Ihrtreu ergebnerImmermann.
Ihr
treu ergebner
Immermann.
Düsseldorf, d. 7. Nov. 1834.
Vor etwa zehn Tagen ließ ich die ersten vier Bände meiner Schriften an Sie, theurer Meister, abgehn, und dachte mit dem nächsten Posttage an Sie zu schreiben. Das Gedränge, worin ich jetzt stecke, hat aber diese Zeilen bis heute verzögert. Unterdessen sind jene Bände bei Ihnen angelangt, und werden hoffentlich von Ihnen mit gewohnter Freundlichkeit empfangen worden seyn. Es ist viel Neues darin, noch Mehreres, was früher schon vorhanden, jetzt eine neue Form gewonnen hat. So ist namentlich Tulifäntchen in der jetzigen Gestalt knapper und präciser gehalten.
Ich betrachtete es als ein wahres Unglück, daß wir uns im Sommer verfehlten. Welchen angenehmen Tag hätten wir zusammen haben können! Wir sind wenige Meilen an einander durchgefahren, Sie über Heidelberg, ich über Mannheim; leicht wäre es mir gewesen, jene Tour zu nehmen, und mit Ihnen einen Tag in Heidelberg zu seyn. Vielleicht, daß das künftige Jahr mir in dieser Hinsicht mehr Glück bescheert.
Hoffentlich steht es in Ihrem Hause jetzt wieder wohl, oder besser doch, als damals, wo Sie mir schrieben. — Ihrer heitern Laune in der Vogelscheuche habe ich mich sehr erfreut; in diesem Mährchen ist eine unendliche Fülle des graziösesten Scherzes (trotz des verhängnißvollen Hans — im Himmel und auf Erden) und der lieblichsten Naturanschauungen.Nur fürchte ich, werden es Ihnen unterschiedliche distinguirte Charaktere in Literatur und Kunst, beim Militair und Civil übel gedenken, daß Sie ihren Stammbaum von gebranntem Leder so schonungslos enthüllt haben. Hegel und seine ganze Schule war, wie ich glaube, ähnlicherweise aus den Erbsenfeldern gelaufen.
Meine Tage werden jetzt ganz von dem Geschäfte für die Bühne absorbirt; ich kann weder etwas schreiben, noch lesen. Hätte ich auf eine augenblickliche Vergeltung der sauersten Mühen gerechnet, so müßte mir meine Lage sehr peinlich vorkommen, da ich aber dieses Geschäft mit völliger Resignation anfing, so tröstet mich nur der stille Gedanke, daß, wie übel der Anschein der Dinge auch immer seyn möge, Fleiß und Liebe nie ganz umsonst aufgewendet wird. Ich eröffnete die Bühne vor etwa 14 Tagen mit einem Vorspiele von mir, und dem Prinzen von Homburg, der vortrefflich gegeben wurde. Namentlich wird man, das darf ich kühn sagen, die Paroleszene, die Schlacht und den 5ten Act nicht leicht beßer sehn können. Hätte ich Sie doch unter meine Zuschauer zaubern können!
Von bedeutenden Aufgaben, die seit der Zeit gelöst worden sind, kann ich Ihnen ferner Macbeth nennen. Ich wollte ihn erst nach Ihrer Übersetzung geben, aber als ich erwog, daß für diesen Vers unsren Schauspielern zur Zeit noch die Zunge, und unsrem Publico das Ohr gebricht, so entschied ich mich doch für Schiller, legte aber die Hexenszenen aus Ihrer Übersetzung ein. Die Hexen wurden nicht als Furien, sondern als häßliche ekelhafte alte Weiber gespielt, wo mir denn wenigstens die Genugthuung wurde, daß während jene Gestalten in der Regel Lachen erregen, dießmal ein rohes Sonntagspublicum dem alten Weiber-Gekreische so still zuhörte, als säße es in der Kirche.
Den ersten Act schloß ich, zum Theil durch die Beschränkung meiner kleinen Bühne gezwungen, mit der 4ten Szene, so daß nun der ganze Aufzug ein kurzes stürmisches Schlacht-, Zauber- und Gewitterbild war. Der zweite Act begann mit der Brieflesenden Lady, und in diesem hatte ich von Shakespeares, mir durch Sie erst klar gemachten Intentionen soviel gerettet, als möglich war. Die Szene blieb unverändert, und stellte einen engen gothischen Hof des Schlosses Inverneß mit einem Balcon und verschiednen Ein- und Ausgängen vor. Der Act begann gegen Abend, dauerte die Nacht hindurch und schloß am Morgen. Freier Himmel, der Mond hinter schwarzen Wolken, Sturm und Regen spielten mit.
Das Arrangement war so:
Skizze
a. a. a.Hauptgebäude des Schlosses mit einem seitwärts hervorspringenden Vorbau.
b.Pforte, durch welche die Lady Brief lesend, und am Morgen nach dem Morde auftritt.
c.Eine Treppe mit einem Balcon an dem Seiten-Vorsprunge des Hauptgebäudes. In diesem Seitenvorsprunge wurde der Speisesaal, das Schlafzimmer Duncans und der Prinzen angenommen. Duncan führte die Lady über diese Treppe durch die Thürdab. Die Lords gingen durch die untre Thürbund kamen aus derselben.
e.Seitenpforte zu äußern Schloßgebäuden, worin die Schlafzimmer der Lords angenommen wurden. Sie gingen also am Abend vonbnacheund stürzten am Morgen ause.
f.Seitenpforte zu der Pförtner-Wohnung und Wirthschaftsgebäuden, woher am Abend die Speisen getragen wurden.
g. g.Hintergebäude, Zugbrücken, Thürme, Gebüsch.
Durch diese Anordnung bekamen nun die Szenen, welche sonst trotz des in ihnen waltenden Übermaaßes von Poesie kalt vorübergehn, ein außerordentliches Leben. Die winklichte Mondbeschienene Architectur hatte schon etwas Geheimes, Grauenvolles, und nun das Gehn und Kommen von verschiednen Seiten, aus 4 Thüren, das Hinauf- und Hinuntersteigen! Wahrhaft sublim machte sich der Moment, wo die Lady unten an der Balcontreppe lauschend gekauert, flüstert, und Macbeth eben auf den Balcon mit den Paar entsetzten Worten hinaus- und gleich wieder zurückstürzt. Sehr schön baute sich auch bei dieser Einrichtung das Tableau des Morgens. Von allen Seiten kamen Gruppen zu Stande, und den Gipfel bildeten die beiden Prinzen, die oben auf dem Balcon blieben.
