Vierter Brief.
Frankfurt a. M., den 31. Mai 1848.
Ich bezeuge wiederholt meine Freude über deinen Brief; denn so lange Arbeit und Aufregung dauert, hält man sich aufrecht; nochmals aber, wenn man sich wie ein altes Taschenmesser selbst zusammenklappen muß, fühlt man die Einsamkeit doppelt bitter, und daß alles Abgeordnetengerede, immer über dieselben Dinge, kein Wasser vom Brunnquelle des Lebens ist. Allerdings ist hier wenig reinErfreuliches, man lebt von politischenomelettes soufflées, und merkt nicht daß, wenn Russen, oder Franzosen mit der Gabel hineinstechen, der ganze Rühreiolymp zusammenfällt. So giebts selbst Abgeordnete welche meinen,manmüsse Krieg und Hader mit Rußland und England darüber anfangen, ob Hadersleben zu Deutschland gehöre. Und doch will kein Mittel- und Süddeutscher einen Groschen zahlen, oder einenMannstellen undverba sesquipedaliasollen für Kanonen gelten. Indessen bleibt noch Hoffnung, daß die Vernünftigen und Gemäßigten oben auf bleiben.
Die berliner Straßenskandale sind unter aller Kritik, und werden erst ein Ende nehmen, wenn man Ernst gegen den Pöbel zeigt, und mit Strenge straft. Schneider’s Ausweg ist heiter und führte zum Ziele; aber eine solche Schwalbe, macht keinen Sommer.
Was du über deine Gefühle beim Anblicke der Bildsäule Friedrich’s II. schreibst, stimmt fast wörtlich mit meinen ähnlichen frankfurter Empfindungen.
In der heutigen Sitzung ward zuerst eine Erklärung vorgelesen und angenommen, worin den Einwohnern Deutschlands von anderen Volksstämmen, die Erhaltung aller ihrer volksthümlichen Rechte zugesichert wird. Die übrige Zeit verging mit neuen Wahlen, auf kürzere und längere Zeit. Präsident ward H. v. Gagern mit 434 Stimmen von 513. Erster Vicepräsident v. Soiron mit 408, zweiter v. Andrian aus Wien mit 310 Stimmen. Mittags aß ich in der Mainlust und saß zwischen Grimm und Veit. Nachmittags ordnete sich der schon erwähnte Ausschuß für völkerrechtliche Fragen, wobei ich wieder einem alten Gegner,Stenzelaus Breslau, freundlich und um so mehr die Hand reichte,da wir beidesocii malorumwaren, das heißt im Ablaufe der Zeit graue Haare bekommen hatten. Ein Versuch, nochmals über die schleswigsche Angelegenheit einen übereilten Beschluß zu fassen, ward fürdiesmalglücklich vereitelt. Doch drohen noch Gefahren dieser und anderer Art von allen Seiten. So der Planhiereine vollziehende Gewalt zu begründen und provisorisch zu erwählen; wobei sich wohl nur Wenige etwas Deutliches und Bestimmtes denken. Insbesondere ist zu befürchten, daß dies Provisorium Zwiespalt zwischen der hiesigen Versammlung und den einzelnen Regierungen hervorbringen und später als Beweis für die Tauglichkeit rein republikanischer Formen angeführt werden dürfte.
Eine andere noch größere Gefahr liegt in dem Zerfallen Oesterreichs und den Berathungen aller slavischen Stämme, über eine neue Vereinigung zu einem großen Reiche. So wird Deutschland an allen Seiten durch den, bis zum Aberglauben vorherrschenden Begriff der Nationalität beschnitten, ohne daß Elsaß, Lothringen, Kurland, Liefland u. s. w. gewonnen werden könnte, ja der Verlust des linken Rheinufers, durch eigene Schuld und fremde Habgier, in Aussicht steht.
Den 1. Junius.
