Geb. zu Königsberg 1751, gest. zu Halle den 27. Juni 1814.Wenn er zu seiner Zeit als Komponist größerer wie kleinerer Opern, Operetten und Liederspiele einen hohen Rang einnahm; wenn er als Redakteur der musikalischen Zeitung, ja auch als politisirender Schriftsteller vielseitigen Einfluß übte, und für eine geistige Macht gelten durfte, die man bisweilen beargwöhnte, daß sie sich zu überheben suche; wenn all’ diese seine verschiedenartigen Produktionen, die den Mitlebenden imponirten, jetzt mit ihnen begraben sind.... in Einem wird er doch unvergeßlich bleiben, und auch heutzutage bei gänzlicher Geschmacksveränderung jeden Unbefangenen entzücken, der ihn darin kennen lernen will: in seiner Art und Weise, Liedern unserer größten Dichter entsprechende Melodieen zu finden. Reichardt verdient vollkommen den NamenTondichter, denn keiner hat tieferes Verständniß dabei an den Tag gelegt. Es war eine offenbare Ungerechtigkeit, daß Goethe wie Schiller sich von diesen wahrhaft klassischen Kompositionen abgewendet haben, um Zelter’n zu huldigen. Eine Ungerechtigkeit, die sich wohl nur erklären läßt durch oft anmaßendes Betragen, und durch manche kleine Charakterzüge, die ihn perfiderscheinenließen, wo er doch in gutem Rechte zu sein glaubte. Gewiß hat dieser bedeutende Mensch Alles gethan,um sich Feinde zu machen. Auch seine Stellung bei Hofe verdarb er sich durch unüberlegte Witzworte, die er schonungslos wie Geißelhiebe austheilte. Als z. B. der vielbeliebte KapellmeisterHimmeldie von Kotzebue aus Paris mitgebrachte Operette „Fanchon, das Leiermädchen“ in Musik setzte, und die darin enthaltenen unzähligen kleinen, coupletartigen Liedchen mit leichten Melodieen begleitete, äußerte Reichardt, erbittert über den beispiellosen Succeß solch´ oberflächlicher Leistung ganz laut: „In dieser Oper sieht man den Himmel für einen Dudelsack an!“ was zwiefach boshaft klang, weil dieser Ausdruck volksthümlich auf Betrunkene angewendet wird, und weil Himmel im Rufe stand, oft betrunken zu sein.Von den Briefen R.’s an Tieck haben wir nureinenwegzulassen gewagt, — obgleich sehr ungern — aus Rücksichten für Lebende wie Todte. Dafür bringen wir als Zugabe ein Schreiben Tieck’s anihn, womit diese Reiheeröffnetwird, und als Anhang zwei Briefe seiner TochterLouise, die dem Freunde und KennerdeutschenLiedes werth bleiben müßte, wenn sie gleich nichts anderes gesungen hätte, als die herrliche Melodie zu Novalis unsterblicher Klage:„Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“
Geb. zu Königsberg 1751, gest. zu Halle den 27. Juni 1814.
Wenn er zu seiner Zeit als Komponist größerer wie kleinerer Opern, Operetten und Liederspiele einen hohen Rang einnahm; wenn er als Redakteur der musikalischen Zeitung, ja auch als politisirender Schriftsteller vielseitigen Einfluß übte, und für eine geistige Macht gelten durfte, die man bisweilen beargwöhnte, daß sie sich zu überheben suche; wenn all’ diese seine verschiedenartigen Produktionen, die den Mitlebenden imponirten, jetzt mit ihnen begraben sind.... in Einem wird er doch unvergeßlich bleiben, und auch heutzutage bei gänzlicher Geschmacksveränderung jeden Unbefangenen entzücken, der ihn darin kennen lernen will: in seiner Art und Weise, Liedern unserer größten Dichter entsprechende Melodieen zu finden. Reichardt verdient vollkommen den NamenTondichter, denn keiner hat tieferes Verständniß dabei an den Tag gelegt. Es war eine offenbare Ungerechtigkeit, daß Goethe wie Schiller sich von diesen wahrhaft klassischen Kompositionen abgewendet haben, um Zelter’n zu huldigen. Eine Ungerechtigkeit, die sich wohl nur erklären läßt durch oft anmaßendes Betragen, und durch manche kleine Charakterzüge, die ihn perfiderscheinenließen, wo er doch in gutem Rechte zu sein glaubte. Gewiß hat dieser bedeutende Mensch Alles gethan,um sich Feinde zu machen. Auch seine Stellung bei Hofe verdarb er sich durch unüberlegte Witzworte, die er schonungslos wie Geißelhiebe austheilte. Als z. B. der vielbeliebte KapellmeisterHimmeldie von Kotzebue aus Paris mitgebrachte Operette „Fanchon, das Leiermädchen“ in Musik setzte, und die darin enthaltenen unzähligen kleinen, coupletartigen Liedchen mit leichten Melodieen begleitete, äußerte Reichardt, erbittert über den beispiellosen Succeß solch´ oberflächlicher Leistung ganz laut: „In dieser Oper sieht man den Himmel für einen Dudelsack an!“ was zwiefach boshaft klang, weil dieser Ausdruck volksthümlich auf Betrunkene angewendet wird, und weil Himmel im Rufe stand, oft betrunken zu sein.
