Berlin, Sonntag den 6ten Apr. 1823.
Grüß Sie Gott lieber Freund! Und schike Ihnen die beßte Gesundheit; für das Andere müssen wir selbst sorgen; und je älter je mehr; oder vielmehr, je besser sehen wir dies ein. Wie ich zu dieser art von Gruß komme? Den ganzen Winter war ich krank, kränklich, und unwohl, und mein ganzes Haus mit mir; und am Ende hört ich noch Sie seyen auch krank gewesen. Mit dem Frühlingswinde mit dem ich Ihnen gernenochbesseres als den herrlich nicht zu erfindenden Frühling schiken möchte, bin ich doch so glüklich Ihnen die persönliche Bekandschaft der Fräulein Pfeiffer[12]machen zu können. Ich kann ihr die Freüde, die sie uns hat empfinden lassen, wohl nicht glänzender lohnen! Sehen Sie sie mit den kritischsten Augen an; es kann ihr und dem Urtheil über sie nur gedeilich gerathen: und an der allgemeinen Freüde Deutschlands würd’ ich auch mit Stolz meinen Theil haben, wenn Sie, um ihr eine Rolle zu schreiben, uns ein Stück zu schenken verleittet würden. So etwas hoffe ich. Ich will Ihnen mit meiner Beurtheilung dieser großartigen Aktrice nicht vorgreiffen. Nur so viel: ich erinre mich keines Großen ihrer Art, keines Fleck, Talma, Esslair, keiner Raucour, George, Bethman, Schröder, mit denen sie nicht momentane Aehnlichkeit hätte: und wie alles Wahrhafte wieder an alles Wahrhafte erinerte; an Wetter, Musik und Situationen, in denen man nie war &c. Folgen Sie ja womöglich die ganze Reihe ihrer Vorstellungen; sprechen Siemit ihr hin und her, lassen Sie sich von ihr lesen, untersuchen Sie sie ganz. Machen Sie’s Einmal wie die Richter in Egmond: verhöhren Sie etwashineinwenn Sie nichtsherausverhöhren können. Nämlich, schiken Sie von Ihrem nach der Tiefe ihrer Seele, und Sie kommen mit Beute zurük. Ich sah sie in Kawansky zuerst und besuchte sie dann: ich freue mich, daß meine alte Tage sich noch aufführen wie meine jungen: und daß ich den Muth zur Trägheitsbesiegung noch in mir — unter manchen sehr ungünstigen Umständen — zusammenfand. Lassen Sie sich von mir ansteken! Verführen! Wie wohl Leute ein Glas Wein zusammen trinken, je älter je besser: so wollen wir diesen Genuß unserer Kindheit, mitaltem Geschmak, — auch je älter je besser — wieder und noch haben. Geht es Ihnen auch so? ich möchte die alte Zeit immer zur Rede stellen, vor die Schranken fordern; es ist als hätte sie mir nicht recht stille gehalten: ich hatte damals zu viel Anderes vor, man ließ uns nicht Zeit, nicht Muße; ich möchte ihr zeigen, ich war’s wohl, bin’s noch werth was sie mir both; ich empfinde es janoch: und Alles wasjetztist. Wie? ist das Wahr? Ist’s nicht mit Ihnen auch so?
Gehen Sie in allen Fällen hübsch in die Komedie lieber Freünd! Und schenken Sie uns Ihre Kritiken. Deutschland braucht’s. Goethe hatte vorganzKurzem noch nichts in Ihrer Verlobung gelesen, und mit vieler Liebe von Ihnen gesprochen: da nannte man ihm die Novelle. So etwas muß mich doch freüen.Mich.Sie wissen wie ich Göthe vergöttre. Und welchen Triumpf ich bey dem Kronentausch erlebe! nicht harter Lorbeer; Nachruhms-Laub: Rosen, frische Liebesrosen reichen sich die Lebendigen! Und wir, die mit Anerkennung auch begabten, Klatschen in die Hände! Wißt ihr Dichter und Authoren, es sind, heil uns! mehrals ihr denkt. Und deshalb schreib’ ich, eine der Geringen, Ihnen so!
Noch weiß ich nicht was wir diesen Sommer machen, es ist nur ganz gut, wenn es uns mit Ihnen zusammen bringt.
Ihre treüeFr. Varnhagen.
Ihre treüe
Fr. Varnhagen.
Tausend herzliche Grüße der Madame Tiek, der lieben Gräfin und den lieben Mäderln!
