Dreizehnter Brief.

Dreizehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.

Der alte Spruch findet hier volle Wahrheit, daß die Sorge den Menschen nie verläßt: sie geht mit zu Bett, tritt im Traume vor Augen, steht Morgens mit auf u. s. w. Und hat man sich mit den frankfurter Sorgen etwas abgefunden, so langt eine neue Last mit der berliner Zeitung an, des übrigen Europa nicht zu gedenken! Die Republikaner haben hierganz öffentlichvielerlei tolle Dinge beschlossen, darunter die sogenannte Emancipation der Frauen. Wichtiger und folgenreicher ist es, daß sie einen Ausschuß von sieben Personen erwählten, um nach Berlin zu gehen und mit Hülfe von „60,000bewaffnetenProletariern“ Stadt und Land zu revolutioniren. Alle Könige und Fürsten, sagen sie laut, sollen mit einem Schlage in Deutschland vernichtet werden. Und wenn Schwäche und Muthlosigkeit fortdauern wie bisher, ist dies nicht blos möglich, sondern wahrscheinlich. Wie unentschlossen hat sich der berliner Reichstag in Bezug auf die argen Frevel des 14. benommen, wie achselträgerisch, mit dem Gesindel liebäugelnd, sich fürchtend, Alles — glatt streichend. Keine Spur gerechten, großartigen Zornes, keine Maßregel die des Erwähnens werth wäre, keine Strafe, sondern unter Lächeln und Händedrücken ein vertrauensvolles Fraternisiren mit Denen, welche die Verbrechen begingen, oder doch ihre Schuldigkeit nicht thaten!!

Auch der censurfreien Presse scheint der Pöbel ein härteres Joch und einen schärferen Zügel aufgelegt zu haben. Doch genug über diese furchtbaren Miserabilitäten. Arg ist es hier auch, aber doch nicht so arg.

In der gestrigen (17.) Sitzung, ließ die Linke ihren Neigungen einmal wieder freien Lauf, während der übrige Theil der Versammlung mit Recht größtentheils schwieg. Zuvörderst vielerlei unnütze Einreden gegen die Fassung des Protokolls; hierauf große Klagen, daß der Präsident (weil nichts zum Vortrage reif war) die Freitagssitzung, durch Bekanntmachung ausgesetzt und auf den Sonnabend verlegt hatte. Daran reiheten sich die unnützesten Bedenken über einen möglichen Mißbrauch seiner Macht, wie z. B. wenn er nun gar keine Sitzungen berufe u. dgl. mehr; hauptsächlich aber war der Trödel angefangen, um den (gutentheils noch mit Demokraten gefüllten) Galerien ein Paradepferd vorzureiten und auf Kosten der angeklagten Versammlung, schlechten Beifall aus der Höhe zu erhalten. Ueberdies haben fast alle diese Demagogen beneidenswerthe Lungen, sie schreien ärger wie die Zahnbrecher, scheuen sich nicht unzählige Male dasselbe zu wiederholen, und stellen Mangel an Höflichkeit und Anstand, als Muth in Rechnung. Insbesondere ließ es Herr — an jenen guten Eigenschaften so fehlen, daß ihn der Präsident zur Ordnung rufen mußte. Dies rechnen sich aber manche Leute (des höheren Beifalls der Galerien gewiß) zur Ehre. Er klagte also Versammlung und Ausschüsse der Faulheit an: sie täusche alle Erwartungen des so lange gedrückten und mißhandelten Volkes, erwecke Unzufriedenheit, sei Schuld an allen Aufständen, rufe eine zweite, nothwendige, noch viel schrecklichere Revolution hervor, sei schuldig am Untergange alles Bestehenden. — So legte man die eigene Schuld auf die Schultern der Unschuldigen, gegen eigenes Wissen und Gewissen. Nachdem 6–8 Redner, allevon der Linken, sich immer wiederholend ausgetobt hatten, legte Herr Bassermann in einer einfachen, aber schlagenden Darstellung, die Wahrheit so vor Augen, daß Keiner etwas zu erwidern wußte. Hierauf rechtfertigten die Vorsteher der einzelnen Ausschüsse ihr Thun, und erwiesen den großen Fleiß und die Anstrengungen derselben in einer Weise, daß jeder Unbefangene das Geschrei der Linken mißbilligen mußte, und ihr mit Recht vorgeworfen wurde:siesei hauptsächlich (wie am heutigen Tage) Schuld an der Zeitvergeudung. — Ungeschreckt bestieg Herr Schlöffel ein anderes Paradepferd und verlangte mit groben, aufgebauschten Floskeln: daß die Versammlung auf der Stelle die Unverletzlichkeit der Abgeordneten, gegen hochverrätherische Fürsten, Behörden und Beamten dekretire. Und zwar ging die Absicht dahin, alles und jedes Thun, auch außerhalb der Versammlung zu sanktioniren. Als vor Kurzem von den Gefahren durch Aufstände, Empörer u. dgl. die Rede war, hielt die Linke jede Schutzmaßregel für überflüssig; jetzt schlug sie die strengsten Maßregeln nach oben vor, während sie der dringenden Gefahr vom souverainen Pöbel her, gar nicht erwähnte. Zuletzt fielen alle unnützen Vorschläge mit großer Stimmenmehrheit durch. Überhaupt ist die hiesige Versammlung besser zusammengesetzt und hat mehr Talent und Haltung, als dieberliner. Bleiben Revolutionen außerhalb derselben nur aus; durch die Versammlung selbst wird mancher Fehler begangen, aber nicht Anarchievorsätzlichhervorgerufen werden.

Ich muß die Forderung der Wähler, daß Sydow und Bauer ihre Stellen niederlegen sollen, durchaus mißbilligen. Sie hebt Form und Wesen der Repräsentation ganz auf, macht die Gesetzgebung von dem leidenschaftlichen und windigen Belieben der Massen abhängig, verwandelt die Abgeordneten in bloße Boten und Knechte, vertilgt alle Festigkeit und Dauer gesetzlicher Bestimmungen und begründeter Überzeugungen. Wenn wider jene Forderung gar kein ernstlicher Widerspruch erhoben wird, so ist dies ein Beweis jämmerlicher Furchtsamkeit, oder völliger Unwissenheit über geschichtliches, sowie philosophisches Staatsrecht.

Unsere Sitzungen in Frankfurt werden von jetzt an immer wichtiger werden. Der Ausschuß für Bildung einer vollziehenden Gewalt, hat seine Vorschläge eingereicht (ich lege ein Exemplar bei) und der Verfassungsentwurf wird (so weit er die Volksrechte betrifft) auch schon in dieser Woche zur Berathung kommen. Über diese Berathungen künftig mehr.


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