Tegel, den 26. Januar 1830.

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So spät im Jahre, liebe Charlotte, habe ich Ihnen noch nie von hier aus geschrieben. Ich war seit langen Jahren immer in der Stadt um diese Zeit. Nur in früheren, glücklicheren Epochen meines Lebens brachte ich auch den Winter auf dem Lande zu. Was ich damals im heiteren Zusammensein tat, wiederhole ich jetzt allein. Das ist der Gang des menschlichen Schicksals. Es ist heute hier, und da so kleine Entfernungen keinen Unterschied machen, gewiß auch bei Ihnen ein äußerst kalter Tag. Doch war ich aus. Ich gehe alle Tage gerade so spazieren, daß ich die Sonne untergehen sehe. Ich versäume den Moment nicht gern, und die halbe Stunde vor- und nachher sind mir im Sommer und Winter die liebsten des Tages. Der Mond wartet dann oft schon, wenn die Sonne ihn nicht mehr überstrahlt, seinen Glanz wieder zu gewinnen. Heute ging die Sonne so in Nebel gehüllt unter, daß man statt ihrer Scheibe nur einen mattgelben Duft sah. Wenn ich immer betrachtende Ruhe liebte und mich ihr auch oft da hingab, wo ich mich im Gedränge von Menschen und Gewühl von Geschäften befand, so versenkt mich meine jetzige Einsamkeit noch mehr darin. Ich habe zu nichts anderem Neigung. Meine wissenschaftlichen Beschäftigungen sind damit verwandt, und ich fühle mit jedem Tage mehr, wie das reine und besonnene Nachdenken über sich selbst dasInnere zusammenschließt und den Frieden gibt, der gewiß immer das Werk Gottes ist, den aber doch, gerade nach Gottes deutlich zu erkennen gegebenem Willen, der Mensch nicht wie eine äußere Gabe von ihm erwarten, sondern durch die eigene Anstrengung seines Willens aus sich selbst schöpfen soll. Ich bin in jeder Epoche meines Lebens sehr gefaßt auf den Augenblick gewesen, der uns wieder daraus abruft. Ich bin es jetzt mehr wie je, wo ich dessen beraubt, was mir in jedem Augenblicke Genuß und die heiterste Freude gab, nun auf den kalten Ernst des Lebens zurückgewiesen bin. Ich glaube auch mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen, daß ich die mir vielleicht noch bestimmten Jahre wie die jetzt verflossenen Monate zubringen werde. Nur sehr bedeutende Dinge könnten mich zu einer Umänderung bringen. Bei kleineren würde ich's schon zu machen wissen, daß die Umänderung nur scheinbar wäre. Ich sehe daher mein Leben jetzt von der Seite an, daß es ein Vollenden, ein Abschließen der Vergangenheit ist. Es ist aber in meiner Art zu empfinden gegründet, daß mich dies nicht zur Beschäftigung mit dem Tode und dem Jenseits, sondern gerade zu den Gedanken, die auf das Leben gerichtet sind, bringt. Ich halte das auch nicht für eine Eigenheit in mir, sondern ich glaube, es müßte überhaupt so sein. Wenn man an den Tod zu denken empfiehlt, so ist das eigentlich nur gegen den Leichtsinn gerichtet, der das Leben wie eine immerdauernde Gabe ansieht. Davon ist ein in sich gesammeltes Gemüt schon von selbst frei, übrigens aber weiß ich nicht, ob anhaltende Beschäftigung mit dem Tode und dem, was ihm folgen wird, der Seele heilsam sei. Zwar möchte ich nicht darüber absprechen, da es mehr Sache des Gefühls als der Untersuchung durch bloße Vernunftgründe ist. Ich glaube es aber nicht. Die aus dem Vertrauen auf eine Allgüte und Allgerechtigkeit entspringende Zuversicht, daß der Tod nur die Auflösung eines unvollkommenen, seinen Zweck nicht in sich tragenden Zustandes und der Übergang zu einem besseren und höheren ist, muß dem Menschen so gegenwärtig sein, daß nichts sie auch nur einen Augenblick verdunkeln kann. Sie ist die Grundlage der inneren Ruhe und der höchsten Bestrebungen und eine unversiegbare Quelle des Trostes im Unglück. Aber das Ausmalen des möglichen Zustandes, das Leben mit der Phantasie darin, zieht nur vom Leben ab und setzt nur scheinbar etwas Besseres an die Stelle, da allerdings die Gegenstände erhabener sind, nach denen man trachtet, man sie aber doch so, wie man es da versucht, nicht zu fassen vermag. Gott hat auch deutlich gezeigt, daß er eine solche Beschäftigung nicht wohlgefällig ansieht, denn er hat den künftigen Zustand in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt und jeden einzelnen in gänzlicher Unwissenheit gelassen, wann der Augenblick ihn ereilen wird, – ein sicheres Zeichen, daß das Lebende demLeben angehören und darauf gerichtet sein soll. Wozu mich also die Gewißheit, sich in dem letzten Lebensabschnitt zu befinden, mahnt, ist ein auf das Leben gerichtetes Bestreben, das Bestreben, das Leben abzurunden, ein inneres Ganzes daraus zu machen. In den Stand gesetzt zu sein, dies zu tun dadurch, daß man nicht mitten aus dem Treiben des Lebens hinweggerissen wird, sondern einen Zeitraum der Muße und Ruhe behält, ist eine Wohltat der Vorsehung, die man nicht ungenützt vorübergehen lassen muß. Ich meine damit nicht, daß man noch etwas tun, etwas vollenden solle. Was ich im Sinne habe, kann jeder in jeder Lage. Ich meine, an seinem Inneren arbeiten, seine Empfindungen in vollkommene Harmonie bringen, sich selbständiger und unabhängiger von äußeren Einflüssen zu machen, sich so zu gestalten, wie man sich in den ruhigsten und klarsten Geistesmomenten gestaltet sehen möchte. Dazu geht jedem, wieviel er auch an sich getan haben möge, viel ab, daran ist längere Dauer, als vielleicht die Dauer des Lebens verstatten wird. Dies aber nenne ich den eigentlichen Lebenszweck, dieser aber gibt auch dem Leben immer noch Wert, und wenn mich irgendein Unglück, wie es jeden, wie glücklich er scheine, betreffen kann, dahin bringen sollte, das Leben nicht mehr zu diesem Zwecke zu schätzen, so würde ich mich selbst mißbilligen und die Gesinnung in mir ausrotten. Allein auch über einen solchen Lebenszweckkann man nicht unfruchtbar mit seinen Gedanken brüten. Er muß nur die der Seele gegebene Richtung sein, nur das, wie sich die Gelegenheit darbietet, urteilende, billigende, zurechtweisende Prinzip. Das Leben ist zugleich eine äußere Beschäftigung, eine wirkliche Arbeit in allen Ständen und allen Lagen. Es ist nicht gerade diese Beschäftigung, diese Arbeit selbst, die einen großen Wert besitzt, aber es ist ein Faden, an den sich das Bessere, die Gedanken und Empfindungen anknüpfen, oder das, woneben sie hinlaufen. Es ist der Ballast, ohne den das Schiff auf den Wellen des Lebens keine sichere Haltung hat. So sehe ich auch im Grunde hauptsächlich nur meine wissenschaftlichen Beschäftigungen an. Sie sind vorzugsweise dazu gemacht, weil sie an sich mit Ideen in Verbindung stehen. Ich bin hierüber ausführlich gewesen, um Ihnen einen Begriff zu geben, was ich meine Einsamkeit und meine Freude daran nenne. Sie ist ursprünglich keine freiwillige, sondern eine durch das Schicksal herbeigeführte. Der von zweien Zurückgebliebene ist allein, und es ist dann eine natürliche und zu billigende Empfindung, daß man auch fortwährend allein bleiben will. Dann aber begünstigt auch die Einsamkeit jenes Nachdenken über sich selbst, jene Arbeit an sich, jenes Abrunden und Schließen des Lebens, von dem ich eben sprach. Endlich kommen die Studien hinzu, denen man auch ihre Stelle gönnen muß. Darum gehe ich nur sehr seltenzu meinen Kindern in die Stadt und freue mich, wenn sie hierher kommen. Die Leute bedauern erst meine Abwesenheit, das ist die Höflichkeit; dann finden sie dies Zurückziehen in meinem Alter und in meiner Lage natürlich, das ist die Wahrheit. Überdruß am Leben, Stumpfheit an seinen Freuden, Wunsch, daß es enden möge, haben an meiner Einsamkeit keinen Teil.

