Geb. am 7. Dec. 1798 zu Danzig.Dieser bedeutende Kunsthistoriker — sein Hauptwerk: Geschichte der bildenden Künste war 1861 noch nicht vollendet — lebte längere Zeit in Düsseldorf, wo er zum schönen Vereine gehörte, den Immermann, Schadow, Uechtritz und Andere bildeten. Dies Zusammenleben ist Allen förderlich gewesen, hat zu gegenseitiger Belebung und Erhebung gewirkt, und schöne Wissenschaften wie Kunst haben dadurch gewonnen. Solche Bündnisse sind hienieden selten und leider in der Regel auch nicht dauernd; Tod wie Leben lockern und lösen was so fest schien.Herr Obertribunalrath Schnaase lebt jetzt in Berlin.
Geb. am 7. Dec. 1798 zu Danzig.
Dieser bedeutende Kunsthistoriker — sein Hauptwerk: Geschichte der bildenden Künste war 1861 noch nicht vollendet — lebte längere Zeit in Düsseldorf, wo er zum schönen Vereine gehörte, den Immermann, Schadow, Uechtritz und Andere bildeten. Dies Zusammenleben ist Allen förderlich gewesen, hat zu gegenseitiger Belebung und Erhebung gewirkt, und schöne Wissenschaften wie Kunst haben dadurch gewonnen. Solche Bündnisse sind hienieden selten und leider in der Regel auch nicht dauernd; Tod wie Leben lockern und lösen was so fest schien.
Herr Obertribunalrath Schnaase lebt jetzt in Berlin.
Düsseldorf, d. 1. December 1840.
Theurer, verehrter Herr Hofrath!
Sie waren bei meiner Abreise von Dresden so freundlich, mich aufzufordern, Ihnen von Berlin aus zu schreiben. So gern ich Ihnen den Dank für die überaus gütige Aufnahme, die Sie mir gewährt, wiederholt und den tiefen und wohlthätigen Eindruck, den ich davon trug, geschildert hätte, so hielt mich eine Scheu davon ab, Ihnen gleich wieder mit meiner unbedeutenden Person vor die Augen zu treten. Vielleicht mit Unrecht, aber es liegt einmal so in meinem Wesen. Gestern theilte mir unsre Freundin Immermann Ihren Brief mit, dessen Inhalt uns höchst erfreute und wieder so innig und freundlich war, daß ich nun nicht länger zögern kann. Es ist überaus schön und gütig, daß Sie Hand daran legen wollen, den Grundriß des unausgebaut gebliebenen Theiles in dem Gedicht unsres Freundes auszuzeichnen. Ihrer Meisterschaft wird es vortrefflich gelingen, das Unfertige mit leichten, kräftigen Zügen so zu malen, daß es wie in perspektivischer Verkürzung und Entfernung an das Vollendete und Nahe sich anschließt und der Phantasie ein Ganzes wird. Niemand versteht es ja so gut wie Sie, was der innere Einheits- und Lebenspunkt eines Gedichtes ist. — Frau Immermann bittet, damit ich diesen Punkt sogleich ganz bespreche, daß Sie das Manuscript, welches sie Ihnen geschickt, da behalten mögen. Es ist eine Abschrift von der hier zurückbehaltenen, nach welcher auch der Druck bereits begonnen hat. Bei dem reichen Stoff zu eigenen Arbeiten, der Ihnen gewiß auch jetzt wieder vorliegt, darf man Ihre Güte nicht mißbrauchen, darum mache ich nur im Vorbeigehn darauf aufmerksam, daß wie gesagt, der Druck schon angefangen hat. Daß Sie bei dieser Gelegenheit auch ein Wort über Immermanns dichterische Gestalt überhaupt sprechen wollen, ist unschätzbar; ich hatte es im Stillen gehofft. Das würde dann füglich dem Bande, welcher den Tristan enthält, auch beigegeben werden. MeinenNekrolog beabsichtigen wir (etwas erweitert) in einem spätern Bande, wo nachgelassene und gesammelte Schriften erscheinen können, beizugeben. Des Nachgelassenen ist eigentlich nicht viel da, hauptsächlich nur ein Tagebuch, aus dem man noch dazu die besten Stellen (zum Theil) wegen persönlicher Beziehungen fortlassen muß, aus der Theaterperiode. Dagegen kann manches Vereinzelte (Gismonde, der Aufsatz über Grabbe, die in der Pandora abgedruckten Düsseldorfer Anfänge) gesammelt, vielleicht auch Vergriffenes wieder abgedruckt werden.
