Geb. zu Leipzig 1774, gestorben am 1. August 1833 zu Großstädteln bei L.Zwei Epochen der modernen Poesie, dargestellt in Dante, Petrarca, Boccaccio, Goethe, Schiller, Wieland. (1806.) — Theater und Publikum. (1826.) — Lebensbeschreibungen der Reformatoren, 6 Bde. (1800–4.) — Grammatikalische und andere philologische Werke. — Vortreffliche Uebersetzungen aus dem Englischen und Italienischen &c.Ein reicher Schatz an Gelehrsamkeit, Scharfsinn, heiterer Laune, hingebender Freundschaft und übermenschlichem Fleiße ist aufgehäuft in den vielen, vielen Briefen Wagner’s an Tieck. Wir hatten mit Sorgfalt eine umfassende Auswahl getroffen. Doch zeigte sich bald, daß der vierte Band dieser Sammlung das noch übrige Manuskript nicht mehr fassen könne, und wir sehen uns leider gezwungen, neuerdings bedeutende Einschränkungen zu treffen, denen auch die W.’schen Briefe unterliegen mußten.
Geb. zu Leipzig 1774, gestorben am 1. August 1833 zu Großstädteln bei L.
Zwei Epochen der modernen Poesie, dargestellt in Dante, Petrarca, Boccaccio, Goethe, Schiller, Wieland. (1806.) — Theater und Publikum. (1826.) — Lebensbeschreibungen der Reformatoren, 6 Bde. (1800–4.) — Grammatikalische und andere philologische Werke. — Vortreffliche Uebersetzungen aus dem Englischen und Italienischen &c.
Ein reicher Schatz an Gelehrsamkeit, Scharfsinn, heiterer Laune, hingebender Freundschaft und übermenschlichem Fleiße ist aufgehäuft in den vielen, vielen Briefen Wagner’s an Tieck. Wir hatten mit Sorgfalt eine umfassende Auswahl getroffen. Doch zeigte sich bald, daß der vierte Band dieser Sammlung das noch übrige Manuskript nicht mehr fassen könne, und wir sehen uns leider gezwungen, neuerdings bedeutende Einschränkungen zu treffen, denen auch die W.’schen Briefe unterliegen mußten.
Leipzig, 13. Aug. 1822.
Wenn ich Ihnen, verehrter Freund, für den während meines Aufenthalts in Dresden gegönnten Genuß Ihres Umgangs danke, so thue ich damit freilich wol nicht viel mehr, als manche andere wol auch, mag doch aber gern wenn auch nur einem Momente einer, so lange ich Sie als Dichter kenne, in mir ununterbrochen fortwaltenden Stimmung Worte leihen. Mehr als diese, deren ich überhaupt wenig zu machen, soll ich sagen glücklich oder unglücklich genug bin, nämlich meine herzliche Achtung und Liebe hab ich Ihnen schon so früh geschenkt, daß ich sie Ihnen jezt nicht noch einmal, ohne zudringlich zu scheinen, schenken könnte, wenn überhaupt in zärtern Gemüthsbezügen Nehmen nicht vielleicht seliger wäre als Geben.
Für meinen hiesigen Einzug habe ich um so mehr mitUnmusternheit Einstand geben müssen, da sich vieles gehäuft hatte, womit ich mir den Genuß in Dresden entweder nicht verbittern oder doch nicht verkümmern wollte. Denn Genußverkümmerung steht wenigstens zu besorgen, wo aus Lumpen Geist, sei es als Educt oder als Product, gezogen werden soll, weil, wie Einige behaupten wollen, dieser Proceß zuweilen so mißlich ist, daß man an dem Vorhandenseyn seines Princips, des Feuers, inwiefern dessen Pole zwei Elektricitäten sind, verzweifeln muß, ja wol gar das heraklitische Wort „die trockene Seele ist die beste“ miszuverstehen versucht wird. So etwas ist zum Glück von denen, die jezt vor mir liegen, wie Schleiermachers Glaubenslehre 2r, Rixners Geschichte der Philosophie1rund Möllers Glaube, Wissen und Kunst der Hindus1rnicht zu besorgen, von welchen allen ich mir vielmehr reiche Ausbeute verspreche. Aber die ächt heraklitische trockene, d. h. die Feuerseele, die den Weg nach oben macht, führt mich wieder darauf, wie Cato immer sprach „Caeterum Carthaginem delendam esse censeo,“ so Ihnen mahnend zu sagen „Caeterum opus de Shakspearii ingenio edendum esse censeo.“ Denn es will verlauten, daß ein gewisser Franz Horn in seinem bei Brockhaus erscheinenden Werke über Sh. sich mit Ihren Federn schmücke, was bei der freiedlen Mittheilung Ihrer Ansichten wol möglich wäre. Wiewol nun Federn den Vogel so wenig machen, als ein Buch, so wäre doch schon um der Sache willen zu wünschen, daß Sie hervorträten. Möchten Sie dies als Bitte aller Ihrer und Shakspeare’s Freunde ansehen und endlich gewähren!