Ich habe Ihnen, liebe Charlotte, zwei Briefe geschrieben, die bei Abgang des Ihrigen noch nicht angekommen waren. Ich hoffe eine Antwort auf diese zu erhalten. Ich bitte Sie, wenn Sie können, mir noch in diesem Jahre zu schreiben. Zu dem, welches wir neu beginnen, nehmen Sie meine herzlichsten Wünsche. Möge der Himmel Ihnen wieder Heiterkeit und Ruhe verleihen! Was ich dazu beitragen kann, will ich mit herzlicher Freude tun, wo und wie es mir möglich ist. Leben Sie nun recht wohl! Gedenken Sie meiner mit freundschaftlicher Liebe und rechnen Sie mit Zuversicht auf meine aufrichtige, unveränderliche Teilnahme an allem, was Sie betrifft. IhrH.

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Sie müssen, liebe Charlotte, zwei Briefe von mir bekommen haben, die noch unbeantwortet sind, einen vom 9. und einen vom 21. Januar. Ihr letzter war nicht auf meine Bitte, sondern aus eigener Bewegunggeschrieben, und meinen Brief vom 9. werden Sie vermutlich zu spät empfangen haben, um ihn an dem darin genannten Tage zu beantworten. Da ich aber weiß, daß Ihnen meine Briefe Freude machen, und ich gerade einige Zeit frei habe, so will ich Ihnen schreiben, ohne erst eine Antwort abzuwarten. Vielleicht bekomme ich dieselbe auch noch, ehe ich den Brief schließe, da heute noch eine Gelegenheit aus der Stadt herkommt. Es liegt mir sehr daran, zu wissen, wie es Ihnen geht, und ob Sie die Ruhe und Heiterkeit wiedergewinnen, die ich Ihnen so sehr wünsche. Noch erfreulicher sollte es mir sein, wenn mein Anteil und meine Ratschläge in der Tat wirksam dazu beitrügen. Das Wahre und Eigentliche müssen Sie zwar selbst dazu tun. Denn es bleibt immer ein sehr wahrer Ausspruch, daß das Glück im Menschen selbst liegt. Das Freudige, was ihm der Himmel verleiht, beglückt nur, wenn es auf die rechte Art aufgenommen wird, und das Bittere und Herbe, das das Schicksal ihn erfahren läßt, steht es in seiner Gewalt sehr zu mildern.

Wo es auch gar keinen Trost zuläßt, wie es denn allerdings solche Unglücksfälle gibt, hat Gott noch die Wehmut zu einer Art Vermittlerin zwischen dem Glück und dem Unglück, der Süßigkeit und dem Schmerz geschaffen. Sie macht den Schmerz zu einem Gefühl, das man nicht verlassen mag, an dem man hängt, dem man sich überläßt mit dem Bewußtsein, daß er nicht zerstörend, sondern läuternd, veredelndin jeder Art und auf jede Weise erhebend wirkt. Es ist ein Großes, wenn der Mensch die Stimmung gewinnt, alles, was ihn betrifft, bloß weil es menschlich ist, weil es einmal im irdischen Geschick liegt, dagegen anzukämpfen, aber zugleich so aufzunehmen, wie es sich in der Bestimmung des Menschen, sich immer reifer und mannigfaltiger zu entwickeln, am besten vereint. Je früher man zu dieser Stimmung gelangt, desto glücklicher ist es. Man kann dann erst sagen, daß man das Leben wirklich erfahren hat. Und um des Lebens willen ist man doch auf der Welt, und nur was man in seinem Gemüt durch das Leben errungen hat, nimmt man mit hinweg. Es ist ein sehr großes Glück, wenn man all sein Denken und Empfinden an einen Gegenstand setzt. Man ist dann auf immer geborgen, man begehrt nichts mehr vom Geschick, nichts mehr von den Menschen, man ist sogar außerstande, etwas anderes von ihnen zu empfangen als die Freude an ihrem Glück. Man fürchtet auch nichts von der Zukunft Man kann nicht ändern, was nicht zu ändern ist; aber das eine, das Hängen an einem Gedanken, einem Gefühl, wenn es auch durch den grausamsten Schlag, der einen Menschen betreffen kann, nur zu dem Hängen an einer Erinnerung würde, das bleibt immer. Wer das stille Hängen an einem Gedanken erreicht hat, besitzt alles, weil er nichts anderes bedarf und verlangt. Noch beruhigender und beglückender ist natürlich ein solches Hängen an einem, wenn daseine nichts Irdisches, sondern das Göttliche selbst ist. Aber auch im Irdischen ist solch ein treues, die ganze Seele einnehmendes Hängen an einem Gefühl immer von selbst auf das gerichtet, was im Irdischen selbst nicht irdisch ist. Denn das bloß Irdische ist nicht fähig, die Seele so auf sich zu heften. Der Probierstein der Echtheit des Gefühls ist nur, daß es von aller Unruhe frei, mit keiner Art des Begehrens gemischt sei, daß es nichts verlange, nichts fordere, keine andere Sehnsucht kenne, als in der Art, wie es ist, fortzudauern. Darum ist das Gefühl für Verstorbene ein so süßes, so reines, so der Sehnsucht hingegebenes Gefühl, das bis ins Unendliche fortwährt, ohne sich je zu zerstören, in deren Wachstum selbst die Seele ohne Unterlaß Kraft gewinnt, sich ihr in einer süßen Wehmut zu überlassen. Sobald das Gefühle für das Göttliche sind, sind es unstreitig die reinsten und von aller irdischen Beimischung am meisten geläuterten. Sie haben zugleich das Eigentümliche, daß sie der Erde nicht entfremden und doch allem Drohenden und Schmerzlichen, was die Erde auch oft hat, den Stachel und den Wermut benehmen. Da der Gedanke an die Verstorbenen mit allem dem zusammenhängt, was sie im Leben umgab, so sind sie, statt vom Leben abzuführen, vielmehr immerfort Verknüpfungsmittel mit demselben; es gibt in jeder Lage noch immer Gegenstände, an welchen man sich die Verstorbenen als teilnehmend und noch mit dem Leben verknüpftdenkt. Diese knüpfen auch den Zurückbleibenden noch an das Leben, aber es ist eine Verknüpfung, die dem Leben das Schwere benimmt, da man sich doch nicht mehr ganz als ihm angehörend betrachtet. Wenn die liebsten Gedanken alle jenseits des Lebens sind, wenn das Leben keinen hat, der diesen die Wage halten könnte, so kann, was man sonst im Leben zu fürchten pflegt, einem irgend gegen irdische Schicksale Gewaffneten nicht sonderlich furchtbar erscheinen. Zeit und Ewigkeit verknüpfen sich im Gemüte zu einer Ruhe, die nichts mehr stört. Ich habe mir immer, ehe ich noch die Erfahrung selbst gemacht hatte, gedacht, daß es so sein müßte. Ich habe es nie für möglich gehalten, daß es für einen wahren Verlust auch nur einen scheinbaren Ersatz geben könnte. Jetzt empfinde ich das wirklich, da das Los mich getroffen hat. Ja, ich werde mit großer Freude gewahr, daß sich die wahre und richtige Einwirkung, die solcher Verlust haben muß, mit der Zeit immer vollkommener und richtiger entfaltet, wie die irdische Nacht tiefer wird, je länger sie währt. Die Freude, die man am nächtlichen Dunkel hat, und für die ich immer sehr empfänglich gewesen bin, ist dieser Empfindung ähnlich. Man ist allein und will allein sein, man gewahrt äußerlich nichts, und innerlich regt sich ein doppeltes Leben. Der Tag ist gewesen und der Tag wird wiederkehren.