Varnhagen hustet noch und ist leidend, er wünscht alles Gute mit mir.
Berlin, Mittwoch den 13t. Aug. 1823,angenehmes warmes, nicht ganzbeinahe helles Gewitter-Wetter.11 Uhr Morgens.
Was istdas? daß Sie einen ganz neuen Tiek uns in alten Koffern Jahrelang vorenthalten! Mit dem größten Preis und Lob, mit dem innigsten geflügelsten Dank, mit allen Ausdrüken der höchsten Bewunderung wollte ich anfangen: Vorgestern kamen Ihre Gedichte heraus; Abends las uns Varnhagen welche; und Brillanttränen der höchsten Erschütterung — wie der Soufleur im Meister — weinte ich, über dem Gelungenen, Sie: anstatt dessen, stürzt mir ein Vorwurff heraus! BeßterFreündwelch Präsent! Wie schmeichlen Sie meinem Stolz! Stolz, gradzu stolz. Mit dem ich stolz auf Sie seyn kann. Nicht weil ich Sie kenne, nicht weil Sie mein Freünd sind. Nein, weil Sie da sind; und ich doch in einer Sprache mit Ihnen lebe. Mir ist’s immer als müßte ich diehonneursmachen von dem was ich liebe und vergöttre: und sehen Sie in den ganzen Abgrundmeiner Seele! dies ist, weil ich dann von Niemand glaube, daß er es so durchdringt, auffaßt, von jeder Seite, liebt, vergöttert, und tausendmal von vorne an, und von neüem, wie ich. So kann es der, der eswirklichgemacht hat nicht lieben, und bewundern, und deüten, und schätzen. Ich weißja, daß wenn ich etwas gemacht habe, daß es mir anders, aber nicht so werth ist. O! Es ist, giebt nur Eines was Gaben in richtige Bewegung setzen kann, sie zu Talenten macht; und diese in Brennpunkt des Genies treibt. Wahrhaftigkeit. Jedes Ihrer römischen Lieder führt diesen Beweiß auf’s lebendigste. Alles ist nur wahr, haben wir Gaben genung, mit diesenKräftengelangen wir bis zu Gott. Darum facht jedes Wort in Ihren Gedichten unsre reinste Liebe an. Dies sollten Sie geschwind wissen; drum sage ich’s Ihnen gleich; und für Viele. Wir haben auch Verstand und Sinn genug, und gelebt; um mit zu merken, und zu bemerken, Ernst, Verdruß, Freüde, Scherz, Ungemach, Leiden und Ungeduld, seelige Stille, und heitern Frieden, und größte Bewunderung, und fliegende Gedanken mit zu fühlen und mit zu machen. Herrlicher Freünd, der Herzvoll des „Großen Freünds“ gedenkt und Schakespeare anruft, zur wahren rechten Zeit!Dasnenn’ ich dankbar. So sind nur die Edelsten, die voll Fülle! Wissen Sie noch? wie Sie in Prag in einer langen Unterredung, die wir hatten, endlich sagten: ein gewisses Nichtverstehen, eine Sorte Dummheit, sey unsittlich. Das war für mich ein Wort für einen alten gestaltlosen Gedanken; und unendliche reihen sich seit der Zeit besser verstanden an ihn an: und er auch hilft mir behaupten, Ihre Gedichte sind so liebenswerth, nur so schön weil sie rein wahr sind. Schönen Dank! Beßter Freünd Tieck! für mich ist es nun gar eine Wonne, ich fühle so gar Ihre Krankheit mit; habe solch regen Sinn durch sie für Ungemach; bin so entzückt, daß Sie Italien so individuelnehmen: ich sehe ja alles, rieche es: Jede Stille breitet sich in mir aus; jeder Lärm plagt mich: ich sehe, ich kenne die Italiener. Lassen Sie sie reden, so ist Ihr Deutsch Italienisch; sie ennuyiren michmit; bringen mich auf’s Aeüßerste; machen mich lachen: ich sehe Wände,fresco’s, Markt, Alles. Ich glaubte an so etwas nach Goethens Elegien nicht: das bestärkt mich in meiner Frommheit! Im ganzen Hoffen, wo ichnichtsbegreiffe. Goethe