Von den Briefen R.’s an Tieck haben wir nureinenwegzulassen gewagt, — obgleich sehr ungern — aus Rücksichten für Lebende wie Todte. Dafür bringen wir als Zugabe ein Schreiben Tieck’s anihn, womit diese Reiheeröffnetwird, und als Anhang zwei Briefe seiner TochterLouise, die dem Freunde und KennerdeutschenLiedes werth bleiben müßte, wenn sie gleich nichts anderes gesungen hätte, als die herrliche Melodie zu Novalis unsterblicher Klage:
„Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“
„Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“
„Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“
„Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,
Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“
Ludwig Tieck an Reichardt.
Dresden.... 1801[4].
Ich schicke Dir hier nach meinem Versprechen das Liederspiel zurück, das ich mit großemVergnügen gelesen habe; da Du aber ein ganz aufrichtiges Urtheil von mir verlangst, so wär’ es sehr Unrecht von mir, wenn ich es Dir nicht ganz so mittheilte, wie es mir beim Lesen und beim nachherigen Ueberlegen vorgekommen ist. Du weißt, was mir in Deinen beiden ersten Stücken so sehr gefiel, war ein gewisses künstliches Gegenüberstehn der Personen und Gesangesmassen, wieich es nennen möchte, wodurch in den Liedern selbst eine fortschreitende Handlung war, und wodurch alles korrespondirte und sich gegenseitig trug und erhielt. Dies scheint mir in diesem Stücke zu fehlen, wodurch es ein wildes verworrenes Ansehn erhält, und doch monoton wird, alle Töchter drücken einen Gedanken aus, ebenso die Künstler, Mann und Frau stehn fast ganz müssig, die Handlung erregt eine falsche Erwartung, die nachher nicht befriedigt wird. Wozu lässest Du das Theater verwandeln? Ich sollte meinen, bei einem solchen Tableau müßte wirklich die Unveränderlichkeit der Bühne ein Gesetz sein; denn durch die bloße Verwechselung der Scene entsteht schon ein viel größerer Anspruch, eine Ausbreitung, die dem kleinen Detail Schaden thut; wenn ich das Final abrechne, so hat Göthe wohl in Jery und Bâtely die Aufgabe sehr schön gelöst. Ich fürchte auch, was das Aeußere anbetrifft, die erste Scene mit dem Herunterklettern muß sich auf jedem Theater kleinlich machen, und was noch schlimmer ist, Du hast dadurch das Pikante vorangestellt; denn nachher ist es mit dem Vorfall schon vorüber, es steht nur still und erhält eine Auflösung, die ängstlich klar und deutlich ist, und die man eigentlich gar nicht erwartet. Wozu sind überhaupt die handelnden Personen Künstler? Es thut nichts zur Sache, als daß es eine gewisse Heftigkeit in dem jungen Menschen zeigt, die mir wenigstens nicht hat gefallen wollen; es geht aber mit der Liebe ein wenig zu schnell, was sich mit der großen Innigkeit besonders der andächtigen Lieder nicht vereinigen läßt. Von diesen Liedern muß ich Dir überhaupt sagen, daß sie mir in diesem Stücke keine angenehme Empfindung erregt haben, sie sind fast alle die heiligsten, die Göthe je gedichtet und Du gesungen hast, sie sind wie Kernsprüche aus der Bibel, die eine unendliche Anwendung zulassen, die aber schon für sich tausend mannichfaltige Geschichten und Empfindungsspiele enthalten; will man sie nun,wie hier geschehn, in die Welt einführen, so verlieren sie durchaus ihren Charakter von Allgemeinheit und Größe, sie erläutern einen geringfügigen Umstand, wodurch sie fast zur Parodie werden, wie es besonders mit dem göttlichen:Trocknet nicht, Thränen der heiligen Liebegeschehn ist. Eben so unerwartet kam mir das Lied aus dem Meister:Kennst Du das Land, was hier nothwendig seinen (Lücken) — — — — — schöninnigen und geheimnißvollen kindischen Charakter verlieren muß. Am meisten hat mich fast der Klopstock überrascht und