Es ist ein schrecklicher Winter in diesem Jahr, und noch durchaus keine Aussicht, daß er sichbald milder lösen will. Wenn man die viele Not bedenkt, die er mit sich führt, so ist das sehr beklagenswert. Allein sonst ist mir keiner so leicht geworden. Dies liegt in der Ruhe und Unabhängigkeit der Einsamkeit, worin ich lebe. Ich gehe alle Tage spazieren, allein außerdem verlasse ich die aneinander stoßenden drei Zimmer, die ich allein bewohne, nie, und der Anblick der unberührten Schneeflächen und des unendlichen Glanzes, den die Sonne, deren Auf- und Untergang ich von meinen Fenstern aus sehe, und abends Mond und Venus und die anderen Sterne über die Schneefläche und den gefrorenen See ausstrahlen, ist unbeschreiblich. – Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 2. Februar oder, wenn das nicht möglich ist, doch noch in der ersten Woche des Februar abgehen zu lassen. – Leben Sie recht herzlich wohl und bleiben Sie meiner aufrichtigen und innigen Teilnahme versichert. Ganz der Ihrige.H.

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Ich bin sehr besorgt um Sie gewesen, liebe Charlotte. Ihr längeres Stillschweigen hat mich diesmal nicht beunruhigt. Ich war gewiß, daß Sie nicht krank sein konnten. Ich habe Sie so bestimmt gebeten, mir in diesem Fall zu schreiben, daß ich gewiß darauf rechnen konnte, daß Sie es getan haben würden. Ich erriet aber die Ursache Ihres Nichtschreibens und sehe nun aus Ihrem Briefe, daß ich ganzrichtig vermutet hatte. Es war eine zu natürliche, Ihrer Empfindungsart zu angemessene Empfindung, als daß sie nicht hätte in Ihnen aufsteigen sollen. Ihr jetziger Brief aber hat mir die größte Freude gemacht, besonders wegen der ruhigen Stimmung, die darin herrschend ist, und die ich, da sie Ihnen notwendig die wohltätigste sein muß, so sehr liebe, um deren Erhaltung ich Sie dringend bitte. Auch Lebenslust und Lebensfreude an den dem Leben bleibenden Genüssen kann erst auf dieser Grundlage im Gemüt emporsprießen. Die Ruhe ist die natürliche Stimmung eines wohlgeregelten, mit sich einigen Herzens. Äußere Ereignisse können sie bedrohen und das ruhigste Gemüt aus den Angeln heben. Ein großes weicht zwar auch da nicht, allein obgleich es Frauen gibt, welche diese Stärke mit der größten und lebendigsten Regsamkeit der Empfindung und der Einbildungskraft verbinden, so kann man das bewundern, aber nicht fordern. In einem Manne aber ist es Pflicht, es läßt sich verlangen, und er verliert gleich bei allen richtig Urteilenden an Achtung, wie hierin in ihm ein Mangel sichtbar wird. – – – –

Meine Gesundheit ist fortwährend gut. Sogar von kleinen Übeln bin ich frei. Das Alter erscheint mit den Jahren allmählich, aber mit einer Krankheit oder einem großen Unglücksfall, den nichts je wieder gut machen kann, plötzlich. Das letzte ist mein Fall gewesen.Hätte ich den Verlust nicht erlitten, den ich erfahren, so möchte es noch mehrere Jahre so fortgedauert haben. Aber durch die große Änderung, welche dieser Verlust in mir hervorbringen mußte, und die mit jedem Tage nur fühlbarer wird, bei der plötzlichen Vereinzelung nach einem achtunddreißigjährigen gemeinschaftlichen Leben, und selbst in der Abwesenheit ununterbrochenen gemeinschaftlichen Denken und Empfinden, war es natürlich, daß die Änderung auch körperlich eintrat. Indes ist das sehr leicht zu ertragen, zumal solange die Gesundheit so unangegriffen wie bei mir jetzt bleibt. Ich kann daher, wenn Sie auch nicht immer darin einstimmen, nur dabei bleiben, daß mir das Alter lieb ist. Es ist ein natürlicher menschlicher Zustand, dem Gott seine eigenen Gefühle geschenkt hat, die ihre eigenen Freuden in sich tragen. Wenn ich durch einen Zauberstab machen könnte, daß ich die mir noch übrigen Jahre mit jugendlicher Kraft und Frischheit verleben, oder so wie jetzt bleiben könnte, so wählte ich das erste gewiß nicht. Die jugendliche Kraft und Frischheit paßt nicht zu greifenden Gefühlen, und diese in einem langen Leben erworbenen und erlangten Gefühle möchte ich doch für nichts auf Erden aufgeben. Was Sie von meiner Stimmung sagen, unterschreibe ich insofern, als sie allerdings eine seltene und den tiefsten und gerührtesten Dank erheischende Gabe des Himmels, nicht menschliches Verdienst ist.Wenigstens rechne ich siemirnicht zu. Ich verdanke sie größtenteils der, welche auch jetzt die unmittelbare Quelle derselben ist. Denn wenn man einem durchaus reinen und wahrhaft großen Charakter lange zur Seite steht, geht sie wie ein Hauch von ihm auf uns über. Ich würde mir selbst jenes Besitzes unwert erscheinen, wenn ich jetzt anders sein könnte, als innerlich in abgeschlossener Ruhe in der Erinnerung lebend, und äußerlich, wo sich die Gelegenheit darbietet, nützlich und wohltätig beschäftigt.