wird sich freüen. Neulich bewunderte ich eine Ouverture von Spontini — gegen den ich bin — und dachte bey jeder schönen Stelle, o! wie würde dies erst Righini gefallen! Aber was soll ich zu Ihrem Spanier sagen, der Schildwach steht! Schöneres ist in der Art noch nie gemacht worden! Alter Meister Tieck! Mit der festen Hand!Darüberwaren alle Höhrer, Roberts, Mdm. Krikeberg, Jettchen Solmar die Sängerin,außer sich! Der Soufleur,ich, weinte, große Brillanten; die zwingt eine Meisterschaft, vollkommen Gelungenes ab. Ich sage Ihnen, und nehme es allen Ihren Kritikern vor weg: ich höhrte complet die drey Sprachendistinctin diesem Gedicht; Spanisch, Italienisch und Deutsch. So arbeitet man mit einer, wenn man die Welt und die Sprachen auffaßt und dies von sich geben kann. Maëstro! Wie recht haben die Italiener mit diesem Wort, es ihren Dichtern und Musikern zu sagen: wie verstand ich die Marchetti und die Sänger, wenn sie zu Righini, entzückt und ehrerbietig und in größter Schmeichlung „caro maëstro!“ sagten, und sonst nichts. Solche Nichtsdingige Sachen — Fütilitäten — die wiralle sehenund bemerken, so mitspielen zu lassen, als des Spanier’s Schnallen und Anzug! Seinen gravitätischen Zorn, sein zorniges Heimwehsoauszudrücken, bringt unser Deutsch zu neuen Ehren. Warum ließen Sie dies alles (precipitando)so lange liegen? Manchmal ist mir, als wüßt’ ich’s, Sie könntens gar nicht machen; wenn Sie’s nicht auchso lange vernachläßigen könnten. Seit heute strich ich mir an, worüber ich mit Ihnen sprechen wollte: aber es werden alle Gedichte aus Italien, die andern hab’ ich noch nicht angesehen. „Weinachten,“ die Künstler die alle Töne keck aufbiethen um zu heuchlen und zu grimassiren! „Karnewal,“ des Mißbehagens und Zürnens, der Boßheit, des Grolles tausendfältig verschlossene Ursachen! „Campo vacino“, der Saülen Lockenhaupt-Geflüster. „Stiergefecht,“ wie schön: und meine Ochsenfurcht: „der Ueberlästige,“ göttlich beschrieben: „ohne Ursach lachend.“ Zur Raserey! „Die Marionetten.“ Wie der Wegweiser spricht, das ausgemachteste Italienisch! „Schmerz in der Lust.“ Vortrefflich! Das Gedicht heilt uns selbst! meine Leiden! „Heimweh.“ Göttlich beschrieben: einzige Worte. „Ein Schwindel ergriff mich; mein Leben zerrann.“ Kein Wort geht verlohren, glauben Sie’s, theurer Landsmann! Sie haben nicht nur die Freude des Dichtens gehabt; Sie machen die größte. „Die Tiroler“ sind schonfertig componirt! Was soll ich aber zu Botzen, zu Trident sagen!!! Ich, die nichts weiß; roch, athmete, daß es Italiens Gränze ist; und eswar wahr! Trident! wie fühlte das die Kranke! Alles wird Ihnen zum Gedicht. Wie Goethesagt. Als wäre ein Thal ein Ort, voll saftiger Farben, und Sie nähmen von denen gradzu und mahlten: so erscheint’s mir. Luft lassen Sie mich athmen. Stille empfinden: Laub im Sonnenthal vermissen; versöhnen mich wieder. Aber was spreche ich! Wären Sie nicht Tieck, läsen wir Ihnen die Gedichte mit Gewalt vor! Wir thun das Einer dem Andern. Seyn Sie überzeügt; es giebt noch unaffektirte Menschen in Deutschland, und die alle genießen das herrliche Geschenk und freuen sich, und wissen vor Dank nicht was sie anstellen und sagen sollen. Die Hohen in unserm Volke, die krönen und belohnen sollten, sind noch nicht so weit. Dafür kann ich nicht: und es muß eine großeUrsache haben, daß ich keine