Neunundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 15. Julius 1848.
In der gestrigen Sitzung ward fast nichts von Dem verhandelt, was auf der Tagesordnung stand. Denn wie vor acht Tagen der Waffenstillstand mit Dänemark, fiel diesmal das anliegende Schreiben des hannöverschen Ministeriums und die Erklärung der hannöverschen Abgeordneten wie eine Bombe in die Versammlung, die allgemeinste Aufregung erzeugend. Ja, Hr. Zitz (der Ankläger der preußischen Soldaten in Mainz), Hr. Simon aus Trier und ähnliche Radikale, forderten: daß der König von Hannover sogleich abdanke, ganz Hannover der neuen Centralgewalt überwiesen, und das Volk aufgefordert werde, sich eine neue Regierung auszusuchen. — Dieser wilde Antrag fiel natürlich durch; doch zeigt er deutlich genug, was jene Partei bezweckt. Ein zweiter Antrag: der König von Hannover solle sogleich erklären: ob er die neue vollziehende Gewalt, mit allen ihr zugewiesenen Rechten, anerkennen wolle, ging dagegen durch: und ein dritter, milderer Vorschlag, für den ich mich erklären wollte, kam deshalb gar nicht zur Abstimmung. — Ich fürchte: jene bestimmte Herausforderung wird zu bestimmtern Antworten führen, und Streit erzeugen zwischen der hiesigen Versammlung und den einzelnen Regierungen. Denn es läßt sich nicht läugnen, daß jene (trotz einzelner schönen Worte) auf die letzten nicht die geringste Rücksicht nimmt und unbedingten Gehorsam fordert, ohne bestimmt auszusprechen, welche Rechte und Thätigkeiten den einzelnen Regierungen und Volksstämmen verbleiben sollen. Ob der König von Hannover in diesem oder jenem Falle abdanken will, geht uns nichts an, und ist eher als ein nachgiebiger Rückzug, denn als eine anmaßliche Drohung zu betrachten. Gar eigenthümlich ist die Schlußfolge: wenn der König das Fortregieren für unverträglich mit seiner Ehre hält, so verlieren sein Sohn und alle sonstigen Erbberechtigten ihre Ansprüche: — da sie nicht weniger auf ihre Ehre halten müssen, als der abdankende König!
Trotz des lauten Geschreies über jene hannöversche Erklärung, läßt sich ihr Inhalt, mit Rücksicht auf alles früher Bestehende, fast durchweg vertheidigen; sie wird nur verwerflich, wenn ich der Reichsversammlung ganz unbedingte Rechte beilege; dergestalt, daß Bedenken und Zweifel gegen ihre Ansichten und Beschlüsse schon als Verbrechen dargestellt werden. Allerdings aber behandelt man den König von Hannover jetzt gerade so, wie er früher die hannöversche Verfassung behandelte: die Nemesis ergreift auch ihn. — Sehr zweifelhaft bleibt es indeß, ob in seinem Lande, ob in Preußen, das Einigkeitsgefühl für Deutschland so stark ist, daß man alle eigenthümlichen Interessen, alle selbstständige Wirksamkeit aufgeben will, um sich von Frankfurt aus unbedingt regieren zu lassen. Die Österreicher werden, seitdem ein Erzherzog an die Spitze gestellt ist, weit geneigter sein, der Centralgewalt Rechte zuzuweisen, als wenn ein Anderer zum Reichsverweser erwählt wäre. Ich rechne aber darauf, daß er (schon aus Klugheitsgründen) sich gemäßigt benehmen, und z. B. nicht auf den Gedanken eingehen wird, die Reichsversammlung nach Wien zu verlegen. Umgekehrt werden die preußischen Abgeordneten besorglicher, und müssen sich jetzt schon von Denen schmähen lassen, welchen die hiesigen Verhältnisse unbekannt sind, und die das Mögliche nicht vom Unmöglichen unterscheiden. Es war nun einmal kein preußischer Prinz da, der die Stimmen mit Sicherheit gewonnen hätte, und der Prinz von Preußen, der ausgezeichnetste unter ihnen, welcher täglich mehr Boden gewinnen konnte, hat sich aus brüderlicherLiebe — — — zurückgezogen. Die Behauptung: man hätte gar keine vollziehende Gewalt aufstellen sollen, ist leicht ausgesprochen; hier aber war man fast ganz allgemein von ihrer Nothwendigkeit überzeugt; auch wird sie hoffentlich als Ableiter dienen gegen die selbstgefälligen Uebereilungen Derer, die da irrig meinen: nur Könige könnten ihre Allgewalt mißbrauchen, nicht aber Nationalversammlungen, Parlamente u. s. w.
