Tegel, den 12. Juni 1827.

S

Sie haben mir, liebe Charlotte, mit Ihrem Brief vom 12., 13. und 14. d. M. eine große Freude gemacht, für welche ich Ihnen herzlich danke. Ich habe mit großem Vergnügen daraus ersehen, daß Sie wohl und heiter sind und das schöne und wirklich ungewöhnlich schöne Frühjahr genießen. Sie wundern sich nicht mit Unrecht, daß ich dieses Jahr später, als es die Jahreszeit zu erlauben schien, hierher gegangen bin. Indes pflege ich gewöhnlich erst im Juni die Stadt zu verlassen. Es ist jetzt sehr schön hier, und eigentlich war es vor acht Tagen noch schöner. Es blühte da der lila oder spanische Flieder, der gerade hier in großer Menge und Schönheit ist; er gibt für Auge und Geruch dem Garten immer einen großen Reiz. Ich entbehre das indes wenig, denn ich kann nicht sagen, daß ich gerade auf einzelne Blumen sehr viel hielte. Die ganze Gartenkunst läßt mich ziemlich gleichgültig. Ich suche die großen Bäume, und ziehe noch mehr die eines freien Waldes den gepflanzten vor, und mein Vergnügen am Landleben ist mehr das freie und weite Herumgehen in einer angenehmen Gegend, als das Bekümmern umPflanzungen und Blumenanlagen. Dies weite Herumgehen und die Freude an Bäumen habe ich nun hier sehr. Um mein Haus unmittelbar herum sind schöne, alte und doch noch in voller Kraft stehende Bäume in bedeutender Menge, und will ich weiter gehen, so habe ich dicht hinter meinem Park einen großen, dem König gehörenden Wald. Die Bäume haben darin etwas so Schönes und Anziehendes, auch für die Phantasie, daß, da sie ihren Ort nicht verändern können, sie Zeugen aller Veränderungen sind, die in einer Gegend vorgehen, und da einige ein überaus hohes Alter erreichen, so gleichen sie darin geschichtlichen Monumenten und haben doch ein Leben, sind doch wie wir, entstehend und vergehend, nicht starr und leblos wie Fluren und Flüsse, von denen sonst das im vorigen Gesagte in gleichem Maße gilt. Daß man sie jünger und älter und endlich nach und nach dem Tode zugehend Geht, zieht immer näher und näher an sie an. Gewiß aber ist es, um diesen Eindrücken offen zu bleiben, notwendig, von Kindheit an oft und anhaltend auf dem Lande gewesen zu sein. Nur auf diese Weise verschwistern sich Gedanken und Empfindungen mit den uns in der Natur umgebenden Gegenständen. Sonderbar aber ist es, daß meine Liebhaberei nur auf die Bäume geht, die, da sie keine eßbare Frucht tragen, gewissermaßen wilde heißen können. Obstbäume haben höchstens in der Blüte einen Reiz für mich. Es gibt zwar sehr große, undderen Wuchs in der Tat malerisch ist. Aber sie sagen mir nichts, ohne daß ich mir weiter einen Grund davon angeben könnte. Es liegt indes vermutlich darin, daß man die Obstbäume gewöhnlich nahe an Gebäuden findet, oder daß sie doch immer die Kunst und Sorgfalt des Menschen verraten, da die Seele und die Einbildungskraft die freie Natur fordert, an welcher der Mensch nichts gemodelt und nichts geändert hat. Es ist schon schlimm genug, daß so oft Bäume, die wirklich auf große Schönheit Anspruch machen können, durch Menschenhände und ewiges Behauen ganz um ihren freien und großartigen Wuchs gebracht werden. So ergeht es z. B. den Weiden. Sie werden, wenn man sie frei und ungehindert wachsen läßt, zu starken, hohen und malerisch schönen Bäumen. Noch in meiner Kindheit gab es in Berlin selbst drei solche wirklich wundervolle Bäume, die aber auch jetzt nicht mehr vorhanden sind. Aber ich sehe, daß ich zwei volle Seiten über meine Liebhaberei an Bäumen geschrieben habe. Wüßte ich nicht, wie gut Sie sind, liebe Charlotte, so müßte ich fürchten, Sie zu ermüden, so aber rechne ich darauf, daß Sie gern lesen, was ich schreibe, meist meinen Ideen gern folgen und sie in sich fortspinnen. Mir ist es ein sehr angenehmes Gefühl, mich so vor Ihnen ganz zwanglos gehen zu lassen, und zu Ihnen zu reden wie zu mir selbst. Aber ich habe Ihnen noch das eine und andere heute zu sagen, so werdenSie diesmal noch einen längeren Brief als gewöhnlich erhalten.

Ihr letzter Brief hat mir darin besonders Freude gemacht, daß Sie meine Meinung teilen in dem, was ich über den Wert einer schriftlichen Mitteilung, wie wir sie in unserm Briefwechsel aufgenommen, sagte. Auch haben Sie darin vollkommen recht, daß ein solcher brieflicher Umgang, der nie unterbrochen wird, zu einer gegenseitigen tieferen Kenntnis des Charakters führt. Wenn es gewiß nur wenige sind, die an einem Briefwechsel, wie der unsrige ist, Gefallen finden würden, so möchten ihn auch vielleicht wenig Frauen führen können. Es sind dazu doch Individualitäten erforderlich, die nicht jedermanns Sache sind, vor allen auch eine Innerlichkeit des Lebens. Ich kenne Frauen, denen niemand Geist absprechen kann, noch absprechen wird, sie besitzen viele und selbst gelehrte Kenntnisse. Im Gebiete der Wissenschaften ist ihnen wenig fremd; sie haben alles gelesen, was in die neuere und frühere Zeit fällt, und selbst die Schriften und Schriftsteller der Vorzeit sind ihnen bekannt, und ihre Unterhaltung ermüdet, und ihre Briefe sind kaum zu lesen. Man fragt wohl, woran das liegt, und die Antwort ist nicht leicht. Gewiß aber ist die Sprache ein Haupterfordernis, und sie ist nicht allen verliehen und in der Tat mehr angeboren als angebildet. Sie haben die Sprache wohl das Kleid der Seele genannt. Es ist das eine ungemein richtigeBezeichnung, die mir sehr gefallen hat. Ihnen, liebe Charlotte, ist die Sprache vor vielen anderen geworden, und wenn auch, wie Sie wohl gesagt haben, Sie mit der neuen, modernen Lektüre unbekannt geblieben sind, zu der Ihnen keine Zeit übrig blieb, indem Sie auch nicht durch Ihre Neigungen dahin gezogen wurden, so hat Ihnen das garnicht geschadet, vielleicht ist das Eigentümliche Ihnen dadurch gerade mehr erhalten. Ich selbst bin auch ganz unbekannt mit diesen Büchern. Es ist aber unverkennbar, daß Sie bei früherer, größerer Muße nur unsere besten Schriften gelesen, ja mit ihnen gelebt haben, so hat sich Charakter und Denkweise zugleich mit Sprache und Stil gebildet. Leben, Wärme und Feuer ist in Ihrer Sprache, die dabei immer einfach und natürlich und nie gesucht oder schwülstig ist. Ich habe Ihnen schon oft Ähnliches gesagt, ohne mich einer Schmeichelei schuldig zu machen. Die Tatsache hegt in jedem Ihrer Briefe und in jedem Heft Ihrer Biographie. Es hat mich garnicht überrascht, daß Sie mir sagen, wie Sie schon sehr früh die Neigung gehabt, in»ernsthafte«Korrespondenz zu treten, die nicht Erzählung von erlebten Begebenheiten, sondern Betrachtungen, Gedanken und dergleichen enthalte. Jede Gelegenheit dazu haben Sie schon als Kind mit einer Art Leidenschaft ergriffen, und Ihre empfangenen Briefchen, wohl geordnet, mit Wichtigkeit bewahrt. Früh schon, wohl mit zwölf Jahren, wären Ihnen mancheBriefe übertragen, z. B. in der Familie, auch die Krankenberichte an den verwandten Hausarzt. Überhaupt bemerken Sie, wären Ihnen unter allen Beschäftigungen die mit Crayon und Feder die liebsten gewesen, ob Ihnen doch auch eine vielleicht seltene Kunstfertigkeit in weiblicher Arbeit angeboren sei; gewiß angeboren meinen Sie, da Sie nie in irgend etwas Unterricht bekommen oder auch bedurft haben, da der scharf unterscheidende Blick Ihres Auges hinreichend gewesen, Sie zu belehren. (Diese Fähigkeit, bemerken Sie, wäre in dem letzten Teil Ihres Lebens von der größten Wichtigkeit für Sie geworden.) Ob nun dies Talent oder Kunstfertigkeit Sie auch erfreut habe und Ihnen viel Lob gewonnen, hätten Sie sich doch noch lieber Ihrem kleinen Schreibtisch zugewendet und Auszüge aus allen Büchern gemacht, mit denen Sie nach und nach bekannt geworden.