Prinzes bin; denn unrecht ist’s. Wenn hier Friederike von Baiern — z. B. — anstatt Varnhagen drunter stünde?! Und das vor Ihrer Thür was ich Ihnen schikte? Wagens! Mit denen Sie in meine Nähe auf Ihre Villa reisten! Nun werd’ ich ganz traurig; nun höhre ich auf, und lese in Ihren ungebundenen nicht einmal gehefteten Blättern weiter. Bey Gott! ich attrapire mich, daß ich schon lächle. Schönen Dank! HeilDirim Siegerkranze. Sie sehen, ich bin närrisch vor Jubel. Gott stärke Sie noch lange und plötzlich: für uns alle! Kramen Sie doch noch ein Bischen mehr in Ihren alten Koffern! Ich bin erst seit Sonnabend 8 Tage ein Mensch: so leidend war ich Juny und July. Schon im 3ten Jahr so in den Monathen. Viele schöne Grüße der Gemalin, den Kindern, und Gr. Finkenstein. Kennen die schon lange diese Gedichte? Ich gönne es ihnen. Varnhagen jubelt! und ist Ihr größter Verehrer. Es ist göttlich, daß wir in der Jugend nicht vertraut waren!Schade!für alle die verlohrne Saaten! aber echt war’s von Beiden. Still wurmte es in uns. Kennen Sie den Berlinisism noch? Robert wird Ihnen wohl schreiben. Der lächelte nur immer, wie über ein Gotteswunder: wie über einen Ausbund vonBlume: ich aber brach aus; nach den schweigenden Thränen. Varnhagen triumphirte: der hatte es gebracht, und las. Den hallischen Wolff hab’ ich die Kunst gehabt auf einer Fahrt gestern, ganz lüstern nach den Gedichten zu machen. Alles Griechische und Latein half nichtdagegen!adieuTheurermaestro! bald schreib’ ich noch mehr.
Ihre armeFriedricke Varnhagen.
Ihre arme
Friedricke Varnhagen.
Wenn sich der junge Krikeberg — Sohn der gewesenen Schauspielerin Mme. Koch, die ich noch häufig sehe — beyIhnen präsentirt seyn Sie gütig gegen ihn. Er ist bescheiden, wohlerzogen, voller Sinn und will Sänger werden. Wenn er Sie hat lesen höhren, so hat er St. Peter gesehen. Seyn Sie gütig gegen ihn. Die Mutter wird Ihnen schreiben. Sie ist noch bey unserm Theater, und nicht gewesene Mimin, sondern gewesene Koch; Köchin. adio!
Berlin, den 8t. Septbr. 1824.Mittwoch vor Tisch. Sirocco-Wetter. Keine Lust von keinerSeite; zum Sterben.
In diesem Wetter komme ich so eben von Reimer. Er hat mir erlaubt, daß Ihre Sewennen, Bogen vor Bogen in’s Französische dürfen übersetzt werden, und mit dem deutschen Buche zu gleicher Zeit erscheinen dürfen. Ihre Genehmegung zu erhalten, überlies er gerne mir. Ich denke, ich habe sie schon. Wir haben hier einen jungen Freund bey der Französischen Legation, der sehr gut deütsch weiß; es liebt und pflegt; seine Sprache wie ein Engel schreibt; undvortrefflichstübersetzt — wie jetzt nur die beßten — dieser junge Mann fühlt sich gerüstet zu litterarischen Arbeiten: aber ein Buch zu verfassen erschrikt ihn doch; so beichtete er uns diese Woche in einem langem Gespräch, nach langer Lecture von Originalen, in beiden Sprachen, und Uebersetzungen, die er uns mittheilte, kurtz — im litterarischen Gespräch. Er fragte um Rath und nach einem guten deütschen Werke: ich hatte schon lange H. Kleist’s Erzählungen im Kopf. Varnhagen aber kam den andern Morgen mit dem herrlichen Gedanken als Fund zu mir, Ihre Sewennen übersetzen zu lassen. Der junge Mann kennt bis jetzt weder Meister noch Werk. Er weiß nur, daß er Bogen vor Bogen erhält, und sein Ehrenwortgeben mußabsolutNiemanden davon zu sprechen, noch zu zeigen!