Ihre Aufträge an Wendt hab ich besorgt; ob er sie vollzogen, weiß ich nicht. Ich will aber hiemit mein Versprechen lösen und Ihnen meine Ausgabe des Bailey senden, die Sie gütig, wie Sie pflegen, aufnehmen mögen, als wenigstens einen Schritt näher zum Ziele, wenn gleich bis zu einer künftigenAuflage ich, oder mein Nachfolger, noch manchen zu thun haben, wie denn mein Handexemplar schon durch mancherlei Nachträge beweiset. Es war zuvörderst hauptsächlich darum zu thun, daß die Wörter ihre Fühlhörner ausstreckten und den Sprachmeistern damit ihr Leben bemerklich machten.
Mit Achtung und freundlichen Grüßen an die Frau Gräfin und die lieben Ihrigen stets
IhrergebenerAdolf Wagner.
Ihr
ergebener
Adolf Wagner.
Leipzig, 9. Nov. 1823.
Verehrter Freund!
Unser Quandt bringt Ihnen hiemit die vier lezten Bände des Ben Jonson zurück und ich danke Ihnen herzlich für die gütige Mittheilung. Denn wieviel ist nicht an diesem literarischen Behemot zu lernen und zu bewundern, zu loben und zu tadeln! Mein, irre ich nicht, schon früher geäußertes Urtheil hat sich mir nun bestättigt und gerechtfertigt. Zur Würdigung des shakspearschen Styls (natürlich im höhern Sinne des Worts) ist er unschäzbar und unvergleichlich, inwiefern in ihm, als einem in seiner Sphäre eben auch Tüchtigen, die Bildungskeime eines Lyly, Decker, Marlow &c. aufgenommen und aufgegangen scheinen zu einer eigentlichen Kunstschulbildung, über welche Sh. so einzig und göttlich als Naturdichter, Prophet, Seher, oder wie Sie den nennen wollen, der, nach Plato, nicht durch Kunst, sondern als Begeisterter und Besessener durch göttliche Schickung und Eingeistung Schönes darstellt, erhaben ist, und welche durch das ganze Gebiet der englischen Poesie von ihm an sich zieht,immer mehr und mehr zur Technik undSchulenkunstausgemergelt. Diese seine tief geschichtliche Bedeutsamkeit in so reicher, plastischer Zeit, wie Gifford sie recht gut geschildert, hebt sich um so heller hervor, da er, Fülle und Frucht einer Sphäre seiner, und zugleich Same einer künftigen Zeit, doch auch wieder Gegensaz zu einer höhern Sphäre (Shakspeare) wird, die ihn in sich, als die höhere, aufnimmt. In dieser stark und breit gezeichneten Doppelheit der Selbständigkeit und Hingegebenheit, als Kind der Zeit und doch ihr Ankläger und Rügemeister, offenbart er sich alsüberwiegend kritischeNatur, mißt demnach seine Zeit, deren er sich nicht erwehren kann, an der untergegangenen alten, zürnt ihr stolz, wo sie diesen Maasstab verwirft und wird, indem er sie verspottet, höhnt, geißelt gewissermaßen sein Selbsteiron. Bei dem allem darf der doch wol am ersten zürnen, der so tüchtig, kräftig und fleißig sich ein Organ für die Weltgebildethatte, wenn und weil er es nicht immergebrauchenkonnte. Dies letztere zeigt außer seiner Hellenomanie (die ja unsere Zeit auch überstehen mußte) und Italomanie, der Mangel an Athem und Haltung, ein Ganzes durchzubilden, zu durchweben und zu tragen, wo nicht selten die Technik aushelfen muß, wie in seinen Trauerspielen, in welchen nur Hazlitt allein ihn vorzüglicher finden mag, und in den drei künstlich