Ich wünsche, daß meine Briefe Sie ruhig, heiter stimmen, Ihnen wie eine Erholung, eine Erquickung erscheinen. Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie mit vertrauender Zuversicht auf meine ununterbrochene freundschaftliche Teilnahme.H.

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Ich sage Ihnen, liebe Charlotte, meinen herzlichen Dank für Ihren am 27. April abgegangenen Brief, den ich richtig empfangen habe. Mit meinem Befinden geht es sehr gut, und ich empfinde weder Folgen des nassen Frühjahrs noch des strengen Winters. Dennoch machen sich die Folgen im allgemeinen sehr fühlbar. Eine Menge von Leuten leiden hier an kaltem Fieber. Ich habe für den Sommer meine Lebensart etwas geändert. Ich stehe jetzt regelmäßig um sechs Uhrauf. Dafür gehe ich aber auch immer vor, spätestens um Mitternacht zu Bett. Die Morgenstunden haben mehr Reiz für mich, und so schreibe ich Ihnen, liebe Freundin, heute in der Frühe. Es ist das erste, womit ich heute den Tag beginne. Auf meinen Schlaf hat weder das frühe noch späte Aufstehen einigen Einfluß. – – Die Nacht hat etwas unglaublich Süßes. Die heiteren Ideen und Bilder, wenn man solche haben kann, wie ich ehemals oft erfahren, nehmen einen sanfteren, schöneren, in der Tat seelenvollen Ton an, dabei ist es, als ob man sie inniger genösse, da in der Stille nichts, nicht einmal das Licht sie stört. Kummervolle und wehmütige Erinnerungen und Eindrücke sind dagegen auch milder und mehr von der Ruhe durchströmt, die jede Trauer leichter und weniger zerreißend macht. Man kann auch dem Kummer ruhiger nachhängen, und ein tiefes Gemüt sucht doch nicht den Kummer zu entfernen, am wenigsten zu zerstreuen, sondern sucht ihn so mit dem ganzen Wesen in Einklang zu bringen, daß er Begleiter des Überrestes des Lebens bleiben kann. Ich kann mich jetzt schon auf die langen Winternächte freuen und habe, was ich hier sage, im vorigen Winter oft erfahren. Bedenkt man auf der anderen Seite wieder, wie freudig und schön das Licht ist, so gerät man in ein dankbares Staunen, welch einen Schatz des Genusses und wahren Glückes die Natur allein in den täglichen Wechsel gelegt hat. Es kommtnur darauf an, ein Gemüt zu haben, ihn zu genießen, und das liegt doch in jedes Menschen eigener Macht. Alle Dinge, die einen umgeben, schließen für den Geist und die Empfindung Stoff zur Betrachtung, zum Genuß und zur Freude in sich, der ganz verschieden und unabhängig ist von ihrer eigentlichen Bestimmung und von ihrem physischen Nutzen; je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr öffnet sich dieser tiefere Sinn, die Bedeutung, die halb ihnen, die sie veranlassen, halb uns, die wir sie finden, angehört. Man darf nur die Wolken ansehen. An sich sind sie nichts als gestaltloser Nebel, als Dunst, Folgen der Feuchtigkeit und Wärme, und wie beleben sie, von der Erde gesehen, den Himmel mit ihren Gestalten und Farben, wie bringen sie so eigene Phantasien und Empfindungen in der Seele hervor.

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Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 16. d. M. vor einigen Tagen empfangen und so wie Sie es vorausgesehen haben, doppelte Freude daran gehabt, weil er in einem so ruhigen und heiteren Tone geschrieben ist. Ich wünsche nichts mehr, als daß Sie in demselben und der ihm entsprechenden Stimmung bleiben mögen, und Sie können es gewiß, wenn Sie sich nicht selbst trübe und irrige Vorstellungen machen, sondernvielmehr der Ruhe nachstreben, welche das Gemüt unabhängig von äußeren Ereignissen macht. Ohne diese nur durch innere Bearbeitung seiner selbst zu erlangende Ruhe bleibt man immer ein Spiel des Schicksals und verliert und gewinnt sein inneres Gleichgewicht, wie die Lage um einen her nur freudvoller oder leidvoller ist. Das gänzliche Unterlassen alles Spazierengehens ist und bleibt doch eine Entbehrung eines großen Vergnügens, wenn sich auch der Körper daran gewöhnt; ich habe das selbst an mir erfahren. Der Mangel der Bewegung hat mir nie geschadet, aber entbehren tut man viel. Man genießt die Natur auf keine andere Weise so schön als bei dem langsamen, zwecklosen Gehen. Denn das gehört namentlich zum Begriff selbst des Spazierengehens, daß man keinen ernsthaften Zweck damit verbindet. Seele und Körper müssen in vollkommener und ungehemmter Freiheit bleiben, man muß kaum einen Grund haben, auf eine oder die andere Seite zu gehen. Alsdann befördert die Bewegung die Idee, und man mag etwas Wichtiges denken oder sich bloß in Träumen und Phantasien gehen lassen, so gewinnt es durch die Bewegung des Gehens besseren Fortgang, und man fühlt sich leichter und heiterer gestimmt. Noch vor kurzem ist es mir geschehen, daß mir durch einen Spaziergang gelang, was sich sehr lange nicht hatte gestalten wollen. Ich hatte oft vergebens an etwas gearbeitet, und plötzlich beimHerumgehen draußen kam es mir ganz von selbst, daß ich beim Nachhausekommen es nur aufzuschreiben brauchte. Ich gehe aber niemals des Morgens aus. Daran tue ich vielleicht Unrecht, aber es hängt bei mir mit so vielen kleinen Gewohnheiten zusammen, daß ich darüber nicht hinauskommen kann. Ich genieße daher nur den Anblick des Grün aus den Fenstern, wo dann die Lichter der Frühsonne im Laube einen wundervoll herrlichen Wechsel des Hellen und Dunkeln gewähren.