Wollen Sie das? So lassen Sie mir baldigst ein Wort, nur ein Wort durch meine Schwägrin, oder Agnes, oder Dorothee schreiben: und Sie sind so ehrlich wie vorher; sagt man hier; wie Sie gewiß noch wissen. Könnte mein Vorschlag wie ein gesunder Peitschen-Pfiff im frischen abendlichen Jagdwald Ihren Pegasus ermuntern, und er Sie flugs ganz in die Sewennen entführen! Und mit vielen Blättern beschwert käme er und Sie zu aller Freunde Freude zurük! Fragen Sie einmal Robert wie vortrefflich unser junger Franzose übersetzt! Soll ich nun dem Lebenskenner, dem Dichter, der über alle schaltet und waltet, noch viele Worte machen? Von meinem Leben sprechen? Er weiß was Einer leben kann, der noch nicht todt ist, und von dem nicht das trivialste und höchste etwa, in den Zeitungen berichtet wird. Die Lebensfunktionen müssen aber leidlicherweise vor sich gehen können; aber solch ein Wetter behaupte ich, war noch nicht. Naturforscher, Naturkenner und Beobachter werden Wunder davon berichten, bin ich überzeügt. Der ErdeBefindenist gestöhrt durch ein fremdes Ereigniß, ihr bis jetzt fremdes und ich, wie Hamlet, bin gebohren — nicht — sie wieder einzurenken; aber es zuempfinden. Also wissen Sie auch wie ich mich befinde; trotz, daß mein Körper endlich — wie eine Seele ruhig seynwollte, gesetzt und gelassen wurde wie Pollonius unter der Treppe! —
Varnhagen weiß nicht, daß ich Ihnen schreibe: grüßt also tüchtig und herzlich: Ich alle 4 Damen Ihres Hauses! Lassen Sie mich wissen ob auch Sie das Wetter empfinden. Im Ganzen weiß ich von Ihrer aller Gesundheit.
Roberts gehn ab. Da ist nichts zu sagen, als es zu leiden. Das wäre ganz genug? Nicht wahr? Gott bewahre!Man hat auch noch Vernunft: und nun muß man dazu rathen. Und nun ist der Mensch fertig — fertig da!
Wenn Sie je etwas auf mich gehalten haben, so lesen SieAlfons, ou l’Espagne, von Salvandy.
Sonnab.,Berlin, den 8t. April 1826,halb 2 Mittag. Helles warmesWetter mit einem unerzogenenWind, der nicht recht weiß wo erherkommen soll; obgleich er leiderNordost ist.
Gott grüß Sie lieber Freünd! Gleich, vielleicht zur ungünstigsten Stunde — ich werde gewiß unterbrochen, und kann auch ohnehin nicht dieFederführen, wohl einen Brief schreiben — will ich. Ihnen danken für den Heilungstrost den Sie mir in Ihren dramaturgischen Blättern gewähren, wovon ich jetzt eben etwas im 2t. Bande las, gegen den vielen Dummheitsgift, den man so langjährig verschluken muß. Zu 4, 5Monathengehe ich nicht in’s Theater: aber es fehlt mir nichts; ich weiß doch davon, denneineVorstellung ist alten wahrhaftigen Theaterliebhabern, wie wirgebohrensind, genug, dieSchändungdesselben zu überschaun! Die jetzt hinein gehen, schreien,rezensiren, klatschen,lesen, sindunfähige,sinnlicheWüstlinge, die derWüstein sich zu entfliehen gedenken, und sie nach außen treiben, klexen und sprechen. Diese dürrenReferirungen, „Referent“!!!, wo hergebrachter Unsinn als fleißigstes Unkraut wuchert, und ein maulsperrendes Parterre toll und stumm macht! mit Staatsdirektoren an der Spitze, die aus vollen Beuteln der Raserey Palläste bauen: steinerne, und wieder hölzerne darin, die eine ganze Natur unter einander wüthen lassen, und eine Kunst zu machen vermeinen!Halt!