Obgleich wir diese Zierde Tieckscher Geselligkeit oft zu sehen und uns an ihr zu erfreuen so glücklich waren, wollen wir doch gern, was wir von ihr zu sagen vermöchten, unterdrücken, und schwärmerisch-begeisterten Klageworten über ihren Tod (siehe den Brief des Baron Maltitz) einen zusammengedrängten Abriß ihres Lebens folgen lassen, wie derselbe auszugsweise, doch wörtlichRudolf Köpke’sherrlicher Schilderung entnommen ist.„Unter den zahlreichen deutschen Schriftstellerinnen ist Adelheid R. eine der begabtesten, und doch ist kaum eine weniger anerkannt worden. Was sie besaß und vermochte, selbst ihre Dichtungen, hatte sie dem Leben in hartem Kampfe abgerungen. Schon als junges Mädchen war sie auf sich selbst, auf ihre eigene Kraft angewiesen. Sie stammte aus einer hannoverischen Beamtenfamilie. Früh machte sie manches verborgene Leiden durch. Dennoch erwarb sie reiche Kenntnisse in Sprache und Wissenschaft, und suchte sich dadurch eine selbstständige Stellung zu verschaffen. Zuerst hatte sie inRehberg’sFamilie eine freundschaftliche und für ihre Ausbildung folgenreiche Ausbildung gefunden; dann ging sie nachWien, wo sie als Erzieherin lebte, in die Welt der großen Gesellschaft eingeführt, und nach Lösung ihrer Aufgabe mit einer Pension entlassen wurde. Sie ging nach Dresden, und lernte Tieck kennen.Fern von Weichheit und Sentimentalität, besaß sie eine männliche[10]Kraft des Talentes. Zu weiterer Fortbildung, zu eigenen Schöpfungen fühlte sie sich hingedrängt; sie wollte aussprechen, was sie in sich unter schweren Verhältnissen erlebt hatte. Die Trauerspiele „Saul“ und „Semiramis“ entstanden. In der Novelle versuchte sie sich mit bestem Erfolg. — Zu ihrer Familie heimgekehrt, führte sie ein Dasein häuslichen Kummers. Dennoch schrieb sie für öffentliche Blätter und trat, unter dem AutornamenFranz Berthold, als Erzählerin im Morgenblatte auf. Im Jahre 1831 ging sie nach München, wo sie eine Zeit lang in Schellings Hause lebte. Später nahm sie abermals eine Stelle als Erzieherin bei fürstlichen Kindern in Sachsen an. Doch weil sie in solcher Existenz die Selbstständigkeit ihres produktiven Talentes gehemmt glaubte, machte sie sich wieder los, und wagte es, sich eine unabhängige literarische Stellung zu schaffen. Seit 1834 lebte sie in Dresden, wo sie einen ihrer jüngeren Brüder auf der Militairanstalt untergebracht. Mit voller Selbstverleugnung und Aufopferung verwandte sie ihren literarischen Erwerb darauf, die Ihrigen zu unterstützen. In der Familie eines einfachen Handwerkers hatte sie sich eingemiethet, deren kleines häusliches Leben sie theilte. In ihrem Zimmer schrieb sie Dramen, Novellen, Kritiken. In der Gesellschaft erschien sie als Weltdame. Sie war eine glänzende Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von seltener Schnellkraft und Thätigkeit. In Tieck’s Hause zu Hause, ihm selbst fast leidenschaftlich ergeben, war sie heiter, witzig, sprühend, ein Gegenbild zur ernsten, frommen, gelehrten und einfachen Dorothea. Sie beherrschte das Gespräch vollkommen, mochte ihr der Diplomat oder Philosoph, der Engländer, Franzose, oder der deutsche Dichter gegenüber stehen.“ — Wie theuer sie ihrem verehrten Meister gewesen, läßt sich schon daraus entnehmen, daß Dichtungen, der aufregenden Zeit von 1830 entsprossen: „Der Prinz von Massa“ — „Masaniello“ — trotz revolutionairer Färbung nicht vermochten, sein Herz ihr zu entfremden. Sie blieb der Liebling des ganzen Tieck’schen Kreises, nicht minder geachtet als geliebt.
Obgleich wir diese Zierde Tieckscher Geselligkeit oft zu sehen und uns an ihr zu erfreuen so glücklich waren, wollen wir doch gern, was wir von ihr zu sagen vermöchten, unterdrücken, und schwärmerisch-begeisterten Klageworten über ihren Tod (siehe den Brief des Baron Maltitz) einen zusammengedrängten Abriß ihres Lebens folgen lassen, wie derselbe auszugsweise, doch wörtlichRudolf Köpke’sherrlicher Schilderung entnommen ist.