Reußler, den Sie in Baden kennen gelernt haben, spielte den Macbeth. Roh, verworren, halbverrückt von Stolz und Zaubersprüchen, nach meinem Gefühle nicht unwürdig des großen Werks, freilich nicht in dem Sinne unsres Publicums, welches hier, wie aller Orten verlangt, daß der Held, wenn er auch seinem König die Kehle abschneidet, von Liebenswürdigkeit glänzen soll. Herrlich wurde Macduff gegeben, niehabe ich die Reden des 2ten Acts mit so grandiosem Pathos vortragen hören; ich wurde an Aeschylus erinnert. Schenck heißt der Schauspieler, der ihn gab. — Die Nachtwandelszene ließ ich ohne allen Accent, und scharfes Einschneiden der Rede, was sonst üblich ist, sondern nur so leise tonlos hinflüsternd sprechen.
Zunächst habe ich von großen Sachen: Hamlet, Stella, Minna v. Barnhelm, Schule der Alten, vor mir. Von ganz ungangbaren Werken, deren Darstellung ich in diesem Winter versuchen will, nenne ich Ihnen den Blaubart, König Johann, Richter von Zalamea, Coriolan, Alexis. Mein Repertoir ist wunderbar componirt, ich suche mir durch Auftischung des Gewöhnlichen Raum und Vergunst für meine Lieblinge zu gewinnen.
Die Gesellschaft ist gut zusammengesetzt. Mehrere hübsche, frische Talente, kein einziges exorbitantes Genie, kein einziger Dummkopf. Noch zeigen sie Lust an dem Neuen, was ich mit ihnen, und durch sie versuche.
Aber alles dieses kann, wie man die Hand umdreht, sich ändern. Ich bin daher auch jetzt bei gutem Fahrwasser und Winde schon auf Schiffbruch gefaßt.
Mögen diese Zeilen Sie gesund und heiter treffen! Ihrem ganzen Hause mich bestens empfehlend, bin ich unverändert
Ihrtreu ergebenerImmermann.
Ihr
treu ergebener
Immermann.
Den 23ten April 1835.
Wie ich Ihnen vor einigen Tagen schrieb, benutze ich gegenwärtig die Gelegenheit Ihnen noch einiges Nähere über die Aufführung des Alexis durch Hrn. Weymar mitzutheilen,den ich Ihnen zu gütiger Aufnahme bestens empfehle. Er selbst hat sich in der Rolle des Alexis recht gut aus der Sache gezogen, und das Einzelne, was ich noch hin und wieder in der Auffassung vermißte, würde wohl auch kein anderer Darsteller in dieser schwierigen und verwickelten Rolle gleich bey der ersten Aufführung besser als er geleistet haben.
Die beiden Theile wurden, wie die beyliegenden Zettel besagen, an zwei Abenden hinter einander gegeben. Es war eine gewaltige Arbeit, diese 10 Acte in wenigen Wochen in die Scene zu setzen. Die Hauptschwierigkeit, welche sich bey dem Geschäfte zuerst aufthat, war, daß fast alle Rollen sich als Charakter-Rollen zeigten, und eigentlich keine in der hergebrachten Bühnenweise zu spielen war; eine fernere Schwierigkeit lag in dem Laconismus der Expositionen und historischen Töne, so daß die Schauspieler nun wieder gezwungen waren, von ihrer Gewohnheit abzuweichen und diese Dinge mit einer Präcision vorzutragen, welche sie allein für die Zuschauer deutlich machen konnte. Dies waren die wahren Schwierigkeiten, alle übrigen, welche Direction und Intendanzen aus dem Scenischen hervor gesucht haben, ließen sich bey dem ernsten Angriff der Sache nicht entdecken.
Indessen sind auch jene zu überwinden gewesen. Die Darstellung des ersten Theils hatte noch hin und wieder etwas Unsicheres, Unfertiges, Überladenes, die Aufgabe war für die Vorstellenden noch zu neu, doch ging alles im Ganzen mit Geist, Kraft und Energie vorwärts. Die meiste dramatische Wirkung entwickelte sich in den Bojaren-Scenen des ersten Aufzugs, in den Scenen des Alexis im zweiten Aufzug, in der für undarstellbar ausgegebenen Schiffsscene, in den Bauer-Scenen des 4ten Aufzugs, und in der Schlußscene zwischen Vater und Sohn. Wie ich die Schiffsscene arrangirt, wird Ihnen Hr. Weymar noch näher sagen.
Im zweiten Theile war nun alles zu Hause, und dieseVorstellung rollte mit einer Kraft und Gewalt ab, wie man gewiß selten ein dramatisches Werk produzirt sieht; ich kann sagen, daß ein Jeder darin mit Begeisterung spielte, man mußte diese Vorstellung eine vollendete nennen. Die todte Form, an welcher der lebendige Czar zerbricht, gewann durch charakteristische Darstellung des Tolstoi selbst ein furchtbares Leben.
Die Erscheinung des Gerichts hatte ich so imposant als möglich gemacht, auch hierüber wird Ihnen Hr. Weymar näheres sagen.
Was mir sehr zu statten kam war, daß der Schauspieler, welcher den Czar spielte, ganz in meine Absichten eingegangen war, und wirklich etwas Großes leistete. Der Effect auf die Zuschauer war denn so, daß der erste Theil wie ein Prolog wirkte, sie in Spannung und Aufmerksamkeit erhielt; der zweite Theil aber sie fortriß. In diesem Theile wechselten nur die untrüglichen Zeichen der vollendeten Wirkung ab, nemlich Todtenstille und lebhafter Applaus.
Da ich Ihren Antheil an diesen Sachen kenne, so bin ich so weitläuftig gewesen und fürchte nicht, Sie damit ermüdet zu haben.
Manche trübe Zweifel, welche die Vernachlässigung meiner Arbeiten seitens der sogenannten realen Bühne in mir hervorgebracht hatte, sind durch die Aufführung des Alexis und durch die des Hofer im vorigen Jahre niedergeschlagen worden. Ich weiß nun, daß diese Stücke dem deutschen Theater angehören, und über Kurz oder Lang über dasselbe ihren Gang nehmen müssen, wie sehr man sich auch dagegen sperren mag. (?)
Jetzt bin ich am Blaubart und habe heute die erste Leseprobe davon gehalten, bei welcher Hr. Weymar auch noch zugegen war.
Ich leide an einem Augenübel und muß mich deshalbfremder gütiger Hand bedienen, um mich mit Ihnen unterhalten zu können. Das Verdrieslichste bey diesem Umstand ist mir, daß sich dadurch die Aufführung des Blaubarts vielleicht verzögert.
Ihr Freund Löbell ist hier und hat sich vorgenommen, letztere abzuwarten.
Mit treuer Gesinnung der Ihrige.
