Eilfter Brief.

Eilfter Brief.

Frankfurt a. M., den 14. Junius 1848.

Die Ehre, Mitglied des völkerrechtlichen Ausschusses zu sein, kostet viel Zeit. Denn neben dem Lesen der Akten und Flugschriften, muß man zahlreiche Besuche empfangen. Durch lange Gespräche mit unterrichteten (wenngleich oft leidenschaftlichen) Leuten lernt man indessen mehr und wirkt nützlicher, als wenn man große Reden in den Klubs anhört. Salomo sagt: Alles hat seine Zeit; ich sage dagegen: Manches hatkeineZeit. Oder breiter ausgedrückt: für manches Unvernünftige hat der Vernünftige keine Zeit.

So eben verläßt mich ein Pole, C., mit dem ich ein Paar Stunden lang Gespräche geführt habe, denen ähnlich, welche ich mit dem Grafen P. hatte.Zuletzt bleibt doch etwas hängen zur Beruhigung und unbefangeneren Würdigung der Verhältnisse. Ich will Euch indessen nicht mit Wiederholung der Gründe und Gegengründe ermüden. Hr. C. hob hervor: das ganze Herzogthum Posen müsse beisammen bleiben; das hieß ihm, „unter polnischer Herrschaft,“ welche Jahrhunderte lang für die Deutschen nützlich und bequem gewesen. Ich blieb ihm jedoch keine Antwort schuldig und nannte es thöricht, wenn die Polen, zu eigenem Verderben, den deutschen Bestandtheil mit Gewalt unter sich aufnehmen wollten u. s. w., u. s. w.

Den 15. Junius.

Beim Eintritte in die Paulskirche bemerkte ich gestern mit Vergnügen, daß auf den Grund eines von mir entworfenen und von Mehren unterschriebenen Antrags grüne Vorhänge vor den Fenstern angebracht waren. Die hereinscheinende Sonne oder die weißen Rouleaus blendeten vorher auf unerträgliche Weise.

Die ganze Sitzung handelte von Errichtung einer deutschen Flotte. Bei der allgemeinen und lebhaften Stimmung für eine solche Unternehmung kam die Frage: ob? eigentlich gar nicht zur Berathung, und ebensowenig, wie viel sie, den großen Seemächten gegenüber, dereinst wirken und nützen werde. DerKrieg mit Dänemark hatte zunächst den obwaltenden Mangel hinreichend erwiesen. Ich will Euch nicht mit Mittheilung dessen ermüden, was man über den Bau großer oder kleiner Schiffe, über Zielen, Schießen, Treffen u. s. w. beibrachte, über das amerikanische, englische, französische System des Schiffbaues u. s. w. Ich besorge, daß wenn ein rechter Sachverständiger zugehört hätte, er alle Redenden für Bönhasen und Dilettanten würde erklärt haben. Die Berathung hatte aber, neben dem Technischen, sehr wichtige Seiten. So fragte sich zuerst (oder vielmehr, man fragte nicht viel danach), ob denn die verfassende Versammlung berechtigt sei, Beschlüsse über den vorliegenden Gegenstand zu fassen, ob er überhaupt zu ihrem Geschäftskreise gehöre? Von der laut vertheidigten und anerkannten Volkssouverainetät aus hält man ihre Allmacht für unbestreitbar, und überlegt höchstens, in wie weit man dieselbe will geltend machen. Eine zweite Frage war: ob man vorgehen könne und solle, bevor eine vollziehende Gewalt ernannt und in Thätigkeit, ob die Versammlung derlei Verwaltungssachen zweckmäßig zu führen im Stande sei? Man vereinigte sich dahin: daß die jetzt ergriffenen oder zu ergreifenden Maßregeln nur vorbereitender Art seien, daß man dadurch Zeit erspare, Vertrauen erwecke u. s. w. — Der vollziehenden Gewalt wurde demnächst Alles zur weiterenAusführung übergeben. Durch den Beschluß: jetzt drei Millionen und später wiederum drei Millionen, nach der zu berichtigenden Bundesmatrikel, aus ganz Deutschland aufzubringen, legte sich die Versammlung zum ersten Male das neue und wichtige Recht bei, Steuern zu bewilligen und auszuschreiben. Der Gedanke: sogleichhierdie Besteuerungsweise für ganz Deutschland zu bestimmen, fiel indessen glücklicherweise zu Boden. Er würde zu den lautesten Widersprüchen geführt und sich als ganz unausführbar erwiesen haben. Man überläßt den einzelnen Regierungen hierüber in gesetzlicher Weise das Nöthige zu bestimmen; — und selbst dann wird das Einzahlen jetzt die größten Schwierigkeiten finden. Sehr wichtig ist endlich der Umstand, daß jetzt zum ersten Male für ganz Deutschland ein allgemeiner materieller Zweck vorgesteckt und darüber etwas beschlossen wird, und die Süddeutschen diesmal nicht blos reden, sondern auch zahlen sollen.