ausgeklügeltenEvery man in his humour,Ev. m. out of h. h., undThe magnetic lady or Humours reconciled.Wie glücklich, zart, tief, reich und zierlich ist er dagegen in vielen kleineren lyrischen Gedichten! Wie scharf und weit ist hinwieder seine Beobachtung der gleichzeitigen Welt, wie keck, derb, sicher seine Charakteristik von Höflingen, Raufern und Eisenfressern, Puritanern, Alchemisten und Rosenkreuzern, Neuigkeitskrämern, Geizigen, Sachwaltern, Beamten &c.! Gewiß eine herrliche Gallerie von Zeit- und Zerrbildern, sollten sie auch nicht immer so harmlos hingeworfen seyn als dieBewunderer meinen; sollte auch auf Kosten individueller Gestalt die Allgemeinheit des Begriffs mehr hervortreten, statt der Charaktere nicht selten nur Züge, und im Ganzen eine gewisse Monotonie, endlich, was das Schlimmste ist, überall die Absicht sich kund geben,to strip with an armed and resolved hand the ragged fellows of the time, naked as their birth, and with a whip of steel to print wounding lashes in their iron ribs, oderto see their folly raked up in their repentant ashes, wie es inEvery man out of his humourheißt, und überhaupt die pedantische Versessenheit, nützen zu wollen und zwar durch antike Form und Zuschnitt seiner Dramen, so daß man oft nur mehr den marktschreierischen Bau- und Zimmermeister vor seinem Riß, als das Gebäude selbst sieht. Wo er diese gleichsam fixe Idee vergißt, wie imVolpone,Alchemist,Bartholomew fair,The devil is an assundthe staple of newszum Theil, da schlägt auch seine edlere Kraft durch und man bedauert nur, daß er vor lauter Anstalten nicht zur Sache kommt, daß der Vielbelesene aus seinem Hesiod sich nicht erinnerte, wie viel mehr oft die Hälfte werth sei, denn das Ganze. Wie viel Störendes an Chor, Parabasen u. dgl. wäre dann schon weggefallen! Wie viele Mosaik würde er sich erspart haben! Darum liebe ich ihn, die obgenannten Komödien mit eingerechnet, mehr in seinen lyrischen Stücken und in den Masken. Diese letztern scheinen mir überhaupt, wenn es seine Würdigung gilt, weit mehr Aufmerksamkeit zu verdienen, als man ihnen angedeihen ließ. Es sind zuweilen wahre Pracht- und Glanzstücke, worin ihm das Leben und er dem Leben näher trat, wieHymenaei,The vision of delight,Pleasure reconciled to Virtue,News from the new world discowered in the moon,Gipsies metamorphosed. Da weiß er die Gelegenheit und einzelne Züge so gut, so gewandt und zart zu nützen, daß man ihn (und seine Gelehrsamkeit dazu) recht lieb gewinnen muß.Aber auch noch um eines andern Punctes willen sind diese Masken mir merkwürdig gewesen, weil sie einen Reichthum an Theatermaschinenkunst oder Skenopöie auslegen, wobei man mit der von den shakspeareschen Auslegern entschuldigungsweise bemitleideten Armseligkeit, Unbeholfenheit und Rohheit doch etwas ins Gedränge zu kommen scheint. Mag doch immerhin nicht jeder Maschinenmeister ein Inigo Jones, als Hofbaumeister, gewesen seyn und mag ihm B. Jonson’s beleidigter Stolz späterhin wieder nehmen wollen, was er ihm früher gegeben — es ist doch viel, sehr viel geleistet worden — wie schon dieser entzündete Neid und Streit beweiset.