Ihre Vittoria habe ich mit der größten Freude und Bewunderung, mit dem ausdauerndsten Interesse gelesen. Es ist einhistorischerRoman, im besten Sinne des Worts, mehr als irgend einer. Ich kann den Eindruck, den er mir macht, am Meisten mit dem der Hauptwerke einer älteren Periode vergleichen, aus denen mir der Geist, das Leben jener Zeit so concentrirt, thatkräftig, mehr die Wurzel der Entwickelung, als die Breite der Zustände entgegentritt. Dies warme, innige Gefühl eines frühern Zeitgeistes, einer andern Gestaltung des Menschengeistes in einem Momente, wie in lebendigem Athem mitgetheilt zu erhalten, ist mir ein großer Genuß, und ebenso empfinde ich ungefähr bei Ihrer Vittoria. Jenes Geschichtsgefühl (wenn ich es so abstract und barbarisch nennen darf) fesselt mich auch oft bei Kunstwerken einer Zeit, welche an sich für diese Kunstgattung nicht geeignet war, und die daher in ästhetischer Würdigung nicht sehr hoch zu stehn kämen, und das macht dann wieder den Vergleich hinkend, weil in Ihrem Gedicht dieser Kontrast nicht vorhanden ist. Aber dennoch bleibt etwas Aehnliches, weil Zeit und Volk, die Sie für die empfängliche Phantasie so überaus treu und wahr schildern, in der moralischen Würdigung der Zeiten auch nicht die erste Stufe einnehmen. Auch darin ist der Eindruck ein historischer, weil man fühlt, wie nicht blos der große Haufe, dem die Selbstständigkeit fehlt, und die Heroen undLeiter der öffentlichen Dinge, die sich damit identificiren, sondern auch die ausgezeichnetesten, edelsten Gestalten der mittlern Region, des weiblichen und häuslichen Lebens, ganz von dem geschichtlichen Leben ihrer Zeit durchdrungen, mit demselben verwachsen sind. Dieser Eindruck ist, wie billig, ein tragischer, — herbe, weil so seltene, edelste Gestalten, wie Vittoria, wie Bracciano, dem Schicksale erliegen, nicht bloß kämpfend, sondern eben weil sie von der verderblichen Richtung selbst durchdrungen sind — erhebend, weil auch in entarteter, verfallender Zeit die Verderbniß selbst ein Stoff wird, in dem sich die großen Naturen bilden und entwickeln. Vortrefflich tritt es in Ihrem Werke ans Licht, wie in der Auflösung einer edlen, mildernden Sittlichkeit alles das Maaß überschreitet, im sinnlich Reichen und Weichlichen, wie im Herkulisch oder athletisch Angespannten. — Mit Einzelnem will ich Sie nicht behelligen, und es ist vielleicht schon sehr keck, daß ich Ihnen meine Auffassung des Ganzen vortrage. Denn soviel vermuthe ich selbst, daß dieser Gedanke es nicht war, von dem Sie ausgingen, daß Sie vielmehr die Ahndung einer Gestalt, wie Sie sie nachher in der Vittoria wirklich gezeichnet haben, begeisterte und Sie die Schönheit derselben (die freilich jene historischen Umgebungen hervorrief) als eine ganz reine, an und für sich werthvolle empfanden. Aber diese Differenz ist vielleicht nur eine nothwendige, und wenn auch nicht, so werden Sie mir meine Auffassung gönnen und verzeihen, da es bekannt ist, daß der Dichter sich gefallen lassen muß, in verschiedenen Lesern Verschiedenes hervorzurufen. Uebrigens habe ich bei diesem Gedichte wieder die Erfahrung gemacht, wie jedes Werk mit seinem Meister zusammenhängt. Ich glaube Ihre Dichtungen noch besser zu verstehn, seit ich Sie persönlich kennen gelernt habe. Das Zeitalter der Rhapsoden war darin glücklich, wo das ganze Volk das Gedicht von den Lippen des Sängers selbst empfing. Ich glaube Ihre Stimme,Ihren Vortrag durchzuhören, und der Sinn, die geistige Harmonie eröffnet sich mir dadurch mehr.
Von Berlin erzähle ich Ihnen nichts. Sie sind dort besser bekannt, wie ich, wenn auch nicht mehr unmittelbar, so durch Ihre Freunde. Eine große Stadt hat etwas Ruhiges, Instinktartiges, was vortheilhaft und nachtheilig wirkt, und dies Mal wohl that. Unsres Königs schöne Gestalt war dabei ein würdiger Augenpunkt. Leider verlautet noch nichts, was seine Huld für Immermann’s Wittwe thun wird. —
Meine Frau empfiehlt sich in dankbarster Erinnerung der schönen Tage, die wir bei Ihnen verlebten, wir beide bitten uns der Frau Gräfin und Ihren lieben Fräulein Töchtern bestens zu empfehlen. Mit inniger Verehrung
Ihr ergebensterSchnaase.
Ihr ergebenster
Schnaase.