken konnte. Gern und die schöne Absicht ehrend, war ich auf ihren Vorschlag eingegangen, einen Catalog durchzusehn, der alte gute Nürnberger Waare anbot, und ich habe mir aus demselben mehreres, z. B. einige Dürerische Holzschnitte und Stiche die mir fehlen, etliche Blätter von Kranach, verschiedene Bücherund insonderheit die — selten beisammen zu findende — Folioausgabe von Hans Sachs Werken, vollständig, — ausgezeichnet, und so auch etwas Prädestination versucht, doch denke ich, das immer noch dem Gange des Ganzen dabei Überlaßene, und die Bestimmung zum christlichsten und kindlichsten Fest, schüzt mich vor aller Beschuldigung des Islamismus. Nun kann aber leichtlich, wenn das Meiste davon mir zu Gute kommt, der Auctionswerth 40–50 Thaler betragen, und aus diesem Grunde erinnerte ich meine Frau, als ich den Bittbrief an Sie empfing, nochmals an ihre Zusage, mir inskünftige unbeträchtlichere Gaben zu spenden, und an die Haltung unsers gegenseitig neuerrichteten Vertrags. Sie hat dagegen excipiert, daß es das Leztemal seyn solle, und ich Ihnen, mein verehrter theurer meisterlicher Freund, ihre Zeilen und mein ihr einst gegebenes Verzeichniß — ein anderes hat sie verloren — nur überreichen und das Weitere Ihrer Weisheit überlaßen möchte. So stelle ich diese nun täglich zwischen uns beide, die in diesem Falle wie immer mit der ächten Liebesgüte eins ist — sind Sie nicht selbst der Salomo auf dem Throne der Poesie? Entschuldigen Sie also meine vielen, aber nothwendigen Worte über diese Angelegenheit, nur das laßen Sie mich noch hinzusetzen, daß ich mich darauf verlaße, Sie werden freundlich auf mein obiges Bedenken zurückblicken, auch denke ich, daß vielleichteinsoder keins der angegebenen Werke in der gegenwärtigen Dresdener Auction vorkommen wird, was mir gewißermaßen zur Beruhigung gereicht, ob ich gleich auf Büchermeiner Natur nach ein rechtes reißendes Thier bin.
Die Rückkehr meiner Frau von Wien ist noch nicht bestimmt, sie hat eben jetzt die Fahrt nach Ungarn zu ihrem Bruder gethan, und scheint sich, wie es ja nicht anders seyn kann, wenn man ein Gast des wirthlichen Praters und der Donaunixe ist, sehr wohl zu gefallen. Mit mir geht es GottLob! recht erwünscht und gut, und ich hoffe sonach diesen Herbst und Winter als rüstiger Ritter zu bestehn und damit meines gütigen antheilsvollen Freundes Beifall zu erwerben. Unser lieber Malsburg wird, denke ich, in diesen Tagen bei Ihnen seyn; ich habe ihm einen Gruß nach Eisenach entgegengesandt; fragen Sie ihn doch, ob er denselben bei unserer gemeinschaftlichen Freundin, Julie von Bechtolsheim, erhalten? Graf Kalkreuth wird wohl längst seine Reise nach Wien angetreten haben; möge auch er uns recht wohl heimkehren! Wilh. Müller (i. e.der Dessauer Elb-Müller) schreibt mir im lezten Briefe: „Wie sehr mich diesmal Dresden gefeßelt hat, werden Sie Sich leicht einbilden können, wenn Sie wißen, daß ichTieckfast täglich gesehen und genoßen habe, da er überaus mittheilend und theilnehmend sich gegen mich erwies“ —! und dies freut mich! Wird uns wohl auch Schütz gewiß zum Winter wiederkehren? ich freue mich darauf, so wie, seine Evadne und Guiscardo und Gismunda gedruckt zu sehn. Gedruckt angesehn — in der Ascania — scheint mir sein Karl der Kühnenochungenießbarer, als an jenem Abende bei Ihnen. Gern, wie gern möchte ich mich recht bald in dem mir so lieben, geistesheimathlichen Kreise befinden! Mehrere Umstände vereinen sich aber, mir vermuthlich eine etwas längere Dauer meines hiesigen Aufenthalts aufzulegen, und da er mit der Nähe einer innig geliebten und verehrungswerthen Mutter verknüpft ist, so ist des Herzens Meinen und Verlangen getheilt. Die Liebe ist von oben, denn sie möchtezugleichumfaßen, — darum ist die selige Schmerzlichkeit ihr Kind. Der theuern Gräfin, allen den lieben Ihrigen meine besten, meine herzlichsten Grüße. Ihnen die treusten Wünsche für Ihre Gesundheit! Behalten Sie lieb
IhrenO. H. G. Loeben.