Immermann.
Immermann.
Düsseldorf, 4. May 1835.
Ich übersende Ihnen, mein Hochverehrter, den Zettel der gestrigen Aufführung des Blaubart, welche ein sehr erfreuliches Resultat gegeben hat.
Das Erfreulichste war mir, daß das Stück sich wirklich, wie ich beständig geglaubt hatte, als völlig dramatisch-theatralisch bewährt hat. Die sonderbaren maskenartigen Figuren der ersten Scenen beschäftigen und fesseln und bringen bei dem überhaupt für Poesie Empfänglichen sogleich die gehörige Stimmung hervor. Nach und nach tritt der Ernst heran, die Spannung steigert sich gelinde, und wächst bis gegen das Ende zum tragischen Affect, auf welchem Gipfel sich das Werk wieder durch Scherz gelinde beruhigt. Kurz, es sind in diesem freien Gebilde der Phantasie zugleich alle Requisite des materiellen Theaters vorhanden. Das wußte ich freilich längst von diesem, wie von manchem andern Ihrer oder Andrer Werke, allein es ist doch erfreulich, dieses isolirte Wissen nunmehr durch die Praxis bewahrheitet zu sehn. Mein Glaube steht fester als je, daß unsre Bühne nicht verarmt ist, vielmehr auf der Stelle reich dastehn würde, wenn wir nur uns entschließen könnten, die unbenutzten Schätze, welche wir noch haben, hinauf zu fördern.
Die Darstellung war eine gute zu nennen; ich glaube, daß Sie mit derselben nicht unzufrieden gewesen seyn würden. Obgleich Vieles in den Händen größerer Künstler (denn das Stück verlangt bis in die kleinen Rollen hinein eigentlich bedeutende Talente) noch schärfer, origineller, markiger ausgefallen wäre, so kann man doch dreist behaupten, daß der Sinn und Humor keiner einzigen Szene verloren gegangen ist. Selbst bis zu den Handlangern herab war es gelungen, den Geist des Ganzen ihnen beizubringen. Und das Stück zeigte sich so leicht behandelbar, daß ich mit geringen Vorbereitungen dessen mächtig geworden bin. Eine Vorlesung, zwei Lese- und drei Theaterproben genügten, den Blaubart in die Szene zu setzen. In besonders guten Händen waren Agnes, Simon, Winfried, Rathgeber — auch der Blaubart und der Narr waren nicht schlecht. Mechthilden muß ich ebenfalls noch lobend erwähnen. Sublim machte sich die Erzählung des Mährchens, die ich tableauartig hatte arrangiren lassen. Im Ganzen ließ ich die Farben dreist und keck auftragen, auch was Costum, Maske, Apparat u. s. w. betrifft.
Da wir beide den schändlichen Zustand unsres heutigen Theaterpublicums kennen, so werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich mit stiller Resignation ins Theater ging, auf eine völlige Niederlage gefaßt, wobei indeßen, wie jener französische König sagte, die Ehre nicht verloren gegangen wäre. Nun war aber der Erfolg ein ganz andrer, angenehmerer. Von vorn herein herrschte die größte Aufmerksamkeit im ganz gefüllten Hause (NB.beim schönsten Maiwetter). Alles Lustige, Humoristische wurde belacht, die tiefsinnigen Unterhandlungen zwischen Simon und dem Arzt, diesem und dem Blaubart erregten die größte Lust, tiefe Stille bei den tragischen Szenen, häufiger Applaus, endliches Hervorrufen von Agnes und dem Blaubart — kurz, alle Zeichen eines vollständigen Erfolgs. Ich habe nach diesem Abendedie Hoffnung, den Blaubart förmlich dem currenten Repertoir einverleiben zu können. Das ist sehr wenig und sehr viel, wie man es nimmt.
Aus dem Zettel ersehen Sie, daß ich Abänderungen und Einrichtungen vorgenommen habe. Sie trauen mir den lächerlichen Dünkel nicht zu, Sie verbessern zu wollen, allein man muß durchaus, will man bei gewagten Sachen noch einige Chancen des Gelingens für sich behalten, sich gegenwärtig zu Manchem verstehn.
So ist es mir ein Erfahrungssatz geworden, daß bei solchen Productionen, je weniger Zwischen-Acte sind, desto mehr noch an einen Erfolg zu denken ist. Die poetische Stimmung verfliegt bei der barbarischen Menge den Augenblick wieder, wenn sie nicht möglichst condensirt zusammengehalten wird. Mit der Zusammendrängung der Stella in 3 Acte war es mir schon gut gelungen, und nun ist dieselbe Operation, wie ich glaube, auch dem Blaubart zu Statten gekommen. Ich habe aus Act 1 und 2 den Ersten aus Act 3 und 4 den zweiten Act gemacht, und der 5te Act ist der dritte geworden.
Manches habe ich gekürzt. Dann war es für das Theater durchaus nothwendig, die secundaire Handlung (Morloff, Reinhold, Brigitte, Leopold) völlig zum Abschluß zu bringen, bevor die tragische Katastrophe der Haupthandlung eintrat, weil das Eintreten der zweiten Handlung, nachdem die Haupthandlung zum Ende gediehen ist, für unser nicht mit einem Male von dem Gelüste nach starken Effecten abzubringendes Publikum einelongueurgewesen wäre, welche vielleicht den ganzen Schluß umgeworfen hätte. Ich ließ also schon im finstern Wald den alten Morloff seine Tochter wiederfinden, ihr vergeben, und diese ganze Gruppe nur zum Schluß mit einigen auf Agnes bezüglichen Worten wieder eintreten.
Die Szenerie Ihres Werks zum Schluß hätte eine bedeutende tragische Handlung auf einen engen Raum zwischenPodium und Soffiten ängstlich zusammengepreßt, welches, wenigstens auf unsrer kleinen Bühne, die ganze Wirkung vernichtet haben würde. Ich nahm also das ganze Theater zum Altan, ließ hinten das Podium aufnehmen, Luft und vorragende Gebirgsspitzen hinhängen, um die Höhe zu versinnlichen, und Alles von unten und hinten auf den Altan kommen.
Winfried schloß das Ganze mit einer gereimtenCaptatio benevolentiaean die Zuschauer.
Wenn es Sie interessirt, will ich das Buch, wornach hier gespielt worden ist, übersenden.
Das Liebste wäre mir nun, wennIhnendiese Sache auch einige Freude machte. Ist dieß der Fall, so würde ich Sie bitten, Ihre Abneigung gegen das Schreiben zu überwinden, und mir einige Zeilen zu senden, die ich meinen Schauspielern mittheilen könnte. Das Wort des Dichters würde sie außerordentlich erfreun, und es ist wohl gewissermaßen jetzt nöthig, wenn diese verkommenen Menschen einmal sich zum Ungewöhnlichen aufraffen, das Edlere in ihnen auf jede Weise zu bestärken.