Ich rufe Ihnen, liebe Charlotte, diese Selbstschilderungen aus einem Heft Ihrer Biographie nicht ohne Absicht zurück. Die frühe Übung im Schreiben mag beigetragen haben, Ihnen eine ungewöhnliche Leichtigkeit, Fertigkeit, Gewandtheit, Richtigkeit und Gefälligkeit des Ausdrucks zu geben, nicht weniger aber sind auch die intellektuellen Kräfte erforderlich, die als Grundlage jenen den Wert geben.

Durch alle diese, sich stets erneuernden Bemerkungen ist schon mehr als einmal der Gedanke in mir erregt, den ich Ihnen heuteaussprechen will, über den Sie lachen werden, der aber mein Ernst ist. Hören Sie mich denn aufmerksam an, liebe Charlotte. Ich weiß, wie Sie in jener, nun schon lange vergangenen Zeit, nach den Ihnen leider unersetzt gebliebenen Vermögensverlusten, ganz niedergebeugt waren. Ich habe es nicht vergessen, wie Sie damals mit sich, Verhängnis und Entschlüssen kämpften und endlich, da Sie etwas ergreifen mußten, die Kunstarbeit wählten, mit der Sie Ihre Neigung in einige Harmonie zu bringen dachten. Ich habe nicht vergessen, wie Sie nun unermüdet allen Fleiß und Nachdenken anwendeten und sich so eine seltene Geschicklichkeit gewannen, so daß Ihre Fabrikate den ausländischen gleichgestellt, sehr gesucht und versendet wurden. So gelang es Ihrer Anstrengung und Ausdauer, sich eine unabhängige Selbständigkeit zu schaffen, die Ihnen noch die Freiheit gab, nach Ihrer Neigung ein halb ländliches Leben zu führen. Es macht Ihnen viel Ehre und erregt meine volle und wahre Achtung. Nicht allein das Talent weiß ich zu würdigen, mehr noch die Charakterseiten, die dazu erfordert werden.

Gern möchte ich Sie indes in einer freieren Lage und in Beschäftigungen wissen, worin Sie bei zunehmenden Jahren weniger angestrengt, mehr sich selbst lebten: das müßte, denke ich, zu erreichen sein. Ja, teure Charlotte, ich möchte Sie so gern aus Ihrer sehr angestrengten Lebensweise herausgehoben wissenund weiß zugleich, daß, was für viele andere paßt, doch nicht für Sie ist.

Sie haben sehr oft in Ihren Briefen des schönen Verhältnisses gedacht, worin Sie von Kindheit an, durch alle wechselnden Schicksale Ihres Lebens, bis an sein Grab, zu Ewald gestanden; Sie denken mit gerührter Dankbarkeit des Einflusses, den er auf Sie gehabt, und der unendlichen Teilnahme, die er Ihnen in Rat und Tat durch ein langes Leben trostvoll bewiesen. Hat er nie die Idee in Ihnen geweckt, Vorteil aus Ihrer Feder zu ziehen? Wie viele Frauen taten und tun das, die vielleicht weniger dazu berechtigt sind als Sie. Denken Sie nur an Therese Huber, deren Sie schon mehrmals mit Liebe erwähnt haben, die Ihnen durch gemeinschaftliche Freunde näher bekannt war. Es war wirklich Notwendigkeit, was sie bestimmte zum Schreiben. Anfangs war sie gewiß weniger dazu befähigt als Sie. Sie wenden mir hier vielleicht ein, Therese Huber arbeitete an der Seite ihres Mannes, unter seinem Schutz, Forthilfe und Korrektur. Wenn Sie einen solchen Entschluß fassen auf meinen Rat, so ist es billig, daß ich Ihnen hilfreich bin. Schreiben Sie Ihre Ansichten, Gedanken, Betrachtungen über freigewählte Gegenstände. Ihre eigenen Schicksale und mancher, die Ihnen näher standen, bieten Ihnen gewiß Stoff genug, mehr noch Ihr reiches, inneres Leben, das auch in der sehr einfachen und angestrengten Lebensweise sich nie erschöpfte. Die Schilderungeninnerer Seelenzustände gelingen Ihnen ganz vorzüglich.

Denken Sie meinem Vorschlage nach, prüfen Sie Ihre inneren Kräfte, seien Sie nicht zu bescheiden und sagen mir, mit dem Vertrauen, das Sie mir ja immer und unwandelbar so gütig zeigen, und worauf meine Teilnahme an allem, was Sie angeht, auch gerechten Anspruch hat, Ihre Meinung.

Und nun leben Sie herzlich wohl, liebe Charlotte, ich erschrecke selbst über die Länge meines Briefes, aber Sie finden darin einen Beweis der innigen Teilnahme, womit ich Ihnen angehöre und unwandelbar angehören werde. IhrH.

I

Ihr lieber Brief, am 5. d. M. zur Post gegeben, hat mir, wie alle Ihre Briefe, wieder viel Freude gemacht, und ich danke Ihnen herzlich dafür, liebe Charlotte.

Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrer Gegend auch so viele Gewitter haben. Neulich dauerte hier eins die ganze Nacht hindurch, und ich erinnere mich, nie so schöne und mannigfaltige Donner gehört zu haben. Alle Arten des fernen und langsamen und dann beschleunigten Rollens und der Schläge, die mit Krachen immer die Höhe verraten, kamen hintereinander vor. Ich saß, wie ich gewöhnlich tue, bis nach ein Uhr an meinem Schreibtisch beschäftigt, ging aber noch während des Gewitters zu Bette undschlief ein, als es noch in voller Stärke war. Ich liebe unter allen Naturerscheinungen die Gewitter vorzugsweise. Ob sie gleich freilich oft großen Schaden anrichten und schmerzliche Verluste herbeiführen, so sind sie doch auch durch Kühlung und den Regen, den sie gewähren, höchst wohltätig. Hier in Tegel kommen sie selten recht herauf, weil der sehr große See das ist, was die Leute eine Wetterscheide nennen. Haben sie aber den Übergang über den See gemacht, so ist es ein Beweis, daß sie groß genug waren, um den Abgang an Elektrizität, welche die Wassermasse ihnen nimmt, ertragen zu können, und dann pflegen sie sich nachher noch lange zu halten. Sie sagen mir in Ihrem Brief, daß Sie im letzten strengen Winter einige Akazien verloren haben, die Sie zum Schirm vor der Sonne in Ihrer Gartenstube hatten pflanzen lassen, und betrauern den Verlust der so schön herangewachsenen Bäume. Das glaube ich Ihnen gern und verstehe es ganz. Es ist nicht nur verdrießlich, Bäume zu verlieren, sondern es kann sogar schmerzlich sein, wenn man sich an einen Baum gewöhnt hat. Durch den Frost habe ich keinen Baum verloren, aber der Sturm hat mir eine Akazie entwurzelt und einen Ahorn gespalten. Beides waren alte, wunderschöne Bäume. Die Akazie habe ich nirgends größer gesehen. Sie hatte einen sehr dicken Stamm und weit verbreitete Äste. Im Grunde aber bleibt die Akazie selten gesund, wenn sie ein Alter, wie diese gewißhatte, von 45 bis 50 Jahren erreicht. Auch diese war schon einmal gespalten, ich hatte aber durch eine, angelegte starke Klammer ihr wieder Festigkeit gegeben. Der Sturm hat sie langsam niedergebeugt und die Wurzeln mit aus der Erde gerissen. Der Ahorn war noch größer und schöner, aber leider so gespalten, daß ich den ganzen Baum habe müssen abhauen lassen. Nun ist eine Lücke entstanden, die man, wenn man nicht die Ursache weiß, für absichtlich hält, da sie gerade vom Hause eine hübsche Aussicht auf den See gibt, die mir aber leid tut, so oft ich hinblicke. Die Bäume sind darin eigentlich unglücklich, zu allem Wind und Wetter, allen Verunglimpfungen der Vögel und Insekten, der Beschädigungen durch Menschen garnicht zu gedenken, geradezu still halten zu müssen und sich nicht vom Fleck rühren zu können. Tieren steht es doch frei, einen Schutz zu suchen, und doch kann man sich kaum erwehren, die Bäume auch als empfindende Wesen anzusehen. Lebende sind sie offenbar. Ihr Neigen sieht oft wie eine Klage aus, daß sie so unbeweglich dastehen müssen; der Sturm ist ohnehin die unerfreulichste, ja man kann wohl sagen, fürchterlichste Naturerscheinung. Schon daß er eine so furchtbare Gewalt unsichtbar ausübt und man gar nicht einmal begreift, wie er plötzlich entsteht und sich wendet, macht ihn viel schauerlicher als die anderen Naturerscheinungen, die mehr in die Augen fallen. Bei Stürmen denke ich noch allemalmit größerer Teilnahme, wie Sie darunter leiden, da Sie mir wohl gesagt haben, daß Ihr Gartenhaus so wenig Sie sichert.

Sie haben es sich schon wieder müssen gefallen lassen, daß ich mich in meiner Liebe für die Bäume habe gehen lassen, aber Sie sind zu gut und unendlich gut und sagen mir sehr freundlich, daß Ihre eigenen Empfindungen für meine Lieblinge der freien Natur sehr gesteigert seien und Sie jetzt die belaubten Mitbewohner Ihres kleines Gebiets mit größerer Liebe betrachten als früher. Das sind so schöne und zart weibliche Äußerungen, daß ich sie mit Vergnügen gelesen habe und Ihnen recht innig dafür danke, liebe, gute Charlotte.

Sie sprechen in Ihrem Brief davon, daß ich wohl in diesem Sommer nach Schlesien gehen würde und dies Ihnen minder lieb sei, weil es Ihnen eine so weite Entfernung dünke. Ich gehe aber leider, obgleich ich Schlesien nicht berühren werde, in diesem Sommer noch weiter. Ich begleite nämlich meine Frau ins Bad nach Gastein. Dies Bad liegt hinter Salzburg und ist also nahe an 120 Meilen von hier. Wir gehen aber erst im Juli fort, und ich werde Ihnen in meinem nächsten Briefe, den ich noch vor meiner Abreise von hier schreiben werde, sagen, wohin ich Sie bitten werde, die Briefe an mich zu richten. Ich werde auch bei dieser Gelegenheit einmal wieder München besuchen, wo ich seit sehr langen Jahren nicht war. Unsere Abwesenheit wird bis in den September hinein dauern,da mit der Hin- und Rückreise schon bedeutende Zeit verloren geht und der Aufenthalt in München hinzukommt. Gastein ist eine der interessantesten Gegenden Deutschlands. Ich habe es zwar noch nicht selbst gesehen, da im vorigen Jahr meine Frau ohne mich da war, aber ich kenne Salzburg, und dort fängt das Gebirge an, von dem das Bad Gastein gewissermaßen die letzte und äußerste Schlucht ist. Gastein wird vom Norden Deutschlands wenig besucht, von Österreich und Bayern aber, und selbst aus Italien sehr viel. Dennoch sind alle Anstalten zum Wohnen und Leben dort sehr schlecht, und man denkt auch wenigstens nur sehr langsam darauf, sie zu verbessern. Da ich Tegel sehr liebe, so gehe ich eigentlich immer ungern weg. Doch ist das überwunden, wenn man im Wagen sitzt, und in vieler Rücksicht freue ich mich auf diese Monate. Ich habe sehr lange keine Berge und überhaupt keine wahrhaft große, schöne Natur gesehen, und so versetzt man sich immer gern in eine solche. Das Gasteiner Wasser gehört übrigens zu den wirksamsten, die man kennt. Was aber die Gesundheit betrifft, so gehören die Badereisen zum Teil auch zu den Moden der Ärzte. In meiner Kindheit und ersten Jugend war es höchst selten, daß jemand, wenn er auch bedeutend leidend war, sich in Bewegung setzte, um seine Gesundheit durch ein Bad wieder herzustellen. Jetzt sind die Menschen beweglicher geworden und finden mehr Vergnügen an dem Hin- und Herwandern, wissen sich auch, obgleichalles jetzt kostbarer ist, die Mittel dazu zu schaffen, und so entsteht in jedem Sommer eine eigentliche Auswanderung nach den Bädern. Doch glaube ich, daß es auch hier mehr Mode ist als anderswo, und z. B. bei Ihnen und in Ihrer Gegend.