Ich habe kürzlich Goethes zweimalige Reise nach Italien oder vielmehr, da es keine eigentliche Reisebeschreibung ist, seine Briefe von daher gelesen. Sie schrieben mir in derselben Zeit von der Jacobischen. Ich habe diese Reise nie gelesen, wohl aber den Reisenden gekannt und sein Buch loben hören. Er studierte mit mir zugleich in Göttingen und ging, wenn ich nicht irre, auch mit Ihrem Bruder um. Er war ein guter Mensch und sehr fleißig, doch vermied ich seinen Umgang, da er für meine Neigung in zu viele Studentengesellschaften verwickelt war. Was Sie mir aus seiner Reise über die Pracht der Kirchen und des Gottesdienstes sagen, ist sehr wahr. Es ist, wie Sie bemerken, und wie es auch mir erscheint, eine lobenswürdige Sitte, daß man jedem Gelegenheit gibt, in jedem Moment, wo er Stimmung dazu hat und fühlt, an einen Ort gehen zu können, wo er Stille und Einsamkeit oder zu seiner Stimmung passende Verrichtungen findet,einen Ort, der ihm schon an und für sich, sobald er ihn betritt, Ehrfurcht und dazu eine gewisse Linderung einflößt. Unsere evangelischen Kirchen werden viel zu sehr als Orte, die zum Predigen bestimmt sind, angesehen, und auf die religiöse Erhebung des Gemüts in Gebet und Nachdenken wird zu wenig gedacht. Die Goetheschen Briefe aus Italien lehren nicht gerade Italien und Rom kennen. Sie sind ganz und garnicht beschreibend. Man muß mit den Gegenständen durch eigene Ansicht oder durch andere Reisen bekannt und bereits vertraut sein, um nur die Bemerkungen darüber ganz zu verstehen. Aber sie malen sehr hübsch und interessant Goethe selbst und zeigen, was Rom und Italien sind, durch den Eindruck, den sie auf Goethe gemacht haben. Insofern gehören sie zu den merkwürdigsten Schilderungen. Dann erkennt man auch daraus, welche unglaubliche Sehnsucht Goethe Jahre hindurch hatte, Italien und vor allem Rom zu sehen.

Ich reise morgen früh ab und gehe zunächst nach Breslau. Leben Sie herzlich wohl und seien Sie meiner unveränderlichen Teilnahme gewiß. Von Herzen IhrH.

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Ihr am 31. v. M. abgegangener Brief hat mir, liebe Charlotte, sehr viel Freude gemacht, weil er in einer ruhigen, wirklich erfreulichen Stimmung geschrieben ist.Ich danke Ihnen sehr dafür. Ich lebe nun wieder ganz in meinen alten Gewohnheiten. Mein Befinden ist sehr erwünscht, und ich wüßte nicht, worüber ich zu klagen hätte. Wenn Sie aber von meiner kräftigen Gesundheit reden, so bedarf es doch einer Einschränkung. Meine Gesundheit ist gut, weil sie mich nicht leiden macht, und vorzüglich, weil ich sie durch die Regelmäßigkeit meines Lebens erhalte und befördere, übrigens sieht man mir das Alter viel mehr an als anderen Menschen von gleichen Jahren, und ich bin auch weniger rüstig, als es meinem und einem weit höheren Alter gemäß ist. Auch abwesend können Sie das an meiner Handschrift sehen, deren Ungleichheit und Mangel an Festigkeit garnicht von den Augen, sondern allein von der Hand herkommt. Das ist allerdings Folge der Jahre, aber daß es so früh und so plötzlich gekommen ist, ist allein Folge des Todes meiner Frau. Wenn man, wie es mein Fall war, so verheiratet war, wie man es einzig sein konnte und sein mußte, so ist die Trennung dieses Bandes nicht der bloß geänderte Zustand, sondern ein durchaus neuer. Ich klage nicht, ich weine nicht, der Tod einer Person, und noch dazu in höheren Jahren, ist ein natürliches, ein menschliches, ein unabänderliches Ereignis; ich suche nicht Hilfe oder Trost – denn der Kummer, der nach Hilfe oder Trost verlangt, ist nicht der höchste und kommt nicht aus dem Tiefsten des Herzens. Ich bin auch garnicht unglücklich,ich bin vielmehr auf die einzige Art glücklich und zufrieden, auf die ich es sein kann, aber ich bin anders als sonst, ich hänge mit dem Menschen und der Welt nur insofern zusammen, als ich Ideen daraus schöpfe, oder als ich durch äußerliches Wirken nützen kann, sonst habe ich keinen anderen Wunsch, als allein zu sein. Jede Störung meiner Einsamkeit, jeder, auch nur Stunden dauernde Besuch ist mir höchst unangenehm, wenn ich auch den Menschen, die mich besuchen, gut bin. Ich tue nichts dazu und suche nichts darin, es hat aber seit einem Jahre sehr zugenommen, und ich schließe daraus, daß es nicht vergehen wird. Sie können denken, daß ich in Berlin, wo ich so lange lebte, unter vielen Bekannten einige Männer und Frauen der engsten Vertraulichkeit habe. Ich pflegte sie wöchentlich, auch öfter zu sehen. Seit dem unglücklichen Verluste habe ich sie kaum drei- oder viermal gesehen. Sie fühlen und begreifen mich, und eine natürliche Diskretion hält sie ab, mich ohne ausdrückliche Einladung zu besuchen. Ich lade aber niemand ein, sondern überlasse das meinen Kindern. Ist jemand bei ihnen, so brauche ich nicht länger dabei zu sein, als ich Lust habe. Ich erzähle Ihnen das, weil Sie gern einen Begriff meines Zustandes haben. Mit meinen Augen geht es aber nicht schlimmer. Besser kann es natürlich auch nicht gehen. Vielmehr, da man in allen Dingen klar sehen muß, sage ich mir, daß die Schwächemit den Jahren auch zunehmen muß, und daß leicht eine Zeit kommen kann, wo ich das Lesen und Schreiben ganz aufgeben werde. Bei Licht stelle ich es schon sehr ein. Ich sitze oft abends allein zwei bis drei Stunden, ohne scheinbar etwas zu tun. Ich kann aber nicht sagen, daß diese Zeit mir unnütz und noch weniger unangenehm verstriche. Das Träumen in Bildern und Erinnerungen hat etwas sehr Süßes, und strengt man sich an, ernsthafter und in gewisser Folge zu denken, so nützt es für die Arbeit des folgenden Tages. Ich ziehe dies einsame Sitzen einem Gespräch weit vor. Oft indes und in den früheren Abendstunden lasse ich mir vorlesen. – Heute war ein selten schöner Tag, eine milde, angenehme Luft, kein Wind, ein reiner, blauer, schöner Himmel, aber sehr herbstlich ist es bei uns schon, ich weiß nicht, ob auch bei Ihnen. Das Laub ist schon so gelb, und wenn man eine ganze Allee hinunter sieht, bemerkt man auch, daß die Bäume nicht mehr die Blätterfülle wie im Sommer haben. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit hingeht. Eine Woche, ein Monat sind vorbei, und ehe man sich umsieht, das ganze Jahr. Es scheint garnicht der Mühe wert, eine so alte und allgemein anerkannte Sache noch zu wiederholen. Allein mir ist es wirklich, als wäre mir diese Empfindung nie sonst in gleichem Grade lebendig gewesen. Es mag daher kommen, daß ich die Zeit mehr nach Arbeit als nach sonst einer Ausfüllung messe, und da ist mir immerdie Zeit, in der etwas zustande kommen soll, unzureichend zu demjenigen, was man darin erwartet. Kein Tag bringt ganz hervor, was er soll, und aus diesen Lücken der einzelnen Tage entsteht ein großes Defizit im ganzen. Ich habe darum den Winter nicht so ganz ungern, weil man doch, selbst in meiner, das ganze Jahr hindurch sehr ruhigen, mußevollen und freien Lage, immer im Winter mehr und angestrengter arbeitet.