Mit herzlicher Gesinnung
der Ihrige.Immermann.
der Ihrige.
Immermann.
N. S. Eine im Gebäude verirrte Katze erschien munter hin- und herspringend in mehreren Szenen auf der Bühne, als wollte sie an der Handlung Theil nehmen. Wenn man Ihrer Neigung zu dieser Thierart sich erinnert, so hat das Ereigniß wirklich etwas Mystisches. Dieser ungestiefelte Kater störte übrigens nicht, da er nur in lustigen Szenen kam und von Winfried sogleich zu einigen Lazzi verbraucht wurde. Mehrere Zuschauer haben wirklich geglaubt, die Katze gehöre zum Stück.
Ludwig Tieck an Immermann.
Dresden, d. 10ten Mai 1835.
Mein theurer, geehrter Freund!
Wie unendlich tief bin ich nun schon in Ihre Schuld gerathen und wie viel glühende Kohlen haben Sie auf mein Haupt gesammelt. Statt zu klagen und Ihre Verzeihung zu erbitten, will ich, so gut ich kann, nach der Ordnung die Punkte berühren, auf welche ich Ihnen Antwort schuldig geblieben bin. Sie erhalten dieses Blatt durch einen wackern, von mir sehr hochgeschätzten Schauspieler, Herrn P., der sich auch Ihrer Bekanntschaft erfreut. Ich glaube, dieser Mann hat, seitdem Sie ihn gesehn haben, noch bedeutende Fortschritte gemacht; er hat hier mit vielem Glück die beiden Cromwells von Raupach und dessen Friedrich II. und seinen Sohn (er Friedrich) gegeben. Das Publikum hier bezeigt ihm so, wie ich, die Hochachtung, die er verdient.
Wie habe ich auf Sie vorigen Sommer in Baaden gewartet! da Sie mir Ihre Ankunft eigentlich mit Gewißheit versprochen hatten! Ich weiß nicht einmal mit Gewißheit, ob Sie bis Frankfurt gekommen sind, und den Brief erhalten haben, den ich Ihnen dorthin schrieb. Es wäre so schön gewesen, wenn wir uns dort im grünen Lande in dieser so aufthauenden Sonnenhitze gesprochen hätten. Es lebt sich anders dort, als in einer Stadt, und Spatziergänge, Natur, alles hätte uns wohl noch näher gebracht. Nachher ängstete ich mich, Sie möchten doch noch nach meiner Abreise hingekommen sein, denn die Krankheit meiner Frau zwang mich, viel früher abzureisen, als ich sonst wohl gethan hätte. Diese fand ich hier sehr bedenklich und im Winter fast sterbend. DieWassersucht macht stets wiederkehrende Operationen nöthig, und die zweite, die noch im Herbst erfolgte, brachte sie dem Tode ganz nahe. Seitdem hat sie sich, obgleich diese Operationen wiederholt werden, auf eine fast wunderbare Art gebessert: ihre Kräfte, die schon ganz geschwunden waren, stellen sich wieder her, und sie ist jetzt eine bessere Fußgängerin als ich, so daß sie wenigstens, wenn auch immer leidend, noch auf einige Lebensjahre rechnen kann.
Den Dank für die 4 Bände Ihrer gesammelten Werke bin ich Ihnen auch noch schuldig, herzlich gebe ich ihn, wenn auch spät. Mein Freund, immer wieder habe ich Ihren Alexis gelesen, und oft auch Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering, Dumm und Klug vorgelesen, und er hat immer allen Menschen und allen Temperamenten auf wunderbare Weise gefallen, die meisten hingerissen und erschüttert. Das Werk bleibt mir immer neu und wird mir mit jeder wiederholten Lesung lieber. Mir däucht, das ist die beste Kritik, sowie der ächte Prüfstein. Diese politische Weisheit in Anlage und Durchführung, diese feine, edle Ironie, die von diesem Standpunkte aus so wehmüthige Blicke mit Recht auf alles menschliche Treiben wirft, diese Doppelheit der Charaktere, alles begeistert mich, und ich gestehe Ihnen wieder, daß diese beiden Stücke mir unter Ihren dramatischen Arbeiten die liebsten sind. Mit großer Freude habe ich es nun erlebt, daß diese großartigen Gemälde unter Ihren Augen und nach Ihrer Anordnung sind dargestellt worden. Herr Weymar, der hier mit ganz ungewöhnlichem Glück Gastrollen gespielt hat, hat mir alles recht weitläufig erzählen müssen. Ich hoffe, von Ihrer Bühne aus betreten diese kräftigen Tableaux auch die übrigen Theater. Hier und auch vielleicht anderswo ist eine zu gereizte Zartheit für Rußland eine Hemmung und peinliche Rücksicht: ich hoffe, aber kein Hinderniß.
Wie oft habe ich Ihr bezauberndes Tulifäntchen wiederin größern und kleinern Gesellschaften vorlesen müssen! Diese neckische Schalkheit und bunt beflügelte, leichte Poesie scheint sonst außer Ihrem weit verbreiteten Reiche zu liegen. Von Russen zu Elfen ist ein weiter Sprung! Nur das Tüpfchen auf dem I. wünschte ich fort und etwas anderes an die Stelle; sonst dünken mich alle die Änderungen Verbesserungen; hier haben Sie verschmäht, etwas anderes einzuführen. Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, welchen Widerwillen es mir erregte, daß der Heine Sie so lobt und preiset! Die Schriften dieses Zigeuners kenne ich erst, d. h. seine späteren, seit vorigem Sommer. So bin ich immer hinter meinem Jahrhundert zurück.
Was Sie mir über Macbeth schreiben, hat mich interessirt und gefreut. Wie viel hat Ihre Energie und Einsicht schon in kurzer Zeit geleistet. Im Wesentlichen bin ich gewiß mit Ihrer Einrichtung der Bühne einverstanden. Was könnte geschehen, wenn man allenthalben den guten Willen hätte, und die Herrn Comödianten trotz des ewigen Kunstgeschwätzes ihre eigne kleine Person nicht weit höher als Shakespear und Göthe schätzten; von Garrick und Schröder kann bei diesen verwöhnten Eitelkeiten schon gar keine Rede sein. Nur daß Sie bei dem schwachen Text von Schiller haben Hülfe suchen müssen, thut mir leid. Wenn Sie einmal Zeit haben und vergleichen, werden Sie finden, daß dort (ganz nach Eschenburg gearbeitet) der Sinn in den größten Momenten und bedeutendsten Stellen ein ganz anderer ist; Sie werden finden, daß ich auch von den Engländern in der Erklärung großer Poesie-Worte abweiche. Auch haben wir uns bemüht, die Verse selbst sprachfähig zu machen: sie klingen, wo es sein muß, rund und voll.