Die Uebelstände, welche aus dem Mangel an Einheit für Deutschland hervorgehen, sind nicht etwa erst in unsern Tagen entdeckt worden; man kennt sie seit Jahrhunderten, und Friedrich I, Karl V, Ferdinand II. u. A. strebten dahin sie fortzuschaffen, und eine stärkere Centralgewalt zu begründen. Aber alle Bemühen scheiterten, die Mittel (bessere, wie schlechtere) führten nicht zum Ziele, die Mannigfaltigkeit überflügelte immer die Einheit, und die Landeshoheit besiegte die Kaisergewalt. Möge man jetzt eine glücklichere, richtige Mitte finden.
Wie übereilt und einseitig Manche hier gesetzgebern wollen, ohne Rücksicht auf Örtliches und Bestehendes, auf Einnahmen und Ausgaben, zeigt hinsichtlich des Zollwesens das anliegende Blatt (man möchte sagen der Wisch), welchen Eisenstuck u. Comp. der Versammlung vorlegten und augenblickliche Annahme verlangten. Diese ward zurückgewiesen und die Prüfung des Vorschlags dem Ausschusse für Volkswirthschaft überwiesen, wo man ihn schon mürbe machen wird. Theilt Dieterici das Blatt mit, damit er sehe, daß Vorsicht, Einsicht, Wissenschaft und Erfahrung überflüssige Dinge sind, und er seine Vorlesungen füglich (gleich wie ich) einstellen kann.
Gestern Abend brachte ich wieder an drei Stunden im völkerrechtlichen Ausschusse zu. Die posener Angelegenheit war der Hauptgegenstand einer letzten Berathung. In den Vorschlägen zu denBeschlüssender Reichsversammlung war von einer völligen Herstellung Polens viel bestimmter die Rede, als im englischen Parlamente oder den französischen Kammern. Es war eine Art von Autorisation, sich gegen Rußland fort und fort aufzulehnen. Ich behauptete: der Berichterstatter, ja der Ausschuß, möge in Betrachtungen und Beweggründen sich theilnehmend über die Polen aussprechen; aber Aeußerungen jener Art gehörten nicht in einen staats- und völkerrechtlichen Beschluß. Im Fall wir nur die Hälfte von dem gegen Frankreich gethan hätten, was wir gegen Rußland uns erlaubten, würde es uns schon den Krieg erklärt haben. Wenn mandiesenwolle, müßten andere Gründe vorliegen und andere Mittel zur Hand sein u. s. w. So ward denn das Sentimentale aus den Beschlüssen hinweg, in die redensartlichen Betrachtungen gewiesen. Zweifel, ob die Polen je ein geordnetes Volk und Reich werden könnten, ob sie je eine befreundete Vormauer Deutschlands abgeben dürften, — blieben mit Recht unerwähnt. Die Organisation des polnischen Theils von Posen geht uns nicht an; für die Begränzung des gemischten Theils lassen sich blos billige Wünsche aussprechen; die Hauptsache bleibt der Antrag: die Abgeordneten des deutschen Theiles schließlich in unsere Versammlung aufzunehmen. Trotz aller polnischen Sympathien wird die Linke zwar sehr viel reden, aber doch nicht jenen Antrag zurückweisen können, ohne alle Theilnahme für die entschlossene, deutsche Bevölkerung aufzugeben.
Der zweite Gegenstand der gestrigen Berathung im völkerrechtlichen Ausschusse war das dänische Embargo und die Entschädigung für die großen Handelsverluste. Sehr natürlich fordert man diese zunächst von Dänemark; wenn sie aber, unüberwindlicher Gegengründe halber, nicht zu erlangen ist: so werden Schäden mancherlei Art, ausbleibender Gewinn u. s. w. natürlich von den Einzelnen, ohne Ersatz getragen. Aber es giebt auch gewisse Opfer und Verluste, welche in einemdeutschenKriege vonDeutschlandmüssen übertragen und ausgeglichen werden. Ich habe mich nach Kräften für Preußen und unsere Mitbürger verwendet, die Thür für die Zukunft wenigstens offen gehalten.
Im Oberon hat gestern der Reichsverweser inseiner einfach natürlichen Weise unter großem Beifall gesprochen. Als er sagte: ich werde in Bälde wiederkehren und dann Frau und Kind mitbringen, hat sich die Begeisterung verdoppelt, sodaß Manche Thränen der Freude und Theilnahme vergossen.
Die Bildung eines Reichsministeriums ist hier noch schwieriger, als in Berlin: denn es fehlt an einem festen, sichern Boden, an früherem Herkommen, und unbestreitbaren Gesetzen. Die Männer werden wie in der Luft schweben und der Gegenstand unzähliger Einreden sein, bis sie verdrießlich und ermüdet abtreten. Nur große Charaktere können obsiegen oder doch das rechte Maß finden.