Sie schreiben, liebe Charlotte, in Ihrem letzten Brief viel von Gewittern, indem Sie auf etwas antworten, was ich in einem meiner Briefe darüber gesagt hatte. Ich bekam Ihre lieben Blätter gerade bei einem heftigen Gewitter. Daß es Ihnen ist, als könnten Sie den Wunsch hegen, gerade durch einen Blitz zu sterben, bin ich weit entfernt zu tadeln, ich finde es, wenn man den Tod leicht gegenwärtig hat, sehr natürlich und würde den Wunsch ohne Anstand selbst teilen. Es ist ein so reiner, garnicht verstümmelnder, kaum verletzender Tod, und wenn man auch immer, welche Todesart einem auch bestimmt sein mag, durch eine höhere Fügung stirbt, so ist es doch in der Einbildungskraft nicht auszutilgen, was Sie auch von Ihren Kinderjahren sagen, daß dieser Tod als einer angesehen wird, der gleichsam unmittelbar vom Himmel kommt. Unter den Elementen gibt es kein reineres und schöneres Feuer, als das bloß durch die elektrische Naturkraft entstehende. Man wird auch bei dieser Todesart in einem so majestätischen Schauspiel hinweggenommen, daß darüber das Gewaltsame verschwindet. Kein durch äußereUmstände herbeigeführter Tod ist dem natürlichen so nahe kommend als dieser. Unstreitig aber sehen die vom Gewitter Erschlagenen weder den Blitz, noch hören sie den Donner. Es kann nur eine Sekunde sein, wo Leben und Bewußtsein dahin sind. Es ist indes sonderbar, daß Personen, die sich vor dem Gewitter fürchten, gerade bei dem Donner am meisten in Schrecken zu geraten pflegen: wenn man den Donner hört, ist alle Gefahr vorüber. Wieviel man ihnen das sagen mag, es hilft nichts. Es liegt das gewiß darin, daß der Donner durch sein furchtbares Krachen und langsam steigendes Rollen die Nerven erschüttert und damit alle ruhige und verständige Überlegung raubt, oder wenigstens schwächt. Es mag überhaupt die Gewitterfurcht nicht immer sowohl Furcht und ängstliche Besorgnis vor der drohenden Gefahr, sondern öfter eine Wirkung des Blitzes und des Donners auf reizbare Nerven sein. Es ist aber überhaupt eine nicht so leicht zu beantwortende Frage: ob vorzuziehen ist, schnell hinweggerufen zu werden, oder langsam zu sterben und das Bewußtsein seines Todes zu haben. Ich setze freilich dabei immer voraus, daß auch der langsame Tod ein schmerzloser sei. Selbst theologisch hat man die Frage aufgeworfen. Der Grund, den man sich dabei gedacht hat, ist wohl kein anderer gewesen, als daß man Zeit haben soll, sich auf den Tod vorzubereiten, damit man nicht unbußfertig sterbe. Davon, gestehe ich, würde ich wenig halten, und bin ohne Ihre Erklärungdarüber gewiß, daß wir gleicher Meinung sind. Die Vorbereitung zum Tode muß das ganze Leben sein, so wie das Leben selbst, und wirklich von seinem ersten Schritte an, eine Annäherung zum Tode ist. Allein wenn ich auch in diesen Grund nicht eingehen kann, so läßt sich sonst, wenigstens im individuellen Gefühl, manches zugunsten eines voraussehenden, mit Bewußtsein verknüpften Todes sagen. Es hat immer etwas sehr Gewaltsames, so plötzlich hinweggerufen zu werden, auch wenn es ein bloßer Schlagfluß ist, und in der Tat noch so sanft. Dann aber liegt noch etwas Menschliches darin, sich dem Gefühl des Todes nicht entziehen zu wollen, ihn kennen zu lernen, bis auf den letzten Hauch das scheidende Leben in sich zu beobachten.

Leben Sie recht wohl, liebste Charlotte, und suchen Sie sich gegen den Ihnen so nachteiligen Einfluß der Hitze zu verwahren. Ihre Meinung, immer durch Aderlässe sich zu erleichtern, beunruhigt mich. Sie können dadurch nur geschwächt werden, und noch mehr bei Ihrem Mangel an Eßluft. Der Ihrige.H.