— ein!sogeschrieben! Ha — — — lt!Siehaben gesprochen, und Gott lob! Sie haben auch schon dasVorurtheilfür sich: es wird also rechtsundlinks wirken. Beßter Tieck! Höhren Sie nur nicht auf, lassen Sie alles, was Sie verheißen, bald druken! Geschwind.ZwingenSie sich zur Tugend; wie Hamlet von der Mutter will. Ja lieber Freünd, es ist eine Tugend; weil Zwang und eine wirklich gute Handlung zusammenkommen. Es ist nicht solche Kleinigkeit, welches Theater eine Nation hat, wenn sie so weit ist eins zu haben. Bey den Deutschen ist es ja schon ein allgemeines Bedürfniß, und an allen Ecken und Enden erbaut. Es ist so wohl der Beweiß was eine Nation will, als ihr Weg zu dem was sie wollen soll. Nehmen Sie um’s Himmels und um der beßren willen, so existiren, und die sich entwicklen können, den Zügel des tollen jagenden Fuhrwerks in Ihre Hand, lassen Sie’s einlenken ehe es nochmehrgeladen vom höchsten Fels der Verkertheit zerschmettert stürtzt, oder verfahren in Einsamkeit verwittert und in 50, oder Gott weiß welche Geschichtszahl von Jahren, nicht wieder zu sich kommt. So wie es ist, verdirbt’s dieJugend. — DieHöfe. Noch geht alles von den letztern aus; und die erste umspannt alleZukunft. Es ist wahrhaftig nicht solche Kleinigkeit wie unumsichtige wähnen! Warum soll Gemeinheit herschen; tausendfache Vor- und Unurtheile aller Art; und alle Abend in diesen Tempeln predigen, wirken, verleiten, hoffärtig, stupid und närrisch machen dürfen? So, daß man nach dem Theater gegen 10 Uhr auch mit keinem Menschen mehr sprechen kann? Mit demselben wohlgepflegten Unverstand richten sie ja nicht minder Thaten und Sitten?! und helfen im strengsten Sinn des Worts unsre Welt so machenwie sie ist. EinJedermuß helfen, den sie schlecht findet: und deshalb schreib’ich,Ihnen. Wissen Sie! Sie haben Freünde, Gleichgesinnte hier. Die letzte Veranlassung, wegen welcher ich Ihnenschreibe, ist Alexander und Darius. Da hatte ich die Ehre Wort für Wort zu schreien — und zu vertheidigen — was ich heüte von Ihnen las. Welche Freüde, welcherTrostund Triumpf! Alle Stellen, die Sie rühmen, hab’ ich lobend zitiren müssen. Jedes mein’ ich wie Sie, und todt habe ich mich bey den beßten sprechen müssen. Immer denselben stereotipen Helden wollen sie bald sehen! In einer schlechtern Art als die Franzosen, die sie stupid tadlen. Ichwillkeine Einheit! Mirgefieldas Gastmal, der Tanz; das andre persönliche häusliche Daseyn des Alexanders &c.:wasSie sagen! und in noch mehr bin ich Ihrer Meinung.Entzüktwar ich, einmalkeinkritisch Stück zu höhren: wo ja Fouqué doch im Zauberring alles vorweg genommen, durch die Pferde, die 20, 30 Schritte, und noch mehr, vor Heiden-Helden pruschen und scheuen! Mißverstehn Sie michnicht. Die Unnatur in den höchsten Sphären, und die Unvernunftdort, reizt meinehöchsteEmpöhrung. Varnhagen steht mir treulich bey, auch manchmal mit einem gedruckten Ruf. Er grüßt Sie herzlich und einverstanden! Agneschen wird Sie auch schon gegrüßt haben. Ich war so glücklich sie Mad. Milder in ihrer höchsten Begeisterungen petit comitéhöhren zu lassen, und ihren höchsten Stücken. Agnes wird Ihnen doch wohl meine medizinische Verordnung mitgetheilt haben! Fragen Sie sie ab im Neinfall! Gott gebeIhnen Gesundheit! Das ist der treüste Wunsch
Ihrer treüenFr. Varnhagen.
Ihrer treüen
Fr. Varnhagen.
Ich grüße die Damen Ihres Hauses auf’s Schönste!
Bedenken Sie ja daslaufendeTheater mit Ihrem Fleiß!!! O! hätten Sie ein würdigendes Wort von Mad. Brede gesagt. Sie ist jetzt hier.adio!
Berlin, Sonntag, den 18t. März 1827.
