Sechsundfunfzigster Brief.
Paris, den 2. September 1848.
Eine Stunde lang freute ich mich gestern meiner pflichtmäßigen Thätigkeit; kaum aber ist ein „Schwark“ zertheilt, so steigt ein anderer drohend auf und die Tantalusarbeit beginnt von Neuem. Eigentlich jedoch nicht für mich; aber das Dabeistehen und Zusehen, ermüdet in gleicher Weise, und wo Kopf und Herz Theil nehmen, ist an gleichgültige Ruhe nicht zu denken. In Frankfurt war ich etwa1⁄480; hier kann Niemand seinrichtiges Gewicht finden und angeben, denn ganz Europa legt sich in die eine oder die andere Wagschale, und je mehr Antheil an der Entscheidung, desto mehr Sorge und Verantwortlichkeit. Dieser wohlbegründete Stoßseufzer besagt aber keineswegs, daß mir Faulheit lieber sei als Thätigkeit, kleinlicher Egoismus höher stehe als edle Sorge, und ein Maulwurfsleben angemessener als rastloses Streben. Wenn man sieht, wie selbst reichbegabte Männer sich fallen lassen, zusammentrocknen, aller Theilnahme an Welt und Menschen entsagen; so soll der Minderbegabte hieran ein warnendes Beispiel nehmen und die Flügel regen, wenn er sich auch nicht hoch über den Boden erheben kann.
Gestern sah ich den neuen Gutsherrn von Boyeldieu und die Hälfte der Gesandtin von Auber. Diese leichtsinnige Heiterkeit der Musik ist mir lieber als die dumme Überladung, welche maßlose Ansprüche macht, sie aber nie erfüllt.
Es ist sehr merkwürdig zu sehen, wie die allzu weit gehende humane, oder socialistische Gesetzgebung des März, jetzt schon Rückschritte macht. So z. B. hinsichtlich der Arbeitsstunden, der Verhaftung Schulden halber u. s. w. Die letzte war abgeschafft, ist aber (da Niemand mehr bezahlte) wieder eingeführt worden.
Die englische und französische Regierung haben vor zwei bis drei Tagen einesehr dringendeNote mit der Aufforderung nach Wien gesandt, Venedig nicht anzugreifen oder gar zu bombardiren. Man solle den Waffenstillstand auch für diese Stadt anerkennen.
Auf meine Bemerkung: man behaupte ja, daß bereits eine französische Flottille nach Venedig bestimmt oder unterwegs sei; — antwortete —nein, auf eine solche Weise beginnt und verfährt man nicht sogleich mit einem Freunde. Sollte aber Österreich auf jene Vorstellungen keine Rücksicht nehmen und Venedig mit Heeresmacht angreifen oder gar einen Theil der Stadt zerstören, so habe ich diepersönlicheÜberzeugung, daß Hr. General Cavaignac, trotz seiner Friedensliebe, der öffentlichen Meinung wird nachgeben und bewaffnet einschreiten müssen. Es wäre dahersehrerwünscht, wenn maneiligstvon Frankfurt aus jene Wünsche oder Forderungen Englands und Frankreichs in Wien unterstützte.
Den 3. September.
Bei M. lebhafte Gespräche, meist über die neuen Zustände Frankreichs. Das Sein oder Nichtsein der Republik hing an einem Haar; sie hat sehr wenige aufrichtige Freunde, aber die meisten Franzosen (so sagt man) sind von ihrer jetzigen Nothwendigkeit überzeugt. Ihr Sturz würde einen Bürgerkrieg, ja, nach Spaltung der Gesinnungen, mehre Bürgerkriege herbeiführen. In dieser Besorgniß liegt auch eine Bürgschaft des Friedens. Die Schlachtentage des Junius sah Jeder als unausbleiblich voraus. Die Aufrührer waren sehr gut organisirt und die Hoffnung sie mit mildern und halben Mitteln zu verscheuchen, schlug fehl. Der Kampf war blutiger und kostete mehr Leben, als man gewöhnlich sagt; voneinemRegimente wurden z. B. 18 Officiere getödtet. Ein Sieg der Aufrührer hätte (und zwar nicht blos für Paris) aller Civilisation und allem Eigenthum ein Ende gemacht. Man muß ähnliche Versuche fürchten, aber die Macht der Unzufriedenen und ihre Kriegsmittel sind sehr geschwächt. Ein Heer von mehr als 50,000 Mann steht in und um Paris. Über Louis Blanc und seine Gehülfen ist unter allen Verständigen nur eine, und zwar verdammende Stimme. Die berliner Stadtverordneten werden sich hoffentlich nun auch von der Heillosigkeit seiner Lehren überzeugt haben.
Eine Hauptstadt wie Paris ist ein natürliches, aber nicht zu bezweifelndes Unglück. Ich habe hier das Gefühl als könne sie zerfallen wie einst Rom. Stehen doch schon jetzt ganze Reihen angefangener Häuser verlassen da; und wenn sich auch gern Arbeiter fänden, so fehlt Credit und Kapital. Man sieht fast keine herrschaftlichen Equipagen; fast lauter Omnibus und Lohnwagen. — Ähnlich ists wohl in Berlin, und der neue Dom wird wohl so wenig fertig werden als der Kölner. Leider lernt man zu derlei Erscheinungen jetzt dasWarumbegreifen.
Der mit Dänemark abgeschlossene Waffenstillstand ist ein großes, hier allgemein herbeigewünschtes Glück.Wären die, viel gefährlicheren, italienischen Verhältnisse doch auch so weit gediehen! Sie lassen sich nicht so zur Seite schieben, wie die, durch die Schuld der Polen, wiederum ganz abgenutzte Polenfrage. Es fällt hier keinem Menschen ein (wie die Linke in Frankfurt behauptete) ihrethalben einen Krieg zu beginnen. Wenn vier Polen (sagte mir der Minister —), in einer Stube zusammenkommen, so beschuldigt jeder Einzelne die drei anderen des Hochverraths.
Es ist sehr bezeichnend, daß der Belagerungszustand für Paris, auch während der Berathungen über die neue Verfassung fortdauern soll. Wie einleuchtend muß das Bedürfniß sein, wenn sich 529 dafür und nur 140 Stimmen dagegen erklären. — Die Frage über eine oder zwei Kammern, wird von Neuem zur Sprache kommen. Die verlangten Gegensätze laufen jedoch nur auf Das hinaus, was die Direktorialverfassung in dem Rathe der Alten und der 500 darbot. Auf Gemeinen, Landschaften, Magisträte nimmt man bei den Wahlen keine Rücksicht. ImJournal des débatssteht heute ein verständiger Artikel über Italien. Er erinnert mit Recht an die eigene Schuld der Italiener, ihre Uneinigkeit und Leidenschaften, und schließt ganz in meinem Sinne:Il n’est pas de puissance sur la terre capable de sauver malgré lui-même un peuple qui emploie les dons les plus précieux de la nature et du génieà se détruire par la main de ses enfans.— Leider erinnert Italien (trotz seiner großen Vorzüge und vieler Verschiedenheiten) doch in mancher Beziehung an Polen, — ob auch an Deutschland?