Es wird nicht mit Unrecht Klage geführt, daß die preußischen Abgeordneten zu zerstreut sind undihre Wirksamkeit sich dadurch vermindert. Dem abzuhelfen war zu gestern Abend eine Versammlung im Hirschgraben Nr. 9 angesagt, aber nur schwach besucht, theils weil gleichzeitig Hrn. von Gagern ein Fackelzug und Vivat von den Frankfurtern gebracht ward, theils weil Mancher sich wohl Denen nicht zugesellen wollte, die man hier die äußerste Rechte zu nennen pflegt, und welche den Hauptbestandtheil der Erschienenen ausmachten. Ich läugne die Nothwendigkeit nicht, sich, wohlgeordneten Gegnern gegenüber, auch zu organisiren, habe aber eine Abneigung gegen alles Partei- und Klubwesen, wo man seine Freiheit und Beweglichkeit aufgeben, und einem festen Symbole und (politischen) Glaubensbekenntnisse unterordnen soll. Der Zweck und die Wirkung lebendiger Berathung wird hiedurch oft gestört, das Mögliche nicht vom Unmöglichen geschieden, und eine Niederlage schon dadurch herbeigeführt, daß man die Nothwendigkeit einen Schlachtplan zu ändern, nicht zur rechten Zeit anerkennt. Ich fand in jener Versammlung Lichnowsky, Wartensleben, Arnim, Auerswald, Schubert, Vincke u. A. Man hob zuvörderst hervor: wir müßten bestimmt wissen was wir wollten und bezweckten, wir müßten uns über ein festes „Programm“ (in Berlin „politisches Glaubensbekenntniß“ genannt) einigen. Ein solches lag nicht vor, und ein früher von Mittermaier entworfenes ward zurückgewiesen, weil es viel zu unbestimmt laute; ja, gegen seinen (des Abwesenden) künftigen Vorsitz Widerspruch erhoben. Um nun aber einem anzunehmenden „Programme“ näher zu kommen, fand eine vorläufige Besprechung statt, wobei sich sogleich die größten Meinungsverschiedenheiten selbst unter diesem kleinen Bruchtheile angeblich gleichgesinnter Personen hervorthaten. Einer der ersten, welche ihre Ansichten entwickelten, war Herr v. Vincke, und, kaum weiß ich wie es geschah, daß ich unmittelbar nach ihm (dasersteMal in Frankfurt) sprechen — und ihmwidersprechenmußte. Er verlangte nämlich, daß wir an der Spitze unseres Programms feststellen müßten: die Nothwendigkeit eines sogleich auf Preußen zu übertragenden erblichen Kaiserthums.Erst wenn dies durchgefochtensei, lasse sich mit Erfolg von allen anderen Dingen handeln. Hierauf beschrieb er die Zukunft schwärzer, als schwarz, Trennung Deutschlands, Bürgerkrieg, Verlust des linken Rheinufers u. s. w. — Ich ließ mich auf diese zweite Hälfte der Vinckeschen Rede nicht näher ein, sondern sagte im Wesentlichen etwa Folgendes: wenn Preußen sich von Süddeutschland trennt, so geräth es in Abhängigkeit von Rußland, Süddeutschland in die Knechtschaft Frankreichs.Jetztaber ein erbliches Kaiserthum für Preußen schon erstreiten wollen, ist bei den unläugbar hierüber in diesem Augenblicke nochvorherrschenden Ansichten ganz unmöglich. Wir würden uns dadurch in der Reichsversammlung völlig vereinzeln, ja diese vielleicht auseinandersprengen. Die Frage über das Kaiserthum und über Österreichs Stellung liegt noch so in Dunkel und Verwirrung, daß erstallmäligEinsicht und Verständigung eintreten kann. Deshalb bin ich bestimmt der Meinung, den Thurm nicht von oben zu bauen, sondern zunächst einen breiten festen Grund zu legen. Diese Grundlegung, welche ganz Deutschland zunächst von uns erwartet, besteht in Anerkenntniß, Bestätigung und Durchführung der großen Volksrechte und nationalen Einrichtungen, z. B. Zollverein, Heeresmacht, Münze, Rechtspflege &c. &c., wie sie bereits in dem Dahlmannschen Entwurfe aufgezählt sind. Hierüber wird wenig Streit eintreten, und in Folge so heilbringender, populairer Beschlüsse, mögen wir weiter aufwärts fortschreiten zur Bildung der zweiten, der ersten Kammer. Wie wir dann auch die Spitze aufsetzen und ausschmücken mögen, es ist leichter, als jetzt in der Luft zu bauen; und selbst ohne Spitze behält der Bau seine hohe Wichtigkeit und Bedeutung. — Es schien mir anfangs nicht als wenn meine Worte Eindruck machten, allmälig aber ergab sich daß Lichnowsky, Auerswald, Wartensleben, Schubert, der Vinckeschen eiligen Kaisermacherei nichtbeitraten, sondern im Wesentlichen mit meiner Ansicht übereinstimmten.
Die Verfassungsentwürfe wachsen hier so rasch und zahlreich empor, wie Kresse auf einem warmen wollenen Lappen; oder mit denselben Stücklein bemalten Holzes, legt man unzählige Muster zusammen. Da aus der Vergangenheit fast nichts Ordnendes, oder Begränzendes beibehalten werden soll; so drängen sich sehr natürlich unzählige Möglichkeiten hervor, von rein republikanischen Formen, bis zu einem despotisirenden Kaiser. Um nicht Alles in anarchische Willkür auseinanderfallen zu lassen, findet der Gedanke von einem vollziehenden Triumvirat Beifall, wozu Österreich ein, Preußen ein Mitglied ernennen, und das dritte hier erwählt werden soll. Das klingt ganz einfach, wie weit aber der unmittelbare Wirkungskreis dieser Dreieinigkeit, oder Dreiuneinigkeit sich erstrecken soll, ist schwer zu bestimmen. Sollen z. B. Radetzki, Wrangel u. s. w. unmittelbar Befehle aus Frankfurt empfangen, oder theilen sich die Männer das Reich wie die römischen Triumvirn, oder treten sie nur an die Stelle der 17 Stimmen des Bundestages? Ihr seht man hat hier viel zu denken, zu überlegen, zu gestalten. Sind es nur Willkürwolken des Polonius, oder werden daraus Blitze herniederfahren und Deutschland auseinandersprengen, wie es Österreich bereits ist? Gott helfe weiter!