Wie die Elemente der Natur Ben Johnsons gespannt waren, und ihr Streit nicht in seinen Producten erlöschen und ausgeglichen erscheinen konnte, so muß man ihm auch seine Eifersucht auf Shakespeare verzeihen, weil man doch aus seinemTo the memory of my beloved Mr. W. Shk.und einem denselben betreffenden Stück seinerDiscoveriesersieht, daß er gesunden Verstandes genug, ja sogar Bescheidenheit und Liebe neben allem Hochmuth und scioppischer Schmähsucht hatte, diesensweet swan of Avon, diesesoul of the age, the applause, delight, the wonder of our stage, who was not of an age, but for all timeanzuerkennen,though he had small Latin and less Greek, from thence to honour himself— was mir beiläufig ein köstlich komischer und ironischer Zug ist.
Aber, mein Gott! was hab’ ich da meinem herzlich geliebten Freunde vorgeplaudert! Sieht es nicht aus, als wollte ich, der Schüler, den geehrten Meister und tiefern Kenner, der mich erst dort einführt, wo er schon längst heimisch ist, belehren oder mich spreizen? Doch nein, lieber Freund, Sie werden wol in dem Gesagten nur den Gelehrigen, nicht den Lehrhaften, nur den sehen, der Ihrer gütigen Mittheilung nicht unwerth ist. Darum erinnere ich Sie an Ihr Versprechen, mir ferner mitzutheilen, was auch mich, soweit eben meineschwachen Kräfte reichen, in jener alten Welt einheimischer machen kann. An Fleiß, Treue und Streben soll es, will’s Gott, nicht fehlen, noch fehlt es daran; denn vor Arbeit erschrecke ich nicht. Ich überlasse mich dabei ganz Ihrer Leitung und wünsche nun, daß Sie mir, wo es geht, einen Cicerone, wie Gifford, mit auf den Weg geben.
Ernst Fleischer druckt, wie Sie wissen, einen im Subscriptionspreise wenigstens, beispiellos wohlfeilen Shakespeare ganz und vollständig, und, wie ich gesehen habe, sehr sauber und anständig in großem Lexikonformat in gespaltenen Kolumnen schön und deutlich. Kaum getraue ich mich, wie ich es denn zuvörderst Ihnen nur vertraue, den mir gemachten Antrag, einGlossaryfür einen zweiten Theil zu schreiben, anzunehmen; weßhalb ich auch das Nähere über Zweck, Umfang, Art &c. noch nicht mit ihm besprochen habe. An Mitteln dazu, denke ich, würde er es wol nicht fehlen lassen, und so lacht der Antrag wol an, wenn nur meine Kräfte hinreichen. Wollten Sie mir hier, soweit es Ihre Muße und Lust erlaubt, einmal Ihre Ansicht und Ihren Beirath gütigst ertheilen, so würden Sie, nicht zwar mich mehr verbinden, als ich es bin, sondern eine löbliche Absicht in einem Kreise fördern, worin ich eigentlich nur Sie als Richter und Gesezgeber und Ordner anerkenne. Darum schelten Sie mich nicht zudringlich! Könnte ich nur Fleischern bestimmen, nachträglich auch das zu liefern, was Sie aus Gründen der höhern Kritik Shakespearen zusprechen, und was ich Sie mir anzuzeigen bitten würde, so wäre schon damit etwas Verdienstliches geleistet. Aber bitte, bitte, lieber Meister, schelten Sie den Dreisten und den Bittsteller nicht; weisen Sie ihn lieber sanft ab, wenn Sie meinen, daß die Sache leidet!
Und nun genug! Ich erschrecke über das lange Schreiben und wünsche, daß Sie soviel Geduld damit gehabt habenmögen, als ich dabei Liebe hatte. Lassen Sie mich immer ein wenig in gutem Andenken bei Ihnen leben, und grüßen all’ Ihre Lieben von
IhremFreundAdolf Wagner.
Ihrem
Freund
Adolf Wagner.
Leipzig, am 24. Jan. 1830.
Mein verehrter Freund!