gestört, der doch mit seiner hohen Anmaßung noch überdies schwerfällig und unverständlich ist, so daß er gewiß mit dieser Ode nicht populär sein kann. Ich glaube überdies, diese Sachen von Göthe müssen niemals populär werden, sie können es auch nicht; auf dem Theater werden sie eben entheiligt, welcher Comödiant soll es sich unterstehn, das:Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, herzusingen? Es ist ja dieses ähnlich als im Göthe selbst der innerste Göthe, er hat dergleichen in keines seiner musikalischen Stücke aufgenommen, weil es die Andenken seiner glänzendsten Lebensmomente sind. Mir wenigstens thut es weh, diese Töne auf irgend eine Weise verknüpft wieder zu finden. Du kannst es nicht vermeiden, daß es sich nicht selbst parodirt. Warum willst Du nicht überhaupt bei kleinen Liedern stehn bleiben, die eben im Zusammenhange ergreifen, weil sie so klein und verständlich sind? Hier im Schweizerkostüm hätt’ ich mir: „Wenn ich ein Vögli wär’,“ und „Ich hab’ einmal ein Schätzel g’habt,“ erwartet und gewünscht. Es konnte eine Familie sein, die von den Unruhen vertrieben, sich hier niedergelassen, ein desperater Sohn will fort, in den Krieg, seinen Freund aufsuchen, der sich seitdem verloren; die Schwestern können ihn nicht zurückhalten, er klettert heimlich den Fels hinauf, indeß zeigt sich von oben der Freund und Geliebte, die gegenseitige Erkennung,die Liebe, die Nachricht vom Frieden und dergleichen, recht alte Schweizerleute in Mann und Frau hätten wohl etwas Schönes machen können, dazwischen einmal der Kuhreigen u. dgl. — Verzeih mir meine umständliche Kritik, die vielleicht zu strenge sein mag. — Wir sind hier alle wohl, nächster Post wird Mama schreiben, die außerordentlich munter ist. Ich danke Dir noch einmal für Deine freundliche Aufnahme, und denke noch mit Sehnsucht an Euren schönen Aufenthalt.
Grüß alle herzlich von mir.
DeinL. Tieck.
Dein
L. Tieck.
Reichardt an Tieck.
Halle, den 1ten März 1812.
Schon längst wollt’ ich Dir, mein Lieber, schreiben, um Dich wieder einmal an unsre Sacontala zu mahnen. Im Herbste hatte das Vorlesen dieses herrlichen Stückes mich schon zu einer Ouvertüre begeistert, die den in sich geschlossenen heiligen Kreis jener lieblich göttlichen Natur gar glücklich darstellt. Könnt’ ich Dir diese, von allen vorhandenen Ouvertüren gänzlich abweichende, nur einmal ordentlich hören lassen! Du würdest wohl dadurch zur Thätigkeit ermuntert werden. Aber so leben wir Beide Jeder in einem armseelig unmusikalischem Winkel, und das zwischen uns liegende große Berlin wird für Alles, was Kunst und Genie verheißt und erzeugt, immer kleiner und armseeliger, daß auch da kaum mehr eines bedeutenden Zusammentreffens zu gedenken ist. Doch rechne ich etwas darauf, wenn ich Dich, mein Lieber, bei meiner schlesischen Reise sehen kann. Entwedermach’ ich sie hin- oder zurück über Berlin, und also auch über Ziebingen. Wenn Du Dich doch bis dahin mit dem herrlichen Gegenstande wenigstens im Geiste etwas mehr beschäftigen wolltest, damit wir dann um so fruchtbarer darüber conferiren könnten! Ein musikalisches Scenarium hab’ ich bereits dazu entworfen, dieses könnten wir dabei zum Grunde legen. Ließet Ihr Lieben Eure schlesische Reise bis zum Herbst, so könnten wir uns wohl auch in Breslau treffen, und ich könnte Dir da vielleicht meine Ouvertüre hören lassen. Eher als im October komm’ ich selbst aber nicht hin. Bis dahin will ich mein liebes Giebichenstein in schöner Einsamkeit, und in einem guten Stück Arbeit, nach welchem mich lange schon recht eigentlich dürstet, wozu es mir aber immer an völliger Ruhe gebrach, so recht in vollen Zügen genießen. Dabei auch meinen lieben Garten recht ordentlich pflegen und benützen.
