Einundsiebzigster Brief.
Paris, den 12. October 1848.
Ich höre, daß Beauftragte aus den Landschaften die Kunde zurückbringen: durch allgemeine Wahl (besonders des Landvolks) würde L. Bonaparte zum Präsidenten der französischen Republik ernannt werden. Seine Vertrauten versichern: er wolle nie einehöhereWürde annehmen und nie Krieg führen. Beides wäre (bei seiner Persönlichkeit) gewiß das Klügste; aber Gelegenheit macht Diebe und Niemand weiß, wer ihn zu anderen Beschlüssen verführen oder zwingen dürfte. Man erzählt: es seien schon vorläufige Unterhandlungen mit Molé und Thiers angeknüpft worden, ob sie an die Spitze seines Ministeriums treten wollten, aber noch nichts zu Stande gekommen. Einige meinen: wenn die Wahl des Präsidenten noch um einige Zeit hinausgeschoben würde, dürfte der bloße Name Bonaparte abgenutzt und seine Unfähigkeit so an den Tag gelegt sein, daß die Wähler ihre Ansichten ändern müßten; Andere zweifeln, daß pariser Überzeugungen (bei der Mißstimmung gegen Hauptstadt und Republik) so schnell die Ansichten in den Landschaften umgestalten dürften. Einedritte Partei vermuthet: die Stimmenmehrheit werde bei den Urwahlen nicht entscheidend sein, sondern die Entscheidung unter den Höchstgenannten, der Nationalversammlung anheimfallen. Wer weiß denn aber, welches diese höchsten Bewerber sein und wie die Mitglieder der Nationalversammlung entscheiden werden? Überall also Ungewißheit, welche zu beseitigen Lamartine (mit Beiseitesetzung alles Verstandes und aller Thätigkeit) mit gekreuzten Armen der Vorsehung zuweiset — oder vielmehr der Dummheit und Leidenschaft.
Trotz der viertägigen Schlacht und Niederlage im Junius erheben die rothen Republikaner ihr Haupt an vielen Orten, bringen Cavaignac und der Regierung ein Pereat, und lassen Convent, Terrorismus, Assignate, Guillotine, Ledru-Rollin, Raspail und Complicen leben. — Nach Euch, sagen die Legitimisten, kommenwir: — Aussichten auf Umwälzungen ins Unendliche, — ohne Dauer, Sicherheit, Wahrheit, Glauben und Selbstverläugnung! — Daneben geht das tägliche Leben in Paris seinen Gang, aber nur scheinbar ungestört. Rom ist nicht in einem Tage erbaut, aber auch nicht zu Grunde gegangen. Andeutungen für künftige Ruinen finden sich jedoch in Paris schon in hinreichender Zahl, — und der neue Dom in Berlin wird vielleicht auch in diese sentimentale oder bejammernswerthe Reihe hineingerathen. Kein Wunder, wie unter solchen Geburtswehen und Todeskämpfen die gewöhnliche Diplomatie ganz vernachlässigt wird und nichts von der Stelle rückt; obgleich Fragen, wie die über Schleswig und Italien, wichtiger sind als babylonische Reden über allerlei Verfassungskunststücke.
Man behauptet hier sehr laut, daß neue und enge Verbindungen zwischen den französischen, polnischen und deutschen Anarchisten eingetreten wären. Im Vertrauen auf die fortdauernde Schwäche und Muthlosigkeit der preußischen Regierung sollte ein Hauptschlag (besonders gegen die frankfurter Reichsversammlung) in Berlin versucht werden.
— — Friedrich’s II. Ausspruch ist in der letzten Hälfte vollkommen wahr, welche vorlauten Tadel der göttlichen Vorsehung zurückweiset; aber der Vers:dieu ne descend point jusqu’à l’individu, ist ein geringer Trost für den Leidenden und Preßhaften. Was hilft es diesem zu sagen: Gott sorgt nur dafür, daß sich die Erde binnen 24 Stunden um ihre Achse dreht, oder daß sie in Jahresfrist um die Sonne läuft; — wenn Gott sich um die Menschen nicht kümmert, die doch mehr sind, als der größte Erdenkloß. Allerdings begreife ich nicht (wie überhaupt Keiner) wie die menschliche Freiheit, Selbstbestimmung, Tugend, Sünde, Zurechnung sich mit der besondersten göttlichen Vorsehung und Allmacht verträgt; es ist aber auch garnicht meine Aufgabe dies Räthsel zu lösen, dies Geheimniß zu entziffern. Mit vollkommener, genügender Gewißheit weiß ich, daß Gott mich mit Vernunft begabt hat, daß ich sie gebrauchen, Tugend üben, Laster meiden soll; — unbekümmert um theologische oder philosophische Sophismen. Der höchste Gedanke, der mir angeboren ist, oder den ich mir erwerbe, ist der eines allmächtigen, allgütigen Gottes; und wenn ich diesen Gedanken als eine Täuschung vernichten sollte, würde ich mich selbst oder das rechte Lebensprincip vernichten. Auch mag ich Gott (den Weltschöpfer, Welterhalter und Weltbeweger) nicht in eine unerreichbare Ferne hinausschieben; ich bedarf seiner zu täglichem Umgange und Verkehr; und auf diesem Wege kommt man zur Lehre von einem Mittler und von Heiligen. Auch die Vielgötterei der Griechen beruht auf dem Bedürfnisse einer harmonischen Annäherung des Göttlichen und Menschlichen, woDieuundl’individuin stetem, wechselseitigem Verkehre stehen. Allerdings wächst auf diesem Boden auch dummer Aberglaube; ich mag mich aber da nicht ansiedeln wo gar nichts wächst, und halte um so fester an dem Glauben an eine höhere, göttliche Leitung, als mir die der Menschen dümmer und sündhafter erscheint.
Die Verbreitung der lehrreichen Schrift Dieterici’s wird gewiß sehr heilsam wirken, und doch Manchen auf den rechten Weg zurückbringen. Auch hier herrscht Unwissenheit über diese Dinge, und Louis Blanc läßt sich (durch die bittersten Erfahrungen) nicht von seiner hochmüthigen Narrheit abbringen. Thiers hat eine lehrreiche Rede gegen Assignaten und Papiergeld gehalten, und der Vorschlag sich diese Pest nochmals einzuimpfen, ist Gottlob für jetzt durchgefallen.
Druck vonF. A. Brockhausin Leipzig.