Nach so manchen Anmahnungen und Geschenken von Ihrer Seite erhalte ich nun auch noch zu meiner Beschämungdie Nachricht von dem glücklich durchgebrachtenBlaubart. (Nicht durchgebracht im sprichwörtlichen: durch die Gurgel gejagt.) Mich rührt es, daß Sie Ihren Fleiß auch dieser meiner Jugend-Produktion zugewendet haben. Nur Ihrem Enthusiasmus, welcher wohl die Spielenden auch entzündet hat, konnte es gelingen.
Vor vielen Jahren wollten Wolff und Devrient in Berlin auch schon den Versuch mit diesem Mährchen machen: Wolff, glaube ich, hatte sich den Simon zugedacht und Devrient sich den Narren und den Arzt, Lemm sollte denBlaubartspielen. Die Rollen waren schon ausgetheilt und die Leseprobe gehalten, als irgend etwas die Sache hemmte und die Lust zum Wagstück wieder dämpfte. Um so mehr Ehre mir, und Dank Ihnen, daß Sie es nach so vielen Jahren möglich gemacht haben. Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, daß man so vieldeutige poetische Produkte, die, wie die Forellen, nur im stets erschütterten Wasser am Leben bleiben, mit so wenigen Unterbrechungen als möglich geben muß. Aus dieser Ursach habe ich auch hier den Kaufmann von Venedig nur indreiActen geben lassen. Ich kann Ihre Änderungen mit dem Mährchen und alle Einrichtungen nur billigen. Der Kater hat meinen ganzen Beifall. Er ist klug, daß er die Stiefel nicht anzog, und sich doch, da er diese bereitwillige Gutmüthigkeit von Direktion, Schauspielern und Publikum sah, so früh meldete, um anzudeuten, wie er wünsche, daß man auch ihm sein Recht widerfahren lassen möge: denn auf einer solchen Bühne mag auch wohl diese parodirende lustige Katze scherzend hinüber laufen; ich glaube nicht, daß ihre Späße schon veraltet sind, und als ich sie damals niederschrieb, hatte ich recht eigentlich das wirkliche Theater im Sinn. Nur muß die Anordnung, das Praktikable, das spielende Publikum &c. auch spashaft und parodirend genommen und eingerichtet werden. Wie denn dies wahrscheinlich auch bei Aristofanes geschah, und nicht mit steifem Ernst.
Und so sage ich auch allen den Damen und Herren, die Ihren Wunsch und meine Phantasieen mit so großer Anstrengung verwirklicht haben, meinen herzlichen Dank. Denn daß es eine große Anstrengung ist, sich einmal so ganz vom Hergebrachten entfernen zu müssen, weiß ich. Hier reicht beim Phantastischen und Seltsam-Humoristischen, bei dieser Mischung von Ernst und Scherz das Angelernte und der gute Wille nicht aus; der Schauspieler muß die Linien und Zirkel überspringen können, in welchen er sich sonst mit Beifall bewegte, und diesen selbst mit Großmuth und Aufopferung auf’s Spiel setzen, um ein Ungewisses, Zweifelhaftes zu gewinnen. Sehr vergegenwärtigen konnte ich mir die Art und Weise, so ziemlich das ganze Spiel der Dlle. Lauber (jetzt Madam W.), da ich hier in Dresden ihr schönes Talent, ihre persönliche Liebenswürdigkeit und ihren gebildeten Verstand habe kennen lernen. Ich hoffe, sie erinnert sich meiner ebenfalls noch und auch, wie sehr ich damals ihre Vorzüge anerkannt und auch laut ausgesprochen habe. Auch den Blaubart (Herrn Reußner) kann ich mir ziemlich deutlich vorstellen, da ich das Vergnügen hatte ihn im vorigen Jahr oft in Baaden zu sehn. Das Tückisch-Freundliche, Auffahrende und Seltsam-Burleske der Hauptperson wird ihm gewiß in vorzüglichem Grade gelungen sein. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich schon sonst einer der Damen oder einem Ihrer Schauspieler auf meinen Wanderungen durch die Theater begegnet bin. Sehr wäre ich begierig gewesen, zu sehn, wie der alte Hans und sein Caspar ihre sonderbaren Scenen durchgeführt haben: daß es dem Publikum nicht zu lang geworden ist, beweiset, daß sie gut gespielt haben. Sie sagen mir, mein Freund, daß Mechthilde ihr Mährchen vortrefflich erzählt habe; das hat mich sehrgefreut, denn diese fremde Erzählung, während welcher die Handlung eine bedeutende Weile stille steht, habe ich immer gerade für die allergrößte Schwierigkeit in der Aufführung gehalten. Sehr begierig wäre ich auch, eine Anschauung zu erhalten, wie der Narr und der Rathgeber ihre sonderbare und sehr schwierige Aufgabe gelöst haben. Auch Heymon und Conrad Wallenrod, obgleich nur Introduction, wollen, sowie der Arzt, mit Kunst und eigenthümlichem Humor gespielt sein. Bei einem so kapriciösen Gedicht kommt auch das Tempo sehr in Betracht, was hervorgehoben und gleichsam in den Vordergrund des Gemäldes tritt, stark gefärbt, accentuirt, oder was in den Mittel- oder gar den Hintergrund gestellt und abgeschwächt, verblasen, fast verschwiegen wird. Ist dies ebenfalls gelungen, wie ich glauben muß, so hat diese Gesellschaft bei Ihnen in Düsseldorf wohl Ursache, das Haupt einigermaßen empor zu heben, denn ich weiß nicht, ob dies eben allenthalben gelingt. Das war eben einer der größten Fehler des ehemaligen Theaters in Weimar, daß im Wallenstein, Maria Stuart u. s. w.,allesaufeinerLinie stand: ohne jene dramatische Perspective, die errathen läßt, beruhigt, zerstreut, um die größten nothwendigsten Effecte unendlich kräftiger und greller herauszustoßen. Etwas, worauf schon manche neue Dichter zu wenig achten, wo der Vorhang, welcher fällt, die Pause des Zwischenactes eine zu große Rolle spielt, und die Gedichte selbst jene zerstreuenden Ruhepunkte zu wenig haben, die ich hier und da im Blaubart habe anbringen wollen.
