Dreiundvierzigster Brief.

Dreiundvierzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. August 1848.

Gestern Abend ging ich nach einsamem Spaziergange in das Theater, um „Brandmarkung, Pranger und Prügel aller Art“, wovon in der Paulskirche die Rede war, aus den Gliedern los zu werden. In dem Heirathsantrage auf Helgoland spielte Hr. Reger den alten Oberbootsmann vortrefflich, und Mozart’s Kapellmeister ließ die Paulskirche vergessen. Obgleich er selbst steif und hölzern dargestellt wurde, ergötzte ich mich an Hrn. Theaterdirektor Schikaneder; auch sangen die beiden Frauen recht brav. Indessen blieben wehmüthige Erinnerungen auch hier nicht aus. Es setzte sich nämlich ein etwa 16jähriges Mädchen neben mich, welche der Malvina Eimbeck (als sie ebenso alt) außerordentlich ähnlich war, und gar manche Fäden früherer Zeiten hervorrief, die ja (wie alles Vergangene) nicht den Charakter des Sonnenaufganges, sondern des Sonnenunterganges tragen und tragen müssen.

Wenn mir auf den Spaziergängen schon Blätter vor die Füße fallen, ich den Mähern und Harkern zuschaue oder durch Stoppeln wandere, finden sich auch ganznatürlichandere Gedanken ein, als wenn ich im Mai unter Rosen und Blumen aller Art mich ergötzte und verjüngte. Von hier aus würde ich sogleich wieder in den Butterfrauentrab der Paulskirchenpolitik verfallen, wenn nicht jetzt eben alle Glocken so entsetzlich läuteten, daß mir alle Gedanken vergehen und ich deshalb lieber abbreche.

Den 6. August.

Das war heute eine so aufregende Sitzung, daß man ein Nervenfieber davontragen könnte.

Bei Erörterung der Berichte über die Amnestie politischer Verbrecher, und über Hecker’s Aufnahme, mußte man Reden anhören, die allen Grundsätzen der Sittlichkeit Hohn sprachen und dem Verbrechen Altäre bauten. Ich konnte diese Gräuel nicht länger aushalten, ging ins Freie; hörte aber bei der Rückkehr schon draußen einen fürchterlichen Lärm. Ein Abgeordneter, Brentano, hatte, dem Sinne nach, gesagt: wie man den badener Verfolgten eine Amnestie verweigern könne, da man sie dem Prinzen von Preußen bewilligt habe? Hecker und der Prinz wurden also gleichgestellt. Vor 6 Wochen befürchtete ich schon eine solche Explosion, und erbat mir für solch einen Fall das Wort.

Den Preußen ging diesmal die Geduld aus, um so mehr, da die Galerien Beifall brüllten. — Es war nahe daran, den höhnisch fortlachenden Brentano von der Rednerbühne herabzuwerfen und mit einer großen Prügelei zu enden. Der Präsident außer Stande, Ruhe herzustellen, mußte die Sitzung aufheben; die preußischen Abgeordneten und viele Nichtpreußen begaben sich ins Casino, waren eines Sinnes über jene Unwürdigkeiten und versammelten sich um 5 Uhr im österreichischen Locale zu weiteren Beschlüssen. Niemand weiß, was geschehen wird; aber nochmals hat sich erwiesen, daß wir, wie ich immer behauptete, mit Lammessanftmuth nichts ausrichten, sondernà laGriesheim die Zähne weisen müssen.


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