Dreiundfunfzigster Brief.
Paris, den 29. August 1848.
Gestern habe ich wieder viele Besuche abgestattet, oder doch Karten abgegeben. B. Rothschild empfing mich sehr artig, und seine Frau fand ich so einfach, liebenswürdig und verständig wie vor Jahren. Selbst ihr einnehmendes Äußere hatte sich nicht verändert.
Mittags aß ich bei Spontini’s, die sich freuten mich wieder zu sehen. Er ist sehr niedergeschlagen, da er, in Folge einer Erkältung, seit Monaten schwer hört. Eine Verwandte der Spontini, Madame Bonnemaison, welche mich früher sehr freundlich aufgenommen hatte, war gegenwärtig, — aber erblindet.So giebt es auch Leiden außerhalb der politischen Kreise. Diese wurden denn natürlich im Gespräche berührt, welches ein französischer Baron, ein wallonischer Abt und meine Wenigkeit lebhaft genug führten. Daß nicht alle Franzosen mit den neuesten Veränderungen zufrieden sind, wußte ich freilich schon vor pariser Mittagsmahlen.
Nachmittags.
Ich wollte heute, mit W., Arago besuchen. Er war unwohl. Drauf zumjardin des plantes, wo Hr. Prof. Valenciennes uns, mit größter Dienstfertigkeit, alles Sehenswerthe an Pflanzen und Thieren gezeigt hat. Ich sah Alles mit großem Interesse, habe nun aber einmal eine Vorliebe für die Menschen, und finde die Pflanzen poetischer als die Thiere. Viele der letzten erscheinen mir als Vorübungen,rudimenta, eines des Schaffens noch nicht recht kundigen Werkmeisters. Dann bleibt mir das große Geheimniß der Individualität, der durch Jahrtausende fortgepflanzten Natur u. s. w.
Auf dem Platze der Bastille Spuren der Kugeln (eine neben der anderen) aus den Junitagen. General C. hat zu W. gesagt: von Soldaten und Volkswache wären 4000 geblieben! Kaum ist jemals eine solche Schlacht in einer Stadt unter Stamm- und Bürgergenossen vorgefallen.
Den 30. August.
Ich wiederhole, daß, allem Anscheine nach, Hr. Minister Bastide aus den bereits mitgetheilten Gründen wünscht, daß ihm einige Zeit verbleibe, bevor er über die bekannte Hauptsache eine bestimmte oder schriftliche Erklärung abgebe.
In einem Gespräche mit dem englischen Botschafter, Lord Normanby, erinnerte sich derselbe sehr freundlich, mich bei meinem früheren Aufenthalte in England gekannt zu haben. Er sagte ferner: ich weiß noch nicht, welchen schließlichen Entschluß meine Regierung in Bezug auf den Hrn. Reichsverweser u. s. w. gefaßt hat; doch ist man in den Sachen wesentlich einig, und es handelt sich nur um einige Formen. Ich habehierbereits alles Mögliche für Sie gethan (beiläufig einige Höflichkeiten für meine Person) und werdefortfahren es zu thun, aber übereilen, bruskiren Sie nichts, haben Sie Geduld. Es giebt Schwierigkeiten, welche die Zeit am sichersten und leichtesten beseitigt; es giebt Rücksichten und herkömmliche Formen, welche sich nicht kurzweg vernichten lassen. Alle wolleneinZiel und man wird es erreichen: am leichtesten und sichersten, wennSie meinem Rathe folgen. So das Wesentliche in der zutraulichsten und freundlichsten Weise.
Ich komme so eben von Hrn. Minister Bastide.Er wiederholte, unter den Versicherungen der größten Bereitwilligkeit, alles Das, was ich bereits schrieb. Von General Cavaignac wären die erhobenen kleinen Schwierigkeiten gar nicht ausgegangen, sondern vonihm, da ihm obliege, gewisse Formen zu wahren. Man möge ihm nur einige Zeit lassen, um die Sache zum Ziele zu führen; doch hoffe er, mich noch heute dem General Cavaignac vorzustellen. — — — Hr. Minister Bastide sagte ferner: den neuesten Nachrichten zu Folge werde der dänische Streit wahrscheinlich bald ein Ende nehmen; desto bedenklicher stehe es in Italien, weil die Österreicher (obwohl sehr höflich) die Mediation abgelehnt hätten. Frankreich habe einmal nun sich verpflichtet, die italienische Nationalität aufrecht zu halten, und wenn dies im Wege der Mediation nicht gelinge, solle einebewaffneteIntervention eintreten, zu welcher England zwar keine Kriegshülfe bewilligen, wohl aber sich ruhig verhalten werde. — Auf meine Bemerkung: daß der Begriff einer Aufrechterhaltung der Nationalität mehre Auslegungen erlaube, fügte der Minister hinzu: die Bewilligung einer Verfassung und Verwaltung (etwa nach ungarischer Weise) und eine Verbürgung derselben unter österreichischer Souverainetät dürfte vielleicht am besten weiterer Zerwürfniß vorbeugen. Leicht würden die Franzosen die siegreichen Österreicher zurückdrängen, aber selbstnachdem Siege keineanderen Bedingungen stellen, als vor demselben. Österreich möge sich nicht in Italien schwächen, Frankreich wolle dessen Macht gar nicht verringern, sondern gerne erhöhen,aber nach dem Ostenhin.
Meine dringende Bitte, in dieser hochwichtigen Sache sich nicht zu übereilen, nicht das Schwert zu ziehen, sondern einer friedlichen Lösung der Fragen zu vertrauen, schien aufrichtig geneigtes Gehör zu finden. — Alles zu Allem gerechnet, wage ich zu behaupten: daß die ganz allgemein gehaltenen Versprechungen der Österreicher, in Italien das Angemessene zu bewilligen, nicht ausreichen werden. Sie müssen eiligst inhaltsreiche Erklärungen abgeben, sonst dürften die Franzosen schwerlich länger zurückzuhalten sein. Hr. Bastide erkannte feierlichst Werth und Nothwendigkeit des Friedens an, erörterte aber nochmals die Schwierigkeit der Stellung, welche Frankreich nun einmal eingenommen habe. Er versprach ferner Mäßigung und blosschriftlichesVerfahren, so lange es irgend möglich sei. Das große Interesse Deutschlands bei dieser Angelegenheit erkannte er willig an, sowie die Natürlichkeit der Forderung, daß man es nicht (wie zur Zeit des alten Bundestages) bei Seite lassen dürfe. — Über die Gränzen und einzelnen Bedingungen des italienischen Friedens scheint man noch nicht ganz entschieden zu sein. — Ohne mich ungebührlich vorzuwagen, machte ich darauf aufmerksam, daß jetzt für Frankreich der günstige Augenblick da sei, durch moralische Mittel die Gesinnung und Gefühle der Deutschen für sich zu gewinnen u. s. w.