D

Der Ort hier liegt schon den höchsten Bergen Deutschlands sehr nahe. Man befindet sich selbst hier im Bade 2000 Fuß über der Meeresfläche. Das Tal ist überaus lieblich und schön. Von Salzburg hierhergeht eine sehr große, sehr bequem angelegte Straße. Doch ist das Tal sehr enge. Im Grunde dankt man dies Tal nur dem Lauf des Flusses, welcher darin sein Bett hat. Von Salzburg aus ist es den größten Teil des Weges über die Salza, einige Meilen von hier aber die Ache, die in die Salza fließt. Sehr selten aber kann der Weg neben dem Fluß in der Talebene hinlaufen. Meistenteils hängt er hoch an dem Felsen und geht nur da hinunter, wo er sich mittels einer Brücke auf die andere Seite des Flusses schlägt. An den Felsen hinlaufend, ist er mit hohen Mauern, mitunter nur auch mit hölzernen Pfeilern gestützt. Dieser Weg dauert aber nur bis in das Bad. Hier streckt sich eine Bergkette quer vor. Von hier weiter kann man nur mit ganz kleinen Landwagen noch etwa eine Stunde weit fahren, nachher nur mit Lasttieren oder reitend übers Gebirge kommen. Dies macht eben den schönen Anblick des Ortes, da man, wenn man mit dem Gesicht gegen das Ende des Tales steht, mehrere Stufen von Bergen übereinander sieht, deren unterste mit dunkeln Tannen bewachsen und die obersten mit Schnee bedeckt sind. Unmittelbar an diesem Berge liegt das Haus, wo wir mit anderen Badegästen wohnen, und das ein vom letzten Erzbischof von Salzburg gebautes Schloß, aber weder prächtig noch groß ist. Über diese das Tal beschließende Bergreihe fällt nun die Ache, und bildet einen in seiner ganzen Länge sehr hohen, aber eigentlich aus mehreren einzelnenFällen bestehenden Wasserfall. Die ganze Höhe beträgt 630 Fuß. Von beiden Seiten ist er von steilen Felsen eingeschlossen, über die aber an einigen Stellen der Schaum in der Ferne sichtbar hervorspritzt. Die Lage des Schlosses ist darin wunderbar und für mich sehr angenehm, daß die Hinterseite so nahe an dem Felsen und dem Gebirge liegt, daß man keine volle zwei Schritte Raum hat. Die Vorderseite, die nach dem Orte zu liegt, hat hingegen eine hohe Treppe, die vom Platz in das untere Stockwerk führt. Hinten herum gehen Treppen und kleine mit Geländern versehene Pfade den Berg hinauf, neben dem Wasserfall hin; dieser ist kaum zwanzig Schritte vom Hause entfernt, und macht ein großes, donnerartiges Getöse, das die Badegäste vom Augenblick ihrer Ankunft bis zur Abreise nicht einen Moment verläßt. Vielen, besonders nervenschwachen Personen ist dieser Lärm sehr zuwider, sie machen weite Spaziergänge, um sich auf Augenblicke davon zu befreien, können nicht schlafen und haben ein großes Wesen damit. Mir tut er nichts, vielmehr habe ich ihn gern. Ich bewohne das Zimmer, dem er am nächsten ist, und arbeite und schlafe vortrefflich. Das einzige Unbequeme ist, daß, wenn man Besuch hat, man, um sich vor dem Rauschen zu verstehen, viel lauter, als sonst angenehm ist, reden muß. Die kleinen Felsenwege hinter dem Schloß führen auf eine über den Wasserfall weg an seinen höchsten Punkt gehende Brücke. Manhat dieser sehr unrichtig den Namen der Schreckensbrücke gegeben. Sie ist angenehm und gewährt einen lieblichen und ewig den Blick anziehenden Anblick, hat aber im geringsten nichts Schreckliches. Geht man über diese Brücke, so steigt man noch eine Zeitlang zur Seite der eben ihrem Fall zustürzenden Ache und gelangt dann in ein viel freieres Tal als das hiesige, das von noch höheren Bergen umgeben ist. Es ist meiner Empfindung nach bei weitem nicht so malerisch als das hiesige, aber man kann eine große Strecke lang ohne zu steigen fortgehen, weshalb ich es gern zu Spaziergängen wähle, auf denen ich mich mehr mit mir als mit der Gegend beschäftigen will. In dem Teile des eigentlichen Bades, das der Vorderseite des Schlosses gegenüberliegt, sind sehr schöne Pfade und Gänge aller Art, aber kein Platz, wo man nur 200 Schritte ohne hinauf oder hinab zu steigen gehen könnte. Für Personen, die an den Füßen leiden, ist das schlimm, da es ihnen leicht an Bewegung mangelt. Indes wird auch die Bewegung hier garnicht als notwendig zur Kur angesehen. Man legt sich vielmehr gleich nach dem Bade auf eine oder zwei Stunden ins Bett, und es wird für zuträglich gehalten, wenn man schläft. Die ersten Tage, ehe man die Wallung und Aufregung des Bades gewohnt wird, will das nicht gelingen, jetzt aber schlafe ich immer. Ich bade nämlich schon um vier Uhr morgens. Man bleibt gewöhnlich eine Stunde im Bade. DieQuelle ist sehr heiß, wohl 40 Grad Hitze; man läßt es früh ein, damit es abkühlen kann; 27 bis 28 Grad ist die gewöhnliche Badewärme. Getrunken wird das Wasser auch, doch ist das Baden die Hauptsache. Einigen bekommt auch das Trinken nicht. Ohne den Wasserfall wäre das Tal seiner größten Schönheit beraubt. Ich kann stundenlang dabeistehen und dies Treiben, Kochen und Sprudeln mit ansehen, in dem sich das Wasser bis zu bloßem Schaum verarbeitet. An den weniger jähen Stellen rollt es dann in länglichen, grünen Wölbungen fort, deren Säume nur mit Schaum eingefaßt sind, und überall ist eine Eile, eine Emsigkeit, als gelte es das Leben, das ruhige und stille Tal zu erreichen. Ich habe in der Schweiz und Italien viel größere und eigentlich auch schönere Wasserfälle gesehen, der hiesige gehört doch nur zu den kleineren. Aber seine Länge und die Verschiedenheit, bald senkrecht steiler, bald bloß einer mehr und minder schiefen Fläche ähnlicher Abhänge, gibt ihm wieder eine Mannigfaltigkeit, welche jene nicht haben. Ich bin in meiner Erzählung sehr ausführlich gewesen, weil ich weiß, daß es Ihnen an sich interessant sein wird, noch mehr aber, weil ich gewiß bin, daß Sie mich gern mit Ihren Gedanken begleiten und darum gern ein anschauliches Bild von einem Ort empfangen, der, soviel ich weiß, noch wenig beschrieben ist. Sie sehen zugleich, die Sie meine Neigung, mich an einer schönen Gegend zu erfreuen,kennen, daß mir die Zeit recht angenehm hingeht.

Auf der Herreise besuchte ich auch München und blieb vier Tage dort. Es ist von Kunstschätzen sehr viel und unendlich Schönes da zu sehen. Der König hat sehr viel antike Statuen und Gemälde zusammengekauft und läßt Gebäude mit königlicher Pracht aufführen, um sie darin aufzustellen. Dem Klima nach ist allerdings, wie Sie sagen, München keine angenehme Stadt. Im Sommer kann man das zwar nicht eben merken, allein es liegt auf einer sehr hohen Fläche und hat daher nicht bloß einen sehr strengen Winter, sondern auch sehr scharfe und unangenehme Winde. Vorzüglich klagt man über die Frühjahre und Herbste. Die unmittelbare Gegend rund herum ist auch nicht schön, sondern eher häßlich zu nennen. Bloß der englische Garten gewährt einen angenehmen Spaziergang und ist eine wirklich schöne Anlage.

Leben Sie recht wohl. Mit herzlicher Freundschaft und Teilnahme IhrH.

I

Ihre beiden Briefe vom 4. und 15. d. M. sind mir, liebe Charlotte, richtig zugekommen und ich danke Ihnen recht herzlich dafür. Sie haben mir beide besondere Freude gemacht, da sich die Gesinnungen, die Sie mir schenken, darin gerade auf die angenehmsteund mir gefälligste Art aussprechen. Es war mir auch eine erfreuliche Überraschung, daß mir der erste dieser Briefe unerwartet kam, also eine liebe Zugabe außer der Regel, weshalb Sie gewiß nicht um Verzeihung bitten dürfen. Ich erbitte mir nur Ihre Briefe auf einen bestimmten Tag, weil Sie das gern haben. Wenn ich neulich äußerte, daß es mir lieber sei, auf den Tag, nicht früher und nicht später, den Brief zu erhalten, so sagt das nicht, daß mir nicht immer einer mehr, welchen Tag er eintreffen möge, angenehm sei.