So lange haben wir nun nichts von Dir gehört und gelesen. Du bist doch wohl nicht so ganz faul gewesen? Das Beenden und die Besorgniß der Herausgabe wird Dir wohl so recht eigentlich nur lästig? Könntest Du Dir dazu nicht einen geschickten Handlanger zulegen? Daß ich selbst für mich nicht früher an einen solchen gedacht, gereut mich jetzt sehr oft. Wenn ich jetzt — oft mit herzlichem Lachen — von grünschnäbelichen Recensenten lesen muß, wo sie ein Lied von mir (absichtlich) doppelt komponirt finden, „ich könne nun einmal nichts von meinen Arbeiten ungedruckt lassen“ — seh’ ich doch nicht ganz ohne Bedauern auf mehr als zwei Drittheile meiner besten Kompositionen zurück, dir gar nicht bekannt wurden.
Wird in Deinem nächsten Kreise auch wohl der edle Gesang recht eifrig getrieben? Habt Ihr auch wohl meinen Göthe und Schiller, in denen so mancher gute Chorgesang steht? Mit den letzten Heften von beiden könnt’ ich noch dienen;die ersten besitz’ ich aber nicht mehr. — Grüße Alle, besonders Burgsdorf recht sehr von mir. Mit diesem hab’ ich immer gehofft, mich einmal in Dresden zu treffen; es hat aber nicht gelingen wollen. Wenn Du mir eine rechte Freude machen willst, so schreib mir bald, und sag’ mir auch, daß Du auch unserer Sacontala so rechtcon amoregedenkst.
DeinReichardt.
Dein
Reichardt.
Halle, den 17ten März 1812.
Deine schnelle herzliche Beantwortung meines Briefes hat recht erquickt, mein Lieber. Ich eile Dir mein musikalisches Scenarium zur Sacontala zu schicken. Du wirst finden, daß sich recht viele und mannigfaltige Veranlassung zum Gesange darbietet, und die dazwischen fallenden Recitative eben nicht ermüdend lang werden dürfen. Denn ich nehme ein völlig gesungenes Singspiel an, aus dem allein ein Ganzes, ein vollendetes Kunstwerk werden kann. An die gewöhnlichen Formen der Arien und Ensemblestücke denk’ ich kehren wir uns gar nicht. Sind die Verse nur rhytmisch bedeutend und symmetrisch unter sich, findet sich die bessere und beste musikalische Form in der Begeisterung der Arbeit selbst. An unser Theaterpersonale und Publikum müssen wir gar nicht weiter denken, als daß wir nur nicht unnöthige Schwierigkeiten für die Aufführung häufen. Was der beste Decorateur und Maschinist, der von Natur begabte Sänger, und ein empfängliches Publikum darstellen, geben und empfangen muß unsere einzige Richtschnur seyn. Stellen wir so ein wirklich neues, in sich abgeschlossenes Kunstwerk dar, so wird sich ja auch wohl einmal ein Fürst und Theaterdirektor finden, mit dem wir eigentlich hätten leben sollen, der aber ohne unser Werknicht zu seiner gehörigen Höhe gehoben werden konnte. Ich bin mit Dir völlig überzeugt, daß wir kein Singspiel haben, wie es seyn sollte; und auf dem Wege, den man gleich bei Erfindung der ital. Oper betrat — zur Wiederherstellung der griechischen Tragödie — konnten wir auch keines erhalten. Alles was die Alten hatten: Vaterland, Verfassung, Sprache, Poesie, Volk, hinderte sie an der Erfindung der Musik (als eigentl. Kunst) und des wahren Singspiels. Alles was die Neueren aber durch Religionseifer und weichliche Empfindsamkeit erlangten und erfanden, ward ihnen wieder unnütz durch den Rückschritt zur alten Tragödie. Kunstgenie’s haben sich immer und überall gegen die Magister gesträubt; jene haben fest gehalten; und so sind tausend Zwitter und Ungeheuer entstanden, an denen sich die Tonkunst ausgebildet und fast vollendet hat. Daß Mozart das Höchste darin leisten konnte, hat er wirklich dem Schikaneder und Consorten zu danken. Ohne die Zauberflöte und Don Juan hätten wir keinen ganzen Mozart!