Sie erwähnen der neuesten unruhigen Auftritte. Seit Sie schrieben, haben sich diese sehr vervielfältigt und sind sogar in unsere Nähe gekommen. Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Leidenschaft, wilde Roheit und Übermut den Frieden bedrohen, dessen man so lange genoß. Indes wird sich auch das wieder beruhigen. Die Dinge der Welt sind in ewigem Steigen und Fallen und in unaufhörlichem Wechsel, und dieser Wechsel muß Gottes Wille sein, da er weder der Macht noch der Weisheit die Kraft verliehen hat, ihn aufzuhalten und ihn zum Stillstand zu bringen. Die große Lehre ist auch hier, daß man seine Kräfte in solchen Zeiten doppelt anstrengen muß, um seine Pflicht zu erfüllen und das Rechte zu tun, daß man aber für sein Glück und seine innere Ruhe andere Dinge suchen muß, die ewig unentreißbar sind.

Leben Sie recht wohl, erhalten sie sich heiter und seien Sie meiner aufrichtigen und unveränderlichen Teilnahme versichert.H.

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Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 28. v. M. erhalten und danke Ihnen sehr dafür. Es war hier seit acht bis zehn Tagen außerordentlich schönes Wetter, ich habe es recht genossen und bin die Nachmittage meistenteils ganz draußen gewesen. Ich fahre fort so wohl und gesund zu sein, daß, wenn ich auch auf alles einzelne an mir acht geben wollte, ich nicht wüßte, worüber ich zu klagen hätte. Es ist vielleicht unrecht, das so zu preisen und das Schicksal gleichsam herauszufordern und gewissermaßen das Glück zuberufen. Größtenteils ist das Aberglaube, aber doch nicht ganz. Wenn das Rühmen mit etwas Gutem mit einer vermessenen, inneren Zuversicht oder mit großer und ängstlicher Bangigkeit vor dem Umschlagen verbunden ist, so schlägt es wirklich leicht um. Man nenne es eine Strafe Gottes, oder man glaube, daß es ein für allemal in der sittlichen Weltordnung so eingerichtet sei, daß das sich überhebende wieder gedemütigt werden muß, so ist die Sache nicht abzuleugnen. Die Erfahrung lehrt sie, sie liegt im Glauben aller uns bekannten Zeitalter und Nationen, viele haben sie in denkwürdigen Sprichwörten, auch in Erzählungen, überlieferten und erdichteten, niedergelegt. Auf mich findet das indes keine Anwendung. Ich spreche gegen Sie mein Wohlsein und meine Gesundheit aus, weil ich weiß, daß es Sie freutund Ihnen eine Beruhigung ist und Trost, und weil das Aussprechen die natürliche Regung eines gegen das Schicksal dankbaren Gemüts, ja selbst ein Dank ist, ohne daß man etwas hinzufügt. Ich hege dabei keine Vermessenheit; ich habe, und gerade jetzt, wo viel Äußeres wankend werden kann, das klare Bewußtsein, daß alles, was jetzt die äußere Lage eines Menschen ruhig, sorgenlos, genußreich und selbst beneidenswert macht, sich, ohne daß man es ahnt, umwenden kann; viel leichter noch die Gesundheit in höheren Jahren. Ich habe aber darüber nicht die mindeste Ängstlichkeit. Ich genieße alles dankbar, was von außen kommt, aber ich hänge an nichts. Ich lebe durchaus nicht in Hoffnungen, und da ich nichts von der Zukunft erwarte, so kann sie mich auch nicht täuschen. Ich muß offenherzig gestehen, daß ich, wäre es auch unrecht, nicht an einer Hoffnung jenseits des Grabes hänge. Ich glaube an eine Fortdauer, ich halte ein Wiedersehen für möglich, wenn die gleich starke gegenseitige Empfindung zwei Wesen gleichsam zu einem macht. Aber meine Seele ist nicht gerade darauf gerichtet. Menschliche Vorstellungen möchte ich mir nicht davon machen, und andere sind hier unmöglich. Ich sehe auf den Tod mit absoluter Ruhe, aber weder mit Sehnsucht noch mit Begeisterung. In der Gegenwart suche ich mehr Tätigkeit als Genuß. Im Grunde ist aber dieser Ausdruck unrichtig. Der Genuß entsteht durch die Tätigkeit, beide sind also immer verbunden. Es gibtallerdings auch Genuß, der wie eine reine Himmelsgabe uns zuströmt. Den kann man aber nicht suchen, und es ist beklagenswert, wenn sich die Sehnsucht auf einen solchen heftet. Aber der große Genuß, das große Glück, das wahrhaft durch keine Macht entreißbare, liegt in der Vergangenheit und in der gewissen Betrachtung, daß das große Glück zwar ein großes, schätzenswürdiges Gut, aber daß doch die Bereicherung der Seele durch Freude und Schmerz, die Erhöhung aller edeln Gefühle der wahre und letzte Zweck ist, übrigens alles in der Welt wechselnd und seiner Natur nach vergänglich ist. Durch diese Ansicht versinkt das Leben in der Vergangenheit nicht in ein dumpfes Brüten über vergangene Freuden oder empfundene Leiden, sondern verschlingt sich in die innere Tätigkeit, welche das Gemüt in der Gegenwart beschäftigt. So ist es in mir, und da die Gefühle, auf welchen mein Leben beruht, jetzt alle in die Vergangenheit entrückt sind, auf eine zwar von Wehmut begleitete, aber ein so süßes und so sicheres, von Menschen und Schicksalen so unabhängiges Glück gebende Weise, daß nichts es zu entreißen, ja selbst nur zu schwächen vermag.

Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 26. d. M. zur Post zu geben; wenn Sie früher schreiben, ist mir Ihr Brief immer und an jedem Tage willkommen.

Leben Sie herzlich wohl. Mit aufrichtiger und unveränderter Teilnahme der Ihrige.H.