Was mir am erfreulichsten in Ihrem Briefe ist, ist vor allem das, was Sie mir über Ihre immer zunehmende Heiterkeit und Zufriedenheit sagen. Es ist das ein sicheres Zeichen, daß Ihre Seele jetzt in einer Stimmung ist, die aus einer Ihnen ziemlich zusagenden äußeren Lage und Schicksalen hervorgeht. Erhalten Sie sich so viel als möglich darin, liebe Charlotte. Der Mensch kann immer sehr viel für sein inneres Glück tun, und was er äußeren Ursachen sonst abbetteln müßte, sich selbst geben. Es kommt nur auf die Kraft des Entschlusses und auf einige Gewöhnung zur Selbstüberwindung an. Diese aber ist die Grundlage aller Tugend sowie aller inneren, größeren Gesinnung. Sie sagen in Ihrem Briefe vom 15. September: »Ich weiß, daß alles, was mich eigentlich jetzt beglückt, so bleibt, wie es ist.« Gewiß, liebe Charlotte, dürfen Sie nicht fürchten, daß ich je anders gegen Sie werden würde, als ich jetzt bin. Sie befolgten es einmal,und obgleich auch damals Ihre Besorgnis unbegründet war, konnte sie dennoch damals eher entstehen. Es sind seitdem über zwei Jahre verflossen, und Sie haben gesehen, wie unnötig Ihre Besorgnisse waren, und nicht die leiseste Umänderung eingetreten ist, und das Verhältnis unter uns dadurch zu dem geworden ist, was Ihnen das liebste ist, und die Gestalt angenommen hat, die Ihnen am meisten zusagt. In mir ist eine Änderung wahrhaft unmöglich. Ich nehme den herzlichsten Teil an Ihnen und Ihrem Schicksal, wünsche Ihr Glück, trage gern zu Ihrer Freude bei, gebe gern Ihren Wünschen nach, wo es sich so tun läßt und so geschehen kann, daß ich nicht aus meinem inneren Kreise herausgehe. Für mich erwarte ich nichts, Sie können Ihrem Charakter und Ihren Gesinnungen nach mich nie täuschen, aber ich kann auch von niemandem getäuscht werden, da ich von keinem auf etwas Anspruch mache, mich keinem mit Erwartungen nähere, sondern mein inneres Bedürfnis so mit meinem eigenen inneren Vermögen in Gleichgewicht gesetzt habe, daß sich das erstere nie nach außen zu wenden braucht. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich nie auf Dank rechne, sondern das, was ich für andere tue, wenn es mir nicht gewissermaßen gleichgültig erscheint, aus Ideen und Grundsätzen fließt, die für mich einen von der Wirkung auf den andern ganz unabhängigen Wert haben. Ich werde auch nie durch etwas gereizt. Was mein Wesen ausmacht, ist abgeschlossen in sichund unabhängig von allen solchen das Leben so vieler kleinlich bewegenden Zufälligkeiten. Ich tadle diese darum nicht; sie haben ihre Weise und ich die meinige. Aber die meinige ist die sicherere und beglückendere. Dabei ist mir jede Anerkennung, jede mir erwiesene Teilnahme, jede mir geäußerte Gesinnung erfreulich, und ich bin gern dankbar. Ich schätze sie besonders als ein Zeichen dessen, was in der Seele derer ist, die sie hegen. Wird nun eine solche anhängliche, treue, verehrende Gesinnung seit langer und sehr langer Zeit, wie in Ihnen, liebe Charlotte, fortgetragen, so steigt natürlich der Wert derselben. Es freut mich daher immer, zu sehen, wie Sie erkennen, daß der nie sich verleugnende Ernst und die in sich geschlossene Festigkeit meiner Ideen, meine Unabhängigkeit von äußeren Dingen, meine Gewohnheit, mein Glück mir nur selbst aus meinem Innern zu schöpfen, über Ihnen schweben, wie Sie gern daran herauf blicken und Ihre Ideen dadurch berichtigt sehen, wo sie einer Berichtigung bedürfen. So wird es auch gewiß ferner und immer bleiben. Mein inniger Anteil, meine Bereitwilligkeit, meine Freude, Ihnen nützlich und erfreulich zu sein, werden Ihnen stets unwandelbar bleiben. Ich bitte Sie, mir den 2. Oktober und nicht später zu schreiben. Der Herbst ist wunderschön; ob er gleich immer unsere sicherste und beste Jahreszeit ist, scheint es mir doch, daß er in diesem Jahr sich selbst übertrifft. LebenSie recht wohl. Mit der herzlichsten Teilnahme IhrH.

I

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 2. Oktober vor einigen Tagen erhalten, und er hat mich aufs neue erfreut, und ich danke Ihnen herzlich dafür.

Was sagen Sie zu diesem prachtvollen Wetter? Man kann unmöglich es so ungerührt an sich vorübergehen lassen. Indes liebe ich an unserem nördlichen Klima das, daß die Jahreszeiten sich voneinander unterscheiden, und nicht in Gleichförmigkeit ineinanderfließen. In südlichen Ländern ist das nicht so, der Frühling trennt sich nicht bestimmt wie bei uns vom Winter, er ist mehr nur der noch mildere Teil desselben. Gerade aber der Übergang aus der Erstarrtheit und der Dumpfheit des Winters in die heitere Lauigkeit des Frühlings macht einen tiefen und anregenden Eindruck auf das Gemüt. Verbunden mit dem Herbst, durch den hindurch die Natur in die Gebundenheit des Winters übergeht, schließt sich der Wechsel und die Folge dieser drei Jahreszeiten an die großen Ideen an, die dem Menschen immer die nächsten sind, das Erstarren im Tode und das Auferstehen zu neuem Leben. Was man um sich sieht und empfindet, und was einer in der inneren Tiefe seines Gemüts denkt, stellt unter ganz verschiedenen Formen immer diesen Wechsel und diese Übergängevor. Am lebendigsten aber tut es die Natur im Wechsel der Jahreszeiten, in allem Begraben des Samens in die ihn mütterlich verdeckende Erde, und dem Wiederhervorkeimen aus derselben und vielen anderen Erscheinungen, die man symbolisch und allegorisch also deuten und darauf beziehen kann. Es ist der große Gedanke der Natur selbst, die nur dadurch besteht, daß sie sich ewig wieder erneuert. Wäre man immer recht durchdrungen von dieser Idee, so würde man sehr oft seinen Handlungen, Empfindungen und Gedanken eine andere Richtung geben, als man jetzt oft tut. Man würde nämlich fühlen, daß alles darauf hinausgeht, eine gewisse Reife zu erlangen, mit welcher allein jener Übertritt aus dem gebundenen und unvollkommenen Zustande in den freieren und vollkommeneren gedacht werden kann. Denn man kann sich doch das Sterben und wieder zu neuem Dasein Erstehen nicht als bloß zufällig geschehend, oder auf irdische Ereignisse berechnet, vorstellen. Das Verlassen dieses Lebens steht gewiß, es geschehe früh oder spät, in unmittelbarer Beziehung auf das innere Wesen des Dahingehenden und ist immer ein Zeichen, daß nach der Erkenntnis, der nichts verborgen ist, eine fernere Entwickelung auf dieser Erde dem Scheidenden nicht mehr vorteilhaft war. Ebenso kann auch der Tod nicht auf alle gleiche Wirkungen haben den, welcher im Leben mehr und höher zu geistiger Stärke gereift war, nicht so als denführen und stellen, der darin zurückgeblieben. Der Tod und das neue Leben ergreifen nur immer das für sie Gereifte. So muß also auch der Mensch diese Reife in sich befördern, und die Reife für den Tod und das neue Leben ist nur eine und eben dieselbe. Denn sie ist eine Trennung vom Irdischen, eine Gleichgültigkeit gegen irdischen Genuß und irdische Tätigkeit, ein Leben in Ideen, die von aller Welt entfernt sind, ein Sichlosreißen von dem Sehnen nach Glück, es ist mit einem Wort die Stimmung, daß man unbekümmert um die Art, wie man hier vom Schicksal behandelt wird, nur auf das Ziel sieht, dem man zustrebt, daß man also Stärke und Selbstverleugnung übt und wachsame Herrschaft über sich selbst. Daraus entsteht die heitere, furchtlose Ruhe, die, nichts Äußeres bedürfend, sich wie ein zweiter Himmel, ein geistiger, neben dem körperlichen in unbewölkter Bläue über den so in sich gestimmten Menschen ausbreitet.