Wie freue ich mich, daß mir Gelegenheit ward, Ihnen durch Hintertreibung einer Nichtswürdigkeit, meine Liebe zu bethätigen! Auch wollte ich Ihnen nicht eher wieder schreiben, zumal da die Landtagstaare gewiß truppweise auch bei Ihnen einfallen, als bis ich Ihnen den Spruch in der sauberen Sache, die alle ehrbare Männer entrüstet, mittheilen könnte. Aber die Schöffen haben noch nicht gesprochen, und mittlerweile ist ein Brief von B. eingegangen, der, wahrscheinlich auf den Rath und die geäußerte Besorgnis Schedes, an Reimer geschrieben und gebeten hatte, alles Mögliche zu thun, um die Papiere aus den Händen des elenden X. zu retten, den er ganz verläugnet. Dazu kam, daß Lezter in einer Vernehmung Tags vorher auf B.’s Bewilligung provocirt hatte; welches ihm denn damit zur Steuer der Wahrheit, zu Wasser gemacht ward. Wenn damit auch B.’s Galgenangst mehr in’s Licht gesetzt wird, als seine Rechtschaffenheit, so fällt damit doch mehr als ein Schlagschatten auf X., und der Spruch über ihn kann nur um so unerfreulicher für ihn ausfallen. Davon zu seiner Zeit! Ein dazwischen geworfener Prügel hat dies schnöde Gesindel auf- und verjagt, und die Flurschützen nur aufmerksamer gemacht.
Nun kommt aber Reimer und bittet mich, Sie zu fragen, ob Ihr Prolog zum Faust abgedruckt sei, oder für den künftigen Musenalmanach bestimmt werden könne, um so mehr, da Ihr Bildnis ihn zieren soll? Darüber muß ich mir in seinem Namen Kunde ausbitten. Erlauben Sie den Druck, so kann ich ihm meine Abschrift mittheilen, worin ein Anakoluth und eine kleine Sprachnachläßigkeit, die ich in der mir gütigst geliehenen Abschrift fand, berichtigt sind.
Zugleich erlauben Sie mir wol zu fragen, was denn das im E. Fleischer’schen Prospectus, oder, um diplomatisch genau zu seyn,Thesaurus Shakspearianus, wozu ich nur noch eingongorisatusvorschlagen würde, oder noch lieberincarnatus, angekündigtesupplementvon Ihnen seyn und betreffen wird? Sollen das die Apokryphen seyn, welche hier nur zuvörderst auf dem Titel der kanonischen Schriften angekündigt werden? So scheint es; und Sie sind also wirklich noch mit ihm einig geworden? Das freut mich um der Sache willen. Und Sie müssen mir schon meine Neugier vergeben, da ich gerade in diesen Zeiten, behufs einer Recension der vossischen Uebersetzung, welche ich lange schuldig bin, mich mit dem trefflichen Meister wieder beschäftige. Da kann ich denn freilich, besonders was den Vater und den Abraham betrifft, bei mehr, alsBeim drallen Fuß, Streckbein und QuabbelschoosRosalinens, nämlich bei allen neun Musen schwören, daß alle neun eben so selten darin getroffen sind, als alle drei, und die leztern, wie obiges Pröbchen zeigt, noch seltener. Das aber wissen Sie schon lange, und auch mich hatte der einmal Freunden vorgelesene Sommernachtstraum davon überzeugt, wo ich beinah eine Mundsperre davon trug; so drohte mich der Veitstanz und Weichselzopf von Uebersetzung anzustecken, der zu Benda’s Ruhr einen recht hübschen Abstich macht. Die Texteskritik und Notencompilation sind bei V. noch das Beste. Dies alles hat, mit demthesaurus incarnatusden alten Wunsch und Vorsatz in mir wieder aufgeregt, den ich hier nur unter vier Augen ausspreche, einmal, wenn sich ein honetter Verleger fände, eine möglichst kritische Folioausgabe aller shakspeareschen Werke zu besorgen, welche alle Ab-, Nach- und Wiederdrucke überflüßig machte, nicht durch Pracht, sondern durch Gediegenheit. Was in dem sogenanntenthesaurusaus meinen frühern gelegentlichen Aeußerungen bei Fl. erster Ausgabe abgehorcht, nur halb verdaut und großsprecherisch andämmert, müßte dort möglichst klar herausgeführt werden: kritische Herstellung des Textes aus allen Entstellungen, kurze zweckmäßige Erläuterung der Sprache und Zeit in einem Glossar, bezügliche Literatur, Zeitordnung der Werke &c. Wenn ich auch die Schwierigkeit dieser Aufgabe sehr wohl erkenne und somit diesen Embryo noch in mir trage, so kann ich doch nicht umhin, ihn mit aller mütterlichen Lebenswärme zu pflegen und auszubilden. Und indem ich so alles wahrhaft Förderliche als Vorarbeit und Mitarbeit für mich und mit mir ansehe, urtheilen Sie selbst, wie sehr ich immer beklagen mußte und muß, daß Ihr Werk nun und nimmer erscheint und was Gott doch verhüten möge, die Welt um einen unersetzlichenthesauruskommt. Aber, liebster Meister und Freund, da möchte ich Sie an die Flucht der Zeit, an Alles, was Sie den Bessern, der Sache, sich selbst und Ihrer Rechtfertigung schuldig sind, erinnern, ich möchte Ihnen den Genuß und die Seligkeit der Arbeit und den Segen der Aernte vorhalten, wenn ich es nur gehörig vermöchte. Möchten diese unsere Vorsätze doch nicht fromme Wünsche bleiben!