IhrenO. H. G. Loeben.
Von Helmina habe ich kürzlich recht liebe und werthe Gedichte erhalten.
14. Nov. 1820.
Höchst ungern, mein geliebter Freund, bequemte ich mich gestern nach den Launen meines kleinen Schnupfenfiebers, und entbehrte doppelt, da Sie und Shakespeare mir fehlten. Aber der Kopf war mir so eingenommen, daß ich schon um seiner Unfähigkeit willen mich des Erscheinens für unwerth hielt und mich nun auf den Donnerstag freue. Schon am Sonntag blieb ich zu Hause, und hätte lieber bei Ihnen den Abend zugebracht. Wenn es mir am heutigen nicht wie gestern geht, komme ich vielleicht ein wenig. Vergeben Sie, daß ich die Minnelieder nicht gleich schickte, aber sie lagen noch in einer Bücherkiste, die meine Reisegefährtin war. Mit dem innigsten Gruß
IhrLoeben.
Ihr
Loeben.
N.S. DieBrambillabekenne ich sogleich, ohne Aufschnitt, zurückgeschickt zu haben. Dagegen erfreuen mich jetztGrieselsMährchen, seine Undine vor allem, aber wie kommt nur der alberne „Jünglingsgeist“ in das höchst glückliche, selbst undinenartige Büchelchen hinein?
StiftJoachimsteinbei Ostriz, 14. Mai 1821.
Der Anblick Ihrer lieben Handschrift, mein theuerer Freund, war meinen Augen und meinem Herzen eine Weide, die alle zwei mit freudiger Rührung in sich aufnahmen. Ja, wahrhaft gerührt hat mich dies zarte Zeichen Ihrer Liebe,doch was sage ich es Ihnen erst, Sie fühlten meinen Dank, meine Freude, meine Erwiederung, als Ihre Feder mir Ihre freundlichen Gedanken zulenkte. Auch ich, mein geliebter Freund, habe Ihnen im Geist schon Brief über Brief, und zwar lauter Frühlingsbriefe geschrieben, und mit all’ den köstlichen Blüthen, dem frischen Laube, das ich hier athmete, in Gedanken unzähligemale Ihr theures Haupt bekränzt. Wundervoll entfaltete sich hier der Frühling vor meinen Augen in den ersten Tagen meiner Ankunft und bei dem holden Flüstern und Wehen, wobei er seine Lauben webt, konnte man fast sagen, daß man alles wachsen hörte. Diese ersten Tage waren indeß minder genußreich für mich, da ich mich nicht recht wohl fühlte, als die folgenden, wahrhaft entzückenden, in denen ich die Flügel der Gesundheit wieder auseinanderfaltete und neuen Lebensmuth schöpfte. Innigen Dank für Ihr treues Theilnehmen an meinem Befinden. Es geht, etwas Müdigkeit abgerechnet, die mich oft überfällt und demüthigt, wieder völlig gut mit mir. Nun soll die Hildegard wieder vorgenommen werden, die lange Pause hat mich etwas zu bedächtlich gemacht, und ich freue mich, bald mehr ins Feuer zu kommen. Meine erste Arbeit hier war eine Erzählung, „Versöhnende Liebe“, die ich auf die Grundlage der aus dem lezten Roman weggelaßenen norwegischen Geschichte gebaut habe; ich habe sie mit großer Liebe und Lust geschrieben, und hätte sie Ihnen gar zu gern vor der Absendung nach dem Ziele, wo ich längst erwartet wurde, vorgelegt. Ja wohl ist es übereilt, daß ich Klotar und Sigismunda nicht noch etwas länger destillieren ließ; obwohl das Beßermachen und Concentrieren nicht immer gedeihlich ist. Ich werde darin wohl noch lange ein junger Schwabe