Geb. zu Elbing den 13. Oktober 1765; gestorben in Warschau am 22. Febr. 1804, als Direktionsrath der preuß. Lotterie-Verwaltung.Lyriker, vorzüglich in launigen Dichtungen und geselligen Liedern.Sämmtliche auserlesene Werke, 3 Bde. (1798) — Analekten, 2 Bde. (1804).Sein Schwiegersohn warWilhelm Neumann, der innige Freund Hitzig’s, Chamisso’s,Varnhagen’s, mit welchem letzteren er in jüngeren Jahren den parodischen Roman: Karls Versuche und Hindernisse schrieb.
Geb. zu Elbing den 13. Oktober 1765; gestorben in Warschau am 22. Febr. 1804, als Direktionsrath der preuß. Lotterie-Verwaltung.
Lyriker, vorzüglich in launigen Dichtungen und geselligen Liedern.
Sämmtliche auserlesene Werke, 3 Bde. (1798) — Analekten, 2 Bde. (1804).
Sein Schwiegersohn warWilhelm Neumann, der innige Freund Hitzig’s, Chamisso’s,Varnhagen’s, mit welchem letzteren er in jüngeren Jahren den parodischen Roman: Karls Versuche und Hindernisse schrieb.
Warschau, d. 10. Febr. 1801.
Eben hatte ich einen Brief an Fichte geschlossen, worin ich mich mit ihm über Sie und für Sie (ich hab’ ihn ersucht, Ihnen den Brief mitzutheilen) unterhalte, als mir Ihr liebes und werthes Schreiben (vom 1. Febr.) gebracht wird. Sie sind meinen Wünschen und meiner stillen Absicht bey Schreibung jenes Briefes auf die erfreulichste Art zuvorgekommen. Wir lieben und verehren Sie lange in Ihren Werken, und freuen uns über das herrliche Aufleben der Poesie sowohl in ihrer unbefangenen Kindlichkeit als im heroischen Ankämpfen gegen die Befangenheit. Auch in mir ist ein alter Funke, den die Kritik einer anmaßlich-geschlossnen Grammatik mit Asche bestreut hatte, wieder geweckt worden. Er wird nun zwarbald verglimmen, aber er verglimmt dann doch im Freyen, und erstickt nicht. — Ihre Gedanken über den Reim gehn aus Ihrem Reim hervor. Ehe man über das Leben im Lebendigen sprechen kann, muß ein Lebendiges daseyn und man muß es inne werden. Meine verstorbne Gattin hat in Gesprächen, die ich erst jetzt besser verstehe, Manches geahnet, auch wohl traummäßig gebildet, was jetzt im Wachen erkannt undunaussprechlich-ausgesprochen wird, d. h. poetisch. Unsre Reimspiele gehn nicht tief. Das zweite Stück von den eingesandten ist nehmlich von meiner verst. Frau, und war schon vor 5 Jahren geschrieben. Das größere und letzte ist von mir; und schwerlich würd’ ich das erste zum Druck angeboten, noch das zweite im vorigen Frühjahr selbst versucht haben, wenn ich nicht vorher Ihren Zerbino gelesen hätte, dieses harmonische Chaos, worüber ich noch manches zu schreiben gedenke und bereits geschrieben habe. Dieser Zerbino hat in Bezug, nicht auf meinInnewerdender Poesie, sondern auf meinverständliches DenkenundSprechendarüber, ein wahres Pfingst-Wunder an mir verübt, anmir, sag ich, d. i. eben an keinem Apostel, sondern vielleicht an einem von denen, die im 2. Kapitel der Apost. Gesch. vom 9. bis 11. Versinclus.genannt werden, vielleicht einemKretenser. (Den ganzen Epistolischen Kirchen-Text dieses Kapitels vom 1. bis 13. Versinc.sollte man ausführen als Geschichte des jetzigen Erwachens der Poesie; auch der Schlußvers ist deutungsreich, wenn vorher nehmlich die Volksnamen in Schulen-Namen verwandelt wären, und darunter auchNikolaitenvorkämen.) — Nochmahls (denn ich bin vom Wege abgekommen) unsre Reimspiele gehen nicht tief, woher auch größtentheils Reim auf Reim folgt, ohne künstliche Verschlingung und große Partieen im Korrespondiren und Zusammenstimmen der Verse. Die italiänische Stanze ist mir das Bild eines schönes Hausstandes. Ein Paar Wörtlein darüber stehn im Briefe anFichte. Nur mit den Schlußterzetts der Sonette kann ich mich nicht immer vertragen. In den beiden Anfangs-Quartetts ist ein so erfreuliches Grüßen und Küssen der Reime, ein so inniges Umarmen der Verse, daraus kömmt mir der Abschied so kalt, frostig und höflich vor. Ich will einmahl Sonettförmig ausdrücken, was ich meyne.
Ein Sonettüber das Sonett.
Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen,Ob ich Dich schon mit meinem Arm umschlinge,Mit meinem Herzen an das Deine dringe:Bey jedem Blick bist Du mir erst gekommen!Ich habe Dich noch nicht in Arm genommen;Verlange nicht, daß ich mich bald bezwinge,Und frage nicht nach einem fremden Dinge!Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen!„Erlauben Sie, ich bin im Reise-Kleide,Das Sopha leidet und die blanke Diele,Der Weg hieher hat einen feuchten Sand!“„Verzeihen Sie, auch mir fehlt Festgeschmeide.Nachläß’ger Anzug läßigt Fein-Gefühle;Doch vor der Hand — zum Kuß hier meine Hand!“ —
Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen,Ob ich Dich schon mit meinem Arm umschlinge,Mit meinem Herzen an das Deine dringe:Bey jedem Blick bist Du mir erst gekommen!Ich habe Dich noch nicht in Arm genommen;Verlange nicht, daß ich mich bald bezwinge,Und frage nicht nach einem fremden Dinge!Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen!„Erlauben Sie, ich bin im Reise-Kleide,Das Sopha leidet und die blanke Diele,Der Weg hieher hat einen feuchten Sand!“„Verzeihen Sie, auch mir fehlt Festgeschmeide.Nachläß’ger Anzug läßigt Fein-Gefühle;Doch vor der Hand — zum Kuß hier meine Hand!“ —
Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen,Ob ich Dich schon mit meinem Arm umschlinge,Mit meinem Herzen an das Deine dringe:Bey jedem Blick bist Du mir erst gekommen!
Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen,
Ob ich Dich schon mit meinem Arm umschlinge,
Mit meinem Herzen an das Deine dringe:
Bey jedem Blick bist Du mir erst gekommen!
Ich habe Dich noch nicht in Arm genommen;Verlange nicht, daß ich mich bald bezwinge,Und frage nicht nach einem fremden Dinge!Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen!
Ich habe Dich noch nicht in Arm genommen;
Verlange nicht, daß ich mich bald bezwinge,
Und frage nicht nach einem fremden Dinge!
Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen!
„Erlauben Sie, ich bin im Reise-Kleide,Das Sopha leidet und die blanke Diele,Der Weg hieher hat einen feuchten Sand!“
„Erlauben Sie, ich bin im Reise-Kleide,
Das Sopha leidet und die blanke Diele,
Der Weg hieher hat einen feuchten Sand!“
„Verzeihen Sie, auch mir fehlt Festgeschmeide.Nachläß’ger Anzug läßigt Fein-Gefühle;Doch vor der Hand — zum Kuß hier meine Hand!“ —
„Verzeihen Sie, auch mir fehlt Festgeschmeide.
Nachläß’ger Anzug läßigt Fein-Gefühle;
Doch vor der Hand — zum Kuß hier meine Hand!“ —
Ich weiß es, wehe mir, wenn Sie nach Lesung dieses wunderlichen Stücks, im fortgestzten Prinzen Zerbino meiner gedenken. Aber ich rede hier nicht mit dem Verfasser des Zerbino, sondern mit dem freundlichen Mann, der mich über meine Meynung im Vertraun gefragt hat. Wenn die Schlußreimesostehn, wie oben; sosiehtmir ein Sonettaus,wie ein schön gewirktes Band, das aber am Ende locker geworden, und die Fäden auseinander gegeben hat; — oder soklingtmir ein Sonett wie ein schönes Glockengeläute mit dem Apendix einzelner Nachschläge, wenn der Klöpel nicht gleich angehalten wird. Freylich, soll eben eine Empfindung ausgedrückt werden, deren Gedankentext auf eine ähnliche Art verdämmert, oder soll auch das laute Gefühl allmählig in ein Verstummen des stillen und innigern Beschauns übergehn; so hab’ ich nichts gegen das Lyrische dieser Form. Sonst aber scheint sie mir besser zu einem komischen Kontraste zu dienen. Sollt’ es nicht eine verständige Umkehrung dieser Form geben, die einen sehr großen und bedeutenden lyrischen Karakter hätte? — Sie hören, ich spreche kein vollständiges Wort. Ich zweifle, ich frage. Fragende Zweifel bitten um belehrende Antwort.
Nun aber ganz ernsthaft über Ihren Scherz und Ernst. Wozu Sie mich mit Gewalt machen wollen, das bin ich lange, der verehrende Freund Ihres Geistes und Herzens. Und wenn Sie mir, falls ich zu einem wörtlichen Bunde nicht geneigt wäre, mit einem zweiten Zerbino drohen, so sind das Strafgesetze auf die Unterlassung eines Dinges, das man gern thut. Aber daß Sie gleich nach dieser Androhung alles Vorhergesagte dadurch zum Scherz machen, daß Sie fortfahren: „Aber ernsthaft, u. s. w.“ das thut mir leid, denn nun besorg’ ich, nicht bloß Ihre Drohung, sondern auch Ihre Forderung, auf die ich einen so hohen Werth setze, solle als Scherz genommen werden. — —??