Figur
Ich verlasse mich auf Ihre Ehrlichkeit, lieber Freund, inTaliaundMelpomene! Diese Sache wird immer rarer; die Mißgeburthen und Mißurtheile immer mehr überschwemmend! — und bitte Sie nur, den Hrn. Krüger zu sehn, wenn er in Dresden spielt! für den Rest ist mir nicht bange. Wenn es seyn kann, nur irgend; so lassen Sie ihn den Alexander in Uechtritz’ Stück spielen! Er fürchtet, grade diese Rolle inDresdenzu spielen, in welcher Sie mit dem dortigen Schauspieler so zufrieden waren. Ich fürchte mich aber gar nicht; wie er diese Rolle nahm, und leisten konnte, das war grade sein Wendepunkt.Seitder Zeit ist er ein Anderer; bis dahin war er nicht, was er seyn konnte. Wenn auch der Herr in Dresden diesen Alexander ganz anders nehmen und darthun mag, so spielt Krüger einen Menschen, eine vollkommen gestaltete, zu verstehende Person in ihm. Sie werden doch den Mimen gestatten, was Sie mit unerläßlicher dichterischergénérositédem Dichter zulassen: die Historie in den jetzigen, oder in irgend einen lebendigen zusammenhängenden Moment zu übersetzen! Dies leistete mir Krüger im Alexander; ich sah hell und klar in den Busen eines Erobrers: Nicht trüb und düster war es zu schaun, herrschsüchtig, und Schmerz und Wunden verachtend, zerstörungslustig, oder nicht achtend — wie jetzige und gewesene Helden von der Menge imaginirt, gehaßt und nicht geliebt werden. Es war ein heitere großmüthige Seele, der esnicht einfallenkonnte, ein Bürgerleben zu führen, irgend etwas in’s Kleine zu sehn; der wenn es je zur Frage bey ihm gekommen wäre, gewiß lieber den doch alles Leben endenden Tod schnell, heiter, vergnügt vor einem kleinen ihm ganz fremden Leben vorgezogen hätte. Den Feldherrnzeigte Kr. im Zelte, der seine Leute genau kennt; der einen schlechten Vorfall nicht anerkennt, und selbst Hand anlegend einen guten daraus macht. Auchgab erden Alex.: den Uechtritz zeigte vortrefflich: bey’m Gelage z. E.: Griechenleben, umgränzt von Allem, was jetziger Anstand fordert. Sehr gut; wenn er’s dort eben so macht. Ueberhaupt; sollte er bey Ihnen diese Rolle geben, so halten Sie ihn an; daß er sie grad eben so gebe, wie hier dasErste Mal. Besonders muß er zuletztsoabgehen und dassosagen, was er zuletzt zu sagen hat. EineWeltvon zu Geschehendem that sich auf! Solch Ende überhauptwill ich: nicht eine Idee, wie sie’s nennen, ein todt-willkührlich-Abgemachtes, wie so etwas nach einer schöngeschriebenen Vorschrift; warum nicht gar! weiter, und weiter entwickelt sich Leben; und Dichtung geht ihm nach und vor! Lassen Sie ihn ja Leister in Maria Stuart spielen! Wolff[13]ein geputzter, leerer Hystrione darin: Ifland hoffend, das Publikum würde aus äußern Gestikulazionen, Pausen, Mienenschneiderey — Traurigkeitüberdie Rolle — Putzkostüm, sich selbst einen Leister zusammenmachen. — Nichts!derspielt ihn: er macht keinen Würdigen daraus: zeigt aber wie so er unwürdig ist; und wie auch als ein Träger solches, doch wahre Angst, Absicht, Furcht, Scheu und Entschluß haben kann. Schiller selber hätte seinen Leister besser erkannt. Krüger hat Stimme und Sprache in seiner Gewalt, steht über seiner Person, macht sie zu einer (weggerissen) spielt nicht einzelne Stellen, und nach einzelnen Ausdrücken,sondern schon aus seinen ganzen Rollen, hat sich ausgeschrieen, ohne der Stimme zu schaden, und declamirt fast nie mehr.
Beschützen Sie solchen gut gerichteten Fleiß, und seinen jetzigen und künftigen Ertrag.
Alles was Sie über Theater sagen, unterschreib ich das ganze Jahr hindurch; aberzu Hause! selten lasse ich mich fangen zuderUngeduld. Die machen sie mir. Doch sehe ich alles, was zurGeschichtedes Bühnenwesens gehöhrt; wann das muß, das unterscheide ich auf dem Punkt. Ichbineiner der größten Theater-Kenner. Das beweisenSiemir. Wieder; auch; denn ganzallein, würd’ ich es auch glauben.
Seyn Sie gesund! Beßeres weiß ich nicht! Das lernt manquand on est criblé de rhumatisme. Er ist toll; und haust auf mich, in mir. Hr. Krüger wird mir von Ihnen erzählen: Sie schreiben nicht. Wie schwer wird’smir!!!!!!!! Gift ist es mir. Schöne Grüße all Ihren vier Damen! Keine soll etwa Krüger bey Ihnen verkleinern; sondern, Sie rein und frisch urtheilen lassen. Wie sonst, und immer
IhreFr. Varnhagen.
Ihre
Fr. Varnhagen.
Varnh. weiß nicht, daß ich Empfehlungen schreibe! Adieu.