bleiben, und wenn ich es nicht mehr seyn werde, dann wird die unbewußte Zuversicht des Fortschritts, die meinen Fehler eigentlich beseelt, mich verlaßen haben. Aber Ihr Fehler,mein theuerer meisterlicher Freund, ist freilich viel, viel größer; denn Sie halten mehr zurück, als wir alle zu geben vermögen! Indessen waren ja in der lezten Zeit unseres für mich so schönen Beisammenseyns so manche Aspecten da, die uns die Gunst Ihres prächtigen Sternhimmels verhießen: ach so schön es seyn mag, daß Sie alles in Sich selbst fertig dichten, möchte Ihnen dennoch die Feder und das Papier unentbehrlich erscheinen und seyn! Sie sagen mir nicht, ob der schlimme Edmund sich wieder aus seinen Irrgewinden hervortretend hat blicken laßen, und wie es den Salvator Rosas des jovialen Fabrikanten weiter ergangen? Recht oft muß ich an diese Gegenstände denken und mich der Stunden erinnern, die Sie uns schenkten. Graf Kalkreuth schreibt mir von einer schönen Fahrt auf der Elbe, von Blitzen umleuchtet, und von der allen erfreulichen Stimmung, in welche der Abend Sie zu versenken geschienen habe. Daß ich doch hätte mitfahren und Ihre Gespräche theilen können! Meine Pläne sind aus mehreren Gründen noch unentwickelt, auch hat Malsburg so lange nichts von sich hören laßen, und ich hege immer noch die Ahnung, daß seine Bestimmung sich doch wohl unter dem neuen Regiment ändern wird. Vielleicht ist es dann am Besten für ihn und für alles Tiefere in ihm, wenn jene ihn an seine Heimath bindet. Doch Gott allein weiß ja, was einem jeden von uns am meisten frommt. Die Befürchtung, daß eine weitere diplomatische Bestimmung unseren Freund immer mehr in die Welt verwickeln möchte, könnte ja z. B. leichtlich in Petersburg durch Entbehrung und Sehnsucht beseitigt werden. Schütz ist reisefertig und dabei so geduldig mit Abwarten meiner Entschlüße, daß ich seiner Gefälligkeit Gerechtigkeit wiederfahren laßen muß. Den 1. bei ihm uns vorgelesenen Act seines Falieri hatte er mir, wie ich Ihnen mittheilte, zum Wiederlesen zugestellt, allein der Mangel der Zeit mußte mich bei ihm entschuldigen. Es istunbegreiflich, daß er die Hölzernheit und völlige Todtheit des Dialogs darin nicht selbst einsieht, und leider bestätigt dies Ihr in dem Brief an mich ausgesprochenes strenges Urtheil. Weiter als bis Escheberg werde ich wohl nicht reisen, wenn noch aus dieser Fahrt etwas wird; die Pläne nach dem deutschen Süden hin sollen, denke ich, im nächsten Frühling zur Ausführung kommen. Bald schreibe ich wieder. Mag die herrliche Luft Ihnen recht wohlthuend seyn und bleiben! Der lieben Gräfin und allen den werthen Ihrigen die Versicherung meines herzlichen Andenkens! Meine Mutter habe ich in der Erholung gefunden, Gottlob! denn sie war aufs neue sehr übel gewesen. Ich habe sie durch Ihre Begrüßung erfreut. Nehmen Sie, geliebter Freund, für heute mit diesen Zeilen vorlieb, die Ihnen lange nicht so viel sagen, als ich zu sagen wünschte, und als mein Herz Ihnen täglich sagt.
IhrO. H. G. Loeben.
Ihr
O. H. G. Loeben.
Laußkebei Bautzen, 4. Juli 1821.