Geliebter Freund! theilen Sie einiges aus diesem Blatt oder das ganze Blatt ihren Schauspielern, die sich so redlich bemüht haben, mit, und vielleicht habe ich dadurch zum Theil Ihrem Wunsch genügt. Aber glauben Sie mir, die allgemeinAnerkannten dieser Profession, die Bewunderten sind heut zu Tage die unerträglichsten, an welchen Hopfen und Malz verloren ist. Sagen Sie einem dieser: er sei mehr als Garrick, Schröder, Talma, Baron, Fleck &c. — er dankt mit Kopfnicken und meint, das verstehe sich von selbst; ersuchen Sie denselben, er möge das Knie weniger krümmen, oder den Federhut in die linke, statt in die rechte Hand nehmen, so ist er Ihr unversöhnlicher Feind. Die minder großen nehmen noch Lehre an.
Nun noch eine Bitte.
Unser hiesiger sehr braver Schauspieler und Regisseur Dittmarsch wünscht, daß seine junge Tochter etwas lerne, was sie kann, wenn sie unter verständiger Aufsicht und ächter Kritik viel spielt. Da hat er sein Auge auf Sie, theuerster Freund, geworfen, und ersucht mich, Ihnen dies muntre, gutgeartete Kind zu empfehlen. Sie hat hier, nicht ohne Beifall, naive Bauernmädchen z. B.RosineinJurist und Bauergespielt und noch mehr muntre Rollen. Das Neckische, Possierliche, Gutmüthige, Heitre und ganz Natürliche des Lustspieles scheint ihr Talent; aber sie kommt hier zu nichts, weil die Concurrenz bei unsrer Bühne zu groß ist. Viele Rollen dieser Art hat die Devrient hier, und will sie nicht abgeben, weil sie darin noch immer gefällt; nun ist die Bauer engagirt, eine Virtuosin in diesem Genre: die Berg, die Herold sind noch hier, noch einige aufkeimende, alles will spielen, viele haben ältere Ansprüche und da ist das arme liebe Kind fast ohne Beschäftigung. Ich, und der Vater mit mir, glaubten, daß unter Ihrer Leitung das Mädchen wohl etwas Vorzügliches leisten könnte, wenn sie nur recht viel beschäftigt würde. Können Sie sie irgend brauchen, so schlagen Sie meine Bitte und Empfehlung nicht ab: die Geldforderung würde auf keinen Fall bedeutend sein. Herr P. wird Ihnen das Nähere sagen.
Herr Dittmarsch, der Vater, hat nicht das Talent, die Tugend und das Laster der meisten Regisseure, daß er seiner Tochter, wie er oft beim Intendanten könnte, Rollen erschliche oder erbäte; er ist zu ehrlich und verlangt, man soll ihm entgegenkommen. Da er so schweigsam ist, geschieht dies zu wenig, und wir nehmen Sie also in Anspruch, geehrter Freund!
Wie viel hätte ich noch zu sagen; ich muß endigen. Kommen Sie, setzen Sie die Ausgabe Ihrer Werke fort, bewahren Sie mir Ihre Liebe, so wie ich bin und bleibe
Ihrwahrer aufrichtiger FreundL. Tieck.
Ihr
wahrer aufrichtiger Freund
L. Tieck.
Düsseldorf, 13. April 1836.
Ich weiß nicht, mein hochverehrter Freund, wie ich mein langes Schweigen auf Ihre werthe Mittheilung, die ich im vorigen Frühjahre von Ihnen empfing, rechtfertigen soll, wenn Sie nicht die Entschuldigung wollen gelten lassen, daß ich das ganze Jahr hindurch in angestrengter literarischer Arbeit steckte, außerdem aber noch von dem Theaterwesen oder vielmehr — unwesen occupirt war. Dieses allein kann, wie Sie aus Erfahrung wissen, einen sonst mittheilsamen Menschen um alle Lust und Fähigkeit zu reden oder zu schreiben bringen.
Zuvörderst danke ich Ihnen auf das verbindlichste für den Rückschub des Deserteurs I...., woran Ihre Güte und Gefälligkeit gewiß Antheil hat. Vorigen Sonntag ist er, Kummer im Herzen und den Trotz Cains auf der Stirn, hier wieder einpassirt. Dieser Mensch kam hieher und konnte nichts spielen als den Barbierer Schelle; unablässige Mühe, die ich mir mit ihm gab, brachte es endlich dahin, daß er in Calderon und Shakespeare producirt werden konnte, und noch zuletzt einen recht hübschen Mercutio lieferte, und als ich ihnsoweit hatte, lief er zum Danke dafür weg. Ihnen hat er, wie er mir vorrenommirte, viel von meiner Strenge und Härte gesagt. Streng und hart nennen sie Einen, wenn man darauf hält, daß sie wie Menschen reden, stehn und gehn sollen, und daß sie den Dichter nicht zu Fetzen zerreißen. Dieses Geschlecht will aber immer auf dem Seile tanzen, ehe es noch zu ebner Erde sich grade halten kann. Die Elemente der Kunst sind vergessen, das ist das Haupt- und Grundübel; die Schüler meinen, bei dem beginnen zu können, womit der Meister aufhört. — Wie oft summen mir Ihre warnenden Worte, die Sie mir vor zwei Jahren geschrieben, in den Ohren! So viel auch in Romanen, Novellen und Dramaturgieen über Schauspieler beigebracht worden ist, so hat doch Niemand das eigenthümliche Larven- und Maskenartige dieser Zunft darzustellen gewußt. Goethe kommt der Sache einigermaßen nahe, wenn er sagt, daß Serlo, je versteckter und künstlicher er im Leben geworden, desto mehr Natur und Wahrheit auf den Brettern gewonnen habe.
Hiebei lege ich Ihnen denn eine Arbeit vieler Jahre, die Epigonen, vor. Sie entsprang aus einem kleinen Keime, wuchs aber mir selbst zum Erstaunen unter den Händen und lebte gewißermaßen mein Leben mit. Früh fühlte ich mich mit der Zeit und Welt in einem großen Widerspruche, oft überkam mich eine große Angst über die Doppelnatur unsrer Zustände, die Zweideutigkeit aller gegenwärtigen Verhältniße, in diesem Werke legte ich denn Alles nieder, was ich mir selbst zur Lösung des Räthsels vorsagte. Dieß ist die Genesis desselben, die freilich Viele den leichten Geschichten nicht ansehn werden. Ein Urtheil habe ich nicht darüber; möge mir es so gut werden, daß ich zu seiner Zeit einmal von Ihnen vernehme, wie es auf Sie gewirkt hat. Blicke ich in das Publikum, so kann ich nur zweifeln und zagen. Die Rahels und Bettinen und absterbenden Stieglitze sind nebst einigenJungensDeutschland, Atheismus und aufgewärmtem Baron Holbach wohl die einzige mundende Kost der Gegenwart.