I

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren am 26. v. Mts. abgegangenen Brief vor einigen Tagen empfangen und danke Ihnen herzlich dafür. Er ist in einer so ruhigen Stimmung geschrieben, daß er mir dadurch doppelt erfreulich geworden ist. Denn ich bin überzeugt, daß gerade diese Stimmung auch für Sie die beglückendste ist. Der schöne Herbst ist aber auch recht gemacht, der Seele und dem Gemüt so viel Heiterkeit und eine so lebendige Farbe zu geben, als ein jeder nach seinem inneren Zustande in sich aufzunehmen fähig ist. Ich denke, ich erinnerte mich nie eines so schönen und beständigen Oktobers und beginnenden Novembers. Im vorigen Jahre lag um diese Zeit schon Schnee, der dann auch den ganzen Winter liegen blieb. Jetzt ist die Luft milde wie im Sommer, und kaum daß hier und da ein Regentag das wolkenlose Blau des klaren Himmels unterbricht. Gestern leuchteten schon die Steine sehr hell, als ich vom Spaziergange zurückkam, und auch heute war es noch lange nach Sonnenuntergang sehr schön. Die Monatsrosen sind in der reichsten, üppigsten Blüte. Es ist wirklich etwas Ungewöhnliches in dieser Witterung, als wollte der Himmel der Erde eine Entschädigung für den letzten langen Winter angedeihen lassen. Wie sehr ich mich aber auch freue über das schöne Wetter, so liebe ich doch eigentlich den Herbst nicht. DieEntblätterung der Bäume hat etwas so Trauriges und gibt der Natur, die erst überall Fülle, Reichtum und Üppigkeit ist, den entgegengesetzten Charakter der Dürftigkeit. Die herbstlichen Bäume haben auch für mein Gefühl etwas noch mehr Widerwärtiges als im Winter. Dann ist die Zerstörung wenigstens vorüber, im Herbst aber stellt sie sich noch im Werden selbst dem Auge dar. Die armen Bäume sehen so vom Winde gezaust und mißhandelt aus, daß man Mitleid, wie mit Menschen, mit ihnen haben möchte. Im früheren Herbst lieben viele Leute die mannigfaltigen Farben, welche dann das Laub annimmt. Ich habe das oft rühmen hören. Ich selbst aber habe nie Gefallen daran finden können und hätte diese Farbenpracht gern der Natur geschenkt. Wie viel schöner ist das allgemeine Grün des Sommers, und man hätte sehr unrecht, dieses einförmig zu nennen. Es hat vom Zarten und Hellen an bis zum tiefsten Dunkel so mannigfaltige Nüancen, daß auch der Wechsel und die Schattierungen das Auge erfreuen. Diese Farbennüancen sind aber milde und fein und nicht so grell als die herbstlichen Farben.

Die Versicherungen, die Sie mir geben, daß Sie nicht unruhig, nicht bekümmert sind, haben mich sehr gefreut, und ich glaube Ihnen gern. In dem Sinne, in welchem Unruhe und Unzufriedenheit zu tadeln sind, schreibe ich sie Ihnen auch nicht zu. Daß Sie bewegt und leicht gerührt sind, ist natürlich und schön. Auch Müdigkeit am Leben begreife ich sehr, obgleichich dies Gefühl nie gehabt habe. Allein selbst ohne unglücklich zu sein, kann das Leben leicht Müdigkeit einflößen, ich möchte sagen, es muß es sogar, sobald es dem Menschen aufhört als ein Fortschreiten in irgendeiner Art zu erscheinen und ihm zu einem Rundgange wird, auf dem nun nichts Neues mehr erscheint. Auf diese Weise fühlt man das Nichtige, was das Leben sogleich hat, als man es mit dem höchsten Geistigen vergleicht, was aber verschwindet, solange man es als eine Stufe zu höherem Fortschreiten ansehen kann.

Ich weiß nicht, liebe Charlotte, ob zu einer geistigen Beschäftigung, wie ich Ihnen riet, es so vieler und so absichtlicher Zurüstungen bedürfe. Wie ich Ihnen zuerst davon schrieb, war wenigstens das mein Gedanke nicht. Zu dieser Beschäftigung gehört gerade Freiheit, und die wird durch so planmäßig angelegte Lektüre gehemmt. Mir scheint eine ganz entgegengesetzte Methode viel einfacher. Wozu soll man gerade wissen und lernen? Es ist viel besser und viel wohltätiger, zu lesen und zu denken. Das Lesen soll nämlich bloß den Stoff zum Denken hergeben, weil man doch einen Gegenstand haben muß, einen Faden nämlich, an dem man die Gedanken aneinander reiht. Hierzu braucht man aber beinahe nur zufällig ein Buch, wie es sich findet, in die Hand zu nehmen, kann es auch wieder weglegen und mit einem anderen vertauschen. Hat man das einige Wochen getan, so müßte es einem an allergeistigen Lebendigkeit und Regsamkeit fehlen, wenn man dann nicht von selbst auf Ideen geriete, die man Lust hätte weiter zu verfolgen, Dinge, über die man mehr zu wissen verlangte; so entsteht dann ein eigen gewähltes Studium, nicht ein durch fremden Rat gegebenes. So, dächte ich, hätte ich es alle Frauen machen sehen, die gern in ihrem Innern ein reges geistiges Leben führten. Sehen Sie nun zu, da wir die Sache jetzt besprochen und von manchen Seiten überlegt haben, welchem Vorschlage Sie folgen wollen. Schon das bloße Nachdenken über die Wahl einer Beschäftigung ist selbst eine Beschäftigung, und die Vorbereitungen gewähren schon einen Teil des Nutzens der Sache selbst. Ich werde Ihnen gern bei allem, soviel ich kann, behilflich sein.

Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 23. d. M. auf die Post zu geben. Ich wünsche von Herzen, daß Sie gesund bleiben mögen, und wenigstens nichts Äußeres Ihre Ruhe störe. Erhalten Sie sich dann auch die innere, und seien Sie von meiner unveränderlichen Teilnahme und Freundschaft überzeugt. IhrH.