An meinem Scenarium wirst Du leicht bemerken, daß ich mich wohl zu sehr an das indische Stück gehalten habe. Aber selbst dann, wenn Dein poetischer Genius Dir eine ganz andere Folge für das Singspiel eingiebt, wirst Du doch immer die Gesangspunkte als Fingerzeige bezeichnet finden, und benützen können. Sonst bild’ ich mir wahrlich nicht ein, Dich durch das Scenarium binden zu wollen. Es wird indeß immer dazu dienen, und über Anlage und Ausführung zu verständigen, und daß dieses durch fortgesetzten Briefwechsel geschehe, wünsche ich von Herzen, da unsere Zusammenkunft sich bis gegen Winter verspäten möchte. Danke Burgsdorf recht sehr in meinem Namen für seine freundliche Einladung, und sag’ ihm, daß ich gerne nach Möglichkeit davon Gebrauch machen werde. Dießmal wird es auf keinen Fall solche Eile mit mir haben, als damals nach dem verwünschtenKriege und preußischen Aufenthalt, der den innersten Kern meines Lebens zum ersten Male anzugreifen drohte. Wie gern ladete ich Dich für den Sommer zu uns ein! In dem lieben Giebichenstein, das Dir von jeher so lieb war, würden wir erst ganz mit unserm Genius leben und weben können. Aber ich werde diesen Sommer da draussen ganz einsam seyn, und weiß selbst noch nicht recht, wie ich’s mit meiner eigenen Oekonomie für meine Person einrichten soll. Doch das ist meine geringste Sorge. Ich bin leicht bedient, wenn mir Freiheit und Ruhe vergönnt ist. Auf diesen häßlichen Stadtwinter soll mir auch die einsamste Einsamkeit höchst wohlthätig in Mitte der lieblichen Natur da draussen seyn. Nun weiß ich doch auch, wie es den Schwalben zu Muthe ist, die sich über Winter im Morast verbergen, und freue mich auf mein Schwalbenerwachen für die nächste Woche wie ein Kind. Wenn uns nur das Wetter, das jetzt schlackrich und schneeich ist, einigermaßen darin begünstiget.
Von der Sacontala muß ich noch bemerken, daß Du viel Chöre absichtlich angegeben finden wirst; oft auch „hinter der Scene.“ Mir scheint dieses dem feierlich heiligen Charakter des Stücks, das so viel im Walde spielt, angemessen. Auch bearbeite ich die feierlichen Chöre so gern. Dann auch noch: Du wirst den Namen „Duschmante“ für den Gesang nothwendig wohlklingender machen müssen; vielleicht „Damante,“ das für unser an italienischen Gesang gewöhntes Ohr eine angenehme Nebenbedeutung hat.
Auf Deine Riesen- und Feen-Oper nach Calderon bin ich recht begierig. Wie heißt das spanische Stück? Könnten wir dieses nicht für dieZeitfertigen, indem wir jenes so recht absichtlich für dieEwigkeitbebrüten?Iffland wollte schon für diesen Winter eine neue Oper von mir haben. Bei der neuen Einrichtung des Berliner Theaters, nach welcher er auf seine Kasse Righini und den Rest des alten KöniglichenOrchesters übernehmen mußte, machte er für diesen Winter aber Schwierigkeit, mir eine große Oper so wie bisher bezahlen zu können — (und dergleichen thu’ ich nur für’s Geld!) — da verlangte er unterdessen ein kleines Stück, Operette oder Liederspiel, für welches er mit ein paar hundert Thalern sich abfinden könnte. Doch weder für dieses, noch für die große Oper war ein Gedicht zu finden, das uns beiden recht dünkte. Er schlug mir unseelige Kotzebuejaden vor, die mich anekelten; ich ihm das blaue Ungeheuer, das ich nach Gozzi bearbeitet habe, worin ihm aber die Maskenrollen zuwider waren. Nun ist die Rede wieder für den Herbst so etwas zu besorgen. Könnten wir die Riesen und Feen bis dahin fördern, so sollt’ er auch wohl für das Gedicht mit Hundert Thalern oder dergleichen herausrücken. Ueberlege Dir’s doch und gieb mir bald Antwort darauf. Ich bin mit ihm in fortwährendem Briefwechsel darüber. Deine andere Frage über ein „Ungeheuer“[5]versteh’ ich nicht. Hast Du ein solches Gedicht drucken lassen? Einzeln.. oder wo?
Ich bringe Dir im Herbst auch so Mancherlei, das ich in den letzten Jahren für’s Theater entwarf und zum Theil ausführte, um Deine Meinung und leitendes Urtheil darüber zu vernehmen. Schon darum muß ich mehrere Tage mit Dir leben, wenn mein Wunsch, für den Du hier in Giebichenstein zu kurz bliebst, erfüllt werden soll.