Aber, wenn die Zeit Sie zum Voranschreiten mahnt, so mahnt mich der Raum hier Stand zu machen, und ich grüße nur all die Ihrigen mit den besten Wünschen für diesen grönländischen, bärenhaften Winter. Leben Sie wohl und lieben mich, wie ich Sie.
Ihr treuergebenerAdolf Wagner.
Ihr treuergebener
Adolf Wagner.
Leipzig, 28 März 1833.
Mein verehrter Freund!
Nicht ohne einigen Neid lasse ich Ihnen dies Blatt durch X. Marmier aus Besançon reichen, um ihn bei Ihnen einzuführen, den er durch seine Werke und durch mich lieben und verehren gelernt hat. Er will deutschen Sinn und deutsche Art kennen lernen, und ist vermöge seiner Landesart und Jugend empfänglich. Gönnen Sie ihm also immer, Ihr Bild mit sich in die Heimat zu nehmen, wo es ja jetzt immer willkommener wird! Gönnen Sie ihm während seines Aufenthalts Abende wie mir und Andern, manchmal weniger Würdigen! H. Brockhaus und von Raumer, die ihm, wie ich höre, vorangehen, kennen ihn auch, und was seinen Creditbriefen fehlt, mag er durch sich selbst ergänzen.
Nun habe ich beinahe 3 Jahr Stadt und Zimmer gehütet, und wie die Frühlingssonne in meine Fenster hereinlächelt, gemahne ich mich wie ein Schmetterling, der eben die Puppe gesprengt hat und mälich die feuchten Flügel wie Pflanzenblätter entfaltet. Ob ich nun diesen Sommer einmal zu Ihnen fliegen werde können, wollen wir sehen. Lust und Trieb habe ich, und heilsam möcht’ es wol auch seyn. So mancher ist, seitdem wir uns nicht sahen, heimgegangen, vielbetrauert, wie unser Goethe, mein treuer Oppel und wie Mancher noch! Mein lieber Quandt besucht Leipzig nicht mehr. Da muß man denn von Erinnerungen leben. Erinnerungen aber, wie schön und lieb sie seyn mögen, bleiben doch nur Hintergrund und helldunkel im Lebensgemälde. Hauptlicht und Ton muß doch die Gegenwart geben. Das Nachdunkeln bleibt ohnehin nicht aus. Glücks genug, wenn wir indessen durch der Freunde Werke und Thaten es auffrischen!So habe ich gelebt und lebe ich. Mit den Jahren und den Scherereien der Zeit und Welt wächst mir aber doch eine wahrhaft heidnische Leidenschaft und Entzückung für das Licht, und so kommt man über gar Manches hinaus. Es bleibt doch dabei, daß wir unverwüstlich sind, wenn wir nur wollen.
So viel genügt als Lebenszeichen und mithin auch als Liebeszeichen. Von Angesicht zu Angesicht sagt und macht sich freilich Alles anders und besser, als auf dem leidigen Lumpenfelde. Darum will ich hoffen und mit herzlichen Grüßen an all die Ihrigen schließen.
Unverändert
IhrAdolf Wagner.
Ihr
Adolf Wagner.
(Der letzte Brief an Tieck, wenig Monate vor W.’s Tode, schon mit unsicherer Hand geschrieben.)