„Unter den zahlreichen deutschen Schriftstellerinnen ist Adelheid R. eine der begabtesten, und doch ist kaum eine weniger anerkannt worden. Was sie besaß und vermochte, selbst ihre Dichtungen, hatte sie dem Leben in hartem Kampfe abgerungen. Schon als junges Mädchen war sie auf sich selbst, auf ihre eigene Kraft angewiesen. Sie stammte aus einer hannoverischen Beamtenfamilie. Früh machte sie manches verborgene Leiden durch. Dennoch erwarb sie reiche Kenntnisse in Sprache und Wissenschaft, und suchte sich dadurch eine selbstständige Stellung zu verschaffen. Zuerst hatte sie inRehberg’sFamilie eine freundschaftliche und für ihre Ausbildung folgenreiche Ausbildung gefunden; dann ging sie nachWien, wo sie als Erzieherin lebte, in die Welt der großen Gesellschaft eingeführt, und nach Lösung ihrer Aufgabe mit einer Pension entlassen wurde. Sie ging nach Dresden, und lernte Tieck kennen.
Fern von Weichheit und Sentimentalität, besaß sie eine männliche[10]Kraft des Talentes. Zu weiterer Fortbildung, zu eigenen Schöpfungen fühlte sie sich hingedrängt; sie wollte aussprechen, was sie in sich unter schweren Verhältnissen erlebt hatte. Die Trauerspiele „Saul“ und „Semiramis“ entstanden. In der Novelle versuchte sie sich mit bestem Erfolg. — Zu ihrer Familie heimgekehrt, führte sie ein Dasein häuslichen Kummers. Dennoch schrieb sie für öffentliche Blätter und trat, unter dem AutornamenFranz Berthold, als Erzählerin im Morgenblatte auf. Im Jahre 1831 ging sie nach München, wo sie eine Zeit lang in Schellings Hause lebte. Später nahm sie abermals eine Stelle als Erzieherin bei fürstlichen Kindern in Sachsen an. Doch weil sie in solcher Existenz die Selbstständigkeit ihres produktiven Talentes gehemmt glaubte, machte sie sich wieder los, und wagte es, sich eine unabhängige literarische Stellung zu schaffen. Seit 1834 lebte sie in Dresden, wo sie einen ihrer jüngeren Brüder auf der Militairanstalt untergebracht. Mit voller Selbstverleugnung und Aufopferung verwandte sie ihren literarischen Erwerb darauf, die Ihrigen zu unterstützen. In der Familie eines einfachen Handwerkers hatte sie sich eingemiethet, deren kleines häusliches Leben sie theilte. In ihrem Zimmer schrieb sie Dramen, Novellen, Kritiken. In der Gesellschaft erschien sie als Weltdame. Sie war eine glänzende Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von seltener Schnellkraft und Thätigkeit. In Tieck’s Hause zu Hause, ihm selbst fast leidenschaftlich ergeben, war sie heiter, witzig, sprühend, ein Gegenbild zur ernsten, frommen, gelehrten und einfachen Dorothea. Sie beherrschte das Gespräch vollkommen, mochte ihr der Diplomat oder Philosoph, der Engländer, Franzose, oder der deutsche Dichter gegenüber stehen.“ — Wie theuer sie ihrem verehrten Meister gewesen, läßt sich schon daraus entnehmen, daß Dichtungen, der aufregenden Zeit von 1830 entsprossen: „Der Prinz von Massa“ — „Masaniello“ — trotz revolutionairer Färbung nicht vermochten, sein Herz ihr zu entfremden. Sie blieb der Liebling des ganzen Tieck’schen Kreises, nicht minder geachtet als geliebt.
Göttingen, den 19. Juny 1829.