Du endest Deinen lieben erfreulichen Brief mit so guten Wünschen für mein Wohl, daß ich Dir mit Worten nicht genug danken kann. Wenn es mir nur ferner gelingt, mir mein Giebichenstein zu erhalten, will ich sehr froh leben undsterben. Von ihm mich trennen fühl’ ich als eine wahre Unmöglichkeit. Der Garten ist zu einem Theil meines Lebens mächtig herangewachsen. Könntest Du ihn doch wieder bald einmal in seiner ganzen Frühlingspracht sehen! Er muß dieses Jahr unendlich schön blühen und prangen: unzählige Rosen- und Blumen-Gesträuche aller Art hab’ ich verwichenen Herbst wieder hineingepflanzt, und jede Partie wächst so frei und voll ihrer Pracht entgegen. Es kostet mir viel Mühe und Kunst die Pension von 800 Thalern, welche mir der König von Preußen voriges Jahr zugestand, hierher (in’s damals Westphälische!) zu erhalten, und eigentlich lüg’ ich mich nur so damit durch. Doch hoff’ ich auf Inkonsequenz und Veraltung. Wie es indeß auch immer werden mag, lieber leb’ ich am Ende ganz allein in dem lieben Giebichenstein von Milch und Früchten, als irgend wo anders in Ueppigkeit!
Amalie und Alles was unserer in Liebe gedenkt ist herzlich gegrüßt. Meine Frau hofft noch sehr auf eine Zusammenkunft mit ihr in Schlesien. Mitte Mai wird sie sich wohl mit Raumers in Schmiedeberg zusammenfinden und da bis gegen den Herbst, mit Waldenburg abwechselnd, bleiben. Dann gehen sie zusammen nach Breslau, was Euch wohl fast näher liegt. Wir haben immer die besten Nachrichten von dort her, und müssen es in jeder Rücksicht für ein Glück halten, daß die Lieben nach Breslau und nicht nach Berlin gekommen sind.
Nun mein Lieber sey herzlich umarmt, laß bald wieder von Dir hören. Laß uns nicht ermüden, bis wir zusammen was Rechtes zu Stande gebracht haben. Immer und ewig der Deine
Reichardt.
Reichardt.
Giebichenstein, d. 27. Jul. 1812.
Malchen[6]hat mir im besten Wohlseyn Deinen lieben Brief gebracht, mein geliebter Freund und Bruder. Sie hat sichs mit den lieben Kindern Freitag Mittag und Sonnabend Abend hier draußen gefallen lassen, und der Garten schien ihnen allen wieder viel Freude zu machen. Er ist auch wirklich in einem sehr lieblichen Zustande und ich habe es hundertmahl bedauert, daß Du nicht mitten unter uns warst. Es ist mir sehr schwer geworden mit dem Antrage zurückzuhalten, daß Du doch die Zeit der Abwesenheit von M. hier bei mir in schöner Einsamkeit zubringen möchtest. Aber Du sollst ein verzärtelter delicater Gast seyn, und dazu fühlt ich in mir und in meinem Hause eben nicht die Mittel und Fähigkeit zu so völliger Befriedigung, als ich sie Dir gern gewährte. Wie hätten wir nicht auch mit gemeinsamer Liebe und Zärtlichkeit über unsre Sacontala brüten und singen wollen! Was Du mir in Deinem Briefe darüber sagst, zeigt mir daß Du das Ganze tiefer beherzigst und ich will die einzelnen Fragen nach Möglichkeit beantworten. 5 Akte sind gewis zu viel. Auch ist nach meinem Plan sicher zu viel Gesang darinnen, wiewohl ich auf den luxuriösen üppigen ganz ausgesponnenen Gesang der neuesten Zeit dafür gerne Verzicht thäte, so leicht es mir auch wird ihn den besten italienischen Mustern nachzubilden. Das Ganze glücklich in 2 Theile zu theilen, wäre gewis von großem Gewinn; wenn auch der Abschnitt, dächt’ ich, nicht so scharf wäre, daß ein zweites Stück nicht nothwendig geahndet und verlangt werden dürfte. Die Geister denk’ ich mir auch zum Theil sichtbar und besonders Tänze bildend. Freilich, denken wir dabey an unser Theater, bin ich, ganzDeiner Art, Angst und Bange. Was Jämmerlicheres als unser modernes deutsches Theater hat es nie in der Welt gegeben. Ich kann mich auch gar nicht mehr entschließen es zu sehen, weder hier, wo die Weimarsche Truppe spielt, noch in Berlin. Die Hauptcharactere der beiden Theile unsrer Sacontala hast Du sehr bestimmt und richtig angegeben, jedes könnte so für sich ein schönes herrliches Ganze werden, und doch durch das Hauptganze erst der ganze hohe Eindruck eines ächt lyrisch dramatischen Werks hervorgehen. Nächstens werd’ ich Dir einzelne musikalische Sätze dazu schicken; damit Du Dein Heil daran versuchen mögest. Was sich Dir nicht gleich willig zu poetischer Bearbeitung darbietet das lege nur gleich bei Seite. Mir werden dergleichen Sätze auch in großer Menge gar leicht.