Schon längst, mein geliebter Freund, hätte ich Ihnen sagen sollen, wie sehr Ihre reiche Sendung mich erfreut, und mit wie innigem Danke die Freude mich erfüllt hat. Wir haben hier, wie am Strande des Meers, abwechselnd Ebbe und Flut gehabt, ich meine bald tiefe Einsamkeit, bald rauschende Geselligkeit. Daß ich während dieser nicht schrieb, bedarf bei Ihnen, der Sie mich freundlich erkannten, wohl kaum einer Entschuldigung; wohl aber würde sie mein Schweigen währendjenerbedürfen, wenn die Dauer derselben länger, und die zwei theuern Gaben von Ihnen mir zur Hand gewesen wären, die ich noch nicht gebunden vor mir habe, und über die ich Ihnen doch gern ein Wort, alsden eigentlichen Dank, sagen wollte. Indeß gehn wir morgen auf 8 Tage zu der Fürstin Hohenzollern nach Hohlstein, und ich muß Ihnen durchaus zuvor dies Wörtchen des Danks zufliegen laßen. Daß Sie die herrlichen Gedichte und die Schriften unseres Kleist sogar mit einigen Zeilen begleiteten, setzte Ihrer Freundlichkeit in meinen Augen die Krone auf. Ich habe durch die eben nach Löbichau reisende Herzogin von Sagan in voriger Woche selbst an Tiedge geschrieben, um Ihre Aufträge auszurichten und ihm die Übergabe des Exemplars von Kleist an Frau v. der Recke anzuempfehlen. Was ich, vorkostend, von der Fortsetzung der Vorrede zu Kleists Schriften gelesen, hat mich sehr durchdrungen, ich rechne darunter auch die Mittheilung aus Solgers Briefe. Erst kürzlich hatte ich den Kohlhaas gelesen und mehrere Bemerkungen gemacht, die ich in Ihrer Beurtheilung der Kleistischen Erzählungen bestätigt fand. So wenig das Publicum sich in die Sammlung bereits zerstreut erschienener Novellen nach dem wahren Gesichtspunkt findet, weil es ja immer und immer den Zweck augenblicklicher Ergötzung festhält und mit dieser den Begriff ephemerer Dauer verbindet; so wenig, ahndet mir, wird es Ihre Gedichtesammlung wahrhaft verstehn und es würde sie vielleicht zu tadeln wagen, wenn Sie ihm überhaupt nicht zu unerreichbar am Dichterhimmel ständen. O es hat Sie, es hat Göthe ja nie verstanden, es müßte sonst anders beschaffen seyn, indeß es wäre Thorheit sich darüber zu wundern und Thorheit zu denken, daß Sie es anders erwarten. Wer hinanblickt, für den sind Sie da; und es blicken ja noch manche aufwärts, — nur bei stiller Sternennacht, einsam und doch nicht!
Unzähligemal denke ich daran, wie Sie Sich bei dem ungünstigsten aller Sommer befinden mögen, und theils sorge ich mich darum, theils ist es mir leid, daß meine liebe Vaterstadt Ihnen einen solchen unbehaglichen Zustand nichterspart. Mit mir, mein theurer Freund, werden Sie recht zufrieden seyn müßen: denn ich schrieb die ganze Zeit gar nicht, aber wäre es nicht beßer gewesen, da man den Sommer nicht loben konnte? Doch diesmal sollen Selbst Sie entschuldigt seyn, nicht vor uns, sondern vor Apoll und der Muse, wenn Sie nicht schreiben; denn so lange wir Dichter noch Menschen sind, behaupte ich, auch der größte mußte das Joch dieses Unwetters fühlen. Von unserem bösen holden Freunde erhielt ich — gerade an seinem Geburtstag — den ersten Brief seit 2 Monaten! Das Blatt schien mir durch den Siegel (Spiegel?) der Freundschaft selbst, zu meiner Besänftigung, bestellt zu seyn, und ich brauchte nicht Milch statt Blut in den Adern zu haben, um ihm gleich auf der Stelle mit frohem Herzen zu verzeihn. Im August kehrt er wieder und so ist es nun wohl zu knapp, um die Flügel meiner Sehnsucht zuvor zu lösen. Meine Novelle ist noch nicht da! Sie glauben aber gar nicht, was ich für Angst habe; sie wird Ihnen gedruckt weniger gefallen, und da tröste ich mich wieder wie ein Thörichter mit der Hoffnung, sie schon in einer zweiten verbesserten Auflage vor mir und Ihnen zu sehn. Das Blatt ist voll und ich habe noch so viel Grüße auszutheilen, aufzutragen, — alles in dieser herzlichen Umarmung!
Loeben.
Loeben.
Escheberg, 23. Juli 1822.