Ihre Novelle habe ich im vorigen Herbste mit großem Antheil gelesen. Ich fand, daß sie mehr in den Gesetzen der Gattung sich bewegte, als manche andre Ihrer letzten Dichtungen dieser Art. Der Witz und die Lehre, überhaupt die Idee des Ganzen steckt ganz in der Handlung und in den Situationen, und das ist mir nun einmalcardo reibei der Novelle. In dieser Beziehung haben Sie wirklich etwas Außerordentliches darin geleistet, auch finde ich bei der Anlage, die sie ihr gaben, durchaus nichts Hartes und Grelles in den Verknüpfungen und Katastrophen. Aber freilich — sagt Zettel — einen Löwen — Gott behüt’ uns — unter Damen zu bringen, ist eine gräuliche Geschichte! —
Wie ist es denn mit den Cevennen? Haben wir nun wirklich Aussicht dazu?
Im verwichnen Winter habe ich hier Calderons Richter von Zalamea in die Szene gehn lassen. Ich erinnere mich, bei Malsburg gelesen zu haben, daß Sie das Stück — welches auch wirklich etwas ganz Besondres, eine Art Spanischer Iffland ist — vorzüglich intereßirt, und so wird Ihnen diese Nachricht auch nicht ohne Intereße seyn. Meine Bearbeitung theilte das Stück in 4 Acte, mancher Luxus war hinweggeschnitten, auch fehlte der närrische Junker und sein Diener, welche zu ihrem Nachtheil an Don Quixote und Sancho erinnern, und heut zu Tage wohl nicht mehr populair gemacht werden können. So eingerichtet, kräftig und präcis gegeben, that es seine volle Wirkung; das atroce Verbrechen des letzten Acts choquirte auch weniger, als ich selbst gedacht hatte, weil das Verletzende vor der Tragik und Delicatesse der Behandlung verschwand. — Auch Terenzens Brüder wurden einmal hier wieder auferweckt. An solchen und ähnlichen Abenden kann man denn sich einbilden, man verzettle seine Zeit nichtunverantwortlich mit der Bühne, was Einem sonst nur zu oft in den Sinn kommt.
Ich wünsche nun nichts sehnlicher, als daß mir Muth und Stimmung kommen möge, den Blaubart noch in dieser Saison wieder anzufassen. Die gehören freilich zu solchem Unternehmen. Wenn er gegeben wird, erhalten Sie von mir Nachricht.
Herr v. Uechtritz, mit dem ich mich nach einigen Mißverständnissen, welche uns eine Zeit lang von einander hielten, wieder sehr gut und freundlich zusammengefunden habe, ist mit den Vorbereitungen zu einer großen Novelle beschäftigt. Sie soll die ersten Zeiten der Reformation und deren Wirkungen in Italien darstellen, und er ist zu der Arbeit wohl durch Rankes Buch angeregt worden. Er wird Sie im Herbst besuchen. Wie gern nähme ich denselben Weg, doch werde ich wohl hier hausen bleiben müssen.
Ihrem ganzen Hause mich angelegentlichst empfehlend, bin ich mit unwandelbarer Gesinnung
der IhrigeImmermann.
der Ihrige
Immermann.
Düsseldorf, d. 8. August 1836.
Der anliegenden Einladung der Gräfin Ahlefeldt für Sie, mein theurer Gönner und Freund, und Gräfin Finkenstein, bei ihr zu wohnen, kann ich meinerseits nur den Wunsch hinzufügen, daß Sie das freundlich gemeinte Erbieten annehmen mögen. Ich freue mich sehr auf Ihr Hierseyn, und um so mehr, wenn mir in der Stille und Ruhe eines Privathauses die Gelegenheit wird, recht ungestört mit Ihnen mich auszusprechen. Schlagen Sie also gütig ein.
Wenn es Ihnen möglich ist, so wäre es sehr gut, Sie kämen etwas früher, als Sie sich vielleicht ursprünglich vorgesetzt haben, und träfen spätestens am 20. d. M. hier ein. Die Gemälde-Ausstellung wird kaum bis zum 24. oder 25. dauern, mehrere Künstler verlaßen den Ort gegen Ende August, um ihre Herbstreisen zu machen, auch Uechtritz und Schnaase wollen fort, der Eine nach Berlin, der Andre nach München. So wäre es leicht möglich, daß Sie das leere Nest fänden, wenn Sie erst in den letzten Tagen des August hier einträfen. Überhaupt müssen die Ressourcen unsres kleinen Orts beisammen seyn, wenn Sie sich hier unterhalten sollen. Kommen Sie aber bis zum 20ten, so kann Alles recht hübsch werden. Sie haben wohl die Güte, mir vorher noch einmal zu schreiben, und den Tag Ihrer Ankunft zu bestimmen?
Den jungen Tischlermeister habe ich gelesen, und mich sehr daran erfreut. Man fühlt, daß darin ein Stück Ihrer glücklichsten Jugend aufbehalten ist, es ist Manches so frisch, wie in den Mährchen des Phantasus. Zugleich ist die Idee, daß der Mensch, um zur Reife der Männlichkeit und der häuslichen Verhältniße zu gelangen, erst noch manche vorbehaltne Jugendsünde und Jugend-Thorheit nachgenießen muß, sehr schön und wahr durchgeführt. Als ich das erste Fragment von Ihnen in Dresden vorlesen hörte, meinte ich, der Baron werde dem jungen Meister in seinem Hause bei der Frau allerhand Leid verursachen, oder zu verursachen suchen, und war einigermaßen überrascht, als der zweite Theil hiervon nichts besagte. Außerordentlich glücklich und fein ist die ganze Führung des Theater-Abenteuers. Ja, dieß ist wirklich die Geschichte aller Theater in Deutschland, oder des deutschen Theaters überhaupt. Erst mißverstandne Versuche vor Puppen und Perücken, dann ein glücklicher Moment, wo Zufall, Begeistrung, Laune und Empfänglichkeit einander die Hände reichen, und gleich darauf der jähe Fall in einen wüsten Spektakel von Crethi und Plethi. Unsre hiesige Bühne steht auch schon hart an der Grenze dieses letzten Stadii, der Einfluß des Pöbels auf das deutsche Theater ist einmal nicht abzuwehren, und ich werde binnen Kurzem nur eben noch für meine Person im Stande seyn, mich von der Sache abzuthun, bevor Hinz und Kunz ihr liebliches Wesen treiben auf den Brettern, die wenigstens mir meine Welt nicht bedeuten, wie sie sind.