Ich danke Dir in diesen fatalen Tagen, die wieder mit mancher körperlicher Plage für mich verbunden waren, noch andern reichen Genuß. Carl[7]ist so brav gewesen mir Dein altenglisches Theater herzuschicken, das ich noch nicht kannte, und worin mir der Flurschütze und Perikles sehr großes Vergnügen gewährt. Gegen den Johann bin ich nun erst begierig den späteren zu halten und den Lear kenn’ ich noch nicht. Auch hat mir C. ein paar inhaltreiche Briefe mitgetheilt, die Du ihm aus M. über Göthe geschrieben, und in denen mein eigen Urtheil rein ausgesprochen ist. Ja ich möchte noch hinzu behaupten, daß G. weit mehr ein gebohrner Denker, Beobachter und Redner als Dichter ist. Als dramatischer Dichter fehlt ihm gewis das, was eben auf der Bühne allein den sicheren Effeckt gewährt. Er ist auch da immer mehr Menschenkenner und Redner, als Schöpfer und Dichter; am wenigsten Schauspieler.
Das Buch des Grafen bring’ ich dir nach B. mit: dennich rechne sehr darauf, Dich Ende Sept. oder Anfangs Oct. dort zu umarmen und mit Dir dann nach Ziebingen und so weiter zu meinen Lieben zu gehen. Laß uns bis dahin einander fleißig schreiben und schick’ mir ja gleich die ersten Verse zur Sacontala. Von Herzen der Deine
R.
R.
Berlind. 13ten Oct. 12.
Seit dem 7t. bin ich hier, mein Lieber, und hoffe täglich etwas von Dir und Deiner Herüberkunft zu hören, aber leider bis heute vergeblich. Ladet Dich nicht der schöne Herbst? C. und M. wünschen auch sehr Dich hier zu sehen, wenn sie gleich bedauern, Dich während meines Hierseyns nicht logiren zu können. Auch für mich haben sie sich erst von ihrer franz. Einquartirung, die sie 4 Monathe hatten, befreien müssen. Malchen meynte aber, Du würdest wohl bei Reimers wohnen können, und so wäre ja denn auch weiter kein Hindernis im Wege. Komme ja bald und richte Dich so ein, daß wir um die Mitte Novemb. zusammen nach Ziebingen reisen können. Burgsdorf ist ja nun auch wohl wieder zu Hause? Kommt er nicht her? Bis auf wie weit könnt’ ich von Ziebingen wohl ein gutes Fuhrwerk nach Breslau hin haben? ich möchte auf Liegnitz, oder vielmehr auf Kaltwasser, nah bei Liegnitz gehn, welches zwei Brüder von meinem Raumer gepachtet haben. Doch davon, wie von allem andern, besser mündlich. Hier ist alles wohl, mir geht es auch leidlich; in A.’s Hause sehr wohl, nur zu viel in Gesellschaft. Aus Bresl. und auch von Wilh. aus Burgos vom 15t. Aug. haben wir gute Nachricht. Gieb solche auch bald von Dir und Deinen Lieben, m. l. Freund, und empfiel mich allen aufs beste.
C. und M. grüßen Dich und M. herzl.
DeinReichardt.
Dein
Reichardt.
Breslaud. 31. Oct. 12.