Mein geliebter Freund! Ich glaube, die schöne innere Zuversicht Ihrer vielfachen Gegenwärtigkeit unter uns macht mich so faul und nachläßig gegen Sie, und so bilde ich mir denn steif und fest ein, daß meinem Schweigen die nämliche Liebe und Hinneigung zu Ihnen zum Grunde liegt, die michmanchmal, obwohl immer mit einiger, vielleicht lächerlicher, aber doch auch hübscher, und inniglicher Schüchternheit gepaart, zum Schreiben trieb und nun auch jezt längst dazu angespornt haben sollte. Unser Freund hat Ihnen seine Blätter zufliegen laßen, dies war ein zureichender Grund, bei meinem Briefphlegma zu verharren; Sie wißen nun, wie es ihm im Sande der Mark, wie es mir in seinen schönen Wäldern erging und ich habe nur hinzuzusetzen, daß mich das Leben hier immer herrlicher umfängt, je älter ich darin werde. Der Wechsel von stiller und lauter Lust thut mir hier so wohl, so ganz in der Mitte prächtiger Wälder, hoher mannichfacher Abhänge zu wohnen, ohne sich im freien Athemzug gehindert zu fühlen, thut gar zu wohl. Escheberg würde Sie sehr anziehen, nur, mein theuerer Freund, müßten wir in der großen Wetterküche durchaus die Regensuppe oder vielmehr Kalte Schaale verbitten, denn hat es gegoßen, dann ist das schöne Escheberg nichts für Sie. Aber wie lange haben wir uns doch der Trockenheit erfreut! dies setze ich ausdrücklich hinzu, denn wenn unser Freund meine Zeilen überläse, ich würde selbst in eine Wetterküche kommen, daß ich ein Wetterfähnchen nach Ihnen hin auf das Escheberger Haus gepflanzt habe. Nein, mein herrlicher Freund, jede Freude, jede Mittheilung von ächter Schönheit, deren wir hier genießen, ist zugleich eine Fahne, die wir grüßend nach Ihnen zuschwenken, womit wir Sie einladen, „in allen guten Stunden“ — und derer giebt es hier so viele, so unendlich viele! unter uns zu seyn. Denken Sie Sich, daß wir gestern Abend ein Stückchen Sommernachtstraum, die rührenden Liebesirrsale des Pyramus und der Thisbe, aufgeführt haben. Unser Freund war der Herzog Theseus, Fräulein von Calenberg — die schon manchmal unsern lieben Meister Ludwig mit uns leben ließ — die Hyppolita, ich machte den Prolog (von einem ellenlangen Zeddel ablesend)und kroch, brüllte, und fraß den Mantel als Löwe, wofür mir das gebührende Lob wurde, gut gebrüllt zu haben. Wir waren alle recht lustig und das Misglückende selbst war ein neckendes Geistchen des Spiels. — In Cassel hat mich die Bekanntschaft von Wilhelm Grimm besonders erfreut, Sie glauben leicht, daß auch da vielfach von Ihnen die Rede war, obwohl Cassel der eigentliche Dichterthron Arnims ist. — Ruhl, den ich übrigens sehr liebgewonnen habe, und der gewiß sehr hoffnungsvoll ist, (man darf nur sein Skizzentagebuch aus Italien durchblättern) liest täglich in der Dolores, wie in Capiteln der poetischen Bibel. Ich habe es nicht gewagt, ihm zu sagen, daß ich von der ganzen Dolores nur erst ein Paar Seiten kenne; mir jedoch auch ernstlich vorgenommen, sie denn doch hier auf ihremklassischenBoden zu lesen. Neulich machte ich mich über die vier Rheinfahrts-Erzählungen Arnims, (die Isabella von Ägypten &c.) und obwohl ich mich alles dessen erinnern mußte, was Sie so oft geäußert haben, so fand ich mich doch wieder geneigt, mich von manchem anziehen zu laßen, und eine reiche innere Poesie nicht verkennen zu mögen, die um so mehr durch den Misbrauch derselben im Wahn, die Fülle an sich sei das Gesuchte, das Alleinige in der Production, beleidigt. Wie schön ist der ganze Anfang des glücklichen Färbers, und wie hat er ihn durch die Einmischung des ganz Fremdartigen, das er auf das Typische der Geschichte pfropft, verwüstet!
Doch was soll dies Geschwätz vor Ihnen, mein meisterlicher Freund! wir können es alle gar nicht erwarten, IhreReisendenim Wendtischen Phöbuswagen 1823 ankommen zu sehn. Wendt hat von mir eine Reihe „Junggesellenlieder“ erhalten, die, wenn sie noch Platz fanden, Ihnen wie ich glaube gefallen werden. Zweie darunter (es sind ihrer neun) kennen Sie aus unseren schönen, ach ich weiß nicht warum im Beginnen besonders schönen, Abenden. IstSchütz noch unter Ihnen anwesend, so erinnern Sie ihn doch ja, nebst meinem Gruß, mir wegen des in seinen Händen gebliebenen Gedichts von mir recht bald Auskunft zu geben. Der liebenFeindin, der theuern Dorothee, ihrer Mutter und Schwester, meine freundlichsten, meine herzlichsten Grüße. Sie können uns nicht vergeßen, wir fühlen es aus uns selbst heraus. Unser Gott mit Ihnen, mein lieber Freund! es ist gar nicht zusammenzufaßen, wieviel ich Ihnen danke, und wie schön es ist, daß ich Sie gefunden habe.
IhrLoeben.
Ihr
Loeben.