Was Sie mir über die Epigonen sagen, hat mich sehr erfreut, da es mir beweist, daß die Production doch einen spezifischen Eindruck auf Sie gemacht hat, der bei jeder Arbeit immer das Hauptsächlichste ist. Daß gerade über eine solche, wie die Epigonen sind, die Meinungen besonders Anfangs differiren, liegt in der Natur der Sache, und so muß ich Ihnen gestehn, daß mir selbstdieEigenschaften, welche Sie hervorheben, nicht so einleuchten wollten als das Charakteristische des Werts. Doch hierüber vielleicht mündlich, wenn Sie Lust haben, mit mir über das Buch zu sprechen.
Wegen Schlegels glaube ich doch ein ganz reines Gewißen zu haben. Solche Scherze sind ja von jeher in der Literatur erlaubt gewesen; blickt aus ihnen keine traurige und feindselige Absicht, schwirren sie, wie hier, rasch ohne lastendes Gewicht vorüber, so kann man dem Urheber wohl nicht den Willen beimeßen, das Große und Gute einer Persönlichkeit zu verunglimpfen, von welchem Willen wenigstens meine Seele, wie ich versichern kann, sehr fern war. Ich empfinde dankbar, was ich mit allen übrigen Deutschen Schlegeln schuldig geworden bin. — Wäre das angefochtne Capitel ohne rechten Grund willkührlich geschrieben worden, so stände die Sache wieder anders. Allein in einem Buche von universeller Tendenz wie die Ep. mußten nothwendig an einem Punkte die Figuren der deutschen Gelehrtenwelt repräsentirt werden, und es hätte ohne jene Gestalt eine bedeutende Nüance in dem Tableau gefehlt, so daß ich daher nicht nur sage, sondern auch davonüberzeugt bin, daß dieß, wie es zu stehen gekommen ist, mit Nothwendigkeit aus der Öconomie des Ganzen hervorging[5].
Die Schlegels haben zu ihrer Zeit Niemand geschont; ihre Scherze ergingen sich frei an Voß, Niebuhr und Schiller, die doch gewiß auch ihre bedeutenden Verdienste hatten; warum es einem Späteren verargen, wenn eine scherzhafte Nemesis durch ihn redet?
Doch genug hievon. Es lag mir daran, mich bei Ihnen zu rechtfertigen, und das war mit zwei Worten nicht wohl abzuthun. Ich bitte um meine gehorsamste Empfehlung an Frau Gräfin v. Finkenstein, und sehe mit Ungeduld dem Augenblicke entgegen, wo es mir vergönnt seyn wird, in Ihr liebes Antlitz zu schauen. Treuergeben
IhrImmermann.
Ihr
Immermann.
Düsseldorf, d. 22. Januar 1837.
Theurer Freund und Gönner!
Erlauben Sie mir, Sie nach langer Pause wieder einmal mit diesen Zeilen zu begrüßen. Wie schmerzlich war es mir, Sie im vorigen Sommer hier nicht sehen zu können, und wie mußte mich dieser Grund des Entbehrens erschrecken und betrüben! Doch alle Nachrichten geben uns die tröstliche Versicherung, daß die Folgen des bösen Falls glücklich überstanden sind, und so habe ich denn auch die freudige Aussicht, daß, was das vorige Jahr versagte, dieses bringen und Sie uns hieher führen wird.
Ich bin um eine Verwendung bei Ihnen angesprochen worden, wozu ich mich auch mit gutem Gewißen verstehen kann. Unsre Bühne geht mit dem 31ten März d. J. aus Mangel fernerer Subsistenzmittel wenigstens vor der Hand ein. Eines ihrer Mitglieder, der Komiker Jencke, wünscht nun auf das lebhafteste, wenn es möglich, in Dresden placirt zu werden, wo er sich namentlich von Ihrer Einwirkung die besten Folgen für seine fernere Ausbildung verspricht. Er hat gehört, daß sein Fach noch immer dort erlediget sei, und es würde ihm daher äußerst lieb seyn, wenn ihn die Intendanz zuGastrollen im Aprilverstatten wollte. Er glaubt, daß Ihrer freundlichen Vermittlung dieß ein Leichtes seyn werde, zu bewirken, und hat mich gebeten, Ihre Güte in dieser Hinsicht anzurufen.
Ich habe Herrn Jencke seinen Fehltritt vom vorigen Jahre — oder vielmehr seine Fehlfahrt nach Dresden — vergeben, da er sich seitderZeit tadellos betragen hat, und manche Umstände ihn damals entschuldigten, obgleich ich im Intereße des von mir verwalteten Instituts streng zu verfahren verpflichtet war. Als Komiker kann ich ihn nun wirklich durchaus nur empfehlen. Er besitzt natürliche Laune, charakteristische poetische Auffassungsgabe, weiß seine Rollen vor allem Gemeinen sehr glücklich zu bewahren, und hat das regste Streben, sich noch viel weiter zu bringen, als wo er jetzt steht. Aus der Sphäre des ordinair Komischen, womit sich die gute Deutsche Bühne von Tag zu Tag hinhilft, ist es ihm schon gelungen, einigemale jenes höhere Gebiet der Heiterkeit zu erreichen, worin Sie mit Calderon und Shakespeare walten. Er lieferte mit entschiednem Erfolge denJunker Winfriedim Blaubart, denSyrus,Mercutiound noch jüngsthin den Chinto in der Tochter der Luft, so wie den Clarin im wunderthätigen Magus. — Ich lege Ihnen daher sein Gesuch an das Herz und bin überzeugt, daß wenn er zum Spiel kommt, er sich selbst am besten empfehlen wird.
Unsre Bühne lieferte in diesem Winter von bedeutenden Werken, Othello, den wunderthätigen Magus, die Tochter der Luft (den 2ten Theil, mit einem aus dem 1ten Theile entnommen Vorspiele. Semiramis und Ningas ließ ich voneinerDarstellerin geben).
Noch stehen bevor Kleists Schroffensteiner, Iphigenie, Richard der Dritte, Cäsar. Auch mein Alexis wird in nächster Woche wieder an 2 Abenden gegeben werden.
Es ist Schade, daß die Anstalt untergeht. Denn ohne sie oder mich zu überschätzen, kann ich doch sagen, daß sie eine poetische Bühne war, und daß immer neue schwierige Aufgaben alle Kräfte in Spannung erhielten. Was hätte noch Alles hier möglich werden können, wenn sich ein großgesinnter Fürst der Sache angenommen hätte!
Doch das sind Dinge, die in Deutschland sich immer wiederholen. Das Geistige pflegt doch in seinen Nachwirkungen nicht ganz verloren zu seyn; damit muß ich mich trösten.
Mit herzlicher Liebe und Anhänglichkeit