Wollen Sie mir vergönnen, theurer unvergeßlicher Freund, nach so langer Zeit einmal wieder vor Sie zu treten? Aber Sie standen mir so nah in diesen Tagen, wo ich Ihr herrliches Dichterleben las, daß ich mir es nicht versagen kann, Ihnen wieder einmal ein Wörtchen zu sagen; mir war, als hörte ich alle die schönen inhaltschweren Worte von Ihren Lippen fließen, wie sonst, Sie waren es so ganz selbst; dieses Werk muß vor allen andern, die ich von Ihnen kenne, so recht aus Ihrem Innersten geflossen seyn, denn so nah, so sichtbar möchte ich sagen, hat Sie noch keines vor meinen Geist gestellt. Wie herrlich zeichnen Sie den Kampf der wilden chaotischen Kraft mit dem menschlichen, den Kampf der Götter mit den Titanen, wie lernen wir Ihren Dichter lieben und bewundern, wie trifft er so wahr und so entschieden immer das Rechte, und doch können wir dabey auch dem Titanen Marlowe unsre Liebe und Bewundrung nicht versagen, ja er reißt sie gewissermaaßen noch mehr an sich, als Shakespear, den Sie mehr als die ruhige Critik auftreten lassen, er erobert unsre Zuneigung wie der Handelnde es immer thut, während der andre sie von Rechtswegen gewinnt. Ich finde in dieser Novelle den Stoff zu einem Trauerspiele, welches Sie Marlowe nennen könnten, und über welches ich Göthe’s Motto schreiben möchte: „Auch ohne Parz’ und Fatum spricht mein Mund, ging Agamemnon, ging Achill zu Grund,“ und dem es nur noch an Handlung fehlte, denn den ganzen innern Gehalt eines Trauerspiels, die Gedanken, welche sich unter einander verklagen und nicht aufs Reine kommen können, ja es ihrer Grundanlage nach vielleicht nie können, hat Ihre Novelle schon. Es ist eine Göttergestalt dieser Marlowe, der an nichts als an sich selbst hätte zu Grunde zu gehen können. Und wie schön istnun wieder der Contrast des sanften weichen Green, der eben in der süßen Milde seines Gemüths uns doch wieder auf dem Sterbebette die poetische Beruhigung zeigt, die sein Leichtsinn ihm auf immer zu entreißen droht. Nun sollten Sie uns aber auch, theurer Freund, Ihren eigentlichen Helden und Liebling einmal im Kampfe mit sich selbst zeigen, und wie er insichdas Ungeheure und die nach allen Seiten überströmende Kraft, durch das Menschliche, und in diesem Sinn Göttliche, bändigt; denn glauben Sie, daß in Shakespeare selbst diese vollendete Harmonie aller Kräfte nicht erst nach manchem geheimen Kampf hervorgetreten ist, der nur nicht laut ward, weil seine Verhältnisse so bescheiden waren? Wer so unendlich tief empfand, daß er so in jede Menschenbrust zu tauchen verstand, wie er, sollte der nicht selbst alles Menschliche empfunden haben, und den Begriff des noch fehlenden nur durch das schon Erfahrene ersetzen, und sollte es nicht eben sein innerer Werth, der Gott in ihm seyn, der ihn diesen Einklang finden ließ? denn wenn es ihmtout bonnementangebohren wäre, so stände er uns zu unbegreiflich fern, als daß wir uns für ihn interessiren könnten, das können Sie also nicht gemeynt haben. Wie herrlich wäre es, wenn wir durch Sie, denn kein andrer würde ihn so begreifen, einen Blick in den Kampf der innern Kräfte mit sich selbst und der Außenwelt, in die Seele Ihres Shakespeare thun könnten, obgleich wir Ihnen gewiß alle zugeben müssen, daß Ihre Darstellung in diesem Moment seines Lebens vollkommen richtig ist; denn um sein herrliches Trauerspiel zu schreiben, welches ich Jugend benennen möchte, mußte er diesen innern Einklang, diese Geistesfreyheit errungen haben, aber er stand noch auf der Gränze des neueroberten Reiches, und blickte mit wehmüthig süßem Schmerz hinab in die Thäler der Erinnerung, überwundner Freuden und Leiden. — Und nun den heitern kindlich lieblichen Prolog mit seinen schlummerndenGefühlen und Blüthenknospen dabey; ich sah mich wieder, uns alle im Cabinetchen um Ihren Stuhl, und die ahndungsvolle Stille, die das Geräusch der geschäftigen Hausfrau und die schwatzenden Mädchen im Nebenzimmer so oft unterbrach, und die Thränen kamen mir in die Augen. Doch Sie wissen das wohl alles so nicht mehr. Und die Wiederholung dieses schönen Tages dieses Jahr habe ich nicht mit erlebt! Mit Betrübniß sehe ich mein bescheidnes Blättchen, welches Sie vielleicht in Töplitz, oder wer weiß wo, weswegen wir es auch nicht zu schwer beladen wollen, aufsuchen muß, zu Ende gehen; wie viel möchte ich Ihnen noch über die einzelnen großen Worte Ihrer Dichter sagen, aber ich ermüde Ihre Geduld, und habe vielleicht schon manches gesagt, was Sie für dummes Zeug erklären müssen; gemeynt habe ich bey allem etwas, aber es vielleicht schlecht ausgedrückt, die Männerwissendie Sachen, wirfühlensie, und wenn wir unser Gefühl undeutlich ausdrücken, weiß kein Mensch, was wir gewollt haben. Leben Sie wohl, Verehrter, Theurer, grüßen Sie Ihr ganzes liebes Haus und die gute Solger, und denken Sie in verlornen Augenblicken auch einmal mit Nachsicht und Güte an
Adelaide Reinbold.