Ihr Antrag wegen des Hymnus ehrt mich, und die gütige Offenheit Ihres Urtheils über die Einleitungen und den Schluß erfreuet mich: Mein voriger Zweifel ist gelöst, denn Ihrem Freundschafts-Antrage ist dadurch zugleich eine erste Freundschafts-Probe angeschlossen. Sie haben ganz recht, beide Anhänge (denn sowohl Anfang als Ende sind angehängt worden)gehören nicht zum Gesang der Vermählung. Aus dem Brief an Fichte werden Sie indeß erfahren haben, daß leider jener Hymnus sowohl, als eine damit verbundne Romanze der Entbindung, nebst einigen Erläuterungen über Idee und Organisation, zum Druck gesandt sind. Den Abdruck der Gedichte, der bereits vollendet seyn muß, erwart’ ich mit jedem Posttage. Die Erläuterungen werden später folgen, obwohl sie auch schon unter der Presse seyn müssen. Die erste Einleitung ist jedoch beynahe ganz gestrichen. — Sobald ich ein vollständiges Exemplar habe, werd’ ich so frey seyn es Ihnen vorzulegen, und erst wenn Sie die Güte gehabt haben, mir über die weitere Ausführung meiner Absicht Ihre Meinung mitzutheilen, werd’ ich fortfahren. Der jetzt gemachte besondre Abdruck der ersten beiden Stücke wird vielleicht in Jahr und Tag abgesetzt, wenn auch größern Theils an die Lüsternheit, die sich betrogen finden wird. Bey der Vollendung des Ganzen, was ich im Sinne habe, kann ich also Ihr offnes Urtheil noch benutzen. Meines herzlichsten Danks seyn Sie gewiß! — Eine Anzeige dieser Blättchen wünscht’ ich wohl im Athenäum. Vielleicht haben Sie Gelegenheit dies zu bewirken.
Mit welchem Sinn wir Ihre heilige Genoveva feyern, werden Sie theils im Briefe an Fichte, theils in dem an Schütz angedeutet finden. Nur ein Paar Köpfe wollen die Varietät der äußern Formen darin unnatürlich finden. Ich habe diesen aber zu bedenken gegeben, daß die Wahrheit und Natur in dieser Mannigfaltigkeit nach dem, was dem Ausdruck zum Grunde liegt und was er will, nicht nach dem Ausdruck an sich beurtheilt werden muß. Die Poesie will den Menschen lebendig aussprechen, sie will den Gesang unsers Innern als Gesang hören lassen, ihn nicht bloß in Noten zum philosophischen Lesen aufschreiben. Wo es nun Reime, Sonette, Stanzen u. s. w. in unserm Innern giebt, da kehrt sie sich an keine so genannte Gleichheit des Styls, sondern giebt selbst Reime,Sonette, Stanzen. Noch immer bleiben wir auch bey dieser Freiheit im Ausdruck befangen; aber wer mehr befangen bleiben will, als nothwendig ist, der hat keine Ahnung von dem, was Poesie ist, und wornach sie trachtet. Mit einem Wort: die Wahrheit und Natur aller Poesie ist nicht, daß der Mensch im Leben sich so ausspricht, aber wohl, daß er sich so aussprechenmöchte, daß er innerlich darnach ringt, seine Seele also darzustellen. — Die Kraft und Regung des innern geistigen Lebens macht dem Menschen die Brust beklommen, es will hinausdringen und sich im Materiällen verkünden. Da stellen sich nun die Künste um ihn, und bieten ihm freundlich, Ton und Wort und Farbe und Masse, als Instrumente des Verkündens dar. So, verehrter Freund, seh’ ich die höhern Künste an.
Vieles möcht’ ich noch schreiben, besonders darüber, daß, nach Ihnen, der Karakter romantischer Poesie im großen modernen Reim liege; aber dies bleibe einer helleren Stunde vorbehalten.
Lassen Sie uns Freunde seyn! Geben Sie meiner dargebotenen Hand die ihrige; ich glaube inne zu werden, was Sie inne werden, und darum lassen Sie es hingehn, wenn auch mein Ausdruck dem ihren nicht immer zusagen sollte. Ein Paar Zeilen, daß Sie diesen Brief erhalten haben, werden mich erfreun.
Ganz der Ihrige.Mnioch.
Ganz der Ihrige.
Mnioch.
N. S. Unter meinen Freunden empfiehlt sich namentlich ein Leut. v. Loewenstern. Mit einer kräftigern und jüngern Sehnsucht als Moses, als er vom Berge in die Thäler des gelobten Landes sah, schaut dieser feurigeJünglingvon 29 Jahren in das gelobte Land der Poesie und Mahlerey, wie Sie es uns darstellen. Er zeichnet mit kräftiger Hand, hat aber nicht Lust zum Ausmahlen, dafür mahlt er desto mehr inseinen poetischen Versuchen. In wenig Jahren hat er eine Kompagnie und er ist blutarm; dennoch will er Urlaub nehmen, und Ein Jahr auf der Akademie studiren. Wie glücklich-unglücklich Ihre Schriften diesen Mann gemacht haben, kann ich nicht beschreiben.GötheundSiebetet er an. — Nächstens werden Sie etwas von ihm lesen. Wär’ ich doch noch so jung und kräftig wie dieser! — Aber 36 Jahre sind gerade 7 mehr, als 29. —