Vierundsechzigster Brief.

Vierundsechzigster Brief.

Paris, den 18. September 1848.

Gestern war ich, nach B. und W. Abreise, zum ersten Male ganz allein und fand den Tag sehr lang, und im Schauspiele Marion de Lorme sogar langweilig. Länger beschäftigt mich Monte Christo von Dumas; aber auch er ist viel zu lang, und man spürt, daß das bogenweise bezahlte Honorar manche Drahtzieherei und Abschweifung herbeigeführt hat. Gewiß besitzt Dumas ein Talent zu erfinden, Aufmerksamkeit und Theilnahme zu erwecken und lebendig darzustellen. Andererseits sind in Monte Christo viele Dinge ganz unglaublich, ohne uns auf den Boden des Wunderbaren zu versetzen, wo man gernAllesglaubt. Ferner wird fast lauter Lumpengesindel (trotz des Reichthums Vieler) auf den Schauplatz geführt, und trotz des Mitleids mit dem Helden, giebt doch ein einziger Gedanke (der, derRache) keinen hinreichenden Inhalt, kein genügendes Lebensprincip für ein Kunstwerk. Während die Gesetzgeber die Todesstrafe abschaffen, führen die schönwissenschaftlichen Schriftsteller „Martern aller Arten,“ ein.

Paris war während der letzten Tage in lebhafter Aufregung über die Wahl einiger neuen Abgeordneten. Die große Zahl der Bewerber läßt fürchten, daß (wie gewöhnlich) die sogenannten Guten sich eigensinnig spalten, und die Böswilligen sich besser einigen und verständigen werden. Wahrscheinlich wird Ludwig Bonaparte unter den Erwählten sein, und dann, wie man mit oder ohne Grund behauptet, seine Unfähigkeit bald an den Tag legen.

Der Plan des Ministeriums, Abgeordnete aus der Versammlung in die Landschaften zu schicken, um die Gesinnungen zu erforschen und zu berichtigen, hat so allgemeinen Widerspruch gefunden, daß er höchst wahrscheinlich nicht zur Ausführung kommen wird. Man sagt: hiezu sind die verwaltenden Beamten und die Belehrungen der Presse hinreichend; und Beauftragte jener Art (willkürlich aus der Versammlung gewählt) entweder übermächtig, oder ohnmächtig. Jeden Falls zeigt jener Plan, daß man nicht glaubt, ganz Frankreich sei mit der jetzigen Regierung oder Regierungsweise zufrieden. Wie wäre dies auch möglich bei einer, die so rasch, so unerwartet entstanden ist, und ihr größtes Verdienst in der rücksichtslos angewandten Gewalt findet und finden muß! Wenn lang begründete Herrschaft (die da Vorfahren hat, Ahnen, Verdienste), einzelner wahrhafter, oder vorausgesetzter Mängel halber, jetzt den Äquinoctialstürmen der Gleichmacherei unterliegt; wie soll eine, aufgeschossen in der Eile und Hitze desTages (bitterer, auf Lappen gesäeter Kresse vergleichbar) tiefe Wurzeln treiben, und das tägliche Harken, Eggen, Graben und Wühlen überstehen?

Die Zeiten, wo die Person nichts gilt, sondern von der guten oder bösen Regel niedergestürzt wird, sind ohne Zweifelvom Übel; aber ebensowenig taugen die, wo der Einzelne sichnirgends unterordnenwill; woraus dann nothwendig der Krieg Aller gegen Alle entsteht, und es keine Helden mehr giebt, als die auf Barrikaden einherreiten. Wie viel tiefsinniger ist des alten Aristoteles so oft geschmähte richtige Mitte, als diese Lehre des Tages, welche in fieberhaften Paroxysmen die rechte Gesundheit, in dem Zappeln der äußersten Glieder den Mittelpunkt des Lebens, in der Karikatur die wahre Schönheit und das richtige Maß erblickt.

Wie jeder Mensch, so hat auch jede Stadt, jedes Volk, jeder Staat einen höchsten Punkt des Daseins, wo er culminirt, und von wo ab er nicht mehr steigt, sondern sinkt. Ich will nicht ein Unglücksprophet sein, aber wer kann (umherblickend) sich der Sorge enthalten! Wiederum sind noch so viel Lebenselemente vorhanden, und es bedürfte z. B. für Preußen nur rechten Muthes, um der Thorheiten und Bosheiten des vergangenen und des jetzigen Jahres gleichmäßig Herr zu werden und wahre Fortschritte anzubahnen. Thäte nur Jeder das Seine, nicht mehr und nicht weniger!

Die hiesige Nationalversammlung, minder eilig als die frankfurter, hat den Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe verworfen. Was vor Zeiten, wo Hunderte zum Tode verurtheilt wurden, höchst wichtig war, verliert sein Gewicht, seitdem jene Strafe nur einzelne der ärgsten Verbrecher trifft. Robespierre war der größte Gegner der Todesstrafe, aber alsmésure politiquehielt er sie für natürlich und gerechtfertigt. Diese Ansicht wagt Gottlob Keiner mehr zu rechtfertigen. — In wie platter, anarchischer Weise hat B—s in Berlin den Begriff der Volkssouverainetät aufgefaßt; noch unausführbarer und atomistischer als die französische Verfassung von 1793. Eine Verfassung, im ächten Sinne, ist nach jener Lehre ganz unmöglich, da das augenblickliche Belieben des großen Haufens, für das höchste Gesetz gilt. — Ist Jeder nur einEinerunter Millionen vonEinern, wie läßt sich die Obrigkeit begründen, welche die augenblickliche Willkür derEinzelnenzügeln soll; wie kann etwas da Dauer gewinnen, wo man allen Werth des Dauerhaften läugnet, und ihn ausschließlich im Verändern und im Veränderlichen sucht? Eins gehört zum Andern, sowie zum Genießen das Entsagen, zur Thätigkeit die Ruhe.

Den 19. September.

Die gestern Nachmittag über Straßburg angekommene telegraphische Nachricht: daß die Reichsversammlung nunmehr den Waffenstillstand angenommen habe, erregt nicht blos in den diplomatischen Kreisen, sondern bei Allen, welche den Frieden wünschen, die größte Freude. Das entgegengesetzte Verfahren hättehierdas Ansehen der Versammlung ohne Zweifel ganz untergraben, und in den Versuchen deutscher Einigung nur Versuche für größere Zerwürfniß erblicken lassen.

Man nimmt hier an: das alte Ministerium werde hergestellt oder doch an den gemäßigten und friedlichen Grundsätzen nichts geändert werden.


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