D

Da ich jetzt wenige Briefe selbst schreibe, so fiel es mir auf, als ich die Jahreszahl hinkritzelte, denn wirklich nur Kritzeln kann ich mein jetziges Schreiben nennen, daß ich dies in diesem Jahre zum erstenMale tue. Nehmen Sie also auch, liebe Charlotte, meinen herzlichen Glückwunsch an. Möge nichts Äußeres, Widerwärtiges Ihnen zustoßen, und mögen Sie immer die nötige Stärke haben, sich die innere Ruhe zu erhalten, wenn sie, wie man bei menschlichen Schicksalen nie eine sichere Bürgschaft hat, einmal bedroht würde. Nach der Art, wie die Menschen, vorzüglich die höheren Stände, leben, hat, genau genommen, der Jahreswechsel seine wahre Bedeutung verloren. Im Grunde fängt mit jedem Tag ein neues Jahr an. Nur die Jahreszeiten machen einen wirklichen Abschnitt. Diese aber haben bei uns kaum auf mehr als unsere Annehmlichkeit und Bequemlichkeit Einfluß. Mir ist aber demohngeachtet ein neues Jahr immer eine Epoche, die mich aufs neue in mir selbst sammelt. Ich übergehe, was ich getan habe, etwa noch tun möchte, ich gehe mit meinen Empfindungen zu Rate, mißbillige oder billige, befestige mich in alten, mache neue Vorsätze und bringe so gewöhnlich die elften Tage des Jahres müßig und arbeitslos hin. Ich lächle dann selbst, daß ich die guten Vorsätze mit Müßiggang verbringe, aber es ist nicht sowohl Müßiggang als Muße, und diese ist bisweilen heilsamer als Arbeit. Worauf aber diese periodischen Betrachtungen immer und gleichmäßig zurückkommen, ist die Freude, daß ein Jahr mehr sich an das Leben angeschlossen hat. Es ist dies keine Sehnsucht nach dem Tode, diese habe ich schon darum nicht, weil ja Leben undTod, unabänderlich miteinander zusammenhängend, nur Entwickelungen desselben Daseins sind, und es also unüberlegt und kindisch sein würde, in demjenigen, was moralisch und physisch seinen Zeitpunkt der Reife haben muß, durch beschränkte Wünsche etwas ändern und verrücken zu wollen. Es ist auch nicht, ja noch viel weniger Überdruß am Leben. Ich habe dieselbe Empfindung in den genußreichsten Zeiten gehabt, und jetzt, da ich gar keiner äußeren Freude mehr empfänglich bin, wenigstens keine suche, aber still in mir und der Erinnerung lebe, kann ich noch weniger dem Leben einen Vorwurf zu machen haben. Aber der Verlauf der Zeit hat in sich für mich etwas Erfreuliches. Die Zeit verläuft doch nicht leer, sie bringt und nimmt und läßt zurück. Man wird durch sie immer reicher, nicht gerade an Genuß, aber an etwas Höherem. Ich meine damit nicht gerade die bloß trockene Erfahrung, nein, es ist eine Erhöhung der Klarheit und der Fülle des Selbstgefühls, man ist mehr das, was man ist, und ist sich klarer bewußt, wie man es ist und wurde. Und das ist doch der Mittelpunkt für des Menschen jetziges und künftiges Dasein, also das Höchste und Wichtigste für ihn. Das wird Ihnen, liebe Charlotte, mehr und besser zeigen, wie ich es meine, wenn ich das Alter der Jugend vorziehe. Mein eigentlicher Wunsch wäre aber, daß ich allein alt würde und alles um mich her jung bliebe. Damit würden dann auch die anderen zufrieden seinund gegen diese Selbstsucht keine Einwendung machen. Ganz im Ernst zu sprechen, obgleich auch das mein Ernst ist, ich meine nur in dem Ernst zu sprechen, den auch andere dafür nehmen würden – so bin ich weit entfernt zu verkennen, daß die Jugend im gewissen und im wahren Sinne eigentlich nicht bloß schöner und anmutiger, sondern auch in sich mehr und etwas Höheres ist als das Alter. Eben weil wenig einzelnes entwickelt ist, wirkt das Ganze mehr als solches; auch entwickelt das Leben nicht immer alle Anlagen, oft nur wenige, da ist dann die Jugend wirklich mehr. Auch liegt da in beiden Geschlechtern ein großer Unterschied. Dem Manne wird es viel leichter, den Schein und selbst die Wirklichkeit zu gewinnen, als sei er im Alter mehr und viel mehr geworden. Man schätzt in ihm viel mehr die Eigenschaften, die wirklich dem Alter mehr angehören, und erläßt ihm die Frische und den Reiz der jüngeren Jahre. Er kann immer Mann bleiben und selbst mehr werden, wenn er auch die körperliche Kraft sehr einbüßt. Bei Frauen ist das nicht ganz der Fall, und die Strenge der Willensherrschaft, die Höhe der freiwilligen Selbstverleugnung, durch die das weibliche Alter sich eine so jugendliche Kraft erhalten kann, haben nur wenige den Mut sich anzueignen. Allein auch in Frauen bewahrt das Alter vieles, was man in ihrer Jugend vergebens suchen würde, und was jeder Mann von Sinn und Gefühl vorzugsweise schätzen wird.

Über Ihre Beschäftigung mit Palästina freue ich mich sehr. Es ist Ihnen gewiß wohltätig, nicht ewig mit derselben Arbeit beschäftigt zu sein und nicht, wenn Sie dieselbe verlassen, sich wieder bloß Selbstbetrachtungen zu überlassen, sondern sich mit einem äußeren, den Geist anziehenden Gegenstand zu beschäftigen. Man kehrt durch einen solchen dennoch mittelbar in sich zurück.

In dem, was Sie über den Unterschied zwischen der neueren Geschichte und dem Altertum sagen, stimme ich Ihnen vollkommen bei. Man befindet sich auf einem ganz anderen Boden im Altertum. Es erging zwar den Menschen in jenen fernen Jahrhunderten auch wie uns jetzt. Aber die Verhältnisse waren natürlicher, einfacher, und wurden, was die Hauptsache ist, frischer aufgenommen, ergriffen, behandelt und umgestaltet. Auch ist die Darstellung würdiger, hinreißender und vor allem poetischer, die Poesie war damals noch wahre Natur, nicht eine Kunst, sie war noch nicht geschieden von der Prosa. Dies poetische Feuer, diese Klarheit anschaulicher Schilderung verbreitet sich nun für uns über das ganze Altertum, das wir nur durch diesen Spiegel kennen. Denn allerdings müssen wir uns sagen, daß wir wohl manches anders und schöner sehen, als es war. Ich will damit nicht geradezu sagen, daß die Art, wie die Dinge erzählt werden, unrichtig sei. Das nicht. Aber das Kolorit ist ein anderes. Wir sehen die Menschen und ihre Taten in anderenFarben. Auch fehlen uns eine Menge kleiner Details, wir sehen nicht alle, oft nur die hervorstechenden, wenn auch nicht mit Fleiß ausgewählten Züge. So wird alles überraschender und kolossaler.

Ich vermute, daß Sie bei dem schönen, gelinden und oft sonnigen Wetter auch täglich Ihren Garten besuchen. Ich lasse keinen Tag ohne Spaziergang vorübergehen. Die Sonne aber entgeht mir bisweilen, da ich mich in meinen Spaziergängen nicht nach ihr richte. Ich gehe immer Sommers und Winters am Nachmittag, und die Sonne versteckt sich hier in diesen Tagen um Mittag in Nebel.

Meine Gesundheit, denn ich sehe, daß ich noch nicht von ihr gesprochen, ist sehr gut. Ich habe bis jetzt in diesem Winter nicht einmal einen Schnupfen gehabt. Ich könnte also nur über Altersschwächen klagen; diese sind aber natürlich, und ich ertrage sie, ohne mich über sie zu wundern.

Ich bitte Sie, liebe Charlotte, Ihren nächsten Brief am 25. d. M. zur Post zu geben. Leben Sie nun recht wohl und rechnen Sie immer auf meine unveränderliche Teilnahme.H.


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