E

Entschuldigen Sie sich nie, liebe Charlotte, wenn Sie einmal einen Posttag später schreiben, als ich Ihnen meinen Wunsch nach einem Briefe ausgedrückt hatte. Sie sind immer so pünktlich und aufmerksam, daß ich gewiß bin, daß dann ein Hindernis eintrat, das Sie nicht beseitigen konnten. Auch bestimme ich ja nur die Tage, weil Sie es wünschen.

Sie haben sehr recht, in Ihrem letzten Briefe zu sagen, daß der 18. Oktober, den man gleich nach dem Ereignis, welches damals so ungeheuer schien, ewig feiern wollte, jetzt schon beinahe vergessen ist. Wahrhaft als ein Erinnerungstag gefeiert wird er noch in Hamburg, aber ich glaube, auch nur da. Es liegt indessen in der Natur der Dinge, daß ein Ereignis das andere treibt, und daß es kaum möglich ist, eins auf sehr lange festzuhalten. Man empfindet die wohltätigen Folgen noch dankbar im Innern der Brust, man gedenkt der wundervollen Fügung des Schicksals, wodurch die menschlichen Pläne an einem so denkwürdigen Tage ein solches Gedeihen gewannen, aber der frohe, über alles hinweghebende, sich im allgemeinen Jubel ergießende Sinn erstirbt; was kurz nach der Gegenwart als eine ganz außerordentliche Begebenheit, ein wahres Wunder erschien, tritt nun in den gewöhnlichen Lauf der Begebenheiten zurück. Wenn das auch nicht recht sein mag, so ist es doch natürlich, und ist, so lange die Welt steht, so gewesen. Ich kann es selbst nicht so sehr tadeln. Alles, was man Staats- und Weltbegebenheiten nennt, hat in allen äußeren Dingen die größte Wichtigkeit, stiftet und vernichtet im Augenblick das Glück, oft das Dasein von Tausenden, aber wenn nun die Welle des Augenblicks vorübergerauscht ist, der Sturm sich gelegt hat, so verliert sich, ja so verschwindet oft spurlos ihr Einfluß. Viele andere ganz geräuschlos die Gedanken undEmpfindung stimmende Dinge sind da oft weit mehr von tiefem und dauerndem Einfluß. Der Mensch kann sich überhaupt sehr frei halten von allem, was nicht unmittelbar in sein Privatleben eingreift, und dies ist eine sehr weise Einrichtung der Vorsehung, weil so das individuelle Glück unendlich mehr gesichert ist. Gerade auch je mehr der Mensch sich in seine Individualität einschließt, desto mehr geht aus ihr hervor, was segensvoll auf das Gemüt und das innere Glück vieler wirkt. Diese Betrachtungen verrücken zwar sehr die gewöhnlich über das, was wichtig und unwichtig ist, herrschenden Ideen; das für das Wichtigste Gehaltene wird fast zur Gleichgültigkeit herabgesetzt und dem Unscheinbaren große Bedeutung beigemessen. Sie sind aber darum doch nicht minder wahr, und werden auch gewiß so von allen empfunden, welchen das äußere Weltleben nicht allen inneren Sinn abgestumpft hat. Auch die verschiedenen Epochen des Lebens verändern hierin die Ansicht sehr. Dem Jugend- und früheren Mannesalter sagt alles mehr zu, was auf einen größeren Schauplatz versetzt; im Alter fällt der falsche Glanz von den Dingen, aber sie erscheinen darum nicht ohne Bedeutung, hohl und leer. Man lernt nur das Reinmenschliche in ihnen suchen und schätzen und dies bewährt sich ohne Wandel, so lange man Kraft behält, sich mit ihm in Berührung zu setzen.

W

Wir stehen wieder am Schlusse eines Jahres. Der Monat, in dem das Jahr zu Ende geht, wir haben schon oft in unseren Briefen dabei verweilt, hat immer etwas zugleich Feierliches und Anregendes für mich. Man sagt sich wohl tausendmal, daß die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und Unwesentliches sind, und in der Tat ginge die Zeit eben so leer und ebenso bewegt, wie sie jeder ergreift und wie sie jeder aufnimmt, hin, wenn man ganz vergäße, welche Woche, welcher Monat und welches Jahr es wäre. Allein diese trocken vernünftige Philosophie verliert sich doch im Leben, und wer nur irgend Empfindung in sich trägt, geht immer ganz anders vom 31. Dezember zum 1. Januar, als von zwei anderen aufeinander folgenden Tagen über. Es ist, als wenn der Mensch versucht, durch die Zeiteinteilungen der Flüchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens ihren ununterbrochenen und ungeschiedenen Lauf zu unterbrechen. Sie selbst zwar geht immer fort, aber der Mensch fleht wie auf einer schmalen Grenze zwischen der Vergangenheit und Zukunft still, er sammelt sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt zusammen und umspannt den nächstfolgenden mit neuen Vorsätzen, Entwürfen, Hoffnungen und Besorgnissen. Ich möchte die Veranlassungen, dieszu tun, nie aufgeben. So wenig man ihrer eigentlich bedarf, so willkommen ist es, gewahr zu werden, daß sie einen mahnen. Denn eine Mahnung liegt ganz eigentlich in der Zeit, sie straft mit der Unwiederbringlichkeit der Schritte, die sie einmal getan; sie drängt zugleich auf die Gegenwart mit der Ungewißheit der Zukunft, und zwischen dieser Unwiederbringlichkeit und Ungewißheit steht der Mensch beständig, immer mit dem Gefühl, das Versäumte nie zurückführen zu können und nicht vorauszusehen, ob es die Zukunft nachzuholen gestatten wird. Dann halte ich auch sehr viel auf das Charakteristische gewisser, ja jeder Epoche des Lebens. Jedes Jahrzehnt bringt seine Sitten, Gewohnheiten, Schicklichkeiten mit, jedes seine Genüsse und seine Entbehrungen, und die Weisheit ist nur, das nicht zu verwechseln, nicht in ein Alter überzutragen, was einem andern angehört.