Adelaide Reinbold.
Waldeck, den letzten May 1831.
Recht sehr verlangt es mich, Ihnen einmal wieder ein paar Worte zu sagen, theurer Freund, obgleich ich nicht hoffen darf, dafür etwas von Ihnen zu hören. Haben Sie Semiramis gelesen, und was sagen Sie dazu? Ich weiß recht gut, daß ich dabey etwas gemeynt habe, werde ich es denn aber recht ausdrücken können? Ich habe zeigen, oder besser, sagen wollen, daß die Moral im höhern Sinne das organischeGesetz unsrer Menschheit ist, welches eben dadurch, daß es aus der chaotischen Masse geistiger Kräfte die Legislation eines Ganzen schuf, etwas höheres producirte, als selbst das ist, welches Geister ohne solches Gesetz aufzuweisen haben, und ich habe zeigen wollen, wie diese Humanität selbst die übermäßigen anarchischen Kräfte eines halb göttlichen Wesens durch ihre moralische Geordnetheit, wenn ich so sagen darf, bezwingt, und dadurch höher steht, als wir uns die Geister, Engel oder wie wir andre geistige Wesen nun einmal nennen wollen, im Allgemeinen denken, obgleich ich überzeugt bin, daß auch sie ein, nur uns natürlich entgehendes, Gesetz ihrer Natur haben.
Eine Composition der Art konnte, wegen ihres luftigen Terrains, nur Skizze und Fragment seyn; wer vermag dieser alten Fabelwelt einen festen Boden zu geben? Uebrigens schließt sich Semiramis selbst, trotz ihres fingirten halb göttlichen Ursprungs, eben durch diese Kräfte ihres Innern an jede höhere menschliche Natur, sie sey weiblich oder männlich, an, welche gewaltige Kräfte über das Gesetz hinaustragen, bis die Erfahrung, seine heilsame Beschränkung fühlend, sie wieder zurückführt.
Meine paar Novellchen (ziemliche Jämmerlichkeiten, welche durch die Schürzengunst und Critik der Schelling und Cotta (entre nous soit dit) sich den Weg ins Morgenblatt bahnen mußten) sind im Morgenbl. gedruckt; sie heißen die Kette und Emilie de Vergy. Letztere überraschte mich gedruckt in Leipzig, aber ich fühlte keine Wonne eines zum ersten mal gedruckten Menschen, sondern eine tiefe Beschämung über die Erbärmlichkeit des Products, welche mir da erst recht in die Augen fiel. Aber es war ein Machwerk,à commandegeschrieben, fast mit vorgeschriebener Seitenzahl, aus dem das Beste noch weggestrichen wurde. Von hier aus habe ich ihnen auf Verlangen zwey andre Kleinigkeiten nachfolgen lassen, diemehr mein eigen sind. Sie heißen die Gesellschaft auf dem Lande mit Fortsetzung.
Uebrigens bin ich sehr fleißig, ob es hilft, müssen wir erst sehen. Raumer hat mir in denMemoires du Comte de Modèneein vortreffliches Buch geschickt, welches alles enthält, was ich wünschen kann. Ich habe hier keineSeeleals mich selbst, der Spaß dauert auch nicht länger als sechs Monate, ich habe schon das Meinige in allem Guten dazu gethan, ihm seine Gränzen zu stecken. Finden Sie das nicht zu voreilig expeditiv; ich mußte! —
Darf ich Ihnen ein schönes, schönes Schwesterchen zuschicken, welches ich in Dresden seit acht Tagen bey der Canzlerin Könneritz habe? Ein gar gutes, liebes, solides Kind mit einem wahren Madonnakopf; empfehlen Sie sie Ihren Damen, und bitten Sie sie in meinem Namen um die Erlaubniß sie besuchen zu dürfen. Ich fürchte, sie wird mich bey Ihnen ganz ausstechen, bey Agneschen und Dorothea gewiß.
Der Gräfin bin ich noch sehr dankbar für ihren letzten Brief, den ich höchst ungern, aber auf ihr Gebot gewissenhaft vernichtet habe. Mit der Zeit schreibe ich einmal mehr von hier, bis dahin bitte ich mich all den Ihrigen zu empfehlen. Darf ich denn diesen schlechten Wisch abschicken? Sie sehen aus seiner Eile den — wollte Gott Früchte bringenden — Fleiß und das Vertrauen
IhrerAdelaide R.
Ihrer
Adelaide R.