Sechzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 23. Junius 1848.
Ich dachte Euch heute endlich einmal einen recht fröhlichen Brief zu schreiben, über den eingegangenen höchst wichtigen Bericht, die Volksrechte betreffend.Nachdem wir hier so manches leere Stroh gedroschen, handelt es sich von großen und wahren Fortschritten. — Da langt die Nachricht von dem Abtreten des Ministeriums Camphausen ein, welchem Ereignisse ich durchaus keine heitere, erfreuliche Seite abgewinnen kann. Es fällt nämlich entweder durch eigene Schwäche und Uneinigkeit, und das ist beklagenswerth. Oder es wird gestürzt durch die steigende Macht der Linken; dann werden wir ein Ministerium bekommen, wie das von Roland, Servan u. s. w. in Frankreich war, sich stützend auf anarchische Massen, bis es in der allgemeinen Auflösung mit hinweggeschwemmt wird. — Oder das Ministerium zieht sich zurück vor dem Könige, dem die Stellung eines constitutionellen Herrschers nicht zusagt und der doch in der letzten Zeit nichts Erhebliches gethan hat, seine wahren Freunde zu stützen und zu begeistern. Wer soll nun der demokratisch-revolutionairen Klubs Herr werden, die in Berlin ihr Nest aufschlagen wollen? Welch ein Mangel an wahren Männern, in Folge einer Verwaltung, die allen Beamten die Flügel lähmte und den für den besten hielt, der, wie ein begossenes Huhn, sich nicht über den Boden erheben wollte und konnte! — Suchen die Ultraroyalisten und der König Hülfe bei den Russen, so trennt sich das übrige Deutschland ohne Zweifel vonden Preußen, und Vieles vom alten Sauerteige dürfte in den neuen Brotteig gebacken werden. Beginnt man ohne fremde Hülfe einen Bürgerkrieg, so ist der Ausgang sehr zweifelhaft: es könnte Reich und Thron zusammenstürzen. Mit wahrem Muthe wäre jedoch Alles noch zu retten. — — —
Es hatten verlangt über die vollziehende Gewalt zu sprechen, 189 Redner. Ein Zeichen parlamentarischer Ungeübtheit und Plauderhaftigkeit. Ich steckte übrigens auch in jener Zahl, wußte aber schon im Voraus, daß ich nicht an die Reihe kommen und der Versammlung schon früher die Geduld ausgehen würde. Nun beschloß man gestern: einigen vorhandenen, oder vorausgesetzten Parteien aufzugeben, inPrivatzusammenkünften je zwei Redner zu erwählen, die da noch sprechen sollten. Ich schreibe deshalb heute dem Präsidenten: der gestern gefaßte Beschluß, daß gewisse Personen in Privatzusammenkünften eine Zahl Redner auswählen, alle übrigen aber schweigen sollen, mag für den vorliegenden einzelnen Fall, als Nothbehelf zweckmäßig erscheinen; sollte aber hierauf eine Regel gegründet werden, so müßte ich, mit gleichgesinnten Freunden, dem Verfahren widersprechen, da es allen parlamentarischen Gebräuchen zuwiderläuft. Denn alle Diejenigen würden auf diesem Wege zu stetem Schweigen verurtheilt werden, welche für den einzelnen Fall keiner bestimmten Partei beitreten; oder bei keiner in Gunst stehen, oder (wie z. B. der edle Wilberforce und Andere in England) es für ein Recht und eine Pflicht halten, ihre Unabhängigkeit zu behaupten und die nicht blos scharfe Gegensätze erzeugen, sondern für feste, positive, erreichbare Zwecke vermitteln möchten. Dem Andrange einer Überzahl von Rednern, kann unseres Erachtens nur dadurch abgeholfen werden, daß Mehre nach freundlicher Verabredung ihre Namen ausstreichen lassen, wodurch dieErwünschteren(aber inanderer Form) an die Spitze kommen; oder daß dievolleVersammlung unter den aufgeschriebenen Rednern aller verschiedenen Richtungen eine Wahl trifft; oder daß sie die Berathung schließt, was parlamentarisch allen Ansprüchen ein Ende macht.
Ich durfte so etwas sagen, da ich mich nie zum unnützen Reden vordrängte und das eine Mal nur um wichtige Thatsachen vorzulegen.
Trotz aller, zum Theil gerechten Vorurtheile, die man gegen das frühere Wirken von Radowitz hat, sprach er heute so verständig und würdig, daß er (selbst für Abweichendes) Gehör fand. Desto mehr phraseologirte Hr. Zitz, desto ungeschlachter und gröber ließ sich Hr. — vernehmen. Letzt soll er gesagt haben: damit es gut werden könne, müsse manBassermänner undBiedermänner, und alle ähnlichenMännerköpfen. Mit ähnlichen Andeutungen,bedient er die Fürsten und ein anliegender Antrag von Mareck zeigt, was man amtlich zu fordern wagt! Als eine zweite Probe der Thorheit, lege ich die erstaunenswürdigen Vorschläge des Eisenacher Studentenparlamentes bei. Welche schöne Aussicht für die Professoren! Denn als Gegenstück der Freiheit, keine Vorlesungen mehr zu hören, wird man doch den Satz aufstellen: der Professor brauche keine mehr zu halten. Stoff zu heiteren Lustspielen, den Raupach benutzen und ausarbeiten sollte. — Bis jetzt glaubte ich, der Präsident Gagern stehe von Allen anerkannt, ruhig und sicher auf der Tageshöhe; gestern Abend haben ihm aber Souveraine von der Galerie und anderes Gesindel, eine Katzenmusik gebracht. Einen Antrag Venedey’s hierüber eine Discussion zu eröffnen, lehnte er mit Recht ab; da die Frankfurter sich nicht so nachtmützig benommen haben, wie die Berliner. Sie schlugen drein, verhafteten sogleich Mehre und einer der über eine Mauer entfliehen wollte, brach (wie man erzählt) ein Bein. Man munkelt von Einwirkungen höher gestellter Wühler. Ob derlei Leute mitschreien und mauzen, oder nicht, gilt gleich; gewiß erregen ihre heillosen Reden zu Thaten solcher Art. Hoffentlich schreckt der bewiesene Ernst der hiesigen Bürgerwehr von Wiederholungen ab, und hätte man in Berlin nicht Alles mit weißer Salbe bestrichen, hätte man den Spruch befolgtprincipiis obsta, würde man nicht ungestört im Zeughause plündern und hernach — — —