Einundsechzigster Brief.

Einundsechzigster Brief.

Paris, den 14. September 1848.

Ich hatte gestern mit Hrn. A— ein drittes Gespräch über die Angelegenheiten Siciliens und Neapels. Er behauptete: der Haß gegen den König und seine Familie sei so groß, und diese so untauglich, daß keine Aussöhnung oder Vermittelung möglich bleibe. Zwischen Sicilianern und Neapolitanern finde sich dagegen gar keine Mißstimmung und sie würden einig in einem größeren italienischen Bunde wirken. — Jene Mißstimmung ist aber in Wahrheit allerdings vorhanden, und die Einigkeit zwischen einemneuenKönig von Sicilien und demaltenKönige von Neapel kaum vorauszusetzen. Auch findet sich ja nicht alleindieserfeindliche Gegensatz: das alte Elend der italienischenUneinigkeitzeigt sich auch in Rom, Livorno, Genua, Turin u. s. w. — Abends traf A— bei Thiers mit Mignet zusammen, der ihm fast wörtlich wiederholte, was ich ihm schon des Morgens vorgehalten hatte, nur noch schärfer und schroffer. Insbesondere behauptete er (gegen A—), daß der König von Neapel unverständig und ungerecht von den Demokraten seiangegriffenworden, daß er sichnur vertheidigtund der Gesandteder französischen Republik die Hand mit im Spiele gehabt habe. A— berichtete: der Angriff auf Messina sei mißlungen, während die telegraphische Nachricht eintraf, die Stadt sei erobert; — obgleich allerdings der Krieg in Sicilien damit noch nicht entschieden ist. Beharren die Italiener auf diesen Wegen der Zerwürfniß, so wird die Begeisterung für ihre Sache so sinken und verschwinden, wie die Begeisterung für die Polen. Gleichwie diese, reden auch jene schon überall von Verrath, wo sie nur sich selbst anklagen sollten; so z. B. hinsichtlich der Unthätigkeit der Mailänder und ihrem Instichlassen der Piemontesen.

Thiers theilte gestern Abend sehr lehrreiche Dinge mit, über die Versuche eine sogenannte Organisation der Arbeit zu Stande zu bringen. Sie begannen mit einer erzwungenen Erhöhung des Tagelohnes und einem Verwerfen alles Arbeitens im Verdung (à tâche). Hierauf wurden Aufseher und Präsidenten erwählt, berathende Sitzungen ausgeschrieben u. s. w. Im Vertrauen auf den Mehrgewinn durch das erhöhte Lohn, setzten die Arbeiter sehr häufig das Arbeiten aus, lasen Zeitungen, gingen in die Klubs, hielten politische Berathungen und Aufzüge. Die Fleißigen (deren Anstrengungen man nicht höher bezahlt), wurden lässig, die Lässigen ganz faul, und am Ende war der tägliche Verdienst im Durchschnitt um einDrittel geringer, als vor dem Beginne aller dieser närrischen Kunststücke. Die organisirte Association machte bankerott und fiel auseinander. — Thiers hielt gestern über „das Recht auf Arbeit“ in der Kammer eine verständige Rede, welche, Gottlob, großen Eindruck gemacht hat. Die verführten Massen kommen aber nur allmälig und mit Gewalt wieder zu Verstande. Es herrscht ungeheure Verwirrung in diesen Dingen. Wenn man blos bezweckt, die Hindernisse hinwegzuräumen, welche den Fleißigen (z. B. durch Zunftmonopole) von vorhandener und dargebotener Arbeit abhalten; so wird Jeder diesen Zweck billigen. Daß aber der Staat (mit einer Vielregiererei, die Alles überbietet, was zeither in dieser übeln Richtung dagewesen ist) alle Gewerbe übernehmen, leiten, einkaufen, fabriciren, verkaufen soll, daß alle Privatthätigkeit aufhören und die Gesammtheit für das Unmögliche eintreten und Bürgschaft leisten soll: das ist in der That der höchste Unsinn und die größte Tyrannei, welche jemals von Schwärmern und Thoren aufgestellt oder gefordert ward! — So einleuchtend dies auch ist, nimmt doch das Gerede in der Versammlung darüber kein Ende.

Zum Schlusse eine Anekdote von Voltaire. Er bekommt Lust endlich einmal einen vielgerühmten Sonnenaufgang zu sehen, wird mächtig ergriffen und ruft:Dieu, je crois, je crois en Dieu.— Dannaber setzt er sogleich hinzu:mais quant à Monsieur votre fils, et Madame sa mère, c’est autre chose!


Back to IndexNext