Die Linke ergriff wieder den Gegenstand, um zu rhetorisiren und zu frondiren. S., der (laut allen Nachrichten) seine Arbeiter am härtesten behandelt, sprach von ihrer vollständigen Armuth und ihrem Hungern, und zugleich, als wolle manihnendie Aufbringung der Kosten für die Flotte auflegen. Nachdem ihm diese dumme Rederei das beabsichtigte erste Bravo der Galerie verschafft hatte, folgte (wievorherzusehen war) eine Anklage der Wohlhabenden, der Reichen und der Fürsten. Deren Einnahmen mit Beschlag zu belegen ist die, gar nicht mehr verborgene, Absicht gewisser Leute. Bei den Fragen über die Fragstellung und die wörtliche Fassung des Beschlusses, bewegte sich der Präsident auf einer Bahn mit Hindernissen, und es gab sich die alte deutsche Schwerfälligkeit und Wortklauberei wieder einmal kund.

Gegen Abend ging ich zum holländischen Gesandten, Hrn. von Scherff, der mich verfehlt hatte. Der Gegenstand des langen Gespräches waren die Angelegenheiten Limburgs, worüber der völkerrechtliche Ausschuß berichten soll. Hievon (da das Verwickelte Euch nicht interessiren kann) für jetzt nur so viel. Der wiener Congreß hat, auf unverantwortliche Weise, Deutschland von der Maaß abgeschnitten, und es zeigt sich keine Möglichkeit in diesem Augenblicke, diese Sünde wieder gut zu machen. Die Einwohner Limburgs sehen umher, wo die Steuern am höchsten sind, in Holland, Belgien oder Deutschland, und möchten deshalb sich ganz diesem anschließen und die Verbindung mit Holland auflösen. Die letzte ist allerdings sehr unbequem, beruht aber auf Verträgen, die man nicht einseitig ändern kann. In wiefern dies, nach Entwerfung einer neuen deutschen Verfassung (z. B. hinsichtlich des Zollwesens) nöthig wird, läßt sich noch nicht übersehen. Man wird zunächst dies Alles der zu gründenden vollziehenden Gewalt zuweisen müssen, damit sie diplomatische Verhandlungen anknüpfe.

Ich schrieb Euch, daß Hecker für Frankfurt erwählt ward, und lege sein anarchisches, fanatisches, zu Bürgerkrieg hinweisendes Manifest bei. Leider sind aber die so eben erst aus dem Schlafe erwachenden Deutschen zum großen Theile der Meinung: aus völligem Zerstören alles Bestehenden, aus dem anarchischen Chaos, gehe das Eldorado einer beglückenden Freiheit hervor. Sie sehen nicht, welchem Despotismus sie in die Hände arbeiten; die Verführer ahnen nicht, daß eine unerbittliche Nemesis sie erreichen muß, Niemand weiß, ob die hiesige Versammlung den Muth haben wird, H. zurückzuweisen; wahrscheinlicher, daß man den Zurückgewiesenen wieder wählt. — Wo sitzt nun die eigentliche Volkssouverainetät? In den von vielen Millionen („nach der breitesten Grundlage“) erwählten Abgeordneten, oder den von Hecker zusammengetrommelten Crethi und Plethi? — Gott bessere es! — Wir rollen den Stein des Sisyphus! Briefe schreiben ist eine Ableitung des kranken Stoffes; der Stein liegt dann nicht mehr auf der Brust und man kann sich einbilden, ihn eine Zeit lang mit Füßen zu treten.

Die Behandlung Sydow’s und Arnim’s ist skandalös! Wenn nicht Feigheit und böser Wille vorherrschte, müßte man doch einmal irgend einen der nichtsnutzigen Ruhestörer verhaften und strafen können. Man sollte glauben, Polizei, Magistrat, Stadtverordneten, Bürgerwehr wären gar nicht vorhanden. Wie ganz anders benahm man sich in London, und selbst in Paris.

Der zweite preußische Landtag, „auf die breiteste Grundlage gegründet,“ — nimmt sich viel schlechter aus, als der erste; und auf das frühere Lob fremder Völker wird bittere Kritik nicht ausbleiben. Alles zu Allem gerechnet, sind für Frankfurt tüchtigere Männer erwählt als für Berlin, und besonders in den minder zahlreichen Ausschüssen fehlt es nicht an Verstand, Haltung und Mäßigung. — So schön jetzt die nächsten Umgebungen Frankfurts sind, wäre ich doch lieber mit Euch in unserem kleinen Garten. Könnte man nur Auge und Ohr gegen tausend andere Dinge verschließen. Nun genug des Lamentirens, und zum Schlusse das alte Motto:nil desperandum.

Hier ist noch Alles ruhig; die Stimmung aber, besonders gen Baden hin, revolutionair. Vielleicht erhält Frankreich jedoch noch ehereinenHerrn, als in Deutschland der republikanische Betteltanz losgeht. Wenn man (wie ich) die nordamerikanischen Freistaaten bewundert, möchte man verzweifeln, wenn man sieht, aus welchen Bestandtheilen man hierFreistaaten errichten will. Tugenden gehören dazu, welche unsere Raisonneure am wenigsten besitzen: Mäßigung und strenge Achtung vor den Gesetzen.


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