Ich habe, wie Sie, liebe Charlotte, wissen, eine eigene Liebe für die sternhellen Winternächte, und es freut mich nicht allein, daß Sie auch diese Neigung, wie so viele andere mit mir teilen, sondern auch, daß Sie mir oft gesagt haben, daß ich Sie noch mehr dahin geführt, und Ihnen meine Anleitungen nützlich waren. Ja, es macht mir oft Freude zu denken, daß sich unsere Blicke wohl oft in einem Planeten oder anderen Gestirn begegnen in den tiefdunkeln, hellen, schönen Winternächten, die wir jetzt haben, da Sie, wie Sie mir wohlgesagt haben, aus Ihrer Wohnung einen freien weiten Horizont nach allen Seiten haben. Die Freude daran ruht wirklich bei mir mit aus Gewohnheit. In meiner Jugend, als ich zwanzig Jahre und darüber war, ging ich ganze Nächte hier, und wo ich war, auf den Straßen herum. Wenn ich dann so die Gestirne hinziehen und ihre Stellungen verändern sehe, fällt mir immer ein, daß es nur die Abteilungen der Zeit sind, von denen ich eben sprach, die uns an jene fernen Welten heften, durch die wir ihre gegenseitigen Stellungen zu Bestimmungspunkten in uns und für uns zu einer Epoche in ihrem Gange machen.

Das Versenken in diese Ferne, das Sichverlieren in dieser Menge der Weltkörper, die sich dem Auge selbst wie ein einziges Lichtmeer darstellen, macht mich ganz eigentlich glücklich und fesselt mich, daß ich mich stundenlang nicht davon losreißen kann. Ist der Jupiter eben sichtbar, suche ich ihn immer zuerst auf und erfreue mich an seinem hellen, milden, weißen Lichte; dann verfolge ich die so unendlich fernen Fixsterne und habe es gern, wenn das Auge zuletzt sich in dem für unser Auge ungeschiedenen Glanzschimmer der Milchstraße verliert. Selbst das bloße Schauen in die tiefe Nacht, wo gerade sternlose Räume sind, ist schön, zumal gerade jetzt, wo die mondlosen Nächte so ganz und unaussprechlich dunkel und finster sind, überhaupt ist es bewunderungswürdig, welchen Genuß der anhaltendverweilende Anblick ganz einfacher Gegenstände in der Natur macht. Gewiß haben auch Sie bisweilen am Wasser gesessen, bloß um die Blicke und die Gedanken darin recht zu versenken. Für mich ist es einer der belohnendsten Genüsse, und der kleinste Bach, der stillste Teich, der sonst unbedeutendste See reicht dazu hin. Es ist das reine, klare, unbewegte Element, das diese Kraft ausübt. Es ist mir immer sehr begreiflich gewesen, wie man sich einbilden konnte, daß Wassernixen den am Ufer Sitzenden herabzögen. Es zieht wirklich hinab, und es ist einem bisweilen dabei, als könnte man nur so niedersteigen, um da ewig zu ruhen, als müßte man es. Es ist in diesem Gefühl gar kein Unwille mit der Erde, kein Überdruß an dem, was sie bietet, es ist die reine Luft am feuchten Element. Es ist überhaupt ein Vorurteil, wenn man meint, daß das Vergnügen an der Natur gerade eine schöne Gegend erfordere. So unleugbar es ist, daß diese den Reiz unendlich erhöht, so ist der Genuß überhaupt nicht daran gebunden. Es sind die Naturgegenstände selbst, die, ohne auch für sich auf Schönheit Anspruch zu machen, das Gefühl anziehen und die Einbildungskraft beschäftigen. Die Natur gefällt, reißt an sich, begeistert, bloß weil sie Natur ist. Man erkennt in ihr eine unendliche Macht, größer und wirksamer als alle menschliche, und doch nicht furchtbar. Denn es ist, als strahlte einem jeder Naturgegenstand immeretwas Mildes und Wohltätiges entgegen. Denn der allgemeine Charakter der Natur ist Güte in der Größe. Wenn man auch wohl von schauderhaften Felsen, schrecklich schönen Gegenden spricht, so ist die Natur niemals furchtbar. Man wird bald mit der wildesten Felsenschlucht vertraut und heimisch in ihr, und empfindet, daß sie dem, der einsiedlerisch zu ihr flüchtet, gern Ruhe und Frieden beut.

Die gedrückte und schwermütige Stimmung, deren Sie erwähnen, tut mir sehr leid, und es rührt mich, wie unverkennbar sie durchscheint, daß Sie dabei so wenig und kurz verweilen, um sie mir zu entziehen. Ich weiß und fühle sehr wohl, daß in einem nicht sorgenfreien, eher sorgenvollen Leben unangenehme, verdrießliche Vorfälle widrige Störungen hervorbringen und der nach Ruhe schmachtenden und der Ruhe so innig bedürfenden Seele schmerzlich entgegentreten – aber es sind diese Stimmungen dennoch den Wolken zu vergleichen, die auch bald licht und hell, bald dicht und finster getürmt einherziehen. Es läßt sich auch da nicht immer sehen, woher sie kamen, wohin sie ziehen, aber die Sonne verscheucht sie. Die Sonne für das Gemüt ist der Wille. Allein, wenn dies sehr leidet, reicht er nicht aus. Wir bedürfen dann Glauben. Glaube kann uns allein über das kleinliche tägliche Leben und irdische Treiben erheben, der Seele eine Richtung aufs Höhere geben und auf Gegenstände und Ideen, die allein Wert und Wichtigkeit haben. Es gibtetwas, das Ihnen nicht fehlt, ja, das Ihnen, liebste Charlotte, innewohnt, das Sie auch gewiß höher achten als alles, was man äußerlich und innerlich Glück zu nennen pflegt. Es ist der Friede der Seele. Er wird nach Verschiedenheit der menschlichen Richtungen auf sehr verschiedenen Wegen gewonnen und erhalten. Der im äußeren Glück und selbst Glanz Lebende bedarf dieses Friedens ebensosehr als der mit Kummer und Sorgen Beladene. Aber er erlangt ihn schwerer. Denn jeder Friede ist ein einfaches Gefühl, das in verwickelten Verhältnissen schwerer gewonnen wird. Es beruht freilich auf Ruhe und Reinheit des Gewissens, damit allein aber ist es nicht errungen. Man muß sich zufrieden mit seinem Schicksale empfinden, sich mit Ruhe und Wahrheit sagen, daß man das Schicksal nicht anklagt, sondern wenn es glücklich ist, mit Demut, und wenn es unglücklich ist, mit Ergebung und mit wahrem Vertrauen in Gottes weise Führung empfängt. Da die schwerere, sorgenvollere Lage auch das Verdienst erhöht, sich ohne Klage zu finden und sich in ihr zu erhalten, oder aus ihr herauszuarbeiten, so gelangt man auf diesem Wege zur harmonischen Übereinstimmung mit dem Geschicke, wie es auch sein möge. Sie, liebe Charlotte, wissen und üben das alles selbst. Sie brauchen nur in sich und mit Vertrauen auf Ihre innere Kraft davon Gebrauch zu machen, und Sie werden gewiß die schwere und niederbeugende Stimmung, über die Sie jetzt klagen,überwinden, wenn sie nicht anders einen äußeren Grund hat, den ich nicht kenne, der aber freilich sehr einwirkend sein kann und von mancherlei Art. Wie sehr wünsche ich, daß alles, was Sie in Wahrheit oder in der Vorstellung drückt, im alten Jahr zurückbleibe und das neue heiter und froh beginne. Mit diesen herzlichen Wünschen IhrH.


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