Seit dem 27t. Abends bin ich recht wohl behalten hier. Bis auf ein gebrochen Rad, am Wagen des Crossner Gastwirths, eine Stunde Fußwandrung und eine Nacht in einer kleinen Dorfschenke, ging alles nach Wunsch und Willen. Hier fand ich alle sehr wohl und heiter. Rike ganz hergestellt und etwas stärker als vor der Ehe, ihre kleine Dor. ein gar liebes ruhiges Kind von freundlichem Ernst, dem Vater ganz gleich. H. und S.[8]und Clärchen auch etwas stärker geworden und alle, auch meine Frau, sehr wohlaussehend. Diese freut sich Eurer freundlichen Einladung für den Rückweg, und wird mit Vergnügen einige Tage bei Euch hausen: aber acht Tage scheinen ihr in der Nähe ihrer Töchter, die sie so lange nicht sah, doch auch zu viel. Vor Neujahr geschieht es indes auf keinen Fall. Wir sind hier auch gar gut aufgehoben. Die Kinder wohnen gar erwünscht, in einem schönen Hause, daß mich oft an die besten Lombardischen Paläste erinnert und daß auf Königl. Kosten mit aller möglichen Bequemlichkeit für sie und für die unter ihnen befindliche Bank versehen ist. Schildwachen, Hauscastellan, große Hausuhr auf dem Giebel des Hauses, doppelte Laternen, Diener für die Mineralsamml., der auch zugleich für R. und St. ein guter Aufwärter ist; man kann gar nicht bequemer geräumiger und zugleich ansehnlicher wohnen. Auch sind sie alle sehr mit der Wohnung zufrieden; auch ist die Vertheilung sehr passend ausgefallen, für St. die untere durch Höhe und Wölbung der prächtigen Zimmer noch ansehnlichere, für R. die gemüthlichere noch bequemere Wohnung. Auch von der Stadt und ihren freundlichengastfreien Bewohnern bin ich sehr gut empfangen, Einladungen zu Diners und Soupers kommen vom ersten Tage an, viel häufiger als ichs wünschte: mehrere sind auch schon abgelehnt. Die Reise hat mich doch wieder etwas von neuem angegriffen, und ich fühle wohl, daß ich Ruhe und Mässigkeit bedarf. Das Wetter hat mich sehr begünstigt, erst als ich hier schon in Sicherheit war, stellte sich der Regen ein, der die alte würdige Stadt schon gar weidlich mit Koth überzogen hat. Neues von der Armee erfährt man hier eben so wenig als in B., obgleich man ihnen hier doch schon näher ist, und manches auch über Wien her erschallt. Das fatale Friedensgerücht scheint sich indes doch von keiner Seite zu bestätigen.
Nun wünsche ich recht herzlich, mein Lieber, bald einmal etwas von Dir über all das Geschreibsel, das ich Dir zurückließ, zu erfahren. Was Du der weitern Ausführung am würdigsten findest, und worüber Du wohl bei Deinem Aufenthalt in Berlin am liebsten ein Wort zu meinen Gunsten an Reimers sagen möchtest, das könntest Du mir wohl auch wieder herschicken. Ich bin so ganz ohne Beschäftigung hier, daß ich sonst etwas Neues beginnen müßte. Ich denke mich zwar mit dem hiesigen Theater zu beschäftigen, wozu die Direction auch schon die Artigkeit gehabt, mir ein für alle Plätze gültiges Billet zuzuschicken, aber ich weiß doch noch nicht, ob mich das auch zu einer ruhigen Stubenbeschäftigung führen wird, deren ich immer bedarf. Wenn ich mit Deinem Phantasus zu Ende bin, schreib ich Dir auch, nach Deinem Willen den Eindruck, den die verschiedenen Märchen auf mich gemacht. Auf dem Wege kam ich weniger zum Lesen, als ich vermuthete, hier noch fast gar nicht. Es soll indes nicht so gar lange mehr währen, daß Waagen das Exemplar erhält. Hergekommen ist er doch nicht, aber wohl wieder von Schmiedeberg nach Waldenburg zurückgegangen: Du schickst mir auch wohl d. 2t. B. zu weiterer Beförderung.
Nimm heute mit diesem flüchtigen Blatte vorlieb, mein Lieber, wohl zehnmal ward ich dabey unterbrochen. Könnt’ ich Dich doch herzaubern, um mündlich so manches zu verhandeln, das sich in den paar Tagen dort in Ziebingen eben nicht einstellte. Am meisten hab ich Dich gestern Abend spät hergewünscht, als mir Rieke und Soph. mehrere meiner Göthe-Sachen mit einer sehr verschönten und vergrösserten Stimme, und gar edlem gehaltnen Vortrage sangen. Alle grüßen Dich und M. und D. und den kleinenC. XIIaufs herzlichste. Laß ja recht bald etwas von Dir hören und empfiel mich auch dein ganzen Hause bestens. Nochmals tausend Dank für freundl. Aufnahme.
R.
R.